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#1
... Wie extrem unterschiedlich die Lebenserwartung zwischen Reichen und Armen sein kann, zeigt sich eklatant in der schottischen Stadt Glasgow. Die Lebenserwartung der Männer im ärmsten Stadtteil Calton beträgt 54 Jahre. In Lenzie, etwa elf Kilometer entfernt, liegt sie bei 82 Jahren. ...

Quote[...] Die 26 reichsten Menschen der Welt verfügten über so viel Vermögen, wie die ärmsten vier Milliarden Menschen. Das war im Jahr 2019. Vor der Corona-Krise. Das Virus erwies sich nicht, wie oft angenommen, als großer Gleichmacher, sondern als Segen für die Superreichen und als Brandbeschleuniger für die grassierende Ungleichheit. Weltweit hat das reichste Prozent fast zwei Drittel des gesamten seit 2020 neu geschaffenen Reichtums im Wert von 42 Billionen Dollar für sich verbuchen können – fast doppelt so viel Geld wie die restlichen 99 Prozent der Weltbevölkerung.

https://www.theguardian.com/business/2019/jan/21/world-26-richest-people-own-as-much-as-poorest-50-per-cent-oxfam-report

https://www.oxfam.org/en/press-releases/richest-1-bag-nearly-twice-much-wealth-rest-world-put-together-over-past-two-years

In Deutschland sieht es nicht anders aus: Das Gesamtvermögen der fünf reichsten Milliardäre ist seit 2020 um rund drei Viertel gestiegen. Generell dürfte das Vermögen der Ultrareichen hierzulande sogar noch massiv unterschätzt sein. Gleichzeitig leben in Deutschland über 14 Millionen Menschen in Armut. Kann es da verwundern, dass knapp zwei Drittel der Deutschen überzeugt sind, dass eine soziale Ungerechtigkeit vorherrscht?

https://www.boeckler.de/de/pressemitteilungen-2675-deutsche-milliardenvermogen-superreiche-54381.htm

https://www.oxfam.de/unsere-arbeit/themen/soziale-ungleichheit

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/214482/umfrage/meinung-zur-gerechtigkeit-in-der-deutschen-gesellschaft/

Den meisten Ökonomen erscheint das Thema Ungleichheit nebensächlich angesichts ihrer Überzeugung, der Kapitalismus komme allen Menschen zugute. So formulierte Robert Solow 1956 poetisch: ,,Wachstum ist eine Flut, die alle Boote anhebt." Thomas Piketty beweist jedoch in ,,Das Kapital im 21. Jahrhundert", basierend auf 15-jähriger Recherche, dass sich ein sogenannter Trickle-down-Effekt nicht nachweisen lässt. Mehr noch: Es gibt im Kapitalismus keinen natürlichen Prozess, der die destabilisierenden und ungleichen Tendenzen abmildert. Nach Piketty ist eine zunehmende Ungleichheit vielmehr in die DNA des Kapitalismus eingeschrieben.

Ungleichheit ist auch aus wirtschaftspolitischer Sicht eine Katastrophe: Eine IWF-Studie belegt, dass ungleiches Einkommen zu einem geringeren Wachstum führt. Und ein Bericht der OECD kommt zu dem Schluss: Eine gerechtere Sozialpolitik in Deutschland, die die Ungleichheit reduziert, hätte ein bis zu 6 Prozent höheres Wachstum ermöglicht.

Die Epidemiologen Kate Pickett und Richard Wilkinson haben in ihrem Buch ,,Gleichheit ist Glück" und ,,The Inner Level" ihre Recherchen über die Auswirkungen von Ungleichheit veröffentlicht. Die Autoren analysierten die Daten von 23 der 50 reichsten Länder und kommen zu erstaunlichen Ergebnissen: Scheinbar völlig voneinander unabhängige gesellschaftliche Problemen hängen vom Grad der Ungleichheit der Gesellschaft ab: die Gleichberechtigung von Frauen, die Mathematik- und Lesefähigkeiten der Schulkinder, Mobbing, die Scheidungsrate sowie die Anzahl von Teenager-Schwangerschaften. Je ungleicher die Gesellschaft, desto gravierender das Problem.

Je ungleicher eine Gesellschaft, desto häufiger sind auch Akte von Aggression, von Kindesmisshandlungen, Mord und Amokläufen. Ebenso die Anzahl der Gefängnisinsassen. Des Weiteren ist das Suchtverhalten ausgeprägter, je ungleicher eine Gesellschaft ist: Drogenkonsum, Alkoholmissbrauch, Spiel- und Kaufsucht. Die Ungleichheit der Gesellschaft wirkt sich ebenfalls negativ auf die Solidarität, das Gemeinschaftsleben, die gesellschaftliche Teilnahme und das soziale Kapital aus.

Auch Vertrauen der Menschen untereinander, Verträglichkeit und Hilfsbereitschaft hängt vom Grad der Ungleichheit ab. Last, but not least: Die soziale Mobilität, die galante Entschuldigung für die herrschende Ungleichheit (denn jede und jeder kann es ja nach oben schaffen), ist bemerkenswerterweise schwächer, je ungleicher eine Gesellschaft ist.

Eine verantwortungsvolle Politik, die eines der genannten Problemfelder ernsthaft angehen will, kommt daher um die grundlegende Frage nach Ungleichheit und einer möglichen Umverteilung nicht herum. In extrem ungleichen Ländern sind einige dieser Probleme übrigens fünf- bis sechsmal so häufig wie in egalitären Ländern. Dennoch hat das Thema ,,Soziale Ungleichheit" in den politischen Debatten nur Gastauftritte.

Ein Fokus auf eine egalitäre Verteilung ist auch in anderer Hinsicht existenziell. Die mentale Gesundheit in einer Gesellschaft hängt – einmal mehr – direkt vom Ausmaß der Ungleichheit ab. Die Verbreitung von Narzissmus, Selbstüberhöhung, sozialer Beklemmung, Depression und Schizophrenie ist ausgeprägter je ungleicher eine Gesellschaft ist.

Die körperliche Gesundheit steht auch im Zusammenhang mit dem Ausmaß an Ungleichheit: Starkes Übergewicht und mangelnde Bewegung treten häufiger in ungleichen Ländern auf. Ebenso verhält es sich mit Kindersterblichkeit. Die Lebenserwartung hängt erstaunlicherweise nicht von der Höhe des Gesundheitsbudgets ab, sondern vom – Bitte raten Sie mal! – Ausmaß der Ungleichheit!

Ein erschreckendes Beispiel: Nach der Wiedervereinigung schnellte die Ungleichheit in den neuen Bundesländern hoch und die Lebenserwartung dort sank um ein ganzes Jahr.

Wie extrem unterschiedlich die Lebenserwartung zwischen Reichen und Armen sein kann, zeigt sich eklatant in der schottischen Stadt Glasgow. Die Lebenserwartung der Männer im ärmsten Stadtteil Calton beträgt 54 Jahre. In Lenzie, etwa elf Kilometer entfernt, liegt sie bei 82 Jahren. Ein Unterschied von 28 Jahren in ein und derselben Stadt! Ein weiteres Beispiel: In den stark ungleichen USA ist das Risiko vor dem 60. Geburtstag zu sterben doppelt so hoch wie in Schweden.

Betrachtet man das Phänomen der Erwartung gesunder Lebensjahre, so ist die Ungerechtigkeit noch extremer: In Großbritannien haben Menschen am unteren Ende der sozialen Leiter eine Erwartung von etwa 55 gesunden Lebensjahren. Oben hingegen sind es 72 Jahre. Ganze 17 Jahre mehr!

Es überrascht leider nicht, dass solche Daten so gut wie nie bei der Diskussion über das Renteneintrittsalter berücksichtigt werden. Denn ärmere Menschen, die nur geringe Auszahlungen erwarten können, erreichen mit höherer Wahrscheinlichkeit als Invaliden das Rentenalter.

Falls sie dennoch gesund sein sollten, werden sie sich vermutlich kaum längere Zeit über ihre bescheidende Rente freuen dürfen. Reiche hingegen, die Anspruch auf eine üppige Rente haben, erhalten diese häufig ein bis zwei Jahrzehnte länger. Was ist also gerecht, wenn ein Staat sparen will: Das Renteneintrittsalter zu erhöhen oder darüber nachzudenken, bei den Auszahlungen an die reichsten Menschen zu kürzen?

Wie kaum ein anderer hat der Epidemiologe Michael Marmot den Zusammenhang von Lebensumständen und Gesundheit untersucht. Lange Zeit hatte man angenommen, dass ganz oben in der sozialen Hierarchie die Verantwortung, der Druck, der Stress und die Wahrscheinlichkeit von Herzerkrankungen am höchsten sei.

Marmot konnte jedoch beweisen, dass dies schlicht falsch ist. Er entdeckte ein erschreckendes soziales Gefälle: Je tiefer ein Mensch auf der sozialen Leiter steht, desto höher ist der Stress und desto höher die Wahrscheinlichkeit von Herzerkrankungen und desto schlechter insgesamt die Gesundheit.

Ein Hauptgrund: Die fehlende Kontrolle der Menschen über ihr eigenes Leben sowie der Stress bei der Bewältigung der ständigen Sorgen. Dieses soziale Gefälle entdeckte er auch in zahlreichen anderen Ländern. Sein Resümee: ,,Vermeidbare gesundheitliche Ungleichheit ist die größte Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft."

Eine mögliche Lösung: Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Umverteilung innerhalb eines Landes und der Lebenserwartung, wie eine Meta-Studie belegt. Mehr Gleichheit rettet Lebensjahre [https://www.telepolis.de/features/Grosszuegige-Umverteilung-erhoeht-Lebenserwartung-4906324.html].

Oft herrscht der Glaube, Ungleichheit habe immer existiert, sodass wir uns gar keine egalitäre Gesellschaft vorstellen können oder reflexartig eine kommunistische Diktatur heraufziehen sehen. Dabei haben Menschen 99 Prozent ihrer Geschichte in egalitären Jäger- und Sammlergesellschaften gelebt. Das Entweder-oder-Denken versperrt zudem den Blick auf die Vielzahl an Möglichkeiten, denn Menschen waren viel erfindungsreicher in ihren sozialen Experimenten der letzten Jahrtausende, wie die Anthropologen David Graeber und David Wengrow in ihrem lesenswerten Buch ,,Anfänge" aufzeigen.

Der Grad an sozialer Ungleichheit ist kein Naturgesetz, sondern eine politische Entscheidung. Dies lässt sich an der Entwicklung beispielsweise von Schweden, Finnland und Costa Rica ablesen, die ganz bewusst die Ungleichheit reduziert haben. Das Gleiche gilt sogar für die USA. Wie der Soziologe Robert Putnam in ,,Upswing" demonstriert, hat sich das Land von einer hochgradig ungleichen Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts zu einer recht egalitären in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg und dann zurück zu einer stark ungleichen Gesellschaft entwickelt.

Der Grad der Ungleichheit ist eine politische Entscheidung. Die Folgen können lebensbedrohlich sein. Das Wissen über die gravierenden und zahlreichen Konsequenzen von Ungleichheit ist vorhanden. Marmot hat hierzu einen Rat: ,,Was wäre, wenn jedes Mal, wenn ein Politiker sagte, er wolle die Leistungen für die Armen kürzen, ein kleiner Vogel ihm ins Ohr flüsterte: Weniger Sozialausgaben bedeuten, dass sich die Gesundheit der Menschen verschlechtert, wenn nicht sogar, dass sie sterben."

Mit dem Wissen über die Forschung zu den Konsequenzen von Ungleichheit stellt sich zwingend eine Frage: Wie kann man angesichts dieser Daten eine Austeritätspolitik und den Primat der Schuldenbremse rechtfertigen? Warum ist der Primat der Gesundheit, der immer wieder in den Corona-Jahren beschworen wurde, keine Rede mehr wert, wenn es um die massiven Gesundheitsfolgen der sozialen Ungleichheit geht?

