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[...] Mareike Nieberding hat Literaturwissenschaft und Publizistik in Berlin und Paris studiert und besuchte anschließend die Deutsche Journalistenschule. Sie ist Redakteurin beim SZ-Magazin in München, zuvor arbeitete sie bei ZEITmagazin ONLINE. 2016 gründete sie die überparteiliche Jugendbewegung DEMO. 2018 erschien ihr Debüt "Ach Papa" im Suhrkamp Verlag. "Verwende deine Jugend" ist ihr zweites Buch, ZEIT ONLINE veröffentlicht einen leicht gekürzten Auszug daraus.


Die Jugend von heute ist nicht politikverdrossen. Sie ist parteienverdrossen. Alle großen Jugendstudien der letzten Jahre, wie die Shell-Jugendstudie oder die Sinus-Studie, haben herausgefunden, dass die Jugend von heute nicht nur pragmatisch und pflichtbewusst, familienorientiert und optimistisch ist, sondern vor allem, dass sie sich im Vergleich zu vorherigen Generationen zunehmend politisiert. Nur eben nicht in Richtung der Parteien und dem etablierten Politikbetrieb, sondern in Abgrenzung zu dem, was gemeinhin als "die Politik" verstanden wird.

Laut der Shell-Studie von 2015 haben nur drei bis vier Prozent der Jugendlichen schon mal Erfahrungen in politischen Organisationen gesammelt. Das hat einerseits mit der Komplexität der Parteien zu tun, die auf junge Menschen oft abschreckend wirkt. Es hängt aber wohl auch damit zusammen, dass solcherart Politik für Jugendliche ein Synonym für Intransparenz und Taktiererei darstelle, wie die Sinus-Studie es formulierte. So stünden junge Menschen dem etablierten Betrieb nicht nur weitgehend leidenschaftslos gegenüber, vielmehr langweilten Politik und PolitikerInnen sie geradezu. Den Parteien wird außerdem unterdurchschnittlich wenig Vertrauen entgegengebracht.

Der Großteil der jungen Menschen interessiert sich nicht für Politik in Form von Parteitagen, Pressekonferenzen und Wahlwerbespots. In den meisten Fällen erreichen diese Veranstaltungen und Botschaften sie kaum noch: Fast zwei Drittel von ihnen informieren sich gar nicht über den politischen Betrieb. Für die Parteien und ihr Personal ist das ein Desaster. Weil es eben keine Absage an das Politische an sich ist, sondern eine Absage an die Art und Weise, wie Politik von Parteien gemacht wird.

Dieser Generation mangelt es nicht an politischem Interesse. Ganz im Gegenteil: Die Jugendlichen von heute interessieren sich nicht nur für den Klimaschutz, sie interessieren sich für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, für die Umwelt und soziale Gerechtigkeit, sie wollen sich in diesen Bereichen auch engagieren: 32 Prozent sagten bereits 2015, dass ihnen politisches Engagement wichtig ist. Fast der Hälfte von ihnen ist es sogar besonders wichtig.

32 Prozent, das klingt wenig. Ich könnte hier nun genauso gut schreiben, dass eben nur ein Drittel der Jugendlichen aktiv etwas verändern will und damit viel zu wenige. Aber große Veränderungen gehen immer von Minderheiten und manchmal sogar von Einzelnen aus:

Die Schwedin Greta Thunberg ist eine dieser Einzelnen, die längst nicht mehr allein sind. Am 20. August 2018 startete sie ihren Skolstrejk för klimatet. Statt in die Schule zu gehen, setzte sie sich von diesem Tag an jeden Freitag vor das schwedische Parlament in Stockholm. Sie hielt einen TED-Talk, sprach auf der UN-Klimakonferenz in Katowice, auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos und ermahnte Staatsoberhäupter und RegierungschefInnen mit den Worten: "Ich will, dass ihr in Panik geratet." Ihrem Protest folgen Jugendliche weltweit unter dem Hashtag fridaysforfuture.

Auch in Deutschland gingen große Veränderungen immer von kleinen Gruppen aus: Als die StudentInnen des SDS, des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, 1968 den "Muff von tausend Jahren" aus den Talaren ihrer Professoren klopfen wollten und damit in Deutschland die Grundlage schufen für die 68er, die Hippie-Bewegung, die sexuelle Befreiung, einen neuen antiautoritären Erziehungsstil.

Das alles klingt nach Revolte und Rock’n’Roll, aber damals führte Roy Black die Charts an. Früher war nicht alles besser, auch in den Sechzigern und Siebzigern engagierte sich nur ein Bruchteil der Jugend politisch. SozialwissenschaftlerInnen schätzen, es waren gerade mal drei bis vier Prozent. Doch die Radikalität ihrer Forderungen und die Lautstärke, mit der sie diese vortrugen, veränderte die Bundesrepublik. Die Debatten und Aktionsformen der Studentenbewegung bildeten die Grundlage für die Friedens- und die Anti-Atomkraftbewegung, viele ihrer ehemaligen MitstreiterInnen waren MitbegründerInnen der Partei Die Grünen. Man sollte die 32 Prozent von heute, die aktiv etwas verändern wollen, ernst nehmen. Es sind so viele wie seit der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre nicht mehr, als die Jugend als überdurchschnittlich politisiert galt, auch weil ihre Zukunftsaussichten so schlecht waren.

Jeder fünfte Jugendliche war in den Achtzigern arbeitslos. Sich politisch zu engagieren hatte damals oft existenzielle Gründe. Im Vergleich dazu geht es der Jugend von heute so gut wie noch nie. Sechzig Prozent von ihr sind in relativem Wohlstand aufgewachsen und sehr gut ausgebildet. Diese große Gruppe geht auch aufgrund des demografischen Wandels einer aussichtsreichen beruflichen Zukunft entgegen. In vielen Branchen herrscht Fachkräftemangel, der Arbeitsmarkt verwandelt sich immer mehr von einem Arbeitgeber- in einen Arbeitnehmermarkt. ProgrammiererInnen oder MaschinenbauingenieurInnen können sich ihre Jobs aussuchen. Die Jugend kann optimistisch sein, sie ist es laut der Shell Jugendstudie 2015 auch: Fast zwei Drittel der Jugendlichen schauen zuversichtlich in ihre persönliche Zukunft. Sie hätten also allen Grund sich entspannt zurückzulehnen. Dass die Jugend genau das nicht tut und Verantwortung für sich und das Gemeinwesen übernehmen will, wie sie es Woche für Woche mit ihren Schulstreiks fürs Klima beweist, lässt hoffen und ist nicht nur eine riesige Chance für Parteien, NGOs und Bürgerinitiativen, es ist eine Chance für die Demokratie.


Aus: " Mareike Nieberding" (23. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/campus/2019-08/verwende-deine-jugend-mareike-nieberding-vorabdruck/komplettansicht

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heletz2 #11

Ohne Parteitage, Pressekonferenzen und Wahlwerbespots geht es aber nicht. :)  Das werden diese Jungen auch noch kapieren.


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[...]  "Mischehen" standen im Kaiserreich für die Gefahr, dass sich die Sphären der "Weißen" und der "Eingeborenen" nicht mehr trennen ließen und damit die koloniale Ordnung insgesamt ins Wanken geriet. Der rassistische Geist der Segregation begründete eine unterschiedliche Rechtsprechung ebenso wie die Trennung von Wohnvierteln, Schulen und Krankenhäusern. Kritiker fürchteten zudem, "Rassenmischlinge" könnten zu viel Einfluss in den Kolonien gewinnen. Denn nach deutschem Recht erlangte eine ausländische Frau durch die Hochzeit mit einem deutschen Mann dessen Staatsangehörigkeit, die an die gemeinsamen Kinder weitergegeben wurde. Frauen und Kinder konnten also zu "farbigen Deutschen" werden, die nicht mehr unter die Gesetzgebung für Eingeborene fielen. Sogar eine Beamten- oder Militärlaufbahn stand ihnen offen.

Die "Mischlingskinder" allerdings, so die verbreitete Überzeugung, würden nur die schlechten Eigenschaften beider Rassen erben, daher gehe von ihnen eine erhöhte Gefahr des politischen Umsturzes aus. Weiße Männer wiederum, die mit einer einheimischen Frau zusammenlebten, würden "verkaffern", was so viel bedeutete wie kulturell auf Eingeborenen-Niveau herabsinken. "Kaffer" war damals die rassistische Bezeichnung für Volksgruppen im südlichen Afrika.

Noch steigern ließ sich der Skandal nur unter umgekehrten Vorzeichen: Die wenigen Beziehungen weißer Frauen mit einheimischen Männern galten als so verwerflich, dass sie vollständig tabuisiert wurden.

Um die Jahrhundertwende intensivierte sich die Debatte um die "Mischehen". 1905 verbot die lokale Kolonialverwaltung standesamtliche Trauungen von "gemischten" Paaren in Deutsch-Südwestafrika. Drei Jahre später annullierte man hier sogar rückwirkend alle "Mischehen", die vor 1905 geschlossen worden waren. Deutsche Siedler, die mit einer einheimischen Frau verheiratet waren, wurden zunehmend ausgegrenzt: Sie durften Vereinen nicht mehr beitreten, erhielten keine Darlehen mehr und konnten keine Farmen mehr kaufen. 1909 verloren sie ihr Wahlrecht für den Landesrat. "Mischlingskinder" durften außerdem manche Schulen und Kindergärten nicht besuchen.

In Deutsch-Ostafrika wurden "Mischehen" 1906 verboten. Im Grunde waren solche Verbote reine Symbolpolitik, denn die Mehrzahl der "Mischlingskinder" in allen Kolonien entstammte unehelichen Verbindungen. Mit diesen allerdings gingen keine Rechtsansprüche einher, und sie ließen sich auch kaum unterbinden.

In der Heimat wurde hitzig über die "Mischehen"-Verbote in den afrikanischen Kolonien diskutiert. Ihren Höhepunkt erreichte die Debatte, als der Staatssekretär im Reichskolonialamt Wilhelm Solf im Januar 1912 ein generelles "Mischehen"-Verbot für Samoa erließ. Erstmals ging es nicht um eine lokale Entscheidung der Kolonialverwaltung, sondern um eine im Mutterland erlassene Verordnung.

Um die Jahrhundertwende intensivierte sich die Debatte um die "Mischehen". 1905 verbot die lokale Kolonialverwaltung standesamtliche Trauungen von "gemischten" Paaren in Deutsch-Südwestafrika. Drei Jahre später annullierte man hier sogar rückwirkend alle "Mischehen", die vor 1905 geschlossen worden waren. Deutsche Siedler, die mit einer einheimischen Frau verheiratet waren, wurden zunehmend ausgegrenzt: Sie durften Vereinen nicht mehr beitreten, erhielten keine Darlehen mehr und konnten keine Farmen mehr kaufen. 1909 verloren sie ihr Wahlrecht für den Landesrat. "Mischlingskinder" durften außerdem manche Schulen und Kindergärten nicht besuchen.

In Deutsch-Ostafrika wurden "Mischehen" 1906 verboten. Im Grunde waren solche Verbote reine Symbolpolitik, denn die Mehrzahl der "Mischlingskinder" in allen Kolonien entstammte unehelichen Verbindungen. Mit diesen allerdings gingen keine Rechtsansprüche einher, und sie ließen sich auch kaum unterbinden.

In der Heimat wurde hitzig über die "Mischehen"-Verbote in den afrikanischen Kolonien diskutiert. Ihren Höhepunkt erreichte die Debatte, als der Staatssekretär im Reichskolonialamt Wilhelm Solf im Januar 1912 ein generelles "Mischehen"-Verbot für Samoa erließ. Erstmals ging es nicht um eine lokale Entscheidung der Kolonialverwaltung, sondern um eine im Mutterland erlassene Verordnung.

