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Deutungen und Notizen zur Kunst / [Zur Kunstfreiheit... ]
« Last post by Textaris(txt*bot) on Today at 01:39:19 nachm. »
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[....] Es ist schon immer die Kunst der Band „Rammstein“ und Sänger Till Lindemann gewesen, etwas Abartiges zu nehmen und es überzogen wohlwollend und blumig zu beschreiben, um so einen Bruch zu erzeugen.

Bestes Beispiel dafür ist das Lied „Mein Teil“, über den sogenannten Kannibalen von Rothenburg. „Ist doch so gut gewürzt / Und so schön flambiert / Und so liebevoll / Auf Porzellan serviert / Dazu ein guter Wein / Und sanfter Kerzenschein / Ja, da lass ich mir Zeit / Etwas Kultur muss sein.“ Hier wird der festliche Verzehr von Menschenfleisch beschrieben. Durch die Darstellung eines feinen Dinners, bei dem wohlgemerkt der Penis des Opfers verspeist wird, wird die Absurdität und Falschheit der Situation klar.

Das gelingt im Gedicht „Wenn du schläfst“ in Lindemanns Gedichtband, erschienen beim Kiwi-Verlag, aber nicht. Lindemann gibt lediglich eine realistische, detaillierte, lustvoll-beschönigende Beschreibung einer Vergewaltigung wieder. Es entsteht kein Bruch, kein Moment, in dem klar wird: Das hier ist falsch.

Schlimmer noch: Durch die lustvolle Beschreibung wird im sexuellen Kontext sogar eher noch ein Reiz geweckt. Was das Gedicht zu nicht mehr als einem weiteren frauenfeindlichen Text unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit macht.

Aber: Kunstfreiheit ist wichtig und darf nicht beschnitten werden. Sie existiert, um im künstlerischen Kontext auch hart formulierte Kritik möglich zu machen, um auf Missstände aufmerksam machen zu können. Weil gerade durch krasse Vergleiche und überzogene Formulierungen Aufmerksamkeit auf eine unhaltbare Situation gelenkt werden kann. Drastische Umstände brauchen drastische Worte. Ein Beispiel, das dies sehr gelungen zeigt, ist eine Textzeile aus dem Song „Anti Alles Aktion“ der Antilopen Gang, eine Kritik an Pegida: „Da braucht man gar nicht drüber reden, wenn die Massen sich erheben, schmeiß ich aus dem Flugzeug eine Brandbombe auf Dresden.“

Natürlich lässt das Raum für Kunst, die nicht systemkritisch ist, sich nicht gegen widerliche Gesinnungen richtet, sondern die widerliche Gesinnung sogar propagiert. Es sollte aber generell eher über eine bessere Gesetzeslage gegen volksverhetzende, rechtsextremistische und frauenfeindliche Inhalte gesprochen werden, als die Kunstfreiheit in Frage zu stellen.

Lindemann tut, was er immer tut: Provozieren, um so das Thema zu verarbeiten. Aber das ist bei sexuellem Missbrauch völlig fehl am Platz.

Vergewaltiger ziehen Macht und Lust aus dem Ausgeliefertsein des Opfers. Die Abartigkeit der Tat wird daher gerade nicht anhand einer beschönigten, liebevollen Beschreibung des wehrlosen Opfers aufgezeigt, sondern beschreibt nur die Gefühle des Vergewaltigers. Die Vergewaltigung wird in Lindemanns Gedicht somit romantisiert.

Das hätte dem Kiwi-Verlag auffallen müssen - und das Gedicht nicht veröffentlicht werden dürfen.


Aus: "Romantisierte Vergewaltigung" Sonja Thomaser (04.04.20)
Quelle: https://www.fr.de/meinung/till-lindemann-rammstein-erntet-shitstorm-sein-gedicht-romantisiert-vergewaltigung-13639867.html

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Barbara S

Weitaus schlimmer als dieses Gedicht finde ich die Tatsache, dass Opfern von Vergewaltigungen unter k.o.-Tropfen-Einfluss häufig nicht geglaubt wird. Als Frau muss ich sagen, dass das Gedicht für mich unter die Kunstfreiheit fällt und es in der Rapper-Szene wesentlich krassere und frauenverachtendere Liedtexte gibt. Die ganze Aufregung ist für mich deshalb scheinheilig.


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[...] Aktuell wird in sozialen Netzwerken in Deutschland wieder über ein sexistisches Gedicht diskutiert, doch dieses Mal braucht es keine tiefgreifende Interpretation. Statt um Blumen, Frauen und Fassaden, geht es hier nämlich um Vergewaltigungsfantasie. Unter dem Titel „Wenn du schläfst“ schildert Till Lindemann, der Sänger von Rammstein, explizit sexualisierte Gewalt, die unter Einfluss von Drogen vollzogen wird. Die Vergewaltigung wird jedoch nicht nur beschrieben, sondern auch verherrlicht: „Und genau so soll das sein (so soll das sein so macht das Spaß)“ und weiter „Es ist ein Segen“, schreibt er.

Das kurze Gedicht ist Anfang März in Lindemanns Band „100 Gedichte“ im Verlag Kiepenheuer & Witsch (KiWi) erschienen, herausgegeben von Alexander Gorkow, dem Leiter des „Seite 3“-Ressorts der Süddeutschen Zeitung. Bisher hat es wenig Beachtung gefunden. Doch in den letzten Stunden wurde in sozialen Netzwerken immer mehr Kritik an Lindemanns Gedicht laut.

... Nur hat ja in der Debatte niemand Till Lindemann vorgeworfen, er würde gerne Frauen vergewaltigen. Kritisiert wird die Darstellung der Vergewaltigung in seiner Poesie. Auch ein Lyrisches Ich kann die Täterperspektive feiern, Gewalt verharmlosen oder rechtfertigen und mögliche reale Täter animieren – dafür muss es nicht deckungsgleich mit einer realen Person sein. Auch die Gedanken eines Lyrischen Ichs können Betroffene sexualisierter Gewalt triggern.

Das scheint im KiWi-Verlag nur leider keine*r mitgedacht zu haben. Schade, denn 2020 sollten gewaltverherrlichende und menschenverachtende Texte nicht mehr unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit verteidigt werden.