Auf der Rückseite des Abschlussberichts einer von Michael Marmot geleiteten Kommission der Weltgesundheitsorganisation ist zu lesen: ,,Die Verringerung gesundheitlicher Ungleichheiten ist ein ethischer Imperativ. Soziale Ungerechtigkeit tötet Menschen in großem Stil."

Andreas von Westphalen, Journalist, Theater- und Hörspielregisseur, ist Autor von ,,Die Wiederentdeckung des Menschen" und – gemeinsam mit Georg von Westphalen – von ,,Hilfe, ich bin ein Mensch!".


Aus: "Warum soziale Ungleichheit die größte Ungerechtigkeit in der Gesellschaft ist" Andreas von Westphalen (29.02.2024)
Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/open-source/warum-soziale-ungleichheit-die-groesste-ungerechtigkeit-der-gesellschaft-ist-li.2189357
#2
Quote[...] LiveRamp ist Verknüpfungsdienstleister für personalisierte Werbung. Dafür habe das Unternehmen eine Art Bevölkerungsregister angelegt, in dem Einzelpersonen und Haushalten eine Identifikationsnummer zugeordnet wird, sagt eine Studie.

...Das unabhängige Daten-Institut Cracked Labs hat sich im Auftrag der Open Rights Group das Daten-Verknüpfungsunternehmen LiveRamp (ehemals Acxiom) technisch angeschaut und ausgewertet, welche Daten das Unternehmen über Menschen sammelt und wie diese zur Verknüpfung unterschiedlicher Datensätze genutzt werden.

Die englischsprachige Studie wurde am Mittwoch unter dem Titel ,,Allgegenwärtige Identitätsüberwachung zu Marketingzwecken" (PDF) veröffentlicht [https://crackedlabs.org/dl/CrackedLabs_IdentitySurveillance_LiveRamp.pdf].

Sie stützt sich vor allem auf offen zugängliche Software-Dokumentation und Datenschutzbedingungen der beteiligten Unternehmen.

Demnach sammelt das Unternehmen Daten von mehreren hundert Millionen Konsument:innen und ,,betreibt ein massives Identitätsüberwachungssystem, das jeder Person eine geschützte Kennung zuweist, die mit identifizierenden Attributen wie Namen, Postadressen, E-Mail-Adressen, Telefonnummern und digitalen IDs von Browsern, Smartphones und anderen Geräten verknüpft ist."

Laut der Studie, die Wolfie Christl und Alan Toner erstellt haben, unterhält LiveRamp ,,bevölkerungsweite Identitätsdatenbanken". Neben Einzelpersonen verknüpften diese Datenbanken auch Identitätsdatensätze zu Personenhaushalten. Es wird also erfasst, wer mit wem zusammen lebt. Um die Identitätsdatenbanken zu erstellen und ständig zu aktualisieren, beschafft und kauft LiveRamp Identitätsdaten von ,,Offline"-Datenanbietern, ,,Match-Partnern" und anderen Drittunternehmen, heißt es in der Studie.

Die Datenpraktiken des Unternehmens mit seinen mehr als 3.000 Mitarbeitern weltweit legten laut der Studie nahe, dass die RampIDs und andere Identifikatoren eine wichtige Rolle im heutigen Ökosystem der Marketingüberwachung spielen. Sie erleichterten den Austausch von personenbezogenen Daten über Konsument:innen zwischen Tausenden von Verlagen, Werbetreibenden, Adtech-Firmen, Datenmaklern und großen Plattformen. LiveRamp liefert mit den Identifikatoren eine Art Personenkennziffer anhand derer Werbedaten zu Profilen verknüpft werden können.

Mittels der Identifikatoren könnten Unternehmen personenbezogene Daten über ihre Kunden und andere Verbraucher mit anderen personenbezogenen Daten in der digitalen Welt verknüpfen und kombinieren – weit über die Kanäle, Websites, Apps oder Plattformen hinaus, die diese Unternehmen selbst betreiben, heißt es in der Studie. Dies bestätigte laut der Studie sowohl LiveRamp selbst wie auch Google, das die RampID als ,,Verbindungsschlüssel" zwischen den Werbedaten des Kunden und denen von Google beschreibt.

LiveRamp führt laut der Studie diese Verarbeitung personenbezogener Daten in mehreren Ländern aus, darunter im Vereinigten Königreich und in Frankreich. Die Studie zweifelt an, dass das Unternehmen eine Rechtsgrundlage für seine Datenverarbeitung habe. Das Unternehmen LiveRamp hat auf eine Presseanfrage von netzpolitik.org bislang nicht reagiert.

...


Aus: "Datenfirma unterhält ,,privates Bevölkerungsregister"" Markus Reuter (01.03.2024)
Quelle: https://netzpolitik.org/2024/liveramp-datenfirma-unterhaelt-privates-bevoelkerungsregister/
#3
[ ---> Geist & Seele | Erweiterte Gehirnerkundschaftungen]
https://www.subf.net/linklist/index.php/board,28.0.html
#4
Quote[...] In der Debatte um die Arbeitsaufnahme durch Geflüchtete will nun ein erster Landrat offenbar Nägel mit Köpfen machen und bestehendes Recht umsetzen. Wie die "Bild"-Zeitung berichtet, will der CDU-Landrat des thüringischen Saale-Orla-Kreises, Christian Herrgott, Geflüchtete dazu verpflichten, gemeinnützige Arbeit anzunehmen. Als Beispiele werden die Straßenreinigung, das Schneiden von Hecken oder das Schippen von Schnee genannt.

Die Geflüchteten sollen demnach vier Stunden täglich arbeiten und dafür eine stündliche Aufwandsentschädigung von 80 Cent erhalten. Damit kämen sie im Monat auf rund 64 Euro. Das Geld soll auf die ab März ausgegebenen Bezahlkarten gebucht werden. Sollten sich Geflüchtete weigern, einer gemeinnützigen Arbeit nachzugehen, würden Sanktionen folgen. Die "Bild"-Zeitung schreibt von bis zu 180 Euro gekürzten Leistungen.

"Es geht um ein Signal, dass die Menschen, die mit Steuergeld bezahlt werden, etwas an die Gesellschaft zurückgeben müssen und nicht den ganzen Tag auf einer Parkbank sitzen", sagt Herrgott der "Bild". Mit der Arbeitspflicht wolle er die Akzeptanz von Asylbewerbern in der Bevölkerung erhöhen, deren Integration verbessern. Der Landrat ergänzt: "Für diese Arbeit muss man keine Sprachkenntnisse haben. Vielleicht lernt man durch Arbeit besser Deutsch als im Sprachkurs und kann sich auf reguläre Arbeit oder eine Berufsausbildung vorbereiten."

Laut Asylbewerberleistungsgesetz dürfen Geflüchtete in den ersten drei Monaten nach ihrer Ankunft in Deutschland keine reguläre Arbeit aufnehmen. Allerdings dürfen ihnen "Arbeitsgelegenheiten insbesondere zur Aufrechterhaltung und Betreibung der Einrichtung zur Verfügung gestellt werden". Aber auch darüber hinaus können Geflüchtete nach bestehender Rechtslage arbeiten. So heißt es im Asylbewerberleistungsgesetz weiter: "Im Übrigen sollen so weit wie möglich Arbeitsgelegenheiten bei staatlichen, bei kommunalen und bei gemeinnützigen Trägern zur Verfügung gestellt werden, wenn das Arbeitsergebnis der Allgemeinheit dient."

Quelle: ntv.de, als


Aus: "Landrat will Geflüchtete zu gemeinnützigen Jobs zwingen" (27.02.2024)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/Landrat-will-Gefluechtete-zu-gemeinnuetzigen-Jobs-zwingen-article24765663.html

#5
... Betroffen war in einem Fall sogar das renommierte Weingebiet Saint-Emilion. ...

Quote[...] "Wenn wir wenigstens unsere Familien sehen könnten!", seufzt Driss Et-Tazy. Der Marokkaner lebt seit vergangenem Mai von den Seinen getrennt. Wobei "leben" etwas viel gesagt ist. Et-Tazy und 16 Arbeitskollegen, alle aus dem Nordosten Marokkos in die Provence gekommen, um Feldarbeit zu leisten, fristen ihr Dasein ohne Privatsphäre und ohne Küche, ohne Wasser und Strom. Eine benachbarte Agrargenossenschaft hilft, so weit es geht, aus; die Hilfskette Restaurants du Coeur stellt ihnen Mahlzeiten zur Verfügung. Die 17 leben in einem Gebäude, das für eine kleine Familie gedacht ist. All dies mindestens noch bis Ende April – dann soll ein Gericht in Avignon einen Grundsatzentscheid in ihrer Angelegenheit fällen.

Ihre Angelegenheit, oder soll man sagen ihre Geschichte, ist leider verbreiteter, als man meinen würde. Im vergangenen Jahr wurden die 17 in ihren Heimatorten in der marokkanischen Provinz Taza von einem Franzosen angeworben. Um die Reise und die – in Frankreich immer sehr aufwendigen – Formalitäten zu erledigen, musste jeder mehrere Tausend Euro aufbringen. Sie verkauften dafür Autos oder mehrere Tiere, nahmen auch Kredite auf. Hochverschuldet begannen sie ab Mai 2023 für einen Grundbesitzer in der provenzalischen Gemeinde Malemort-du-Comtat zu arbeiten. "Wir sammelten bis im Oktober Spargel, Zuchini, Kirschen und dann Trauben", erinnert sich Driss Et-Tazy. Geld sahen sie in dieser Zeit nie. Der Arbeitgeber erklärte gegenüber dem lokalen Fernsehsender France-Bleu, er könne die Saläre nur per Banküberweisung auszahlen, doch das sei unmöglich, da maghrebinische Saisonarbeiter in Frankreich kein Konto eröffnen dürften.

Das sei ein "Vorwand" gewesen, um nicht zu zahlen, meint Hervé Proksch von der Gewerkschaft Force Ouvrière (FO). Gebeten, sich um den Fall zu kümmern, gelangte er an die Prud'hommes in Avignon. Dieses arbeitsrechtliche Schiedsgericht behandelt nun nacheinander jeden einzelnen der 17 juristisch teils unterschiedlichen Fälle. In den fünf ersten Dossiers hat es den Früchte- und Gemüseproduzenten verurteilt, den Arbeitern bis zu 8000 Euro zu bezahlen.

Erhalten haben sie bisher nur einen Bruchteil. Denn ihr Arbeitgeber hat sich inzwischen für zahlungsunfähig erklärt. Das hat die Auszahlung noch vorhandener Gelder zur Folge – aber in keinem Fall bis zum geschuldeten Betrag.

Aus diesem Grund bleiben alle Marokkaner in Frankreich. "Wenn wir zu unseren Familien zurückkehren, kommen wir kaum mehr zurück und verlieren das Geld", erklärt Driss Et-Tazy. Zu Hause müssten er und seine Kumpels zuerst einmal ihre Schulden begleichen. Also bleiben sie in einem Haus, das der Frau des Grundbesitzers gehört, wie der stämmige Marokkaner sagt. Mehr als Daumendrehen und Teetrinken sei nicht drin: Mit ihrem Status von Saisonarbeitern dürfen sie bis zum definitiven Gerichtsurteil nicht arbeiten. "Wir sind völlig blockiert", sagt Driss Et-Tazy, und auch durch das Telefon dringt der Verdruss hinter seiner Freundlichkeit durch.