Unter den in Samoa lebenden Weißen sprach sich nur eine Minderheit gegen "gemischte" Beziehungen aus. Vereinzelt wurde sogar darauf hingewiesen, dass die "Beimischung" samoanischen Blutes sich positiv auf die Gesundheit der Nachkommen auswirke und diese mit dem Tropenklima besser zurechtkämen als weiße Siedler.

Mit der Regelung für Samoa waren auch neue Bestimmungen für die Nachkommen aus "gemischten" Beziehungen verbunden: "Mischlinge", die nach Bekanntgabe der neuen Grundsätze geboren wurden, sollten nun zu den "Eingeborenen" zählen. Auf Antrag konnten sie jedoch den Weißen gleichgestellt werden, sofern sie fließend Deutsch sprachen und ausreichend gebildet waren. Die Grenzen zwischen den Rassen waren also nicht nur an äußere Kriterien gebunden, sondern durchlässig und verhandelbar. Aus Schwarzen konnten Weiße werden – und umgekehrt, wie die Furcht vor dem "Verkaffern" zeigt.

Im Reichstag sprach sich die aus Zentrum, Sozialdemokraten und Linksliberalen bestehende Mehrheit gegen Solfs "Mischehen"-Verbot aus. Sie forderte 1912 in einer Resolution, ein Gesetz zu entwerfen, das die juristische Gültigkeit der Verbindungen in allen deutschen Kolonien gewährleisten und die Rechte von unehelichen Kindern aus "gemischten" Beziehungen regeln sollte. Nationale Kreise antworteten entrüstet mit einer Gegenresolution.

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs kam ein allgemeines "Mischehen"-Gesetz nicht mehr zustande. Gegner des Verbots kritisierten, dass so das Recht des deutschen Mannes beschnitten werde, seine Braut frei zu wählen. Außerdem befürchteten sie einen Anstieg der Prostitution und der unehelichen Beziehungen. Juristen bemängelten das Fehlen einer klaren Definition der Begriffe "Rasse" und "Eingeborener". Auch die Kritiker lehnten jedoch eine "Rassenmischung" ab. Bezeichnenderweise fehlte ein Argument in der Debatte: Dass weiße Männer und ihre indigenen Partnerinnen gleichwertig sein könnten, glaubte damals niemand.


Aus: "Skandalöse Liebe" Ein Gastbeitrag von Livia Rigotti (24. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2019/04/liebe-kolonialzeit-indigene-frauen-mischehen-bedrohung/komplettansicht

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haldor14 #1

Der Zeitgeist war eben ein anderer. Man kann derartige Ereignisse nicht mit den Moralvorstellungen von heute betrachten.


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Simma Wiedersoweit #1.1

Natürlich kann man das. Man sollte es sogar. Wer aus der Geschichte nichts lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.


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Lalopre #1.3

Rassismus als Rassismus zu bezeichnen ist keine Sache des Zeitgeistes. Auch damals gab es schon Menschen, die Rassismus als wahnsinnige Ideologie erkannt haben.


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Bil Dung #1.6

Natürlich kann man derartige Ereignisse mit den Moralvorstellungen von heute betrachten. Man kann sie sogar mit fiktiven Moralvorstellungen von "morgen" betrachten. Aus so gebildeten Widersprüchen erwächst ja gerade der Erkenntnisgewinn.


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anet2015 #5

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... mal sind es die Farbigen
... die Heiden
... die Ungläubigen
... die Wilden
... die Barbaren (die man nicht versteht)
... die streitsüchtigen Nachbarn

ein Grund für Ungleichbehandlung findet sich immer. Im Kern lenkt das Wort "Rassismus" vom Problem ab.
Ungerechte Handlungen vom wirtschaftlichem Nutzen bis zur Stärkung des Egos ... brauchen eine Begründung.


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[...] Den Trend "Gemüse aufessen" habe ich nicht kommen sehen. Hätte man mir als Sechsjähriger gesagt, dass der Tag kommen wird, an dem alle Leute ganz verrückt sind nach Brokkoli, Radieschen und Grünkernbratlingen, so verrückt, dass sie sogar ihr Gemüse fotografieren, ich hätte demjenigen einen Vogel gezeigt. 1981 wohnte ich mit meinen Eltern in einer großen Hausgemeinschaft in der westdeutschen Provinz. Mitbewohnerin Bine* hatte sich gerade eine Körnermühle gekauft. Bei Gudrun* nebenan gab es mittags Vollkornnudeln und Möhren, die nicht aus der Dose kamen. (Für alle, die nicht dabei gewesen sind: In den Siebzigern kannte man Gemüse – also Erbsen und Möhren – nur aus der Dose, und wer sich die Arbeit machte, frisches zu kochen, musste fanatisch sein. So wie Gudrun, die in der Clique meiner Eltern den Ruf einer Hardlinerin hatte.) Meine Mutter hingegen kochte weiterhin weiße Spaghetti mit roter Soße aus Dosentomaten. Was zur Folge hatte, dass alle WG-Kinder bei uns mitessen wollten und Bine auf ihren Grünkernbratlingen und Gudrun auf ihren Vollkornnudeln sitzen blieb. Als Sechsjährige hätte ich daraus folgern können, dass der Markt sich selbst reguliert. Doch es sollte anders kommen.

Knapp vierzig Jahre später. Es ist wie in einem schrägen Science-Fiction-Thriller: Stell dir vor, du trittst eines Morgens auf die Straße, und alle sehen aus wie deine Eltern. Alle tragen die gleichen Jeans wie deine Eltern und die gleichen Vollbärte, alle essen die gleiche Vollwertkost, fahren die gleichen Lastenfahrräder, die gleichen VW-Busse und haben sogar die gleichen fucking Fjällräven-Rucksäcke dabei. Damals waren diese Rucksäcke Trophäen aus einem überstandenen Skandinavien-Zelturlaub; heute kannst du sie bei Zalando bestellen.

Und gerade als du denkst, dass darin irgendwo ein Hinweis versteckt sein könnte, zündet der Grusel die zweite Eskalationsstufe: Diejenigen, die nicht aussehen wie deine Eltern, sehen aus wie du selbst! Sie tragen dieselben Bomberjacken, die du als Vierzehnjährige angezogen hast, nachdem du den kratzigen Wollpulli deiner Kindheit den Eltern vor die Füße geworfen hast. Alle hören halb ironisch Hip-Hop und tragen die entsprechenden Turnschuhe dazu. Auf diesen berufsjugendlichen Einheitslook können sich erschreckend viele Leute einigen, ob Teenagertochter türkischer Einwanderer oder ergrauter Rechtsanwalt. Dazu wollen alle plötzlich selbstbestimmt arbeiten und hängen mittags im Café und abends mit einer Flasche Bier auf den Bordsteinkanten rum. Alle!

Das ist der schräge Albtraum, in dem ich mich gerade wiederfinde.

Es sind nicht alle so, komm mal raus aus deiner linksgrün versifften Blase!, hör ich da rufen. Und ihr habt recht, ich lebe in einer Blase, und das schon lange: Kindheit in dieser Wohngemeinschaft, Jugend in den unzähligen linksalternativen Kulturzentren in Bremen, ab Mitte der Neunziger habe ich dann das Epizentrum dieser Blase als Wohnort gewählt, Berlin-Kreuzberg. Da lebe ich bis heute. Problem nur: Ich finde den Ausgang nicht mehr, so sehr hat sich diese Blase aufgebläht. Der grün-individualistisch-hedonistische Lebensstil scheint eine immense Sogwirkung zu haben. Sicherlich nicht auf alle, aber eben auf viele. Die Ergebnisse der Europawahl nähren meinen Wahn.

Ist doch schön, könnte man sagen. Alles wird ein bisschen gesünder, selbstbestimmter, umweltbewusster, das tut auch dem Klima gut. Und sogar der junge BWL-Student, der vor Jahren noch von seinem Schlips drangsaliert, von seiner Aktentasche gebeugt und vom Familienjoch geknechtet wurde, dieser BWL-Student sitzt jetzt mit seinem Fjällräven-Rucksack und einem Bierchen auf dem Bordstein vor meiner Haustür in der Abendsonne und fragt fröhlich: So what?

Wenn du aus dem Haus trittst, und plötzlich sehen alle aus wie du und deine Eltern, scheint das zunächst nicht mehr zu sein als ein crazy Selbsterfahrungstrip. Was ist, wenn plötzlich alle Welt im Straßencafé draußen Cappuccino trinken will, wie meine Eltern 1977 in der ersten italienischen Eisdiele im Ort? Was ist, wenn plötzlich alle das kalt gepresste Olivenöl haben wollen, das 1983 aus dem Italienurlaub mitgebracht wurde? Was ist, wenn plötzlich alle Avocados essen wollen? Was ist, wenn alle Bulli fahren wollen? Was ist, wenn sogar alle diese scheußlichen Outdoorklamotten haben wollen, die meine Eltern in den Neunzigern für sich entdeckten? Die beige Rentnerkleidung, die davor Standard war, war wenigstens kompostierbar, weil nicht aus Multifunktions-Kunstfasern.

Das ist immer noch kein Problem, nur ein lustiges Gedankenspiel. Genauso lustig wäre es, wenn plötzlich alle Welt aussehen würde wie die Eltern anderer Leute. Alle würden Kaffee mit Dosenmilch trinken oder Dujardin im Cognacschwenker und dann besoffen auf den Tennisplatz gehen oder so. (So was machen zurzeit nur Mittzwanziger, und das auch nur ironisch und nur in Musikvideos.)

Aber wieso find ich’s nicht lustig? Was brodelt da in mir, wenn ich beobachte, wie eine Mutter im Berliner Graefekiez oder in Hamburg-Ottensen, eine Mutter mit Birkenstocks, ihrem Kind das Dinkelbrötchen in den Kinderwagen reicht? Ich könnte doch auch einfach denken: Süß, guck mal, genau wie Gudrun früher. Doch ich muss gestehen, wenn ich tief in mich reinhorche: Da ist nicht nur Liebe in mir. Irgendwas in mir will dieser Frau vors Schienbein treten. Würd ich nie machen, siehe pazifistische Erziehung. Ich atme schwer und gehe weiter.

Vielleicht ärgert mich, dass die Versprechen meiner Kindheit gebrochen wurden. Damals, als meine Eltern jung waren, und neulich, als ich jung war, durften noch alle mitmachen, die Lust dazu hatten. In den Wohngemeinschaften meiner Eltern gingen die unterschiedlichsten Leute ein und aus. Es galt die stille Übereinkunft: Solange du dich von deinen Nazi-Eltern distanzierst, solange du die richtigen Jeans trägst und den richtigen Parka, solange du die richtige Musik hörst und solange du die richtigen drei, vier Bücher im Regal stehen hast, darfst du dabei sein. (Du musst sie nicht gelesen haben, das kann ich bezeugen. Ich habe meinen Vater so gut wie nie lesen sehen, und er durfte trotzdem dabei sein. Vielleicht weil er tolle Kindermöbel bauen und Autos reparieren konnte.)

Und sogar was diese kulturellen Codes betraf, wurde oft ein Auge zugedrückt. Bei uns wohnte jahrelang eine Frau, die definitiv die falschen Hosen trug und mit ihrer falschen Frisur an der Supermarktkasse saß, selbst gestochene Unterarmtattoos hatte und mit ihren zwei Kindern vor ihrem prügelnden Mann geflohen war. Alle durften mitmachen, auch die Türkin mit Kopftuch von nebenan saß im Sommer mit am WG-Gartentisch, weil meine Mutter auf ihre kleine Tochter aufpasste, während sie arbeiten ging. Wie gesagt, das war 1981 in der ostwestfälischen Provinz.