Aus: "Vergewaltigungen sind keine Poesie" Carolina Schwarz (3.4.2020)
Quelle: https://taz.de/Gedicht-von-Rammsteins-Till-Lindemann/!5676267/

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Cochino

Man muss das Gedicht auch einordnen. Zuerst wird darin die Vergewaltigung eines mit Rohypnol betäubten Menschen beschrieben. Das muss nicht zwingend eine Frau sein und wie ich Lindemann kenne ist das auch gewollt offen gelassen.
Dass hier wieder nur Frauen in der Opferrolle wahrgenommen werden ist reiner Sexismus. Werden Männer nicht vergewaltigt?
Wie bei den meisten Texten Lindemanns (vor allem bei Rammstein-Liedern), ist das Lyrische Ich keineswegs eine Person, mit der man sich identifiziert. Im Gegenteil: man soll vom Protagonisten angewidert sein und dessen Taten/Aussagen ablehnen.
Dass jetzt Menschen gegen das Gedicht und dessen Aussagen auf die Barrikaden gehen, ist vom Autor genau so gewollt und genau das ist der Kern seiner Kunst.


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C.O.Zwei

Als kompetente Kritikerin habe ich Erwin Lindemann von Loriot schon immer über Till Lindemann von Rammstein gestellt. Jetzt zeigt sich erneut, wie recht ich hatte.


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Hanibal Lecker

und startschuss für eine weitere bigotte diskussion... wir sprechen hier über poesie, über kunst... der gute herr lindemann, den ich im übrigen schon oft genug als sehr gruselig und zweischneidig empfand, was er ja auch beabsichtigt, ist doch selbst schon eher ne kunstfigur und was aus seinem kopf auf papier gebracht wird, darf gefälligst auch so sein und muss auch ausgehalten werden. wenn wir bei allem, was uns triggert sofort einen riegel vorschieben, sind wir nicht besser als das, was wir fürchten. es geht doch bei kunst auch um konfrontation und auseinandersetzung.

würde er das gedicht im rahmen einer lesung am frauenhaus präsentieren, oder es wild gröhlend am ballermann der tumben masse ins hirn implementieren, wäre das ganze schon diskussionswürdiger.

so sehe ich nur eine weitere, künstlich aufgeblasene debatte um etwas, wofür man eigentlich dankbar sein sollte: freiheit der kunst


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Dr. McSchreck

Nach der Argumentation des Artikels dürfte es überhaupt keine Kunst mehr geben, die die Täterperspektive einnimmt.

Das wäre bedauerlich, denn Kunst soll den Horizont erweitern und es gibt hervorragende Werke der Literatur und des Films, die aus der Sicht von Menschen geschrieben wurden, die alles andere als Vorbilder sind.


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[...] Es muss knallen - immer. Sex und Gewalt sind deshalb Lieblingsthemen von Till Lindemann. Ob in seinen Songtexten für Rammstein, auf seinen Soloalben oder in seinen Gedichten: Stets ist er auf Krawall gebürstet. Provokationslust und Pyrotechnik, damit füllt seine Berliner Band weltweit Stadien aus.

Till Lindemanns kürzlich erschienener Band „100 Gedichte“ (Hrsg. v. Alexander Gorkow. Kiepenheuer & Witsch, 160 Seiten, 18 €) reiht sich in diese Serie ein. Zwar wirken die meist kurzen, mal gereimten mal in freier Versform gehaltenen Gedichte ohne den donnernden Vortrag ihres Schöpfers nicht ganz so furchteinflößend wie viele seiner Lieder. Zum Gruseln ist hier dennoch einiges.

Insbesondere das Gedicht „Wenn du schläfst“, in dem es heißt: „Schlaf gerne mit dir wenn du träumst/ Weil du alles hier versäumst/ Und genau so soll das sein (so soll das sein so/ macht das Spaß)/ Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas)/ Kannst dich gar nicht mehr bewegen“.

Diese Vergewaltigungfantasie hat heftige Kritik auf sich gezogen. Für viele - sowohl Frauen als auch Männer - ist es unverständlich, weshalb so etwas überhaupt veröffentlicht wird. Zumal nach zwei Jahren MeToo-Debatte und in Zeiten zunehmender Sensibilisierung für frauenverachtende Sprache.

Dass der 57-jährige Till Lindemann, der erst letzte Woche aufgrund einer intensivmedizinischen Behandlung in den Schlagzeilen war, sich von solchen gesellschaftlichen Entwicklungen nicht beeindrucken lässt, verwundert allerdings kaum. Die Provokation ist sein Geschäftsmodell.

Seitens des Verlags reagierte man gelassen: „Die moralische Empörung über den Text dieses Gedichts basiert auf einer Verwechslung des fiktionalen Sprechers, dem sogenannten ,lyrischen Ich’ mit dem Autor Till Lindemann. Die Differenz zwischen lyrischem Ich und Autor ist aber konstitutiv für jede Lektüre von Lyrik wie von Literatur allgemein und gilt für alle Gedichte des Bandes wie für Lyrik überhaupt“, schreibt KiWi-Chef Helge Malchow in einem Presse-Statement.

Er verweist überdies auf die Kunstfreiheit und die zahlreichen Beispiele in der Weltliteratur, in denen das Böse beschrieben wird. „Dass der im Gedicht dargestellte Vorgang unter moralischen Gesichtspunkten zutiefst verwerflich ist, ist eine Selbstverständlichkeit und erlaubt keine persönliche Diffamierung des Autors“, heißt es weiter.

 Selbstredend fallen die Lindemannschen Widerwärtigkeiten unter die Kunstfreiheit. Man könnte höchstens prüfen lassen, ob es sich um einen jugendgefährdenden Inhalt handelt. Allerdings wäre es höchste Zeit, einmal Till Lindemanns immer noch weitgehend unangetasteten Starstatus zu hinterfragen - und zu revidieren. Die von ihm geradezu mustergültig verkörperte toxische Männlichkeit, seine ewigen Macho-Posen, sie sollten angegriffen und nicht gefeiert werden.