Gefragt, ob das Schicksal dieser Arbeiter auf den reichen Feldern der Provence einen Einzelfall darstellt, verneint Proksch. Er fügt an, er habe in dreißig Jahren noch nie ein so geballtes Maß an Ausbeutung erlebt. Dass von den 30.000 mehrheitlich marokkanischen Feldarbeitern in Südfrankreich Einzelne nicht oder schlecht bezahlt würden, komme immer wieder vor, und zwar vor allem im Gemüseanbau und der Forstwirtschaft. Meist handelten spanische Interimsagenturen dem Gesetz zuwider. Dass ein französischer Landwirt eigenhändig und gleich 17 Arbeiter ins Land locke, ohne sie zu bezahlen, sei aber ein Novum. Es zeugt auch vom zunehmenden Mangel an Handarbeitern in der französischen Landwirtschaft – und der Verwilderung der Arbeitssitten.

Die Staatsanwaltschaft in Carpentras hat scharf reagiert: Sie hat den 74-jährigen Anbauer und seinen Buchhalter Mitte Jänner festgenommen und ein Verfahren wegen "traite humaine" – definiert als "Menschenhandel" mit dem Ziel der "Ausbeutung" – eröffnet; dazu kommt der Tatbestand "unwürdiger Beherbergung". Die Beschuldigten sind mittlerweile wieder frei, ihre Geschäfte werden aber seit ihrer Zahlungsfähigkeit von einem Justizverwalter geführt.

Ein anderer Gewerkschafter, Jean-Yves Constantin von der CFDT, erklärt im Gespräch, dass das erwartete Urteil von großer Bedeutung sei, da ihm Präzedenzwirkung zukomme. Denn er ist sich sicher: "Diese Art von Behandlung ist leider am Zunehmen." Für die betroffenen Marokkaner sei die Situation materiell, aber auch mental eine große Belastung, da die Saisoniers zu aller Knochenarbeit hinzu auch noch verschuldet seien. "Sie haben das Gefühl, die Hoffnung ihrer Familien, für die sie aufkommen, enttäuscht zu haben."

In Marokko selbst stößt das harte Los der 17 Feldarbeiter auf weite Beachtung. Onlineportale wie bladi.net berichten ausführlich. Vielleicht auch, weil Fälle schlechter Behandlung marokkanischer Saisonarbeiter in Frankreich bisher seltener waren als auf spanischen Feldern. Dafür sorgte bisher auch das französische System der Arbeitsinspektion und -justiz, das dem Gesetz zur Durchsetzung verhilft.

Die Zahl marokkanischer Saisoniers in Frankreich ist in den letzten sechs Jahren von 18.000 auf 30.000 gestiegen. Im vergangenen Herbst wurden bis ins Bordeaux-Weingebiet Fälle von Menschenhandel und Ausbeutung bekannt. Betroffen war in einem Fall sogar das renommierte Weingebiet Saint-Emilion. Eine ähnliche Gerichtsklage wurde in den Rebbergen des Champagne-Gebiets eingereicht.


Aus: "Ohne Wasser und Strom – das harte Leben der Feldarbeiter" Stefan Brändle aus Paris (26.2.2024)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/3000000209073/ohne-wasser-und-strom-das-harte-leben-der-feldarbeiter

QuoteAlexander IX

"Ihre Angelegenheit, oder soll man sagen ihre Geschichte, ist leider verbreiteter, als man meinen würde."

Die Medien des Wertewestens berichten einfach nur ungern über die neue Sklaverei. Bestenfalls über die aller-allerschlimmsten Fälle. Spanien, Italien, Frankreich - in der europäischen Landwirtschaft inzwischen ein gern angewandtes Geschäftsmodell, und schon sehr lange. Die Heuchelei ist mir sowas von zuwider!


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#6
Quote[...] Der Blick auf Ratgeberliteratur und Esoterik macht deutlich, wie gesellschaftliche Fehlentwicklungen als individuelle Probleme dargestellt werden, die durch eine "positive Einstellung zu sich selbst" oder den Kauf der "richtigen" Produkte gelöst werden können. Dabei entstehen oft ganze Wirtschaftszweige, in denen viel Geld steckt. Eine wirkliche und ehrliche Auseinandersetzung mit den Problemen der Menschen sucht man hier jedoch vergeblich. ...

Schreiner geht auf diesen zentralen Bestandteil des heutigen Lebens ein. Konsum dient dabei oft nicht der Befriedigung von Grundbedürfnissen. Vielmehr wird ein bestimmter ,,Lifestyle" angestrebt und inszeniert. Die Abgrenzung von den unteren Klassen durch Konsum war schon vor dem Neoliberalismus üblich, nun geht es auch um scheinbaren Individualismus, indem man sich innerhalb der eigenen Gruppe versucht, von den anderen abzuheben.

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Zu: Patrick Schreiner: Unterwerfung als Freiheit. Leben im Neoliberalismus. PapyRossa Verlag, Köln 2020. 133 Seiten. ISBN: 978-3-89438-573-6.



Aus: "Unterwerfung als Freiheit – Dein Weg zur Knechtschaft" Untergrund-Blättle (17.01.24)
Quelle: https://www.pressenza.com/de/2024/01/unterwerfung-als-freiheit-dein-weg-zur-knechtschaft/

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Quote[...] Die Dresscodes im Job sind lockerer geworden – dennoch (oder auch genau deswegen) sind viele Führungskräfte ratlos, wenn es um das passende Aussehen geht. Topmanager holen sich daher immer häufiger Hilfe von Expertinnen und Experten. ,,Gerade bei Männern sehen wir seit einigen Jahren viel mehr Interesse an solchen Beratungen", sagt Eva Köck, Präsidentin des Verbands der Imageberater Österreich.

Ihre Kunden setzen sich etwa zur Hälfe aus Männern und Frauen zusammen, viele davon sind Managerinnen oder Politiker. Der Imageberaterin zufolge werden Frauen jedoch viel stärker nach ihrem Aussehen bewertet. Sie erzählt: Frauen würden sich untereinander über ihre Beraterinnen und Berater austauschen und Kontakte weitergeben. ,,Männer sprechen höchstens hinter vorgehaltener Hand darüber. Sie geben vor, alles alleine auszusuchen."

Dabei suchen Expertinnen wie Eva Köck auch bei ihnen häufig die Kleidung aus. Neben Beratungen rund ums Image geht sie auch für ihre Kundinnen und Kunden einkaufen. ,,Es kommt auch vor, dass ich schnell losziehe und etwas für einen spontan anstehenden Interviewtermin kaufe". Genauso komme es vor, dass sie beispielsweise nach Paris fliege, um für jemanden eine bestimmte Kollektion zu erwerben ,,Personal Shopper sind in den letzten Jahren extrem gefragt", sagt Köck. Ein wenig überraschender Grund dafür sind Köck zufolge die sozialen Medien. Bekannte Personen müssten mehr Nähe zulassen, würden häufiger fotografiert.

Auch Andreas Rose arbeitet als sogenannter Personal Shopper. Wer ihn bucht, muss mit einem Tagessatz von etwa 1000 Euro rechnen. Er wohnt im Raum Frankfurt und hat vor allem Banker und Anwälte als Kunden. ,,Oft mache ich Auftragsshopping für Kunden mit wenig Zeit", sagt er. Dann ziehe er los, kaufe ein und präsentiere Kunden die Auswahl zuhause oder gar im Büro. Um ohne viel Aufwand gut gekleidet zu sein, rät er seinen Klienten folgendes: Eine Grundausstattung an Kleidungsstücken im Sinne einer sogenannten ,,Capsule Wardrobe" arrangieren, die untereinander gut kombinierbar sind. Wer auf klassische, zeitlose und dezente Schnitte setze, könne schnell gute Outfits zusammenstellen. Und: ,,Lieber ein paar zusätzliche Euro für den Änderungsschneider investieren, denn eine gute Passform ist alles."

Derzeit gibt es vor allem einen Trend, den wohlhabende Menschen verfolgen: Quiet Luxury, also reich aussehen, ohne mit Marken oder Logos zu protzen. Auch Rose begegnet der Wunsch nach Luxus, der erst auf den zweiten Blick erkennbar ist. ,,Marken wie Loro Piana oder Brunello Cucinelli lassen sich nicht auf den ersten Blick als Luxus-Labels identifizieren und profitieren von dem Wunsch nach modischer Zurückhaltung", sagt er. Teure Anzüge und Handtaschen von Luxusmarken seien heute kein verlässlicher Indikator mehr, um auf Reichtum zu schließen – das gelinge eher durch hochwertige Materialien in neutralen Farben sowie durch monochrome Looks. Für diesen Trend sieht er die Serie ,,Succession" als stilprägend.

Bei Sabina Wachtel hingegen melden sich hauptsächlich Konzerne, wenn sie beispielsweise neues Spitzenpersonal in ihren Reihen haben. Sie ist Inhaberin von ExpertExecutive, eine Beratung rund ums Image. Eine Fotoanalyse gibt es bei ihr ab 3500 Euro, sie ist der erste Schritt hin zum besseren Aussehen. Um die, häufig im Umfang von 40 bis 50 Seiten, zu erstellen, bekommt Wachtel Daten, Bilder und Videos des Managers oder der Managerin zugeschickt.

Meist gehe es darum, das Auftreten der Führungskraft zu optimieren – ob für Fotos und Videos, interne Auftritte oder die Termine außerhalb des Unternehmens. Der Chef einer Bank müsse schließlich anders auftreten als der einer Modekette. Letzterer wiederum anders als ein Vorstandsvorsitzender eines Softwarekonzerns. ,,Wenn ein Unternehmen für Kreativität, jungen Lifestyle und neue Ideen steht, ist es schwierig, wenn der Chef aussieht wie ein Geografielehrer", sagt Wachtel.

Wichtig sei vor allem: Die Veränderung soll gar nicht auffallen, nur langsam vonstattengehen. Zumindest nicht unmittelbar. ,,Natürlich könnte ich jemanden direkt bei einem Termin total umstylen. Aber genau darum geht es nicht." Sie habe ihren Job falsch gemacht, wenn der Presse auffallen würde, dass einer ihrer Kunden einen persönlichen Stylisten angeheuert habe.

Meist, berichtet sie, gehe es um Details – doch genau die seien wichtig. Auch Führungskräfte, die anlassbezogen Pullover und Jeans trügen, müssten stimmig aussehen. Und es gebe Regeln, die ihre Kunden – neben Konzernchefs auch Politiker oder andere ,,exponierte Personen" – häufig nicht kennen würden. Zum Beispiel, dass zu formellen Terminen ein Mantel mitgebracht werden müsse. ,,Die sagen dann: ,Mir ist aber nicht kalt'. Das ist aber egal, dann tragen die den eben unter dem Arm. Das gilt auch für eine Tasche."

Lässt sich jede ,,exponierte Person" in Outfitfragen beraten? Nein, sagt Wachtel, nicht alle. Ein halbwegs geschultes Auge erkenne das dann aber schnell. Denn, sagt sie: Glaubwürdig und verbindlich wirken, dass schaffe man nicht automatisch, nur weil man Dresscodes wie High Performance oder Smart Casual folge. Sie schule ihre Kunden darin, wie sie mit Details wie Schuhen, Manschettenknöpfen, Einstecktüchern, Haifischkragen und Co. Botschaften übermitteln könnten. Wie sie professionelle und semiprofessionelle Anlässe meistern könnten. Manager und Politikerinnen müssten sich natürlich vor allem auch selbst wohlfühlen, betont Wachtel. Bei manchen müsse man eher ,,dazugeben", bei anderen eher ,,wegnehmen". Ein Beispiel für Letzteres: die Luxusuhr. ,,Ich erkläre dann, warum das in bestimmten Fällen unpassend ist und welche Alternativen es gibt. Das verstehen die meisten dann auch direkt."