Und das ist der entscheidende Unterschied zu damals: Das Versprechen "Alle dürfen mitmachen" gilt nicht mehr. Die Birkenstocks von der Frau mit dem Kinderwagen und dem Dinkelbrötchen sind nur ein Paar von vielleicht dreißig Paar Schuhen, die sie zu Hause hat, und ihr Kinderwagen kostet so viel wie das gebrauchte WG-Auto meiner Eltern. Früher wurden wir Kinder in selbst gestrickte Pullover und billige Gummistiefel gesteckt. Heute tragen die Kleinkinder in den linksalternativen Stadtteilen dieser Republik Outdoorklamotten, Wollwalk-Overalls und skandinavische Schuhe im Wert eines Hartz-IV-Monatssatzes. Damals fuhr man Bulli, weil acht Personen mitfahren konnten, und man wohnte mit fünf Erwachsenen und vier Kindern in einer Sechszimmerwohnung. Heute wohnt in der gleichen Wohnung eine Kleinfamilie, und der Multivan-Bulli ist teurer als ein Mercedes S-Klasse. Damals durfte jeder in Kreuzberg wohnen, der keine Angst vor Klo auf dem Gang, Ofenheizung und Türken hatte. Heute dürfen nur noch diejenigen in Kreuzberg wohnen, die das Geld dafür haben.

Ich heule nicht dem Ausverkauf eines Lebensstils hinterher. So was passiert. Was mich allerdings ankotzt, ist, dass er äußerlich nachgeahmt, aber innerlich ausgehöhlt wird. Es ist, als ob die Neo-Kreuzberger sagen: Euren Lifestyle, den finden wir ganz fancy, nur die Sache mit dieser Solidarität, das haben wir noch nie verstanden, das lassen wir mal lieber weg. Die Dinkelmütter von damals haben Kinderläden und freie Schulen gegründet, die Dinkelmütter von heute pirschen sich am Kuchenstand auf dem Schulfest an die Direktorin ran, damit ihr Kind nicht nur auf die beste Schule, sondern auch in die beste Klasse mit der besten Lehrerin kommt. Damals warf man mit drei, vier Familien die Miete für einen baufälligen Bauernhof auf dem Land zusammen, als Wochenendhaus. Heute stehen sich Familien, die genauso aussehen wie die von damals, als erbitterte Konkurrenten gegenüber, im Kampf um eine Datsche in der Kleingartensiedlung.

Dass der Wind sich dreht, habe ich zum ersten Mal vor ungefähr zwölf Jahren auf einem Kreuzberger Spielplatz bemerkt. Mein damals einjähriges Kind stritt sich mit einem anderen Kind um ein Sandkasten-Förmchen. Die Reflexe meiner eigenen Erziehung funktionierten einwandfrei, doch ehe ich sagen konnte: "Guckt mal, ihr könnt doch zusammen damit ...", rief die andere Mutter (die genauso aussah wie ich) ihrem Kind schon zu: "Jetzt lass dir doch nicht immer jedes Spielzeug abnehmen! Setz dich mal durch!" Ich blieb bestimmt zehn Minuten mauloffen im Sand stehen.

Dass Durchsetzungsvermögen der neue Kreuzberger Soft Skill ist, wurde mir in den nächsten Jahren klar, als der Run auf bezahlbare Altbauwohnungen, auf Kindergartenplätze, Schulplätze, Parkplätze, Plätze im Fußballverein, Plätze in der Musikschule und so weiter begann. Glück für alle, die rechtzeitig ihr Durchsetzungsvermögen trainiert haben. Für alle anderen ist das Leben eine Warteliste.

Kann sein, dass ich die Vergangenheit in nostalgischem Licht sehe. Meine Mutter erinnert mich immer wieder daran, dass in unseren WGs auch viel gestritten wurde. Doch ich glaube, dass das bisschen Streit um Abwasch und Rasenmähen nicht halb so schlimm für den Seelenfrieden war, wie es das nagende Gift eines Lebens in chronischer Wettbewerbsvorteilsverschaffung ist.

Mit grün im Sinne von umweltverträglich hat das, was wir in Kreuzberg veranstalten, ohnehin schon länger nichts mehr zu tun. Während Bine und ihre Freundinnen damals Yoga in der Volkshochschule gemacht haben, fliegen Julia und ihre Freundinnen ins Yoga-Retreat nach Thailand. Und was ist an einem VW-Bus eigentlich grüner als an einem SUV? Einfach mal Maße und Spritverbrauch vergleichen, schon bröselt einem das Selbstbild unter den Fingern weg.

Wahrscheinlich hätte ich gar nichts bemerkt von diesen Widersprüchen, wenn die Reichen brav auf ihren Golf- und Tennisplätzen geblieben wären und nicht auf Birkenstocks in meine Blase reingelatscht wären. Beim Nächsten, der bei mir im Hof steht, um einen unverbindlichen Small Talk über Immobilienpreise anzufangen, vergesse ich meine pazifistische Erziehung.

Ich werde wahrscheinlich noch eine Weile in diesem schrägen Science-Fiction-Thriller leben. So lange, bis ich mir die steigende Miete wirklich nicht mehr leisten kann. Wenn dann die deutschen Innenstädte für Normalverdiener unbezahlbar werden, so wie in London oder San Francisco, wenn der Verteilungskampf noch verschärft wird, weil Firmen wie Google oder Zalando oder irgendeine KI-Klitsche ihre Mitarbeiter ganz dringend in den "angesagten Trendbezirken" unterbringen wollen, haben all diejenigen Glück, die sich rechtzeitig eine Immobilie gesichert haben. Alle anderen können gehen. Das Kreuzberger Kreativprekariat hätte zumindest noch die Möglichkeit, einen Deal mit den neuen Platzhirschen einzugehen und seine herrlich unkonventionelle Kreativität zur Verfügung zu stellen, damit die ganze Sache authentischer, rougher und auch: grüner rüberkommt.

Hab ich behauptet, ich wisse nicht, wo der Ausgang aus der Blase sei? Vielleicht weiß ich’s doch. Vielleicht bau ich mir eine Holzhütte auf dem Golfplatz, da ist ja keiner mehr. Oder ich ziehe in einen verwaisten Bungalow, den die Erben nicht wollen und für den sie wegen Asbest keinen Käufer finden. Angst vor Ungesundem hatte ich noch nie. Ich koche weiße Nudeln mit roter Soße, vielleicht kommt ja jemand zum Essen vorbei. In der Hausbar finden wir Dujardin. Den Rasen mähen wir morgen.

* Name von der Redaktion geändert


Aus: "Früher war mehr Öko" Tina Thoene (21. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/2019/35/oekologischer-lebensstil-solidaritaet-hippie-zugehoerigkeit-mainstream/komplettansicht

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Trümmerlotte #22

Sehr unterhaltsamer Artikel.
Und das es so kommen könnte, hätte man aber doch ahnen können.
Und zwar frühzeitig... als in den 80ern Punk-Klamotten bei Karstadt vertickert wurden und seit man bei Che Guevara eher an den T-Shirt-Kauf denkt statt an die Gründung ner handfesten Stadt-Guerilla, spätestens da muß einem doch klar gewesen sein: es gibt keine Überzeugung oder Lebensstil, die sich nicht auch als Konsumprodukt mit entsprechendem Kolateralschaden eignet...
jetzt hat es halt die Ökos erwischt, shit happens :-)


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Eigenverantwortung #24

Grüne und Ökos können mich Mal ganz gepflegt.


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Watzinger #24.1

Schlüssige Argumentation, flüssig formuliert, höfliche Sprache und für die vielen Wörter nur wenige Fehler. Glückwunsch.


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[...] Es ist, wie Paul Lendvai es kürzlich in einem STANDARD-Interview diagnostiziert hat: Die wichtigsten Staatsmänner teilen sich in Diktatoren und Politclowns. Der Osten hat die Diktatoren (Putin, Xi Jinping), der Westen die Clowns. Aber gefährliche Clowns. Bei Donald Trump muss man inzwischen bereits im "Diagnostischen und Statistischen Handbuch der psychischen Störungen" nachschlagen.

Was er jetzt in einem inkohärenten Redeschwall zu "Grönland kaufen", zu den Ratings seiner alten TV-Show und zu Israel ("Ich bin der Auserwählte") von sich gab, steht längst unter Demenzverdacht. Europa hat Boris Johnson oder Matteo Salvini zu bieten, die alle Verhaltensoriginalität mit einem Destruktionskurs verbinden. Österreich hat dazu "nur" einen Ex-Vizekanzler zu bieten.

Zuletzt wurde man auf den Newcomer Jair Bolsonaro aufmerksam. Der rechtsextreme Präsident Brasiliens fackelt gerade den Amazonas ab, macht dafür aber die Umweltschützer verantwortlich. Die NGOs zünden demnach den Urwald an, um Bolsonaro zu schaden: "Das ist der Krieg, in dem wir uns befinden", sagt er. Klassische Täter-Opfer-Umkehr.

Aber: Die wurden alle gewählt. Mit Ausnahme von Boris Johnson vom Volk, in freien Wahlen. Kein Putsch, keine Machtergreifung. Wie steht es um den Gemütszustand des Wahlvolkes, wenn es so gefährliche Clowns an die Macht (oder in deren Nähe) bringt? (Hans Rauscher, 22.8.2019)


Aus: "" Hans Rauscher (22. August 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000107696445/diktatoren-und-clowns

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maxi munkenkatz

lakonisch könnte man ja meinen: na, weil die demokratie eben auch clowns erlaubt. allerdings: clown? - diese tolpatschigen ewigverlierer, über die man aus schadenfreude lacht. white supremacists, neo-nazis, faschisten als clowns zu bezeichnen, wäre eine beleidigung für den clown.

möglicherweise müsste man die frage stellen: warum lassen sich wähler zu clowns machen? - weil sie sonst nicht viel zu lachen haben?


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We love you

Wir stehen vor gigantischen Herrausforderungen. Klimawandel, Digitalisierung unserer Arbeit, Flucht und Migrationsbewegungen -um nur ein paar zu nennen.
Diese Verunsicherungen werden gekonnt von Rechtspolulisten benutzt. Das neoliberal durchdrungene Selfiesubjekt mit Kurzzeitaufmerksamkeit springt ausgezeichnet auf die Emotions,- Inszenierungs,- Schlagwort-, Vereinfachungs und Herabwürdigungspolitik an.
Fesch konservativ oder RotzigProll. Beides kommt gut an. Dahinter steht das Kapital.
Ende der Sachpolitik.
Hinzu kommt, dass sich der Kapitalismus in seinen letzten Atemzug befindet.
Jene die Macht haben, versuchen noch schnell ihre Schäfchen ins trockene zu bringen und so viel Geld wie möglich zu scheffeln, bevor es ordentlich tuscht.


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Just N. Opinion

Nicht zu vergessen:
Auch ein Erdoğan wurde gewählt.
Auch ein Orbán wurde gewählt.
Auch ein Berlusconi wurde gewählt.

Trotteln wählen halt gern Trottel. ...


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Rohling

Diese Typen sind das Äquivalent zu Sozialporno und Dschungelcamp im TV und 224 Punkt Schlagzeilen der Boulevardpresse, es zählt der Unterhaltungswert.


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Bibi Blockwart

Das sage ich schon die ganze Zeit und kassiere dafür regelmäßig rot. Egal wie dumm das Volk wählt, scheinbar ist es unfehlbar bzw darf nicht kritisiert werden.
Wer aber die Ammenmärchen voller Angst, Hass und die Versprechungen à la zurück in die 'gute alte Zeit' glaubt, der IST einfach dumm. Sorry. Is so.  ...


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alexanderletten

In unser lieben, kleinen und beschaulichen Gemeinde hängt seit gestern ein Wahlplakat der FPÖ, auf diesem ist Robert Lugar abgebildet und drunter steht:
"Das Richtige tun."
Das ist dermaßen grotesk, und aberwitzig, ich wusste echt nicht ob lachen das Richtige ist.
Die Idiotie beginnt wie man sieht in so kleinen Rahmen, und endet mit den allseits Clowns und Faschisten.


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Quargelsemmerl

Ich meine, dies iat die Folge von mittlerweile drei Generationen TV-Schädigung.
Die Leute verwechseln die reale Welt mit Comendy-Sitcoms, wobei die Boulevardmedien die Lachspur liefern.
Politiker werden nach der Fähigkeit gewichtet, das Publikum zu unterhalten.
Wer die deppertsten und frechsten Sprüche klopft, wird gewählt.
Wir befinden uns im Schenkelklopfer-Zeitalter.


