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[...] Ines Geipel hat ein Archiv der unterdrückten DDR-Literatur mitgegründet. Es sammelt Texte, die nicht erscheinen durften und in Kladden überdauert haben. Bei ihrer Recherche stolperte die Schriftstellerin immer wieder über erschütternde Schicksale.

Ute Welty: Wie viel Freiheit braucht die Kunst? Literatur in der DDR war vielfältiger und ambivalenter, als es die publizierten Texte aus dieser Zeit vermitteln.

Etliches weiß man über staatstragende und über staatskritische Schriften, und dann weiß man wenig über das, was im Geheimen entstand. Schriftstellerin und Professorin Ines Geipel tritt an, um das Verborgene ans Licht zu holen. Sie nimmt heute teil an der Diskussionsrunde nach der szenischen Lesung im Museum für Kommunikation in Berlin. Was ist denn das für eine Literatur gewesen, die in der DDR keine Rolle spielen durfte?

Geipel: Sie sagen es ja schon, wir kennen die Staatsnamen – ich nenne einfach mal Namen: Hermann Kant. Wir kennen die Kritisch-Loyalen, Christa Wolf oder Brigitte Reimann, die ja auch heute noch sehr gelesen werden. Wen wir nicht kennen, sind die kritisch-illoyalen, also die subversiv-systemkritischen Autorinnen und Autoren.

Und Joachim Walther und ich, wir haben uns auf den Weg gemacht, haben Texte gesucht und haben ein Archiv unterdrückter Literatur zusammengestellt, über 100 Autorinnen und Autoren mittlerweile, an die 70.000 originale Manuskriptseiten, ein sehr, sehr intensives, reiches, auch disparates Material.

Welty: Sie haben die staatskritisch-loyalen Autorinnen und Autoren angesprochen im Gegensatz zu den staatskritisch-illoyalen, was bedeutet das für die Literatur, wie unterscheidet die sich?

Geipel: Dass man die einen kennt und die anderen tatsächlich nicht. Also es ist auch eine Geschichte der bislang verleugneten DDR. Wir sehen unsere Sammlung auch ein Stück weit als ein Versuch eines Gegengedächtnisses im Sinne des geschützten Bestandes der DDR-Literatur an. Was uns auch immer wieder ganz neu erschreckt, sind diese sehr, sehr harten Schicksale, also sehr viel Zuchthaus, früh verstummt, erkrankt, Suizid.

Die Staatssicherheit, das System hat sich schon sehr viel Mühe gegeben. Literatur – das wissen wir ja – wird in einer Diktatur immer extrem behandelt, und insofern ist diese Geschichte natürlich auch eine große Geschichte des denunzierten Wortes, der gestohlenen Sprache, aber eben auch des reduzierten und verstümmelten Denkens, und da haben wir viel zu entdecken.

Welty: Wie sind Sie dann auf die Idee gekommen, ein Archiv dafür zu gründen? Ich stelle es mir extrem schwierig vor, etwas archivieren zu wollen, was offiziell gar nicht existiert.

Geipel: Die DDR war lang und sie war gründlich, es gibt viel Material, aber das ist völlig richtig, was Sie sagen. Literaturgeschichte gründet sich ja oder auch eine Kanonfrage gründet sich ja natürlich auf Veröffentlichtes, und das haben wir versucht. Wir haben akribisch gesucht in den Nebennachlässen, zum Beispiel Franz Fühmann hat sich sehr für junge Autoren stark gemacht.

Wir haben, als wir begonnen haben mit dem Archiv, sehr viele Interviews gegeben, haben versucht, das Thema an die Öffentlichkeit zu bringen, aber das ist die Ironie der Geschichte: Der stärkste Materialgeber war für uns die Stasi-Unterlagenbehörde, eben gerade weil Autor*innen verhaftet wurden und die Texte eben auch immer Material für die Prozesse waren.

Welty: Welche Schicksale haben Sie für die Arbeit fürs Archiv kennengelernt, was hat Sie da besonders beeindruckt?

Geipel: Ein Beispiel nur: Edeltraud Eckert, 1930 in Schlesien geboren, Flucht mit den Eltern nach Brandenburg, in die Stadt Brandenburg, früher Widerstand, Gefängnis, Frauenzuchthaus Hoheneck, schwerer Haftunfall in dieser Zeit, kurz vor dem Unfall bekommt sie einmalig die Möglichkeit, ein Schreibheft, wo wir im Grunde auch jetzt diese Texte veröffentlichen konnten, mit 25 Jahren stirbt sie an Wundstarrkrampf im Haftkrankenhaus Meusdorf. Das sind diese Schicksale, denen wir begegnet sind und auf die wir nur mit Glück gestoßen sind, weil die Schwester sich bei uns gemeldet hat.

Welty: Und wie gehen Sie dann damit um, mit dieser Erfahrung? Das kann man ja dann nicht im Archivregal abstellen.

Geipel: Nein, eben, genau, darum geht es. Wir wollen nicht ein Archiv machen, um noch mal Leben zu archivieren, sondern es gibt eine Edition, die „Verschwiegene Bibliothek“ bei der Büchergilde Gutenberg. Dort haben wir zehn Autorinnen und Autoren veröffentlichen können. Wir machen viele Veranstaltungen wie heute in Berlin, um eben auch die Texte, die Autoren mit ihren Schicksalen öffentlich zu machen. Wir finden, dass es richtig und Zeit ist, dieser in den Riss gefallenen Literatur und diesen Leben zu begegnen.

Welty: Im November ist der Mauerfall dann 30 Jahre her, das ist in einem Menschenleben eine lange Zeit, aber offensichtlich gelten für Geschichte und für Literatur andere Maßstäbe, oder?

Geipel: Ja, das wissen wir, und hier musste man ja auch ein bisschen um die Ecke denken, eben etwas, was so versteckt wurde, notwendigerweise, damit so ein System halten kann, versteckt wurde, in die Öffentlichkeit zu bringen. Und nun ist es da, nun kann es kennengelernt werden, und wir sind sehr gespannt auf die Resonanz.

Welty: Wen wünschen Sie sich als Leser, als Leserin?

Geipel: Alle, die Literatur lieben, es ist ein Literaturarchiv, und vor allen Dingen kann man in diesem Archiv ja den Gefühlen, nicht den Klischees, sondern den tatsächlichen Gefühlen in einer Zeit begegnen, und ich glaube, sich einfach hinsetzen – diese Texte sind möglich, sie sind da, sie sind öffentlich, und ein bisschen stöbern, das ist doch schon viel.


Aus: "„Eine Geschichte der bislang verleugneten DDR“"
Ines Geipel im Gespräch mit Ute Welty (05.03.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/ines-geipel-ueber-unveroeffentlichte-ddr-literatur-eine.1008.de.html?dram:article_id=442703

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[...] Wien – Asylwerber verdienen zu viel, wenn sie Hilfstätigkeiten während ihrer Grundversorgung erbringen. Diese Meinung vertritt Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) und hat nun einen – der APA vorliegenden – Entwurf ausgeschickt, der den Stundenlohn mit 1,50 Euro beschränkt. Der Hintergrund: Zu den insgesamt eher bescheidenen Möglichkeiten für Asylwerber, einer Beschäftigung nach zu gehen, zählen Hilfstätigkeiten im Auftrag von Bund, Ländern, Gemeinden, Gemeindeverbänden beziehungsweise zu den Kommunen gehörenden Einrichtungen. Das betrifft etwa Garten- und Hausarbeiten oder Transportdienste. Den Stundenlohn legte bisher die beauftragende Körperschaft fest. Maximal konnten monatlich 110 Euro plus 80 Euro für jedes weitere Familienmitglied verdient werden, ohne Einbußen bei der Grundversorgung befürchten zu müssen.

Den Innenminister stört jedoch, dass manche Körperschaften aus seiner Sicht zu viel, nämlich mehr als für Zivil- und Grundwehrdiener, auszahlen – und zwar teils über fünf Euro pro Stunde. Daher sollen Asylwerber für die sogenannten Remunerantentätigkeiten nun 1,50 Euro pro Stunde erhalten, "keinesfalls mehr – und das österreichweit einheitlich", schreibt Kickl in der Begründung der von ihm vorgelegten Verordnungsermächtigung, die am Montag für vier Wochen in Begutachtung geht. Die Remunerantentätigkeiten haben für Flüchtlinge den Vorteil, dass sie sofort nach Asyl-Antragsstellung möglich sind. Ansonsten muss man drei Monate warten, bis man eine Tätigkeit in einem Mangelberuf annehmen darf, das heißt etwa als Saisonnier im Tourismus oder als Erntehelfer. Gleiches gilt für Tätigkeiten als Haushaltshilfe mit Dienstleistungsscheck oder als Selbstständiger.

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hat Samstagmittag versichert, dass er den Entwurf für einen neuen Stundenlohn für Asylwerber unterstützt. "Der Innenminister geht hier abgestimmt mit uns vor. Ähnliches habe ich schon 2016 gefordert, mit der SPÖ war dies aber nicht zu machen", hieß es in einer Stellungnahme. Der Entwurf gehe am Montag in Begutachtung, bekräftigte er. Kurz hatte noch in seiner Funktion als Außen- und Integrationsminister im August 2016 verpflichtende gemeinnützige Ein-Euro-Jobs für Flüchtlinge gefordert. (APA, red, 23.3.2019)



Aus: "Kickl will Stundenlohn für Asylwerber auf 1,50 Euro senken" (23. März 2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000100081223/Kickl-will-Stundenlohn-fuer-Fluechtlinge-auf-1-50-Euro

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Ingenieur77

Gut.


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Nummer6

Du nicht gut.


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Ingenieur77

I don’t care


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ktm or bust

Hab mir nicht helfen können und mir bei der Krone die Kommentare zu dem Thema angesehen - Ich sag das normalerweise nicht aber das ist ein Sinnbild der österreichischen Seele. Mißgunst und Neid bis zum geht nicht mehr, nach unten treten und nach oben buckeln.

Normalerweise läßt mich dieser braune sumpf relativ kalt aber das was da im moment abgeht ist einfach nur noch ekelhaft. Auch wenn ich selbst massiv gegen diese Zuwanderung ins Sozialsystem bin muß ich gestehen ich bin das erste mal an den Punkt angekommen wo ich jemandem etwas schlechte wünsche.
All jene die jetzt freudejauchzend "die machen wenigstens politik für uns"(was für eine dumme ansage...würden die politik für euch machen würdens die zivi gehälter anheben) denen wünsche ich das jemand mit ihnen gleich verfährt ...


