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Gedankenschleuder und Fraktal Texte / [Das Wort der Woche (KW13/2020)... ]
« Last post by Textaris(txt*bot) on M?RZ 26, 2020, 12:00:56 nachm. »
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Es sind die nachfolgenden Generationen, die einem das eigene Alter bewusst machen.


Chris Kurbjuhn (Veröffentlicht am April 23, 2017)
https://www.chris-kurbjuhn.de/?p=5931
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[...] Ich bin seit dreizehn Tagen Gefangener im Homeoffice. Und ich verwahrlose zunehmend. Die Bude sieht aus wie Schlumpf. Alte Socken weisen den Weg ins Badezimmer. Geschirr möchte in den Spüler geräumt werden und wird es doch nie. Ich selber laufe den ganzen Tag in Unterhose herum und trinke zu viel. Auf und ab. Notebook an, Notebook aus. Playstation. Netflix. Restaurant raussuchen. In Jogginghose und Flip Flops zum Späti auf ein Vormittagsbier. Meine Bude geht mir auf den Sack. Hart. Ich überlege, die Wände mit dem Schlagbohrer zu bearbeiten. Einfach so. Um mich zu spüren.

[...] Ich habe mal in die Statistiken von diesem Bloggolem hier geschaut, die der Anbieter WordPress so auffährt. Ich habe 65 Follower, von denen die überwiegende Anzahl derer, die ich zuordnen kann, Frauen sind. Oft mit eigenem Blog, deren doch sehr seriöse Inhalte ich so gar nicht mit dem Mist in Einklang bringen kann, den ich hier ins Internet würge. Ehrlich, das überrascht. Und irritiert. Gefällt denen der Auswurf hier wirklich oder sind es versammelte Fehlklicks? Oder ist es faszinierter Ekel? Wie bei einem Autounfall. Wenn man nicht wegschauen kann, wenn da ein abgerissener Arm rumliegt. Doch, schon irritierend.

[...] Netflix-Empfehlung des Monats ist Systemsprenger. Ich klinge jetzt zwar wie eine dahergelaufene Esoterikschnepfe, aber ich habe den Film gespürt. Es ist so derb, wie das Verhalten von Eltern in den jungen Jahren der Kinder so einer Entwicklung einen Drive geben kann, der später nur schwer einzufangen ist. Ich habe mit 12, 13, 14 Jahren bis zur 15 und 16 Sperrholztüren verschiedener Schulen kaputt getreten, Mülleimer angezündet, jede greifbare Fläche zersprayt, Briefkästen gesprengt und alle möglichen Dinge zerschlagen. Weil ich der Meinung war, ich müsse mich wehren. Ich habe heute immer noch Gewaltimpulse, ausgelöst durch bestimmte Reize, nur habe ich sie in meiner Kontrolle. Die Gewaltimpulse, die immer wieder durch irgendwas ausgelöst auflodern, werden nie weg gehen, das weiß ich, aber ich kontrolliere sie. Schaffe regelmäßige Ventile. Routinen, mit denen ich sie innerlich abmoderiere. Muss immer aufmerksam sein, um wegen eines dahergelaufenen Auslösers nicht zu explodieren. Das geht auch nie wieder weg. Das weiß ich. So bin ich jetzt.

Die Schuld an dem Zustand haben natürlich die Psychos, die meine Eltern waren und es endlich nicht mehr sind. Ich war Kind. Ich hatte keine Schuld.

[...] Ich ziehe auch wieder einmal den Hut vor dem Erziehergewerbe, das versuchen muss zu reparieren, was Eltern so alles verkacken. Systemsprenger. Nochmal. Großer Film. Für mich. Das Thema möge Ihnen am Arsch vorbei gehen, mir leider nicht.


[...] Ich habe es letztes Jahr nach vielen Jahren des Herumtragens und Gärens geschafft, den Text über meine scheiß Mutter [https://pestarzt.blog/2019/02/23/reden-wir-doch-mal-uber-meine-scheis-mutter/] fertig zu schreiben. Das tat gut, das war quasi der Abschluss des ganzen unheiteren Reigens meines seelenzerfickten Aufwachsens und jetzt ist diese Frau einfach nur ein Mensch wie alle anderen geworden, den ich einfach nur nicht leiden kann. Sie ist nicht mehr der mich bestimmende Faktor. Hat keinen Einfluss mehr. Kann nicht mehr verletzen. Nichts mehr werfen. Nicht mehr höhnen. Und sie ist für mich ganz persönlich jetzt endlich schon zu Lebzeiten beerdigt. Nach wie vor ein gutes Gefühl.


Aus: "Gedankensudelei 03/20" pestarzt (26/03/2020)
Quelle: https://pestarzt.blog/2020/03/26/gedankensudelei-03-20/


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[...] Meine Mutter war boshaft. Das kommt oft vor. Es passiert vielen Kindern und mir eben auch. Das ist gar nicht mal selten. Heile Welt ist oft anderswo. Früher dachte ich, dass nur mir das so ging. Das ist Unsinn. Viele. Es gibt viele wie mich.

„Glotz nicht so arrogant.“ Sie. Aus dem Nichts. Da war ich sieben Jahre alt.

„Iss nicht wie ein Pascha!“. Sie. Unerwartet. Da war ich neun.

„Das Machogehabe treib ich dir aus!“. Sie. Von Null auf Hundert. Da war ich zwölf.

Ich habe gelernt, dass mit einem Comic auf der Couch zu liegen und still zu lesen böse ist. Immer wenn ich das tat, gab es Geschrei. Jedes Mal. Und Hausarrest. Wenn ich den Comic nicht schnell genug weggeräumt habe, hat sie mit Gegenständen geworfen.

Ich habe früh gelernt, dass es eine Methode gibt, frauenfeindlich zu essen und zu schauen oder einfach nur frauenfeindlich in der Gegend rumzustehen. Oder eben auf der Couch einen Comic zu lesen. Was ich tat, galt prinzipiell als gegen sie gerichtet. Alles. Ich habe irgendwann versucht, so wenig wie möglich zu tun. Flach zu atmen. Blick zu senken. Unsichtbar zu machen. Bloß nicht mit irgendwas zu provozieren. Sonst fliegt wieder was. Ich habe gerne Höhlen gebaut. Weniger aus Abenteuerlust oder Spieltrieb. Sondern um mich zu verstecken. Ich fühlte mich in den Dingern sicher, wenn auch nur so lange bis sie die Wolldecke wegzog und schrie.

Für einen jungen Mann in der Pubertät sind gezielte Demütigungen schlimmer als alle Ohrfeigen der Welt. Und ich habe sie bekommen. Laufend. Oft vor Publikum. Meine Gwen Stefani-Poster hat sie vor den Augen eines stark irritierten Schulfreundes von meiner Wand gerissen, meine erste Freundin hat sie vor mir gewarnt und sich vor späteren Freundinnen über mich lustig gemacht. Gerne mein Gewicht. Mein aus der Hose hängendes Shirt. Der Pickel auf der Stirn. Meine abgekauten Fingernägel. Meine Unsicherheit. Mein fehlendes Selbstvertrauen. Mich. Über mich. Ihr Junge, die Witzfigur. Der Watschenmann. Eine ständige Peinlichkeit.