Einen weiteren Grund dafür liefert etwa das ekelhafte Gedicht „Am Strand“, in dem ein Mann mit einem Ständer in der Hose junge nackte Mädchen beobachtet. „Er ist alt/ Ihm wird heiß/ Den Mädchen kalt“, lauten die letzten Zeilen. Eine lyrische Perspektive, die man nur abstoßend finden kann - und bei der man sich natürlich fragt, warum ihm ein solches Podium geboten wird.

Dass Lindemann, der noch drei weitere Gedichtbände veröffentlicht hat, seit Jahren als finsterer Romantiker, als gequälte Seele und ähnliches verklärt wird, ist lachhaft - und zudem eine feige Ausweichbewegung. Um den Weltstar nicht angreifen zu müssen, projiziert man lieber allerlei in ihn hinein, baut ihn zu einem Dunkelmann auf, mit dessen Kunst man sich mal ganz ungeniert an Verwerflichem ergötzen kann.

Lindemann verspritzt sein Gift in „100 Gedichte“ - auf dem Cover ist sinnigerweise ein Vierbeiner mit Peniskopf abgebildet -  nur hier und da. Es findet sich darin auch viel Albernes, Aphoristisches, sowie Naturlyrik und Balladenhaftes. Das sechseinhalbseitige „Toilette“ beschreibt etwa einen slapstickhaft verlaufenden Besuch auf einer Bahnhofstoilette. Zudem gibt es Gedichte übers Fleischessen, übers Pickelausdrücken oder das fehlende Begehren für die eigene Frau.

Ob sich dafür ein Verlag und ein SZ-Redakteur als Herausgeber gefunden hätten, wäre der Autor kein bekannter Rocksänger?


Aus: "Till Lindemann provoziert mit Vergewaltigungsfantasie" Nadine Lange (03.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/rammstein-saenger-als-dichter-till-lindemann-provoziert-mit-vergewaltigungsfantasie/25713674.html

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[...] Jenni Zylka ... Für mich ist das ein bisschen Bürgerschrecklyrik. ... Aber ich finde, dass Lindemanns Lyrik dennoch sehr berechtigt ist. Ich würde sowieso nie jemandem das Dichten verbieten. Es gibt bestimmt auch Menschen, vielleicht auch gerade Menschen, die sonst nicht unbedingt einen „weak spot“ für Lyrik haben, denen könnte das durchaus richtig gefallen. Das ist nicht kompliziert zu interpretieren – wenn da jemand Beine leckt, dann leckt er wirklich Beine, das ist also 1:1. Und das kann man ja auch gut finden. ... Ich habe vor Jahren schon einmal anlässlich der Veröffentlichung seines ersten Gedichtbands mit ihm gesprochen. Damals hat er gesagt, die Leute seien an Abgründen interessiert und nicht daran, wie er von der Kaufhalle nach Hause geht. ... Man kann mit ihnen gefahrlos dieses Bedürfnis nach Düsternis oder Wildheit ausleben, aber in einem „safe space“, das ist nicht wirklich gefährlich. Insofern spricht er vielleicht die Menschen an, die das Bedürfnis nach dieser Art von klassischer Gothic-Rockpose teilen, und am Rest des Tages völlig glückliche Familienväter und –mütter sind.


Aus: "Bürgerschrecklyrik vom Rammstein-Frontmann" Jenni Zylka im Gespräch mit Martin Böttcher (10.03.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/gedichtband-von-till-lindemann-buergerschrecklyrik-vom.2177.de.html?dram:article_id=472176
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[...] Es sind existenzielle Fragen, die sich viele Menschen derzeit stellen: Verliere ich meinen Job? Wie lange kann ich meine Miete noch zahlen? Jeder fünfte Deutsche fürchtet aufgrund der Corona-Pandemie finanzielle Einbußen, zeigt eine Umfrage des Marktforschungsunternehmens Ipsos. Und glaubt man den Prognosen der Ökonomen, sind diese Ängste durchaus berechtigt.

Das Ifo-Institut geht davon aus, dass hierzulande 1,8 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren könnten. Weitere sechs Millionen dürften von Kurzarbeit betroffen sein.

Sie müssen auf Teile ihres Lohns verzichten – im schlimmsten Fall mit 60 Prozent des früheren Gehalts auskommen. Besonders hart trifft das jene, die keine Ersparnisse haben. Bei denen trotz Vollzeitjob am Ende des Monats nichts mehr übrig bleibt.

Doch wie steht es um die Finanzen der Deutschen? Wie lange reichen die Rücklagen?

Wer die Statistiker fragt, bekommt darauf eine pauschale Antwort. Laut Bundesbank besitzt ein typischer deutscher Haushalt 70.800 Euro. Neben dem Geld auf dem Konto oder im Aktiendepot ist da auch der Wert des Eigenheims oder des Autos eingerechnet. Abgezogen worden sind die Schulden.

Dadurch spiegelt dieser Wert das wider, worüber ein Haushalt verfügen kann. Die Zahl gibt den Medianwert an: Das heißt, es gibt ebenso viele Menschen, die über mehr Geld verfügen wie solche, die weniger besitzen. Das durchschnittliche Vermögen der Deutschen liegt bei 232.800 Euro – dieser Wert ist aber durch die extrem hohen Vermögen einiger weniger verzerrt.

Zugute kommt Deutschland aktuell, dass hinter uns gerade ein ungewöhnlich langer Aufschwung liegt. Dadurch hat sich die finanzielle Situation vieler Bundesbürger verbessert. Allein von 2014 bis 2017 ist die Summe, über die Deutsche im Mittel verfügen können, um 17 Prozent gestiegen.

Die Bundesbank begründet das vor allem mit den gestiegenen Einkommen und zwar auch bei denjenigen, die sehr wenig verdienen. Forscher vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) schreiben ebenfalls, dass es „den Deutschen in der Mehrheit deutlich besser geht als noch vor einigen Jahren“.

Doch trotz wirtschaftlichem Aufschwung und niedriger Arbeitslosigkeit sind noch immer 16 Prozent der Deutschen von relativer Einkommensarmut bedroht. Davon spricht man, wenn jemand weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat.