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Ku

Also quasi Sklaven will die Regierung
billigst und möglichst ohne Rechte - weit sind wir gekommen.


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homo ökonomicus

Armschleife würde ich nicht vergessen!
Zwecks Kennzeichnung "Asylwerber"!


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sommeralex

1.5 ist unwürdig - aber man muss auch folgendes bedenken: jeder will nach Österreich. So traurig es klingt, man darf keine "Anreize" schaffen.


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rainer haselberger

Sklaverei statt Integration! Nur Dumme freuen sich über dieses Lohndumping. ...


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eswirdschongleichdunkel

Herr Bundespräsident!
Könnten sie bitte diese Wahnsinnigen zur Ordnung rufen!


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Tischkalender

warum sollte dieser das tun?

wenn man den umfragen glauben schenkt, unterstützt eine doch satte mehrheit (ca. 60%) der bevölkerung den regierungskurs.
das mag einer recht lauten minderheit nicht gefallen ändert aber nix an den spielregeln.
bei der nächsten wahl gibts die nächste chance. ...


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Bioberni31

1,3 mio österreicher haben diese partei gewählt.


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untawex

Warum 1.50 und nicht einfach nur 1.20? Oder gleich gar nix?


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Pacis

Mir ist es egal wieviel Asylbewerber verdienen. Man sollte vielleicht beachten, Asylbewerber haben eine Unterkunft, Essen, Betreuung, ärztliche Betreuung usw. Sehe jeden Asylbewerber mit einem Smartphone, wer es finanziert entzieht sich meiner Kenntnis und interessiert mich nicht. Freuen würde mich, die Regierungen, rot/schwarz, jetzt schwarz/blau würden die Mindestrente erhöhen und sich mehr um deren Anliegen kümmern.
Aber wen interessiert schon meine Meinung!


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derStandardUser

Ja, aber das Handy!

*facepalm*


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KrankeSchwester

Der Steuerzahler finanziert den asylwerber und die Wirtschaft bekommt 1,50 Euro Arbeiter


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Manfred MacGyver

Jetzt hätte man natürlich auch den Lohn für Zivis und Grundwehrdiener anheben können...aber nein, wo kämen wir denn da hin?!


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Thyrion Lannister (Hand von Daenerys aus dem Hause Targaryen, die Erste ihres Namens Königin der Drachenbucht Königin der Andalen, der Ersten Menschen und der Rhoynar Regentin der sieben Königslande Beschützerin des Reiches Mutter der Drachen Sprengerin der Ketten )

Wenn ein Politiker keine Ausbildung hat, dann sollte sein Maximalgehalt die Lehrlingsentschädigung sein.


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Goggolplex

"Unterstützung für Kickl von Kanzler Kurz"
Unglaublich. Das sind Sklavenlöhne. Sogar die Stundenlöhne im Gefängnis sind um 10 Cent höher.


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Funkzelle Staatsoper

Mit einem Wort: die kleinen Steuerzahler zahlen die Mindestsicherung für die Asylwerber, und der Spargelgroßbauer zahlt 1,50 für den Erntehelfer.

Somit zahlt die Büroangestellte, der KFZ-Mechaniker, usw. quasi den Großteil des Erntehelfergehalts. Die 1,50 sind dann halt das Trinkgeld des EU-subventionierten Großbauern an den Asylwerber.
Wird sich das beim Spargelpreis auswirken? ...


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Johnny Longo

Arbeit ist normal zu bezahlen. Diese Sklavenhaltermentalität nimmt diesen Menschen den Rest an Würde, den sie vielleicht noch hatten. Zum K*tzen.


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Gedankenschleuder und Fraktal Texte / [Moral... (Notizen)]
« Last post by Textaris(txt*bot) on March 23, 2019, 12:37:08 PM »
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[...] Emma Braslavsky: „Ich werde misstrauisch, wenn jemand an meine Moral appelliert“ - Die Schriftstellerin Emma Braslavsky über ihr schwieriges Verhältnis zu Weltverbesserern. --- Emma Braslavsky, 1971 in Erfurt geboren, ist seit 1999 freie Autorin. Ihr Debütroman „Aus dem Sinn“ wurde 2007 mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet. Über ihren 2016 erschienenen Roman „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“ schrieb Peter Henning auf »Spiegel Online«: „Jeder fünfte Satz ein Knalleffekt, jedes neue Kapitel ein Anschlag auf die Fantasie.“ Emma Braslavsky lebt in Berlin.

brand eins: Frau Braslavsky, in Ihrem Roman „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“ wimmelt es von seltsamen Typen: Tierfreunde, die Menschen in Affen verwandeln wollen; ein Philosoph, der Hormone für die Ursache allen Übels hält und die Menschheit kastrieren will; Umweltschutz-Organisationen, die eigene Staaten ausrufen und eine Weltherrschaft der Nichtregierungsorganisationen anstreben. Was haben Sie gegen diese Leute?

Emma Braslavsky: Das ist etwa so wie die Frage: Was haben Sie gegen Schmerzmittel? Schmerzmittel sind eine Hilfe, aber genau wie Nichtregierungsorganisationen (NGO) behandeln sie nur Symptome. Ich habe nichts gegen Weltverbesserer, das sind ja interessante Leute. Sie werden in meinem Roman auch nicht nur verhöhnt, wer genau liest, spürt meine Verzweiflung. Organisationen wie Greenpeace oder Save the Children kämpfen schon viele Jahre gegen bestimmte Probleme, vermutlich mit allem moralischen Recht. Ich will ihre Verdienste nicht schmälern, aber sie erreichen, außer viel Aufmerksamkeit zu schaffen, angesichts des Aufwands, den sie betreiben, viel zu wenig.

Das ist aber nicht Ihr Hauptkritikpunkt.

Emma Braslavsky: NGOs sind wie alle Organisationen zuallererst an der Fortsetzung der eigenen Existenz interessiert, die ohne die Missstände gefährdet wäre. Neben der Tatsache, dass Japan jetzt nach 30 Jahren wieder groß angelegten Walfang betreiben will, wäre das Zweitschlimmste, was Greenpeace-Angestellten passieren könnte, eine Welt ohne Umweltprobleme.

Organisationen wollen ihre Aufgabe behalten – was ist so schlimm daran?

Emma Braslavsky: Dagegen ist nichts zu sagen. Nur vergessen wir beim Thema Weltverbesserung, dass dahinter auch ein profitables Konzept und ein Produkt steht – und stehen muss. Bei Waschmaschinenherstellern oder Pharmakonzernen kämen wir nicht auf die Idee, einen weltverbessernden Aspekt wahrzunehmen, dabei kommt kein moderner Mensch mehr ohne Schmerztabletten oder Vollwaschautomaten aus.

Eine Ihrer Romanfiguren, ein pensionierter argentinischer General, spendet sein Vermögen für eine Umweltschutz- und Aussteiger-Initiative namens Better Planet. Vor seiner Pensionierung war er für schreckliche Menschenrechtsverletzungen verantwortlich, jetzt will er sich ein gutes Gewissen erkaufen. Ist das mehr als eine groteske Zuspitzung?

Emma Braslavsky: Was diese Figur macht, ist im Kern eine moderne Form des Ablasshandels. Aber so funktioniert es ja wirklich. Vor Weihnachten kommen immer diese Bettelbriefe von durchsichtigen und undurchsichtigen Organisationen, die allen möglichen Bedürftigen helfen oder das zumindest behaupten. Das ist ein Geschäftsmodell. NGOs sind neben Wirtschaftsunternehmen und staatlichen Einrichtungen zu einem dritten Sektor mit massiven Eigeninteressen herangewachsen.

Wie sieht das Geschäftsmodell Ihrer Ansicht nach aus?

Emma Braslavsky: NGOs produzieren Aufmerksamkeit und verkaufen ihren Kunden ein gutes Gefühl. Bei Automobilherstellern können Sie als Kunde ein Auto kaufen. Bei den entsprechenden Initiativen können Sie ein gutes Gewissen kaufen und zum Beispiel das Versprechen, dass jemand dafür sorgt, dass der ökologische Schaden, den Ihr Auto anrichtet, irgendwie wieder ausgeglichen wird, zum Beispiel durch eine Spende für den Erhalt des Regenwaldes. NGOs verkaufen uns das Gefühl, dass es okay ist, wie wir leben. Wir müssen nichts ändern und sind trotzdem moralisch auf der richtigen Seite.

So kann man mit gutem Gewissen weiterkonsumieren?

Emma Braslavsky: Menschen tun immer das, wovon sie sich einen Nutzen für sich selbst versprechen. Das kann durchaus auch etwas Mildtätiges sein, wenn man sich selbst damit aufwerten kann. Natürlich ist das eigennützig. Moral ist nur das abgetragene Kleid, hinter dem wir unseren Egoismus verstecken, am besten auch vor uns selbst. Ich werde misstrauisch, wenn jemand an meine Moral appelliert.
Moral ist eine Waffe, die von Kirchen und Ideologen genutzt wird, um Menschen zu erpressen und sie davon abzuhalten, ihre Interessen zu vertreten. Oft wird Moral einfach mit Kooperation verwechselt. Wenn ich mit anderen zusammenarbeiten will, sollte ich mich aus ganz egoistischen Motiven anständig verhalten, sonst kooperieren die anderen irgendwann nicht mehr mit mir. Das ist eine Frage der Vernunft, nicht der Moral.

Haben Sie für Ihren Roman bei NGOs recherchiert?

Emma Braslavsky: Meine Recherche betraf eher andere Disziplinen, aber ein Ausgangspunkt war ein bizarres Erlebnis, das ich in den Neunzigerjahren hatte. Mit einem Forschungsstipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes war ich zwei Monate in Vietnam und recherchierte über die Perspektiven von Straßenkindern. Ich habe mir angesehen, wie große Hilfsorganisationen wie Unicef oder Save the Children mit ihnen arbeiteten. Ich war davon überzeugt, dass die NGOs mit den besten Absichten ihre Arbeit machen.
Das glaube ich im Prinzip immer noch, aber wenn man näher hinsieht, wird es kompliziert. Das Problem ist nicht nur, dass Mitarbeiter der Hilfsorganisationen in diesen armen Ländern zum Teil sehr komfortabel und privilegiert leben und dass immer wieder Skandale hochkommen, etwa wenn NGO-Mitarbeiter Hilfsbedürftige sexuell missbrauchen. Es gibt eine Art NGO-Kolonialismus.