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[...]  Madrid. Zehntausende Urlauber werden am kommenden Wochenende auf den spanischen Mittelmeerinseln Ibiza und Formentera ihre Zimmer selbst in Ordnung bringen müssen. Die Zimmermädchen haben einen Streik ausgerufen.

Das Bett nicht gemacht, den Boden nicht gewienert, das Bad nicht geputzt: Zehntausende von Urlaubern werden am kommenden Wochenende auf den spanischen Mittelmeerinseln Ibiza und Formentera ihre Zimmer selbst in Ordnung bringen müssen. Denn die rund 8000 Zimmermädchen in ihren Hotels fühlen sich von den Hoteliers schlecht behandelt und haben mitten in der touristischen Hochsaison einen Streik ausgerufen. Auf Mallorca und auf dem spanischen Festland soll es parallel Protestkundgebungen geben.

Geringe Löhne, harte Akkordarbeit, unbezahlte Überstunden, keine freien Tage, mangelhafte soziale Absicherung, Diskriminierung – die Liste der Klagen ist lang. So lang, dass inzwischen sogar ein dokumentarischer Kinofilm über das Leiden der spanischen Zimmermädchen entstanden ist, der den Titel „Hotel Ausbeutung“ trägt. „Wir halten den Tourismus, den wichtigsten Motor der nationalen Wirtschaft, in Gang“, klagt darin die Reinigungskraft eines Hotels, doch die Zimmermädchen würden mancherorts wie Sklaven behandelt.

„Wir sind keine Maschinen, sondern Menschen“, lautet einer der Slogans, mit dem die Frauen auf die Barrikaden gehen. Etliche Hoteliers bekamen in den letzten Monaten bereits die Wut der Zimmermädchen, die in Wirklichkeit gestandene Frauen sind, zu spüren. Mit Transparenten bewaffnet postierten sich die Hotel-Putzfrauen, die sich unter dem Namen „Las Kellys“ organisiert haben, vor Hoteltüren und skandierten: „Wir wollen würdige Arbeitsbedingungen.“

Dazu gehöre zum Beispiel, dass die Arbeitsbelastung verringert werde, sagt Milagros Carreño. Die 54-Jährige arbeitet seit 30 Jahren als Zimmermädchen und ist die Sprecherin der Kellys auf Ibiza. „Normalerweise müssen wir 21 oder 22 Zimmer am Tag säubern, aber manche Kolleginnen müssen bis zu 30 Zimmer herrichten. Das ist unmenschlich“, klagte sie, als sie den Streik ankündigte. Daneben müssten auch noch Flure, Essenssäle und Eingangshallen gesäubert werden. „Einige Zimmermädchen haben nicht einmal Zeit, eine Essenspause zu machen.“

Die Folge dieser beschwerlichen Arbeit und Hetzjagd von Zimmer zu Zimmer seien chronische Gesundheitsschäden. Viele Frauen würden den Arbeitstag nur mit Pillen durchhalten. Nach einer Umfrage der Gewerkschaften schlucken 70 Prozent der Zimmermädchen Tabletten, etwa weil ihnen der Rücken wehtut, oder weil sie Depression haben. „Irgendwann kommt dann der Zeitpunkt, wo wir einfach nicht mehr können“, sagt Carreño. Deswegen fordern die Kellys auch eine Anerkennung ihrer Gesundheitsschäden als Berufskrankheiten.

Der Aufstand lenkt den Blick auf die Schattenseiten des spanischen Tourismusbooms. Das nationale Fremdenverkehrsamt meldet zwar von Jahr zu Jahr neue Besucher- und Einnahmerekorde – in 2018 kamen 83 Millionen ausländische Urlauber nach Spanien. Aber die rund 200.000 Zimmermädchen, welche in ganz Spanien maßgeblich dafür sorgen, dass sich die Hotelgäste wohlfühlen, profitieren nicht von dem Boom. Ganz im Gegenteil. Viele Hotels vergeben inzwischen den Reinigungsservice an externe Firmen, wodurch sich die Arbeitsbedingungen für die Raumpflegerinnen verschlechtert haben.

Was verdienen Zimmermädchen? Nach den Tarifverträgen der spanischen Hotelbranche stehen den direkt Angestellten für eine Vollzeitbeschäftigung etwa 1500 Euro brutto im Monat zu. Das klingt gar nicht so schlecht für spanische Verhältnisse, aber in der Praxis werden diese Tarife nicht durchweg eingehalten.

Zum Beispiel zahlen externe Reinigungsfirmen den Zimmermädchen selten mehr als 1000 Euro. In den touristischen Großstädten Madrid oder Barcelona seien die meisten Zimmermädchen über externe Firmen angestellt, berichtet Myriam Barros, nationale Sprecherin der Kellys. Sie fordert, dass die Zimmermädchen der externen Firmen genauso bezahlt werden müssen wie die hoteleigenen Kräfte.

„Wir sind die wahren Stars der Hotels“, steht auf manchen jener Protestplakate, mit denen die Kellys am kommenden Wochenende auf die Straße gehen wollen. Ein Hinweis darauf, dass sie nicht nur bessere Arbeitsbedingungen wollen, sondern auch mehr Anerkennung wünschen – und sei es auch nur in Form eines kleinen Trinkgelds, das von den Gästen auf dem Kopfkissen zurückgelassen wird.


Aus: "Streik der Zimmermädchen: Ibiza-Urlauber müssen Hotelbetten selbst machen" Ralph Schulze (22.08.2019)
Quelle: http://www.general-anzeiger-bonn.de/news/panorama/Ibiza-Urlauber-m%C3%BCssen-Hotelbetten-selbst-machen-article4170435.html
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[...] Liam Hemsworth soll die Scheidung eingereicht haben: Miley Cyrus präsentiert unterdessen ein neues Tattoo. ... Ein neues Tattoo ziert ihren Unterarm: Während Liam Hemsworth (29) offenbar die Scheidung vorantreibt, hat sich Miley Cyrus (26, "Slide Away") bei Tattookünstler Dr. Woo unter die Nadel gelegt. Auf Instagram postete der Tätowierer ihres Vertrauens ein Foto von Mileys neuem Körperschmuck. Zu sehen ist eine Schlange, die einen Menschen verzehrt beziehungsweise ausspeit. Das Motiv - auch Biscione oder Vipera genannt - ist seit Jahrhunderten das Symbol der italienischen Adelsfamilie Visconti, die lange Zeit Mailand und die Lombardei regierte. Das Wappen des Hauses stellt Experten zufolge die Geburt des Menschen dar. ...

Dr. Woo kommentierte den Schnappschuss, auf dem das Tattoo zu sehen ist, mit den Worten: "Coole alte Skulptur, die Miley Cyrus in Italien entdeckt hat." Ob die US-Amerikanerin damit den Beginn eines neuen Lebensabschnitts einläuten möchte? "People" zufolge falle es ihr schwer, zu akzeptieren, dass die Beziehung mit Liam Hemsworth vorbei sei. Sie habe einem Insider zufolge nicht erwartet, dass er nach der Trennung so schnell die Scheidung einreiche.

Laut dem Bericht des Magazins hat der 29-Jährige am Mittwoch in Los Angeles die Scheidungspapiere abgegeben. Als Grund habe er "unüberbrückbare Differenzen" angegeben. Am 10. August hatte das Paar nach sieben Monaten Ehe das Liebes-Aus bekanntgeben. Vor ihrer Hochzeit im Dezember 2018 hatten sie gut zehn Jahre lang eine On-Off-Beziehung geführt.


Aus: "Neues Schlangen-Tattoo nach der Trennung von Liam" the/spot (22.08.2019)
Quelle: https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.miley-cyrus-neues-schlangen-tattoo-nach-der-trennung-von-liam.bded7ad0-a9f2-4246-b7c7-6b9fdc9c6199.html
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[...] Cécile Calla,1977 geboren, war Korrespondentin der französischen Tageszeitung "Le Monde "und Chefredakteurin des deutsch-französischen Magazins "ParisBerlin". Sie hat den Blog "Medusablätter" über Frauen und Feminismus gegründet. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8"

Ich habe entschieden, meine Kinder nicht zu schlagen. Die meisten Leserinnen und Leser wird diese Aussage sicherlich nicht überraschen; denn in Deutschland gibt es einen breiten Konsens, Kinder nicht zu schlagen – es ist seit dem Jahr 2000 verboten. In Frankreich, wo ich aufgewachsen bin, ist körperliche Züchtigung hingegen noch weit verbreitet: Drei Viertel der französischen Eltern betrachten die "kleine Ohrfeige", die fessée – auf Deutsch: den Klaps auf den Po – als legitime Erziehungsmethode. Sie scheuen auch in der Öffentlichkeit nicht davor zurück, sie anzuwenden, und geben es in Gesprächen ohne Scham zu. Seit dem 10. Juli ist der Klaps nun auch in Frankreich offiziell verboten. Das Gesetz hat aber nur symbolischen Charakter: Der Gesetzestext fordert, dass "die elterliche Autorität ohne körperliche und psychologische Gewalt ausgeübt wird". Väter oder Mütter, denen die Hand ausrutscht, werden allerdings nicht bestraft. Die Regierung setzt stattdessen darauf, einen Kulturwandel durch Informationskampagnen einzuleiten.

Als Kind hörte ich oft den beliebten Spruch "qui aime bien, châtie bien": Wer liebt, züchtigt gern. Ohrfeigen und Klapse von meinen Eltern waren zwar nicht alltäglich, aber sie kamen vor. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die elterlichen Schläge mich sonderlich verunsichert hätten. Ich weiß noch sehr gut, dass ich mich im Vergleich zu anderen Spielkameraden oder Cousinen, die manchmal eine ordentliche Tracht Prügel bekamen, glücklich schätzte. Die Nachbarskinder, mit denen ich jeden Tag spielte, hatten zu Hause einen martinet – eine kleine Peitsche aus Lederriemen, die man früher in allen Drogerien Frankreichs kaufen konnte. Den martinet kannten damals fast alle Kinder; er gehörte bis in die Achtzigerjahre bei vielen französischen Familien zum festen Haushaltsinventar, auch wenn er meist nur als Drohung eingesetzt wurde. Im Jahr 1984, ich war damals sechs Jahre alt, hat der Gesetzgeber seinen Einsatz als ungesetzlich erklärt. Einige Familien kauften ihn jedoch weiterhin und verwendeten ihn, wenn der liebe Nachwuchs aus ihrer Sicht übertrieb.

Aus meiner kindlichen Perspektive viel schockierender waren die Schläge in der Schule oder in den Vorschulen. Sie waren zwar eigentlich nicht gestattet. Körperliche Züchtigung in Grundschulen wurde erstmals in einer Schulverordnung von 1795, und nochmals 1887, kurz nach der Gründung der kostenlosen und laizistischen öffentlichen Schule, formell verboten. In der Praxis konnten jedoch viele Lehrer ihr droit de correction, ihr Züchtigungsrecht, bis Ende der Achtzigerjahre ziemlich ungestört ausüben. Erst 1991 verbot eine Richtlinie des Kultusministeriums ausdrücklich jegliche Strafe in den Vorschulen und jede Form körperlicher Züchtigung in den Grundschulen – und selbst danach gab es laut einem Bericht aus dem Jahr 2004 noch 81 registrierte Fälle körperlicher Züchtigung.