Wachtel sagt: Die meisten wollten sich auch optisch weiterentwickeln, hätten Lust auf die Zusammenarbeit mit einer persönlichen Beraterin. ,,Sie merken: Das äußere Erscheinungsbild hilft bei der Karriere." Die Nachfrage entwickle sich auch bei ihr seit Jahren nach oben, Privatpersonen nehme sie gar nicht an. Die stärkste Entwicklung sei aber diese: ,,Ganz krass" sei, sagt sie, dass in den vergangenen fünf Jahren deutlich mehr Frauen ihre Dienste in Anspruch nehmen würden. Immerhin 30 Prozent seien mittlerweile Frauen.

Bestimmte Marken spielen für sie keine Rolle. Boutiquen und Ausstatter bucht sie für Kunden oft in den späten Abendstunden, sie suche bereits Kleidung aus und bereite alles vor, damit es dann schnell gehe. Ein Vorstand habe schließlich keine Zeit, stundenlang von Laden zu Laden zu ziehen: Ein Geschäft für diejenigen, die sich auf Dienstleistungen rund ums Aussehen spezialisiert haben.


Aus: "Die Mantel-Regel und andere Stil-Tipps für Erfolgreiche" Svenja Gelowicz (26. Februar 2024)
Quelle: https://www.wiwo.de/erfolg/management/modeberatung-die-mantel-regel-und-andere-stil-tipps-fuer-erfolgreiche/29666370.html

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#7
Quote[...] Während früher viele Eltern Strenge und Disziplin betont haben, war anderen Wärme und Empathie wichtiger. Erzählen Sie uns, wie Ihre Eltern Sie beeinflusst haben.

... Inwiefern sind Ihre Eltern respektvoll und aufmerksam mit Ihnen umgegangen? Waren Ihre Eltern emotional ansprechbar und haben sie getröstet? Wie hat sich deren Erziehungsstil auf Ihre Freundschaften und Liebesbeziehungen ausgewirkt? Wie beeinflusste Ihre Kindheit Ihr heutiges Verhältnis zu Ihrer Herkunftsfamilie? Was haben Sie im Umgang mit Ihren Kindern genauso gemacht wie Ihre Eltern – und was ganz anders?


Aus: "Kindheit - Aufruf: Wie hat Sie die Erziehung Ihrer Eltern geprägt?" (26. Februar 2024)
Quelle: https://www.zeit.de/zeit-magazin/familie/2023-11/kindheit-erziehung-eltern-praegung-aufruf

Quoteweltbild

Bei meinen Eltern erinnere ich mich vor allem daran, dass sie aufgrund der DDRtypischen Berufstätigkeit kaum Zeit für mich hatten, so dass ich (Einzelkind) viel allein war und klarkommen musste. Meine Eltern reden das jetzt als Entwicklung zur Selbständigkeit schön, aber ich verbinde das emotional eigentlich eher damit, dass ich mich oft allein und hilflos gefühlt habe und mir einfach familiäre Nähe und Wärme gefehlt hat. 1 Kind hat man halt gehabt, aber dafür gab es ja Krippe, Kindergarten und Schulhort. Und sogar noch Schule am Samstag. Das führt auch dazu, dass ich meine Eltern eigentlich auch kaum kenne, und sie mich eigentlich auch nicht so richtig. Eine echte Verbundenheit fehlt eigentlich. Auch erwarteten meine Eltern von mir immer hohe Leistungen in der Schule (etwas, was sie nicht mal selbst geschafft haben), wenn ich da nicht funktioniert habe (was sollen denn die Leute denken), wurde das Verhältnis noch distanzierter. Das hat allerdings nicht etwa zu einer hohen Leistungsbereitschaft geführt sondern zu einem enorm gestörten Selbstbild, nach dem ich erst dann etwas wert war, wenn ich Leistung brachte. Der Therapeut hat lange gebraucht, dies und die damit verbundene Essstörung aufzuarbeiten. Das mich meine Eltern auf ihre Art geliebt haben und lieben, geschenkt, eine liebevolle ElternKindBeziehung gab und gibt es nicht.


QuoteGyges

Meine älteste Erinnerung ist eine Ohrfeige im Alter von 3 1/2 Jahren, im Laufe der Zeit gab es mehr davon, vor Angst habe ich mir auch in die Hose gepisst wenn mein Vater anfing zu schreien. Von Meiner Mutter kam nur der Spruch:" Duschlägst solange bis du mal triffst." Als ob er daneben geschlagen hätte. bis ich 18 war hatte ich panische Angst vor meinem Vater und mit 23 suchte ich das Gespräch mit ihm was nichts brachte. Seit dem habe ich ihn nie wieder gesehen und inzwischen ist er Tod. Meine Mutter fing an sich zu emanzipieren als ich 14 war, entgültg geschafft hat sie es aber erst als ich circa 20 war.

Vor kurzem hatte ich einen Traum in dem ich mich das erste mal gegen meinen Vater aufgeleht habe. Unzählige mal wünschte ich mir als Kind, daß er Tod wäre.

Im Nachhinein weiß ich, daß er nur das Ergebnis seiner Zeit war, das hat mir aber nicht weiter geholfen.
Ich bin Jahrgang 63 inzwischen in psychischer Behandlung und mache seit zwei Jahren ein Therapie.

Angst vor den Eltern kann einem das Leben einfach zu Horror machen.

Mein Vater wollte einen starken selbstbewusten Sohn, der aber absolut gehorsam ist. Paradoxer geht es wohl nicht.


QuoteSperrfisch

Ich kann mich sehr glücklich schätzen mit meinen wunderbar Eltern. Sie lieben mich heute noch sehr und ich sie. Sie haben mich in allen Situationen unterstützt, auch in den sehr unangenehmen. Abgenommen haben sie mir die unangenehmen Sachen natürlich nicht, aber sie haben mir niemals das Gefühl gegeben, dass ich alleine bin. Einen guten Umgang mit Menschen, Geld und Konflikten haben sie mich ebenfalls gelehrt. Wenn ich mich für Kinder entschieden hätte, wären meine Eltern Vorbild bei der Erziehung. Manchmal tut es mir schon sehr leid, dass ich meinen kinderlieben Eltern keine Enkel "geschenkt" habe, aber auch diese Entscheidung akzeptieren sie wertfrei (wenn auch manchmal schweren Herzens). Danke für Alles, Mama und Papa, ich liebe euch!


QuoteR3g3nwolk3

Das liest sich - einschließlich der Enkelsituation - wie eine Beschreibung meiner Eltern-Erfahrung.

Ich hab mich manchmal gefragt, ob meine 'Sehnsucht', selbst Kinder zu haben, vielleich auch so klein bis nicht vorhanden gewesen ist, weil ich nicht das Bedürfnis vespürt habe, etwas 'nachzuholen' oder 'besser zu machen'.

Mein jüngerer Bruder hatte übrigens die Theorie, dass wir uns als Kinder so oft und heftig gezankt hätten, weil das Elternpaar so völlig zankfrei war. Diese Geschwisterrivalität (ich war zwei Jahre älter und wollte lieber Einzelkind sein...) hat (insbesondere) meine Mutter mit ihrem großen Sinn für Gerechtigkeit gemeistert und es geschafft, uns niemals gegeneinander auszuspielen oder eineN zu bevorzugen. Als Erwachsene vertragen wir uns nun gut, auch in der gemeinsam übernommenen Pflege der Eltern.


QuoteDrei Morgenkaffee

Das kann ich genauso unterschreiben, ebenfalls ohne Kinder!


Quotealkyl

Meine Eltern sind die klassischen Johanna-Haarer-Opfer. Mein Vater hat jedem, der es nicht wissen wollte, erzählt, Kinder bräuchten einen strengen, starken, Vater, sonst könne aus ihnen nichts werden. Er hat erst aufgehört, mich zu schlagen, als ich mit vierzehn Jahren so groß war wie er selbst und ihn auslachte, als er mir wieder einmal eine runterhaute. Mit über 30 Jahren wurde er nach einem späten Studium ein bei seinen Schülern außerordentlich beliebter, lässiger Lehrer. Zu Hause war er das exakte Gegenteil. Und er soff wie ein Loch, wie sein eigener Vater.

Meine Mutter erzählte mir mal, wie ihre Eltern sie immer gezwungen hatten, mich als Säugling so lange in ein Zimmer zu sperren, bis ich aufhörte, zu schreien. Sie hätte das kaum ertragen, aber da wir bei ihren Eltern wohnten, konnte sie wohl nichts machen.

Heute sind meine Eltern achtzig Jahre alt. Mein Vater ist dement. Ich habe keinerlei Beziehung zu diesem alten Mann, der mir einfach nur fremd ist. Meine Mutter hätte so gern jetzt die körperliche und seelische Nähe zu mir, die sie mir als junge Mutter nicht geben konnte oder durfte. Aber ich schaffe es nicht, ich ertrage es einfach nicht.


Quoteserioso

"Die allermeisten Eltern lieben Ihre Kinder,"

Nun ja, meine Eltern gehören zur Minderheit. Mein Erzeuger hat sich aus der Verantwortung gezogen, meine Mutter allein gelassen, und sich um Unterhaltszahlungen erfolgreich gedrückt. Und meine Mutter, die mir immer gesagt hat, ich könne mich immer auf sie verlassen und dass mein Erzeuger ein Riesen-Arsch ist, die mich immer ermutigt hat, mir die Unterhaltszahlungen zurück zu klagen, und die ich wiederum in den letzten Jahren finanziell unterstützt habe - hat mir nach 40 Jahren gebeichtet, dass sie seit einiger Zeit wieder eine Affäre hat - mit meinem Erzeuger. Wie lange schon, hat sie mir nicht erzählt.


QuoteApfelsaftschorle

Ich war versorgt. Materiell kein Luxus, aber alles soweit da. Meine Eltern haben viel Wert auf Bildung gelegt, obwohl oder gerade weil sie selber aus Familien kamen, wo mehr als Volksschule nicht drin war. Dennoch waren sie bei Noten entspannt. Und sie haben mir ein gesundes Verhältnis zu Geld mitgegeben.

Emotional war und ist vor allem meine Mutter eine Katastrophe. Keine Empathie, kein Takt, kein Verständnis für "Empfindlichkeiten". Bis heute indiskret ohne Maß, jede noch so persönliche Info wird im Dorf rumgetratscht.

Mein Vater war da besser. Ruhiger, einfühlsamer. Und viel zu früh tot.


QuoteZeit_Nutzer24

Ich bin mit Eltern aufgewachsen, die unter schweren psychischen Erkrankungen leiden. Die Beziehung zu meiner Mutter (Borderline-Erkrankung & Angststörung) war durch ihre emotionale Instabilität geprägt. Zwischen Hass, Abwertung, Liebesentzug auf der einen Seite und extremer Fürsorglichkeit und erdrückender Liebe, lagen manchmal nur Minuten. Sie gab uns keine Freiräume, keine Möglichkeiten eigene Interessen zu entdecken. Jeder Anflug von Freiheit wurde unterdrückt, aus Angst man würde sie verlassen (oder anderer Horrorszenarien). Sie war (und ist) extrem kontrollierend. Meine Mutter lebt in einer Welt, in der der Weltuntergang permanent an die Tür klopft.

Mein Vater (narzisstische Persönlichkeitsstörung, Depressionen mit psychotischen Episoden) hingegen liebt die Extreme und seine eigenen Freiheiten. Er hat uns früher - und auch heute noch- permanent abgewertet, glänzte durch emotionale und physische Abwesenheit und Unzuverlässigkeit. Was die Erziehung angeht, hielt er sich weitestgehend heraus.

Beide vereint, haben Suizidversuche und Androhungen von Suizid, die wir ungefiltert miterleben durften.

Erst mit Mitte 20 begriff ich, in welchem Umfeld ich aufgewachsen bin. Seitdem versuche ich den verlorenen Teil meiner Kindheit und insbesondere Jugend nachzuholen. In meiner persönlichen Entwicklung hinke ich Gleichaltrigen immer noch hinterher. Ich habe quasi mit Mitte 20 eine zweite Pubertät erlebt, in der ich mich gegenüber meinen Eltern emanzipierte. Der Kampf hält an.