Was hat Sie konkret gestört?

Emma Braslavsky: Das Erste, was mir auffiel, waren die ordentlich gebügelten Hemden, lauter Menschen, die in ihren NGO-Büros an ihren Computern Statistiken erstellten. Das ist ja nicht falsch, ich habe nichts gegen gebügelte Hemden. Die Frage ist, ob das den Straßenkindern hilft.
Je länger ich in den Büros dieser Wohltätigkeitskonzerne war, desto deutlicher wurde der Eindruck, dass die Berichte an die Zentrale, die Statistiken, die Legitimation der eigenen Arbeit, die Informationen für potenzielle Spender das Wichtigste sind. Ich bezweifle nicht, dass zum Beispiel Save the Children Straßenkindern hilft. Aber mein Eindruck in Vietnam war, dass die konkrete Hilfe vor allem ein Mittel zum Zweck ist, um weitere Spendenflüsse und öffentliche Gelder zu sichern, die den ganzen Apparat aufrechterhalten. Zugespitzt könnte man sagen, die Straßenkinder sind in diesem Geschäftsmodell so etwas wie Mitleidslieferanten. Sie sichern den Hilfsorganisationen, die dieses Mitleid bewirtschaften und monetarisieren, die nötigen Ressourcen, um den eigenen Apparat zu unterhalten.

Ist es nicht kleinlich, den NGOs vorzuwerfen, dass sie genau wie Regierungen und Unternehmen mit Statistiken arbeiten?

Emma Braslavsky: Statistiken? Kein Ding, natürlich sollen sie ihre Statistiken erarbeiten, aber geht die Arbeit darüber hinaus? Verändert sie in der Praxis etwas an den herrschenden Bedingungen?

Lassen sich Ihre Einzelbeobachtungen in Vietnam wirklich so radikal verallgemeinern?

Emma Braslavsky: Wir sprechen hier ja über die Liebelei zwischen Wirtschaft und Moral, die inzwischen auch auf jedes reine Wirtschaftsunternehmen übergegriffen hat. Wenn Sie diese oder jene Baumwollunterwäsche tragen, dann verbessern Sie ganz praktisch die Welt, nicht wahr? Egal ob das Liebestöter sind oder Tangas.
Mir geht es nicht darum, die Arbeit jedweder NGO schlecht zu machen, mir geht es darum zu zeigen, dass Moral nicht den Nutzen hat, den wir in ihr sehen wollen. Bei der Menge an aktiven NGOs weltweit, die seit gefühlten Ewigkeiten gegen Kinderarmut, Hunger, Korruption, Gewalt, Missbrauch, Menschenrechtsverstöße, Rassismus, Umweltzerstörung oder Terrorismus kämpfen, muss man nicht nur fragen dürfen: Warum wird es auf diesem Planeten bloß immer schlimmer? Sondern auch: Wer sind wir eigentlich, dass wir NGOs für die Wahrung unserer Rechte brauchen?

Was ist die Alternative? Sollten Bürger wohlhabender Länder zum Beispiel nicht für Straßenkinder in Vietnam spenden?

Emma Braslavsky: Ich war im Süden des Landes bei einer kleinen, privaten Organisation, die sehr direkt hilft, die Christina Noble Children’s Foundation. Sie baut und unterhält Krankenhäuser und Schulen, eine Initiative von engagierten Privatleuten. Was ich da sah, war echte, pragmatische Hilfe ohne einen großen bürokratischen Apparat, der sich zuerst selbst versorgen und legitimieren muss. Gegen lokale Hilfe ist wirklich nichts zu sagen – aber am Großen und Ganzen wird das nichts ändern.

In Ihrem Roman konkurrieren die fiktiven, globalen Hilfsorganisationen ohne Rücksicht auf Verluste um Spendengelder, Aufmerksamkeit, Macht – ist das nicht etwas übertrieben?

Emma Braslavsky: Die Fähigkeit, Themenfelder zu identifizieren, mit denen sich Spendengelder generieren lassen, ist eine Kernkompetenz jeder NGO. Auch gut gemeinte Aktionen von ihnen können fatale Folgen haben. Ich war in Vietnam in einer Einrichtung, die mir die Tränen in die Augen getrieben hat. Weil westliche NGOs einen besseren Rechtsstatus und das Recht auf Schulbildung für Straßenkinder gefordert hatten, wurden Straßenkinder von den Behörden in diese sogenannte „Schule Nummer drei“ gesperrt. Das war fast eine Art Kindergefängnis. Der Hauptzweck bestand offenbar darin, dass die Kinder nicht mehr auf der Straße herumlungern. Eine Folge meiner Recherche war, dass ich aufgefordert wurde, das Land eine Woche früher als geplant zu verlassen.

Sie sind als Schriftstellerin ebenfalls Spezialistin im Erzeugen von Aufmerksamkeit. Sind Ihnen NGOs näher, als Ihnen lieb ist?

Emma Braslavsky: Absolut. Ich brauche die Desperados und die Krisen, wie die NGOs sie brauchen. Worüber sollte ich sonst schreiben? Aber wenigstens behaupte ich nicht, mit meinen Romanen die Welt zu retten.

Aber Sie geben „Ratschläge zur Verbesserung der Weltlage“ auf dem Suhrkamp-Blog in Form von Einkaufstipps.

Emma Braslavsky: Das stimmt. In der „Warenwelt der Wunder“ empfehle ich absurde Produkte, zum Beispiel eine Nothing-Box. Da ist nichts drin, aber wenn man sie schüttelt, hört man Geld klimpern. Etwas Besseres kann es für Leute, die alles haben, nicht geben.

Spenden Sie selbst?

Emma Braslavsky: Ich spende jedes Jahr an Wikipedia, weil ich es toll finde, dass es Leute gibt, die dafür sorgen, dass ich alle möglichen Informationen einfach abrufen kann.



Aus: "Emma Braslavsky: „Ich werde misstrauisch, wenn jemand an meine Moral appelliert“" (2019)
Quelle: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2019/marketing/emma-braslavsky-interview-ich-werde-misstrauisch-wenn-jemand-an-meine-moral-appelliert
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[...] Der Ausspruch ist fast schon legendär:. "Wir reden hier eigentlich von Peanuts." Das Zitat stammt vom damaligen Deutsche Bank-Chef Hilmar Kopper. Als der Immobilienunternehmer Jürgen Schneider pleite ging, gab es offene Handwerkerrechnungen in Höhe von 50 Millionen Mark , die die Deutsche Bank bezahlten wolle. Die Summe sei kein Problem für seine Bank. Im Prinzip richtig, für seine Bank waren es Peanuts im Vergleich zu den fünf Milliarden, die seine Bank durch den Betrug verloren hatte. Doch nicht nur für die Handwerker, die wegen solcher „Kleinigkeiten“ ihren Betrieb schließen mussten, war das daneben.
Für das Ansehen der Bank keine Glanzleistung. „Peanuts“ wurde 1994 zum „Unwort des Jahres gewählt."

... Während die Vorstandssprecher der Deutschen Bank durch verbale Fehltritte auffallen, gibt es auf den unteren Ebenen handfeste Missetaten. Jahrelang haben Händler mehrerer Großbanken Zinssätze manipuliert. Darunter auch Mitarbeiter der Deutschen Bank. Sie sollen über Jahre getrickst haben bei Libor und Euribor - das sind wichtige Referenzzinsen für Geldgeschäfte der Banken untereinander. Die Banken mussten hohe Strafen zahlen, die Deutsche Bank gleich mehrfach. Eine EU-Strafe von 725 Millionen Euro, Mit den Behörden in den USA und Großbritannien verglich sich die Bank, es wurden 2,5 Milliarden Dollar fällig.

... Natürlich gibt es zahlreiche Verschwörungstheorien zu Goldpreis-Manipulationen im großen Stil. Aber diese hier war keine, diese Manipulation war real: Händler von Deutsche Bank, UBS und HSBC manipulierten die Kurse im Handel mit Gold- und Silber-Futures in den Jahren 2008 bis 2014. Als die Sache endlich aufflog, kannte die US-Börsenaufsicht kein Pardon. Es gab eine saftige Strafe für die kiminellen Handlungen. 46,6 Millionen Dollar mussten die drei Banken zahlen, die Deutsche Bank bekam mit 30 Millionen Dollar die höchste Strafe - na ja, nur Peanuts für eine Bank wie diese.

... Mitarbeiter der Deutschen Bank haben über CO2-Zertifikate Steuern hinterzogen. Dafür wurden sie zu Gefängnisstrafen verurteilt. Sie hatten ein raffiniertes Umsatzsteuerkarussell mit diesen Zertifikaten aufgebaut.

... Die Deutsche Bank hat an fragwürdigen Cum-Ex-Geschäften mitverdient. Sie zog mit Zeitverzögerungen Konsequenzen aus den umstrittenen Aktiengeschäften. Das Institut zog Steuerbescheingungen zurück, mit denen sich Frimen zu Unrecht beim Finanzamt Kaptialerstragssteuern erstatten ließen. Die Deutsche Bank beteuert aber, nie Teil eines "Cum-Ex"-Marktes gewesen zu sein. Allerdings sei man in Geschäfte einiger Kunden involviert gewesen.

Bei "Cum-Ex"-Geschäften ließen sich Anleger die einmal gezahlte Kapitalertragsteuer mit Hilfe ihrer Bank mindestens zweimal zurückerstatten. Steuerexperten sprachen lange von einem legalen Steuertrick. Doch mittlerweile geht man von Steuerhinterziehung aus. Der deutsche Fiskus wurde um Millardenbeträge geschröpft. Die Aufarbeitung läuft.

