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Author Topic: [Der ITS... (Holocaust-Archiv)]  (Read 7825 times)

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Textaris(txt*bot)

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[Der ITS... (Holocaust-Archiv)]
« on: March 14, 2006, 10:04:38 AM »

Quote
[...] Der ITS ist eine Gründung aus der Zeit des 2. Weltkriegs, ursprünglich von den Alliierten ins Leben gerufen, um Informationen über das Millionenheer der von den Nazis verschleppten, in den KZs ermordeten, zur Arbeit gezwungenen Opfer zu sammeln. Zu den "Urbeständen" des Archivs gehören die Personenakten, die in den Nürnberger Prozessen als Beweismaterial dienten. Im Lauf der Jahrzehnte kamen Hunderttausende von Rentendokumenten, Arbeitsbüchern und Melderegistern der Kommunen hinzu, einschließlich derer aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. In der Zentralen Namenskartei, dem Herzstück des Archivs, finden sich heute 45 Millionen Einträge zu 17 Millionen Verfolgten. Noch immer wächst der Bestand.

Der ITS hat stets betont, dass Hilfe für die Verfolgten des NS-Regimes im Zentrum seiner Aktivitäten stehe. Aber eine Öffnung der Archive für die historische Forschung wird hierdurch nicht ausgeschlossen, dies umso mehr, als mit dem Abschluss der Entschädigungsverfahren keine großen Suchaufgaben mehr auf den ITS zukommen werden. Die Leitung des ITS weist jeden Vorwurf, auf seiner Politik der geschlossenen Aktenschränke zu beharren, weit von sich. Man würde gerne, aber die Konstruktion des ITS lasse es nicht zu. Diese Konstruktion ist tatsächlich ein monströses Überbleibsel der Nachkriegszeit. Elf Nationen, darunter die Siegermächte, aber auch Deutschland und Italien, bilden die Internationale Kommission, ohne deren einstimmiges Votum die Satzung des ITS nicht verändert werden kann. Die aber schreibt vor, dass jede Information unterbleiben müsse, "which might prejudice the interests of the person or persons concerned or their relatives". Aus dieser Bestimmung hat der Rat der elf abgeleitet, dass Auskünfte nur an Opfer und an Behörden der an der ITS-Konstruktion beteiligten Staaten weitergegeben werden dürfen.

Die Tagungen dieses Rates sind geheim, sodass unbekannt bleibt, warum die Satzung bislang nicht zugunsten einer offenen Forschungstätigkeit geändert worden ist. In der Vergangenheit wurde argumentiert, eine Öffnung könne dazu führen, das der Datenschutz für "Dritte", in den Dokumenten Genannte verletzt, dass Informationen bekannt würden, die in die geschützte Persönlichkeitssphäre der Opfer gehörten, zum Beispiel Krankheiten, oder dass Fälle bekannt würden, wo die Opfer gleichzeitig Täter waren, zum Beispiel als Spitzel oder Denunzianten.

[...] Das Auswärtige Amt sieht der bevorstehenden Tagung der Internationalen Kommission des ITS optimistisch entgegen. Ist doch im Juni 2005 eine Arbeitsgruppe eingerichtet worden, um alle bestehenden Bedenken auszuräumen. Ausdrücklich bekennt sich das AA zur Öffnung der Archive. Aber wo sitzen dann die Saboteure? Das Beste wäre es, diesen ganzen Knoten durchzuhauen, die Konstruktion aufzulösen und den ganzen Bestand dem Bundesarchiv zu überantworten. Dann wären die Rechtsstandards ebenso gesichert wie eine fachgerechte Archivierung des historischen Materials, die bislang unterblieben ist.

Geht es hier nur um Begehrlichkeiten von Wissenschaftlern? Keineswegs. In der Bundesrepublik weitet sich die Kluft zwischen den diversen Formen symbolischer Erinnerung und der weiteren wissensgestützten Arbeit mit und an der NS-Vergangenheit. Arolsen mit seinem immensen Fundus an konkreten, die Unterdrückung und das Leiden behandelnden Dokumenten wäre endlich zu erschließen.