Quoteserioso

Mein Beileid. Deine Geschichte könnte von mir sein.


QuoteAli_Vegan

Ich sollte ständig beten in der Kindheit, und Fasten und Kleidervorschriften einhalten und so weiter.

Seitdem ist mir Religion zuwider.
Die Kindheit kann eine lehrreiche Schule sein.

Freiheit ist alles.


QuoteGiseppa17

Meine Mutter (1925-2011) war chaotisch, sehr liebevoll, sehr hübsch und manchmal kurz verbittert. Sie hat versucht alles unter einen Hut zu bringen, was oft misslungen ist. Daher war ich fast ein Opakind und im Internat.

Mein Vater war geflasht von ihr und obwohl durch seinen Dienst bei der USS Army viel abwesend hat er es geschafft dass ich mich mein ganzes Leben angenommen gefühlt habe.

Meine wütenden Kämpfe hab ich nur ausgefochten wenn ich jemanden anderem entsprechen sollte. ( zB bin ich aus dem Internat geflogen).

Ich bin dankbar, kann ich mit 63 sagen, irgendwie bin ich nicht " geformt " worden, ich war viel alleine aber es war immer ein Kontakt da. So was wie ein unsichtbares Seil.

Und es wurde immer alles ausgesprochen, wobei mein Dad immer meine Ideen irgendwie befürwortet hat, meine Mutter hat dann kurz gemeckert aber mich dann auch unterstützt. ...


QuoteR3g3nwolk3

Erst als ich schon erwachsen war, konnte ich erkennen, wie viel Glück ich mit meinen Eltern hatte. Was für ein Luxus, vorbehaltlos geliebt zu werden und zu 'genügen', nichts beweisen zu müssen. Da geht man, ohne dass man groß drüber nachdenkt, mit einem gewissen Urvertrauen ins/durchs Leben und denkt, das sei normal. Meine Mutter, inzwischen leider verstorben, war gerecht, sanftmütig und humorvoll. An 'falsche Töne' kann ich mich bei ihr nicht erinnern. Ich war ihr emotional näher als meinem Vater, auf den ich mich aber auch mein Leben lang verlassen konnte. Er ist nun ein sehr alter Mann und zwischen uns ist seit dem Tod meiner Mutter, die er sehr vermisst, noch einmal eine Nähe entstanden, von der ich selbst überrascht bin.


QuoteZEIT-Leser-seit-immer

Klassischer Arbeiterhaushalt, aber mit Rückhalt, Liebe und Herzlichkeit. Wochentags waren beide arbeiten, deshalb waren wir alle ,,Schlüsselkinder". Am Wochenende wurde viel zusammen unternommen. Unsere Eltern hatten viel Vertrauen ins uns. Und wenn wir es missbraucht haben, gab es ordentlich den Arsch voll. Wir haben gelernt, die eingebrockte Suppe stets selbst auszulöffeln. In unserer Jugend hatte jeder seine Aufgaben zu Hause. Darüber hinaus konnten unsere Eltern gut loslassen. Wir durften Scheitern, Erfahrungen sammeln und Resilienz aufbauen. Nur in Sachen Bildung mussten wir uns anderweitig orientieren, dafür gab es aber Elternhäuser von Schulfreunden. Es gab eigentlich nichts zu meckern.

Wie wurden wir geprägt? Eigenverantwortlich handeln, Grundwerte leben: ehrlich, fair, respektvoll, fleißig sein. Eigentlich der Kategorische Imperativ. Bescheidenen Wohlstand aufbauen, aber alles aus dem Blick von unten. Den Rest hat uns das Leben oder wir uns selbst beigebracht. Trotz gemeinsamen Elternhauses sind wir alle grundverschieden und das war schon im Kindesalter absehbar. Grundanlagen der Persönlichkeit sind einfach nicht weg zu erziehen.


QuoteLaus oder Hexe

Bis darauf, dass ich aus dem gehobenen Bildungsbürgertum komme, kann ich alles unterschreiben. Ein echtes Privileg (also die konsequente und großzügig liebevolle Wertevermittlung).Und in meinem Fall nicht von unten, sondern stets mit der Demut, dass ich auch eine gute Portion Glück im Leben hatte.Ich fand es sehr schön , bei Ihnen fast Wort für Wort das zu lesen, was ich schreiben wollte... noch schöner, dass wir einen unterschiedlichen Bildungshintergrund in unseren Familien hatten.Danke für Ihre Worte.


QuoteFragestellerin

Ich glaube, dass die ablehnende Haltung meiner Mutter : "Du bist ja nur ein Mädchen und schade, ich wollte noch einen Jungen" mich stark gemacht hat. Meine Mutter prügelte meinen Bruder und mich, manchmal mit einem Holzstock und sie schrie immer rum. Keines meiner 3 Kinder habe ich je geschlagen, keines meiner Kinder jemals angebrüllt.

Was mir geblieben ist: ich kann mit schreienden Menschen ganz schwer umgehen. Wenn mich jemand anbrüllt zittere ich am ganzen Körper und ich habe einen kurzen Fluchtreflex. Mit den Jahren lernte ich das zu beherrschen, aber es kostet mich noch immer Beherrschung. Als Rentnerin komme ich nicht mehr in die Situation angebrüllt zu werden. Während meines aktiven Arbeitslebens hatte ich mal einen cholerischen, brüllenden Chef. Einmal sagte ich zu ihm, wer schreit hat Unrecht und disqualifiziert sich selbst. Mich schrie er nie an.


QuoteSimplicio

Erwachsen werden heißt einsehen, dass es perfekte Eltern und die perfekte Erziehung nicht gibt. Für das, was gelungen ist, darf man dankbar sein, von den Erziehungsfehlern und Schwächen muss man sich lösen. Nachtragen bringt nichts.

Für mich entscheidend war die Vermittlung von Urvertrauen und die Sicherheit mit jedem Problem, was es auch sei, kommen zu können.


QuoteApfelsaftschorle

"Für mich entscheidend war die Vermittlung von Urvertrauen und die Sicherheit mit jedem Problem, was es auch sei, kommen zu können."

Wenn man aber genau das nicht vermittelt bekommen hat, wird es schwer mit dem Verzeihen von "kleineren Fehlern"


...
#8
Quote[...] Nicht nur die Liebesdramen und Freundschaften der Schüler und Schülerinnen der Beverly High beeinflussten uns, auch die Sexualmoral und die Modetrends hinterließen bleibenden Eindruck.

... Für Menschen, die mit Serien wie Sex Education aufwachsen, mag das noch immer verklemmt und sehr antiquiert wirken, aber für ein bosnisches Dorf war das revolutionär. Und für Beverly Hills offenbar auch.

Nicht nur selbstbestimmte Entscheidungen in Sachen Sex, auch jene in Sachen Mode lebten uns die Serienheldinnen vor. Als ich das erste Intro der Serie nach einigen Sekunden anhielt, wurde mir schlagartig klar, wieso mein erster Kauf in der ersten, frisch eröffneten Boutique des Nachbardorfes eine glänzende Leggings in Lila war. Und wieso ich unbedingt Stirnfransen wie Kelly haben wollte.

... Ein Segen war es übrigens, dass die Serie in Jugoslawien bereits 1991 lief und in Österreich wohl etwas später startete. So konnte ich, seit Sommer 1992 in Wien lebend, ältere Folgen nochmal sehen. Diesmal aber auf Deutsch, synchronisiert. Beim Nachschauen der späteren Folgen stelle ich fest, dass ich mich kaum mehr an den Inhalt erinnere, aber umso mehr an die Konflikte, die die Darsteller miteinander und mit der Produktionsfirma hatten. Die Skandale, die dazu führte, dass Brenda (Shannen Doherty) Beverly Hills, 902010 verließ, sind mir eher in Erinnerung geblieben als der Plot der Folgen ab 1994.

... Es ist also eine nette, sentimentale Reise in die eigene Kindheit und Jugend, aber mehr gibt Beverly Hills, 90210 heute nicht her. Für die Gen Z wäre allerdings die Ästhetik der frühen 1990er-Jahre eine nette Inspiration, auf die sich ein neuer Blick lohnt. (Olivera Stajić, 25.2.2024)


Aus: "TV-Serien: Erster Sex und lila Leggings: Wir haben "Beverly Hills, 90210" wiedergesehen" Olivera Stajić (25. Februar 2024)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/3000000208620/erster-sex-und-lila-leggings-wir-haben-beverly-hills-90210-wiedergesehen

QuoteVerbatim

Und ich dachte immer dass der Trend "glänzende Leggings in Lila" aus Jugoslawien kommt... ;-)


Quoterecycle it

Die Klamotten und Frisuren. Was soll ich sagen, alles ausprobiert.


QuoteDer Häuptling

Mir hatten es damals schon die Autos angetan. Alter Mustang, Porsche 356, Corvette, ...


Quotebienesumsi

Da werden Erinnerungen wach: Ich hab fast alle Folgen gesehen - aber die Serie hat, wie so viele, ab Staffel 4 (oder 5?) viel zu viele neue Charaktäre rein- und wieder rausgeschrieben. ...

Die erste Kelly Frisur (mit den langen Haaren und Stirnfransen) hatte ich nicht. Aber eine andere dann.
Und dann bin ich zu Melrose Place gewechselt :)


QuoteHansSolo

1991 ist inzwischen 33 Jahre her, omg, omg, omg...


Quoters212

Offiziell hab ich damals natürlich nur Twin Peaks geschaut, für 902010 war ich ja als gerade nicht mehr Teen schon zu alt (und bin natürlich auf die Andrea gestanden - intellektuelle Girls fand ich immer schon sexy...)


QuoteIchhabdaneide

Diese Serie sagt v.a. viel über die Seher aus die sich das angesehen haben.


QuoteZentralnervöse Berichterstattung

Ja, nämlich dass sie in den späten 70er oder frühen 80er Jahren geboren wurden.


QuoteLydiaB

Was ich mir immer wieder gerne ansehe ist BOSTON LEGAL.

Themen erschreckend topaktuell nach 20 Jahren. Dazu Chauvinismus und Sexismus auf die charmantest mögliche Art und so selbstironisch lustig, dass ich auch als Feministin mehr lachen kann, als bei jedem aktuelleren TvFormat oder bei sonstigen alten Serien, die im Rückblick meist einfach nur trashig u/o aus der Zeit gefallen wirken (Beverly Hills...) Wer schaut mit mir alle Staffeln und wir schreiben dann für den Standard ein Resümee?


Quoterosaantiheld

Ich erinnere mich: meine um zwei Jahre jünger e Cousine hat es geliebt. Ich war einmal zu Gast und sie hat geschaut.
Mich als zehnjährigen Buben hat's gegängstigt: ich bin mir so wertlos vorgekommen und so unzulänglich. Wie sollte ich es jemals schaffen, auch nur ansatzweise so zu werden mit meinen grünen und pinkfarbenen Bubenstrumpfhosen, die meine Oma oder Mama für mich beim Hofer gekauft hatten, mit meiner besten Freundin und ich, die in unserer Heckenhöhle Ronja Räubertochter spielten oder mit meiner Liebe zu "Nils Holgersson" und anderen Zeichentrickserien.
Heute hab ich Mitgefühl mit dem kleinen Buben von damals, der niemanden hatte, der ihm diese Serie und viele andere Dinge einzuordnen geholfen hätte.


QuoteMance Rayder

Ich war damals im Team "Melrose Place".


QuoteAußen schön und innen Community

Danke für die Zeitreise.

Die Stirnfransen wollte ich auch haben. Hab mir dann selbst welche geschnitten. Vergessend, dass ich Naturlocken habe. Im trockenen Zustand (der Haare) lief das Teenager-Ich dann mit 1 cm langen Stirnfransen rum. ;-)


Quoterobert o.