Auch für die so genannten Cum-Cum-Geschäfte, wobei Steuerzahlungen im Rahmen von Dividendenausschüttungen vermieden werden sollen. Dabei reichten ausländische Anleger ihre Aktien kurz vor dem Dividendenstichtag an deutsche Banken oder Fonds weiter. Sie können anders als die ausländischen Institute die Kapitalertragsteuer auf die Dividende mit Kosten und Verlusten aus anderen Wertpapiergeschäften verrechnen. Cum-Cum galt nicht per se als illegal, aber als moralisch fragwürdig allemal. Doch inzwischen wurde dieses Steuerschlupfloch geschlossen. Deutsche Institute rechnen wegen der vielen alten Fälle mit Straf- und Steuerzahlungen von insgesamt einer halben Milliarde Euro.

... Ist der Ruf erst ruiniert, fallen offenbar die Hemmungen: Die Deutsche Bank spielte auch im russischen Geldwäsche-Skandal eine unrühmliche Rolle. Ihre Kunden sollen über die Finanzplätze Moskau, New York und London rund zehn Milliarden Dollar an Rubel-Schwarzgeld aus Russland gewaschen haben. Und das Geldhaus soll da nicht so genau hingeschaut haben. Die Deutsche Bank habe unzureichende Vorkehrungen dagegen unternommen, befand die US-Notenbank Fed. Sie brummte der Bank ein Bußgeld von 41 Millionen Dollar auf. 2017 musste Deutschlands größte Bank 700 Millionen an Strafe zahlen, weil sie russischen Kunden half, Geld außer Landes zu schaffen. Weil das mit der Geldwäsche-Kontrolle offenbar immer noch nicht recht klappt, hat die BaFin der Deutschen Bank einen Aufpasser an die Seite gestellt. Doppelte Kontrolle hält besser.

... Die Deutsche Bank ist auch in den milliardenschweren Geldwäsche-Skandal der Danske-Bank verwickelt. Sie wickelte bis 2014/15 Zahlungen für die Dänen in Estland ab, wie ein Banksprecher bestätigte. Man habe die Geschäftsbeziehung zu der estnischen Filiale der Danske aber beendet, als die Aktivitäten verdächtig erschienen. Die Deutsche Bank sieht auch keine Mitverantwortung: Als sogenannte Korrespondenzbank habe sie keine konkrete Kenntnis der Kunden des dänischen Instituts gehabt und auch nicht haben müssen.

Ein Ex-Mitarbeiter der dänischen Großbank hatte vor einem Ausschuss des Parlaments in Kopenhagen ausgesagt, dass seine Bank Warnungen ignoriert habe, dass Geld über die estnische Danske-Tochter gewaschen werde. Und er hatte gesagt, dass eine ausländische Bank über mehrere Jahre hinweg Milliarden-Beträge aus Russland und angrenzenden ehemaligen Sowjetrepubliken weitergeleitet habe.

... Getrickst hat die Deutsche Bank auch auf dem amerikanischen Immobilienmarkt, was sie sieben Milliarden Dollar Strafe in den USA kostete. Im Zusammenhang mit der Ausgabe hypothekengedeckter Wertpapiere soll sie zum Kollaps des US-Immobilienmarktes 2008 beigetragen zu haben, weil sie teils wertlose Papiere verkauft hatte.

... Die Deutsche Bank ist auch eines von zehn Instituten, denen Investoren gemeinsame Marktmanipulation zur eigenen Bereicherung vorwarfen. Die Geldhäuser hätten sich von 2005 bis 2015 über verschiedene Kommunikationskanäle mit sensiblen Preisdaten versorgt und so eine "dreiste Verschwörung" betrieben, behaupten die Kläger. Die Deutsche Bank handelte einen Vergleich aus. Kostenpunkt: 48,5 Millionen Dollar.

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Quelle: https://boerse.ard.de/aktien/die-skandale-der-deutschen-bank102.html (Stans: 23.03.2019)

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[...] Der ehemalige Chef der Deutschen Bank, John Cryan, hat für den unfreiwilligen Führungswechsel eine Abfindung in Millionenhöhe erhalten. Laut Geschäftsbericht der Bank beläuft sich die Abfindung auf knapp 8,7 Millionen Euro. Cryan war von Mitte 2015 bis zum 8. April 2018 an der Spitze der Deutschen Bank tätig.

Sein Nachfolger Christian Sewing hat laut Geschäftsbericht für seine Arbeit im vergangenen Jahr insgesamt 7 Millionen Euro erhalten. Er verzichtete dieses Mal wegen des erreichten Gewinns nicht auf seinen Bonus. Die Vorstände bekommen zusammen 55,7 Millionen Euro von ihrem Arbeitgeber überwiesen, nachdem das oberste Führungsgremium drei Jahre lang keinen Bonus erhalten hatte. Topverdiener im aktiven Vorstand der Bank war 2018 Garth Ritchie, der die Investmentbank leitet und zugleich einer der beiden Stellvertreter Sewings ist. Der Südafrikaner bekam fast neun Millionen Euro, wenn man Aufwendungen für seine Altersvorsorge herausrechnet. Das lag vor allem daran, dass er zusätzliches Geld als oberster Brexit-Beauftragter der Bank bekam.

An ihre rund 90.000 Mitarbeiter zahlt die Bank für das zurückliegende Geschäftsjahr insgesamt 1,9 Milliarden Euro an Boni aus. Für 2017 hatte die Belegschaft, die damals allerdings noch um einiges größer war, 2,3 Milliarden Euro bekommen.

Neben der Abfindung bekam Cryan für die letzten Monate im Amt außerdem noch eine Vergütung in Höhe von knapp 1,9 Millionen Euro. Damit Cryan in einem bestimmten Zeitraum nicht zu einem Wettbewerber wechselt, hat er darüber hinaus eine vertraglich festgelegte Entschädigung in Höhe von 2,2 Millionen Euro bekommen.

Damit summiert sich Cryans Bezahlung aus dem vergangenen Jahr, die zum Teil aber erst in den kommenden Jahren ausgeschüttet wird, auf insgesamt 12,8 Millionen Euro. Für die Jahre 2015 bis 2017 hatte er eine Vergütung von insgesamt etwas mehr als neun Millionen Euro erhalten. Damit kommt er auf eine Gesamtvergütung von knapp 22 Millionen Euro oder umgerechnet etwa 21.600 Euro pro Tag im Amt.

Cryan war bei der Deutschen Bank im April 2018 zunehmend unter Druck geraten: Zahlreiche internationale Rechtsstreitigkeiten hatten das Unternehmen belastet, die zu Milliardenzahlungen für Strafen und Kompensationen führten.


Aus: "Ehemaliger Deutsche-Bank-Chef erhält Millionenabfindung" (22. März 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2019-03/john-cryan-ex-deutsche-bank-chef-abfindung

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runner_64 #19

Hihi, amüsant das zu lesen, da können sich jetzt wieder die Neider aus allen Teilen der Republik ereifern, aber bitte auf den Blutdruck aufpassen, sonst braucht es noch den Notarzt.  ...


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Dr. Econ #1.1

Leistung muss sich wieder lohnen.


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baumisms #28

Es ist doch ganz logisch: Wenn es dem Unternehmen gut geht, dann bekommen die "Manager" natürlich fette Boni. Denn sie haben das ja erreicht.
Wenn es dem Unternehmen schlecht geht, dann bekommen die "Manager" natürlich fette Boni. Denn jetzt müssen sie sich enorm anstrengen, um das Unternehmen wieder in Schuss zu bringen. Wenn die "Manager" das Unternehmen wegen Erfolglosigkeit vorzeitig verlassen, bekommen sie natürlich fette Boni. Denn sie machen den Weg frei für die erfolgreiche Sanierung.
Alles klar?


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Atkins #2

Wo bleibt das Verhältnis zum normalen Arbeitnehmer ? Wie kann man solche Auswuchse stoppen? Es ist für mich nicht mehr nachvollziehbar, dass ein "Angestellter" an einen Tag so viel verdient, wie Viele in einem Jahr.


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Der Humpink #2.2

Sie müssen es so sehen: Normale Angestellte brauchen nun mal einfach nicht so viel Geld, derzeit geht unsere Politik sogar davon aus, dass sie nicht mal eine echte Rente benötigen. Auch das errechnete Existenzminimum ist für normale Menschen vollkommen übertrieben. Nun gibt es allerdings Menschen, besonders in Bankvorständen und Aufsichtsräten, die sind irgendwie einfach feinstofflicher. Und eben auch viel kostbarer als der gemeine Duschnittsmensch. Diesen Herrschaften wäre es schlicht nicht zuzumuten, ihren Kaviar nicht von goldenen Löffelchen zu essen, keine Yacht zu besitzen oder ihr Automobil selbst bedienen zu müssen. Deshalb brauchen diese ebenso erhabenen wie empfindlichen Wesen eben etwas mehr, immerhin sind die ja auch gezwungen, ihrem zarten Nachwuchs diverse Millionen zu vererben, damit sich dieser einst bei der Initiation in die gehobene Klasse nicht am harten Brot ernsthafter Arbeit die feinen Kauleisten abnutzt.

So, jetzt denken Sie bitte noch einmal über Ihre Frage nach, bevor man Ihnen unterstellt, dass Sie hier nur eine abscheuliche Neiddebatte starten wollen.


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Kawin #2.5

Ich sach nur: "Schlecker-Frauen"................


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Uxmal #3

Bitte keinen Neid! Laut Christian Lindner und seinen Freunden kann das jeder schaffen, auch die Putzfrau und die Pflegekraft. Sie müssen nur mehr anstrengen.


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BeachWalker #4.10

Trump's Hausbank ...


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Erkos #6

Solange solche Monströsitäten vorkommen wird es kein normales Miteinander in Gesellschaften geben können!


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GlobalPlayer5001 #6.1

Wieso Monströsitäten? Es handelt sich um freiwillig von beiden Seiten vertraglich geschlossene Vereinbarungen, die auch noch transparent in jedem Geschäftsbericht (schauen Sie in den Teil "Vergütungsbericht") nachgelesen werden können.

Wo ist das Problem, wenn nicht im Bereich Neid und Missgunst? Man muss eben auch gönnen können!


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Erkos #6.2

Das mit dem Neid können Sie nun wirklich stecken lassen! Ist das "Schlagtot"-Argument aller Kapitalismusbefürworter. Wir durch häufige Wiederholung aber auch nicht wahrer. Alles, was Banken "verdienen", haben vorher Menschen erarbeitet. ...


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chefwn #31

Im Aktiengeschäft heißt das Gewinnmitnahme, glaub ich.


