Author Topic: [Das Halten von Sklaven... ]  (Read 18833 times)

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[Das Halten von Sklaven... ]
« on: Juni 12, 2008, 10:45:40 vorm. »
Quote
[...] Mit 13 Jahren lief Abderrahman davon. Er ließ auch seine Familie hinter sich, der Preis der Freiheit. "Die Herren können über uns entscheiden und nie verändert sich etwas. So konnte ich nicht leben."

...


Aus: "Flüchtlinge in Mauretanien: "Als früherer Sklave bist du nichts""
Frederik Obermaier, Ludwigslust, und Niklas Schenck, Berlin (05.06.2012)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/fluechtlinge-aus-mauretanien-als-frueherer-sklave-bist-du-nichts-1.1374517


-.-

Quote
[...] Im April 2006 veröffentlichte Terre des hommes Zahlen, nach denen mehr als 12 Millionen Menschen als Sklaven betrachtet werden müssen. Diese Zahlen wurden später von Seiten der Vereinten Nationen bestätigt. Davon seien etwa die Hälfte Kinder und Jugendliche. Es handelt sich um Opfer von Menschenhandel und Zwangsarbeit.

[...] In fast allen Epochen wurde das Halten von Sklaven auch ideologisch untermauert. Die Griechen teilten die Menschheit in Griechen und Barbaren ein, und es schien nur gut und gerecht, Barbaren zu Sklaven zu machen. Aristoteles behauptete, dass einige Menschen einfach von Natur aus Sklaven seien[10] und es besser für sie sei, überlegenen Menschen als Sklaven zu dienen. Cicero spricht später von Juden und Syrern als „Menschen, die zu Sklaven geboren wurden“, und er meint, dass es einigen Nationen gut tue, wenn sie sich in einem Zustand totaler politischer Unterwerfung befinden. Vor allem die Ansichten von Aristoteles wurden auch später benutzt, um der Sklaverei eine ideologische Begründung zu geben.

So war auch im Mittelalter ein Argument für Sklaverei und Sklavenhandel, dass damit die Christianisierung gefördert werde. Mit den päpstlichen Bullen Dum Diversas (1452) und Romanus Pontifex (1455) wurde es Christen erlaubt, Sarazenen, Heiden und andere Feinde des Christentums zu versklaven und ihren Besitz zu nehmen[6]. Später wurde mit der Bulle Sublimus Dei (1537) festgestellt, dass Indianer und andere Völker echte Menschen sind, die in der Lage sind, den katholischen Glauben zu verstehen. Nun wurde es verboten, ihnen die Freiheit und ihren Besitz zu nehmen.

Im Fall der dalmatischen fante, deren Unfreiheit zeitlich begrenzt war, wurde betont, dass einige Jahre in sklavenähnlichem Arbeitsverhältnis notwendig seien, damit sie ausreichend Zeit zum Lernen hätten. 1510 wurden die Theorien von Aristoteles zum ersten Mal von dem schottischen Gelehrten John Major auf die amerikanischen Indianer angewendet.[11] Noch im 19. Jahrhundert wurden vergleichbare Ansichten vertreten. George Fitzhugh publizierte 1854 ein Buch, in dem er sagte: „Einige Menschen sind mit einem Sattel auf dem Rücken geboren, und andere sind gestiefelt und gespornt, um diese zu reiten. Und es tut ihnen gut!“[12]

[...]

[11] # ↑ Lewis Hanke: Aristotle and the American Indians, A study in Race Prejudice in the Modern World, 1959, S. 14
[12] # ↑ Sociology of the South, or the Failure of Free Society, Richmond 1854, S. 179



Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Sklave (8. Juni 2008)

« Last Edit: Juni 05, 2012, 01:44:05 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Auf einem Industriegelände im Dorf Tschulkowo... ]
« Reply #1 on: Juni 12, 2008, 10:50:43 vorm. »
Quote
Spitou Mendy: [...] Jeder kann sich informieren, was für unglaubliche Arbeitsbedingungen auf diesen Plantagen herrschen. Wenn allen klar wäre, dass auf den Tellern in Frankreich, England und Deutschland Früchte landen, die von modernen Sklaven angebaut werden, gäbe es so viel Druck, dass die Plantagenbesitzer ihren Verpflichtungen nachkommen müssten.


Aus: ""Von modernen Sklaven angebaut""
Spitou Mendy erklärt den bitteren Beigeschmack von Discounter-Gemüse aus Andalusien (14.05.2008  )
Quelle: http://www.taz.de/regional/nord/bremen/artikel/?dig=2008%2F05%2F14%2Fa0177&src=UA&cHash=fa28ed81a0

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Quote
[...] Moskau - Auf einem Industriegelände im Dorf Tschulkowo, südöstlich von Moskau, schlug am Wochenende eine Sondereinheit der russischen Polizei zu. Die Einsatzkräfte befreiten 49 Usbeken, die von kriminellen aserbaidschanischen Sklavenhaltern gefangen gehalten wurden.

[...] Die Kriminellen hatten den Usbeken die Pässe abgenommen. Die Arbeiter bekamen seit Monaten keinen Lohn. Ihnen wurde erklärt, sie müssten ihre "Schulden" für ihre Reise nach Russland abarbeiten.

Wer aufmuckte wurde zusammengeschlagen. Fünf Usbeken müssen wegen der Zwangsarbeit längere Zeit medizinisch behandelt werden.

Wie die Nachrichtenagentur Ria Nowosti mitteilt, wurden zwei Aserbaidschaner verhaftet. Sie sollen wegen Freiheitsberaubung und Sklaverei angeklagt werden.


Aus: "SKLAVENHALTUNG IN RUSSLAND - Verschleppt, geschlagen, zum Arbeiten gezwungen"
Von Ulrich Heyden, Moskau (12.06.2008)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,559089,00.html

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Quote
[...] Schauen Sie in die Vergangenheit. Zehntausend Jahre haben sich Menschen andere Menschen als Sklaven gehalten. Nun reden wir uns gern ein, dass die Sklaverei abgeschafft wurde, weil wir so human geworden sind. Aber die Wahrheit ist: Durch die industrielle Revolution ist die Sklaverei überflüssig geworden. Ab einem bestimmten Zeitpunkt war es billiger, den Ofen eines Kohleofens zu füllen, als den Mund eines Sklaven.



Aus: "Interview: „Langfristig wird die Arbeit verschwinden“ - US-Ökonom Jeremy Rifkin: Deutschland führt Scheindiskussion" (STUTTGARTER ZEITUNG, Stand 12.06.2008, Datum ?)
Quelle: http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/916564_0_2147_interview-langfristig-wird-die-arbeit-verschwinden-.html

« Last Edit: Juni 05, 2012, 01:44:28 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Dem Hauptzollamt Augsburg zufolge... ]
« Reply #2 on: Juni 12, 2008, 11:06:22 vorm. »
Quote
[...] Dem Hauptzollamt Augsburg zufolge sind die Erntehelfer nach bisherigen Ermittlungen von einem württembergischen Agenten angeheuert und zu der Plantage bei Rain am Lech/Donauwörth vermittelt worden. Sie sollen einen Stundenlohn von 1,00 Euro bis 1,20 Euro, der sich nach der gepflückten Menge errechnete, bekommen haben.

„Sie müssen sich mal vorstellen, wie das gelaufen ist. Die wurden quasi zur Nachlese auf die Felder geschickt, wenn zuvor die polnischen Erntehelfer schon beim Pflücken draußen waren“, sagte Sprecher Bernd Wallner. So hätten die Rumänen nur wenig Erdbeeren pflücken können und das, obwohl sie täglich bis zu dreizehn Stunden arbeiten mussten.


Quote

16.06.2007 10:20:19

Ernstol: @DateDoktor: Sklaverei

Ich bin genauso gegen Sklaverei wie Sie auch. Nur habe ich das Gefühl, daß es in unserer Gesellschaft zunehmend Leute gibt, die Sklaverei (Sie können Sklaverei auch eine Erscheinungsform der Globalisierung oder des Kapitalismus nennen...) gut heissen.

Dieses Beispiel des Erdbeer-anpflanzenden verbeamteten Bauern mit Berufserfahrung als Verkehrspolizist zeigt doch geradezu symptomatisch auf welchem Weg unsere Gesellschaft ist:

Dieser Herr hat doch nichts anderes gemacht als deutsche Unternehmen, die ihre Werke in Deutschland zusperren und in China, Indonesien etc. neu aufbauen und dort Billiglöhner anheuern.

Nur dann wird es halt nicht Sklaverei genannt, sondern "überlebensnotwendiger Schachzug um den Bestand des Unternehmens in Deutschland zu ermöglichen". Das sehen zwar die von der Globalisierung unmittelbar Betroffenen (i.d.R. nunmehr arbeitslose ehem. Mitarbeiter) anders, aber für diese Leute gibt es ja Hartz IV. Hartz IV als eine Art Feigenblatt der deutschen Gesellschaft, ihren durch Globalisierung aussortierten Mitbürgern wenigstens noch eine Art Restwürde zu ermöglichen, die sie vor dem 1-Euro-Job auf dem Erdbeerfeld schützen soll.

Vor diesem Hintergrund finde ich es in der Tat unfair, auf den Bauern immer wieder einzuhacken. Sein einziger Fehler war, daß er seine Erdbeerfelder nicht in China hat!


Quote

15.06.2007 20:07:08

mitchiru: erdbeerfelder

Die Geschichte ist denkbar traurig. Nie hätte ich gedacht, dass so etwas in Bayern möglich ist.

Wer Interesse an der Materie hat, der Roman von Marina Lewycka, "Two Caravans" beschreibt das Schicksal einer illegalen Erntehelferin in England. Ich denke, auf deutsch ist der Titel "Caravan".



Aus: "Erdbeerplantage - Bauer hält 118 Rumänen wie Sklaven" - Harte Feldarbeit, Hunger und einen Stundenlohn von 1,20 Euro. Was sich wie Zustände in der Dritten Welt anhört, hat sich tatsächlich auf einer Erdbeerplantage in Donauwörth abgespielt (SZ, 16.06.2007 )
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/bayern/artikel/904/118765/


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[1500 Polen sind in Italien verschollen... ]
« Reply #3 on: November 24, 2008, 11:26:45 vorm. »
Quote
[...] Die polnische Polizei sucht mit Hilfe der italienischen Behörden nach Polen, die seit dem Jahr 2000 in Italien verschwunden sind. Die Vermissten wurden offenbar Opfer krimineller Organisationen.


In den letzten acht Jahren sind in Italien rund 1500 Menschen aus Polen verschwunden. Die italienischen Behörden gehen davon aus, dass die polnischen Staatsbürger zu Opfern mafiöser Organisationen geworden sind. Diese stehen im Verdacht, Immigranten auf den süditalienischen Feldern wie Sklaven auszubeuten. Die Liste der Verschollenen ist auf der Webseite der polnischen Polizei abrufbar, berichtete die Turiner Tageszeitung «La Stampa».

Dutzende von Polen seien in den vergangenen Jahren vor allem in der süditalienischen Region Apulien tot gefunden worden, hiess es. Viele Todesfälle wurden als Unfälle angezeigt, die Polizei vermutet jedoch, dass die Polen Opfer einer Racheaktion ihrer mafiöser Ausbeutung seien. Die meisten der Opfer waren mit dem Versprechen nach Italien gelockt worden, in der Landwirtschaft zu arbeiten.

Die Polizei geht davon aus, dass die Polen in die Maschen krimineller Organisationen geraten sind, die sich seit Jahren mit dem Handel illegaler Immigranten auf den Feldern Süditaliens bereichern. In Süditalien werden laut Schätzungen der Gewerkschaften über 40'000 Schwarzarbeiter beschäftigt, 10'000 davon sind Ausländer. Sie verdienen 20 Euro für zehn Stunden Arbeit auf den Feldern und leben in Baracken ohne Strom und Wasser. (vin/sda)




Aus: "1500 Polen sind in Italien verschollen" (Aktualisiert am 22.11.2008)
Quelle: http://www.bazonline.ch/panorama/vermischtes/1500-Polen-sind-in-Italien-verschollen/story/27898796


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[Es gebe genügend Anlass zu der Befürchtung... (EU)]
« Reply #4 on: Dezember 03, 2008, 12:26:22 nachm. »
Quote
[...] Wien (AP) In Europa gibt es nach Darstellung der EU-Agentur für Grundrechte (FRA) einen Schwarzmarkt für ausländische Arbeitskräfte, der praktisch einem Sklavenmarkt gleicht. Selbst Kinder und Jugendliche würden häufig gezwungen, unter menschenunwürdigen Bedingungen zu arbeiten, erklärte FRA-Direktor Morten Kjaerum am Dienstag in Wien. Gegenüber der Nachrichtenagentur AP äußerte er die Sorge, dass sich diese Situation im Zuge der globalen Finanzkrise weiter verschärfen werde. Hunderte, wenn nicht tausende Kinder würden jährlich nach Europa eingeschleust und verschwänden binnen kürzester Zeit, sagte Kjaerum. Es gebe genügend Anlass zu der Befürchtung, dass sie fortan wie Sklaven in illegalen Beschäftigungsverhältnissen ausgebeutet würden. 


Aus: "EU-Agentur für Grundrechte warnt vor Sklavenmarkt in Europa" (02.12.2008)
Quelle: http://www.pr-inside.com/de/eu-agentur-fuer-grundrechte-warnt-vor-r945486.htm


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[Sklaverei im 21. Jahrhundert... (Benjamin Skinner)]
« Reply #5 on: Januar 08, 2009, 07:30:45 nachm. »
Quote
[...] Bill steht um fünf Uhr morgens auf, wischt den Boden, kehrt den Hof und setzt das Wasser auf. Er füttert das Schwein, jätet die Beete, und schläft auf dem Boden. Als Mahlzeit kriegt er jeweils eine Hand voll Reste. Bill ist 7 und lebt in Haiti.

Muong sät und erntet Getreide, das er nicht essen darf. Er trägt so grosse Wassermengen, dass sein Rücken kaputtgeht. Er hütet Ziegen und Kühe, sammelt Feuerholz, macht die Hausarbeit, wird geschlagen. Muong ist 12 und lebt im Sudan.

Das Mädchen ohne Namen wird pro Nacht 5- bis 20-mal zum Geschlechtsverkehr gezwungen. Durchs T-Shirt sieht man Schnittwunden, und die tränenverschmierte Schminke kaschiert nicht, dass die junge Frau am Downsyndrom leidet - und am Leben. Für 2000 Euro ist sie zu haben: «Keine Spielregeln. Was du willst. Für zwei Monate», sagt ihr Besitzer. Sie ist 28 und lebt in Rumänien.

Diese drei Schicksale stehen für Millionen. Aufgeschrieben hat sie der US-Journalist Benjamin Skinner, der in den vergangenen fünf Jahren über 100 Interviews mit Sklaven, Menschenhändlern und Entkommenen geführt hat. In zwölf Ländern auf vier Kontinenten hat er recherchiert und, ein einziges Mal, auch interveniert. In Haiti hat man ihm eine Neunjährige für Hausarbeit und Sex verkaufen wollen, Preis 100 Dollar. Man nennt so ein Mädchen (oder einen Buben) für alles ein «Restavec», verbrämt die Sache als soziale Wohltat - und meint Sklaverei. In der Türkei wiederum wurden Skinner gleich ein Dutzend Frauen aus Moldawien und der Ukraine zum Kauf angeboten - ganz ohne Verbrämung.

Jetzt hat er ein aufrüttelndes Buch zusammengestellt, das auf Deutsch unter dem Titel «Menschenhandel» erschienen ist. Es bestätigt, was etwa die Nichtregierungsorganisation Free the Slaves am 2. Dezember, dem Internationalen Tag der Abschaffung der Sklaverei, in trockenen Zahlen rapportiert hat: Nie gab es mehr Sklaven als heute - Menschen, die mit Drohungen und Gewalt zur Arbeit gezwungen werden, keine Bezahlung erhalten und nicht davonlaufen können. Und es gibt sie überall: 24 Millionen in Asien, 1,3 Millionen in Lateinamerika und der Karibik, 1 Million in Afrika und dem Mittleren Osten, einige Hunderttausend in Europa und Eurasien sowie mehr als 50'000 in den USA. Skinner räumt ein, dass die Zahlen umstritten sind. So zählten die Vereinten Nationen 2006 «nur» 12 Millionen Sklaven; wer hingegen auch die mager entlöhnte, «freiwillige» Kinderarbeit mitrechnet, muss auf weit über 200 Millionen nach oben korrigieren.