Ist jetzt der letzte Schrei...


QuoteMichelangelo_1971

"Man kann, muss aber nicht...."

... die Abenteuer von Brenda, Kelly, Brendon und Dylan heute noch sehen.
Diese epochale Erkenntnis lässt nun wieder mein Gewissen zur Ruhe kommen und so die Möglichkeit sich bietet, mal wieder ab und zu eine Folge aus dieser Serie mir zu Gemüte führen und in postpubertären Erinnerungen schwelgen.

*seufz*


QuoteA Smart Gold Fish called GriGri

Im Vergleich zu Serien wie 90210 ist Buffy sehr gut gealtert. Ich hab im Vorjahr die Staffeln 4 bis 7 nochmal gebinged und es ist genauso gut wie vor 20 Jahren.


QuoteStephen Morrissey

Die Schreibweise von Brandon Walsh in diesem Artikel wechselt häufiger als die politische Affiliation von Robert Lugar.


Quotehauptsoch

Ich mochte eigentlich keinen der Charaktere wirklich (am ehesten noch Brenda), hab es aber trotzdem gerne geschaut, weils einfach eine andere Welt war. Allerdings hat mich das doch auch Moralisierende genervt, Brandon trinkt ein paar Drinks zu viel, und muss davor bewahrt werden, Alkoholiker zu werden, Donna bleibt Jungfrau ( was bleibt ihr auch anderes übrig mit dem Bübchen als Freund ;-) ), und so weiter. Andrea war mir die Unsympathischte von allen, so anbindernd pseudocool.
Die späteren Folgen nach dem Ausstieg von Shannon Doherty hab ich nur noch zufällig gesehen.
Trotzdem eine nette Erinnerung an eine schöne Zeit.


QuoteDr.Schuh

Wer ältere Schwestern hatte, hatte damals gar keine Wahl. Die haben gezwickt und gebissen um die Fernbedienung zu verteidigen....


QuoteLe Bird

...als Screen-Time noch ein absurdes Konstrukt war...
Ich glaub wir haben damals als Jugendliche
alle ziemlich viel Zeit vor dem Fernseher verbracht. Und keinen hat's interessiert. :-)


QuoteFetterKlovn

Stimmt. Ich habe von 14 bis 17 zu viel ferngesehen und zu viel Computer gespielt. Dann irgendwann den Rappel bekommen und verstanden, dass ich 1. Serien schaue, die von der Dramaturgie auf die Werbepause ausgerichtet sind, 2. keinen Spannungsaufbau in Filmen habe, weil auch Werbepause, ich 3. nichts vollständig sehe, weil ich herumzappe, und 4. weil mir die Sender die Filme bis zur Unkenntlichkeit zusammenschneiden. Lebe seither fernseherlos und besser.

Aber ein Unterschied zu heute ist schon: Fernseher war zu Hause. Handy und Handyzeit ist immer und überall. Alleine die Leerläufe, die wir früher hatten (Warten auf den Bus oder auf Freunde oder so) waren im Endeffekt Gold wert. Haben die heute nicht mehr.


Quoteundefinierbar

Ja, total irre. Nach der Schule den ganzen Tag bis zum Abend. Al Bundy, 2x Simpsons, taff, irgendwelche bullshit Talkshows (Arabella), Galileo, was weiß ich, noch anderer Trash.
Unglaublich was man in der Zeit vernünftigeres hätte machen können;) naja bin heute beruflich erfolgreich und hab Kinder. wird schon gepasst haben ..


QuoteNeoNovalis

Das war fuer mich damals schon trash. Soap fuer teenager... mit Schauspielern um die 30 die College-Studenten spielen.


QuoteHardcastle & McCormick

Hab die Serie erst Ende der 90er gesehen, als sie der ORF zusammen mit den Austria Top 40 MusicVideos (meiner Erinnerung nach einer Art Austria MTV) sendete. Jennie Garth die erste große frühpubertäre Liebe. Der Kleidungsstil von Steve - weite Chinos, Shirt und Hemd drüber - musste natürlich nachgemacht werden und war megacool. Zumindest fühlte ich mich so.


QuoteA. Sethnacht

Bosnia Herzegowina 90210


QuoteOlivera Stajić

hahaha

auch wenn 1991 auf einem anderen kanal gerade der kroatien-krieg ,,übertragen" wurde :(((


Quotebullchopper

Dylans 356er Speedster Porsche war am schärfsten.


QuoteMichael H

Ich würde mir eine solche Rückschau sehr für Wonder Years wünschen, liebe Redaktion! Meiner Meinung die beste TV Serie und praktisch zeitlos, meine Kinder lieben sie ebenfalls.


QuoteHolger am Waldsee

ogottogott. bitte nicht.
bei magnum wär ich dabei.


QuoteHugin01

Meine Güte! Ich erinnere mich noch genau, wie süß ich Dylan fand - lange vor meinem Outing. Und prinzipiell gefiel mir natürlich die ganze Serie. Jede Episode wurde sehnsüchtigst erwartet.
Damals bot mir die Serie immer wieder einen kurzen geistigen Ausstieg aus einer sehr belasteten Familiensituation. Allein dafür bin ich dankbar.


QuoteTom. Luther

Danke fur den Artikel
Ich könnte es nicht besser beschreiben!
Als 1980 geborener war es damals für mich auch Magisch...
...


QuoteCandy Corn

Ich liebe die Serien der 90er.
Vielleicht weil es meine Kind/Jugend war. Aber auch weil damals nur eine Geschichte erzählt wurde (ob man sie mag oder nicht). Heute ist alles verkrampft und eine Wiederholung der Wiederholung. Vielleicht waren es die 90er auch. Aber Es war "meine" Wiederholung.


...
#9
Quote[...] Der Soldat kommt gerade aus der Salzkammer des Sanatoriums, am Vormittag war er schon bei der Massage. Er nennt nur seinen Militärspitznamen, Produzent. Für zwei Wochen Erholung ist er hier, sagt er, und seine Frau ist zu Besuch. Sie ist schwanger, erzählt er und kämpft mit den Tränen. Wenn seine Tage hier um sind, muss er zurück an die Front. Zurück ans große Maschinengewehr, zurück an den Granatwerfer, das sind seine Waffen. Weitermachen. Weiter töten. Weiter Kameraden beim Sterben zusehen.

Das Sanatorium am Stadtrand von Charkiw stammt noch aus Sowjetzeiten. Früher wurden hier Herzpatienten behandelt, heute sind es Soldaten wie der Produzent. Jeder, der hierherkommt, war an der Front; hat Unsägliches gesehen und wohl auch Unaussprechliches getan. Das zehrt an einem Menschen, nicht nur am Körper, sondern auch an der Psyche.

Die Ukraine kann es sich nicht leisten, Soldaten zu verlieren. Nicht an der Front, nicht an Depressionen und nicht an einen Freitod. Sie kann ihre Männer und Frauen nicht davor bewahren, Schreckliches zu tun und Schreckliches zu erleben – also versucht sie, den Schaden in Grenzen zu halten.

Der Produzent war schon im Donbass stationiert, zuletzt in Kupjansk. Immer dort, wo es knallt, immer in der ersten Reihe. "Es ist schwer da oben, das alles mit anzusehen", sagt er. Manche Soldaten kauerten sich irgendwann nur noch in eine Ecke, gäben auf. Einer seiner Kameraden sei an der Front im Nacken verwundet worden, sechs Männer waren nötig, um ihn vom Schlachtfeld zu tragen, kilometerweit. Er war einer von ihnen. Beim Rückzug seien sie von einer russischen Drohne angegriffen worden, mehrere Soldaten seien verletzt worden, einer gestorben. Sie hätten die Nacht auf dem Feld ausharren müssen, bis Hilfe kam.

Für Männer wie den Produzenten wurde im Sanatorium ein spezielles Rehabilitationsprogramm entwickelt. Seit Sommer 2022 kommen Soldaten von der Front hierher, um sich behandeln zu lassen. Stress, Panikattacken und Traumata plagen sie. Viele sind leicht reizbar, einige belastet es, dass ihre Frauen und Kinder im Ausland sind. Sehr viele können nicht schlafen, wieder und wieder durchleben sie im Traum, was sie durchgemacht haben und schrecken nachts auf.

Der Produzent macht diesen Moment vor, verschränkt ruckartig die Arme vor der Brust, die Hände zu Fäusten geballt, richtet sich im Sessel auf, den Rücken schnurgerade. Er gehört zur Infanterie, zu den Soldaten, die ihrem Feind stets gegenüberstehen. Er sieht jene, die er tötet. Und er sieht sie, wenn sie ihn töten wollen. Das verfolgt ihn im Schlaf.

Zwei Wochen in einem Sanatorium sind da kein Ausweg, keine Lösung. Im Durchschnitt dauert die Behandlung einer posttraumatischen Belastungsstörung drei Jahre. Was können da 14 Tage schon bewirken?

"Wir wollen die Moral der Soldaten wiederherstellen", sagt Ihor, der Chefpsychologe. Auch er gehört dem Militär an und möchte daher seinen vollen Namen nicht nennen. Die Männer werden hier kurzzeitig psychisch aufgepäppelt, notdürftig seelisch zusammengeflickt, auf dass es eine Weile halten möge.

Wenn jemand über Suizid nachdenke, erklärt Ihor, dann fragten sie ihn im Sanatorium: "Wer beschützt deine Familie, wenn du dir das antust?" Wenn das nicht helfe, komme der Patient in eine Psychiatrie. Doch wenn die Psychologen den Eindruck bekommen, ein Mann sei wieder stabil, dann darf er zurück zu seinen Kameraden. Zurück an die Front.

"Die jungen Soldaten sind besonders gefährdet für psychische Leiden", sagt Ihor, die Älteren litten mehr körperlich. Sie hätten Probleme mit der Wirbelsäule vom ständigen Tragen der schweren Schutzausrüstung, in der sie manchmal auch schliefen.

Der Behandlungsplan sieht deshalb auch physische Entspannung vor. Es gibt Massagen, einen warmen Pool und Sport. Bei der Aromatherapie schweigen die Männer mit geschlossenen Augen, vom Band rauscht das Meer, es riecht nach Eukalyptus. Die Salzkammer befreit die Atemwege, das Licht wechselt von rot zu blau zu grün.

Auf dem Gelände des Sanatoriums gibt es mehrere Gebäude, sie haben Linoleumböden, Flügeltüre und bunte Wände. Vor den Eingängen blasen die üblichen Rauchergruppen grauen Dunst in den grauen Himmel. Hier und da schlendert ein Soldat durch den nassen Schnee, vorbei an Bäumen und Statuen. Die Patienten sind angehalten, auf dem Gelände keine Uniform zu tragen, denn viele Soldaten auf einem Haufen sind ein attraktives Ziel für Raketenangriffe. Nur wenige halten sich daran.

Nicht alle Patienten nehmen die Behandlung gleich an. Es ist nicht leicht, vor anderen über Albträume zu sprechen, wenn man schon bald wieder nebeneinander im Schützengraben kauert. Gruppentherapien werden nur noch innerhalb gleicher Einheiten abgehalten, weil die Erfahrung zeigte, dass verschiedene Brigaden sich sonst darüber streiten, wer härter gekämpft habe. Einzelgespräche mit Therapeuten sind beliebter. Manche sind auch einfach nur froh, ein paar Tage nicht beschossen zu werden. Und einige scheinen ihre Probleme vor sich selbst kaum zugeben zu können, sie beharren darauf, bloß wegen Rückenschmerzen hier zu sein.

Der Produzent, ebenfalls in Uniform, ist leicht untersetzt und hat weiche Gesichtszüge. Er verabschiedet sich zur Lasertherapie. Dort bekommt er eine Art Mütze aufgesetzt, die elektrische Impulse ans Gehirn sendet. Das soll die schlimmen Träume lindern. Fast im Gehen sagt er mit weicher Stimme noch: "We will not give up to these motherfuckers."