Aus: "Geheime Tagungen - Werden die Archivbestände des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen endlich der Forschung zugänglich gemacht?" von CHRISTIAN SEMLER (taz vom 13.3.2006, S. 16, 158 Z.)
Quelle: http://www.taz.de/pt/2006/03/13/a0216.1/text

« Last Edit: March 29, 2007, 11:21:17 AM by Textaris(txt*bot) »
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Textaris(txt*bot)

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[25.100 laufende Meter Akten]
« Reply #1 on: March 14, 2006, 10:14:39 AM »

Quote
[...] Das Archiv des ITS, des International Tracing Service, im hessischen Städtchen Arolsen ist die weltweit bedeutendste Dokumentensammlung zum nationalsozialistischen Lagersystem, ja das größte NS-Archiv überhaupt.

Doch im Gegensatz zu den Akten der Täter im Berlin Document Center sind die Akten der Opfer in Arolsen seit Jahrzehnten für die historische Forschung unter Verschluss.

Begründet wird dies damit, dass der ITS ein ausschließlich humanitäres Mandat habe, deshalb also nur Anfragen von Opfern bearbeiten könne. Dabei sind es gerade auch die Opferverbände, wie der FNDIRP in Paris, die eine sofortige Öffnung des Archivs für die Forschung fordern.

Bewacht wird das Archiv von einem geheimnisvollen Internationalen Ausschuss in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz in Genf, der das Licht der Öffentlichkeit zu scheuen scheint.


Seit Jahren schon wird angekündigt, "demnächst" eine Zugangsregelung für Historiker zu schaffen. Doch nichts geschieht.

Der Politologe Frank-Uwe Betz beschreibt diesen lang währenden Skandal. Er hat schon im Herbst 1995 einen Appell zur Öffnung des Archivs initiiert, der von zahlreichen Wissenschaftlern unterzeichnet wurde.


Aus: "Größtes NS-Archiv der Welt endlich öffnen!" (Die Zeit; 2005)
Quelle: http://www.zeit.de/2005/20/its_appell

-.-


Quote
[...] Die Stationen der Verfolgung und des Leidens vieler von ihnen sind in Akten verzeichnet worden, die im Archiv des International Tracing Service (ITS), des Internationalen Suchdienstes, in dem alten Residenzstädtchen Bad Arolsen, 30 Kilometer westlich von Kassel, erhalten sind. Es ist das weltweit größte Archiv über das nationalsozialistische Lagersystem, ein einzigartiges Gedächtnis der Zeitgeschichte. Die Hauptkartei enthält circa 47 Millionen Einzelhinweise auf über 17 Millionen NS-Opfer, sein Dokumentenbestand umfasst über 25.100 laufende Meter Akten. Darunter befindet sich übrigens auch ein inzwischen weltberühmtes Dokument: Schindlers Liste.


Aus: "Das andere Mahnmal - Während in Berlin mit einem monumentalen Stelenfeld des Holocaust gedacht wird, scheint man im größten NS-Archiv der Welt kein Interesse an der historischen Aufklärung jener Zeit zu haben" Von Frank-Uwe Betz (DIE ZEIT 19.05.2005 Nr.21)
Quelle: http://www.zeit.de/2005/21/ITS_neu
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Textaris(txt*bot)

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[über die Tiefe der Verstrickung]
« Reply #2 on: March 14, 2006, 10:25:09 AM »

Quote
[...] Majer Szanckower: „Ich glaube, geschützt werden die Daten der Täter und man hat Angst, dass Daten an die Oberfläche kommen, die für manch einen vielleicht unangenehm sind.“

Verbergen sich in den Millionen von Personendaten vielleicht auch bisher unentdeckte Nazi-Täter? Ist das vielleicht ein Grund, weswegen man Forscher lieber aussperrt? Für den Leiter des Archivs Charles Biedermann sind das abwegige Spekulationen.

Charles Biedermann: „Also, wenn Täter da drin wären, dann wären das nur Täter, die sich versteckt als Opfer ausgegeben haben nach dem Krieg. Also, wir haben keine Täter während des Krieges und wir haben auch keine Täter, die nach dem Krieg als solche erkannt worden sind, hier gelagert, weil das gar nicht unser Mandat ist. Wir haben gar keinen Grund, solche Akten hier zu haben.“

Wir dürfen uns einige Akten aus den Konzentrationslagern ansehen. Die Nazis haben über ihre Verbrechen genauestens Buch geführt. Und natürlich haben die Täter ihre Morde abgezeichnet. Auf Nachfrage kommt der Archivleiter in Erklärungsnot.