Ebenso erschreckend sind die Zahlen über das Sparverhalten. Denn bei fast einem Drittel der Deutschen reicht das Geld am Ende des Monats nicht, um etwas zur Seite zu legen. Das zeigte im vergangenen Jahr eine Umfrage der Direktbank ING. Innerhalb der EU ist damit lediglich in Rumänien der Anteil derjenigen noch größer, die nicht sparen können.

Diese Selbsteinschätzung spiegelt sich auch in den Zahlen der Bundesbank. Schaut man rein auf das Finanzvermögen der Deutschen – also das, was auf dem Konto liegt oder in Versicherungen und Aktien steckt – zeigt sich: Die ärmsten 30 Prozent kommen nur auf 4900 Euro. Bei den ärmsten zehn Prozent sind es sogar nur 300 Euro. Geld, das schnell aufgebraucht ist, wenn das Gehalt ausfällt.

Diese niedrigen Rücklagen werden deshalb in der Coronakrise zum Problem. Denn sie trifft fast alle Branchen hart.

So auch die Dienstleistungen, den Einzelhandel, die Gastronomie: Bereiche, in denen es sehr viele Geringverdiener gibt. „Diese Beschäftigten leiden besonders unter Jobverlust oder Kurzarbeit, weil sie kaum Rücklagen haben“, sagt Alexander Herzog-Stein, Arbeitsmarktexperte beim Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung.

Bundesweit zählt etwa jeder fünfte Beschäftigte zu den Geringverdienern. Darunter fällt, wer in einem Vollzeitjob weniger als 2203 Euro brutto verdient. Bei einem kinderlosen Single bleiben davon netto nur gut 1500 Euro. „Sparen kann man mit solch einem Einkommen nichts“, sagt Herzog-Stein. Forscher halten das erst ab 2000 Euro netto im Monat für realistisch.

Der Arbeitsmarktexperte sieht in der aktuellen Krise deshalb weiteren politischen Handlungsbedarf. „Wer ohnehin wenig verdient und durch Kurzarbeit jetzt nur noch 60 Prozent seines Gehalts bekommt, kann davon nicht leben“, sagt er.

Gewerkschaften haben sich deshalb für eine Erhöhung des Kurzarbeitergelds eingesetzt – die Bundesregierung lehnt das jedoch ab. Sie hat stattdessen den Zugang zur Grundsicherung erleichtert. Das soll Menschen helfen, die trotz Kurzarbeit auf Hilfe vom Amt angewiesen sind. Gleichzeitig erhöht es aber den Aufwand für die Jobcenter, die in den nächsten Wochen und Monaten ohnehin gut zu tun haben.

„Man muss sich fragen, ob man das nicht einfacher hätte regeln können“, sagt Herzog-Stein. Er kann sich eine Staffelung des Kurzarbeitergelds vorstellen: Wer wenig verdient, würde so einen höheren Anteil seines Nettogehalts bekommen als jemand, der vor der Krise ein hohes Gehalt bekommen hat.

Seiner Meinung nach orientiert sich die Politik derzeit noch zu stark an den Erfahrungen aus der letzten Krise. Damals haben in der Spitze 1,4 Millionen Menschen Kurzarbeitergeld erhalten. „Damals aber waren vor allem die Industriejobs betroffen, in denen die Bezahlung höher ist und wo sie noch eine starke Sozialpartnerschaft haben“, sagt Herzog-Stein.

Wer hingegen in einem Friseursalon arbeitet, der hat keinen Betriebsrat, der ihn vertritt. Für die Systemgastronomie immerhin haben sich Unternehmen und Arbeitnehmer mittlerweile auf eine Aufstockung des Kurzarbeitergelds durch die Betriebe verständigt.

„Kleinunternehmer in anderen Dienstleistungsbranchen können sich das aber nicht immer leisten“, sagt Herzog-Stein. „Für viele ist schon ein Kraftakt, mit Hilfe von Kurzarbeitergeld die Angestellten an Bord zu halten statt sie zu entlassen.“


Aus: "Corona könnte Millionen Deutsche in die staatliche Grundsicherung treiben" Carla Neuhaus (03.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wie-lange-reicht-das-geld-corona-koennte-millionen-deutsche-in-die-staatliche-grundsicherung-treiben/25709404.html

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fairplay180 15:02 Uhr

An alle Zweifel und Gegner unseres Systems: Wäre unser System nicht so, wie es ist, könnten wir nicht hunderte von Milliarden jetzt als Unterstützung fürs Volk aufbringen. Wer kann das schon? Da können wir durchaus ein bisschen stolz drauf sein!


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Rastapopoulos 13:56 Uhr

Jetzt rächt sich das ganze billig zusammen konstruierte Exportwunder, mit seinen sogenannten Trickle-down Effekten. ...


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fairplay180 13:17 Uhr

Ja, es wird einige sehr hart treffen, das lässt sich leider nicht vermeiden. Umso wichtiger ist es, die Wirtschaft so schnell als möglich wieder hochzufahren. Mit der gebotenen Vorsicht natürlich.


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Rastapopoulos 14:30 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Kohlenstoffeinheit 13:45 Uhr

    Wirtschaft muss wieder dem Menschen dienen.


LOL der war gut.


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BangJI 13:15 Uhr
Als ich 2008 im Statistischen Jahrbuch las "Im Jahre 2007 verfügten weniger als 25% aller deutschen Privathaushalte über mehr als 75% aller deutschen Privatvermögen", überlegte ich, wie das angesichts der "Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand" eigentlich sein konnte.

Als ich 2018 im Dez. in einem Wochenbericht des DIW las "Die Vermögens- und Einkommensverhältnisse in der Bundesrep. Deutschland im Jahre 2016 entsprachen nahezu vollständig den Vermögens- und Einkommensverhältnissen, die in der Zeit von 1910-1914 im Deutschen Kaiserrreich bestanden.", kratzte ich mir meine Kopfhaut und fragte mich "Komisch und keiner hat davon irgendetwas bemerkt?"

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fairplay180 13:25 Uhr

Antwort auf den Beitrag von BangJI 13:15 Uhr

In welchem Land würden Sie denn gerne leben?