Prügel gab es auch, wenn auch sehr viel seltener als die alltäglichen Demütigungen und toxischen Fiesheiten. Einmal gab es den Teppichklopfer. Einmal den Zollstock. Und auch einmal die flache Hand. Drei Mal körperlichen Schmerz. Das geht noch. Ich habe genau mitgezählt und weiß heute noch wie oft sie es tat. Wie oft sie körperlich wurde. Zuschlug. Ihr die Hand ausrutschte. Nur drei Mal. Doch. Das geht noch. Zu der Zeit war so eine Strafe für mich auf irgendeine kranke Art okay. Denn ich war ja immer schuld. Ich hatte es ja verdient. Das glaubte ich irgendwann ernsthaft. Das verinnerlichen Sie, wenn Sie es von ganz klein auf permanent hören. Quasi jeden Tag. Dann glauben Sie daran, Sie leben das, es wird zu Ihrem Selbstverständnis, Ihrem Ich, Sie fühlen sich wertlos, Sie gehen geduckt, aus Angst vor der nächsten höhnischen Tirade, dem Spott, den Vorwürfen, Sie beginnen sich irgendwann zu hassen, weil Sie Ihre Mutter zu Taten und Aussagen zwingen, die sie unmöglich wollen kann. Denn die Mutter hat doch immer Recht. Das Urvertrauen von mir als Kind sagt mir doch, dass die Mutter immer Recht hat. Und wenn die Mutter sagt, dass ich schuld bin, dann ist das auch so. Ich habe das als Kind nie in Frage gestellt. Und später lange Zeit auch nicht.

Einen Vater gab es auch. Der war nur kaum da und ist es heute gar nicht mehr. Doch ich erinnere mich, dass ich Schonzeit hatte, wenn er da war. Dann bekam er die volle Packung. Ich glaube, er hat sich nie gewehrt. Er hat bezahlt, eingesteckt und sich auf den Montag gefreut, an dem er nicht mehr hier sein musste. Doch eigentlich weiß ich gar nicht wie es ihm ging, ich lag unter der Decke, habe die Tage gezählt und darauf gewartet, dass diese fürchterliche Jugend zu Ende geht und ich fort gehen kann. Heute weiß ich, dass alles was sie da mit mir tat, ein Substitut war. Ersatzhandlung. Eine Projektion. Ich hatte die Funktion des Statthalters meines Vaters, den sie sehr gehasst haben muss, aber der zu selten greifbar war. Und daher gab ich den Watschenmann für sie. Sie sah ihn in mir und in ihrer Wut auf ihn zog sie mit aller Rigorosität gegen mich zu Felde, gegen die ich als Kind keine Abwehr fand.

Ich habe irgendwann damit begonnen, mich während der Tiraden selbst zu verletzen. Ich habe mich selbst geschlagen. Mich selbst bestraft. Quasi als Vorwegnahme. Damit sie es nicht mehr tun musste. Damit sie aufhören konnte. Doch auch das war kein Mittel. Sie hat nur gelacht. Und gehöhnt. Sie trat auf den, der sich selbst erniedrigte, noch einmal drauf.

Ich wohnte in einem Zuhause mit fliegenden Gegenständen. Es flogen Teller. Es flogen Tassen. Flaschen. Bücher. Stiefel. Ich lernte, mich schnell zu ducken, wenn die Dinge wieder flogen. Denn wenn ich mich duckte, erwischte mich vielleicht nichts. Das galt auch dann, wenn keine Gegenstände flogen. Ich habe mich lange geduckt. Ducken gab mir ein wenig Sicherheit. Aus der Deckung habe ich mich erst sehr spät getraut. Da war ich schon über zehn Jahre erwachsen.

Ich habe jetzt endlich keine Mutter mehr. Ich habe sie aus meinem Leben entfernt. Rausgeschnitten wie ein Geschwür. Rausgebrannt wie eine wuchernde Warze aus Hass. Ich habe sie in einem Kraftakt (meinem einzigen ihr gegenüber) in Grund und Boden und zuletzt aus meiner Wohnung gebrüllt, so lange bis sie endlich ruhig war. Bis sie endlich einmal ihren Mund gehalten hat. Ihren verdammten ätzenden höhnischen Mund, aus dem immer nur wortreiche Säure kam. Es war das erste Mal, dass ich das getan habe. Dass ich überhaupt irgendetwas gegen ihr Trommelfeuer getan habe. Ich habe mich zum ersten Mal gewehrt. So fühlt sich der berühmte aus allen möglichen Filmen und Dokumentationen bekannte Akt der Befreiung an, bei dem ich tatsächlich selbst der Protagonist war. Adrenalin. Hämmernder Herzschlag. Zittern. Tränen. Die noch Minuten später geballte Faust. Diese dann folgende unfassbare innere Zufriedenheit, diese Ruhe, diese Befreiung, die ich so nicht kannte. Die Alte ist weg und darf nie wieder kommen. Weil ich das so will. Und ich habe sie auch nie wieder gesehen. Sie schrieb nur noch einmal einen höhnischen Brief voller Vorwürfe, auf den ich nicht antwortete, und seitdem habe ich meine Ruhe, wenn auch erst viel später meinen Frieden gefunden. Kraftakt ist ein zu schwaches Wort für diese Amputation. Kein anderes Problem in meinem Leben war härter zu bewältigen. Vorher nicht, nachher nicht. Diese Mutter aus meinem Leben zu operieren, hat mich psychisch ganz an den Rand von allem gebracht. Doch das Ergebnis ist gut. Narben ja, die sind da und bleiben auch, aber sie schmerzen nicht mehr.

Seit diesem Tag muss ich den Umstand der aus meinem Leben entfernten Mutter immer wieder erklären, wenn das Thema darauf kommt. Und es sind immer wieder dieselben Entgegnungen. Wie kannst du das machen? Es ist immerhin deine Mutter! Mutter. Mutter. Aber es ist doch deine Mutter. Deine Mutter. Es ist doch deine Mutter. Du wirst immer ihr Sohn bleiben. Mutter verstoßen. Darfst du nicht. Kannst du nicht. Das tut man nicht. Unausgesprochene Vorwürfe stehen im Raum. Es ist doch die Mutter. Aus der Mutter kommen wir doch alle immerhin raus. Das ist doch was Besonderes. Nein. Also nein. Was ich da gemacht habe, geht nicht. Sagen viele.

Und dann diese Rechtfertigungen für alles. Sie hatte es sicher auch nicht leicht. Bestimmt hat sie auch viel einstecken müssen. Als Kind. Vom Vater. Immer vom Vater. Dafür kann sie doch auch nix. Ich müsse Verständnis aufbringen. Dafür dass sie die Dinge so tat. Dass das gar nicht ihre Schuld war. Warum verstehe ich das nicht? Warum habe ich sie nicht akzeptiert. Verarbeitet. Ausgehalten. Nein. Was ich gemacht habe, macht man nicht. Mit der Mutter brechen. Das geht nicht.

Doch doch, das geht. Sehr gut sogar. Ich habe sie entfernt und das war gut. Sie darf nie wiederkommen. Und wenn sie wiederkommt, werfe ich mit Gegenständen bis sie den Rückzug durch das Treppenhaus antritt. Etage für Etage. Und zur Haustüre raus. Hier ist nichts mehr zu holen. Hier gibt es niemanden mehr zum demütigen. Ich vergebe nicht, ich vergesse nicht, sie hat mir die Kindheit versaut, die Jugend vergällt, den Start als jungen Mann mit tiefsitzenden Selbstzweifeln garniert, das kann ich nicht vergeben und ich will das auch nicht. Und ich fühle mich gut damit. Ich habe keine Mutter aus meinem Leben rausgebrannt, sondern eine Hyäne, die meine über viele Jahre gründlich und fast irreparabel zerfetzte Seele in die Volljährigkeit entlassen hat und die ich viel zu spät erst reparieren konnte. Sie ist weg und das tut immer noch so gut.

Ich warte auf die Nachricht, dass sie gestorben ist. Noch lebt sie. Sie wird bald 70. Es kann nicht mehr lange dauern. Wenn es so weit ist, werde ich eine Flasche dunklen schweren Rotwein aufmachen. Und austrinken. Und lange ins Leere schauen. Nachdenken. Eine zweite Flasche öffnen. Und erst dann wird es vorbei sein.