Meine Schwester und ich wurden nach heutigen Gesichtspunkten jedenfalls – wie nicht wenige französische Kinder – noch in den Achtzigerjahren von Lehrern psychisch und körperlich misshandelt. Die Bestrafungen nahmen alle möglichen Formen an: von Demütigungen bis hin zum Klaps auf den Po, von Ohrziehen bis hin zu Ohrfeigen. Wir Kinder erzählten unseren Eltern diese Vorgänge nicht. Einerseits, weil wir weiteren Ärger befürchteten, und andererseits, weil wir sie irgendwie als normal ansahen. Ich weiß allerdings noch, dass ich in der ersten Klasse einen wiederkehrenden Alptraum mit schwarz-weißen Bleistiften hatte, die ein Rennen in einer Art Stadion liefen. Ich war wohl einer dieser Stifte und verlor das Rennen ständig, was mich in tiefe Verzweiflung stürzte. Das war der Moment, in dem ich schweißnass und in Tränen aufwachte.   

Inzwischen ist solches Verhalten in der Schule Vergangenheit. Aber die Kultur der Gewalt ist – wie die Diskussionen um ein Verbot der erzieherischen Gewalt in Familien belegen – längst nicht verschwunden. Weil Frankreich sich viele Jahre lang dagegen sträubte, den Eltern körperliche Züchtigung per Gesetz zu verbieten, wurde es regelmäßig vom Europarat gerügt. Trotzdem trauten sich die verschiedenen Regierungen nicht, das Thema voranzubringen. Sprach man Franzosen darauf an, erntete man meist nur Spott.

Als im Jahr 2016 eine Abgeordnete den Gesetzentwurf für ein Verbot auf den Weg brachte, dauerte es mehr als zwei Jahre, bis er von den beiden Parlamentskammern verabschiedet wurde. Das Thema spaltete die Gesellschaft. Die Gegner erklärten, dass ein Klaps auf den Po noch niemanden getötet habe und dass uns im Falle eines Verbots eine Gesellschaft von kleinen Tyrannen erwarte. Die meisten Franzosen sprachen sich gegen ein Verbot aus – 2015 etwa waren 70 Prozent der Befragten dagegen.

Die Befürworter eines Verbots sahen darin eine demokratische Notwendigkeit. Aus ihrer Sicht ermöglicht ein solches Verbot, die Wurzeln der Gewalt in der Gesellschaft zu bekämpfen. Viele Studien belegen, dass in der Kindheit erfahrene Gewalt oft im Erwachsenenalter reproduziert wird. Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster behauptet sogar eine Korrelation zwischen körperlicher Züchtigung bei Kindern und rechtsextremer Gesinnung. In seinem vor Kurzem erschienenen Buch Erziehung prägt Gesinnung widmet er der strengen französischen Erziehung eine lange Passage und erinnert daran, wie stark die Rechten, insbesondere Marine Le Pens Partei Rassemblement National in Frankreich sind. Dass die rechtsextreme Gesinnung seit Jahren an Einfluss gewonnen hat, ist unbestreitbar. Dass dies hauptsächlich mit einem "homogenen, strengen" Umgang mit Kindern, mit dem Klaps auf den Po und der kürzeren Stillzeit, zusammenhängt, bezweifle ich. Denn ein Erstarken des Rechtspopulismus erleben wir auch in Deutschland und in anderen Ländern.

Allerdings stimme ich Herbert Renz-Polster in einem Punkt zu: Es gibt diesen Konsens über strenge Erziehung und französische Kinder stehen, gerade im Vergleich zu deutschen Kindern, oft unter hohem Druck. Meistens – und weit häufiger als in Deutschland – arbeiten beide Eltern in Vollzeit. Viele kämpfen auch mit Arbeitslosigkeit oder unsicheren Arbeitsverhältnissen. Die Bindungsforschung konnte sich nie wirklich etablieren, die Schule ist durch den Zentralstaat sehr normiert und alternative Bildungskonzepte sind weit weniger verbreitet.

Dass elterliche Schläge so spät erst gesetzlich verboten wurden, zeigt auch, wie lange diese alltägliche Gewalt banalisiert, schöngeredet oder einfach ignoriert wurde. Bis heute spricht übrigens die Gesetzgebung von "autorité parentale", deutsch: "elterlicher Autorität", während man in Deutschland seit 1980 von "elterlicher Sorge" spricht. 

Recht ähnlich verlief es auch im Umgang mit sexuellen Übergriffen. Sexismus und sexuelle Belästigung wurden lange als Kollateralschaden der "französischen Verführungskultur" kleingeredet. Die #MeToo-Welle wirkte in Frankreich wie die Offenbarung eines Familiengeheimnisses: Der Clan spaltete sich. Die einen – das war der Brief der 100 Französinnen um Catherine Deneuve – verteidigten die Tradition der Galanterie, die anderen forderten einen anderen Umgang zwischen den Geschlechtern. Plötzlich erschienen auch Themen wie sexuelle Belästigung auf der Straße oder Gewalt im Kreißsaal, die eher Gleichgültigkeit hervorgerufen hatten, auf dem vordersten Platz in den Medien. Auch alltägliche Gewalt am Arbeitsplatz gewinnt zunehmend an Aufmerksamkeit. Im europäischen Vergleich gehört Frankreich zu den Ländern, in denen häufiger Erfahrungen körperlicher Gewalt gemacht werden.

Wie Politik und Gesellschaft den Körper und die Psyche eines Menschen brechen können, beschreibt Edouard Louis in seinem jüngsten Buch Wer hat meinen Vater umgebracht. Er zeigt ein Kontinuum zwischen der politischen Gewalt und der alltäglichen Gewalt im Privaten auf. Diese Erzählung kann sich auch im Nachhinein wie ein Vorzeichen der Gelbwestenproteste lesen: Die Gewalt, die – auf beiden Seiten übrigens – bei diesen Protesten zum Vorschein trat, schockierte nicht nur Deutschland, sondern auch Frankreich. Dort hat jeder die Bilder der Verwüstung des Arc de Triomphe durch die Gelbwesten im vergangenen Dezember in Erinnerung. Aber inzwischen wird eben auch Polizeigewalt in Frankreich zunehmend thematisiert. 

Autorität ist allerdings auf der anderen Seite des Rheins grundsätzlich sehr en vogue. Umfragen zeigen, dass ein erheblicher Teil der Franzosen, zuletzt 41 Prozent in einer Befragung von Oktober 2018, sich ein autoritäres Regime wünschen, um den "Niedergang abzuwenden" und "das Land tiefgreifend zu reformieren". Die Verfassung der IV. Republik, die bis 1958 galt und dem Staatspräsidenten eine eher repräsentative Funktion zuschrieb, hat bis heute einen sehr schlechten Ruf in Frankreich. Die Regierung galt und gilt als führungsschwach und instabil. Im Vergleich dazu wird das Machtsystem der V. Republik von der Mehrheit der Bevölkerung – selbst von den Gelbwesten – nicht infrage gestellt und Emmanuel Macron weiß sich seine umfangreichen Machtbefugnisse zunutze zu machen.

Ich selbst brauchte eine gewisse Zeit, um mich von dieser autoritären Kultur zu distanzieren. Erst der Umzug nach Deutschland und die Auseinandersetzung mit der hiesigen Streitkultur brachte mich zum Umdenken. Zwar empfand ich – und empfinde manchmal noch heute – viele Menschen hierzulande als allzu kontrolliert und korrekt und deren Kinder oft als wild, tyrannisch und schlecht erzogen. Mich ärgert es, wenn so getan wird, als ob Gewalt gar nicht zu unserer menschlichen Existenz dazugehöre. Gleichzeitig begriff ich, dass die französische Familienidylle mit Supermüttern und höflichen Kindern, die so viele Autoren loben, oft mit Druck und einer Portion Gewalt einhergeht. Also entschied ich mich, es ein bisschen anders zu machen und auf körperliche Züchtigung bei meinen Kindern zu verzichten. Ich schreibe bewusst "ein bisschen anders"; denn ich bin sicherlich strenger als viele deutsche Eltern und empfinde nach wie vor wenig Scham, meine Kinder anzubrüllen. Ganz aus meiner französischen Haut kann ich wohl nicht heraus.


Aus: "Gewalt in der Erziehung: Klaps auf den Po?" Cécile Calla (21. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2019-08/gewalt-erziehung-fessee-autoritaet-kinder-frankreich/komplettansicht

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Aufs Ergebnis kommts an #2

Ein Mittelweg ist hier angemessen.


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Grundgesetz-Gutmensch #2.1

Eine halbe Ohrfeige??


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Linksrechtsobenunten #2.2

Ein Mittelweg zwischen "dem Kind eine geordnete Umgebung durch klare Regeln schaffen" und "dabei trotzdem eine möglichst freie Entfaltung gewährleisten"?

Gerne.

Bei physischer Gewalt darf es keinen s.g. Mittelweg geben. Da bin Ich radikal dagegen. Im Artikel werden die -auch aus meiner Sicht- weit überzeugerenden Argumente dagegen genannt. Mal ganz abgesehen davon, dass ich den Gedanken (m)ein Kind zu schlagen, genauso selbstverständlich "extrem verstörend" finde, wie wohl manche Franzosen und Französinnen es als "normale Erziehungsmethode" sehen.

Psychische Gewalt ebensowenig, auch wenn ich da natürlich verstehe, dass es da in den verschiedenen Ansichten verschobene Grauzonen zu einer "einfach" stregeren Erziehung gibt.


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Robert Nozick #2.5

Das Problem ist, das die geordnete Umgebung und die Durchsetzung klarer Regeln ohne körperliche Gewalt offenbar für sehr viele Erziehungsberechtigte ein großes Problem ist.

Viele kapitulieren und produzieren eine Generation völlig grenzenloser Egoisten, denen in der KITA elemetarste Regeln des Miteinanders nicht mehr beizubringen sind, wenn in den übrigen 16 -20 Stunden des Tages alles anders gelehrt wird. Meine Lebensgefährtin ist Erzieherin.

Auch wenn ich selbst nie schlagen würde, weiss ich manchmal nicht, ob mir die Zeiten, in denen diese überforderten Eltern sich wenigstens noch per Watschn durchsetzen konnten und in ihnen nichnt gesellschaftlich suggeriert wurden, sie müssten ihren kleinen Prinzen auf Händen tragen, lieber waren.


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Hühnerhabicht78 #2.11

Körperliche Gewalt gegenüber Kindern aus Wut auf Fehlverhalten ist unverzeihlich. Einen Klaps in bestimmten Situationen, als Mittel der Erziehung, ohne Wut und anschließendem Liebesentzug, halte ich dagegen für gerechtfertigt in bestimmten Situationen.
Ich gebe Ihnen sogar noch ein Beispiel:
Unsere 20 Monate alte Tochter wollte dem 3 Monate alten Nachbarsjungen ihre Kuchengabel ins Auge stechen. Wahrscheinlich um zu sehen, was passiert, wer weiß das schon. Konnte gerade noch eingreifen. Dafür gab es auf die Finger und eine beherzte Ansprache. Eine Woche später hat sie es erneut versucht, gleiche Reaktion meinerseits.
Danach hat sie es verstanden und nie mehr versucht.
Also los verurteilen Sie mich in Gutmenschen-Manier.


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Grundgesetz-Gutmensch #2.19

Sie werden es nicht glauben, aber die meisten Eltern schaffen es ohne Gewalt Kinder großzuziehen, auf die man stolz sein und die man Liebhaben kann ohne sich für sie schämen oder rechtfertigen zu müssen. [ ... Es geht um das Prinzip: Gewalt ist Gewalt, und Gewalt als Mittel der Erziehung ist ein Zeichen von Schwäche, Grobschlächtigkeit und erzieherischer Armut. Es geht immer anders. Immer.]


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Hühnerhabicht78 #2.30

Obwohl ich anerkenne, dass Ihre Antwort wesentlich differenzierter ist, als die manch anderer Kommentatoren, bin ich anderer Meinung.

Wenn Sie jedoch wissenschaftliche Erkenntnisse verlinken können, die Ihre These stützen, werde ich das unvoreingenommen lesen.

Aus eigener Erfahrung, muss ich sagen, dass wütendes Rumgeschreie durch die Mutter, mir als kleinen Jungen eher in Erinnerung geblieben ist, als ein Klaps vom Vater, der sowieso eine absolute Ausnahme, reserviert für außergewöhnliche Frechheiten meinerseits, war. ...