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serdna 12:40 Uhr

Grade ein Fall, den ich am Wickel habe. Kleiner Laden, zahlt 4000 Euro Miete, hat jetzt Zuschuss bekommen 8000, kann also zwei Minote die Miete bezahlen. Das heißt der Vermieter, der nicht in existentieller Notlage ist, bekommt sein Geld, das zahlt der Steuerzahler. Die zwei Angestellten mussten gekündigt werden. Für solche Fälle wäre die Variante, dass der Mietvertrag sofort gekündigt werden kann, wesentlich sinnvoller. Es macht keinen  Sinn, dass der Steuerzahler das Einkommen der Vermieter absichert, aber die Leute, die existentiell bedroht sind leer ausgehen. Solidarität kann nicht heißen, dass eine Einkommensgruppe, die in den meisten Fällen nicht existentiell bedroht wird, vom Steuerzahler gegen alle Risiken abgesichert wird und die andere Gruppe, die Empfänger von Einkommen aus unselbständiger Tätigkeit in eine absolute Notlage gerät.


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SIKOAlex 12:57 Uhr

Antwort auf den Beitrag von serdna 12:40 Uhr

Genau so funktioniert das System: Es wird denen gegeben, die eh schon alles haben.... Die, die noch für ihr Geld arbeiten müssen, sind, einmal mehr, die Verlierer.


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fairplay180 13:14 Uhr

Antwort auf den Beitrag von serdna 12:40 Uhr

Ich habe beruflich viel mit großen Assetmanagern zu tun, die derzeit natürlich insbesondere von Ladenbesitzern Anfragen bekommen, ob die Miete gesenkt, gestundet oder ausgesetzt werden kann.

Fast alle kommen entgegen. Weil die Vermieter natürlich auch wissen, dass sie jetzt in der Situation keine neuen Mieter mehr bekommen. Und schon gar nicht zu den alten Preisen.

Hängt natürlich auch immer vom Einzelfall ab, aber grundsätzlich hat man als Mieter ganz gute Chancen derzeit.


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Rotfahrer 13:25 Uhr

Antwort auf den Beitrag von serdna 12:40 Uhr

Aber auch der Vermieter hat vielleicht Verpflichtungen, für die er auf die Mieteinnahmen angewiesen ist. Bekommt ein Vermieter die Miete nicht mehr, kann auch er vor dem finanziellen Ruin stehen. Man kann das nicht generell so monokausal sehen.


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marla44 13:42 Uhr
Antwort auf den Beitrag von mitte31 13:22 Uhr

     Der zurückbehaltene Mietbetrag muß bis 2022 zurückgezahlt werden.


Woher soll der den kommen?


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[...] Die folgende Meldung hat ausnahmsweise nichts mit Corona zu tun, erfreulich ist sie leider dennoch nicht. Eine Ateliergemeinschaft in Kreuzberg hat eine Mieterhöhung von 70 Prozent erhalten. Das trotz der massiven Steigerungen, die wir hier gewöhnt sind, auch in Berlin ungewöhnlich. Und für die Betroffenen unbezahlbar: Mieterin ist die Ateliergemeinschaft in der Glogauer Straße 6; die Künstler*innen können sich die mehr als 15 Euro pro Quadratmeter schlichtweg nicht leisten. Das teilten sie ihrem Vermieter mit, als er die Erhöhung im Herbst 2019 ankündigte, und sie mit der „im positiven Sinne dynamischen Markentwicklung“ in den letzten Jahren begründete. Daraufhin erhielt die Ateliergemeinschaft die Kündigung ihres Mietvertrags zum 31. Mai diesen Jahres.

Der Vermieter ist übrigens kein*e bekannte*r Immobilienspekulant*in, sondern das Traditionsunternehmen Arnold Kuthe Immobilienverwaltungs-GmbH. Kaum einen Straßenzug gebe es in Berlin, an dem Kuthe nicht beteiligt war, erzählte Geschäftsführer und Gesellschafter Stefan Freymuth 2013 dem Tagesspiegel. Nun soll das Künstleratelier also weichen – „damit noch mehr Geld verdient werden kann“, sagt Coni Pfeiffer von der Mieter*inneninitiative „GloReiche Nachbarschaft“. „Die Ateliergemeinschaft ist nicht der erste Verdrängungsfall in der Glogauer Straße 6“, so Pfeiffer.

Deshalb hat die GloReiche einen „offenen Kiezbrief“ verfasst, in dem Kuthe aufgefordert wird, die Verhandlungen wieder aufzunehmen und einen fairen, langfristigen Mietvertrag vorzulegen. „Gehen Sie mit gutem Beispiel voran und sorgen Sie für den aktiven Erhalt der Kunst- und Kulturstruktur in Berliner Kiezen und vor allem in Kreuzberg“, heißt es abschließend. Schön wäre es – auf eine entsprechende Anfrage des Tagesspiegels antwortete Kuthe bis Redaktionsschluss leider nicht.

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Aus: "Traditionsunternehmen kündigt Ateliergemeinschaft - weil diese keine siebzigprozentige Mietsteigerung zahlen kann" (Veröffentlicht am 02.04.2020 von Nele Jensch)
Quelle: https://leute.tagesspiegel.de/friedrichshain-kreuzberg/macher/2020/04/02/115699/traditionsunternehmen-kuendigt-ateliergemeinschaft-weil-diese-keine-siebzigprozentige-mietsteigerung-zahlen-kann/
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[...] Das Jahr 1990 freilegen Editiert von Jan Wenzel Spector Books 2019 ...

... Als der Diskurs sich noch um das Für und Wider eines wie auch immer gearteten „Dritten Weges“ drehte, standen die westdeutschen Konzernchefs längst Schlange vor den ostdeutschen Werkstoren, um die Erbmasse zu begutachten. Unverblümt stellte der damalige FDP-Vorsitzende und verurteilte Steuerhinterzieher Graf Lambsdorff in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung Anfang Januar seine Bedingungen, als er süffisant feststellte, natürlich entscheide die Bevölkerung der DDR frei darüber, in welcher ökonomischen und gesellschaftlichen Form sie leben wolle. Aber „ohne marktwirtschaftliche Entscheidungsformen, ohne etwa ein Gesellschaftsrecht, das privatwirtschaftliche Beteiligungen zulässt“, könne es keine wirtschaftliche Kooperation geben, die zum Erfolg führt. Schon am 2. Januar eröffnete die Dresdner Bank ihre erste Filiale in den zukünftigen „neuen Bundesländern“. Wie unmittelbar die ökonomischen Mechanismen der Marktwirtschaft gleich nach dem Mauerfall zu wirken begannen, macht der Schriftsteller Rolf Schneider an einem Detail deutlich: In den hessischen Ortschaften nahe der Grenze zu Thüringen gerieten die Friedhofsunternehmen infolge der Grenzöffnung in Bedrängnis, weil die Bestattungsinstitute ihre Einäscherungen flugs in die östlich der Grenze gelegenen Krematorien verlegten, wo die Preise unschlagbar niedrig waren. Allerdings auch die Umweltstandards, was bei ungünstigem Wind auch im Westen bemerkbar war.