Charles Biedermann: "„Das ist vielleicht aus der Optik - wenn ich an die ganz wenigen Namen (denke), die auf den personenbezogenen Akten der Verfolgten sind, und die nicht zugänglich sind, kann man das als Täterschutz interpretieren.“

Paul Shapiro leitet die Forschungsstelle im Holocaust Memorial Museum in Washington. Zur Zeit ist er gerade in Budapest. Dort kann er frei in den Archiven forschen, so wie in ganz Europa. Nur in Bad Arolsen hat er keinen Zugang.

Paul Shapiro: „Ich denke, problematischer als die Tatsache, dass man jetzt 20 Jahre darüber spricht, ob das Archiv geöffnet werden kann, ist, dass es seit acht Jahren die verbindliche Verpflichtung gibt, das Archiv zu öffnen. Aber acht Jahre sind vergangen und nichts ist passiert.“

Warum nicht? Weil ein Internationaler Ausschuss aus 11 Ländern, der seit den 50er Jahren für das Archiv zuständig ist , sich hinsichtlich des Datenschutzes nicht einigen kann. In anderen Archiven hat man Lösungen für den Schutz von Persönlichkeitsrechten gefunden - zum Beispiel durch die Schwärzung von Namen. In Bad Arolsen macht sich die Archivleitung mit der Begründung, dass man ja nur von den wenigsten Personen wisse, ob sie wirklich tot seien, für eine besonders strenge Auslegung des Datenschutzes stark.

Charles Biedermann: "Von alle anderen, das ist der größte Teil, wissen wir nicht, ob sie verstorben sind oder noch leben. Und da spielt natürlich der Datenschutz eine Rolle. Sie können personenbezogene Daten nicht freigeben.“

So argumentiert auch die Bundesregierung in den internationalen Verhandlungen: Es gäbe ja nicht nur Hinweise auf politische Einstellungen, sondern auch auf möglicherweise gesellschaftlich Stigmatisierendes der Lagerinsassen wie zum Beispiel Homosexualität. Solche Argumente finden die Vertreter der Betroffenen, nämlich Opferverbände und der Zentralrat der Juden, fadenscheinig. Sie wollen, dass geforscht wird und vermuten andere Motive.

[....] Stephan J. Kramer, Generalsekretär Zentralrat der Juden in Deutschland: „Es hat in den letzten Jahren gerade durch Öffnung von Archiven in Zentral- und Osteuropa erhebliche neue Aktenbestände gegeben, die jetzt vor allem aus privaten Wirtschaftsunternehmen und privaten freiberuflichen Sektionen in das Arolsener Archiv mittlerweile abgegeben worden sind. Und wir gehen momentan davon aus, dass all dieses Material, das bisher weder gesichtet worden ist noch tatsächlich der Forschung zur Verfügung gestellt wurde, uns einen neuen Einblick geben wird über die Tiefe eben der Verstrickung von privatwirtschaftlichen und freiberuflichen Akteuren während der Nationalsozialistenzeit.“

Was daraus folgt? Auf Anfrage von ttt schieben das deutsche Außen- und Innenministerium sich gegenseitig den schwarzen Peter zu. Keiner ist zu einer Stellungnahme bereit. Nur soviel: Man sei ja prinzipiell nicht gegen die Öffnung des Archivs, aber die Verhandlungen seien eben noch nicht abgeschlossen. Der amerikanische Holocaust-Forscher wirft der Bundesregierung Verschleppungstaktik vor – mit fatalen Folgen.

Paul Shapiro: "„Es ist allgemein anerkannt, dass die wissentliche Unterschlagung von Dokumenten zum Holocaust eine Form ist, den Holocaust zu leugnen. Zur Zeit leugnet der iranische Präsident den Holocaust. Er sagt: 'Gut, es hat vielleicht ein paar tausend Opfer gegeben.' Wenn man jetzt aber ein Archiv öffnet, in dem das Schicksal von 17 Millionen Opfern dokumentiert ist – ihre Ermordung oder Zwangsarbeit – ist das eine überzeugende Antwort auf die Leugnung des Holocaust? Ja, das ist es."