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Friedlicher Kampfradler #2.32

Interessant, ich habe ähnliche Situationen meistern können, ohne meine Kinder dabei dann körperlich zu misshandeln. Und ich musste dies dann auch nicht immer und immer wiederholen. Wenn das Kind sich nämlich auf die Ansprache konzentrieren kann, ohne dabei von den Schmerzen der elterlichen Brutalität abgelenkt zu werden, sitzt es einfach leichter.

Wie häufig haben Sie Ihre Kleinkinder bislang insgesamt unterm Strich prügeln müssen?


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In die Hutze integrierter Holm #2.34

Ich kenne Einzelmeinungen von Leuten die grob gesagt in der Neurologie forschen und arbeiten und die sind offenbar radikaler als alle Antworten hier im Forum. Bereits das Anschreien, ja die Stimme aggressiv zu erheben sei bereits einer gesunden Hirnentwicklung abträglich. Überhaupt sei das Anschreien in seiner Auswirkung nicht von Schlägen zu unterscheiden.

Unter dieser Annahme kann das wütende Geschrei Ihrer Mutter in der Summe wirklich schlimmer gewesen sein als die seltenen Schläge Ihres Vaters, für die Sie immerhin eine Erklärung gefunden haben.
Einlesen müssen Sie sich aber selbst, ich bin nicht qualifiziert und es ist wohl auch sinnlos jetzt einzelne Studien rauszusuchen.
Das werde ich im nächsten Sabbatical nachholen.


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Hühnerhabicht78 #2.38

Natürlich, ich bin Arbeitnehmer und gehe gleich arbeiten unterwürfig arbeiten, um auch weiterhin die Steuern zu zahlen, die der Staat heute so für seine gesellschaftlichen Experimente benötigt.
Sie dagegen sind vermutlich Mitglied der linksalternativlosen Szene und bereiten gerade im Stillen die Revolution vor.
Um ihre Versorgung brauchen Sie sich derweil nicht zu sorgen, dass übernehmen Ihre wohlmeinenden Eltern für Ihren Junior doch gerne :)

Und das alles nur weil ich als Kind ab und zu mal angeschnauzt wurde, wenn ich mal wieder Rebellion geübt habe...
Deutschland könnte so schön sein, mit 80 Millionen selbstverwirklichten Guevaras. Da muss ich mich jetzt wirklich bei meinen Eltern beschweren, wenn ich die das nächste mal sehe.



Neurologen, die anhand von Hirnuntersuchungen verhaltenspsychologische Zusammenhänge erklären wollen und dabei Dogmen formulieren, laufen Gefahr ungewollt einem Druiden, der aus Vogelinnereien liest, zu ähneln.

Unter den Verhaltenspsychologen selbst gibt es nämlich auch jene, die davon ausgehen, dass ein Kind dadurch massive Fehlentwicklungen erleiden kann, wenn die Eltern immer beherrscht und frei von negativen Emotionen erziehen. Es hat dann keine Chance Empathie zu entwickeln (bis hin zu soziopathischen Zügen) und ist völlig überfordert, wenn später in Schule und Gesellschaft auf einmal deutlich negative Reaktionen auf das eigene Verhalten erfolgen.

Als Laie müssen Sie dann entscheiden, wie Sie ihr Kind erziehen. Nicht immer so einfach, wie es dem ein oder anderen hier scheint.

Vermutlich haben Sie es noch nie geschafft, Ihre ideologische, rosarote Brille kurz abzulegen, um die Welt in allen ihren Facetten und Zwischentönen wahrzunehmen.
Vielleicht klappt das ja noch zu einem späteren Zeitpunkt


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Kapaster d.J. #4

Ich bin in der DDR aufgewachsen und ich war einer der wenigen männlichen Kinder in meinem Umkreis, der nicht von häuslicher Gewalt betroffen war.
Lehrer durften nicht schlagen, aber in den Familien wurde teils hemmungslos geprügelt. Für mich steht der Zusammenhang zwischen autoritärer Weltanschauung und Gewalt ausser Zweifel.


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Alemannischschwäbisch #4.4

Psychische Gewalt war dort Staatsräson
Wie auch im 3. Reich.
Sollten ja alle Staatstreue Kommunisten werden.


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Er_ist_wieder_da. #4.12

Antiautoritäre Eltern haben oft Gewalt erlebt und dadurch ist Aggression oft Tabu und verdrängt. Das geht dann Richtung Gutmensch und irgendwann entwickeln die Kinder Probleme weil sie nicht mit den eigenen Wutgefühlen umgehen können.

Oder passiv aggressive Menschen treiben ihr Umfeld in die Wut. Gesellschaftlich wäre das dann Gutmensch vs. Wutbürger.


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Sichersucher #2.45

... Was ich bedrückend finde, ist die Ansicht, jemand könnte Schläge oder andere Gewaltformen verdient haben. Dass wir brüllen oder schlagen, wenn wir hilflos sind, wird wohl (noch lange) so bleiben. Aber es richtig zu finden... Wann ist Gewalt gegen Schwächere uns Abhängige logisch (ohne Wut) oder gesellschaftlich wünschenswert? Wie kann es richtig sein, jemanden anders so zu bahandeln, wie man selbst nicht möchte - und er auch nicht? Übrigens führt dieser Ansatz (auch meine Erfahrung) zu einem Gegenteil von Rücksichtslosigkeit oder Gewalt, weil die Frage gelernt wird, wie sich der andere fühlt. Ich sehe eher das Problem, dass diese empatischen Kinder dann von Kindern, die Gewalt als normal empfinden, als schwach wahrgenommen werden. Da hängt wieder ein ganzer Rattenschwanz dran, aber der offensichtliche Hebel scheint mir, dass aus Gewalt gegen Schwächere verzichtet und als feige betrachtet wird. Wer schlägt heute in Deutschland schon seine Frau/seinen Mann und spricht offen darüber und bezeichnet das als richtig? Und nach oben? Schon mal den Chef/die Chefin geschlagen und erwartet, dass sich daraufhin die Arbeit wünschenswert entwickelt? Nein? Sicher, dass noch nie ein Chef einen anderen so zur Weißglut getrieben hat, wie ein Kind? Ich glaube, wir haben gelernt, entlang des Machtgefälles Gewalt als normal zu empfinden.


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[...] Sandro Zanetti lehrt Allge­meine und Ver­gleichende Literatur­wissen­schaft an der Univer­sität Zürich. Er ist Mitglied des Zentrums Geschichte des Wissens (ZGW) und des Zentrums Künste und Kultur­theorie (ZKK) sowie Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart.

Zu den vulgärsten Polit­pa­rolen der jüngsten Vergan­gen­heit gehört der von Donald Trump herum­po­saunte (und vorab schon von Ronald Reagan geprägte) Slogan Make America Great Again. Verrä­te­risch ist das letzte Wort: Again. Es sugge­riert erstens, dass es früher eine Größe Amerikas gab (gemeint sind aber nur die USA), zwei­tens, dass es zu einem Verlust dieser Größe kam, und drit­tens, dass man nur einiges wieder rück­gängig machen muss, um zu diesem früheren, angeb­lich besseren Zustand zurück­zu­kehren.

Dieses Frühere ist aller­dings nichts anderes als eine Projek­tion: noch nicht einmal restau­rativ, sondern eine hohle Unter­stel­lung einer zugleich rück­sichts­losen und wehlei­digen Gegen­wart, eine diffuse Sehn­sucht nach einer besseren Welt, die man aus der Vergan­gen­heit hervor­holen zu können glaubt. Dabei wird mit einer großen und zugleich unauf­ge­klärten Geste eines schein­baren Bescheid­wis­sens alles ausge­blendet, was früher viel­leicht nicht so gut war: Skla­verei, Ausbeu­tung, unheil­bare Krank­heiten, Kriege hier und dort, Benach­tei­li­gungen von Menschen aller Art.

Was genau will man also über­haupt wieder­haben? Das andau­ernde Vergessen viel­leicht, dass den Preis für das eigene Wohl­ergehen womög­lich andere zu bezahlen haben? Was war denn früher wirk­lich besser? Die Frage, so gestellt, ist allge­meiner, und es ist diese Frage, die der vor wenigen Wochen verstor­bene Michel Serres in einem seiner letzten Bücher in gut pole­mi­scher Absicht stellte: Was genau war früher besser? Ein opti­mis­ti­scher Wutan­fall.

Auf Fran­zö­sisch erschien das Buch unter dem Titel C’était mieux avant! schon 2017. Dem voraus ging die kurze Streit­schrift und Liebes­er­klä­rung Petite Poucette von 2012 – auf Deutsch: Erfindet euch neu! Eine Liebes­er­klä­rung an die vernetzte Genera­tion, 2013. Deren Prot­ago­nistin „Däume­lin­chen“ (Petite Poucette) aus dem Kunst­mär­chen von Hans Chris­tian Andersen kehrt auch in der neuen Publi­ka­tion wieder: Sie vertritt – geschickt mit dem Daumen auf dem Smart­phone unter­wegs – die Enkelinnen- und Enkel­ge­nera­tion, deren Gegen­wart von den miese­pe­trigen Mecker­greisen – den „grands-papas ronchons“ – kaum noch verstanden wird. Denn diese Mecker­greise sind jene, die in Serres zuweilen gera­dezu grotesken Über­spit­zungen die Vergan­gen­heit partout zum verlo­renen Para­dies verklären wollen.

Gibt es einen Erfah­rungs­schatz, den die Groß­el­tern, heute, ihren Enke­linnen und Enkeln weiter­geben können? Wie hilflos ein solcher ‚Schatz‘ anmuten kann, lässt sich schon – damals im Rück­blick auf die im Ersten Welt­krieg stumm gewor­dene Solda­ten­ge­nera­tion – in Walter Benja­mins Essay „Erfah­rung und Armut“ von 1933 nach­lesen. Dass man seither aber die Vergan­gen­heit auch noch verklären sollte, das käme, folgt man den Über­le­gungen von Serres, einer intel­lek­tu­ellen Bank­rott­erklä­rung gleich.

Die Verklä­rung der Vergan­gen­heit führt Serres zufolge ebenso wenig weiter wie das Meckern über die Gegen­wart. Das von Stefan Lorenzer hervor­ra­gend über­setzte Buch heißt deshalb aus guten Gründen: ein opti­mis­ti­scher Wutan­fall. Um eine fein­sin­nige philo­so­phi­sche Abhand­lung handelt es sich also nicht. Wir lesen kein um Ausge­wo­gen­heit bedachtes Alters­werk, sondern eine hemds­är­melig formu­lierte Abrech­nung mit einem Klischee – jenem der besseren Vergan­gen­heit eben, das in Serres Augen nichts anderes verdient als eine ebenso heitere wie grobe Zurecht­wei­sung und Verun­glimpfung.

Der bissig-ironische Ton wird gleich auf den ersten Seiten ange­schlagen:

    Früher wurden wir von Musso­lini und Franco regiert, von Hitler, Lenin und Stalin, Mao, Pol Pot, Ceaușescu – alles gute Leute, ausge­wie­sene Spezia­listen für Vernich­tungs­lager und Folter, Massen­hin­rich­tungen, Kriege, Säube­rungen. Vergli­chen mit diesen illus­tren Akteuren wirkt so ein demo­kra­ti­scher Präsi­dent eher blass, es sei denn, er nötigt eine besiegte Nation, den demü­ti­genden Versailler Vertrag zu unter­zeichnen, über­zieht Dresden mit Bomben­tep­pi­chen oder zündet eine Atom­bombe, um die Zivil­be­völ­ke­rung von Hiro­shima und Naga­saki auszu­lö­schen.