... Der Spiegel konstatierte eine „unglaubliche Naivität“ unter den Neuzuzüglern, deren Erwartungen, im Westen mit offenen Armen empfangen zu werden, schnell an der Realität in den Übergangswohnheimen und Notquartieren zerschellte. Das „erhoffte flotte Leben“ rückte für die meisten Ostbürger in weite Ferne und die Massenquartiere wurden zu Dauerlösungen, was den Unmut unter den Bundesbürgern schürte, die ihre Turnhallen gerne wieder nutzen wollten.

Auch in der DDR selbst wuchs allmählich die Abwehr gegen die basisdemokratischen Zumutungen der Bürgerrechtler. Allzu mündig wollte der deutsche Michel eigentlich gar nicht werden, und in einem Brief an das „Neue Forum“ vom 17. Januar 1990 beklagten sich die „Werktätigen“ eines nicht näher bezeichneten Betriebes über die Unruhe, die in ihr Leben getreten war: „... aber wir wollen wieder Ruhe, Ordnung, Sicherheit, wie wir sie hatten, und verzichten auf die Freiheit der Anarchie, unbedachte Streiks und Vandalismus ... – wir legen auch nicht übermäßigen Wert auf Reisefreiheit, da wir es uns gar nicht leisten können, große Flausen zu haben und froh sind, ab und an in unser Betriebsferienlager zu fahren!“ Dass es diese Ferienlager bald schon nicht mehr geben würde, kam ihnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht in den Sinn.

Das Füllhorn an Geschichten und Anekdoten auf den 600 Seiten des Buches scheint unerschöpflich, und dabei ist noch nicht einmal etwas über die Bilder gesagt. Die zum Teil ausführlichen Fotostrecken verleihen dem Band eine zusätzliche visuelle Ebene und stehen als Bildessays für sich. Stellvertretend sei Ute Mahlers fotografische Erzählung vom Aufstieg und Fall des Manfred („Ibrahim“) Böhme genannt. Mit der ihr eigenen Empathie Menschen gegenüber besuchte sie den gefallenen Hoffnungsträger der Ost-SPD auch noch lange nach dessen Enttarnung als Stasispitzel, als alle Weggefährten sich längst von ihm abgewandt hatten. Dank ihrer Ausdauer entstand eine eindrückliche Bildserie über eine der seltsamsten Karrieren in dieser an Seltsamkeiten reichen Zeit.

Rückblickend erscheint vor allem die Naivität erstaunlich, mit der viele DDR-Bürger sich noch an ihrem Land rieben und für dessen Erneuerung fochten, als die Zeichen längst auf Anschluss standen, die „Altbesitzer“ ihre Grundstücke inspizierten, Manager Übernahmeverhandlungen vorbereiteten, Verleger die ostdeutschen Regionalzeitungen auf ihre Verwertbarkeit hin taxierten und sich all die anderen Glücksritter der Marktwirtschaft auf Schnäppchenjagd in den Osten begaben. Die Unbedarftheit vieler Ostdeutscher mag aus heutiger Sicht drollig wirken, doch angesichts des aktuellen Ost-West-Diskurses dürfte Cees Nooteboom recht behalten haben, als er in seinen Berliner Notizen 1989/90 schrieb: „In der Geschichte geht nichts verloren, jedes Atom der Schmach und Erniedrigung summiert sich und bleibt erhalten.“


Aus: "Ein stilles Ende" Frank Schirrmeister (Ausgabe 13/2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/ein-stilles-ende
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[...] Der von der Politik empfohlene Einsatz von fachfremden Erntehelfern erweist sich in der Praxis als problematisch. "Wir sind dankbar für jede helfende Hand, weil wir dringend Unterstützung benötigen. Aber die Idee ist nicht so einfach umzusetzen, wie sich das manch einer denkt", sagte der Sprecher des Hessischen Bauernverbands, Bernd Weber, auf Anfrage in Friedrichsdorf (Hochtaunuskreis). Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte vorgeschlagen, dass etwa Beschäftigte aus der Gastronomie, dem Einzelhandel und anderen wegen der Corona-Krise Not leidenden Branchen auf den Feldern eingesetzt werden könnten.

In Hessen und im weiteren Bundesgebiet fehlen massenhaft Erntehelfer, weil Saisonkräfte wegen geschlossener Grenzen derzeit nicht mehr anreisen können. Diese Grenzregelung gilt für die Einreise aus Drittstaaten, aus Großbritannien, für EU-Staaten wie Bulgarien und Rumänien, die nicht alle Schengen-Regeln vollumfänglich anwenden, sowie für Staaten wie Österreich, zu denen Binnengrenzkontrollen vorübergehend wiedereingeführt worden sind. Der Hessische Bauernverband fürchtet wegen der ausbleibenden Saisonarbeitskräfte Ernteausfälle bei Obst und Gemüse. Derzeit seien Helfer - vor allem aus Osteuropa - bei der Ernte von Spargel und anderem Gemüse gefragt.

Nach Einschätzung des Bauernverbands besteht Bedarf in Höhe von 16 000 bis 17 000 Aushilfen. Die ersten fachfremden Erntehelfer seien zwar schon im Einsatz in Hessen. Doch wie viele es sind und wie viele noch fehlen - dazu konnte der Verband keine Angaben machen. In ganz Europa fehlen nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums in Berlin bis zu 300 000 Saisonkräfte.