Aber Skinner gehts ohnehin nicht um Statistik, sondern um die Sensibilisierung für die Formen moderner Sklaverei, die oft im Verborgenen stattfindet; und, zuallererst, um die Menschen und ihre Geschichten - Geschichten, die es im 21. Jahrhundert gar nicht mehr geben dürfte. Schliesslich wurde die erste Abschaffungsinitiative 1787 ins Leben gerufen, und Artikel 4 der Internationalen Erklärung der Menschenrechte hält seit 1948 fest: «Sklaverei und Sklavenhandel sind in allen Formen verboten.» Skinners Vorfahren hatten sich im US-Bürgerkrieg für die Abschaffung der Sklaverei stark gemacht. Es war ein Schock für ihn, als er 2003 auf einer Reise für «Newsweek International» im Sudan einen jungen Mann kennen lernte, gleich alt wie er, 27, der keine Jugend gekannt hatte, sondern nur Gewalt und Plackerei; der voller Narben war und ein Analphabet - aber endlich frei: Muong.

Am Beispiel Sudan zeichnet Skinner nach, wie es zur kaum verdeckten, staatlich tolerierten oder gar geförderten Sklaverei kommen kann. Mit der Entdeckung der Ölfelder im Südsudan in den 1980er-Jahren flammte der Bürgerkrieg zwischen den arabischstämmigen Muslimen aus dem Norden und den schwarzafrikanischen, nicht muslimischen Dinka aus dem Süden wieder auf. Nordsudanesische Milizen haben Tausende Dinka verschleppt. Die Männer wurden erschlagen, die Frauen für Hausarbeit und Sex versklavt, die Kinder - die oft auch vergewaltigt wurden - für Stallarbeit. Sklaverei und Genozid gingen Hand in Hand. Und eine internationale politische Verurteilung solcher Praktiken zu erreichen, geschweige denn ein gemeinsames politisches Handeln, erscheint fast als Ding der Unmöglichkeit.

Detailliert beschreibt der Reporter etwa die Bemühungen von John Miller - der von 2002 bis 2006 als oberster Sklavenbefreier der USA amtete. Manchmal ist das zu detailliert, liest sich wie ein Mix aus Politkrimi und psychologischer Studie und gerät dabei auf Nebenschauplätze des Themas. Dass Skinner solche Umwege unterlaufen, liegt freilich am journalistischen Temperament: Jedes der zehn Kapitel zoomt, bei allem Faktenreichtum, auf die persönliche Story seiner Interviewpartner. Skinners Stärke ist die Schilderung von Menschen und Lebensumständen.

Wenn er etwa die Folgen der unseligen Vermischung von traditioneller Kultur, Kolonialgeschichte und Globalisierung in Indien skizziert, zitiert er nicht nur Experten. Sondern er verbringt eine lange Zeit mit Gonoo und seiner Familie und nimmt uns dabei mit. Gonoos ganzes Leben hat sich auf 250 Metern rund um eine Kiesgrube abgespielt. Seine Hände sind verhärtete Schaufeln und von Arthrose verkrümmt, zwei Finger sind futsch; Gonoos Frau macht die Grubenarbeit todkrank, eins seiner Kinder - die er nicht vor der Arbeit bewahren kann - stirbt. 62 US-Cent hatte sich Gonoos Grossvater 1958 vom Besitzer eines Bauernhofes geliehen, um die kleine Mitgift für Gonoos Mutter zu bezahlen: «Drei Generationen und drei Besitzer später lebte die Familie noch immer in Sklaverei.»

In Indien wie überall ist die Leibeigenschaft verboten, und dennoch ist sie gang und gäbe. Dass offizielle Stellen dies leugnen - wie Skinner belegt -, gehört zum Geschäft. Und Sklavenhandel wie Sklavenhaltung sind ein gutes Geschäft, trotz zahlreicher Anti-Sklaverei-Abkommen und Verträge gegen ausbeuterische Arbeitsverhältnisse.

Meist ist es die Armut, nicht «die Kultur», die Eltern ihre Kinder verkaufen lässt oder Erwachsene ihre Freiheit und ihr Recht auf Lohn. Bisweilen nehmen sie auch einen Job an, der sich unerwartet als Gefängnis und Folter entpuppt - wie manche junge Frau aus dem Osten oder mancher nach Dubai eingeflogene Bauarbeiter.

Viele Politiker meinen daher, erst mit dem Ende der Armut komme das Ende der Sklaverei und legen die Hände in den Schoss. Skinner dagegen glaubt, dass das Problem im Laufe einer Generation lösbar sei. Seine Stichworte: Krankenversicherung für alle, sodass die Verschuldung wegen Krankheit aufhört; kostenlose Schulbildung für alle, damit die Kinder nicht auf falsche Versprechen hin weggegeben werden; Landrechte und Mikrokredite für geknechtete Landarbeiter; strikte internationale Kontrollen und Sanktionen. Er ruft nach sozialverantwortlichen Unternehmern und kritischen, engagierten Konsumenten. «Wir sind alle gefordert.» Recht hat er. Rufen wird er wohl trotzdem vergeblich. (Tages-Anzeiger)

Quote
Das Buch: Benjamin Skinner, Menschenhandel. Sklaverei im 21. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Luebbe. 412 S., ca. 37 Fr.



Aus: "Ein neunjähriges Mädchen kostet 100 Dollar" Von Alexandra Kedves (08.01.2009)
Quelle: http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Ein-neunjaehriges-Maedchen-kostet-100-Dollar/story/31243372


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[Für den Weltmarkt hergestellt... ]
« Reply #6 on: Mai 20, 2009, 12:16:43 nachm. »
Quote
[...] In einer Textilfabrik in Bangladesch, die für den deutschen Handelskonzern Metro produziert, hat sich eine junge Frau laut einer Hilfsorganisation unter dem Druck ihrer Chefs zu Tode geschuftet. Die 18-jährige Fatema Akter sei im Dezember während ihrer Schicht tot zusammengebrochen, berichtete die US-Organisation National Labor Committee (NLC).

Demnach musste das Mädchen an sieben Tage in der Woche 13 bis 15 Stunden in der Textilfabrik in der Hafenstadt Chittagong arbeiten und pro Stunde bis zu hundert Jeanshosen reinigen. Bei einem regulären Arbeitstag verdienen die Arbeiterinnen nach Recherchen des (NLC) häufig lediglich 69 Cent. Dies reicht nicht, um die Grundbedürfnisse einer Familie zu decken.

Der 18-Jährigen wurde NLC-Bericht zufolge trotz Erschöpfung und Schmerzen in Brust und Armen ein freier Tag zur Erholung verweigert. Stattdessen habe der Vorgesetzte das Mädchen hart ins Gesicht geschlagen und ihr befohlen, ihre Arbeit fortzusetzen. Demnach waren für die Arbeiter in der Fabrik 14-Stunden-Schichten ohne Pause, erzwungene Überstunden und Schläge an der Tagesordnung.

Rund 80 Prozent der in der Fabrik hergestellten Textilien wurden laut NLC für den deutschen Handelsriesen Metro produziert. Der Konzern bedauerte den Todesfall der 18-Jährigen in einer Erklärung "zutiefst" und kündigte den Vertrag mit dem für die Fabrik verantwortlichen Hersteller in Bangladesch mit sofortiger Wirkung.

Menschenrechtsgruppen hatten in der Vergangenheit wiederholt die Arbeitsbedingungen in Bangladesch kritisiert. In Tausenden Textilfabriken in dem südasiatischen Land werden zu Billiglöhnen Waren für den Weltmarkt hergestellt.


Aus: "Frau arbeitet sich zu Tode - Metro-Näherei in Bangladesch" (13.05.2009)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/panorama/851/468416/text/


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[...Kleiderteile für Zara herstellen]
« Reply #7 on: August 18, 2011, 04:07:16 nachm. »
Quote
[...] Die brasilianischen Behörden ermitteln gegen die spanische Mode- und Textilkette Zara wegen dem Verdacht der Zwangsarbeit. Dies gab ein Sprecher der brasilianischen Aufsichtsbehörde am Mittwoch in Sao Paulo bekannt. Nach seiner Aussage werde Zara vorgeworfen im Bundesstaat Sao Paulo Arbeitnehmer unter Bedingungen zu beschäftigen, die an Sklaverei grenzen würden.

Die Staatsanwaltschaft habe ihre Ermittlungen bereits im Mai diesen Jahres aufgenommen und in Americana, einer Stadt 130 km südlich von Sao Paulo 52 Bolivianer aufgefunden, die schwarz gearbeitet hätten. Ihre Arbeitsbedingungen seien dabei miserabel gewesen, so der Sprecher. Sie hätten unter gesundheitsschädlichen, entwürdigenden Bedingungen gearbeitet, die hygienischen Zustände in den Unterkünften seien äußerst bedenklich gewesen und die Bolivianer hätten "im Schnitt 14 Stunden am Tag" gearbeitet, sagte der Sprecher weiter.

Zudem wurden in Sao Paulo selbst zwei weitere Schneidereien entdeckt, die Kleiderteile für Zara herstellen. Eine Nichtregierungspartei teilte ebenfalls am Mittwoch mit, dass sie Ende Juli bereits 15 Zwangsarbeiter aus den Schneiderateliers befreit hätten. An beiden Orten wurden Kleider der entsprechenden Marke sichergestellt.

Zaras spanischer Mutterkonzern Inditex, der durch die Kette Zara zum größten Kleiderkonzern der Welt geworden ist, nehme Dienstleistungen eines brasilianischen Subunternehmens an, der wiederum mit mehreren illegalen Schneiderateliers zusammenarbeiten würde, erklärte der Sprecher der Behörden. Inditex räumte mittlerweile "Unregelmäßigkeiten" ein. Das brasilianische Arbeitsministerium gab an, das gegen Zara wegen zahlreicher Unregelmäßigkeiten bereits mehr als 50 Mal Bußgelder verhängt wurden seien. Nun hat die Staatsanwaltschaft erneut Anklage erhoben.


Aus: "Brasilianische Behörden ermitteln wegen Zwangsarbeit gegen Zara"
BERLINER UMSCHAU-Meldung vom 18.08.2011
Quelle: http://www.berlinerumschau.com/news.php?id=28216&title=Brasilianische+Beh%F6rden+ermitteln+wegen+Zwangsarbeit+gegen+Zara+&storyid=1001313671843


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[In den heruntergekommenen Wohnwagen und Hütten... ]
« Reply #8 on: September 12, 2011, 05:49:45 nachm. »
Quote
[...] In den heruntergekommenen Wohnwagen und Hütten hausten 24 abgemagerte Männer im Alter von 20 bis 50 Jahren. Ihre Köpfe waren kahlrasiert, und ihre Kleidung verströmte den Geruch der eigenen Exkremente. Die Sachen eines Mannes waren sogar mit Hundekot verschmiert.

Wie Sklaven hätten die Männer gelebt, sagte der Leiter der Razzia, Sean O'Neil. Die Behausungen seien dreckig und überfüllt gewesen. Zu viert hätten sich die Männer ungeheizte Wohnwagen teilen müssen, andere hätten in Gartenhäuschen, Hundezwingern oder sogar in einem Pferdeanhänger Unterschlupf gefunden. Es gab keine Toiletten und kein fließendes Wasser, und - nach dem körperlichen Zustand der Opfer zu urteilen - wohl auch nicht viel zu essen. Die Sklavenarbeiter, darunter 17 Briten, drei Polen und vier weitere Osteuropäer, brauchten erstmal medizinische Behandlung.

Die Männer waren in Suppenküchen, Obdachlosenheimen und Arbeitsämtern rekrutiert worden. Viele waren gescheiterte Existenzen, dem Alkohol zugetan und vereinsamt, sozusagen die idealen Opfer: Niemand würde sie vermissen.

Die Peiniger hatten den Männern 80 Pfund am Tag, Essen und Unterkunft versprochen. Sobald sie in der Siedlung ankamen, wurden ihnen die Haare abrasiert und die Handys weggenommen. Sie wurden zur Arbeit gefahren, mussten Straßen bauen und andere Tagelöhnerjobs verrichten, zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Den versprochenen Lohn gab es allerdings nicht, und auch frische Kleidung wurde ihnen vorenthalten.

Wer abhaue, werde gefunden und zusammengeschlagen, drohte man ihnen. "Ihnen wurde gesagt: Ihr habt keine Familie, wir sind eure Familie", so Kriminalkommissar O'Neil. Die Einschüchterung wirkte, einer der Männer soll bereits seit 15 Jahren in dem Arbeitslager gelebt haben.

Die britischen Boulevardblätter zogen sogleich Vergleiche zur Nazi-Zeit. "Kahlrasiert, ausgehungert und geschlagen", titelte die "Daily Mail", das seien Zustände wie in einem "Konzentrationslager aus dem Krieg". Die "Sun" fühlte sich ebenfalls an ein Konzentrationslager erinnert und wetterte gegen die "Zigeunerbande, die Sklaven einsperrte".

Die Polizei nahm vier Männer und eine Frau fest, sie werden der Sklaverei beschuldigt. Die Frau wurde am Montag gegen Kaution freigelassen. Nach drei weiteren Verdächtigen wird noch gefahndet. Alle mutmaßlichen Täter sollen irische Traveller sein. Wie Sinti und Roma leben die Traveller in Wohnwagensiedlungen, vor allem in Großbritannien und Irland. Die Green Acres Caravan Site wird bereits seit Jahren von Travellern bewohnt, neben Wohnwagen gibt es dort auch feste Häuser. Die Polizei stellte bei der Razzia auch Waffen, Drogen und mehrere tausend Pfund Bargeld sicher.

Der "Daily Telegraph" nannte das Lager "einen der schlimmsten Fälle moderner Sklaverei". Die Behörden müssen sich allerdings fragen lassen, warum sie erst jetzt eingegriffen haben. In den vergangenen Jahren waren immer wieder einzelne Arbeiter geflohen und hatten von ihrer Qual berichtet, die Polizei hatte Kenntnis von 28 Fällen. Die ersten Hinweise auf die Zustände hatte es bereits 2008 gegeben.

Auch ist es bei weitem nicht der einzige Fall in Großbritannien. Paul Donohoe von Anti-Slavery International erinnerte im "Independent" daran, dass schätzungsweise mehr als 5000 Menschen auf der Insel unter sklavenähnlichen Bedingungen lebten. Die meisten stammen aus Nigeria, China und Vietnam. Die Hälfte sind Frauen, die häufig als Prostituierte oder Haushaltshilfen arbeiten, ein Viertel sind Kinder.

...


Aus: "Großrazzia in England - Sklavenhalter im Wohnwagen" Von Carsten Volkery, London (12.09.2011)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,785775,00.html


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[Moderne Sklaverei auf vier Rädern... ]
« Reply #9 on: Mai 31, 2012, 02:33:31 nachm. »
Quote
[...] Stundenlöhne von 3 Euro, 14-Stunden-Schichten, alltägliche Schikanen. Der Journalist Günter Wallraff hat die katastrophalen Bedingungen der Paketbranche recherchiert.

Die Arbeitsbedingungen der Paketboten enttarnt Journalist Günter Wallraff in der RTL-Reportage und einer Geschichte im aktuellen "Zeitmagazin" jedoch als "moderne Sklaverei". Das System des Unternehmens GLS, das laut Wallraff-Recherchen neben Hermes und trans-o-flex die härtesten Arbeitsbedingungen bietet, und in Deutschland zu den vier größten Paketlogistikern gehört, ist besonders zwielichtig: Die Paketboten arbeiten nicht direkt für das Logistikunternehmen, das seinen Hauptsitz in Amsterdam hat. GLS beschäftigt Subunternehmer, mit denen die Firma individuell Paketpreise aushandelt. In der Regel liegt der bei durchschnittlich 1,30 Euro pro Paket. Die Risiken lagert das Unternehmen an die Subunternehmer aus: Weder für verloren gegangene Pakete, noch für Verkehrsunfälle oder Verstöße gegen die Arbeitszeitgesetze ist GLS somit verantwortlich.