Aus: "Meine scheiß Mutter lebt immer noch" pestarzt (23/02/2019)
Quelle: https://pestarzt.blog/2019/02/23/reden-wir-doch-mal-uber-meine-scheis-mutter/

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[...] Einen Gefallen hat Madonna sich und anderen wohlhabenden Amerikanern mit dem Badewanne-Rosenblätter-Video bestimmt nicht getan. „Das Besondere an Covid-19 ist, dass es der Krankheit egal ist, wie reich oder berühmt man ist. Bei ihr sind alle gleich“, hatte die Queen of Pop schwadroniert, als sie am Wochenende nackt und mit perfektem Makeup zu leiser Musik in der Wanne saß. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. In sozialen Medien beschimpften Tausende Amerikaner Madonna als dumm, selbstverliebt und abgehoben.

Tatsächlich scheint das „Material Girl“ mit einem geschätzten Vermögen von mehr als 800 Millionen Dollar in den vergangenen Wochen eher selten aus den Fenstern ihres Stadthauses an Manhattans Upper East Side geblickt zu haben. Seit sich Corona auch zwischen New York und Los Angeles ausbreitet, surren über Manhattan die Motoren. Die Angst, sich bei einem Linienflug mit dem Virus zu infizieren, treibt Geschäftsleute und Prominente in Privatjets.

Flugunternehmen wie „Blade“ schicken derweil regelmäßig Hubschrauber in Küstenorte der Hamptons, wo sich viele wohlhabende New Yorker in ihren Ferienhäusern isoliert haben. Auf Bestellung versorgen sie die Stadtflüchtigen mit Medikamenten, Büchern und Computern. „Vieles, das man in New York einfach kaufen kann, ist dort nicht erhältlich. Wir durchleben gerade eine außergewöhnliche Zeit und sind bemüht zu helfen“, meint Firmensprecher Simon McLaren.

Computer per Hubschrauber sind nur eine Dienstleistung, um Amerikas Wohlhabenden die Corona-Krise zu erleichtern. Wegen Ausgangsbeschränkungen in Los Angeles und New York steigt auch die Nachfrage nach Hausangestellten, die mit ihren Arbeitgebern unter einem Dach wohnen. Die Vorzüge? Unterstützung beim Kochen, Putzen und Kinderhüten sowie ein geringeres Risiko, sich bei der Hausangestellten anzustecken, nachdem diese im Bus von Downtown Los Angeles nach Malibu gefahren ist.

Firmen wie „Lily Pond Services“, bei Prominenten wegen der Vermittlung diskreter Hilfe geschätzt, suchen in Pandemiezeiten aber auch medizinisches Personal. „Mich erreichen viele Anrufe von Klienten, die nach Ärzten oder Krankenschwestern fragen, die vorübergehend bei ihnen einziehen. Für den Fall, dass sie sich infizieren und getestet werden müssen“, sagte Melissa Psitos, die Inhaberin von „Lily Pond Services“, dem „Hollywood Reporter“.

Social Distancing treibt viele „One percenter“, wie Amerikas Großverdiener genannt werden, aufs Wasser. Obwohl die Saison noch nicht begonnen hat, ziehen sie sich auf Yachten zurück. Auch hier versucht Psitos zu helfen. „Plötzlich soll ich auch Boote mit Personal versorgen. Viele Leute machen sich so große Sorgen wegen des Virus, dass sie meinen, der sicherste Platz sei vor der Küste.“

Makler für Luxusimmobilien berichten zudem von Milliardären auf der Suche nach Privatinseln in der Karibik. Viele Technologieunternehmer soll es derweil aus dem Silicon Valley nach Neuseeland ziehen. Für den Notfall legte sich Peter Thiel, Mitgründer des Bezahldienstes Paypal, schon vor einigen Jahren einen Rückzugsort im entlegenen Queenstown zu, Panikraum inklusive.

Bei vielen Nicht-Millionären regt sich inzwischen Widerstand. Nach Medienberichten über Prominente wie Idris Elba und Kris Jenner, die einen der raren Coronatests bekamen, obwohl sie keine Symptome zeigten, lehnen immer mehr Gemeinden Pandemietouristen ab. Nobelorte wie die Hamptons, Nantucket und Martha’s Vineyard, Zweitwohnsitz der Obamas, klagen bereits über leere Regale in den Lebensmittelgeschäften. „In dieser Stadt ist kein Gemüse mehr zu finden. Das haben wir elitären Leuten zu verdanken, die meinen, dass sie über den Regeln stehen“, wetterte ein Bewohner East Hamptons in der „New York Post“.

Auch auf der Insel Nantucket, die eigentlich erst in den Sommermonaten wohlhabende Besucher aus New York, Washington und Philadelphia anzieht, gehen langsam Toilettenpapier, Konserven und Eier aus. Nach Rücksprache mit Massachusetts’ Katastrophenschutzbehörden haben die Stadtväter nun eine Ausgangssperre verhängt – und den Fährverkehr eingeschränkt.


Aus: "Amerikanische Oberklasse : Die Reichen fliehen aufs Wasser" Christiane Heil, Los Angeles (25.03.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/corona-krise-in-den-usa-die-reichen-fliehen-aus-den-grossstaedten-16694547.html

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[...] Wissenschaftliche Publikationen studieren, politische Maßnahmen analysieren und im Netz veröffentlichte Informationen kritisch einordnen – Journalisten nehmen in der Coronakrise eine Schlüsselrolle in der Aufklärung der Bevölkerung ein. Doch in vielen Ländern wird die unabhängige Arbeit von Medienschaffenden zunehmend eingeschränkt.

Die Nichtregierungsorganisation „Reporter ohne Grenzen“, die sich weltweit für Pressefreiheit einsetzt, ist alarmiert. „Wir stehen vor neuen Herausforderungen“, sagt Geschäftsführer Christian Mihr im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Ich bin selber überrascht, dass es fast auf der ganzen Welt Einschränkungen wegen der Coronavirus-Ausbreitung gibt.“

So wurde etwa in Honduras der Verfassungsartikel zur Pressefreiheit außer Kraft gesetzt. In Armenien dürfen Journalisten nur noch amtliche Informationen über die Corona-Pandemie veröffentlichen und in Ägypten wurden mehrere Nachrichten-Portale wegen der „Verbreitung falscher Nachrichten“ für sechs Monate gesperrt. Zudem entzog Kairo der „The Guardian“-Journalistin Ruth Michaelson die Akkreditierung, weil sie über eine Studie berichtet hatte, die von einer deutlich höheren Fallzahl in Ägypten ausgeht.

Innerhalb der EU wird insbesondere in Ungarn die Pressefreiheit zunehmend beschnitten. Die Regierung von Präsident Orban hat einen Entwurf für eine Notverordnung erarbeitet. Dieser sieht vor, dass Journalisten für bis zu fünf Jahre für „falsche“ oder „verzerrte“ Berichte zur Coronakrise inhaftiert werden können. „Das passt in das Muster, dass autoritäre Reflexe nun verschärft werden“, sagt Mihr.

Auch die Situation von inhaftierten Journalisten in der Türkei und im Iran bereitet dem Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen Sorge. Viele Insassen wurden in sogenannten „Hafturlaub“ entlassen. Im Iran gilt dies jedoch nicht für politische Häftlinge und in der Türkei wurden Terrordelikte von der Regelung ausgenommen – worunter so gut wie alle Journalisten fallen.

Für sie haben sich die Haftbedingungen dramatisch verschlechtert und der Zugang zu Anwälten und zur Familie wurde weiter eingeschränkt. „Journalisten werden explizit von den Maßnahmen ausgenommen und bewusst einer Gefahr ausgesetzt, sagt Mihr. Es zeige sich, dass die Pandemie zunehmend als „Vorwand“ genutzt werde.