Aus: "Titel Thesen Temperamente vom 12.03.2006 (HR) | Kein Zutritt für Holocaust-Forscher - In Deutschlands wichtigstem NS-Archiv lässt man sich nicht in die Karteikarten schauen" Bericht: Peter Gerhardt/Christine Rütten (DasErste.de - Kulturmagazine; Titel Thesen Temperamente vom 12.03.2006)
Quelle: http://www.daserste.de/kultur/thema_dyn~id,mkn3a2r1uc9t2hyq~cm.asp

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[Öffnung des Materials]
« Reply #3 on: April 20, 2006, 12:10:15 PM »

Quote
[...] In die Auseinandersetzung um den Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen (ITS) kommt Bewegung: Bundesjustizministerium Brigitte Zypries (SPD) hat in Washington angekündigt, nicht länger aus datenschutzrechtlichen Bedenken eine Öffnung des Materials über 17,5 Millionen NS-Verfolgte für die historische Forschung geschlossen zu halten. Am 17. Mai soll auf der nächsten turnusmäßigen Sitzung der elf Staaten, die den ITS beaufsichtigen (die Kosten von derzeit 14 Millionen Euro pro Jahr trägt allein Deutschland), in Luxemburg eine politische Erklärung über die Öffnung beschlossen werden. Sobald dann der dem ITS zugrunde liegende Bonner Vertrag von 1955 geändert und von allen elf Staaten ratifiziert ist, werde die Bundesrepublik digitale Kopien der Unterlagen an die anderen zehn Staaten weitergeben.

[...]  Noch ist unklar, welche Auswirkungen ihre Ankündigung haben wird. In welchem Zeitraum die Weitergabe der Akten stattfinden soll, konnte das Justizministerium noch nicht sagen.

Bereits seit längerem wird in Arolsen das Material digitalisiert. Alle elf Staaten sollten die Möglichkeit haben, so das Ministerium, die Materialien nach dem jeweils geltenden Datenschutzrecht Forschern zugänglich zu machen. Ob das angesichts der unterschiedlichen Gesetzeslage de facto doch zu einer völligen Freigabe des Materials führt, ist noch nicht absehbar.

Vom IST war keine Stellungnahme zu erhalten.


Aus: "Arolsen liegt bald in elf Staaten - Die Bundesregierung hat keine Bedenken mehr gegen die Weitergabe der Daten von 17,5 Millionen NS-Opfern" von Sven F. Kellerhoff (Artikel erschienen am Do, 20. April 2006)
Quelle: http://www.welt.de/data/2006/04/20/875853.html
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[Freigabe der Dokumente]
« Reply #4 on: June 29, 2006, 10:46:19 AM »

Quote
[....] Der Streit um die Öffnung hatte fast zehn Jahre gedauert. Besondere Ungeduld wegen des Widerstands vor allem Deutschlands und Italiens gegen die Öffnung hatten die USA an den Tag gelegt. Aber auch Frankreich und die Niederlanden hatten die Freigabe der Dokumente verlangt. Zu den noch ungeklärten Fragen zählte zuletzt, wie rasch das Archiv digital gespeichert und die Daten an die Mitgliedsstaaten übergeben werden können.

Bruchstueck aus: "Holocaust-Archiv in Bad Arolsen wird geöffnet - Zugang zu Dokumenten über 17,5 Millionen Opfer des deutschen Faschismus" (jungewelt.de; 29.06.2006)
Quelle: http://www.jungewelt.de/2006/06-29/025.php
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[Deutsche Firmen... ]
« Reply #5 on: July 27, 2006, 11:15:20 AM »

Quote
[...] In einer Liste sind unter anderem deutsche Firmen aufgeführt, die Zwangsarbeiter beschäftigten. Historiker aus aller Welt haben seit Jahren eine Öffnung des Archivs für die Forschung gefordert.