Der Subunternehmer dagegen trägt die Risiken: Ist ein Fahrer krank oder hat er ein Auto zu Schrott gefahren, zahlt der Subunternehmer drauf. Wallraff hat viele Unternehmer kennengelernt, die so in die Insolvenz gerieten, Schulden von über 100.000 Euro anhäuften. Um zu sparen, soll einem "Untergebenen" von GLS geraten worden sein, Leute aus Polen zu engagieren und diese zu fünft im Auto übernachten zu lassen. Das sei schließlich preisgünstiger.

Die Subunternehmer geben automatisch den Druck an die Fahrer weiter. Die Boten bekommen monatlich etwa 1200 Euro brutto von dem Subunternehmer. Egal, wie lange sie für eine Tour brauchen. In der Regel, so hat es Wallraff am eigenen Leib erfahren, hat ein Fahrer einen 14-Stunden-Tag. Und der beginnt nicht selten um fünf Uhr früh. Ein bis zwei Stunden werden zunächst Pakete sortiert und Sprinter vollgepackt. Die Beladung der Wagen wird von GLS als "vorbereitende Arbeit" deklariert - und nicht vergütet. Eigentlich, so gibt es GLS an seine Subunternehmer weiter, ist nach 4,5 Stunden Fahrtzeit eine Pause von 45 Minuten vorgeschrieben. Doch das Fahrtenbuch der Fahrer sei ein "Märchenbuch", erzählt einer der Boten dem verdeckten Kollegen Wallraff. Selbst die Polizei wisse, dass die Bücher der Fahrer ein Witz seien.

Dass die Paketboten den Verkehr gefährden und nicht selten am Steuer einschlafen, sei nicht ungewöhnlich. GLS ist fein raus: Für Verkehrsunfälle ist der Fahrer selbst verantwortlich. Ebenso für Tempoüberschreitungen. Als ein Kollege bei einem Unfall starb, erzählt ein Paketbote in der Reportage, legten die Kollegen einen Tag lang die Arbeit nieder. Geändert hat sich dadurch nichts. Es gab nur mehr Arbeit am nächsten Tag.

Besonders hinterhältig seien jedoch die von GLS aufgestellten Bußgeldkataloge, mit denen das Unternehmen bei Bedarf seine Mitarbeiter unter Druck setzen kann. Wird ein Paket geworfen, kann das 50 Euro kosten, wird die vorgeschriebene Uniform nicht korrekt getragen, darf GLS 25 Euro Strafe verlangen, 100 Euro bei einem nicht abgeschlossenen Sprinter. Wird eine Empfängerunterschrift gefälscht, sind es 250 Euro. 25 mögliche Verstöße hat GLS aufgelistet. Bestraft werden die Mitarbeiter nach Wallraffs Recherchen jedoch eher willkürlich: Als ein Subunternehmer wegen falscher Versprechen und gekürzten Paketpreisen kündigte, rechnete das Unternehmen ihm eine lange Liste nicht mehr nachzuvollziehender Vertragsstrafen auf. 65.000 Euro sollte der Familienvater nachzahlen - sogar für Verstöße an Tagen, an denen seine Sprinter gar nicht unterwegs waren.

Viele der Fahrer seien Ausländer, die sich für GLS versklaven, weil sie keine anderen Jobs bekommen und nicht auf Hartz IV abrutschen wollen, beschreibt Wallraff. Türken, Russlanddeutsche, aber auch Bewohner aus strukturschwachen Gebieten Deutschlands, die als selbstständige Unternehmer auf ein sicheres Einkommen hoffen. "Wir kriegen hier sowieso nur Pack", soll ein GLS-Manager bei einem verdeckt geführten Bewerbungsgespräch für einen Führungsjob gesagt haben. Ob Fahrer oder Subunternehmer - sie alle sind Opfer des GLS-Systems. "Der ist genauso eine arme Sau wie ich", erfuhr Wallraff von einem Paketboten.

... Schon vor einigen Monaten legte ein NDR-Reporter, der wochenlang als verdeckter Paketzusteller bei DHL gearbeitet hatte, in der Undercover-Reportage "Die Paketsklaven" die unzumutbaren Arbeitsbedingungen auf.

Günter Wallraff sieht nun auch die Verbraucher in der Pflicht. Die Verantwortlichen zeigen sich derweil nach der groß angelegten Medienkampagne uneinsichtig. Vor die Kamera trauten sie sich nicht. In einer Stellungsnahme vom Donnerstag heißt es: "Die GLS Gruppe akzeptiert keine despektierlichen Äußerungen über Subunternehmen und deren Fahrer in ihrem Unternehmen. Wir legen Wert auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit, die im Rahmen der Gesetze gestaltet wird."


Aus: "Sklaven auf vier Rädern" Von Katharina Miklis (31. Mai 2012)
Quelle: http://www.stern.de/wirtschaft/news/ausbeutung-von-paketfahrern-sklaven-auf-vier-raedern-1834722.html


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[Man muss sich an die Hierarchien gewöhnen... ]
« Reply #10 on: September 17, 2012, 11:14:02 vorm. »
Quote
[...] In Pakistan verdienen viele Millionen Menschen ihr Geld als Hausangestellte: als Koch, Haushälter, Gärtner, Fahrer, Kindermädchen, Wachmann, als Junge beziehungsweise Mädchen für alles. Der Mindestlohn liegt bei umgerechnet gut 70 Euro im Monat, Gewerkschaften haben vor ein paar Wochen eine Erhöhung durchgesetzt. In der Realität bekommen viele aber nicht einmal die Hälfte, weil ihre Arbeitgeber die Kosten für Verpflegung und Unterkunft abziehen. Die meisten Hausangestellten leben bei ihrem Arbeitgeber, in einem kargen Hinterzimmer. Fast jedes Haus hat ein "servant's quarter". ...

... Man muss sich an die Hierarchien gewöhnen. Wenn man oben steht, fällt es natürlich leicht, zum Beispiel, wenn es um Punkt zehn Uhr an der Bürotür klopft und jemand fragt: "Tea, Sir?" Wenn man nicht kochen, nicht putzen, keine Wäsche waschen muss. Wie lange habe ich schon kein Hemd mehr gebügelt? Der Garten ist groß und doch immer gepflegt. Das Auto glänzt immer. Und wenn keine Zeit für Einkäufe ist, wird selbst das erledigt. Es ist schon ein angenehmes Leben.

... Für die Angestellten ist das Leben alles andere als angenehm. Der Hausmeister zum Beispiel sieht seine Familie nur alle paar Wochen. Seine Frau und die fünf Kinder leben in Kaschmir, etwa sechs Autostunden von Islamabad entfernt, in einer Lehmhütte kleiner als unser Wohnzimmer. Er selbst wohnt direkt neben unserem Haus in einer Art Garage, die ihm unser Vermieter zur Verfügung gestellt hat. Was ist das für ein Leben? Für nicht einmal 100 Euro im Monat?

Die meisten Hausangestellten haben keinen Arbeitsvertrag. Es gibt keine Altersabsicherung, keinen Kündigungsschutz, keine Krankenversicherung. Der Staat versagt auf ganzer Breite. Und die Gesellschaft versagt, weil sie diese Ordnung als gottgegeben hinnimmt. Tun wir zu wenig dagegen? Wenn Arshad oder jemand aus seiner Familie zum Arzt muss, bezahlen wir die Rechnung. Aber was, wenn jemand schwer erkrankt und eine mehrere tausend Euro teure Behandlung braucht? In den meisten Fällen bedeutet für diese Menschen eine Krankheit wie Krebs das sichere Todesurteil. Wer kann sich schon eine Chemotherapie oder eine Operation leisten?

Kürzlich starb in der Nachbarschaft ein Kind an einer Blinddarmentzündung. Die Eltern - sie Haushälterin, er Fahrer - hatten gerade ihre Jobs verloren und deshalb kein Geld für einen Arzt. Wir haben erst nach dem Tod des Jungen davon erfahren. Es ist nicht leicht, damit umzugehen. Die Menschen hier sagen: Es war Gottes Wille. Religion hilft offenbar, das Unerträgliche zu ertragen.

...

Quote
Realitätsfern
bibischmidt heute, 10:38 Uhr
Leider kann ich diesem Beitrag in vielen Hinsichten nicht zustimmen. Meine Familie lebt schon seit über 40 Jahren in Westafrika und wir haben immer Hausangestellte bei uns beschäftigt, die sich immer sehr wohl bei uns gefühlt haben. Uns deshalb Sklavenhalter zu nennen finde ich wirklich schrecklich, verletzend und beschämend. In Afrika stammen die meisten Hausangestellten aus dörflichen Gegenden. Aus diesem Grund haben sie oft keine Ausbildung genossen, die meisten können nicht lesen oder schreiben weshalb sie sehr schlechte Aussichten auf Arbeit haben. Als Hausangestellte zu arbeiten ist deshalb eine gute Alternative für diese Leute, die sonst in Slums wohnen und arbeiten würden, wo sie wenig wenn überhaupt etwas am Tag verdienen. Unsere Hausangestellte leben schon seit Jahren mit uns, sind Teil der Familie geworden und werden sehr gut bezahlt und behandelt. Sie bezahlen keine Miete, keine Strom oder Wasserrechnungen und haben weitaus mehr Urlaub (nämlich wenn meine Eltern nach Deutschland reisen, also 2-3 Monate pro Jahr Urlaub) als andere Arbeitnehmer. Wir gehen mit ihnen zum Arzt, bezahlen Krankenhausrechnungen und Medizinkosten und kümmern uns um sie wenn sie krank sind. Ausserdem kaufen wir Lebensmittel für sie mit ein, die sie sich unter normalen Umständen niemals leisten könnten. Sie wohnen in sicheren Gegenden, haben geregelte Arbeitszeiten und kriegen Weihnachtsgeld. Also alles in allem haben sie sehr viele Vorteile gegenüber anderen Arbeitnehmern, die wirklich wie Sklaven behandelt werden, oder wie erklären wir uns die teilweise billigen Lebensmittelkosten in deutschen Supermärkten. Die afrikanischen Bauern kriegen einen erbärmlichen Lohn für ihre Felderträge bezahlt, das reicht gerade um zu überleben. Um es auf den Punkt zu bringen, der Artikel spricht aus lächerlichen Erfahrungen, die fern von der tatsächlichen Realität und wirklichen Umständen in Entwicklungsländern berichten.

http://forum.spiegel.de/f22/hausangestellte-entwicklungslaendern-wir-sklavenhalter-70944-3.html#post10970767


Quote
Auf Kosten anderer...
denkdochmalmit heute, 09:54 Uhr
Die ganzen westlichen Länder leben von der Sklavenarbeit der Menschen in armen Ländern. Da braucht man nicht unbedingt eine Haushaltshilfe. Ein neues Iphone oder dier neue Jack Wofskin Jacke tuen es auch, da braucht man wenigstens nicht der Arbeitskraft bei der maloche zusehen, was auch besser fürs Gewissen ist. Wie gesellschaftlich akzeptiert das Ganze ist sieht man alleine an der gottgleichen Verehrung von Obersklaventreiber Steve Jobbs, einfach ekelhaft !

http://forum.spiegel.de/f22/hausangestellte-entwicklungslaendern-wir-sklavenhalter-70944.html#post10970395


Quote
Offenbar sind wir auch ein Entwicklungsland
abominog heute, 09:47 Uhr
Denn derartige Fälle und Situationen erlebt man auch in Deutschland. Besonders in vornehmen und wohlhabenden Gegenden hat sich der Feudalismus vehement erhalten. Es mag sich unglaublich anhören, aber auch hier im Land herrschen mitunter noch Zustände wie im Mittelalter! Mir sind persönlich einige kuriose Fälle bekannt, die ich jederzeit beweisen kann. Viele wären verblüfft und es wird Zeit, dieses Thema ein wenig an die Öffentlichkeit zu zerren. Weil ich den Eindruck habe, dass sich diese Missstände permanent verschlechtern, auch wegen inflationären Preisentwicklungen hier in Deutschland (zB beim Benzin). Ich erkenne tatsächlich gewisse Tendenzen, dass sich sowas hierzulande wieder zunehmend ausbreitet. Nicht nur in Privathaushalten, sondern auch in Firmen...

http://forum.spiegel.de/f22/hausangestellte-entwicklungslaendern-wir-sklavenhalter-70944.html#post10970353





Aus: "Wir Sklavenhalter" Von Hasnain Kazim, Islamabad (17.09.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/wie-hausangestellte-und-diener-in-entwicklungslaendern-arbeiten-a-854430.html


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[Als Musterbeispiel... ]
« Reply #11 on: April 22, 2013, 02:31:21 nachm. »
Quote
[...] Etwa zweihundert migrantische Arbeiter fordern ausstehende Löhne ein. Sechs Monate sind sie nicht bezahlt worden für die schweißtreibende Tätigkeit auf den Feldern. Es kommt zum Streit mit den bewaffneten Aufsehern, Schüsse fallen, mehr als dreißig Arbeiter werden verletzt, einige davon lebensgefährlich.

Was sich liest wie eine Geschichte, die im Mississippi des 19. Jahrhunderts spielt, hat sich gestern ereignet, in Griechenland. Mitten in der Europäischen Union, an einem Ort, der seit langem als Musterbeispiel für moderne Sklaverei gilt: Nea Manolada. Die Gemeinde im Südwesten Griechenlands ist bekannt für ihre landwirtschaftliche Produktion, 90 Prozent der Erdbeeren des Landes kommen von hier – und tausende Arbeitsmigranten schuften hier für Billiglöhne.

Wie der Arbeitsalltag der in Nea Manolada Beschäftigten aussieht, beschrieb anlässlich eines Streiks im Jahr 2008 die Journalistin Laura Petricola: 22 Euro verdienen sie für einen ganzen Tag Arbeit (das Ziel der Arbeitsniederlegung war eine Erhöhung auf 30 Euro), viele schlafen in den Treibhäusern, auf Holzpaletten, zugedeckt mit Zeitungen. Kein Wasser, keine Elektrizität, keine Sanitäreinrichtungen. Diejenigen, die sich irgendeine Form von Behausung leisten können, leben in kleinen Wohnungen, zusammen mit Dutzenden anderen. Gesundheitsversorgung genießen sie keine, und das, obwohl sie durch den Kontakt mit Pestiziden und die schwere körperliche Arbeit großen Risiken ausgesetzt sind. (1)

Das Aufbegehren gegen diese extreme Form der Ausbeutung, wie etwa während des Streiks 2008, ist für die Arbeiter alles andere als einfach. Immer wieder waren sie und die sie unterstützenden Aktivisten der kommunistischen Gewerkschaftsfront PAME Attacken der Polizei oder bewaffneter Sicherheitsmänner der Plantagenbesitzer ausgesetzt. Drei Mitglieder der kommunistischen Partei KKE wurden 2008 während des Streiks verletzt.

Immer wieder ereignen sich in diesem Umfeld rassistische Übergriffe von schockierender Brutalität. 2009 schlugen Bauern zwei Männer aus Bangladesch, die sie des Diebstahls von Ziegen verdächtigten, mit Eisenstangen zusammen, banden sie an Motorräder und zogen sie durch das Dorf. 2012 misshandelten zwei griechische Männer einen ägyptischen Arbeiter, klemmten seinen Kopf im Seitenfenster ihres Autos ein und schleiften ihn so durch die Straßen. (2)

Bekannt sind diese Zustände seit langem. Eine im Jahr 2011 erschienene Studie der EU-Kommission mit dem Titel „Trafficking for Labour in Greece“ (3) widmet sich ausführlich dem Fall Nea Manolada: Das Wachstum der dortigen Produktion sei maßgeblich auf die Ausbeutung migrantischer Arbeitskräfte zurückzuführen, saisonabhängig zwischen 1 500 und 3 500 Menschen vor allem aus Bangladesh, Pakistan, seltener aus Bulgarien, Rumänien und Albanien seien hier beschäftigt, die meisten ohne regulären Aufenthaltsstatus.

Vor allem die asiatischen Immigranten befinden sich in einer „äußerst prekären Situation“, sie rangieren „ganz unten in der Hierarchie“. Die Löhne liegen „unter dem Mindestlohn“, von zwischen 20 und 23 Euro spricht die Studie. Minderjährige, die hier zu denselben Bedingungen wie ihre Eltern arbeiten, bekommen noch weniger. Berichtet wird auch von Vorfällen, bei denen die Unternehmer Arbeiter von der Polizei abschieben lassen, um sich die ausständigen Löhne zu ersparen.