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KlausMa #31.1

Die Herrschaften nehmen auch noch "Gewinne" mit wenn die Bude Miese macht.


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Bluegene #42

Ackermann hat damals das Grundstein fuer das Grab gelegt.
Die Deutsche Bank hat seit 2010 insgesamt drei Kapitalerhöhungen durchgeführt.
Sonst waere die DB pleite. Also dreimal das Kapital ihrer Kapitalgeber immer wieder vernichtet.
Ich kann nicht verstehen wer da noch investiert.
Fons welche dieser Kapitalvernichter Bank mit seinen Boni Checkern Geld gegeben hatten sollten auch boykottiert werden.
Das Ding fasse ich nicht einmal mit einer Pinzette an. ...


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Dorothee von Brentano #44

Einfach nur pervers. Nichts gegen gute Gehälter da wo sie durch Leistung gerechtfertigt sind ...


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95
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[...] Sheldon Adelson, dem die Hälfte der Las-Vegas-Sands-Gruppe gehört und der damit der größte Kasinobetreiber der USA ist, hat im jüngsten US-Wahlkampf mit seinen Spenden alle anderen Unternehmerbosse überboten. 113 Millionen US-Dollar hat er für republikanische Kandidaten bei den Wahlen zum Kongress 2018 ausgegeben. Adelson hatte schon in der Vergangenheit ein glückliches Händchen mit seinen Entscheidungen bewiesen. Der Kasinoboss hat 2016 die Rangliste der Trump-Geldgeber bei den Präsidentschaftswahlen angeführt.

In keiner anderen westlichen Demokratie wird so viel Geld im Rahmen von Wahlkampagnen ausgegeben wie in den USA. Weil ohne millionenschwere und oft milliardenschwere Unterstützer nichts geht, sagen Kritiker oft, die US-Demokratie werde in Wahrheit von Unternehmen, von Corporate America, dominiert. Ein Gruppe von Wissenschaftern, darunter Alma Cohen von der Harvard University und Moshe Hazan von der Wirtschaftsuniversität Tel Aviv, wollte es etwas genauer wissen. Sie sind im Rahmen einer soeben vorgestellten Studie der Frage nachgegangen, wo genau die mächtigsten US-Firmenbosse politisch stehen, welchen Kandidaten sie also Geld geben und wie viel. Die Forscher haben dafür analysiert, an wen die Firmenchefs der 1500 wichtigsten börsennotierten Gesellschaften in den USA seit dem Jahr 2000 gespendet haben.

Das Gesamtergebnis ist zwar wenig überraschend: Die Firmenchefs spenden öfter und mehr für Republikaner, die als besonders unternehmernah gelten. Erstaunlich ist aber, wie groß die Kluft ist. 75 Prozent der Spendengelder der Firmenbosse gehen an republikanische Kandidaten. Nahezu 60 Prozent der CEOs unterstützen überwiegend oder einzig die Konservativen. Gerade 18 Prozent geben Geld für die Demokraten, der Rest spendete an Kandidaten von kleineren und unbedeutenden Parteien. In manchen Branchen ist die Kluft besonders gewaltig. Im Energiesektor etwa, zu dem die großen Erdölkonzerne Exxon Mobil oder Chevron zählen, unterstützen 90 Prozent der Unternehmensbosse republikanische Bewerber. In der Warenproduktion und in der chemischen Industrie gibt es ebenso kaum Geld für Demokraten.

Die Republikaner haben in nahezu allen untersuchten Branchen eine dominante Stellung, also in Finanzindustrie ebenso wie in der Pharmabranche. Einzig im Telekomsektor liegen die beiden wichtigsten Parteien bei Spenden gleichauf. IT-Unternehmen wie Facebook und Google zählen in der Bewertung der Studienautoren zum Telekomsektor. Die Zahlen für ihre Analyse haben die Wissenschafter einer Datenbank der Federal Election Commission entnommen. Dort muss jede politische Spende über 200 Dollar bei Bundeswahlen registriert werden. Dementsprechend wurden nur Gelder zugunsten von Kandidaten ausgewertet, die für ein Bundesamt kandidiert haben. Insgesamt haben die Unternehmer im untersuchten Zeitraum 420 Millionen US-Dollar an Republikaner und Demokraten gespendet. Die Analyse bewertet die Vorgänge nicht, sondern will, so schreiben es die Autoren, einen Beitrag dazu leisten, die Rolle von großen US-Unternehmen in der Politik besser zu verstehen. Dabei sind viele Zusammenhänge offensichtlich.

Zu den ersten Amtshandlungen von Präsident Trump zählte etwa, grünes Licht für die Verlängerung der strittigen Ölpipeline Keystone XL zu geben. Trumps Vorgänger, der Demokrat Barack Obama, hatte das Projekt zuvor jahrelang blockiert. Umweltschützer kritisieren die Pipeline, weil mit Keystone Erdöl aus der westkanadischen Provinz Alberta zu Raffinerien in die USA transportiert werden soll. In Kanada wird das Öl aus sandigen Teerböden gewonnen, was als besonders umweltschädlich gilt, weil eine hohe Menge an chemischen Stoffen eingesetzt werden muss.

Trump befürwortet aber auch Fracking, bei dem Erdöl und Erdgas ebenfalls unter massivem chemischem Einsatz aus Schiefergestein gewonnen werden. Zu Trumps ersten handelspolitischen Maßnahmen gehörte, Zölle auf Stahl- und Aluminiumimporte zu verhängen. Während die wichtigen Autobauer in den USA wie General Motors mit diesem Schritt nicht einverstanden sind, wurden die Zölle von den Metallerzeugern lautstark gefordert.

Die Studie hat noch einige interessante Ergebnisse ans Licht gebracht. So sind Unternehmen in den USA nicht verpflichtet offen zulegen, welchen politischen Kandidaten und Parteien sie Geld geben. Manche Konzerne tun es dennoch. Laut Harvard-Wissenschafterin Cohen gibt es dabei einen klaren Zusammenhang. Wenn ein Unternehmen von einem Firmenboss geleitet wird, der eher die Republikaner unterstützt, dann veröffentlichen diese Konzerne tendenziell keine Informationen über ihre Spendenaktivitäten. Schließlich sind auch die Daten zum Spendenverhalten der weiblichen Unternehmer spannend. Zunächst waren nur 2,2 Prozent der CEOs Frauen. Unter weiblichen Chefs ist das Verhältnis aber nahezu ausgeglichen, etwa ebenso viele spenden an Republikaner wie an Demokraten. (Andras Szigetvari, 21.3.2019)


Aus: "Hunderte Millionen von US-Konzernbossen an Republikaner" András Szigetvari (21. März 2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000099900951/420-Millionen-fuer-unternehmerfreundliche-US-Politik

Quote
captain morgan

Niemand beißt die Hand die in Füttert!!


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betterknower

In Russland werden die Machtverhältnisse von Oligarchen bestimmt. In den USA sagt man halt anders dazu.


Quote
pro noblem

man achte auf die Sprache: "420 Millionen für unternehmerfreundliche US-Politik", vor Kurzem noch hat man dazu "Lobbyisten Geld" gesagt, und vor etwas längerem sagte man geradeaus KORRUPTION dazu. Das passiert, wenn die Konzerne nicht nur die Politik, sondern auch die Sprachkultur übernehmen. Sobald Korruption salonfähig geworden ist, darf sie nicht mehr so heissen, ab nun "Geld für unternehmerfreundliche Politik". So kippt unsere Welt in ein bipolares Rechtssystem, durch die Verdrehung und den Missbrauch der Sprache.


Quote
warp.faktor

Wo die Wirtschaft Freiheit genießt, liegt die Demokratie in Ketten!
Leider wird es nicht untersucht, aber in der EU ist das Verhältnis sicher ähnlich.
Die Zusammensetzung der EU-Institutionen und die ~30.000 hochbezahlten Lobbyisten (Bestecher) in Brüssel weisen ebenso deutlich darauf hin, wie die ständig sinkende Steuerleistung der Konzerne.


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Zeus (himself)

Wieso wird hier immer nur die EU-ebene erwähnt? Glaubst, dass es auf nationalstaatlicher Ebene anders ist?


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[...] Sheldon Adelson, dem die Hälfte der Las-Vegas-Sands-Gruppe gehört und der damit der größte Kasinobetreiber der USA ist, hat im jüngsten US-Wahlkampf mit seinen Spenden alle anderen Unternehmerbosse überboten. 113 Millionen US-Dollar hat er für republikanische Kandidaten bei den Wahlen zum Kongress 2018 ausgegeben. Adelson hatte schon in der Vergangenheit ein glückliches Händchen mit seinen Entscheidungen bewiesen. Der Kasinoboss hat 2016 die Rangliste der Trump-Geldgeber bei den Präsidentschaftswahlen angeführt.

In keiner anderen westlichen Demokratie wird so viel Geld im Rahmen von Wahlkampagnen ausgegeben wie in den USA. Weil ohne millionenschwere und oft milliardenschwere Unterstützer nichts geht, sagen Kritiker oft, die US-Demokratie werde in Wahrheit von Unternehmen, von Corporate America, dominiert. Ein Gruppe von Wissenschaftern, darunter Alma Cohen von der Harvard University und Moshe Hazan von der Wirtschaftsuniversität Tel Aviv, wollte es etwas genauer wissen. Sie sind im Rahmen einer soeben vorgestellten Studie der Frage nachgegangen, wo genau die mächtigsten US-Firmenbosse politisch stehen, welchen Kandidaten sie also Geld geben und wie viel. Die Forscher haben dafür analysiert, an wen die Firmenchefs der 1500 wichtigsten börsennotierten Gesellschaften in den USA seit dem Jahr 2000 gespendet haben.

Das Gesamtergebnis ist zwar wenig überraschend: Die Firmenchefs spenden öfter und mehr für Republikaner, die als besonders unternehmernah gelten. Erstaunlich ist aber, wie groß die Kluft ist. 75 Prozent der Spendengelder der Firmenbosse gehen an republikanische Kandidaten. Nahezu 60 Prozent der CEOs unterstützen überwiegend oder einzig die Konservativen. Gerade 18 Prozent geben Geld für die Demokraten, der Rest spendete an Kandidaten von kleineren und unbedeutenden Parteien. In manchen Branchen ist die Kluft besonders gewaltig. Im Energiesektor etwa, zu dem die großen Erdölkonzerne Exxon Mobil oder Chevron zählen, unterstützen 90 Prozent der Unternehmensbosse republikanische Bewerber. In der Warenproduktion und in der chemischen Industrie gibt es ebenso kaum Geld für Demokraten.