Man lese dieses Zitat gerne zweimal durch, hohle tief Luft – und fahre dann fort mit der Lektüre:

    Sieht man von der Bombar­die­rung der Zivil­be­völ­ke­rung in den Städten ab, so ist in den Kriegen, meist von Verant­wort­li­chen reiferen Alters beschlossen und orga­ni­siert, die männ­liche Jugend getötet worden: In den Minis­te­rien, Botschaften und Haupt­quar­tieren saßen Väter aus jener Elite, die sich mit Inbrunst einer im zwei­stel­ligen Millio­nen­be­reich betrie­benen Ermor­dung ihrer Söhne widmeten. Den Töch­tern und Söhnen, die über­lebt hatten und zwei­fellos geblendet waren von der impo­nie­renden Gräber­zahl, wurde wenig später in den Hörsälen eine ganz andere Geschichte nahe­ge­bracht, die vom ‚Vater­mord‘. – Tote und Lügen­ge­schichten, ja, früher war doch wirk­lich alles besser.


Die Spitze gegen die Psycho­ana­lyse („Vater­mord“) ist nicht ohne Witz, weil sie den akade­mi­schen Boom der Psycho­ana­lyse selbst als Effekt einer Verdrän­gung zu verstehen gibt: Statt sich um die Frage zu kümmern, was Menschen ihren Kindern und Enkel­kin­dern und also ihrer Zukunft anzutun in der Lage sind, fällt es offenbar leichter, die persön­liche Vergan­gen­heit zum Richtmaß der eigenen Hand­lungen zu erheben.

Dazu hätte man in dem Buch gerne noch mehr gelesen. Was aber klar scheint: Dämo­ni­sie­rung und Verklä­rung des Vergan­genen erweisen sich ganz schnell als zwei Seiten derselben Medaille – ein Gedanke, den Serres nicht explizit formu­liert, aber der erklären hilft, warum die Reka­pi­tu­la­tionen der Vergan­gen­heit, so wie sie im Buch selbst ausfallen, so abge­klärt, mit Blick auf die Gegen­wart aber auch so heiter daher­kommen.

Die ganzen folgenden Seiten verwendet Serres darauf, detail­reich in Erin­ne­rung zu rufen, wie es ‚früher‘ war. Sein ausge­wie­senes wissen­schafts­his­to­ri­sches Inter­esse verbindet sich dabei mit prägnanten biogra­fi­schen Erin­ne­rungen:

Bei diesem Früher, da war ich schließ­lich dabei. Ich kann ein Exper­ten­ur­teil abgeben. Hier ist es.

Serres verfolgt dabei eine Doppel­stra­tegie: Er schil­dert roh die hygie­ni­schen Bedin­gungen seiner eigenen Herkunft, die medi­zi­ni­schen Kata­stro­phen, die Mühen der Land­wirt­schaft, die prak­tisch recht­lose Situa­tion der Frauen, die Schwer­fäl­lig­keit der Kommu­ni­ka­tion, die Folgen des Krieges, der Korrup­tion, der Armut. Zugleich zeigt er auf, was sich in der Folge und bis zum heutigen Tag alles gebes­sert hat. Er zählt die tatsäch­lich revo­lu­tio­nären tech­ni­schen Inno­va­tionen auf, die rasanten medi­zi­ni­schen Fort­schritte, die posi­tiven poli­ti­schen Errun­gen­schaften. Fast hat man Angst, dass der dekla­rierte Opti­mist Serres die mani­festen Kehr­seiten dieser Entwick­lungen völlig über­sieht – wobei der Wie-es-früher-wirklich-war-Experte am Ende doch noch ins Grübeln gerät:

Die Fort­schritte, deren Lob ich singen wollte, haben eine hohe Lebens­er­war­tung gezei­tigt, und diese hat uns wiederum eine große Zahl an Greisen beschert, die im Besitz nicht vererbter Vermögen sind. Viele von ihnen kommen an die Macht, um sie für ihre Fort­schritts­ver­wei­ge­rung zu nutzen. Durch diese zirku­läre Kausa­lität bremst der Fort­schritt sich selbst.

Serres weiß, dass Voltaire seinen Candide – den Opti­misten – als Trottel in die Welt schickte und dass seither der Opti­mismus gerade in der fran­zö­si­schen Denk­tra­di­tion nicht gerade hoch­an­ge­sehen ist. Statt die Skepsis, wie die Mecker­greise, auf die Gegen­wart zu richten und vor lauter selbst­pro­du­zierter Blen­dung vonseiten der Vergan­gen­heit das Bessere der Gegen­wart zu über­sehen, geht es Serres jedoch gerade umge­kehrt darum, die Möglich­keit des Besseren in der Gegen­wart für die Zukunft zu retten und statt­dessen die Skepsis gegen­über der Vergan­gen­heit, ja gegen­über den glori­fi­zierten Schein­ver­gan­gen­heiten wach­zu­halten.

Diese Blick­um­kehr geschieht im Buch brachial, die Sprache ist unzim­per­lich, die Argu­men­ta­tion sprung­haft. Gerade dies macht das Buch aller­dings zum Vergnügen. Ein Nach­mittag genügt, um es zu lesen. Danach begegnet man den Mecker­greisen mit der nötigen Portion Ironie: C’était mieux avant!


Michel Serres, Was genau war früher besser? Ein opti­mis­ti­scher Wutan­fall, aus dem Fran­zö­si­schen von Stefan Lorenzer, Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2019.



Aus: "Was genau war früher besser? Eine Nach­mit­tags­lek­tion von Michel Serres" Sandro Zanetti (2019)
Quelle: https://geschichtedergegenwart.ch/was-genau-war-frueher-besser-eine-nachmittagslektion-von-michel-serres/
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[...] Sandro Zanetti lehrt Allge­meine und Ver­gleichende Literatur­wissen­schaft an der Univer­sität Zürich. Er ist Mitglied des Zentrums Geschichte des Wissens (ZGW) und des Zentrums Künste und Kultur­theorie (ZKK) sowie Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart.

Zu den vulgärsten Polit­pa­rolen der jüngsten Vergan­gen­heit gehört der von Donald Trump herum­po­saunte (und vorab schon von Ronald Reagan geprägte) Slogan Make America Great Again. Verrä­te­risch ist das letzte Wort: Again. Es sugge­riert erstens, dass es früher eine Größe Amerikas gab (gemeint sind aber nur die USA), zwei­tens, dass es zu einem Verlust dieser Größe kam, und drit­tens, dass man nur einiges wieder rück­gängig machen muss, um zu diesem früheren, angeb­lich besseren Zustand zurück­zu­kehren.

Dieses Frühere ist aller­dings nichts anderes als eine Projek­tion: noch nicht einmal restau­rativ, sondern eine hohle Unter­stel­lung einer zugleich rück­sichts­losen und wehlei­digen Gegen­wart, eine diffuse Sehn­sucht nach einer besseren Welt, die man aus der Vergan­gen­heit hervor­holen zu können glaubt. Dabei wird mit einer großen und zugleich unauf­ge­klärten Geste eines schein­baren Bescheid­wis­sens alles ausge­blendet, was früher viel­leicht nicht so gut war: Skla­verei, Ausbeu­tung, unheil­bare Krank­heiten, Kriege hier und dort, Benach­tei­li­gungen von Menschen aller Art.

Was genau will man also über­haupt wieder­haben? Das andau­ernde Vergessen viel­leicht, dass den Preis für das eigene Wohl­ergehen womög­lich andere zu bezahlen haben? Was war denn früher wirk­lich besser? Die Frage, so gestellt, ist allge­meiner, und es ist diese Frage, die der vor wenigen Wochen verstor­bene Michel Serres in einem seiner letzten Bücher in gut pole­mi­scher Absicht stellte: Was genau war früher besser? Ein opti­mis­ti­scher Wutan­fall.

Auf Fran­zö­sisch erschien das Buch unter dem Titel C’était mieux avant! schon 2017. Dem voraus ging die kurze Streit­schrift und Liebes­er­klä­rung Petite Poucette von 2012 – auf Deutsch: Erfindet euch neu! Eine Liebes­er­klä­rung an die vernetzte Genera­tion, 2013. Deren Prot­ago­nistin „Däume­lin­chen“ (Petite Poucette) aus dem Kunst­mär­chen von Hans Chris­tian Andersen kehrt auch in der neuen Publi­ka­tion wieder: Sie vertritt – geschickt mit dem Daumen auf dem Smart­phone unter­wegs – die Enkelinnen- und Enkel­ge­nera­tion, deren Gegen­wart von den miese­pe­trigen Mecker­greisen – den „grands-papas ronchons“ – kaum noch verstanden wird. Denn diese Mecker­greise sind jene, die in Serres zuweilen gera­dezu grotesken Über­spit­zungen die Vergan­gen­heit partout zum verlo­renen Para­dies verklären wollen.

Gibt es einen Erfah­rungs­schatz, den die Groß­el­tern, heute, ihren Enke­linnen und Enkeln weiter­geben können? Wie hilflos ein solcher ‚Schatz‘ anmuten kann, lässt sich schon – damals im Rück­blick auf die im Ersten Welt­krieg stumm gewor­dene Solda­ten­ge­nera­tion – in Walter Benja­mins Essay „Erfah­rung und Armut“ von 1933 nach­lesen. Dass man seither aber die Vergan­gen­heit auch noch verklären sollte, das käme, folgt man den Über­le­gungen von Serres, einer intel­lek­tu­ellen Bank­rott­erklä­rung gleich.

Die Verklä­rung der Vergan­gen­heit führt Serres zufolge ebenso wenig weiter wie das Meckern über die Gegen­wart. Das von Stefan Lorenzer hervor­ra­gend über­setzte Buch heißt deshalb aus guten Gründen: ein opti­mis­ti­scher Wutan­fall. Um eine fein­sin­nige philo­so­phi­sche Abhand­lung handelt es sich also nicht. Wir lesen kein um Ausge­wo­gen­heit bedachtes Alters­werk, sondern eine hemds­är­melig formu­lierte Abrech­nung mit einem Klischee – jenem der besseren Vergan­gen­heit eben, das in Serres Augen nichts anderes verdient als eine ebenso heitere wie grobe Zurecht­wei­sung und Verun­glimpfung.

Der bissig-ironische Ton wird gleich auf den ersten Seiten ange­schlagen:

    Früher wurden wir von Musso­lini und Franco regiert, von Hitler, Lenin und Stalin, Mao, Pol Pot, Ceaușescu – alles gute Leute, ausge­wie­sene Spezia­listen für Vernich­tungs­lager und Folter, Massen­hin­rich­tungen, Kriege, Säube­rungen. Vergli­chen mit diesen illus­tren Akteuren wirkt so ein demo­kra­ti­scher Präsi­dent eher blass, es sei denn, er nötigt eine besiegte Nation, den demü­ti­genden Versailler Vertrag zu unter­zeichnen, über­zieht Dresden mit Bomben­tep­pi­chen oder zündet eine Atom­bombe, um die Zivil­be­völ­ke­rung von Hiro­shima und Naga­saki auszu­lö­schen.

Man lese dieses Zitat gerne zweimal durch, hohle tief Luft – und fahre dann fort mit der Lektüre:

    Sieht man von der Bombar­die­rung der Zivil­be­völ­ke­rung in den Städten ab, so ist in den Kriegen, meist von Verant­wort­li­chen reiferen Alters beschlossen und orga­ni­siert, die männ­liche Jugend getötet worden: In den Minis­te­rien, Botschaften und Haupt­quar­tieren saßen Väter aus jener Elite, die sich mit Inbrunst einer im zwei­stel­ligen Millio­nen­be­reich betrie­benen Ermor­dung ihrer Söhne widmeten. Den Töch­tern und Söhnen, die über­lebt hatten und zwei­fellos geblendet waren von der impo­nie­renden Gräber­zahl, wurde wenig später in den Hörsälen eine ganz andere Geschichte nahe­ge­bracht, die vom ‚Vater­mord‘. – Tote und Lügen­ge­schichten, ja, früher war doch wirk­lich alles besser.