Durch Medienberichte wusste auch die Regierung in Athen von den sklavereiähnlichen Arbeitsbedingungen auf den südwestgriechischen Plantagen. Passiert ist, so die EU-Kommission, dennoch nichts: „Alles in allem, trotz der öffentlichen Aufmerksamkeit, die dem Problem zuteil wurde, wurden keine substantiellen Maßnahmen ergriffen, um die Situation der Arbeiter in Nea Manolada zu verbessern.“

Das ist sicherlich kein Zufall. Es geht um das profitträchtige Geschäft mit billigem Obst und Gemüse für europäische Supermärkte. Auch in deutschen Discountern, z.B. bei Aldi und Lidl, finden sich Erdbeeren aus Griechenland. Es ist äußerst wahrscheinlich, dass es sich um die in Nea Manolada produzierten Bluterdbeeren handelt. Eine erste Anfrage von Hintergrund an die Pressestellen der beiden Handelsketten verlief bislang ergebnislos.

Nach dem neuesten Übergriff befinden sich derzeit nach Angaben der griechischen Tageszeitung Kathimerini zwei Männer in Haft. In einer ersten Stellungnahme sprach Regierungssprecher Simos Kedikoglou von einer „beispiellosen und verheerenden Tat“, die jeglichen „griechischen Moralprinzipien“ widerspreche. Die Reaktion der Behörden werde „schnell und angemessen sein“. Warum die Regierung in den vergangenen Jahren, obwohl die Lage der Arbeiter auf den Plantagen bekannt war, nicht „schnell und angemessen“ reagierte, verriet er nicht.

Ehrlicher und konsequenter wirken angesichts ihres Engagements für die Landarbeiter auch schon vor dem jetzigen Angriff die Statements der beiden linken Oppositionsparteien. Es handle sich um einen „kriminellen rassistischen Akt“, betonte die linkssozialistische SYRIZA, die derzeit in Umfragen stimmenstärkste Kraft in Hellas, in einer ersten Stellungnahme. Die kommunistische Partei KKE kritisierte den „modernen Sklavenhandel und die inhumanen Arbeitsbedingungen von migrantischen Werktätigen“. Der Vorfall zeige, dass „das gegenwärtige kapitalistische System Barbarei“ sei.


Griechenland: Schüsse auf protestierende Arbeiter
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Von THOMAS EIPELDAUER, 18. April 2013 -

Etwa zweihundert migrantische Arbeiter fordern ausstehende Löhne ein. Sechs Monate sind sie nicht bezahlt worden für die schweißtreibende Tätigkeit auf den Feldern. Es kommt zum Streit mit den bewaffneten Aufsehern, Schüsse fallen, mehr als dreißig Arbeiter werden verletzt, einige davon lebensgefährlich.

Was sich liest wie eine Geschichte, die im Mississippi des 19. Jahrhunderts spielt, hat sich gestern ereignet, in Griechenland. Mitten in der Europäischen Union, an einem Ort, der seit langem als Musterbeispiel für moderne Sklaverei gilt: Nea Manolada. Die Gemeinde im Südwesten Griechenlands ist bekannt für ihre landwirtschaftliche Produktion, 90 Prozent der Erdbeeren des Landes kommen von hier – und tausende Arbeitsmigranten schuften hier für Billiglöhne.

Ausbeutung und Terror

Wie der Arbeitsalltag der in Nea Manolada Beschäftigten aussieht, beschrieb anlässlich eines Streiks im Jahr 2008 die Journalistin Laura Petricola: 22 Euro verdienen sie für einen ganzen Tag Arbeit (das Ziel der Arbeitsniederlegung war eine Erhöhung auf 30 Euro), viele schlafen in den Treibhäusern, auf Holzpaletten, zugedeckt mit Zeitungen. Kein Wasser, keine Elektrizität, keine Sanitäreinrichtungen. Diejenigen, die sich irgendeine Form von Behausung leisten können, leben in kleinen Wohnungen, zusammen mit Dutzenden anderen. Gesundheitsversorgung genießen sie keine, und das, obwohl sie durch den Kontakt mit Pestiziden und die schwere körperliche Arbeit großen Risiken ausgesetzt sind. (1)

Das Aufbegehren gegen diese extreme Form der Ausbeutung, wie etwa während des Streiks 2008, ist für die Arbeiter alles andere als einfach. Immer wieder waren sie und die sie unterstützenden Aktivisten der kommunistischen Gewerkschaftsfront PAME Attacken der Polizei oder bewaffneter Sicherheitsmänner der Plantagenbesitzer ausgesetzt. Drei Mitglieder der kommunistischen Partei KKE wurden 2008 während des Streiks verletzt.

Immer wieder ereignen sich in diesem Umfeld rassistische Übergriffe von schockierender Brutalität. 2009 schlugen Bauern zwei Männer aus Bangladesch, die sie des Diebstahls von Ziegen verdächtigten, mit Eisenstangen zusammen, banden sie an Motorräder und zogen sie durch das Dorf. 2012 misshandelten zwei griechische Männer einen ägyptischen Arbeiter, klemmten seinen Kopf im Seitenfenster ihres Autos ein und schleiften ihn so durch die Straßen. (2)

Sklaverei für den Export

Bekannt sind diese Zustände seit langem. Eine im Jahr 2011 erschienene Studie der EU-Kommission mit dem Titel „Trafficking for Labour in Greece“ (3) widmet sich ausführlich dem Fall Nea Manolada: Das Wachstum der dortigen Produktion sei maßgeblich auf die Ausbeutung migrantischer Arbeitskräfte zurückzuführen, saisonabhängig zwischen 1 500 und 3 500 Menschen vor allem aus Bangladesh, Pakistan, seltener aus Bulgarien, Rumänien und Albanien seien hier beschäftigt, die meisten ohne regulären Aufenthaltsstatus.

Vor allem die asiatischen Immigranten befinden sich in einer „äußerst prekären Situation“, sie rangieren „ganz unten in der Hierarchie“. Die Löhne liegen „unter dem Mindestlohn“, von zwischen 20 und 23 Euro spricht die Studie. Minderjährige, die hier zu denselben Bedingungen wie ihre Eltern arbeiten, bekommen noch weniger. Berichtet wird auch von Vorfällen, bei denen die Unternehmer Arbeiter von der Polizei abschieben lassen, um sich die ausständigen Löhne zu ersparen.

Durch Medienberichte wusste auch die Regierung in Athen von den sklavereiähnlichen Arbeitsbedingungen auf den südwestgriechischen Plantagen. Passiert ist, so die EU-Kommission, dennoch nichts: „Alles in allem, trotz der öffentlichen Aufmerksamkeit, die dem Problem zuteil wurde, wurden keine substantiellen Maßnahmen ergriffen, um die Situation der Arbeiter in Nea Manolada zu verbessern.“

Das ist sicherlich kein Zufall. Es geht um das profitträchtige Geschäft mit billigem Obst und Gemüse für europäische Supermärkte. Auch in deutschen Discountern, z.B. bei Aldi und Lidl, finden sich Erdbeeren aus Griechenland. Es ist äußerst wahrscheinlich, dass es sich um die in Nea Manolada produzierten Bluterdbeeren handelt. Eine erste Anfrage von Hintergrund an die Pressestellen der beiden Handelsketten verlief bislang ergebnislos.

„Krimineller, rassistischer Akt“

Nach dem neuesten Übergriff befinden sich derzeit nach Angaben der griechischen Tageszeitung Kathimerini zwei Männer in Haft. In einer ersten Stellungnahme sprach Regierungssprecher Simos Kedikoglou von einer „beispiellosen und verheerenden Tat“, die jeglichen „griechischen Moralprinzipien“ widerspreche. Die Reaktion der Behörden werde „schnell und angemessen sein“. Warum die Regierung in den vergangenen Jahren, obwohl die Lage der Arbeiter auf den Plantagen bekannt war, nicht „schnell und angemessen“ reagierte, verriet er nicht.

Ehrlicher und konsequenter wirken angesichts ihres Engagements für die Landarbeiter auch schon vor dem jetzigen Angriff die Statements der beiden linken Oppositionsparteien. Es handle sich um einen „kriminellen rassistischen Akt“, betonte die linkssozialistische SYRIZA, die derzeit in Umfragen stimmenstärkste Kraft in Hellas, in einer ersten Stellungnahme. Die kommunistische Partei KKE kritisierte den „modernen Sklavenhandel und die inhumanen Arbeitsbedingungen von migrantischen Werktätigen“. Der Vorfall zeige, dass „das gegenwärtige kapitalistische System Barbarei“ sei.


Video der verletzten Arbeiter

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Anmerkungen
(1) People’s Weekly World Newspaper, 28. Mai 2008
(2) http://www.observinggreece.com/nea-manolada-rassismus-ueberfall/
(3) Studie der EU-Kommission „Trafficking for Labour in Greece“
 

Aus: "Griechenland: Schüsse auf protestierende Arbeiter" Von THOMAS EIPELDAUER, 18. April 2013 ()
Quelle: http://www.hintergrund.de/201304182540/politik/politik-eu/griechenland-schuesse-auf-protestierende-arbeiter.html

-.-

Migrant workers have been shot in Manolada farm
By Karafillis Giannoulis | April 18, 2013 - 9:26am
http://www.neurope.eu/article/migrant-workers-have-been-shot-manolada-farm


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[Wir sehen unsere Sklaven nicht jeden Tag... ]
« Reply #12 on: Juni 12, 2013, 09:50:38 vorm. »
Quote
[...] Auf 10,5 Millionen schätzt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) die Zahl der Kinder weltweit, die als Hausangestellte arbeiten müssen – oftmals unter sklavenähnlichen Bedingungen. 6,5 Millionen dieser Kinderarbeiter seien unter 15 Jahren alt, mehr als 71 Prozent von ihnen Mädchen, heißt es in einem Bericht der Organisation zum Internationalen Tag gegen Kinderarbeit am heutigen Mittwoch.

Die Kinder müssen in fremden Haushalten putzen, bügeln, kochen, gärtnern oder Wasser holen, sich um andere Kinder oder Pflegebedürftige kümmern. Weil sie von ihren Familien und der Öffentlichkeit getrennt seien, seien sie stark von ihrem Arbeitgeber abhängig. "Aus der Arbeitsausbeutung droht häufig auch eine sexuelle Ausbeutung zu werden", erklärte die ILO.

ILO-Direktorin Constance Thomas forderte "einen tragfähigen Gesetzesrahmen zur Identifikation, Prävention und Abschaffung von Kinderarbeit in Privathaushalten". In vielen Ländern werde Beschäftigung von Minderjährigen nicht als Kinderarbeit wahrgenommen.   

... Insgesamt 177 Staaten hätten die Koventionen zur Abschaffung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit ratifiziert. "Aktuell sehen wir jedoch, dass Kinder weiterhin als billige Arbeitskräfte missbraucht und ausgebeutet werden, zum Beispiel auf Baumwollfeldern in Usbekistan, an Nähmaschinen in Bangladesch oder bei der Herstellung von Lehmziegeln in Pakistan."

Quote
    Lupo1977
    12.06.2013 um 9:19 Uhr

Kinderarbeit?

Mir ist nicht ganz klar warum es als "Kinderarbeit" bezeichnet wird, bei den 4 Millionen der 10,5 Millionen die 16 und älter sind.

Ich habe mit 13 angefangen schwarz zu arbeiten (mit 14 dann offiziell), weil meine Eltern es halt nicht so dicke hatten. Wer die Schule mit 15 beendet geht oft schon ganz regulär in Ausbildung oder ausbildungslosen Berufen voll arbeiten, Ein Freund von mir ist mit 17 zur Bundeswehr gegangen.

Klar - Sklavenarbeit und Ausbeutung muss bekämpft werden, aber auch ganz unabhängig vom Alter.

Gegen einen 10jährigen der für die gebrechliche Nachbarin gegen Geld die Treppe putzt hat sicherlich niemand etwas einzuwenden.

Etwas anderes hingegen ist Knochenarbeit auf Plantagen und Ziegelbrennereien. Das Problem sind also eher die entrechteten Arbeits- und Abhängigkeitsverhältnisse, die Gewalt und die Unterdrückung.


Quote
    dame.von.welt
    12.06.2013 um 9:20 Uhr

215 Millionen Kinder arbeiten jeden Tag

und alle 5 Sekunden stirbt ein Kind unter 10 Jahren an Armut.

Zur größten westlichen Heuchelei gehört, Kinderarbeit zu verdammen und gleichzeitig Kakao, Schokolade, Kaffee, Kleidung, Schuhe, Edelsteine, Kunsthandwerk usw.usf. zu kaufen, die mit Hilfe von Kinderarbeit und anderen Formen der Ausbeutung hergestellt wurden.

Es werden auch weiterhin Kinder arbeiten müssen, um zum Einkommen ihrer Familien beizutragen. Man täte ihnen auch keinen Gefallen damit, ihnen das verbieten zu wollen. Den würde man ihnen damit tun, ihnen Zugang zu Bildung, sauberem Wasser, medizinischer Versorgung, ausreichend Nahrung zu verschaffen und gefährliche und schwere Arbeit zu verbieten.

Es gehört zu besagter westlichen Heuchelei, die westliche Idee von Kindheit 1:1 auf arme Länder zu übertragen (die auch hier noch nicht sehr lang existiert), sich an einem Tag im Jahr zu empören und ansonsten genau so weiter zu machen wie bisher: durch das eigene Konsumverhalten des geilen Geizes ausbeuterische Arbeitsbedingungen aktiv zu fördern + ein politisches Personal zu dulden, das sich von einer Wirtschaft am Nasenring führen läßt, die mit den übelsten Ausbeutern besonders gern Geschäfte macht.

Der einzige größere Unterschied zu den Hausherren und -damen mit Kindersklaven im Haus: wir sehen unsere Sklaven nicht jeden Tag.




Aus: "Millionen Kinder arbeiten in fremden Haushalten" (12.06.2013)
Quelle: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-06/kinderarbeit-haushalte-ausbeutung

http://www.zeit.de/wirtschaft/2010-04/indien-kinderarbeit


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[Nachdem einem Arbeiter die Flucht dennoch gelungen war... ]
« Reply #13 on: Juni 13, 2013, 09:16:24 vorm. »
Quote
[...] Sie arbeiteten wie Sklaven: Die mexikanischen Behörden haben mindestens 275 Arbeiter aus einem Lager befreit. Ein Tomatenproduzent hielt sie gegen ihren Willen fest.

Die mexikanische Polizei hat mindestens 275 Arbeiter aus einem Lager befreit, in dem sie wie Sklaven gehalten wurden. Die Arbeiter seien mit falschen Versprechungen angelockt und dann gegen ihren Willen festgehalten worden, sagte Staatsanwalt Salvador González am Dienstagabend in Guadalajara im Bundesstaat Jalisco.

Auf dem Gelände eines Betriebs für Bio-Tomaten hätten sie unter beengten und verschmutzten Unterkünften hausen müssen. Wenn sie zu flüchten versuchten, seien sie geschlagen worden. Fünf Vorarbeiter wurden wegen Freiheitsentzugs und Menschenhandels festgenommen.

Der Fall war aufgedeckt worden, nachdem einem Arbeiter die Flucht dennoch gelungen war und er die Behörden alarmiert hatte. In Werbeanzeigen hatte das Unternehmen freie Kost und Logis bei guten Löhnen angeboten. Vor Ort angekommen, erhielten die Arbeiter dann nur die Hälfte des versprochenen Lohns, der zudem nur in Form von Gutscheinen zur Einlösung im firmeneigenen Laden ausgezahlt wurde.


Aus: "Polizei befreit 275 Zwangsarbeiter" (12. Juni 2013)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/panorama/tomatenproduzent-in-mexiko-polizei-befreit-zwangsarbeiter-1.1695028


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[Sie werden als Eigentum angesehen... ]
« Reply #14 on: Oktober 17, 2013, 10:05:54 vorm. »
Quote
[...] Hamburg - Sie werden als Eigentum angesehen, dürfen keine eigenen Entscheidungen fällen und nicht einmal etwas eigenes besitzen. Einer Studie der Walk Free Foundation zufolge sind knapp 30 Millionen Menschen weltweit Opfer moderner Sklaverei. In 162 Ländern wurden für die Untersuchung Daten erhoben.