Die Republikaner haben in nahezu allen untersuchten Branchen eine dominante Stellung, also in Finanzindustrie ebenso wie in der Pharmabranche. Einzig im Telekomsektor liegen die beiden wichtigsten Parteien bei Spenden gleichauf. IT-Unternehmen wie Facebook und Google zählen in der Bewertung der Studienautoren zum Telekomsektor. Die Zahlen für ihre Analyse haben die Wissenschafter einer Datenbank der Federal Election Commission entnommen. Dort muss jede politische Spende über 200 Dollar bei Bundeswahlen registriert werden. Dementsprechend wurden nur Gelder zugunsten von Kandidaten ausgewertet, die für ein Bundesamt kandidiert haben. Insgesamt haben die Unternehmer im untersuchten Zeitraum 420 Millionen US-Dollar an Republikaner und Demokraten gespendet. Die Analyse bewertet die Vorgänge nicht, sondern will, so schreiben es die Autoren, einen Beitrag dazu leisten, die Rolle von großen US-Unternehmen in der Politik besser zu verstehen. Dabei sind viele Zusammenhänge offensichtlich.

Zu den ersten Amtshandlungen von Präsident Trump zählte etwa, grünes Licht für die Verlängerung der strittigen Ölpipeline Keystone XL zu geben. Trumps Vorgänger, der Demokrat Barack Obama, hatte das Projekt zuvor jahrelang blockiert. Umweltschützer kritisieren die Pipeline, weil mit Keystone Erdöl aus der westkanadischen Provinz Alberta zu Raffinerien in die USA transportiert werden soll. In Kanada wird das Öl aus sandigen Teerböden gewonnen, was als besonders umweltschädlich gilt, weil eine hohe Menge an chemischen Stoffen eingesetzt werden muss.

Trump befürwortet aber auch Fracking, bei dem Erdöl und Erdgas ebenfalls unter massivem chemischem Einsatz aus Schiefergestein gewonnen werden. Zu Trumps ersten handelspolitischen Maßnahmen gehörte, Zölle auf Stahl- und Aluminiumimporte zu verhängen. Während die wichtigen Autobauer in den USA wie General Motors mit diesem Schritt nicht einverstanden sind, wurden die Zölle von den Metallerzeugern lautstark gefordert.

Die Studie hat noch einige interessante Ergebnisse ans Licht gebracht. So sind Unternehmen in den USA nicht verpflichtet offen zulegen, welchen politischen Kandidaten und Parteien sie Geld geben. Manche Konzerne tun es dennoch. Laut Harvard-Wissenschafterin Cohen gibt es dabei einen klaren Zusammenhang. Wenn ein Unternehmen von einem Firmenboss geleitet wird, der eher die Republikaner unterstützt, dann veröffentlichen diese Konzerne tendenziell keine Informationen über ihre Spendenaktivitäten. Schließlich sind auch die Daten zum Spendenverhalten der weiblichen Unternehmer spannend. Zunächst waren nur 2,2 Prozent der CEOs Frauen. Unter weiblichen Chefs ist das Verhältnis aber nahezu ausgeglichen, etwa ebenso viele spenden an Republikaner wie an Demokraten. (Andras Szigetvari, 21.3.2019)


Aus: "Hunderte Millionen von US-Konzernbossen an Republikaner" András Szigetvari (21. März 2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000099900951/420-Millionen-fuer-unternehmerfreundliche-US-Politik

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captain morgan

Niemand beißt die Hand die in Füttert!!


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betterknower

In Russland werden die Machtverhältnisse von Oligarchen bestimmt. In den USA sagt man halt anders dazu.


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pro noblem

man achte auf die Sprache: "420 Millionen für unternehmerfreundliche US-Politik", vor Kurzem noch hat man dazu "Lobbyisten Geld" gesagt, und vor etwas längerem sagte man geradeaus KORRUPTION dazu. Das passiert, wenn die Konzerne nicht nur die Politik, sondern auch die Sprachkultur übernehmen. Sobald Korruption salonfähig geworden ist, darf sie nicht mehr so heissen, ab nun "Geld für unternehmerfreundliche Politik". So kippt unsere Welt in ein bipolares Rechtssystem, durch die Verdrehung und den Missbrauch der Sprache.


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warp.faktor

Wo die Wirtschaft Freiheit genießt, liegt die Demokratie in Ketten!
Leider wird es nicht untersucht, aber in der EU ist das Verhältnis sicher ähnlich.
Die Zusammensetzung der EU-Institutionen und die ~30.000 hochbezahlten Lobbyisten (Bestecher) in Brüssel weisen ebenso deutlich darauf hin, wie die ständig sinkende Steuerleistung der Konzerne.


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Zeus (himself)

Wieso wird hier immer nur die EU-ebene erwähnt? Glaubst, dass es auf nationalstaatlicher Ebene anders ist?


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Weil das Material nun in einem kleinen Kubus, einem Computer, Laptop oder Telefon verstaut ist, wird die Schande für Außenstehende zwar unsichtbar, das Elend der vollgestopften Seele jedoch nicht gelindert. ... Eine ungezügelte Musik-Libido ist sicherlich eine Form der Neugierde und der Vergnügungslust, womit sie der Sphäre des lebensbejahenden Eros zuzurechnen ist. Aber der Einfluss des Internets auf den Musikkonsum führt auch in die morbide Zone repetitiven Verhaltens. Der Archivierungstrieb hat einen neurotischen Aspekt: die Leugnung der Sterblichkeit. „Wir kaufen Bücher, weil wir glauben, wir kaufen die Zeit, sie zu lesen“, hat Warren Zevon in Anlehnung an eine Schopenhauer-Maxime gesagt. Das Gleiche gilt für Platten und MP3s. (Simon Reynolds, 21.03.2019)


Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/das-internet-als-archiv-wie-die-digitalisierung-unsere-musikkultur-veraendert/24125664.html
98
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[...] Mit dem Versprechen, Benutzern den perfekten Soundtrack für jeden Moment ihres Alltags zu bieten, haben sich Spotify-Gründer Daniel Ek und sein Team vor einigen Jahren darangemacht, den Weltmarkt zu erobern. Es scheint zu funktionieren. Auch wenn Musikliebhaber, die den Streamingdienst als schier unerschöpfliche Suchmaschine schätzen, das thematische Playlisting als furchtbar mainstreamig empfinden.

... Während Nerds und Nischenhörer weiterhin für den bloßen Zugriff auf Daten bezahlen, möchte der Durchschnittskonsument heute scheinbar schlicht den passenden Mix: musikalisches Convenience-Food, digitale Fetenhits und Kuschelrock-Compilations.

"Indem sie beständig verringert, was wir noch zu tun bereit sind, wird die Benutzerfreundlichkeit zur Beschränkung," schrieb Tim Wu neulich in der New York Times. Besonders im Hightechbereich sei der Kampf um die einfachste Bedienbarkeit längst zum Kampf um Marktanteile geworden. Angetrieben durch die Macht der Gewohnheit und die Logik des Wachstums, führe unsere Vorliebe für alles Bequeme zu einer Art ökonomischen Gewaltspirale: "Je einfacher es ist, Amazon zu benutzen, desto mehr Zeit verbringen wir auf der Plattform – und desto einfacher erscheint uns wiederum die Bedienung." Bequemlichkeit ist kein Bonus mehr, sondern längst Must-have. Jedes erfolgreiche Tech-Unternehmen feilt scheinbar unentwegt an effizienteren, benutzerfreundlicheren Features.

Spotifys wichtigste Investition in Sachen Benutzerfreundlichkeit war der Erwerb von Echo Nest im Jahr 2014. Die US-amerikanische Music Intelligence Platform hatte sich als Forschungsprojekt am MIT Media Lab gegründet und auf die digitale Verstichwortung von Musik spezialisiert. In Söderströms Worten brachte man mit der Übernahme die besten Entwickler im Bereich der Musikkategorisierung mit Spotifys Daten zusammen, um gemeinsam am "bedeutendsten und größten Playlistingsystem der Geschichte" zu bauen. Ein Jahr zuvor hatte Spotify bereits die Onlineplattform Tuningo gekauft, die Playlists für bestimmte Stimmungen und Tätigkeiten des Alltags generierte. Mit Tuningo übernahm man rund 20 Musikredakteure, seither wächst das Team der "Kuratoren" beständig. Um dem Angebot eine menschliche Note zu geben, setzt Spotify neben Experten auf Crowdsourcing – und erfindet immer seltsamere Features.

 2016 hat es eine Zusammenarbeit mit der Dating-App Tinder gegeben, um potenzielle Partner nach Musikgeschmack zu matchen. Ende vergangenen Jahres kam die Cosmic-Playlist, eine Art musikalisches Horoskop, das eine Astrologin einmal im Monat für jedes Sternzeichen zusammenstellt. Gemeinsam mit AncestryDNA, einem US-Unternehmen, das gegen Speichelprobe und Bezahlung das Genom von Privatpersonen entschlüsselt, hatte man kurz zuvor bereits Playlists passend zum Erbgut seiner Kunden erstellt. Ob der US-Bürger mit neu entdeckten deutschen Wurzeln das Gefühl hat, sich dank Nena in der Tracklist selbst näherzukommen? Imagemäßig war das Projekt eine ziemliche Pleite. Aber neue Schlagzeilen und Nutzerdaten brachte es Spotify allemal.

Egal, was eine Playlist behauptet zu sein oder zu bieten, geht es am Ende natürlich um die Verfeinerung von Userprofilen. Während an der Benutzeroberfläche nur sichtbar ist, wie viele Abonnenten die Playlist hat, wird das Nutzerverhalten intern genau diagnostiziert: Was wird wie oft und zu welcher Uhrzeit gespielt? Wo wird weitergezappt? Was gelikt und in die eigene Bibliothek übernommen? Anders als ihr analoger Vorläufer, der Sampler, erlaubt die Playlist Streamingdiensten und Plattenfirmen, ihr Angebot akribisch zu testen. Netflix hat es vorgemacht und verordnet uns Filme mittlerweile fast medikamentös, auf Basis computergenerierter Microgenres wie "Feel-good Romantic Spanish-Language TV-Shows": Was häufig gesucht und geklickt wurde, wird irgendwann als Kategorie angeboten oder gleich on demand produziert. 