Doch selbst wenn sich Erntehelfer melden, sei das Problem noch nicht gelöst, sagte Weber. "Es ist eine besondere Herausforderung, in der Landwirtschaft tätig zu sein. Das ist anstrengende Arbeit, derzeit die Spargelernte. Dafür braucht man Einarbeitung, eine gewisse Technik und Erfahrung. Das erledigen meist eingespielte Teams. Und wenn jetzt zum Beispiel ein Bulgare oder ein Rumäne beim Spargelstechen fehlt, der das seit zehn Jahren macht, dann braucht man drei Deutsche, um die Arbeit zu erledigen."

Die harte Feldarbeit sei nicht jedermanns Sache, sagte Weber. "Dafür braucht man einen langen Atem. Aber man kann es auch als sportliche Herausforderung begreifen und sich sagen: ›Ich ziehe das jetzt mal ein paar Wochen durch.‹" Die Produzenten müssten sich auf die Aushilfen verlassen können. "Das muss schließlich wie am Schnürchen laufen und ist kein Job, den man mal ein paar Stunden machen kann." Die Spargelsaison läuft traditionell bis zum 24. Juni, dem Johannistag. Verbandssprecher Weber hofft, dass sich das Konzept der fachfremden Erntehelfer bewährt. "Wir müssen das beobachten und können die Idee noch nicht bewer-ten." Wenige Wochen nach dem Beginn der Spargelernte beginnt die Erdbeerzeit. Auch dafür werden Erntehelfer gesucht.

Für den Spargelhof Merlau in Darmstadt funktioniert das Konzept mit fachfremden Erntehelfern nicht. "Fürs Sortieren der Stangen und alle Arbeiten in der Halle sowie fürs Ausfahren mag das ja klappen. Aber auf dem Feld überhaupt nicht. Und wenn es dort nicht klappt, haben wir bereits am Beginn der Kette ein Problem. Frau Klöckner soll mal herkommen und mir zeigen, wie das mit Kellnern, Studenten, Asylbewerbern und anderen Ungelernten gehen soll", kritisierte Georg Peter Merlau, der nach eigenen Angaben einen mittelständischen Betrieb mit 80 Hektar Anbaufläche für Spargel führt. Er brauche 150 Saisonkräfte, habe aber aktuell nur ein Drittel.

Merlau betonte, Außenstehende sollten sich bezüglich der Feldarbeit keine falschen Vorstellungen machen. "Es ist schwer, es ist kalt, es ist nass, es ist schmutzig - und ständig in gebückter Haltung. Diese Tätigkeit muss man gewohnt sein, um sie durchstehen zu können."


Aus: "Erntehelfer verzweifelt gesucht" (dpa, 01.04.20)
Quelle: https://www.giessener-allgemeine.de/hessen/erntehelfer-verzweifelt-gesucht-13637300.html

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[....] Der Spargelbauer Jörg Heuer hat schnell reagiert: Als die Bundesregierung vergangene Woche ankündigte, ausländischen Saisonarbeitern wegen des neuen Coronavirus die Einreise zu verweigern, charterte der 49-Jährige kurzerhand ein eigenes Flugzeug. Für eine fünfstellige Summe, wie er sagt, ließ er rund 120 Rumänen einfliegen, um seine Ernte - und damit sein Geschäft - zu retten.

 Auf mehr als 100 Hektar Land baut Heuer bei Burgwedel in Niedersachsen Spargel und Beeren an, in zweiter Generation, die Eltern des 49-Jährigen haben den Hof 1981 gegründet. Mit dem Flieger hat er einen Personalengpass bei der Ernte in diesem Jahr gerade noch abgewendet. "Wir kommen zurecht", sagt er. In der Branche allerdings gebe es dieses Jahr deutlich weniger Erntehelfer als sonst. Auch ihm hätten viele bewährte Helfer diesmal abgesagt.

Spargel ist ein Luxusgemüse, man kann auch ohne ihn gut leben, auch wenn das "weiße Gold" für viele zum Frühling dazugehört wie die Ostereier. Für Heuer aber ist der Spargel die wirtschaftliche Existenzgrundlage. "Wir leben von diesen drei Monaten", sagt Heuer über die Ernte. "Das können wir nicht verlegen wie die Messen oder ein Fußballspiel."

Der Einreisestopp treffe Obst-, Gemüse- und Weinbaubetriebe, aber auch größere Betriebe in der Tierhaltung "sehr hart", sagt auch der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied. Die Einschränkungen müssten daher "so kurz wie möglich" gehalten werden. Einige Obst- und Gemüsesorten drohen Rukwied zufolge sogar knapp zu werden. "Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln ist nicht gefährdet, dennoch kann es durchaus bei verschiedenen Kulturen im Obst- und Gemüsebereich zu Versorgungslücken kommen."

... Das Einreiseverbot für Saisonarbeiter gilt auf Anordnung des Bundesinnenministeriums seit vergangenem Mittwoch. Und das sorgt auch innerhalb der Union für Zoff. Vergangene Woche wandten sich CDU-Agrarpolitiker aus den 15 Bundesländern außer Bayern in einem Brief an Innenminister Horst Seehofer (CSU). Darin heißt es, die Einreisebeschränkungen seien "kontraproduktiv" und stellten die Landwirtschaft "vor eine nicht lösbare Aufgabe". Neben der Obst- und Gemüsebranche würden auch Schlachtbetriebe darunter leiden.

... Spargelbauer Heuer sagt, er setze die Deutschen lieber im Verkauf und als Fahrer ein als auf dem Feld. Auch in Brandenburg, mit Beelitz ebenfalls eine Spargel-Hochburg, sind die ungelernten Helfer derzeit gefragt. Euphorie sei allerdings fehl am Platze, sagt Andreas Jende, Geschäftsführer des Gartenbauverbandes Berlin-Brandenburg. "Die Arbeit in der Landwirtschaft ist nicht zu verwechseln mit der im heimischen Kleingarten", erklärt er und warnt: "Es kann körperlich hart werden."