45 Tage an der Front seien das Maximum, was einem Soldaten zugemutet werden sollte, sagt der Psychologe Ihor. Danach staue sich die Belastung an wie in einem Glas, in das Probleme tropfen. Doch in der Realität bleiben die meisten Soldaten länger, die meisten leisten monatelang Dienst an der Front. Im Sanatorium können sie das Glas nicht einfach auskippen, aber ein bisschen auslöffeln. Im Sanatorium zögern sie hinaus, dass sich ihr Zustand verschlimmert. Im Krieg gilt die Kunst des Machbaren.

Näher an der Front arbeiten jene, die verwundete Soldaten zuerst versorgen. Sie haben täglich mit schlimmsten Verletzungen zu tun, deren Anblick schwer zu ertragen ist. Spezielle Unterstützung für diese Helfer ist nicht vorgesehen, sie müssen sich selbst helfen.

Es liegt etwas Melancholisches, fast Schüchternes in der Stimme des jungen Mannes. Sein rotbrauner Vollbart schaukelt beim Sprechen, seine Arme schwingen sachte wie die eines Dirigenten, der Mann hat nichts von der Zackigkeit eines Kommandeurs. Vielleicht ist das die Ruhe, die jemand ausstrahlt, der das größte Chaos innerhalb weniger Herzschläge sortieren muss.

Sein Spitzname ist Heiler, so steht es auch auf dem Patch an seinem Oberarm. Er lächelt ganz kurz, fast ein Grinsen. Heiler klingt nach Schamane und Hokuspokus, doch irgendwie ist der 33-Jährige das auch. Er ist Arzt an einem sogenannten Stabilisierungspunkt unweit der Front an einem geheimen Ort in der Region Saporischschja.

Der Weg zu seinem Arbeitsplatz führt über eine matschige, bucklige Straße, vorbei an einem alten Friedhof, dessen Gräber bei einem Raketenangriff aufgewühlt wurden. Der Stabilisierungspunkt liegt in einem kleinen Dorf, Zivilisten sieht man kaum noch, jeder Schritt im Freien endet knöcheltief im Matsch. Wer hierher gebracht wird, hat ein ernstes Problem – und der Heiler und sein Team sind die letzte Hoffnung.

Verwundete an der Front werden direkt dort zunächst von Sanitätern behandelt – nach einem international einheitlichen Protokoll zur Versorgung schwerer Verletzungen auf dem Schlachtfeld: Beinstümpfe abbinden, kollabierte Lungen notdürftig flicken, Blutungen stillen. Das Minimum, um Menschen am Sterben zu hindern. Die ersten drei bis fünf Minuten sind entscheidend. Dann werden die Soldaten zum Stabilisierungspunkt gebracht, wo es medizinisches Equipment gibt und die Patienten so weit stabilisiert werden, dass sie weiter in ein Krankenhaus gebracht werden können.

Stressig seien vor allem die Nächte, sagt der Heiler. Dann werde an der Front mehr gekämpft, dann gebe es für ihn und sein Team viel zu tun. Zwischen fünf und zehn Männer und Frauen sind hier rund um die Uhr im Einsatz, es gibt einen Ruheraum und einen zur Behandlung. Die Liegen sind vorbereitet, jede Sekunde kann entscheiden. Die vergangene Nacht war vergleichsweise ruhig, drei Patienten mit Knalltrauma, einer mit Herzinfarkt, ausgelöst durch eine Explosion. So entspannt ist es nicht immer.

Das Schlimmste, sagt der 33-Jährige, seien die Blutungen, danach folgten Kopfverletzungen und Wunden im Bauchbereich. 15 bis 20 Minuten bleibt ein Patient im Durchschnitt, bevor er ins nächste Krankenhaus gebracht wird, weiter weg von der Front. Wenn es gut läuft. Wie viele es nicht schaffen, sagt der Heiler nicht. Er wisse es nicht, behauptet er.

Seit Oktober ist er hier stationiert, vor dem Krieg hat er als Arzt in einem Krankenhaus gearbeitet. Auch dort hatte er viel mit Tod und Leid zu tun, aber nichts mit Krieg. Aufgeplatzte Bauchdecken und deformierte Schädel gehören in einer städtischen Klinik nicht zum Alltag, hinter den Schützengräben schon. Einen Monat nach der russischen Invasion hat der Heiler sich bei der Armee gemeldet, um Sanitäter zu werden. "Auf dem Schlachtfeld habe ich alles gesehen", sagt er.

Anfangs sei er überfordert gewesen mit so vielen Verletzten auf einmal. Zu entscheiden, wen er zuerst behandelt: Triage. "Ich habe schlecht geschlafen, mich immer häufiger dabei erwischt, wie mich Kleinigkeiten wütend machen", erinnert er sich. Das sei nicht von jetzt auf gleich so gewesen, sondern habe sich mit der Zeit entwickelt.

In der Logik des Krieges ist der Heiler jemand, der anderen hilft, Leben rettet. Manchmal ist sein Gesicht das Letzte, das ein Patient sieht. Aber auch Stabilisierungspunkte werden beschossen. Und ein Heiler kann nicht alle Leben retten. Das ist schwer.

Irgendwann wurde dem Heiler klar, dass er auf sich selbst aufpassen muss. "Ich arbeite intensiv an meiner mentalen und körperlichen Gesundheit", sagt er. "Beides ist endlich und der Krieg wird noch eine ganze Weile dauern. Es ist ein Marathon." Konkret bedeutet das: jeden Morgen Sport, kaum noch Kaffee, ausreichend Schlaf. Für jemanden in seinem Job können solche Kleinigkeiten darüber entscheiden, ob er zusammenbricht oder durchhält. "Ich definiere meine psychischen Grenzen", sagt der Heiler. Und wie beiläufig erwähnt er: "Ich nehme Antidepressiva und gehe zur Psychotherapie." War on drugs.

Er habe sich verändert, sagt er, sei flexibler, mache keine langfristigen Pläne mehr – so wie viele Ukrainerinnen und Ukrainer. "Ich genieße nun die kleinen Momente viel mehr. Wenn ich nicht im Einsatz bin, gehe ich wandern oder esse einen leckeren Salat." Gestern habe er gezeichnet, er zeigt ein Foto auf dem Handy: eine Rose, Bleistiftzeichnung, filigran.

Es ist ungewöhnlich, dass ein Soldat so offen über seine Probleme spricht. Die Härte der Frontkämpfer scheint ihm fern. Ob er versucht, das auch seinem Team nahezubringen? "Nur, wenn mich jemand fragt", sagt er, er wolle sich nicht aufdrängen.

Zehntausende ukrainische Soldaten sind in Russlands Krieg gegen die Ukraine getötet worden. Frische Gräber reihen sich in den Städten des Landes auf den Friedhöfen aneinander. Sie stehen für all die hinterlassenen Kinder, Ehefrauen, Väter, Mütter, Schwestern und Freunde, die im Krieg mit dem Verlust eines nahestehenden Menschen leben müssen.

"Cargo 200", steht auf dem Leichenwagen, die Kennnummer für den Transport eines Toten. 80 Kilo wiegt ein Toter im Durchschnitt, 120 Kilo der Sarg, macht zusammen 200. Hinter diesem Sarg läuft die Witwe Alla Tichonowa, sie weint lautlos. "Dieser Scheißkrieg hat mir meinen Mann genommen", sagt sie. Ihren Mann Serhij Tichonow, den bei der Armee alle den Mechaniker nannten.

Etwa 50 Trauernde haben sich auf dem Friedhof am Rande von Saporischschja versammelt, die meisten sind Männer in Tarnanzügen. Stumm schreiten sie hinter dem Sarg her, Sonne im Gesicht, der Schnee knirscht unter den Kampfstiefeln. Der Kommandeur des Toten beerdigt heute das fünfte Mitglied seiner Einheit, eine Drohne traf das Auto von Tichonows Einheit in der Nähe von Donezk.

Das Grab ist ein Loch in einer langen Reihe von Löchern, der Totengräber hat sie am Vormittag ausgehoben. Seine furchigen Hände haben sich den ganzen Morgen durch Frost und Lehmboden geackert, nicht alle Gräber sind schon vergeben. "Wir arbeiten vor, wenn wir können."

Kameraden nehmen am offenen Sarg kniend weinend Abschied, Alla steht wie erstarrt daneben, die Arme baumeln kraftlos an der Seite, teilnahmslos lässt sie sich der Reihe nach drücken. "Wir werden die Russen besiegen, dieser Tod wird nicht umsonst gewesen sein", sagt der Kommandeur.

Dass der Sarg bei diesem Begräbnis offen ist, ist etwas Besonderes, Tichonowa hatte sich das sehr gewünscht. Denn sie wusste, dass es auch anders hätte kommen können, ihr Mann arbeitete in einem Minenkommando.

Ein paar Tage nach der Beisetzung möchte Alla Tichonowa über ihren verstorbenen Mann sprechen. Sie trägt ein schwarzes Band im Haar als Zeichen der Trauer. Serhij habe zwei Familien gehabt, sagt sie. Die eine war die Armee, die andere sie und die gemeinsame Tochter Viktoria, sie ist acht.

Tichonowa sagt, sie habe gewusst, worauf sie sich einließ. Sie wusste, dass das Leben mit einem Soldaten Einschränkungen mit sich bringt, sie habe sich daran gewöhnt. Anfangs verbot sie ihm noch, an die Front zu gehen, mit der großen Invasion der Russen änderte sich das. Wer, wenn nicht jemand wie Serhij sollte jetzt das Land verteidigen?

"Er hat seine Arbeit sehr ernst genommen, deshalb hat er sie gut gemacht. Ich wusste, er versteht etwas davon", sagt sie. Bloß ist das in einem Soldatenleben nur die halbe Rechnung. Beide, sagt sie, hätten über seine Arbeit sogar gescherzt. Er, der Experte für Minen, habe immer gesagt: "In meinem Beruf mache ich höchstens einmal einen Fehler. Aber dann wirst du schon einen Jüngeren finden."

Tichonow beendete 1997 den Wehrdienst und fing danach auf einem Luftwaffenstützpunkt in Melitopol an. Dort lernte Alla ihn kennen. Ein Nachbar von ihr war ebenfalls dort stationiert und lud sie ein, auf eine Party mitzukommen. Das war 2010. Serhij sei ihr schnell aufgefallen. "Er wirkte so erwachsen, wie jemand, mit dem man eine Familie gründen kann", erinnert sie sich. Sie blieb über Nacht in der Kaserne und schlich sich auch in den kommenden Nächten über einen Seiteneingang zu ihm in den Stützpunkt. Wenige Wochen später zog sie bei ihm ein.

Er habe immer alle zum Lachen gebracht, erzählt sie. Er, der keine Geschwister hatte und seinen Vater früh verlor, habe sich gut mit ihren Brüdern verstanden. Er half auf dem kleinen Bauernhof der Schwiegermutter, wann immer es ging, und plante, seinen Ruhestand dort zu verbringen. Manchmal sei er nachts aufgestanden, um Schokolade zu essen, und habe erst aufgehört, wenn nichts mehr übrig war. Als Jugendlicher sei er Ringer gewesen, Freistil. Starke Arme und Beine habe er deshalb gehabt, manchmal aus Spaß mit Alla gerungen.

Als die gemeinsame Tochter auf die Welt kam, habe er sich plötzlich an zweiter Stelle gefühlt. Gelegentlich sei er in die Stadt gefahren und habe dort den Supermarkt leergekauft: lauter Dinge, die Alla und ihre Tochter gern mochten. Eine Art eifersüchtiger Bestechungsversuch, sagt Tichonowa, "ein richtiger Shopaholic".