Spotifys Mechanismus basiert auf einer symbiotischen Verbindung von Mensch und Maschine: Jeder Nutzer, der selbst Playlists macht, gruppiert bestimmte Lieder und vergibt durch Headlines wie Happiness, Hymnen, Hatecore oder Symphonien fürs Frühstück Etiketten, von denen das ganze System profitiert. Weil wir alle unseren Teil dazu beitragen, die Performance der Plattform zu verbessern, sind wir, in Spotifys Sprache, "part of the band". Zumindest sind wir es, die der Plattform den Datenvorteil bescheren, auf dessen Basis sie auch anspruchsvollen Hörern erstaunlich gute Vorschläge macht.

 Tatsächlich gibt es kaum Spotify-Nutzer, die das recommendation-Feature des Streamingdienstes nicht großartig finden. Selbst wem die ungefragte Stilberatung zunächst so übergriffig vorkam, wie die einer Kaufhausangestellten in der Unterwäscheabteilung, war irgendwann bereit, ihren Wert murrend anzuerkennen. Besonders Nischenhörer haben den Anspruch, das eigene Repertoire immerfort zu erweitern. Manch einer mag sich der Zusammenstellung manueller Playlists heute mit derselben Hingabe widmen, mit der er früher mal Mixtapes gemacht hat. Aber natürlich wissen wir alle, dass die Zukunft des Musikhörens anders aussieht. Nämlich smart, vollautomatisch und präzise personalisiert. An die Stelle des alten Versprechens, körperliche Arbeit zu minimieren, ist die Aussicht auf Vermeidung jener mentalen Anstrengungen getreten, denen es bedarf, um Entscheidungen zu treffen.

Spotifys Entwickler haben sich das Prinzip der self-driving playlist bei Google Plus abgeguckt, sagt Produktchef Söderström. Während Apples iPhoto lange auf ein manuelles Sortiersystem setzte, machte man sich bei Google vergleichsweise früh die Fortschritte der Datenanalyse zunutze, um ein selbst sortierendes Bildarchiv zu programmieren. Der Ansatz ließ sich auf die Musik übertragen. Mittlerweile stellt Spotify seinen Nutzer neben Playlists und persönlichen Vorschlägen längst Widgets zur Verfügung, die händisches Sortieren scheinbar hinfällig machen. Das, was wir hören wollen, soll in den entsprechenden Fenstern künftig automatisch erscheinen und dabei ständig neue Entdeckungen liefern.

 Der persönliche Wochenmix Discover Weekly war Spotifys erste self-driving playlist, es folgten die Zeitkapsel, der Release Radar und eine Reihe individualisierter Mixtapes. Doch während wir am laufenden Band Lieder angeboten bekommen, bleibt uns immer weniger Zeit, sie zu hören.

Spotify hat sich längst darauf eingestellt, dass immer mehr Menschen eher beiläufig Musik hören, beim Trainieren, Arbeiten oder Einschlafen. Gleichzeitig trägt man mit musikalischen moodboards dazu bei, dass immer mehr Menschen sie als reines Beiwerk empfinden. Nachdem Streaming die Musik als Produkt grundlegend verändert hat, verändert Playlisting die Art und Weise, in der wir sie konsumieren. Im schlimmsten Fall verlernen wir, Dissonanzen zu schätzen.

Damit uns die digitale Welt mal überrascht, bedürfe es "Algorithmen für Disruption", schrieb Claudius Seidl kürzlich in der FAZ. Spotify arbeitet daran. Die Playlist B-Seite, die in der englischen Version Tastebreakers heißt, möchte unseren musikalischen Horizont mit Titeln und Genres erweitern, die wir sonst nicht hören – von denen der Algorithmus aber annimmt, sie könnten uns trotzdem gefallen. Meine tastebreakers sind Kraftwerk und Hildegard Knef, aber auch Musiker, von denen ich tatsächlich nie gehört habe. Vielleicht ein Anfang, obwohl – oder gerade weil – mir die meisten nicht auf Anhieb gefallen. Doch die Logik der Algorithmen bleibt gleich: survival of the hippest. Was nicht gleich gern gehört wird, wird aussortiert.

Auch in analogen Zeiten haben sich viele Alben wegen Hitsingles verkauft. Aber den Rest nahm man eben zwangsweise mit, ließ sich von hidden tracks erschrecken, hörte sich durch Dramaturgien – und dabei in so manchen Song hinein. Nicht alle Lieblingslieder haben auf Anhieb gefallen oder bieten sich an, um uns als Stimmungstapete durch den Tag zu begleiten. Längst nicht alle sind eingängig; viele wollen es bekanntlich nicht sein, andere brauchen Zeit. Letztere muss sich weiterhin nehmen, wer nicht in maschinenkuratierten Lebenssoundtracks eingelullt werden will.

...


Aus: "Playlist: Verloren in Musik" Anna Sinofzik (20. März 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/entdecken/2019-03/playlist-spotify-musik-streaming-track-hit/komplettansicht

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no-panic #1

Die "Brigitte" hatte mal Kochrezepte nach Sternzeichen geordnet/zugeordnet. Ich muss heute noch würgen, wenn ich daran denke, was mir als bestimmtem Sternzeichen schmecken sollte. ...


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[...] Mit dem Versprechen, Benutzern den perfekten Soundtrack für jeden Moment ihres Alltags zu bieten, haben sich Spotify-Gründer Daniel Ek und sein Team vor einigen Jahren darangemacht, den Weltmarkt zu erobern. Es scheint zu funktionieren. Auch wenn Musikliebhaber, die den Streamingdienst als schier unerschöpfliche Suchmaschine schätzen, das thematische Playlisting als furchtbar mainstreamig empfinden.

... Während Nerds und Nischenhörer weiterhin für den bloßen Zugriff auf Daten bezahlen, möchte der Durchschnittskonsument heute scheinbar schlicht den passenden Mix: musikalisches Convenience-Food, digitale Fetenhits und Kuschelrock-Compilations.

"Indem sie beständig verringert, was wir noch zu tun bereit sind, wird die Benutzerfreundlichkeit zur Beschränkung," schrieb Tim Wu neulich in der New York Times. Besonders im Hightechbereich sei der Kampf um die einfachste Bedienbarkeit längst zum Kampf um Marktanteile geworden. Angetrieben durch die Macht der Gewohnheit und die Logik des Wachstums, führe unsere Vorliebe für alles Bequeme zu einer Art ökonomischen Gewaltspirale: "Je einfacher es ist, Amazon zu benutzen, desto mehr Zeit verbringen wir auf der Plattform – und desto einfacher erscheint uns wiederum die Bedienung." Bequemlichkeit ist kein Bonus mehr, sondern längst Must-have. Jedes erfolgreiche Tech-Unternehmen feilt scheinbar unentwegt an effizienteren, benutzerfreundlicheren Features.

Spotifys wichtigste Investition in Sachen Benutzerfreundlichkeit war der Erwerb von Echo Nest im Jahr 2014. Die US-amerikanische Music Intelligence Platform hatte sich als Forschungsprojekt am MIT Media Lab gegründet und auf die digitale Verstichwortung von Musik spezialisiert. In Söderströms Worten brachte man mit der Übernahme die besten Entwickler im Bereich der Musikkategorisierung mit Spotifys Daten zusammen, um gemeinsam am "bedeutendsten und größten Playlistingsystem der Geschichte" zu bauen. Ein Jahr zuvor hatte Spotify bereits die Onlineplattform Tuningo gekauft, die Playlists für bestimmte Stimmungen und Tätigkeiten des Alltags generierte. Mit Tuningo übernahm man rund 20 Musikredakteure, seither wächst das Team der "Kuratoren" beständig. Um dem Angebot eine menschliche Note zu geben, setzt Spotify neben Experten auf Crowdsourcing – und erfindet immer seltsamere Features.

 2016 hat es eine Zusammenarbeit mit der Dating-App Tinder gegeben, um potenzielle Partner nach Musikgeschmack zu matchen. Ende vergangenen Jahres kam die Cosmic-Playlist, eine Art musikalisches Horoskop, das eine Astrologin einmal im Monat für jedes Sternzeichen zusammenstellt. Gemeinsam mit AncestryDNA, einem US-Unternehmen, das gegen Speichelprobe und Bezahlung das Genom von Privatpersonen entschlüsselt, hatte man kurz zuvor bereits Playlists passend zum Erbgut seiner Kunden erstellt. Ob der US-Bürger mit neu entdeckten deutschen Wurzeln das Gefühl hat, sich dank Nena in der Tracklist selbst näherzukommen? Imagemäßig war das Projekt eine ziemliche Pleite. Aber neue Schlagzeilen und Nutzerdaten brachte es Spotify allemal.

Egal, was eine Playlist behauptet zu sein oder zu bieten, geht es am Ende natürlich um die Verfeinerung von Userprofilen. Während an der Benutzeroberfläche nur sichtbar ist, wie viele Abonnenten die Playlist hat, wird das Nutzerverhalten intern genau diagnostiziert: Was wird wie oft und zu welcher Uhrzeit gespielt? Wo wird weitergezappt? Was gelikt und in die eigene Bibliothek übernommen? Anders als ihr analoger Vorläufer, der Sampler, erlaubt die Playlist Streamingdiensten und Plattenfirmen, ihr Angebot akribisch zu testen. Netflix hat es vorgemacht und verordnet uns Filme mittlerweile fast medikamentös, auf Basis computergenerierter Microgenres wie "Feel-good Romantic Spanish-Language TV-Shows": Was häufig gesucht und geklickt wurde, wird irgendwann als Kategorie angeboten oder gleich on demand produziert. 

Spotifys Mechanismus basiert auf einer symbiotischen Verbindung von Mensch und Maschine: Jeder Nutzer, der selbst Playlists macht, gruppiert bestimmte Lieder und vergibt durch Headlines wie Happiness, Hymnen, Hatecore oder Symphonien fürs Frühstück Etiketten, von denen das ganze System profitiert. Weil wir alle unseren Teil dazu beitragen, die Performance der Plattform zu verbessern, sind wir, in Spotifys Sprache, "part of the band". Zumindest sind wir es, die der Plattform den Datenvorteil bescheren, auf dessen Basis sie auch anspruchsvollen Hörern erstaunlich gute Vorschläge macht.