Welchen Gefahren kritische Journalisten ausgesetzt sind, wird auch in China deutlich. In dem Ursprungsland des Covid-19-Ausbruchs sind bereits einige Journalisten verschwunden, die die Angaben der Regierung in Frage gestellt hatten. So auch der 25 Jahre alte Li Zehua. Der Journalist hatte seinen Job beim chinesischen Staatsfernsehen gekündigt, um als unabhängiger Journalist aus Wuhan zu berichten. In Aufnahmen hatte er unter anderem heimlich Eindrücke aus einem Krematorium festgehalten – und festgestellt, dass der Arbeitsaufwand dort nicht mit den offiziellen Covid-19-Todeszahlen übereinstimmen kann. 

Seine vorerst letzten Beiträge veröffentlichte er am 26. Februar. Li Zehua filmte sich in seinem Wagen, während er von der Staatssicherheit verfolgt wurde. Danach wandte er sich in einem Livestream in seiner Wohnung noch einmal an seine Hörerschaft. Seitdem fehlt von ihm jede Spur.

Laut Reporter ohne Grenzen wird die Kritik am chinesischen Krisenmanagement und an den Maßnahmen der Regierung zunehmend von den Behörden unterdrückt – auch weil das chinesische System als überlegen in der Krise dargestellt werden soll.

Dabei ist eine freie Berichterstattung auch für die Eindämmung des Coronavirus essentiell. Denn es gibt weltweit unterschiedliche Ansätze, welche Maßnahmen bei der Bekämpfung des Virus umgesetzt werden sollen – und noch kann nicht vollends eingeschätzt werden, welche Wege letztlich erfolgreich sein werden.

„In vielen Ländern werden die Sichtweisen eingeschränkt, die nicht dem Handeln der Regierung entsprechen“ sagt Mihr. Stattdessen soll die Regierungssicht durchgesetzt werden. Insbesondere in der Coronakrise gelte es deshalb die Pressefreiheit zu schützen. Denn: „Wer jetzt eine unabhängige Berichterstattung einschränkt, vergrößert nicht nur die Verunsicherung“, sagt Mihr. „Sondern Menschen werden auch ganz realen Gefahren ausgesetzt.“


Aus: "Wenn die Wahrheit zur Corona-Pandemie nicht ans Licht kommen soll" Gloria Geyer (26.03.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/journalisten-weltweit-unterdrueckt-wenn-die-wahrheit-zur-corona-pandemie-nicht-ans-licht-kommen-soll/25683454.html
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[...] Wer in Frankreich momentan ohne eine Bescheinigung und einen triftigen Grund die Wohnung verlässt, muss 135 Euro Strafe zahlen. Viele wohlhabende Städter sind deswegen aus den Großstädten in ihre Ferienhäuser oder Zweitwohnsitze auf dem Land geflohen, wo sich der Hausarrest besser aushalten lässt. In Esmilis Heimat Seine Saint-Denis kann sich das kaum jemand leisten. In dem Departement, das nördlich an Paris grenzt, leben mehr als anderthalb Millionen Menschen auf engstem Raum zusammen. Die Wohnblocksiedlungen, die sich hinter dem Stade de France an der Pariser Stadtgrenze bis zum Horizont auftürmen, bilden eine Kulisse, die viele Deutsche nur aus Rapvideos und Brennpunkt-Kinofilmen kennen: ein buntes Wirrwarr aus Ethnien und Nationen inmitten von Beton.

... Hamza Esmili sagt, er habe eine schöne Wohnung, in der es sich aushalten lässt. Sein Wohnhaus sei jedoch extrem heruntergekommen und verdreckt. Viele seiner Nachbarn verdingen sich als Tagelöhner auf dem Bau und leben in Unterkünften, die ein Zusammenleben unter Ausgangssperre gar nicht zulassen. Oft würden sich mehrere die Betten teilen, erklärt Esmili. Die einen würden tagsüber arbeiten und nachts schlafen, die anderen hielten es andersherum: "Da, wo jemand schläft, ist nicht unbedingt seine Wohnung." Eine solche hätten viele Menschen in seinem Viertel nämlich gar nicht. Wie bitte schön sollen sie dann den Anweisungen der Regierung Folge leisten und zu Hause bleiben?

Der Soziologe sagt, es ärgere ihn, dass die französische Öffentlichkeit dieses Problem seiner Meinung nach durch eine rassistische Brille betrachtet. Die oft armen Bewohner der Vorstädte – viele von ihnen mit Migrationshintergrund – würden als undiszipliniert dargestellt. Als sähen sie nicht ein, dass es einer nationalen Kraftanstrengung bedarf, um das Virus einzuhegen. Tatsächlich berichtet die Presse bereits von vermeintlich Halbstarken, die entgegen der Regeln vor ihren Wohnblocks sitzen, Joints rauchen oder Polizisten anpöbeln. Gleichzeitig räumt der Soziologe, der sich seit einigen Jahren mit den Mechanismen in den Pariser Vororten beschäftigt, jedoch ein: "Die Menschen haben hier nicht dieselbe Beziehung zum Staat. Es ist nicht verwunderlich, dass sie die Anweisungen nicht akzeptieren."

...


Aus: "Was, wenn sie in den Vorstädten die Nerven verlieren?" Tassilo Hummel (24. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/corona-vorsorge-pariser-vororte-ausgangsbeschraenkungen-regierung
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[...] Bei der laufenden Reform der Leitlinien zur Netzneutralität des Gremiums Europäischer Regulierungsstellen für elektronische Kommunikation (Gerek) könne noch einiges schiefgehen, warnte Thomas Lohninger von der österreichischen Bürgerrechtsorganisation Epicenter.works am Sonntag auf dem 36. Chaos Communication Congress (36C3) in Leipzig. Die Telekommunikationsindustrie übe großen Lobbydruck aus, um das offene Internet etwa im Bereich der neuen Mobilfunkgeneration 5G auszuhebeln und dafür das Plazet der Regulierer zu bekommen.

Das Gerek habe im Herbst einen Entwurf für aktualisierte Grundprinzipien für die Netzneutralität veröffentlicht und eine Konsultation dazu durchgeführt, berichtete Lohninger. Rund 50 Stellungnahmen seien dazu eingegangen, die das Gremium momentan auswerte. Im ersten Quartal 2020 solle ein Zwischenbericht mit erneuter Feedback-Option folgen, damit die überarbeiteten Regeln im Juni stehen könnten.

Mit den erstmals im August 2016 herausgegebenen Leitlinien legten die Aufsichtsbehörden die EU-Verordnung für einen elektronischen Binnenmarkt mit ihren ziemlich vagen Klauseln für ein offenes Internet und davon getrennte "Spezialdienste" näher aus.

In der aktuellen Auseinandersetzung um die Novelle der Durchsetzungsbestimmungen geht es laut dem Aktivisten vor allem um 5G und die neue Funktion Network Slicing. Jede Schicht könne dabei verschiedene Qualitätsmerkmale aufweisen, eine also etwa superschnell auf Streaming, eine andere mit geringer Latenz auf Online-Spiele ausgerichtet sein. Denkbar sei nun, dass der Nutzer darüber etwa mit einer SIM-Karte für verschiedene Zugangsdienste die Kontrolle haben könnte. Telcos dürfte aber mehr daran gelegen sein, dieses Verfahren als Spezialdienst auf den Markt zu bringen und so Vorgaben für den universellen Zugang und die Netzneutralität auszuhebeln, wie es Facebook bereits mit "Free Basic" für den globalen Süden vorexerziere.

Zudem wird laut Lohninger Edge Computing mit 5G möglich, womit Rechenkraft an die Enden des Netzwerk wandern und plötzlich etwa über die Funkantenne verfügbar sein könnte. Dies verstoße aber gegen das Ende-zu-Ende-Prinzip. Dieses untersagt es Zugangsanbietern, einzelne Anwendungen an den Endpunkten des Internets auszuschließen. Lohninger sieht für Edge Computing auch nur sehr wenige echte Einsatzszenarien wie bei einer lokalen dynamischen Karte für autonome Fahrzeuge.