Vor allem in Teilen Westafrikas und im Süden Asiens werden immer noch Menschen in die Sklaverei hinein geboren, heißt es in dem Bericht. Andere Opfer werden entführt und weiterverkauft, zwangsverheiratet oder als kostenlose Arbeitskräfte missbraucht. Häufig werden die Opfer auch mit der Aussicht auf einen Job oder eine Ausbildung angelockt - dann aber ausgebeutet. "Nicht immer wird dafür physische Gewalt angewendet", heißt es in der Studie. Die Täter zwingen sie auch durch Einschüchterung, Täuschung oder Isolation in die scheinbar ausweglose Situation.

Moderne Sklaverei ist dabei definiert als der Zustand, in dem eine Person besessen und kontrolliert wird, mit dem Ziel, aus dem Menschen Profit zu schlagen, ihn zu missbrauchen oder zu schleusen. Durchgesetzt wird das von den Tätern durch Gewalt, Drohungen und/oder Nötigung.

Der Sklaverei-Bericht ist der erste weltweit. Er hat dafür das zahlenmäßige Aufkommen von modernen Sklaven in Relation zur Bevölkerungszahl gesetzt, sowie die Häufigkeit von Zwangsverheiratung von Kindern und Menschenhandel erhoben.

... Dabei ist es schwierig, die tatsächliche Zahl der modernen Sklaven zu erheben, räumen die Macher der Studie ein. Da es sich dabei um eine Straftat handele, finde diese hinter verschlossenen Türen statt; ein Zugang zu den Opfern sei häufig nicht möglich.

...


Aus: "Studie in 162 Ländern: 30 Millionen Menschen leben weltweit in Sklaverei" (17.10.2013)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/walk-free-foundation-30-millionen-menschen-leben-in-sklaverei-a-928275.html


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« Reply #15 on: Oktober 18, 2013, 06:39:02 nachm. »
Quote
[...] Lisa kam aus Peru nach Baden-Württemberg. Ohne ein Wort Deutsch zu können, landete sie bei einer deutschen Familie: Als Au-Pair-Mädchen sollte sie sich um Eigenheim, Kinder und den Hund kümmern - ein Traumjob im deutschen Kleinbürger-Idyll, so könnte man denken. Für Lisa entpuppte er sich als Albtraum. Die Familie nutze sie aus, demütigte sie, ließ sie nicht telefonieren, gab ihr nicht das vereinbarte Geld und zu wenig zu essen. Wenn sie sich beklagte, wurde sie gewarnt: Sie sei illegal hier, und man würde sie ins Gefängnis werfen oder abschieben, wenn sie nicht spure.

Lisa ist kein Einzelfall. Es gibt tausende Personen, die sich in Deutschland aufhalten – und deren Zwangslage oder Hilflosigkeit ausgenutzt wird, deren Arbeitskraft ausgebeutet wird oder die zur Prostitution missbraucht werden: Zimmermädchen aus Lateinamerika, Feldarbeiter aus Osteuropa, Prostituierte aus Südostasien, Drogendealer aus Schwarzafrika. Es sind moderne Sklaven, Opfer von Menschenhandel – ohne Schutz, ohne Lobby. Ihre soziale und wirtschaftliche Not wird ausgenutzt, mit falschen oder fadenscheinigen Versprechen werden sie hergelockt, durch Gewalt und Schutzknechtschaft diszipliniert.

Wie viele von diesen modernen Sklaven sich momentan in Deutschland aufhalten, ist schwer zu sagen. Petra Follmer-Otto vom Deutschen Institut für Menschenrechte ist eine Expertin auf diesem Gebiet. Sie hat eine Studie zum Menschenhandel in Deutschland vorgelegt. Dennoch ist sie sehr vorsichtig mit Zahlen – und betont die vermutlich horrend hohe Dunkelziffer.

Jährlich, so Follmer-Otto, würden laut offizieller Kriminalitätsstatistik zwischen 600 und 1200 Zwangsprostituierte in Deutschland aufgegriffen. Im Baugewerbe oder als Haushaltshilfen werden rund 100 Fälle pro Jahr registriert, allerdings gibt es den Strafbestand der Arbeitsausbeutung erst seit zwei Jahren. Man könne davon ausgehen, dass die Dunkelziffer mindestens zehn Mal so hoch sei, sagt Follmer-Otto. Die Opfer-Zahlen würden mehr über die Ermittlungsressourcen der Polizei aussagen als über das Ausmaß des Problems.

Betroffen vom Menschenhandel sind überwiegend Frauen und Kinder. "In Deutschland arbeiten die meisten als Zwangsprostituierte, es gibt aber auch viele Haushaltshilfen, häusliche Pflegekräfte, Erntehelfer und Menschen auf dem Bau und in der Gastronomie, die Zwangsarbeit leisten", sagt Follmer-Otto. Besonders häufig handelt es sich um Jobs für gering Qualifizierte.

Warum nur so wenige gefunden werden? Weil nur wenige Hilfe suchen. Ein Dilemma der modernen Sklaven in Deutschland ist, dass sie oft nicht die Möglichkeit haben oder sich nicht trauen, sich gegen ihr Martyrium aufzulehnen. Viele von ihnen kamen illegal nach Deutschland. Sie begaben sich freiwillig in die Hände der Täter. Sie sprechen die Sprache nicht. Und sie haben Angst. Viele fürchten die Abschiebung mehr als das moderne Sklaventum.

Hinzu kommt, dass die deutschen Polizisten und Gerichte nicht gerade mit Feuereifer nach ihnen suchen. "Gesucht wird in erster Linie nach den Tätern, nicht nach den Opfern", sagt Follmer-Otto. Das primäre Interesse der Fahnder gilt der strafrechtlichen Verfolgung der Hintermänner und Schleuserköpfe.

Bislang werden Opfer von Menschenhandel vor allem als wichtige Zeugen betrachtet. Ihre Aussagen gegen die Menschenhändler sind zentrale Stützen der juristischen Aufarbeitung. Sie genießen gewisse Sonderrechte wie zum Beispiel das Bleiberecht während der Verhandlung. Danach müssen sie in der Regel ausreisen. Ein Zustand, der den Missstand perpetuiert.

Hier sieht das Institut für Menschenrechte am ehesten einen Ansatzpunkt. Zwar habe es in den letzten Jahren durchaus eine größere Aufmerksamkeit für das Thema gegeben, regelmäßig wird inzwischen über Zwangsprostitution berichtet. Allerdings müsste der Blick stärker von der Täterverfolgung auf den Opferschutz gelenkt werden, fordert Follmar-Otto. "Betroffene sollten zumindest ihren entgangenen Lohn oder ein Schmerzensgeld erhalten." Trotz wachsender Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sei in den vergangenen Jahren "ein wirksamer Menschenrechtsschutz nicht umgesetzt worden", sagt sie.

Das Institut hat Anfang Juni zusammen mit der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft ein auf drei Jahre angelegtes Projekt gestartet. In ausgewählten Fällen sollen Zwangsprostituierte und andere Opfer von Ausbeutung darin unterstützt werden, vor Gerichten und Behörden, Ansprüche geltend zu machen. Bislang gibt es rund 50 Fachberatungsstellen, allerdings bisher nur für weibliche Betroffene von Menschenhandel. Und auch die müssen Mädchen wie Lisa aus Peru erst einmal finden.


Aus: "Moderne Sklaven in Deutschland" Michael Schlieben (14. Juli 2009)
Quelle: http://www.zeit.de/online/2009/29/menschenhandel-sklaven


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[Wie jedes Jahr zur Haupterntezeit... ]
« Reply #16 on: September 17, 2015, 11:06:12 vorm. »
Quote
[...]  Wie jedes Jahr zur Haupterntezeit gehen Berichte durch italienische Zeitungen, die ein ganzes Land erschrecken: Sie beschreiben die Arbeitsbedingungen der Erntehelfer. Afrikaner sind es zumeist oder Osteuropäer, mit der Krise aber zunehmend auch Italiener, die kein anderes Auskommen finden. Mehr als ein Drittel dieser Saisonarbeiter, 500.000 Personen oder mehr, sind laut offiziösen Schätzungen illegal beschäftigt, zu Löhnen, die weit unter den vorgeschriebenen Tarifen liegen und von denen die halb- oder scheinlegalen Arbeitsvermittler große Teile für sich selber abzweigen. Und immer wieder sterben Menschen, „Sklaven“, wie sie in Italien heißen, in den Plantagen.

Paola Clemente zum Beispiel. Die Aufgabe der 49-jährigen Mutter von zwei Kindern war es, in einem apulischen Weinberg aus den reifenden Tafeltrauben verschrumpelte, schimmelige oder beschädigte Beeren einzeln herauszuschneiden. 49 Euro am Tag hätte der Tariflohn betragen, 27 Euro hat sie bekommen. Bis der Herzinfarkt sie auf offenem Feld traf. „Und ihre Leiche hat man nur deswegen nicht verschwinden lassen, weil sie Italienerin war“, schreibt bitter die Wirtschaftszeitung „Il Sole 24 Ore“, die damit auf das ungeklärte Schicksal so mancher verschwundener Schwarzer oder Polen anspielt.

Die meisten werden tageweise angeheuert, morgens bei Sonnenaufgang an einschlägig bekannten Straßenkreuzungen. Berufsmäßige Arbeitsvermittler, die mit den Großbauern zusammenarbeiten und der Scheinlegalität halber amtlich als „Reiseunternehmer“ registriert sind, karren die Menschen in überladenen Kleinbussen oder Pritschenwagen auf die Felder, kassieren von jedem fünf Euro für die Fahrkarte morgens hin und fünf Euro für abends zurück – wer protestiert, bleibt ohne Arbeit am Straßenrand stehen. Auf den Feldern müssen die Arbeiter sogar noch ihr Trinkwasser kaufen. Ein Euro für die Halbliterflasche. Manche bekommen von sieben Tage Arbeit nur zwei bezahlt. Und wie jener Gruppe von Afrikanern, die ihr Schicksal in der vergangenen Woche erstmals öffentlich gemacht hat, kann es auch anderen passieren, dass sie nach einer Woche Arbeit vom Hof gejagt werden, ohne Begründung – und ohne jeden Lohn.

 Hinzu kommen erbärmliche Wohnbedingungen. Im Mezzogiorno leben Afrikaner zusammengepfercht entweder in verfallenden Bauernhöfen oder in „Zeltstädten“, die nur aus aufgespannten Planen bestehen. Im Piemont, wo der Barolo und andere teure Weine wachsen, haben sich dieses Jahr mit zunehmenden Flüchtlingszahlen auch die Lebensbedingungen der osteuropäischen Erntehelfer massiv verschlechtert. Das Magazin „Espresso“ berichtete dieser Tage, die häufig rechts regierten Gemeinden schotteten sich dermaßen gegen alle Ausländer ab, dass die Bulgaren, Rumänen, Mazedonier zwar den ganzen Tag über in den Weinbergen ernten sollen, aber keinen Wohnraum und keine Duschen zugewiesen bekommen. „Das lockt nur Schwarzarbeiter an“, wird ein Bürgermeister zitiert, der ganz genau weiß, dass seine Großweinbauern am Ort ohne ausländische Erntehelfer nicht weit kämen. So müssen sich, schreibt der „Espresso“, die Arbeiter jeden Abend „unsichtbar machen“: in Bretterverschlägen oder unter Plastikplanen abseits aller öffentlichen Straßen oder an Flussufern, wo die Polizei trotz ihrer politisch verordneten „Null Toleranz“-Strategie dann doch nicht hinschaut.

Eine besonders perfide Preisdrücker-Strategie verfolgen offenbar sizilianische Weinbauern. Auf der Insel, wo die meisten Bootsflüchtlinge ankommen und wo sie über Wochen oder Monate in Aufnahmelagern beherbergt werden, engagiert man sie jetzt – illegal natürlich – auch als Erntehelfer. Die Flüchtlinge akzeptieren noch niedrigere Löhne als die üblichen, regulär im Land befindlichen schwarzen Saisonarbeiter, weil sie ja im Aufnahmelager verpflegt werden und auch nichts für die Wohnung bezahlen müssen. So sagt es im „Espresso“ eine Gruppe von Flüchtlingshelfern und spricht von „Krieg der Ärmsten gegen andere Ärmste“. Und wenn der Wein geerntet ist, dann kommen die Orangen dran, dann die Erdbeeren, dann Gemüse, Salat, dann wieder einmal Tomaten und Wein – alles exzellente italienische Produkte.

Quote
    Zelia, 17.09.2015 08:34 Uhr

Einfuhrverbot/Kennzeichnung
Wenn wir für einen Mindestlohn sind, dann sollte sich das nicht nur auf Deutschland begrenzen.
Lebensmittel kosten nun einmal Geld. Diese künstliche Verbilligung durch Ausbeutung sollte nicht unterstützt werden.
Wir bräuchten ein Sozialsiegel für importierte Produkte, an denen man sich orientieren kann. Ich will so einen Mist, an dem Blut und Leid klebt nicht kaufen.


...


Aus: "Ausbeutung im Weinbau: Sklavenarbeit in Italiens Plantagen" Paul Kreiner (16.09.2015)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/ausbeutung-im-weinbau-sklavenarbeit-in-italiens-plantagen/12330066.html


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[Gängige Praxis auf Europas Feldern... ]
« Reply #17 on: Oktober 26, 2015, 05:09:31 nachm. »
Quote
[...]  Er hatte den Bürgerkrieg im Sudan überlebt, auch die Flucht auf dem Landweg nach Libyen und die Überfahrt mit dem Boot nach Italien. Den Lebensbedingungen dort aber war er nicht gewachsen. Abdullah Mohammed war 47 Jahre alt, als er im Juli auf einer Tomatenplantage in Apulien zusammenbrach und starb – an Hitze und Erschöpfung. ...

[G]ängige Praxis auf Europas Feldern: Zwölf-Stunden-Schichten, Sechs-Tage-Woche, für einen Hungerlohn ohne Arbeitsvertrag – verzweifelte Flüchtlinge akzeptieren fast alles, wenn es ums Überleben geht.

 Der Fall von Mohammeds Tod erschütterte im Sommer für kurze Zeit Italien, während alle Welt davon sprach, wie die Bewegungen der vielen Flüchtlinge zu bewältigen seien und was die Massen an Einwanderern kosten würden.

Dabei gibt es sie längst, die Profiteure der Not, die gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise mit den konkurrierenden Arbeitskräften ihre Geschäfte machen. In der landwirtschaftlichen Massenproduktion europäischer Großunternehmen schuften jeden Tag Hunderttausende, und nicht nur dort, auch in Fleischfarmen, Schlachtereien, Treibhäusern und Fabriken. Ohne Rechte, ohne Pausen, ohne Schutzbekleidung gegen Pestizide, Gestrüpp, schwere Lasten oder Tierseuchen, bei extremen Temperaturen. Sie sorgen dafür, dass wir mit günstigen Tomaten, Erdbeeren, Wein, Oliven, Spargeln oder Fleisch versorgt sind.

Was arbeitsrechtlich bei den eigenen Bürgern undenkbar wäre, ist bei Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung oder Arbeitspapiere an der Tagesordnung. Das Phänomen ist keineswegs neu, schon seit Jahren werden Menschen auf diese Weise ausgebeutet. Früher waren es vor allem Polen, Rumänen oder Bulgaren. Die gibt es immer noch, neu aber ist, dass durch steigende Flüchtlingszahlen noch mehr Notleidende um die miesen Jobs konkurrieren, sich Löhne und Konditionen noch weiter drücken lassen.

Gewerkschaften aus Italien, Frankreich oder Deutschland warnen inzwischen vor Formen der modernen Sklaverei. Aktuelle Untersuchungen (etwa ein 28-seitiges Supplement zu Migranten als Saisonarbeiter in der Oktoberausgabe der französischen Gewerkschaftszeitschrift Campagnes Solidaires) zeigen das Ausmaß der Ausbeutung: In der italienischen, französischen, britischen, deutschen, belgischen, niederländischen oder portugiesischen Agrarindustrie wird der Gewinn maximiert, indem die Kosten für die menschliche Arbeitskraft so tief gedrückt werden wie möglich. Der Lohn der Erntehelfer kann bis zu 60 Prozent der gesamten Produktionskosten ausmachen: Allein die Zahl macht klar, wie sehr sich Lohndumping und miserable Unterkünfte lohnen. Allein in Großbritannien werden dadurch jährlich umgerechnet knapp 2,5 Millionen Euro gespart (laut Gangmasters Licensing Authority, Annual Report and Accounts, 1. April 2013 bis 31. März 2014).