 Tatsächlich gibt es kaum Spotify-Nutzer, die das recommendation-Feature des Streamingdienstes nicht großartig finden. Selbst wem die ungefragte Stilberatung zunächst so übergriffig vorkam, wie die einer Kaufhausangestellten in der Unterwäscheabteilung, war irgendwann bereit, ihren Wert murrend anzuerkennen. Besonders Nischenhörer haben den Anspruch, das eigene Repertoire immerfort zu erweitern. Manch einer mag sich der Zusammenstellung manueller Playlists heute mit derselben Hingabe widmen, mit der er früher mal Mixtapes gemacht hat. Aber natürlich wissen wir alle, dass die Zukunft des Musikhörens anders aussieht. Nämlich smart, vollautomatisch und präzise personalisiert. An die Stelle des alten Versprechens, körperliche Arbeit zu minimieren, ist die Aussicht auf Vermeidung jener mentalen Anstrengungen getreten, denen es bedarf, um Entscheidungen zu treffen.

Spotifys Entwickler haben sich das Prinzip der self-driving playlist bei Google Plus abgeguckt, sagt Produktchef Söderström. Während Apples iPhoto lange auf ein manuelles Sortiersystem setzte, machte man sich bei Google vergleichsweise früh die Fortschritte der Datenanalyse zunutze, um ein selbst sortierendes Bildarchiv zu programmieren. Der Ansatz ließ sich auf die Musik übertragen. Mittlerweile stellt Spotify seinen Nutzer neben Playlists und persönlichen Vorschlägen längst Widgets zur Verfügung, die händisches Sortieren scheinbar hinfällig machen. Das, was wir hören wollen, soll in den entsprechenden Fenstern künftig automatisch erscheinen und dabei ständig neue Entdeckungen liefern.

 Der persönliche Wochenmix Discover Weekly war Spotifys erste self-driving playlist, es folgten die Zeitkapsel, der Release Radar und eine Reihe individualisierter Mixtapes. Doch während wir am laufenden Band Lieder angeboten bekommen, bleibt uns immer weniger Zeit, sie zu hören.

Spotify hat sich längst darauf eingestellt, dass immer mehr Menschen eher beiläufig Musik hören, beim Trainieren, Arbeiten oder Einschlafen. Gleichzeitig trägt man mit musikalischen moodboards dazu bei, dass immer mehr Menschen sie als reines Beiwerk empfinden. Nachdem Streaming die Musik als Produkt grundlegend verändert hat, verändert Playlisting die Art und Weise, in der wir sie konsumieren. Im schlimmsten Fall verlernen wir, Dissonanzen zu schätzen.

Damit uns die digitale Welt mal überrascht, bedürfe es "Algorithmen für Disruption", schrieb Claudius Seidl kürzlich in der FAZ. Spotify arbeitet daran. Die Playlist B-Seite, die in der englischen Version Tastebreakers heißt, möchte unseren musikalischen Horizont mit Titeln und Genres erweitern, die wir sonst nicht hören – von denen der Algorithmus aber annimmt, sie könnten uns trotzdem gefallen. Meine tastebreakers sind Kraftwerk und Hildegard Knef, aber auch Musiker, von denen ich tatsächlich nie gehört habe. Vielleicht ein Anfang, obwohl – oder gerade weil – mir die meisten nicht auf Anhieb gefallen. Doch die Logik der Algorithmen bleibt gleich: survival of the hippest. Was nicht gleich gern gehört wird, wird aussortiert.

Auch in analogen Zeiten haben sich viele Alben wegen Hitsingles verkauft. Aber den Rest nahm man eben zwangsweise mit, ließ sich von hidden tracks erschrecken, hörte sich durch Dramaturgien – und dabei in so manchen Song hinein. Nicht alle Lieblingslieder haben auf Anhieb gefallen oder bieten sich an, um uns als Stimmungstapete durch den Tag zu begleiten. Längst nicht alle sind eingängig; viele wollen es bekanntlich nicht sein, andere brauchen Zeit. Letztere muss sich weiterhin nehmen, wer nicht in maschinenkuratierten Lebenssoundtracks eingelullt werden will.

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Aus: "Playlist: Verloren in Musik" Anna Sinofzik (20. März 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/entdecken/2019-03/playlist-spotify-musik-streaming-track-hit/komplettansicht

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no-panic #1

Die "Brigitte" hatte mal Kochrezepte nach Sternzeichen geordnet/zugeordnet. Ich muss heute noch würgen, wenn ich daran denke, was mir als bestimmtem Sternzeichen schmecken sollte. ...


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[...] Rund 24 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica ist der politisch Hauptverantwortliche, der ehemalige Serbenführer Radovan Karadžić [https://de.wikipedia.org/wiki/Radovan_Karad%C5%BEi%C4%87], zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Das entschied das UN-Tribunal im Berufungsverfahren Den Haag. In erster Instanz war der 73-Jährige noch zu 40 Jahren Haft verurteilt worden. Sowohl er selbst als auch die Anklage hatten gegen das Urteil Berufung eingelegt. Das jetzige Urteil ist endgültig.

Die Richter "verhängen eine lebenslange Haftstrafe", sagte der Vorsitzende Richter Vagn Joensen. Im Ursprungsverfahren sei die "besondere Schwere von Karadžić' Verantwortung für die meisten schweren Verbrechen während des Konflikts unterschätzt" worden. Karadžić verfolgte die Urteilsverkündung regungslos. Er äußerte sich nicht. Auf der Tribüne brach lauter Applaus aus.

Der frühere Psychiater wurde wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Balkankrieges in den Neunzigerjahren verurteilt. Er sei schuldig wegen Mordes, Verfolgung und Zwangsvertreibung bosnischer Muslime, so das Gericht. Außerdem habe er die 44 Monate dauernde Belagerung der bosnischen Stadt Sarajevo sowie den Völkermord von Srebrenica zu verantworten.

1995 hatten serbische Einheiten unter dem serbischen General Ratko Mladić die damalige UN-Schutzzone überrannt und etwa 8.000 muslimische Männer und Jungen ermordet. Insgesamt wurden im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 etwa 100.000 Menschen getötet. Karadžić war 2008 nach 13 Jahren auf der Flucht in Serbien als alternativer Heiler entdeckt und an das Gericht ausgeliefert worden.

Das Berufungsurteil wurde vom sogenannten Internationalen Residualmechanismus für die Ad-hoc-Strafgerichtshöfe gefällt. Dabei handelt es sich um ein Gericht, das als Rechtsnachfolger des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) tätig ist. Karadžić hatte dem Urteil des ICTY in 50 Punkten widersprochen und den Richtern vorgeworfen, einen "politischen Prozess" gegen ihn geführt zu haben.

Auch in dem Berufungsprozess hatte Karadžić  immer wieder seine Unschuld beteuert. Die Vorwürfe seien "haltlos", er sein kein Kriegstreiber, sondern im Gegenteil der "Friedensstifter des Balkans" gewesen. Er hatte Freispruch gefordert. Die Anklage hatte eine lebenslange Strafe gefordert und wollte, dass auch die Verfolgung von Muslimen in bosnischen Kommunen als Völkermord eingestuft wird. Das aber lehnten die Richter ab.

Angehörige von Opfern jubelten im Gerichtssaal, als die Richter das Urteil verkündet hatten. "Endlich Gerechtigkeit", sagte Munira Subašić von der Organisation Mütter von Srebrenica. Eine lebenslange Haftstrafe sei die einzig gerechte Strafe für Karadžić. "Die Wahrheit und die Gerechtigkeit haben gesiegt."


Aus: "UN-Tribunal: Radovan Karadžić zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt" (20. März 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-03/srebrenica-radovan-karad-i-zu-lebenslanger-haftstrafe-verurteilt

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_Grav1ty_ #2

Ob das eine Eilmeldung wert ist. Ich denke nicht.


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Whead #2.1

Warum nicht? Nicht wirtschaftsnah genug?


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Nieverschrocken

... Ist Euch schon mal aufgefallen, dass immer nur diejenigen vorm Kriegsgericht landen, die einen Krieg verloren haben? Die Strafe ist absolut berechtigt, aber müsste man nicht jeden Soldaten, ob Bomberpilot, Scharfschütze oder Machetenschwinger am Ende vors Kriegsgericht stellen? Ich bin sicher, alle waren überzeugt sie kämpften für eine gute Sache. ...


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Antäus #24

Der Herr Karadžić ist weder Moslem noch Flüchtling - Pech gehabt.
Hat man denn schon vor Den Haag muslimische Kriegsverbrecher verurteilt?


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Locococo #24.1

Ja hat man. Und jetzt schämen Sie sich für Ihr Kommentar.


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Runkelstoss #35.1

 bebi fett Mc Geesex #35: Dieser Gerichtshof wird in die Geschichtsbücher eingehen als Witznummer...oder glaubt irgenjemand dass es den Jugoslawienkrieg aufgearbeitet hat,,oder gar Versöhnung gebracht hat.

So haben viele Ex-Nazis nach den Nürnberger Prozessen und nach den Auschwitz Prozessen auch geklungen.


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bebi fett Mc Geesex #35.3

meinen Sie jetzt die verurteilten nazis oder die wo in der Bundesrepublik Kariere gemacht haben?? oder die wo nach drei Jahren begnadigt und entlassen wurden ??...


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Runkelstoss #35.4

meinen Sie jetzt die verurteilten nazis oder die wo in der Bundesrepublik Kariere gemacht haben??

die wo in der Bundesrepublik Kariere gemacht haben!


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novizian #36.2

bebi fett Mc Geesex: "fragen sie mal die ganzen Nazis...wo die sich so rumgtrieben haben nach 1945..??"

Z.B. in Bonn, als Bundeskanzler Deutschlands, ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Georg_Kiesinger


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bebi fett Mc Geesex #36.3  —  vor 16 Stunden

ja ich weiss dass die Liste endlos ist...


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Suderwicker #40

„Auf der Tribüne brach lauter Applaus aus.“

Bei mir auch! Recht so.


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bebi fett Mc Geesex #40.1

Haben sie auch eine Tribüne daheim? ...


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