Generell müsse die EU als erste größere Region weltweit es schaffen, 5G und Netzneutralität mit einem großen Wurf zusammenzubringen, forderte der Österreicher. Als drohende Gefahr auf diesem Weg machte er das um sich greifende Zero Rating im Mobilfunk aus, das eng mit der Internet-Scan-Technik Deep Packet Inspection (DPI) verknüpft sei. Um das freie Datenvolumen dabei den richtigen Nutzern zuzugestehen, müssten diese identifiziert werden, was ohne DPI kaum machbar sei.

42 zivilgesellschaftliche Organisationen, Wissenschaftler und Firmen hatten sich im Mai beim Gerek, beim Europäischen Datenschutzausschuss (EDSA) sowie bei der EU-Kommission beschwert, dass Provider die Technik zum Durchleuchten von Internetpaketen verstärkt fürs Verkehrsmanagement und Zero Rating verwendeten. Der EDSA hat nun Anfang Dezember in einem Brief ans Gerek betont, dass DPI und das damit verknüpfte Herausziehen von Domains und URLs fürs Netzwerkmanagement rechtswidrig seien, "solange nicht alle Nutzer eingewilligt haben". Lohninger wertet dies als praktisches Verbot solcher Online-Scanner, "da das ganze Internet nicht zustimmen kann".

Unklar sei auch noch, wie sich die Regulierer zu Filtern für die Kontrolle von Inhalten durch Eltern positionierten, unterstrich der Aktivist. Vor allem Großbritannien habe hier Druck gemacht, da Pornoblocker dort bereits Pflicht seien.

Auch die in Deutschland festgeschriebene, aber noch immer umstrittene Routerfreiheit sei umkämpft, zumal es dazu in vielen anderen Mitgliedsstaaten keine Gesetzesauflagen gebe. Bisher sehe es aber so aus, als ob die Regulierer dafür seien, dass das Netz seinen Abschlusspunkt an der Dose an der Wand beziehungsweise an der Funkantenne finde. Geräte wie Router könnten damit in der ganzen EU frei gewählt werden. (jo)


Aus: "36C3: 5G und Deep Packet Inspection als Stolpersteine für die Netzneutralität" Stefan Krempl (31.12.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/36C3-5G-und-Deep-Packet-Inspection-als-Stolpersteine-fuer-die-Netzneutralitaet-4624930.html

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Berhan Taye: Hier sind einige der Techniken, die Regierungen zur Drosselung des Internets einsetzen. ...

... Inline-DPI: Inline-DPI (Deep Packet Inspection)-Geräte auf Layer 5 und darüber können zur Einführung von Latenzzeiten verwendet werden.


Quelle: https://netzpolitik.org/2020/jordanien-blockt-nicht-es-drosselt_internet_shutdown_keepiton/ (06.03.2020)
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[...] 42 zivilgesellschaftliche Organisationen, Wissenschaftler und Firmen aus 15 Ländern beklagen in offenem Brief den an sich unzulässigen Einsatz der umstrittenen Deep Packet Inspection (DPI). Mit ihrer Kritik wenden sie sich an die EU-Kommission den Europäischen Datenschutzausschuss (EDSA) und das Gremium Europäischer Regulierungsstellen für elektronische Kommunikation (Gerek). Die Netzwerktechnik greife tief in die Grundrechte der Nutzer ein.

Zugangsanbieter verwendeten DPI zunehmend fürs Verkehrsmanagement und unterschiedliche Preismodelle für spezifische Angebote oder Dienste wie Zero Rating und legten ihr Produktdesign entsprechend aus, schreibt die Allianz. Mit der Technik könnten Datenpakete durchleuchtet, Dienste diskriminiert und das Nutzerverhalten ausgespäht werden. Da damit etwa Domain-Namen, Webadressen sowie weitere genutzte Internetressourcen untersucht werden könnten, ließen sich sensible Aussagen etwa über politische und religiösen Überzeugungen, sexuelle Vorliegen oder den persönlichen Gesundheitszustand treffen.

Zu den Unterzeichnern gehören neben Einzelpersonen wie dem österreichischen Aktivisten Max Schrems oder dem Frankfurter IT-Sicherheitsforscher Kai Rannenberg Organisationen wie European Digital Rights (EDRi), die Electronic Frontier Foundation (EFF), der Chaos Computer Club (CCC), Digitalcourage oder die Gesellschaft für Informatik (GI). Sie verweisen vor allem auf eine jüngst publizierte Analyse von Epicenter.works, wonach es in Europa aktuell 186 Zero-Rating-Angebote gibt, bei denen im mobilen Internet bestimmte Dienste wie Video- oder Musikstreaming nicht auf das in einem Tarif verfügbare Datenvolumen angerechnet werden.

Bei einigen dieser Offerten "von Mobilfunkbetreibern mit großen Markanteilen" ist laut dem Zusammenschluss bestätigt, dass diese DPI nutzten. Ihre Produkte böten Diensteanbietern die Möglichkeit, den Datenverkehr nach Kriterien wie Domain-Namen, Server Name Indication (SNI) oder URLs zu durchforsten. Die Gerek-Leitlinien zur Netzneutralität stellten aber klar, dass ein derart weitgehendes Verkehrsmanagement nicht mit der EU-Verordnung für ein offenes Internet vereinbar und damit rechtswidrig sei.

Um gegen solche Praktiken vorzugehen, müssten Regulierer wie die Bundesnetzagentur nach Ansicht des Bündnisses enger mit Datenschutzaufsichtsbehörden kooperieren und gemeinsame Entscheidungen treffen. Kunden könnten in den Einsatz von DPI auch nicht einwilligen, da damit das bestehende Verbot unterlaufen würde und zudem auch andere Nutzer von den Schnüffelaktionen betroffen seien.

Die Beteiligten fordern die Kommission und die Regulierungsbehörden daher auf, das Thema und seine Datenschutzauswirkungen bei der laufenden Reform der Verordnung für die Netzneutralität sowie der zugehörigen Richtlinien sorgfältig zu bedenken. Es gelte, den seit Langem umstrittenen Internet-Scannern endlich einen effektiven Riegel vorzuschieben. An den EDSA geht zudem der Appell, eigene Vorgaben für ein verhältnismäßiges Netzwerkmanagement auszuarbeiten. (mho)


Aus: "Internet-Scanner: Zivilgesellschaft warnt vor zunehmender Deep Packet Inspection" Stefan Krempl (16.05.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Internet-Scanner-Zivilgesellschaft-warnt-vor-zunehmender-Deep-Packet-Inspection-4424119.html

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     INB, 16.05.2019 22:43

Re: Bei welchen Produkten liegt das vor?

So etwas gibt es z.B. in den Core-Netzwerken im Mobilfunk, wie dem ASR5500-Produkt von Cisco (die das vor einigen Jahren von Starent uebernahmen bzw. weiterfuehrten). Dort heisst das dann EDR (Enhanced Data Records); wobei ich hier nichts geheimes schreibe, die Dokumentation ist frei verfuegbar. Und andere vergleichbare Anbieter haben so etwas auch, gehe ich mal von aus.

Als ich damals an diesen Systemen in den USA arbeitete, wurde es wie im Artikel beschrieben benutzt (traffic priorisation). Es wurde aber auch genutzt, um bereits dort zentral im Netz nach Kinderpornographie zu filtern bzw. diese zu blockieren. Das geschah automatisiert gegen eine Liste bekannter kinderpornographischer URL's, die NCMEC (National Center for Missing & Exploited Children's) bereit stellte. Und so etwas zentral zu machen bzw. machen zu koennen, ist natuerlich mit weniger Aufwand verbunden, als de-zentral.