Es sind diese Marotten und Albernheiten, die kaum wahrnehmbaren Leidenschaften eines Menschen, die erst richtig auffallen, wenn sie fehlen. Je länger Alla spricht, desto mehr davon fallen ihr ein.

"Wir hatten ein gutes, ein interessantes Leben", sagt Alla. Doch in den letzten Wochen sei es Serhij immer schwerer gefallen, Leichtigkeit in die Familie zu tragen. Der sonst so Fröhliche war plötzlich düsterer Stimmung, wurde aggressiv, wenn auch nicht gegen Alla. "Seine Laune verschob sich so oft wie die Frontlinie", sagt sie. Die beiden sprachen viel über den Krieg. Wenn er jetzt anrief, erzählte er von Minenfeldern, die er gelegt hatte, auf denen tote Russen lagen. Wie er seine Kameraden sterben sah, darunter zwei enge Freunde.

Zum letzten Mal hörte Alla Serhijs Stimme am 13. Januar. Sie hätten einen neuen Auftrag, sagte er ihr am Telefon, sie sollten etwas an der Front reparieren. Am folgenden Tag, da erinnere sie sich an jedes Detail, sagt Tichonowa, habe gegen 12 Uhr mittags eine Freundin aus dem besetzten Melitopol angerufen, deren Mann auch in der Armee sei. Habe gefragt, wie es ihr gehe. – Gut, wieso? – Weinen am anderen Ende der Leitung. – "Hat dich niemand angerufen?", habe die Freundin gefragt. In diesem Augenblick habe es bei Tichonowa an der Tür geklopft. Drei Männer vom Militär. Sie habe geschrien und geleugnet. "Das Weinen kam erst später", sagt sie.

Am 13. Mai wäre Serhij 46 geworden. Zu seinem Geburtstag wollen Alla und Viktoria zu seinem Grab gehen und seinen Lieblingskuchen mitbringen: Napoleon-Torte.


Reporter: Christian Vooren
Mitarbeit: Sergij Chudow
Redaktion: Meike Dülffer


Aus: "Krieg in der Ukraine: Das traumatisierte Land"
Eine Reportage von Christian Vooren, Charkiw und Saporischschja (24. Februar 2024)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2024-02/krieg-ukraine-jahrestag-saporischschja-charkiw

QuoteAutofuchs

Krieg ist reiner Wahnsinn.


QuotevonDü

"Krieg ist reiner Wahnsinn."

Für einige aber auch ein wahnsinnig gutes Geschäft..


QuoteTWIKE-Fahrer

Vielen Dank für diesen Artikel. Es ist gut und wichtig darüber zu berichten. Ich bin überzeugt dass auch viele Russen traumatisiert sind und bald zu einem Ende dieses Terrorstaats führen werden. Die Zeit tickt gegen das Putin-Russland.


QuoteHomeofficenerd

Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Oma über 25 Jahre später fast nur über der Krieg gesprochen hat.
Krieg prägt mindestens zwei Generationen, wenn nicht sogar drei.


QuotePanzerdivision Niedliches Plüschcapybara

Was für ein starkes Land. Was für ein unfassbares Verbrechen.


QuoteFrau Funcke

Wenn ich eine solche Reportage lese, entsteht gewöhnlich ganz viel Wut in mir. Auf wen, das kann sich jeder denken, schreckliche Rachefantasien kommen hinzu.

Heute möchte ich eigentlich nur noch weinen, ob dieses schrecklichen Krieges, dem ganzen Elend.

...



QuoteRandyderzweite

Mein Vater war Sanitäter in Stalingrad. Solche Bericht helfen mir dabei, endlich zu verstehen, warum er so war, wie er war.


QuoteFaktennotiz

Auch die Zivilbevölkerung des besiegten Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, die wohl eher noch mehr Verluste auf allen Ebenen und Traumatisierungen erleben musste, hat die Kurve gekriegt, und das ohne Therapieangebote und breite Solidaritätsbekundungen.

Das sollten wir auch der Ukraine und ihrer Bewohnerschaft zutrauen.


QuoteRandyderzweite

Wie ich schon geschrieben habe: mein Vater war im 2. Weltkrieg Sanitäter, in Stalingrad, Monte Cassino, auf dem Balkan. Der Mann hat zwar sein Leben danach in den Griff bekommen, innerlich ist er aber ein emotionaler Krüppel geblieben, wie viele mit ähnlichen Biografien. Gleiches gilt für meinen Großvater, der im 1. Weltkrieg an der Somme gekämpft hat.

Für beide und ihre Leidensgenossen hat es nie irgendeine psychologische Hilfe gegeben.

Dass natürlich auch Zivilisten auch in Deutschland keine Hilfe bekommen haben stimmt zwar, macht die Sache aber kein bißchen besser.

Ihr Kommentar liest sich angesichts des Leidens wie "stellt Euch nicht so an, seht halt zu, wie ihr fertig werdet und jammert leise!"

Sie haben offenbar nicht die geringste Ahnung davon, wie sich solche Biografien auch noch auf Kinder und Kindeskinder auswirken in Form von Depressionen und anderen psychischen Problemen.

Als verschonen Sie uns bitte mit Ihrer Empathielosigkeit!


QuoteWerDieNachtigallStört

"Auch die Zivilbevölkerung des besiegten Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, die wohl eher noch mehr Verluste auf allen Ebenen und Traumatisierungen erleben musste, hat die Kurve gekriegt, und das ohne Therapieangebote und breite Solidaritätsbekundungen."

Das wissen Sie so genau?

Mein Großvater, der im 2. WK, war, davon 3 Jahre in Gefangenschaft, kam völlig verroht nach Hause.

Es kann sein, dass das eigene Erleben nicht verarbeitet wird, da es nicht behandelt wurde, und sich dann in Form von Gewalt gegen Menschen seine Bahn sucht: Mein Großvater zeugte mit meiner Großmutter 10 Kinder, sage ich mal so, meine Großmutter tat das nicht freiwillig.

Meine Mutter lernte ihren Vater erst mit 3,5 Jahren kennen, sie weinte, weil sie den dreckigen, stinkenden Mann nicht kannte, der sie dann zur Begrüßung verprügelte.

Die Kindheit von diesen 10 Kindern und das Leben meiner Großmutter war die Hölle, sie und die Kinder wurden regelmäßig verprügelt, Mädchen erlebten sexualisierte Gewalt. Mit schweren Folgen in ihren eigenen Leben, und auch für die eigenen Kinder.

Und nein, es gab keine Hilfe, meiner Mutter, damals 14, wurde beim Amt (1955) gesagt, als sie ihren Vater anzeigen wollte: "Willst du, dass dein Vater ins Gefängnis kommt, dann bist du Schuld, wenn deine Mutter und Geschwister von Amtsgeld leben müssen".

Ich bin das älteste Enkelkind von 27, so habe ich am längsten beobachten können, was der 2. WK noch heute für Auswirkungen hat. Und das ist kein Einzelfall.


QuoteDackelGer

Die Mär vom "sauberen, chirurgischen Krieg ist - eben ein Mär. Vor 100 Jahren waren F und D "Erbfeinde" , es dauerte Generationen - vor dem Hintergrund des wachsenden wirtschaftlichen Wohlstandes auf beiden Seiten - das abzubauen. Korea, Jugoslawien; Irak, Afghanistan, Ukraine und diverse weitere Kriegsschauplätze wird das nicht so "schnell" gehen... Die Politik versagte und die Verntwortlichen (ja - auch Putin wurde "gefördert") sind schnell auf und davon - das Leiden bleibt. Und leider auch eine Wahrheit der Marktwirtschaftsepoche der Menschheit: Krieg und Angstverbreitung sind Wirtschafts- und Konsumfaktoren: nicht nur die Kriegsführung auch und gerade der Wiederaufbau.


QuoteGenitiv

Und das Mal zwei - denn auf der anderen Frontseite sterben Männer auf die gleiche Art und Weise, werden traumatisiert und Angehörige trauern.

Hier gibt es keine Feinde, nur menschliches Elend und Leid. Tragödien die sich seit Jahrtausende wiederholen. Wer sind diese Menschen die zum Krieg aufrufen anstatt Frieden vorleben? Es sind Monster denen Abermillionen über viele Zeiten hinweg zum Opfer gefallen sind. Angreifer wie Verteidiger - denn es ist dieser tödliche Kreislauf - denn ohne den einen kann es nicht den anderen geben und es würde diesen Kreislauf nicht geben.


QuoteJoachim

Dem kann man nicht zustimmen. Hier wurde ein friedliches Nachbarland überfallen. ...


Quoteschwachr

'Wer sind diese Menschen die zum Krieg aufrufen anstatt Frieden vorleben?' Es sind auch Menschen, die es nicht geschafft haben Ihre eigene erlebte Gewalt anders zu regulieren, z.B. Putin.


...
#10
Quote[...] Conservative activist Jack Posobiec joyfully hailed the "end of democracy" at the Conservative Political Action Conference, further emphasizing Republicans' apparent desire to completely overthrow America as we know it.

Posobiec, who helped popularize the "Pizzagate" conspiracy theory, appeared at CPAC's opening day on Wednesday. He spoke during a panel moderated by former White House adviser and white supremacist Steve Bannon.

"Welcome to the end of democracy. We are here to overthrow it completely," Posobiec said as the event began.

"We didn't get all the way there on January 6, but we will endeavor to get rid of it and replace it with this, right here," he said, gesturing to the crowd and holding up his fist.

As he spoke, Bannon laughed and said, "Amen!"

QuoteRepublican Accountability @AccountableGOP We are Republicans & conservatives defending pro-democracy R's, holding accountable those who tried to overturn the election, & fighting against disinformation.
" ... Trump's Republican Party openly wants to end democracy. We must stop them. ... "
https://twitter.com/AccountableGOP/status/1760761957437599856

Posobiec then said, to cheers from the audience, "All glory is not to government. All glory to God."

Republican primary front-runner Donald Trump has repeatedly indicated he intends to embrace authoritarianism if he is reelected to the White House. Trump has paraphrased Adolf Hitler, floated horrifying and fascistic policy ideas, and joked (so he says) about being a dictator on the first day of his new term.

Trump's closest allies in Congress have also indicated they would be willing to throw out the rulebook for him. Senator J.D. Vance and Representative Elise Stefanik, both reportedly on the shortlist for Trump's running mate, have said they would have carried out a coup on January 6, 2021, to keep Trump in power.

Posobiec's comments, even delivered in a lighthearted tone, are a chilling reminder that Trump and his supporters are not speaking rhetorically. They mean everything they say.


From: "MAGA Republican Pledges "End of Democracy" to Rabid Cheers at CPAC"
Tori Otten (February 23, 2024/4:09 p.m. ET)
Source: https://newrepublic.com/post/179247/jack-posobiec-democracy-cpac-2024

"Far-right speaker tells CPAC attendees that his goal is to 'overthrow' democracy" (02/2024)
https://edition.cnn.com/videos/politics/2024/02/23/jack-posobiec-cpac-remarks-democracy-cnc-vpx.cnn

QuoteJack Michael Posobiec III (born December 14, 1984)is an American alt-right political activist, television correspondent and presenter, conspiracy theorist, and former United States Navy intelligence officer.
Posobiec is known for his pro-Donald Trump comments on Twitter, and has used white supremacist and antisemitic symbols and talking points, including the white genocide conspiracy theory. ...
[Version: 23 February 2024, at 21:50 (UTC).]
https://en.wikipedia.org/wiki/Jack_Posobiec

The alt-right (abbreviated from alternative right) is a far-right, white nationalist movement. A largely online phenomenon, the alt-right originated in the United States during the late 2000s before increasing in popularity and establishing a presence in other countries during the mid-2010s, and has been declining since 2017. The term is ill-defined and has been used in different ways by academics, journalists, media commentators, and alt-right members themselves.
https://en.wikipedia.org/wiki/Alt-right