Aus: "NS-Archiv für Forscher geöffnet" - Mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird das weltweit grösste NS-Archiv im nordhessischen Bad Arolsen für Forscher geöffnet. (Tages-Anzeiger Online; 26.07.2006)
Quelle: http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/ausland/649354.html


« Last Edit: March 29, 2007, 11:22:11 AM by Textaris(txt*bot) »
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Textaris(txt*bot)

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[...die verschleppten und verschwundenen Personen]
« Reply #6 on: March 29, 2007, 11:59:05 AM »

Quote
[...] Washington (AP) Die USA dringen auf eine beschleunigte Öffnung des Holocaust-Archivs im hessischen Bad Arolsen. Der außenpolitische Ausschuss des Repräsentantenhauses billigte am Dienstag in Washington eine Entschließung, die alle elf Mitgliedsstaaten im internationalen Aufsichtsrat für das Archiv aufruft, das vereinbarte Protokoll für die Freigabe der Dokumente so bald wie möglich zu ratifizieren. Die Resolution muss noch vom Plenum des Abgeordnetenhauses verabschiedet werden.

Israel, die USA, Polen und die Niederlande haben die Vereinbarung zur Öffnung von Bad Arolsen bereits ratifiziert. Deutschland, Großbritannien und Luxemburg wollen vor der nächsten Sitzung des Aufsichtsrats im Mai folgen. In Frankreich und Belgien aber könnten die anstehenden Wahlen für Verzögerungen sorgen, und in Italien und Griechenland scheint die Situation unklar.

In Bad Arolsen werden Akten zu mehr als 17,5 Millionen Häftlingen, Zwangsarbeitern und anderen Verfolgten des Nazi-Regimes aufbewahrt. Bisher durfte das Archiv nur für den Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes genutzt werden. 1943 vom Britischen Roten Kreuz begründet, kümmert sich der Suchdienst um das Schicksal während der NS-Zeit verschleppter und verschwundener Personen. Sein Kernbestand sind Karteien von NS-Organisationen wie der SS und Akten aus der Verwaltung der Konzentrations- und Vernichtungslager.


Aus: "US-Kongress dringt auf schnelle Öffnung von Holocaust-Archiv" (Dienstag 27. März 2007)
Quelle: http://de.news.yahoo.com/27032007/12/us-kongress-dringt-oeffnung-holocaust-archiv.html

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lemonhorse

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[25,7 laufende Papierkilometer... (ISD)]
« Reply #7 on: September 20, 2007, 01:49:56 PM »

Quote
[...] Die Hauptaufgabe des Internationalen Suchdienstes zum Zeitpunkt seiner Gründung war die Suche nach nichtdeutschen Personen, die während des Zweiten Weltkrieges verschleppt worden waren oder aus anderen Gründen vermisst wurden. Zu dieser Aufgabe zählte auch die Unterstützung der betroffenen Menschen bei der Zusammenführung mit ihren Familien. Gegenwärtig besteht die Arbeit des ISD schwerpunktmäßig in der Sammlung, Ordnung und Auswertung von Dokumenten und Unterlagen zum Schicksal und Verbleib folgender Personengruppen:

    * Häftlinge der Konzentrationslager und vergleichbarer Haftstätten im Gebiet des damaligen Deutschen Reiches sowie den deutsch besetzten Gebieten in der Zeit von 1933 bis 1945
    * Juden, die während der Zeit des Nationalsozialismus deportiert wurden
    * ausländische Staatsangehörige, die sich in der Zeit von 1939 bis 1945 im Gebiet des Deutschen Reiches aufgehalten haben
    * verschleppte Personen (displaced persons, DP), die von internationalen Hilfsorganisationen wie der UNRRA und der IRO betreut wurden, vorwiegend im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland, in Österreich, der Schweiz, Italien und Großbritannien
    * Angehörige der genannten Personen, wenn sie zum Ende des Zweiten Weltkrieges unter 18 Jahre alt waren und verschleppt beziehungsweise von ihren Eltern getrennt wurden

Auskünfte zum Schicksal betroffener Personen werden nur an diese Menschen, an ihre Angehörigen oder mit dem Einverständnis der Betroffenen an Drittpersonen erteilt. Beim späteren Eingang neuer oder zusätzlicher Informationen werden diese ohne erneute Anfrage durch einen Antragsteller an diesen übermittelt. Ergibt sich aus den Nachforschungen die Feststellung des Todes einer Person, kann dies auf Antrag vom Sonderstandesamt Arolsen beurkundet werden. Den Opfern beziehungsweise ihren Hinterbliebenen ist es durch Nachweise des Internationalen Suchdienstes zu Zwangsarbeit, Verfolgung, Haftzeiten sowie Verletzungen und Krankheit beispielsweise möglich, in ihren Heimatländern Entschädigungs- und Rentenansprüche geltend zu machen.