Gerissene Agrarunternehmer lassen sich dabei so einiges einfallen, um beispielsweise Mindestlöhne zu umgehen, die in einigen europäischen Ländern gelten, oder um lästige Lohnzahlungen gleich ganz zu vermeiden. Zum Beispiel, indem sie nur die Leistung honorieren oder gar nicht erst für legale Arbeitsverhältnisse sorgen. Durchschnittlich kommen Saisonarbeiter dann auf 2 bis 3,50 Euro die Stunde und müssen dafür im Akkord ackern. Überstunden werden nicht bezahlt.

 Sogar an diesem Lohn lässt sich noch schrauben. Eine gängige Methode ist es, Mittelsmänner die Arbeiter organisieren und zum Einsatzort transportieren zu lassen. Hierfür werden exorbitante Gebühren fällig, genauso wie für die schäbige Unterkunft oder manchmal auch für eine "Arbeitslizenz" – in Frankreich beispielsweise gibt es die für 8.000 Euro. Auch werden Strafen vom Lohn abgezogen, etwa in den Niederlanden für ein geöffnetes Fenster im Treibhaus. Eine Matratze wie die von Mohammed schlägt in Italien mit rund 80 Euro Miete monatlich zu Buche. Essen ist da noch nicht eingerechnet. Die "Unterkünfte" können Zelte sein, wie in Frankreich, Container oder Bauruinen, wie in Portugal, oder einfach gar nichts, wie in Griechenland. Hier müssen Feldarbeiter selbst für ihre Schlafgelegenheit sorgen, mit Plastikplanen und allem, was der Acker hergibt.

In Griechenland konnte so die Erdbeerproduktion in einigen Jahren um 70 Prozent gesteigert werden. Deutschland hat sich zum größten Schlachthaus Europas entwickelt, mit jährlich knapp 60 Millionen Schweinen, 4 Millionen Rindern und einer Million Schafen. Und die Niederlande setzen auf die Art jedes Jahr Agrarexporte für 65 Milliarden Euro ab.

Durch Vermittlungs-, Transport- und Mietkosten sowie Verschuldungsverhältnisse arbeiten manche Erntehelfer umsonst. Solange die europäische Öffentlichkeit nur Schlepper als Menschenhändler ins Visier nimmt, können die kriminellen Arbeitsvermittler im Schatten der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit in aller Ruhe ihren Geschäften nachgehen.

 Warum schuften Menschen, egal woher und aus welchen Motiven sie kamen, bis zur Erschöpfung in der prallen Sonne, lassen sich nachts in verdreckte Baracken einpferchen und mit einem Hungerlohn abspeisen? Sie sind irregulär hier und haben Angst entdeckt zu werden. Vielleicht ist die Drecksarbeit auch immer noch besser als gar keine oder das, was sie zu Hause erwartet. Außerdem sorgt die Wirtschaftskrise für eine Abwärtsspirale: Immer weniger wollen oder können die Kunden für Lebensmittel bezahlen, immer härter werden Preiskämpfe und von der Industrie diktierte Rahmenbedingungen, immer billiger muss produziert werden, immer höher steigt der Druck auf die untersten Glieder der Kette, die landwirtschaftliche Erzeugung und Verarbeitung, immer mehr Menschen sind so arm, dass sie alle Arbeitsbedingungen akzeptieren.

Klamme Kassen der Kommunen und Austeritätspolitik sorgen ihrerseits dafür, dass Arbeitsschutzmaßnahmen fehlen oder nicht durchgesetzt werden; andere Probleme sind drängender. Mafiöse Unternehmer haben so eine Nische gefunden.

 Doch sind es wirklich nur Kriminelle, die an solchen Praktiken Schuld sind – Mittelsmänner, Klein- und Großbauern, die Erntehelfer zu widrigsten Konditionen beschäftigen? Nicht auch Politik und Behörden, die wegschauen? Profitgierige Lebensmittelindustrie und Discounter, die mit ihrer Preispolitik wenig Spielraum für bessere Arbeitsbedingungen lassen? Oder Konsumenten, die für einen günstigen Preis alles in Kauf nehmen?

Wer auch verantwortlich sein mag, prekär beschäftigte Migranten zahlen einen hohen Preis für unseren Hunger auf billige Waren: ihre Würde, ihre Gesundheit und manchmal ihr Leben.
 
Quote
MowKow
#8  —  vor 3 Minuten 2

"Der hohe Preis für billige Lebensmittel"

würde ich für meine Lebensmittel das Doppelte zahlen, würde sich nur der Profit der Agrarkonzerne um diesen Differenzbetrag erhöhen; bei den Arbeitern würde kein Cent hängen bleiben hier geht es nur um Profitmaximierung ( in der Bekleidungsindustrie ist es das Gleiche; da lassen Luxuslabels auch unter Sklavenbedinungen fertigen) ....



Aus: "Flüchtlinge: Europas neue Sklaven" Susanne Kaiser (26. Oktober 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-10/fluechtlinge-ausbeutung

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[Es müssen nicht einmal... ]
« Reply #18 on: Februar 17, 2016, 11:16:07 vorm. »
Quote
[...]  Sie putzen Wohnungen in arabischen Ländern, verrichten die Drecksarbeit auf thailändischen Fischkuttern oder pflücken Baumwolle auf Feldern in Usbekistan: Leibeigene, Zwangsarbeiter, Sklaven. Es sind viele. Fast 36 Millionen Menschen weltweit leben in Sklaverei, schätzt die Walk Free Foundation, die sich gegen Schuldknechtschaft, Menschenhandel und Zwangsarbeit engagiert.

Ihr Kampf gegen die Sklaverei schien lange Zeit weit weg von Europa stattzufinden. Im jüngsten Ranking von Walk Free aus dem Jahr 2014 tauchen die Industriestaaten erst am Ende der Liste auf; Deutschland zum Beispiel landet mit geschätzt 10.500 in Sklaverei lebenden Menschen, umgerechnet 0,013 Prozent der Bevölkerung, auf Platz 147 von 167. Zum Vergleich: Platz eins hält Mauretanien, ein Land in dem Sklaverei erblich ist und vier Prozent der Bevölkerung, 155.600 Menschen, in Unfreiheit leben. ...

Die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen ILO schätzt, dass weltweit 21 Millionen Menschen Zwangsarbeit leisten, die übergroße Mehrheit von ihnen in privaten Unternehmen. Jahr für Jahr erwirtschafteten sie 150 Milliarden Dollar Profit. 

... In Dirty Profits beschreibt Facing Finance zig Fälle von Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Ausbeutung und Umweltzerstörung weltweit, die von 20 global agierenden Konzernen zu verantworten seien. Benannt werden unter anderem ExxonMobil, Zara, Nestlé, HeidelbergCement und Sanofi, daneben Finanzdienstleister wie die Deutsche Bank und die Allianz.

Facing Finance konzentriert sich auf die Kritik an der Finanzwelt. Die aber sei bisher kaum bereit, sich auf die Einhaltung von Mindeststandards zu verpflichten. Von sechs untersuchten Banken habe sich beispielsweise keine einzige Richtlinien zur Vermeidung von Zwangsarbeit bei Geschäftspartnern gegeben. Die Organisation fordert: Die Unternehmen, und zwar nicht nur die großen, börsennotierten Konzerne, müssten per Gesetz noch stärker verpflichtet werden, die Folgen des eigenen Handelns auf Menschenrechte und Umwelt offenzulegen.

Quote
Sanftmut des Zorns
#2  —  vor 17 Stunden 60

Mensch! Das ist ja mal eine Neuigkeit!
Sorry, aber die Zwangsarbeit ist schon seit Jahrzehnten in Europa und auch in D angekommen.
Was glaubt ihr, liebe Zeit Redakteure, wer hier unsere Häuser putzt?
Die Fußgängerzonen pflastert?
Auf dem Bau arbeitet?
Etc, ppp.? Was glaubt Ihr, wer bei den Su-sub-sub-sub-Unternehmern angestellt ist?
Was glaubt Ihr, liebe Zeit-Redakteure, welche Rechte diese Menschen auch in D schon seit Jahrzehnten genießen? Richtig: Keine.

Insofern: Guten Morgen, liebe Redaktion! Der Artikel kommt ca. 20-30 Jahre zu spät, aber immerhin: Er kommt.

Anmerkung: Bitte bemühen Sie sich um sachliche Kritik und verzichten Sie auf Übertreibungen. Die Redaktion/lh

Quote
JuJuMila
#2.1  —  vor 17 Stunden 39

Es müssen nicht einmal irgendwelche dubiosen Sub-Unternehmen sein. Schauen wir uns doch mal 1€-Jobs an. Menschen müssen tatsächlich für einen einzigen lausigen Euro pro Stunde arbeiten und wenn sie dies nicht tun, wird ihnen das Geld gestrichen was laut Gesetzgeber das Mindestmaß zum Leben hier in Deutschland ist. Na wenn das nicht moderne Sklaverei ist, dann weiß ich auch nicht. (Dazu kommt, dass wenn diese Personen dann über 100€ mit ihrem Skalvenjob kommen, nur noch 20 Cent von jedem Euro behalten dürfen)


Quote
Elddias
#2.2  —  vor 16 Stunden 10

Für 1 Euro braucht in Deutschland kein Mensch arbeiten.
Diese Milchmädchenrechnung berücksichtigt nicht, dass die Empfänger zusätzlich die üblichen Leistungen, die auch Hartz-IV-Empfängern zusteht (freie Wohnung, Heizung und ein übliches Entgelt) erhalten.
Das sollte zumindest fairerweise erwähnt werden.
Würden Sie beispielsweise zusätzlich 8 Euro bekommen, hätten sie ein höheres Einkommen wie ein Facharbeiter.


Quote
S. Hartwig
#2.3  —  vor 15 Stunden 17

Zwangsarbeit; was ist daran nicht zu verstehen?
Wenn Sie diesen 1,-€ Job ablehnen werden Sie obdachlos und zum Verhungern "sanktioniert"!
Hartz I-IV ist Sklaverei und, wen in Berlin interessiert so etwas noch, verfassungswidrig!!!

http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/ls20100209_1bvl000109.html



Quote
Renfrew
#8  —  vor 17 Stunden 10

Deutschland ist da noch eine Insel der Seligen. In Spanien, Italien und Frankreich sieht das ganz anders aus: Da gibt es die Menschen, die für 3 Euro die Stunde arbeiten (müssen).

Was aber bei uns oft und gerne vergessen wird: Auch in Kreisen von Grünen, Linken und sonstigen sogenannten "Kritikern" der gesellschaftlichen Verhältnisse wird oft versucht, die Putzfrau noch billiger zu beschäftigen, den Handwerker schwarz zu bezahlen und ihn im Preis zu drücken und T-Shirts zu kaufen, die 4 Euro kosten. So ist praktisch jeder von uns (zumindest über den Billigeinkauf) an diesen "Geschäften" beteiligt.

Quote
suchenwi
#8.1  —  vor 16 Stunden 8

Blöderweise besteht bei T-Shirts für 40€ immer noch das Risiko, dass sie unter prekären Bedingungen hergestellt wurden.


Quote
T_Binder
#8.2  —  vor 15 Stunden 1

Guter Hinweis von Ihnen.


Quote
Renfrew
#20  —  vor 17 Stunden 3

Wer sich mal in Bulgarien, Rumänien oder im Kosovo, Serbien etc. umgesehen hat, wird die deutschen Verhältnisse geradezu als paradiesisch ansehen. Dort gibt es wirklich Sklaven-ähnliche Arbeit. Bei uns ist das alles noch sehr zivilisiert, auch wenn das Einige hier nicht wahrhaben wollen.




Aus: "Die Zwangsarbeit kommt nach Europa" Alexandra Endres (16. Februar 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-02/sklaverei-fluechtlinge-tuerkei-europa-unternehmen-zwangsarbeit

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[Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl... ]
« Reply #19 on: Mai 31, 2016, 08:28:20 vorm. »
Quote
[...] Die australische Menschenrechtsorganisation Walk Free Foundation hat ihren dritten Index über die globale Sklaverei veröffentlicht. Demnach sind weltweit knapp 46 Millionen Menschen in 167 Ländern betroffen, das heißt, sie werden zur Arbeit in Fabriken, Minen oder Farmen gezwungen, sie werden für Sex verkauft oder bereits in Knechtschaft geboren.

Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der modernen Sklaven weltweit gestiegen: 2014 sind es den Angaben zufolge noch 35.8 Millionen Betroffene gewesen. Der Anstieg sei unter anderem auf eine bessere Datengrundlage zurückzuführen, sagte der Mitgründer der Menschenrechtsorganisation, Andrew Forrest.

Zugleich habe sich die Situation für zahlreiche Menschen aber auch grundlegend verschlechtert, Forrest führt dies unter anderem auf die Migration zurück: Dadurch würden die Menschen verwundbarer und gerieten so leichter in moderne Sklaverei.

In allen 167 Ländern auf der Liste habe es Anzeichen für Sklaverei gegeben, sagte Forrest. Indien sei das Land, in dem es insgesamt am meisten moderne Sklaven gebe: geschätzte 18,4 Millionen bei einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen.

Pro Kopf sei die Konzentration in Nordkorea allerdings am höchsten: Dort gilt der Erhebung zufolge einer von 20 Menschen als moderner Sklave, insgesamt seien es 1,1 Millionen.

Als Grundlage für den Index 2016 dienten 42.000 Interviews in 25 Ländern, die Gespräche wurden in 53 Sprachen geführt. Die Menschenrechtler arbeiteten dafür mit dem Meinungsforschungsinstitut Gallup zusammen. Die Daten über Nordkorea basieren zum Beispiel unter anderem auf Berichten von Flüchtlingen aus dem Land, außerdem auf Informationen, die die Menschenrechtsorganisation bei drei Besuchen im Land sammelte.

"Wir wollen, dass der Index ein Weckruf ist", sagte Forrest. "Das ist nicht HIV oder Malaria. Wir haben Sklaverei verursacht und weil sie menschengemacht ist, können wir sie auch bekämpfen."

Hier einige weitere Ergebnisse im Überblick:

    Etwa zwei Drittel aller Menschen, die laut Index als moderne Sklaven gelten, leben in Asien.

    Etwa 58 Prozent der Menschen in Sklaverei leben in fünf Ländern: Indien, China, Pakistan, Bangladesch und Usbekistan.

    Die Regierungen, die am wenigsten gegen Sklaverei in ihren Ländern tun, sind demnach Nordkorea, Iran, Eritrea und Äquatorialguinea.

    Die Regierungen, die am meisten gegen Sklaverei in ihren Ländern tun, sind dem Index zufolge die Niederlande, die USA, Großbritannien, Schweden und Australien.

aar/Reuters


Aus: "Global Slavery Index: Mehr als 45 Millionen Menschen weltweit leben als Sklaven" (31.05.2016)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/global-slavery-index-46-millionen-menschen-von-sklaverei-betroffen-a-1094975.html

Measuring the number of people in modern slavery is a difficult undertaking due to the hidden nature of this crime and low levels of victim identification. Since 2014, we have conducted 25 surveys with Gallup Inc. through their World Poll, interviewing more than 28,000 respondents in 52 languages. This year we also conducted state-level surveys in India. When these are included, we have interviewed more than 42,000 respondents in 53 different languages. The prevalence estimates in the Index are based on data from these surveys, the results of which have been extrapolated to countries with an equivalent risk profile. ... (Stand 05/2016)
http://www.globalslaveryindex.org/methodology/

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[Das Halten von Sklaven... ]
« Reply #20 on: April 19, 2017, 01:46:41 nachm. »
Quote
[...] Die "Internationale Organisation für Migration" (IOM) schlägt Alarm: Auf libyschen Marktplätzen würden öffentlich Geflüchtete aus afrikanischen Staaten verkauft. Für 200 bis 500 US-Dollar würden sie ihren "Herren" übereignet. Männer müssen schwere Arbeiten verrichten, die Frauen werden als Sex-Sklavin gehalten oder in die Prostitution verschoben. Manchmal geht es auch "nur" um Erpressung. Laut IOM gibt es diverse Zeugenberichte, in denen von Ausbeutung, Hunger, Folter und Erpressung die Rede sei. ...