Wie bei so vielen Dingen im Leben, weckt es natuerlich aber auch andere Begehrlichkeiten fuer "Geschaeftsmodelle" wie Nutzerprofilerstellung etc. (s.a. Artikel).

Da ist das "Dilemma".


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     Dark-Sider, 16.05.2019 18:50

Deep Packet Inspection bei HTTPS?

Hallo,
deep-packet-inspection war zu Zeiten des unverschlüsselten Internetverkehrs möglich. Heute haben doch alle Anbieter auf HTTPS umgestellt. Youtube, Facebook, Spotifiy... (die fallen mir u.a. gerade wegen ZeroRating ein). Aber auch alle anderen Webseiten sind alleine schon wegen der DSGVO doch mittlerweile über HTTPS erreichbar.

Ja, auch bei HTTPS ist eine inspection möglich wenn der "inspector" den SSL-Tunnel aufbricht. Dafür braucht es aber auf dem Client ein gültiges Zertifikat sonst gibt es HTTPS-Fehler (oder Ärger mit Google, Mozilla & Co.)
[Es wäre denkbar dass die Telekom, die über eine eigenen trusted root CA verfügt natürlich selbst google/facebook etc. zertifikate ausstellt, das könnte man aber leicht feststellen und passiert AFAIK nicht]

Wie die inspection also technisch bei SSL-Verkehr aussehen soll verschweigt der Artikel leider.


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     BlackWhiteNothing, 16.05.2019 19:30

Re: Deep Packet Inspection bei HTTPS?

Bei TLS wird der Hostname unverschlüsselt mitgesendet, man kann also trotz https und einer für mehrere Dienste benutzte IP herausfinden was angefragt wurde.

Ob bei TLS 1.3 das anders ist weis ich jetzt nicht. Glaub das war ein Streitpunkt.


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Dark-Sider, 17.05.2019 00:05

Re: Deep Packet Inspection bei HTTPS?

Und was hat das nun mit DPI zu tun? Wohin die Pakete gehen muss der provider ja wissen sonst könnte er sie garnicht zustellen :-)
Bei DPI wird der Payload, also z.B. der Text auf HTML Seiten gescant oder überprüft ob die HTTPS verbindung eigentlicht tatsächlich Webseiten überträgt oder ob es sich nicht um ein VPN handelt...



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     BlackWhiteNothing, 17.05.2019 10:49

Re: Deep Packet Inspection bei HTTPS?

Dark-Sider schrieb am 17.05.2019 00:05:

    Und was hat das nun mit DPI zu tun? Wohin die Pakete gehen muss der provider ja wissen sonst könnte er sie garnicht zustellen :-)

OSI Modell? Der Provider braucht nur Ebene 2 & 3 also MAC & IP Header zu kümmern.

Schaut der Provider in den höheren Ebenen nach so ist es DPI. Der Hostname als SNI ist aber Teil von TLS also Ebenen höher. Den Provider kann es auch egal sein an welchen Host das Paket geht er weis ja die Ziel IP.


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     jetzt nicht - Schatz, 17.05.2019 13:30

Keine "Deep Packet Inspection" in engeren Sinne

Die Autoren des Briefes meinen "Domain-Namen, Webadressen sowie weitere genutzte Internetressourcen" - also das was in Headern bzw. unverschlüsselten DNS-Anfragen steht.
Üblicherweise spricht man hier von "Metadaten". Wenn man mehr mediale Aufmerksamkeit möchte, nennt man das "Deep Packet Inspection technologies.."


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[...] Ob Terrorberichterstattung, Herkunftsnennung von potenziellen Straftätern oder Schleichwerbung: Wer Kritik an der Medienberichterstattung hat, kann sich beim Deutschen Presserat offiziell beschweren. 2019 nahmen mehr Leser diese Möglichkeit wahr. 2175 Leserinnen und Leser wandten sich 2019 an die freiwillige Selbstkontrolle der Presse, 137 mehr als im Vorjahr. Das teilte der Deutsche Presserat am Montag mit.

Häufiger nutzte der Presserat auch seine schärfste Sanktion: 34 Rügen erteilten die Beschwerdeausschüsse, 2018 waren es nur 28 gewesen.

Schwerpunkt bei den Rügen war das Thema Schleichwerbung: Allein 14 Rügen wurden wegen mangelnder Trennung von redaktionellen und werblichen Inhalten nach Ziffer 7 des Pressekodex ausgesprochen. "Unter wirtschaftlichem Druck verwischen einige Redaktionen systematisch die Grenze zwischen Journalismus und Werbung. Aber Transparenz und Ehrlichkeit gegenüber den Leserinnen und Lesern sind keine Frage der Geschäftszahlen, sondern presseethische Grundpfeiler", so der designierte Sprecher des Deutschen Presserats Johannes Endres.

Etliche Beschwerden richteten sich 2019 gegen die Berichterstattung über die rechtsradikalen Attentate im neuseeländischen Christchurch, in Halle und in Hanau.

Leserinnen und Leser kritisierten unter anderem die Verwendung von Video-Ausschnitten, die die Täter selbst gefilmt und im Internet gestreamt hatten. "Medien müssen sorgfältig prüfen, ob und inwieweit sie Bildmaterial übernehmen, das von Tätern stammt. Sie dürfen sich nicht zu deren Werkzeug machen", so der Geschäftsführer des Presserats Roman Portack.

Beschwerden über die Herkunftsnennung von Straftätern nach Richtlinie 12.1 des Pressekodex gehen dagegen weiter zurück. 2019 wandten sich deswegen 24 Leserinnen und Leser an den Presserat, sechs weniger als im Vorjahr.

Johannes Endres wurde vom Deutschen Journalistenverband (DJV) in den Presserat entsandt und löst turnusgemäß den bisherigen Sprecher Volker Stennei vom Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) ab. Seine designierte Stellvertreterin ist Kirsten von Hutten, die vom Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) in den Presserat entsandt wurde.


Aus: "Presserat: Beschwerdezahlen gehen weiter nach oben" Markus Ehrenberg (23.03.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/ruegen-wegen-berichterstattung-presserat-beschwerdezahlen-gehen-weiter-nach-oben/25672132.html
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[...] Im Moment fühlt man sich vielerorts als freischaffende Künstlerin wie eine Figur, die sich selbst beim freien Fall beobachtet. Jede Sicherheit fällt weg. Der Fall auf freier Strecke, diesen Ausdruck kannte ich bisher nur für Figuren die ich auf der Bühne verkörpern durfte. Eine Grenzerfahrung, die auch ein spielerischer Inspiration sein kann eine persönliche Tragödie also, die ein Figur zu einem essentiellen Tiefe bringen kann.  Doch wenn die Tragödie dein eigenes Leben bestimmt, verschiebt sich etwas gewaltig. Es wird zu deiner persönlichen Tragödie.

Und derzeit beobachte ich Veränderungen und erlebe den Verlust von allen beruflichen Säulen. Als ich als Kind aus dem ehemaligen Jugoslawien vor den Aggressoren geflohen bin, wusste man zu mindestens wer dein Gegner ist. Die Situation damals, also die Grundstimmung ist vergleichbar mit der jetzigen Situation. Natürlich befinden wir uns nicht im Krieg, und ich bin mir meinen Privilegien als weiße Frau in Westeuropa bewusst. Das Gefühl der diffusen Angst, verändert die Menschen in Deutschland. Die Hypotheken auf Ängste und die realen Existenzängste von KollegInnen haben Daseinsberechtigung. Wir wissen alle nur zu gut, dass „Angst essen Seele auf“ bedeutet.