Der ISD ist nicht zuständig für suchdienstliche Aktivitäten, die das Schicksal von Kriegsgefangenen betreffen. Für diese Arbeit existiert in Genf die Zentrale Suchstelle (Central Tracing Agency) des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz als Nachfolgeeinrichtung der früher bestehenden Zentralstelle für Kriegsgefangene. Nachforschungen nach vermissten deutschen Staatsangehörigen, sofern sie nicht als Opfer des Nationalsozialismus gelten, liegen in der Zuständigkeit des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) mit Sitz in Hamburg und München.


[...] Der Gesamtbestand des Archivs betrug im Jahr 2005 rund 25,7 laufende Papierkilometer, das heißt hochkant Blatt an Blatt aufgereihtes Papier, und umfasst rund 50 Millionen Einzeldokumente über rund 17,5 Millionen Menschen. Darunter befinden sich unter anderem die erhalten gebliebenen Akten mehrerer Konzentrationslager, aber auch Einzeldokumente von herausragender historischer Bedeutung wie beispielsweise die Listen der jüdischen Zwangsarbeiter, die der Industrielle Oskar Schindler vor dem Tod rettete. Die Mitarbeiter des Internationalen Suchdienstes arbeiten zur Ergänzung des Dokumentenbestandes mit Archiven im In- und Ausland zusammen, um deren Bestand im Hinblick auf den eigenen Informationsbedarf zu sichten und gegebenenfalls Dokumente zu kopieren oder zu erwerben. Darüber hinaus verwahrt der ISD einen Teil der Effekten des Konzentrationslagers Neuengamme, also persönliche Gegenstände, die Häftlingen bei der Einlieferung in das Lager abgenommen wurden. Ziel des Internationalen Suchdienstes ist die Rückgabe dieser Gegenstände an die Betroffenen beziehungsweise ihre Angehörigen.

Ein weiterer wichtiger Teil der Arbeit ist die Digitalisierung des Archivmaterials, die nach der 1999 abgeschlossenen Digitalisierung des zentralen Indexes begann. Im Jahr 2006 waren etwa 62 Prozent aller Originaldokumente eingescannt. Rund 50 Prozent des gesamten Dokumentenbestandes sind bisher elektronisch recherchierbar, etwa 12 Millionen Dokumente mit einer Gesamtdatenmenge von 1,4 Terabyte sind vollständig digitalisiert. Darüber hinaus wird der Erhaltungszustand der archivierten Dokumente durch Restaurierung und Konservierung soweit wie möglich bewahrt, um die betreffenden Unterlagen vor einem Informationsverlust zu schützen. Diese Maßnahmen umfassen vor allem die Entsäuerung zur Verhinderung von Papierzerfall sowie eine entsprechende geschützte Lagerung.


Aus: "Internationaler Suchdienst" (20.09/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Suchdienst

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lemonhorse

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[Die Realität irgendwo in der Mitte... (ISD)]
« Reply #8 on: September 20, 2007, 01:56:16 PM »

Quote
[...] Saures Papier in Bibliotheken, Archiven und Sammlungen beinhaltet eine globale Problematik, die sehr kontrovers diskutiert wird. Bekannt sind die Befürchtungen, dass »das kulturelle Erbe zu Staub zerfällt« genauso wie die Hoffnung, dass neueste moderne Technologien das Papier überflüssig machen. Bei genauer Betrachtung scheint sich die Realität irgendwo in der Mitte zwischen beiden Positionen zu befinden.


Aus: "Konservierung und Restaurierung der Originaldokumente des Internationalen Suchdienstes EntsŠuerung im Rahmen des Mandates Aufbewahren nach der Methode CSC Book Saver angewandt von PAL" Charles-Claude Biedermann, Internationaler Suchdienst, ISD; Professor Dr. Wolfgang WŠchter PAL Preservation Academy GmbH Leipzig (2004)
Quelle: http://www.preservation-academy.de/bereich_down/files/its-dt-2004.pdf
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