Quote
    klopot, 19.04.2017 07:10

Endlich Freier Handel!

Na da haben sich die Einsätze der NATO-Flieger ja gelohnt! ...


...


Aus: "Sklavenmärkte in Libyen" Birgit Gärtner (19.04.2017)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Sklavenmaerkte-in-Libyen-3687545.html

« Last Edit: September 27, 2017, 10:00:59 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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[Das Halten von Sklaven... ]
« Reply #21 on: September 27, 2017, 10:00:22 vorm. »
Quote
[...] Padrone“ nennt Soleyman, 22, seinen Boss, dessen Namen er nicht kennt. Der Boss ist ein italienischer Bauer, der Soleyman früh morgens um vier Uhr aus dem Schlaf reißt, manchmal noch früher. Anrufe dieser Art bedeuten: Es gibt Arbeit! Im Innenhof einer stillgelegten Milchfabrik erwachen die Männer auf ihren Matratzen. Mit Fahrrädern und Mopeds schwärmen sie in alle Richtungen aus. Sie schnallen Literflaschen auf die Gepäckträger und stülpen sich Handschuhe über die rauen Hände. Zwei Dinge haben die Männer hier gemeinsam. Erstens: Sie stammen aus dem Senegal und sind auf Schlepperbooten nach Europa geflüchtet. Zweitens: Sie erledigen einen Job, den in Italien längst niemand mehr machen möchte. Sie ernten Tomaten.

Trotz steigender Automatisierung und dem Einsatz von Maschinen auf den Feldern ist die italienische Landwirtschaft auf ausländische Erntearbeiter angewiesen. Um dem Druck der Handelsketten und dem Lohndumping aus China standzuhalten, greifen Landwirte auf billige Saisonarbeiter zurück. Neben Afrikanern, die über die Mittelmeerroute nach Europa geflüchtet sind, auch auf Bulgaren und Rumänen. Die italienische Bauernvereinigung Coldiretti schätzt, dass allein in Süditalien 120.000 Migranten und Flüchtlinge arbeiten. Von einer vielfach höheren Dunkelziffer geht die italienische Gewerkschaft Flai-CGIL aus. Denn alleine in Foggia, wo Soleyman in der alten Fabrik lebt, sollen es laut CGIL 50.000 Menschen sein. In Süditalien arbeiten die Saisonarbeiter für einen Stundenlohn, der zwischen drei und vier Euro liegt, leben in Ghettos am Rande der Städte, umgeben von Feldern, auf denen sie in glühender Hitze Tomaten, Oliven, Peperoni, Melonen und Orangen ernten. Man nennt sie die neuen Sklaven Europas.

Im August, zur Hochsaison der Tomatenernte, pilgern viele von ihnen in die Provinz Foggia im Südosten Italiens. Hier, in der Region Apulien, sind die größten Tomatenplantagen des Landes zu finden. Rund zwei Millionen Tonnen Tomaten werden in Foggia jedes Jahr geerntet. Der Großteil landet auf dem europäischen Markt. Die wichtigsten Abnehmer sind Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Bei den Endprodukten handelt es sich um Konserventomaten. Laut dem italienischen Statistikamt Istat stammen die meisten Tomaten für die industrielle Verarbeitung aus Apulien. Sie landen auf Tiefkühlpizzen oder im Dosenthunfisch.

Landesweit bringt das Exporterlöse in Milliardenhöhe ein. Doch nicht alle verdienen mit am „roten Gold Apuliens“. Nur 3,50 Euro bekommt ein Erntehelfer in Foggia für das Befüllen einer Kiste, die 300 Kilogramm fasst. Das italienische Mindestgehalt für diese Form der Arbeit liegt bei 7,50 Euro pro Stunde. Das Kisten-System ist zwar illegal, aber rentabel. Die Männer arbeiten schnell, legen wenige Pausen ein und trinken nur unregelmäßig Wasser. Im August stiegen die Temperaturen in Foggia auf bis zu 45 Grad. Wer die Mittagshitze in der Region gespürt hat, der weiß, wie gefährlich es sein kann, über Stunden auf freiem Feld zu stehen.

Die Tomaten werden nicht einzeln gepflückt, sondern als Stauden aus der Erde gerissen. Dann schütteln die Arbeiter sie in kleine Körbe aus, die in regelmäßigen Abständen in die 300-Kilogramm-Kiste entleert werden. Die Kiste ist so groß, dass Gabelstapler sie auf die Trucks laden müssen, die auf Feldwegen direkt zum Acker fahren. Ist der Truck voll, werden die Arbeiter zu einem neuen Feld gebracht.

Auf den dreckigen Matratzen in den Ghettos rund um die Stadt ruhen sich junge Männer aus Nigeria, Gambia, Senegal oder Ghana aus, die erzählen, dass sie unter diesen Bedingungen zehn Plastikkisten am Tag gefüllt haben. Das sind 3.000 Kilogramm Tomaten. Am Ende des Tages bekommen die wenigsten ihr Geld bar auf die Hand. Die Männer beklagen, dass ihre „Padroni“ sie über Wochen nicht bezahlt haben. Wer keine Papiere hat oder wessen Aufenthaltsstatus unklar ist, der ist erpressbar.

Dazu kommt die strenge Hierarchie im Ghetto, der sich die Arbeiter fügen müssen. Die Sozial- und Kulturanthropologin Elettra Griesi von der Universität Innsbruck, die über Erntehelfer in Apulien forscht, spricht von einer „Ausbeutungspyramide“. Ganz oben stehen die Supermarktketten und Großhändler, dann kommen die Landwirte, ganz unten sind die Erntehelfer. Dazwischen stehen die sogenannten „Caporali“, Mittelsmänner aus den migrantischen Gemeinschaften, die den italienischen Bauern billige Arbeitskräfte beschaffen. Sie alle sind voneinander abhängig und möchten sich Eigengewinne sichern. Ganz unten bleibt nicht mehr viel übrig. „Es sind die ausländischen Erntearbeiter, die bei diesem wirtschaftlichen Prozess alles zu verlieren haben“, sagt Griesi. „Sie sind von der Ausbeutung und Exklusion am stärksten betroffen.“

Daraus hat sich ein Geschäftsmodell entwickelt. Früher standen die Caporali selbst auf den Feldern, jetzt haben sich viele hochgearbeitet und verdienen am System mit: 50 Cent für jede geerntete Kiste und fünf Euro pro Arbeiter für die Fahrt auf die Felder. Die „Capos“ sind die „Kings of Slaves“, die „Big Bosses“ im Ghetto. Sie koordinieren nicht nur den Arbeitsmarkt, sondern auch den Drogenhandel, die Prostitution und die Shops und Bars im Lager. „Ohne Capos keine Arbeit“, sagt Jurist und Flai-CGIL-Gewerkschafter Raffaele Falcone.

Falcone, 28, lenkt seinen Wagen über eine holprige, unbefestigte Straße. Das Zentrum der Stadt Foggia, wo sein Büro liegt, hat er längst hinter sich gelassen. Zehn Kilometer außerhalb, mitten in der Peripherie, dort, wo selbst der Kartendienst auf dem Smartphone keine Straßen mehr anzeigt, beginnt die Produktionskette der italienischen Tomaten. Hier draußen begegnet man nur zwei Sorten von Autos: Riesigen Trucks, die bis zu vier Reihen Plastikkisten voller Gemüse geladen haben. Und weißen, klapprigen Minivans, in die sich zehn oder mehr schwarze Männer gezwängt haben. Autos fahren im Ghetto nur die Caporali. Am Horizont, wo die Hitze am Asphalt flimmert, erscheint etwas, das auf dem ersten Blick wie das Gelände eines Festivals aussieht. Bald sind Laternen, dann kleine quadratische Container, dann schiefe Holzhütten erkennbar. Was früher ein Militärflughafen war, ist jetzt Wohnort der Erntearbeiter, weit weg von der Stadt, wo sie niemand sieht. Mit 2.000 Bewohnern, darunter 150 Frauen, ist Borgo Mezzanone das größte von rund acht Ghettos rund um Foggia. Während die Männer auf den Feldern arbeiten, verkaufen viele der Frauen ihren Körper. Sie sitzen auf Plastikstühlen entlang der Schnellstraßen von Foggia. Zehn Euro zahlen die Arbeiter am Abend in den Bars und Discos des Ghettos für Sex mit diesen Frauen.

Die Arbeiter leben in alten Wohnwagen und Holzverschlägen, die sie sich aus Karton, Pressspanplatten und Plastikplanen zimmern. Wer schon länger hier ist, hat Platz in einem der Ein-Raum-Container gefunden, die aus der Zeit des Militärflughafens stammen und in denen je bis zu zehn Männer schlafen. Als „hoch militarisiert“ beschreibt Gewerkschafter Falcone die Hierarchie im Ghetto. In den Containern, wie sie einst die italienische Armee nutzte, leben heute billige Rekruten für die Felder.

Auch Soleyman, der junge Senegalese, arbeitet unter diesen Bedingungen. Der Unterschied: Er fährt mit dem Rad zu den Feldern oder wird direkt von seinem „Padrone“ abgeholt. Gemeinsam mit 200 Männern hat er sich in der alten Fabrik niedergelassen, um möglichst unabhängig zu sein. Der erste Schritt, um sich von einem Caporali zu lösen, ist ein Fahrrad. So sparen sich die Männer die Pauschale für den Transport, immerhin fünf Euro am Tag. In den hohen Räumen der Fabrik, in denen der Verputz von den Wänden blättert, reparieren sie die Schläuche ihrer Mountainbikes, um sie für den nächsten Tag einsatzfähig zu machen. Ein Fahrrad oder ein Moped bedeutet in Foggia ein Stück Freiheit vom Caporali. Doch vor der Ausbeutung schützen sie nicht.

Gewerkschafter Falcone sitzt auf einer Couch in der Fabrik, nippt an einem Schwarztee mit Zucker und überfliegt Listen, in denen die Männer ihr Tagespensum eintragen. Dort steht vermerkt, dass die Arbeiter Sieben-Tage-Wochen hinter sich haben, in denen sie bis zu 17 Kisten füllten. Viele von ihnen sprechen Deutsch und sagen „weißte“, weil sie etwa zwei Jahre in München oder Frankfurt gelebt haben. Sie haben die Flucht über das Mittelmeer überlebt, in Aufnahmezentren auf Lampedusa und Sizilien festgesessen, haben es nach Deutschland geschafft und werden jetzt, zurück in Italien, als menschliche Erntemaschinen benutzt. ...


Aus: "Sie schürfen rotes Gold" Franziska Tschinderle (06:00 26.09.2017, Ausgabe 35/2017)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/sie-schuerfen-rotes-gold

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[Das Halten von Sklaven... ]
« Reply #22 on: Juli 01, 2018, 10:16:57 nachm. »
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[...] „Erdbeeren ohne Sklaverei“, rufen die Frauen, „aber mit Rechten für die Pflückerinnen.“ Hunderte von wütenden Feldarbeiterinnen marschieren durch die südspanische Stadt Huelva, in deren Umgebung die größten Erdbeerfelder des Kontinents liegen. Ein Heer von Marokkanerinnen erntet die roten Früchte, die nach ganz Europa exportiert werden. Deutschland ist der größte Abnehmer.

Im Jahr 2017 exportierte Spanien Erdbeeren im Wert von rund 500 Millionen Euro. Doch das Geschäft mit den süßen Früchten, die in Südspanien fast das ganz Jahr in Gewächshäusern und unter Plastikplanen reifen, hat Schattenseiten.

Die Saisonarbeiterinnen beklagen Lohnbetrug, miserable Arbeitsbedingungen und sexuelle Übergriffe durch Vorarbeiter und Plantagenbesitzer. „Oft wird dieser Missbrauch nicht angezeigt“, sagt Pastora Filigrana, Rechtsanwältin der Landarbeitergewerkschaft SAT. Die Dunkelziffer sei vermutlich groß. „Die Betroffenen haben Angst.“

Angst vor der Schande. Wenn in ihrer marokkanischen Heimat der sexuelle Missbrauch bekannt wird, müssen die Frauen nach Rückkehr damit rechnen, verstoßen zu werden. Und auch Angst, wegen Aufmuckens den Job zu verlieren. Ein Job, mit dessen Erträgen die meist verheirateten Erntehelferinnen ihre Familien auf der anderen Seite des Mittelmeeres durchbringen müssen. „Sie drohen uns, dass wir im nächsten Jahr nicht mehr wiederkehren dürfen“, empört sich eine marokkanische Arbeiterin Nahed bei der Kundgebung in Huelva. Sie kommt seit 13 Jahren jedes Jahr zum Pflücken nach Spanien – doch nun reicht es ihr.

Rund 40 Euro brutto beträgt der offizielle Lohn pro Arbeitstag – theoretisch. „In den meisten Fällen wird der Tarifvertrag nicht erfüllt“, berichtet eine von Naheds Kolleginnen auf der Protestveranstaltung. Inspektoren der Arbeitsbehörden oder die Polizei ließen sich nur selten auf den Plantagen blicken.

Mindestens 15.000 marokkanische Frauen arbeiten auf den Erdbeerfeldern, die sich über eine Fläche von 50 Quadratkilometern rund um die andalusische Provinzhauptstadt Huelva erstrecken. Auch wenn der Lohn niedrig ist: Sie verdienen immer noch ein Vielfaches dessen, was sie in der marokkanischen Heimat für Feldarbeit erhalten würden.

Die meisten wohnen auf den Plantagen, nicht wenige in Elendsunterkünften ohne fließendes Wasser. Oft liegen die Unterkünfte isoliert, weitab von den Dörfern, ohne Transportanbindung. Gewerkschaftschef Oscar Reina spricht von „unmenschlichen Zuständen“, die zuweilen an eine Art Gefangenschaft erinnern und Ausbeutung sowie sexuellen Missbrauch begünstigten.

Nun haben zehn Marokkanerinnen ihre Angst überwunden und bei der Polizei Anzeige wegen sexuellen Aggressionen und fehlenden Lohnzahlungen erstattet; vier spanische Pflückerinnen schlossen sich an. In früheren Jahren gab es bereits ähnliche Anzeigen von den Saisoarbeiterinnen. Doch die Beschuldigten hatten bisher wenig zu befürchten.

Meist wurden die Ermittlungen wieder eingestellt. „Es existiert quasi ein rechtsfreier Raum“, sagt Anwältin Filigrana.

Eines der wenigen Gerichtsverfahren, das mit der Verurteilung eines Fincabesitzers und seiner beiden Söhne wegen Misshandlung und Missbrauchs von Arbeiterinnen endete, gab einen Einblick in die Abgründe, die sich auf den Feldern auftun können: „Wenn du arbeiten willst, musst du mit mir ins Bett gehen"“ lautete die aktenkundige Drohung gegenüber den Erntehelferinnen.

Das war bereits vor fünf Jahren. Aber solche Fälle gebe es auch heute noch, versichert die Gewerkschaft SAT. Sie bietet nun jenen Frauen, die vor kurzem mit ihren Klagen an die Öffentlichkeit gingen und wenig später Drohungen erhielten, Rechtsbeistand und Schutz.

Der örtliche Bauernverband Interfresa versprach, die Anzeigen der Frauen ernst zunehmen. Er will als Nebenkläger gegen die beschuldigten Plantagenbesitzer vorgehen und kündigte „Null Toleranz“ an. Ein Sprecher verwahrte sich aber dagegen, die Vorfälle zu verallgemeinern und die ganze Erdbeerbranche zu verurteilen. „Wenn es so schlimm wäre“, heißt es beim Verband, „würden doch nicht so viele Saisonarbeiterinnen jedes Jahr wiederkommen.“

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bmkt 16:45 Uhr
Das humanistische Europa von seiner schönsten Seite.

Und uns wollen Politiker immer noch weiß machen, die günstigen Lebensmittelpreise lägen ausschliesslich an den offenen Grenzen in Europa.
2 €/ Stunden für den rumänischen Schlachter, oder fürs bulgarische Zimmermädchen?
Dazu muss man nicht nach Südspanien fahren.  ...