Der Unterschied zu damals liegt gerade darin, dass nicht erkennbar ist wer der Gegner sein könnte, die Fragestellung nach potentiellen Ansteckungen und die Möglichkeit einer Ansteckung hat sich tief in unsere Köpfe gebohrt. Bei mir fallen Drehtage ganz aus, oder werden auf den Herbst verschoben. Ähnliches passiert mit Vorstellungen, die ausgesetzt werden. Honorare fallen weg, Synchronstudios machen ganz dicht, mein Stipendium beim internationalen Forum in Berlin, das im Mai stattfinden sollte findet zum Glück im nächsten Jahr statt. Natürlich ist man als freiberufliche Schauspielerin und Autorin immer auf eine Mischkalkulation angewiesen, aber gerade fallen alle Säulen weg. Selbst als meine Nebentätigkeit als Yogalehrerin wird für nicht absehbare Zeit ausfallen. Ich hatte das Glück im letzten Jahr viel spannende Projekte zu verwirklichen, sodass ich noch finanzielle Rücklagen für ein paar Monate habe. Aber was passiert dann? Wir arbeiten unter prekären Bedingungen und viele selbständige und freischaffende Künsterinnen haben nicht die Möglichkeiten zu sparen. Kredite aufzunehmen, die man dann nicht abbezahlen kann, sind für mich und viele meiner Kollegen keine Option. Daher brauchen wir jetzt politische schnelle Entscheidungen. Vergesst uns nicht, dass ist meine Bitte an die Politik und Lokalpolitik. Wir sind eine Gruppe von Menschen, die in dieser Gesellschaft „Hochleistungsport “ leisten, aber nicht ausreichend dafür bezahlt werden, wir können es uns nicht leisten vor leeren Reihen zu spielen, anders als die Kollegen von Fußballclubs. Daher besteht jetzt die Möglichkeit über neue Strategien zu verhandeln wie zum Beispieldas bedingungslose Grundeinkommen und gemeinsam zu diskutieren über soziale Ungleichheit. Gerade erlebe ich auch viele positive Veränderungen und Solidarität. Entscheidungen können auch sehr schnell geschlossen werden, doch dies kann nur konstruktiv sein, wenn man Künstlerinnen direkt nach ihren Lebensrealitäten befragt werden. Leider können wir nicht im Homeoffice arbeiten, da der Livemoment entscheidend ist. Nichtsdestotrotz konzipiere ich gerade ein Homevideo für meine Schauspielschüler, denn dynamische und kreative Denkweisen sind nun mal die Währung für alle Kreativen.  Deshalb möchte ich an alle appellieren zu künstlerischen und politischen Allianzen, die freischaffende Künstler aus Köln gemeinsam an einen Tisch (mit genügend Sicherheitsabstand) bringen und Strategien aus unserer Sprachlosigkeit zu formulieren und zu finden, damit ein finanzielles Hilfspaket zustande kommen kann.

Jasmina Music, 1988 in Banja Luka geboren, kam im Alter von fünf Jahren mit ihren Eltern nach Dortmund. Sie studierte Schauspiel in Hamburg und Tuzla, sowie Psychologie in Köln. Jasmina Music arbeitet als Schauspielerin, Performerin und Autorin in Bosnien, Herzegowina und Deutschland.


Aus: "Angst essen Seele auf: Im Warteraum Zukunft" Jasmina Music (23. März 2020)
Quelle: https://www.ruhrbarone.de/angst-essen-seele-auf-im-warteraum-zukunft/181155

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Nina, 23. März 2020 um 11:15

Ich kann es nicht mehr hören… das ewige Klagen der ach so wichtigen Künstler. Als ob sich alles um sie drehen würde… Ich warte derweil auf die persönlichen Berichte von Dienstleistern, Angestellten, Produzenten, Landwirte, Friseure, Prostituierte, Bildungseinrichtungen, Pädagogen, Lotto-Annahmestellen, Restaurants, Franchise-Filialen, kleine Bäckereien mit Ladencafé, ….
Liebe Künstler, ihr seid nicht der Nabel der Welt.


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[...] „Für Musikschaffende werden die kommenden Monate eine extrem harte Zeit. Wie kaum ein anderes Berufsbild ist unser Einkommen stark von einem funktionierenden, freien und öffentlichen Leben abhängig. Viele meiner Freundinnen und Kollegen sind durch die Coronakrise akut von finanziellen Ausfällen betroffen. Manche haben die letzten Monate Geld in ein Album investiert und müssten jetzt touren, um das mit den Konzerten wieder einzuspielen und ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

... Dabei kann ich mich noch glücklich schätzen, weil ich einen Vorschuss meines Verlags bekommen habe. Ich hoffe, dass auch andere Labels so kulant und solidarisch sind. Noch härter wird es wohl Musikerinnen und Musiker aus subkulturellen Kontexten, reine Instrumentalisten und Studiomusiker treffen, die meist keine Urheberrechte an Stücken haben und somit nicht einmal einen GEMA-Vorschuss erhalten können.

... Mein Mitbewohner arbeitete in den letzten Wochen am Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg an der Theatermusik für ein aktuelles Stück und hat schon viel Zeit in Proben investiert hat. Die Vorführungen fallen nun komplett aus. Ihm wurde das Honorar trotz der Ausfälle ausgezahlt. Gerade die staatlich geförderten Projekte sollten diesem Beispiel folgen und die Beteiligten rückstandslos finanziell entschädigen.

Der Staat könnte zudem gezielt Förderungen höher bezuschussen, wie beispielsweise die „Initiative Musik“. Vielleicht ist es auch möglich, so etwas wie eine Krisenfond einzurichten und Musikerinnen und Musikern bei nachgewiesenem Ausfall eine Erstattung auszuzahlen. Selbstverständlich dürfen dabei Clubs, Veranstalter und Booker nicht vergessen werden.

... Kultur ist kein Luxus, der in den kommenden Wochen mal eben etwas hintenüberfällt, es ist ein extrem wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft. Und eben nicht nur die Hoch-, sondern auch die Subkultur. Die Politik darf in der Krise nicht nur Unternehmen Subventionen und Hilfsprogramme zusichern. Sie muss erkennen, welch immenser Schaden momentan für freiberufliche Kreativschaffende und die Musikbranche entsteht - und diesem entschlossen entgegenwirken.“



Aus: "Musikerin Lùisa über Corona-Lockdown „Es ist ein künstlerisches und emotionales Desaster“" (23.03.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/musikerin-lisa-ueber-corona-lockdown-es-ist-ein-kuenstlerisches-und-emotionales-desaster/25672022.html

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mr.l 12:14 Uhr

    Kultur ist kein Luxus

Auch wenn ich die Sorgen und das Anliegen verstehe... aber hier werden die wirtschaftlichen Folgen dessen, was gerade passiert, offensichtlich unterschätzt. Die Schulden, die nun gemacht werden müssen um den Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern, sind immens. Zu fordern oder zu erwarten, dass die musikalische Subkultur gerettet werden muss, ist Angesichts der Probleme die auf uns zukommen völlig Weltfremd.


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[...] Düsseldorf Mit einem Milliarden-Schirm will die NRW-Landesregierung die Wirtschaft in der Corona-Krise retten. Die Corona-Fallzahlen steigen landesweit weiter an. Weitere Einschränkungen im öffentlichen Leben sind zu erwarten.

Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat am Sonntag ein für das Land beispielloses Rettungspaket in Höhe von 25 Milliarden Euro zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise beschlossen. In einer Sondersitzung per Schalte brachte die Regierung den Rettungsschirm auf den Weg. Schon am Dienstag soll der Landtag in einer Sondersitzung die Milliardenhilfen für Unternehmen und Beschäftigte im Schnelldurchlauf beschließen. Unterdessen erörterten die Ministerpräsidenten der Bundesländer mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sonntag weitere Maßnahmen im Kampf gegen die Corona-Pandemie.