Die Spitze gegen die Psycho­ana­lyse („Vater­mord“) ist nicht ohne Witz, weil sie den akade­mi­schen Boom der Psycho­ana­lyse selbst als Effekt einer Verdrän­gung zu verstehen gibt: Statt sich um die Frage zu kümmern, was Menschen ihren Kindern und Enkel­kin­dern und also ihrer Zukunft anzutun in der Lage sind, fällt es offenbar leichter, die persön­liche Vergan­gen­heit zum Richtmaß der eigenen Hand­lungen zu erheben.

Dazu hätte man in dem Buch gerne noch mehr gelesen. Was aber klar scheint: Dämo­ni­sie­rung und Verklä­rung des Vergan­genen erweisen sich ganz schnell als zwei Seiten derselben Medaille – ein Gedanke, den Serres nicht explizit formu­liert, aber der erklären hilft, warum die Reka­pi­tu­la­tionen der Vergan­gen­heit, so wie sie im Buch selbst ausfallen, so abge­klärt, mit Blick auf die Gegen­wart aber auch so heiter daher­kommen.

Die ganzen folgenden Seiten verwendet Serres darauf, detail­reich in Erin­ne­rung zu rufen, wie es ‚früher‘ war. Sein ausge­wie­senes wissen­schafts­his­to­ri­sches Inter­esse verbindet sich dabei mit prägnanten biogra­fi­schen Erin­ne­rungen:

Bei diesem Früher, da war ich schließ­lich dabei. Ich kann ein Exper­ten­ur­teil abgeben. Hier ist es.

Serres verfolgt dabei eine Doppel­stra­tegie: Er schil­dert roh die hygie­ni­schen Bedin­gungen seiner eigenen Herkunft, die medi­zi­ni­schen Kata­stro­phen, die Mühen der Land­wirt­schaft, die prak­tisch recht­lose Situa­tion der Frauen, die Schwer­fäl­lig­keit der Kommu­ni­ka­tion, die Folgen des Krieges, der Korrup­tion, der Armut. Zugleich zeigt er auf, was sich in der Folge und bis zum heutigen Tag alles gebes­sert hat. Er zählt die tatsäch­lich revo­lu­tio­nären tech­ni­schen Inno­va­tionen auf, die rasanten medi­zi­ni­schen Fort­schritte, die posi­tiven poli­ti­schen Errun­gen­schaften. Fast hat man Angst, dass der dekla­rierte Opti­mist Serres die mani­festen Kehr­seiten dieser Entwick­lungen völlig über­sieht – wobei der Wie-es-früher-wirklich-war-Experte am Ende doch noch ins Grübeln gerät:

Die Fort­schritte, deren Lob ich singen wollte, haben eine hohe Lebens­er­war­tung gezei­tigt, und diese hat uns wiederum eine große Zahl an Greisen beschert, die im Besitz nicht vererbter Vermögen sind. Viele von ihnen kommen an die Macht, um sie für ihre Fort­schritts­ver­wei­ge­rung zu nutzen. Durch diese zirku­läre Kausa­lität bremst der Fort­schritt sich selbst.

Serres weiß, dass Voltaire seinen Candide – den Opti­misten – als Trottel in die Welt schickte und dass seither der Opti­mismus gerade in der fran­zö­si­schen Denk­tra­di­tion nicht gerade hoch­an­ge­sehen ist. Statt die Skepsis, wie die Mecker­greise, auf die Gegen­wart zu richten und vor lauter selbst­pro­du­zierter Blen­dung vonseiten der Vergan­gen­heit das Bessere der Gegen­wart zu über­sehen, geht es Serres jedoch gerade umge­kehrt darum, die Möglich­keit des Besseren in der Gegen­wart für die Zukunft zu retten und statt­dessen die Skepsis gegen­über der Vergan­gen­heit, ja gegen­über den glori­fi­zierten Schein­ver­gan­gen­heiten wach­zu­halten.

Diese Blick­um­kehr geschieht im Buch brachial, die Sprache ist unzim­per­lich, die Argu­men­ta­tion sprung­haft. Gerade dies macht das Buch aller­dings zum Vergnügen. Ein Nach­mittag genügt, um es zu lesen. Danach begegnet man den Mecker­greisen mit der nötigen Portion Ironie: C’était mieux avant!


Michel Serres, Was genau war früher besser? Ein opti­mis­ti­scher Wutan­fall, aus dem Fran­zö­si­schen von Stefan Lorenzer, Frank­furt am Main: Suhr­kamp 2019.



Aus: "Was genau war früher besser? Eine Nach­mit­tags­lek­tion von Michel Serres" Sandro Zanetti (2019)
Quelle: https://geschichtedergegenwart.ch/was-genau-war-frueher-besser-eine-nachmittagslektion-von-michel-serres/
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Asse II

Das stillgelegte Salzbergwerk Asse II bei Wolfenbüttel galt zunächst als „Versuchsendlager“. Zwischen 1967 und 1978 ließ die Bundesrepublik dort 125.000 Fässer mit schwach- und 1.300 Fässer mit mittelradioaktivem Atommüll einlagern.

Seit Jahren dringt salzhaltige Lauge ins Bergwerk, täglich sind es mehr als 12.000 Liter. Die Grube gilt als instabil und einsturzgefährdet. Die Nachbarschächte Asse I und Asse III waren schon früher voll Wasser gelaufen und aufgegeben worden. Die Abfälle sollen deshalb nach Möglichkeit wieder an die Oberfläche geholt werden.

Betreiber der Asse ist die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE). Sie ist auch für die Endlagerprojekte Schacht Konrad und Morsleben sowie das Bergwerk Gorleben zuständig. Zudem organisiert die BGE die Suche nach einem Endlager für den hochradioaktiven Atommüll.


GÖTTINGEN taz | Mehr als 126.000 Fässer mit Atommüll und teils hochgiftigen Chemieabfällen, zwischen den Jahren 1967 und 1978 eingelagert oder einfach abgekippt, gammeln seit Jahrzehnten im ehemaligen Salzbergwerk Asse II vor sich hin. Weil die Grube instabil ist und voll Wasser zu laufen droht, sollen die teils wohl schon von Salz und Rost zerfressenen Fässer nach Möglichkeit an die Oberfläche geholt werden. Die Räumung eines unterirdischen Atomendlagers wäre ein weltweit einmaliges Unterfangen.

Obwohl die Rückholung noch gar nicht begonnen hat, sind schon jetzt 1,5 Milliarden Euro in das Vorhaben geflossen. Und es könnte insgesamt viel teurer werden als bislang kalkuliert, warnt der Bundesrechnungshof in einem jetzt bekannt gewordenen Bericht.

Die Finanzprüfer sehen „das erhebliche Risiko, dass die Gesamtausgaben für das Projekt die letztmals im Jahr 2011 geschätzten zwei Milliarden Euro erheblich übersteigen“. So gehe die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) als Betreiberin des maroden Bergwerks von weiteren Ausgaben in Höhe von rund 3,35 Milliarden Euro von 2019 bis 2033 aus. Erst dann soll nach gegenwärtiger Planung die eigentliche Bergung der Abfälle beginnen.

Die bisher freigegebenen Gelder haben das Bundesumweltministerium – gewissermaßen Dienstherr der BGE – zu 92 Prozent für die Offenhaltung des Bergwerks sowie für Notfallmaßnahmen verwendet, schrei­ben die Rechnungsprüfer weiter. Die Planungskosten für die Rückholung stagnierten dagegen seit 2013 bei acht Prozent auf niedrigem Niveau – 2013 war die Räumung der Asse beschlossen worden.

Im Bericht monieren die Prüfer auch eine mangelhafte Kostenkontrolle durch das früher für die Asse verantwortliche Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), das vor der BGE für das Atommülllager zuständig war. Die Prüfer verlangen, dass das Bundesumweltministerium die Fachaufsicht über die Kosten der Rückholung übernimmt. Außerdem soll die BGE dem Bundestag jährlich einen Bericht vorlegen.

Ein Sprecher des Bundesumweltministeriums erklärte auf Anfrage, die Kosten für die Asse seien „eine unausweichliche Konsequenz der falschen und ohne Folgenabschätzung getroffenen Entscheidung zur Nutzung der Atomenergie in Deutschland“. Ministerium und BfS hätten stets deutlich gemacht, dass eine belastbare Abschätzung der Gesamtkosten wegen der Einmaligkeit des Bergungsprojekts nicht möglich sei. „Sicherheit muss stets absoluten Vorrang haben“, betonte der Sprecher. Gleichzeitig müsse das Vorhaben kosteneffizient durchgeführt werden, finanzielle Erwägungen dürften aber keine notwendigen Maßnahmen zur sicheren Rückholung der Abfälle verhindern.

Den Vorwurf eines unzureichenden Finanz-Controllings wies der Sprecher zurück. Das BfS habe 2009 nach dem Übergang der Verantwortung für die Asse in den Geschäftsbereich des Umweltministeriums eine Termin- und Kostenkon­trolle für das Projekt eingerichtet: „Entgegen der Sichtweise des Bundesrechnungshofs wurden damit Projekt und Finanzcon­trolling wahrgenommen.“ Auch die inzwischen zuständige BGE habe umfassende Regelungen zum Projektcontrolling getroffen.

Der Asse II-Koordinationskreis unabhängiger Bürgerinitiativen hält die Kritik des Rechnungshofes am Umweltministerium und dem BfS hingegen für „voll berechtigt“. Weniger als ein Zehntel der Asse-Kosten für Rückholungsplanungen aufzuwenden, erscheine „als Armutszeugnis“ dafür, wie das in den untersuchten Jahren 2010 – 2016 zuständige BfS mit dem Auftrag zur Rückholung des Atommülls umgegangen sei.

Schon seit Jahren kritisiere der Koordinationskreis, dass nicht an Maßnahmen gearbeitet werde, die für eine Rückholung erforderlich seien, sagt Sprecher Andreas Riekeberg: Der Bau eines weiteren Schachtes, die Entwicklung von ferngesteuerter Bergetechnik und die Erstellung eines detaillierten Masterplans. Auch die Arbeiten zur Notfall- und Gefahrenabwehr seien wichtig, „aber die Vorbereitungsarbeiten für die Rückholung müssen parallel laufen“.

Jochen Stay von der Anti-Atom-Organisation „ausgestrahlt“ wies darauf hin, dass die in Rede stehenden rund fünf Milliarden Euro lediglich die Kosten betreffen, die bis zum Jahr 2033 anfallen. Die eigentliche Bergung und Neuverpackung der Fässer werde mit Sicherheit etliche weitere Milliarden verschlingen: „Die Gesamtaufwendungen zur Aufarbeitung des Asse-Desasters könnten also gut und gerne doppelt so hoch ausfallen“, sagt Stay. Das Geld komme im Übrigen nicht aus dem Atom-Fonds, in den die Stromkonzerne einmalig 24 Milliarden Euro eingezahlt haben. Bezahlt werde das alles aus dem Bundeshaushalt, also von der Allgemeinheit.

Die Linke bekräftigte unterdessen ihre Forderung nach einem Asse-Sonderbeauftragten des Landes Niedersachsen: Seit neun Jahren bestehe der politische Auftrag, den Atommüll aus der Asse zu holen, sagt Landes­chef Lars Leopold. Seitdem sei nicht viel passiert und es sehe fast so aus, als werde auf Zeit gespielt: „Da rosten über 126.000 Fässer mit radioaktivem Müll vor sich hin und die Landesregierung schaut seelenruhig zu, wie weiter täglich Wasser in das marode Bergwerk läuft.“

Um das Tempo bei der Rückholung des Atommülls zu erhöhen und eine Flutung oder einen Einsturz des instabilen Bergwerks zu verhindern, sagt Leopold, müsse Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) die Asse endlich zur Chefsache erklären und einen Sonderbeauftragten einsetzen.


Aus: "Räumung der Asse: Finanzielles Fiasko" Reimar Paul (21. 8. 2019)
Quelle: https://taz.de/Raeumung-der-Asse/!5618636/

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