Aus: "Proteste von Marokkanerinnen Pflückerinnen fühlen sich in Spanien wie Sklaven" Ralph Schulze ()
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/proteste-von-marokkanerinnen-pflueckerinnen-fuehlen-sich-in-spanien-wie-sklaven/22755854.html

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[Das Halten von Sklaven... ]
« Reply #23 on: Juni 28, 2020, 11:08:44 vorm. »
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[...] Dass Menschen auf seine Worte, empfindlich reagieren, ist Peter Kossen gewöhnt. Diese Woche war es wieder soweit. Da war der Pfarrer in der Talksendung „hart aber fair“ zugeschaltet. Thema: Die Zustände in der Fleischindustrie.

Kossen mit seinem weißen Pastoren-Kollar sprach in Bezug auf die Subunternehmer, die sich in der Branche tummeln, von „organisierter Kriminalität“ und „moderner Sklaverei“. Der Vertreter der Ernährungsindustrie konnte es nicht fassen: „Der Sklavereivergleich ist ja wieder typisch. Entweder es kommt ein Nazi-Vergleich oder ein Sklavereivergleich“, empörte er sich.

Doch Kossen hat Gründe für seine Wortwahl. Der Pfarrer, Jahrgang 1968, kämpft seit Jahren gegen die miserablen Bedingungen für Arbeitsmigranten, speziell in der Fleischindustrie.

Jetzt in der Coronakrise ist das Thema so stark in den Fokus gerückt wie noch nie. Nachdem sich Schlachthöfe und Fleischkonzerne wie Tönnies zu Corona-Hotspots entwickelt haben, wird plötzlich genau hingeschaut: Warum hat das Virus gerade dort leichtes Spiel?

Kossen ist Pfarrer in Lengerich, einem Ort in der Nähe von Osnabrück in Nordrhein-Westfalen. Die Gegend ist bekannt dafür, dass dort besonders viele Arbeitsmigranten aus Bulgarien und Rumänien tätig sind. Allein in Lengerich mit seinen 22.000 Einwohnern arbeiten laut Kossen 1100 von ihnen.

Der Pfarrer ist häufig in Kontakt mit den Betroffenen, aber auch mit Gewerkschaften und Verbänden. Sein Bruder, der Arzt ist, behandelt immer wieder Arbeiter. In seinen Gesprächen bietet sich Kossen ein düsteres Bild.

Angestellt sind die Arbeitsmigranten meist als Werkvertragsarbeiter – das heißt, die Firma lagert einen Teil der Produktion an einen Subunternehmer aus, der dafür wiederum die Arbeiter zur Verfügung stellt. „Oft arbeiten sie sechs Tage die Woche, zehn bis zwölf Stunden“, sagt Kossen am Telefon.

Höchstarbeitszeiten würden ignoriert. Die Arbeit sei nicht nur körperlich schwer, auch psychisch sei es belastend, wenn pro Tag in der Fabrik 20 000 Schweine getötet und zerlegt werden müssten. „Die Leute haben keine Möglichkeit, Deutsch zu lernen, und sind abhängig vom Vorarbeiter“, berichtet Kossen.

Von seinem Bruder erfährt er, dass die Arbeiter, die zum Arzt gehen, unter Schnittverletzungen, Haltungsschäden und Verätzungen durch Reinigungsmittel litten, weil es nur unzureichend Schutzkleidung gebe.

Dazu kämen die Lebensumstände. Oft seien die Arbeiter in Sammelunterkünften untergebracht, wo sie in überbelegten und zum Teil verschimmelten Zimmern hausten. Die sanitären Anlagen seien häufig dürftig oder defekt. Trotzdem müssten die Arbeiter für einen Schlafplatz nicht selten 250 Euro im Monat zahlen – auch wenn sie sich eine Matratze im Schichtbetrieb mit anderen teilten.

Anfangs hätten viele erst mal Schulden, weil sie für Transport nach Deutschland, Schutzkleidung oder Vermittlung Geld zahlen müssten. „Sie müssen das dann abarbeiten und bekommen über Monate nicht den Lohn, der ihnen zusteht“, sagt Kossen. Wenn er davon erzählt, verwendet er Worte wie „Schuldsklaverei“, aber sein Ton bleibt ruhig.

Auch wenn die Arbeitsumstände kein Geheimnis sind, ist Kossens Öffentlichkeitsarbeit manchen ein Dorn im Auge. Früher, als er noch auf einer „repräsentativeren Stelle“ in der Kirchenhierarchie angestellt war, da hätte auch die Wirtschaft versucht, über seine Vorgesetzten Druck auf ihn auszuüben, sagt er.

Der Bischof war wenig begeistert. Seitdem er nicht mehr so wichtig ist, lässt man ihn laufen. Aber aus Kossens Sicht müssten sich die Kirchen viel deutlicher zugunsten der Arbeitsmigranten politisch positionieren. „Auch auf die Gefahr hin, dass man Kirchensteuerzahlern auf die Füße tritt.“

Wenn Kossen manchmal in seinen Predigten von den Bedingungen spricht, unter denen Leiharbeiter oder Beschäftigte in Werkverträgen leiden, dann gebe es viele, die sein Engagement richtig fänden, sagt er. „Andere fragen, ob das in meinen persönlichen Kompetenzbereich fällt.“

Er hat auch den Fall erlebt, da sei nach der Predigt ein sehr ärgerlicher Unternehmer zu ihm gekommen. Dieser hätte in seiner Produktion im Baugewerbe auch viele Arbeiter von einem Personaldienstleister angestellt. „Der fühlte sich persönlich angegriffen“, sagt Kossen.

Dass mittlerweile über ein Verbot von Werkverträgen in der Fleischbranche nachgedacht wird, begrüßt Kossen. Er glaubt aber, dass das nicht reicht. Erstens sei die Fleischindustrie nicht die einzige Branche, in der es so laufe.

Im Versandhandel gebe es ähnliche Tendenzen. Zweitens gehe es aber auch um eine grundsätzliche Haltung. „Wie schauen wir diese Leute an: Als Billiglöhner, die froh sein sollen, dass sie bei uns überhaupt einen Job finden? Oder als Mitmenschen, denen wir die Möglichkeit geben sollten, die deutsche Sprache zu lernen?“

Es habe auch mit Rassismus zu tun, wenn man denke, die Arbeitsmigranten könnten froh sein, überhaupt einen Job zu haben.

Kossen glaubt, dass viele Menschen bislang vor den Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie die Augen verschlossen, weil sie geahnt haben, dass sie sonst auch ihre Art von Konsum infrage stellen müssen. „Konsum, der auf dem Rücken von Natur, Mensch und Tieren ausgetragen wird und wo der Wert eines Produktes nicht im Kaufpreis abgebildet ist“, sagt Kossen.

Ob die Coronakrise auch diesen Bewusstseinwandel fördert, wird sich zeigen. Erst mal findet Kossen, dass der Staat menschenwürdige Wohnungen für die Arbeiter bauen müsste – so wie einst die Zechensiedlungen im Ruhrgebiet.



Aus: "Wut auf Tönnies: Was ein Pfarrer erlebt, der sich mit der Fleischindustrie anlegt" Maria Fiedler (27.06.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/wut-auf-toennies-was-ein-pfarrer-erlebt-der-sich-mit-der-fleischindustrie-anlegt/25954436.html

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ford_perfect 09:56 Uhr

Clemens Tönnies ist halt ein "guter Katholik"

    Auch wenn die Arbeitsumstände kein Geheimnis sind, ist Kossens Öffentlichkeitsarbeit manchen ein Dorn im Auge. Früher, als er noch auf einer „repräsentativeren Stelle“ in der Kirchenhierarchie angestellt war, da hätte auch die Wirtschaft versucht, über seine Vorgesetzten Druck auf ihn auszuüben, sagt er. Der Bischof war wenig begeistert.

Clemens Tönnies ist das, was man in Ostwestfalen für einen "guten Katholiken" hält. Er dürfte regelmäßig in die Kirche gehen, zahlt von seinem hohen Einkommen Kirchensteuer, und zudem ist er vermutlich auch sonst "spendabel".

...


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Weberkarde 09:46 Uhr

Keine Ahnung, aber davon ganz viel: Die "verdienen" offiziell den Mindestlohn, müssen aber meist 2-4 Stunden länger pro Tag arbeiten, an 6 Tagen in der Woche. Für eine ranzige Bettstatt, das u.U. im Schichtbetrieb belegt ist, in einem Schimmelzimmer und abgewrackten Sanitäranlagen werden ihnen gleich bis zu  250 € vom Lohn abgezogen, ebenso müssen sie die Fahrt zu ihrer Arbeit bezahlen, ebenso ihre Arbeitskleidung, Schutzkleidung wird ihnen kaum gestellt. Für die Einreise nach Deutschland müssen sie auch bezahlen und wie man diese Typen kennt, zahlen sie keine Flixbuspreise, sondern ihnen werden horrende Fahrtkosten in Rechnung gestellt (das kennt man auch vom Menschenhandel mit Frauen), so dass sie monatelang überhaupt kein Geld bekommen.
Man kann mit Fug und Recht von Sklaverei reden.


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KarlJuni 09:40 Uhr

Wurum unterhält dieser Staat Gewebeaufsichtsämter? Warum gibt es Berufsgenossenschaften oder Gewerkschaften? Oder kann man diesen Pseudovereinen Totalversagen unterstellen und sie dienen lediglich der Versorgung von verdienten Parteikadern. Seit Jahren sind angeblich Mißstände bekannt  ...


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CaliGuy 08:42 Uhr

Die Rumänen und Bulgaren, die ein der westfälischen Fleischindustrie arbeiten, sind in ihrer überwiegenden Mehrheit orthodox. Pfarrer Kossmer ist für deren Seelenheil gar nicht zuständig.
Aber die Kirche kümmert sich ja gerne um die für die sie nicht zuständig ist, kein Wunder, dass ihr darüber die Kirchensteuerzahler verloren gehen.
Sicherlich sind die Zustände in der deutschen Fleischindustrie nicht  schön. Gleich die Sklaverei-Karte auszuspielen ist bisschen billig. In Rumänien oder Bulgarien verdienen Metzger 500 Euro pro Monat. Bei Tönnies dürfte es auch im Werkvertrag das Doppelte und Dreifache sein.
Die Unterkunft kostet bis zu 250 Euro. Wo gibt es denn Monteurszimmer für 8,30 Euro pro Nacht?
Die Grünen haben in Deutschland je nach Zeitpunkt von Umfragen einen politischen Marktanteil von zehn bis zwanzig Prozent.
Biofleisch hat in Deutschland einen Marktanteil von unter zwei Prozent.
Würden allein die, die grün reden, grün handeln, sähe die Fleischindustrie anders aus. Kossmer wäre besser beraten, seinem verlogenen grünen Publikum die Leviten zu lesen, als die Fleischindustrie madig zu machen.


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pinke 10:20 Uhr
Antwort auf den Beitrag von CaliGuy 08:42 Uhr

Monteurzimmer?

    Die Unterkunft kostet bis zu 250 Euro. Wo gibt es denn Monteurszimmer für 8,30 Euro pro Nacht?

ist das noch Zynismus oder schon reine Menschenverachtung?

    In Rumänien oder Bulgarien verdienen Metzger 500 Euro pro Monat. Bei Tönnies dürfte es auch im Werkvertrag das Doppelte und Dreifache sein.

Doppelschichten, für 1500€ ? das bezeichnen Sie als gerecht? Das ist harte Arbeit!


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Hasstroll1 10:24 Uhr
Antwort auf den Beitrag von CaliGuy 08:42 Uhr

Die Kirche ist die letzte institutionelle Säule der Solidarität und wenn der Pfarrer nicht müde wird Unrecht anzusprechen, dann ist das gut so. Sie relativieren hingegen kleingeistig alles. Pfarrer nicht zuständig, Prima, ein Monteurszimmer für 8,30 (... aber es stehen 4 Hochbetten drin, also 2000.- mntl). Und  dann wieder der aus der Luft gegriffene Vergleich mit bulgarischen Löhnen, die eben nicht vergleichbar sind. Nichts als Existenznot treibt Menschen in knochenharte und mies bezahlte Jobs, bei denen man sich in Sammelunterkünften noch die Matratze teilen muss.


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kleopatra 07:44 Uhr

Das hat sich über längere Zeit entwickelt. Es war schon unter der rot-grünen Koalition ein politisches Ziel, einen ausgedehnten Niedriglohnsektor zu schaffen (Schröder hat das als einen großen politischen Erfolg gesehen), und auch Leiharbeit galt als Wunderwaffe gegen Arbeitslosigkeit. Dass in Deutschland die "Preissensibilität" der Konsumenten bei Lebensmitteln besonders hoch ist, ist ein unter Kaufleuten bekanntes nationales Spezifikum.
Solange in der EU die Arbeitskräftemobilität gilt, kann man Osteuropäern nicht verwehren, in der deutschen Schlachtbranche zu Bedingungen zu arbeiten, die sich ein deutscher Arbeiter nicht bieten lassen wollen würde. Das extreme Gefälle der Lohnhöhen sorgt dafür, dass für die vielzitierten Rumänen und Bulgaren auch ein schlechtbezahlter Arbeitsplatz in Deutschland die bessere Alternative ist.
Es gibt viele Bereiche, in denen wohlhabende Bürger der ehemaligen Weststaaten der EU von der Arbeitswilligkeit (zu Niedriglöhnen) der Menschen aus Osteuropa oder dem Balkan profitieren. Gemüseanbau ist ein weiteres Beispiel, privat organisierte Altenpflege ebenfalls. Das soziale Gefälle ist entsprechend, aber in diesen Feldern regt der grüne Bobo sich nicht so sehr auf, denn hier geht es um die eigenen Interessen bzw. den eigenen Edelkonsum (Stichwort Spargel!), während Tönnies für die von echten Grünen verachteten einheimischen Proletarier produziert.


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Garzauer 27.06.2020, 18:54 Uhr

Wenn die Pfarrer und die Kabarettisten wieder anfangen den Job der Presse und der Verwaltung zu machen und gesellschaftliche Mißstände offenzulegen und anzuprangern, dann ist das ein sicheres Zeichen dafür dass die BRD im Jahre 2020 dort steht, wo die DDR im Jahre 1988 stand. Nämlich kurz vor dem wirtschaftlichen, politischen und sittlichen Offenbarungseid. 


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Ralf196019 27.06.2020, 17:57 Uhr

Es wir wieder einmal eine verlogene Diskussion, wir sprechen bei der Veränderung in der Fleischindustrie von höheren Fleischpreisen. In Maßen gerne! Aber wir sollten bedenken das Herr Tönnies Milliardär geworden ist mit der Ausbeutung von Menschen. Er ist doch für die Verhältnisse in seinem Betrieb verantwortlich. Es sind einzelne Schuld durch Gier und nicht der Verbraucher und die Mitarbeiter.


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Babsack 27.06.2020, 18:51 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Ralf196019 27.06.2020, 17:57 Uhr

So ist es. Aber Politiker haben mit Milliardären ihre Probleme, da die es meist verstehen ihre Trümpfe auszuspielen in Form von Arbeitsplatzerhaltung ect. ...


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Boandlgramer 27.06.2020, 16:41 Uhr

Nicht davon ist neu, das weiß man seit es diese Werkvertragskonstruktionen gibt. Es ist auch bekannt, dass Deutschland unter anderem wegen dieser Branchen Exportweltmeister ist.
Es hat nur bisher keinen interessiert, weil's halt Bulgaren und Rumänen sind und sich der deutsche Bürger gerne sagt, dass die doch froh sein sollen, dass sie überhaupt eine Arbeit haben.
Bei den Schlachtern wirkt das jetzt ein wenig eklig, aber die Saisonarbeiter, etwa beim Spargel, arbeiten unter ähnlichen Bedingungen. Die Pflegekräfte aus Osteuropa - vor allem die, die hier dann von vermeintlich seriösen Pflegediensten vermittelt werden - arbeiten auch unter extrem schlechten Bedingungen.
Amazon karrt die Packer in der Weihnachtszeit aus Osteuropa heran - und bringt die in Gemeinschaftsunterkünften unter. Und dann wären da noch die zwangsprostituierten Mädchen in den All-you-can-fuck-Puffs...

Das ist alles da - und ein Teil des Wohlstands. Deswegen gab' es da nie Resonanz, wenn das mal wieder irgendwo aufpoppte... Weil wir hier in Deutschland so tun, als könnte jeder richtige Entscheidungen treffen. Aber das stimmt schon für unsere eigenen Armen nicht, erst recht nicht für die auswärtigen Armen.

Ernstgemeinten Humanismus gibt es nicht umsonst. ...


...