„Wir befinden uns alle in einer wahrhaft außergewöhnlichen Extremsituation und sehen uns plötzlich Aufgaben und Problemen gegenüber, die wir uns vorher kaum vorstellen konnten“, sagte Finanzminister Lutz Lienenkämper (CDU) laut Mitteilung. „Mit unserem NRW-Rettungsschirm wollen wir den Zusammenbruch vieler Firmen vermeiden und viele Arbeitsplätze und ganze Erwerbsbiografien von Familien retten.“

Der Landtag soll sich am Dienstag mit dem Gesetzespaket des Kabinetts und einem Nachtragshaushalt für 2020 befassen, über den das Land bis zu 25 Milliarden Euro an neuen Schulden machen will. Damit sollen Bürgschaften, Steuerstundungen sowie Soforthilfen für Kleinunternehmen und Solo-Selbstständige finanziert werden. Die Kreditaufnahme soll in Tranchen abhängig von den benötigten Ausgaben erfolgen. Zugleich machte Lienenkämper klar, dass weitere Maßnahmen folgen werden. „Niemand weiß, welche Herausforderungen noch auf uns zukommen.“

Die Zahl der bestätigten Coronavirus-Infektionen stieg in NRW weiter an. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Sonntag (Stand 11.00 Uhr) gab es landesweit 7361 nachgewiesene Fälle. Das ist im bevölkerungsreichsten Bundesland ein Zuwachs von mehr als 600 im Vergleich zum Vortag. Die Zahl der erfassten Todesfälle in NRW stieg um neun auf 32.

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Aus: "25 Milliarden Euro : NRW-Kabinett billigt Milliarden-Hilfe für die Wirtschaft" (22. März 2020)
Quelle: https://www.aachener-zeitung.de/nrw-region/nrw-kabinett-billigt-milliarden-hilfe-fuer-die-wirtschaft_aid-49688839

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[...] Allmählich zeichnen sich die Dimensionen der Schäden ab, die diese Krise in der Wirtschaft hinterlassen wird. Sie sind gewaltig, und es ist noch lange nicht klar, wie groß sie letztlich ausfallen werden. Aber das Münchner ifo-Institut hat sich jetzt in einer Schätzung versucht. "Die Kosten werden voraussichtlich alles übersteigen, was aus Wirtschaftskrisen oder Naturkatastrophen der letzten Jahrzehnte in Deutschland bekannt ist", sagt der ifo-Präsident Clemens Fuest. Je nachdem, welches Szenario man zugrunde lege, könne die Wirtschaft um sieben bis zu 21 Prozentpunkte schrumpfen. In Geld ausgedrückt bedeutet das Kosten von 255 bis 729 Milliarden Euro.

Die Bundesregierung hat angekündigt, auf diese immense Herausforderung entschlossen zu reagieren und an diesem Montag im Kabinett ein beispielloses Hilfspaket beschlossen, das viele unterschiedliche Lebensbereiche umfasst: Unternehmen, aber auch normale Bürgerinnen und Bürger, sollen unterstützt werden. Was das den deutschen Staat letztendlich kosten wird, ist noch schwer zu beziffern, da es einerseits um direkte Zahlungen geht und andererseits um Bürgschaften und Kredite. Klar ist aber, wie hoch die neuen Schulden sind, die die Bundesregierung dafür jetzt aufnehmen will: 156 Milliarden Euro, so viel wie nie zuvor auf einmal.

Dieses Geld wird nun unterschiedlich eingesetzt. Wie Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) während einer gemeinsamen Pressekonferenz erklärten, sollen etwa 50 Milliarden Euro für direkte Hilfszahlungen an Kleinstbetriebe, Selbstständige, Künstlerinnen, Heilpraktiker oder Pfleger aufgewendet werden. Sie können über drei Monate 9.000 bis 15.000 Euro erhalten. Das soll unbürokratisch funktionieren, die Antragsteller müssen nur versichern, dass sie durch die Corona-Krise einen Liquiditätsengpass haben.

"Es kommt darauf an, dass wir schnell helfen", sagte Altmaier dazu, damit diese Kleinunternehmen "erhalten bleiben, auch wenn ihnen das Einkommen wegbricht". Der Wirtschaftsminister hob hervor, dass allein in diesem Bereich zehn Millionen Menschen tätig seien. Es gehe bei den Hilfen aber nicht darum, Umsatzausfälle zu ersetzen, sondern lediglich laufende Betriebsausgaben abzudecken.

Die beiden Minister gingen zudem erneut auf das Paket ein, das für mittelgroße Firmen bereitgestellt wird. Das unbegrenzte Kreditprogramm über die staatliche Förderbank KfW ist seit diesem Montag verfügbar. Die KfW genehmigte die ersten Notfall-Darlehen bereits, die Unternehmen über ihre Hausbanken beantragen können. Gleich zu Beginn des Arbeitstages um 8.30 Uhr seien zwei Kredite bewilligt worden in der Kategorie bis zu drei Millionen Euro, sagte ein KfW-Sprecher. Weitere Angaben über die Anzahl der eingegangenen Kreditanträge sollen folgen.

"Die Banken und die KfW haben sich intensiv auf den heutigen Tag vorbereitet", sagte KfW-Chef Günther Bräunig. "Noch nie haben wir ein Programm so schnell startklar bekommen. Der Bund übernimmt fast vollständig die Haftung und die Kreditmargen sind extrem niedrig." Die Sonderkredite stehen Firmen zur Verfügung, die wegen der raschen Ausbreitung des Coronavirus vorübergehend in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind und Liquidität zur Überbrückung brauchen. Mit den Darlehen, die teilweise bis zu 90 Prozent durch den Staat garantiert sind, können Betriebsmittel und Investitionen finanziert werden.

Bei größeren Konzernen will die Bundesregierung notfalls mit staatlichen Beteiligungen verhindern, dass Unternehmen in der Krise zu leichten Opfern von Firmenaufkäufern werden. "Wir sind entschlossen, unseren Unternehmen in dieser Zeit zur Seite zu stehen", sagte Altmaier. Die Bundesregierung lege es zwar nicht auf staatliche Beteiligungen an. Sie sei aber mit dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) dafür gerüstet, der ein Volumen von 100 Milliarden Euro haben werde. Das Instrument habe man aus der Zeit der Finanzkrise übernommen und werde es jetzt für Unternehmen aller Branchen öffnen.

Ein weiteres bewährtes Mittel aus der damaligen Krise ist das Kurzarbeitergeld. Wenn es keine Arbeit mehr gibt, kann ein Unternehmen seine Beschäftigten in Kurzarbeit schicken – die Bundesagentur für Arbeit übernimmt 60 Prozent des Lohns, bei Menschen mit Kindern 67 Prozent. Die Unternehmen bekommen die Sozialbeiträge erstattet. Kurzarbeitergeld kann fließen, wenn nur zehn Prozent der Beschäftigten vom Arbeitsausfall betroffen sind, statt wie bisher ein Drittel. Auch Zeitarbeitsunternehmen können die Leistung anzeigen. Die Regierung geht bisher von mehr als zwei Millionen Fällen aus, für die das Kurzarbeitergeld gezahlt werden muss. Kosten wird das rund zehn Milliarden Euro.

Auch wenn noch schwer vorauszusehen ist, wie lange die Krise anhält und wie viele Maßnahmen notwendig werden, hat das ifo-Institut anhand der bisherigen Zahlen zu schätzen versucht, wie viel Geld der Staat jetzt aufbringen muss. Ausgelassen haben die Wissenschaftler jedoch in der Kalkulation die geplanten Bürgschaften und Kredite sowie eventuelle europäische Rettungsmechanismen. Das ifo kommt so bisher auf eine Belastung für die öffentlichen Haushalte von bis zu 200 Milliarden Euro.


Aus: "Wirtschaftsmaßnahmen: Was das alles kostet" Zacharias Zacharakis (23. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-03/wirtschaftsmassnahmen-corona-krise-hilfspakete-kosten/seite-2

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