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Aus: "Bauern fehlen Saisonarbeiter: Landwirt charterte Flugzeug für Erntehelfer" (Mittwoch, 01. April 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Landwirt-charterte-Flugzeug-fuer-Erntehelfer-article21684024.html

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[...] Erntearbeit gehört in Österreich zu den Branchen mit einem der niedrigsten kollektivvertraglichen Lohnniveaus und wird seit Jahren großteils von Menschen aus Osteuropa verrichtet. Im Moment können viele Saisonarbeitskräfte nicht einreisen und die Landwirtschaft sucht händeringend nach Ersatz. Aktivistinnen der sezonieri-Kampagne [http://www.sezonieri.at/en/startseite_en/] zeigen auf, wie das Corona-Virus ausbeuterische Arbeitsverhältnisse in der Landwirtschaft sichtbar macht.

Die harte Arbeit in der Landwirtschaft wird in Österreich, wie in den meisten Ländern weltweit, von migrantischen Saisonarbeiter*innen erbracht. Diese Arbeit verrichten zumeist osteuropäische Erntehelfer*innen aus Ungarn, Rumänien, Polen, der Slowakei, Bulgarien, der Ukraine oder den Balkanstaaten. Die Löhne sind niedrig, die Arbeitsbedingungen skandalös: Befristete Arbeitsverhältnisse mit Nettostundenlöhnen zwischen sechs und sieben Euro, Ignorieren der Höchstarbeitsgrenzen, überteuerte und miserable Unterkünfte.

Akkordlohn, unbezahlte Überstunden, keine und zu geringe Ausbezahlung der Sonderzahlungen (Urlaubs- und Weihnachtsgeld etc.) und Verstöße gegen die Arbeitszeitregeln sind weit verbreitet. Da die Erntearbeiter*innen saisonal beschäftigt sind und nach der Saison in ihre Herkunftsländer zurückreisen, können sie den Anspruch auf Arbeitslosengeld in Österreich nicht geltend machen. Sie scheinen deshalb auch nicht in der Arbeitslosenstatistik auf.

Die Landwirt*innen rechtfertigen die niedrigen Löhne in ihrer Branche einerseits damit, dass sie bei Preisverhandlungen vom stark konzentrierten Handel unter Druck gesetzt werden. Andererseits verweisen sie auf die Konkurrenz zu billigen Importen, aus Ländern mit noch extremerem Lohndumping.

Durch die Corona-Krise und die Grenzschließungen von Nachbarstaaten wird nun plötzlich besonders deutlich, wie notwendig die Arbeit auf den Feldern für die Lebensmittelversorgung ist. Seit zwei Wochen berichten Medien über das Fehlen von mindestens 5.000 Arbeitskräften in der Landwirtschaft. Bäuer*innen klagen, dass die Erträge ausfallen und die Versorgung bald gefährdet sein könnte.

Wirtschaftskammer, Landwirtschaftskammer sowie mehrere Ministerien haben daraufhin sehr schnell verschiedene Arbeitskräftevermittlungsplattformen ins Leben gerufen, etwa „Die Lebensmittelhelfer“. Mit dem Aufruf „Dein Land braucht dich!“ wird diese von patriotischen Appellen nach nationalem Schulterschluss und Solidarität mit österreichischen Betrieben begleitet. Das bringt nun sogar einige rechtsextreme Burschenschaften dazu, zur Erntehilfe aufzurufen. Gleichzeitig werden Forderungen laut, bestimmte Bevölkerungsgruppen wie arbeitslos gewordene Menschen und Asylsuchende direkt in die Feldarbeit zwangszuverpflichten. Student*innen werden indes mit ECTS-Punkten und der Anrechnung als Pflichtpraktika gelockt. Die sezonieri-Kampagne fordert: Niemand darf zur Erntearbeit gezwungen werden!

Der nun auftretende Arbeitskräftemangel kann auch eine Machtverschiebung hin zu den Arbeitnehmer*innen bedeuten. Eine solche Verschiebung lässt sich etwa daran erkennen, dass Saisonarbeiter*innen statt der bisher gängigen Bezeichnung als „unqualifizierte Erntehelfer*innen“ in den Medien aktuell als „unser Fachpersonal” bezeichnet werden.

Ironischerweise tritt jetzt sogar die FPÖ Burgenland öffentlich gegen schärfere Grenzübertrittsbestimmungen ein. So will sie sicherstellen, dass Beschäftigte weiterhin ihrer Arbeit in der Landwirtschaft und im Gesundheits- und Pflegebereich nachgehen können. Auffällig ist auch, dass bei den aktuellen Grenzregulierungen sowohl für ungarische, slowenische als auch tschechische Tagespendler*innen Ausnahmeregelungen bestehen. Heute wurde bekannt: Aus Rumänien und Bulgarien sollen Erntearbeiter*innen – ähnlich zu 24-Stunden-Pflegekräften – sogar mit Charterflügen eingeflogen werden. All diese Entwicklungen zeigen, wie sehr die österreichische Landwirtschaft von Arbeitskräften aus dem Ausland abhängig ist.

Die Klage über den Mangel an Arbeitskräften ist jedoch nichts Neues, ähnlich wie in der Gastronomie. Beide Branchen weisen besonders geringe Lohnniveaus auf. Die Anhebung der Löhne zur Lösung des vermeintlichen Arbeitskräftemangels steht nicht zur Debatte.
Was die Produzent*innen eigentlich meinen, wenn sie beklagen, es fehlen Erntearbeiter*innen: Es fehlen „billige“ Arbeitskräfte aus ärmeren Ländern, die ihren Arbeitsvertrag auf Deutsch nicht lesen können, ihre Rechte nicht kennen und im Zweifel die schlechten Arbeitsbedingungen in Kauf nehmen, weil sie keine Alternativen haben.

Die Kollektivvertragsverhandlungen in der Landwirtschaft wurden kurz vor der Corona-Krise abgeschlossen. Die Nettostundenlöhne liegen zwischen 6,19 Euro in Oberösterreich und 7,41 Euro in Salzburg, die Nettomonatslöhne zwischen 1072,60 und 1283,59 Euro bei einer 40-Stunden-Woche – und damit in nur einem Bundesland knapp über der Armutsgefährdungsschwelle. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies eine Erhöhung zwischen zehn und 61 Cent je nach Bundesland. Der im Kollektivvertrag festgesetzte Lohn stellt freilich nur die gesetzliche Untergrenze dar. Jede*r Arbeitnehmer*in steht es frei, höhere Löhne zu fordern und jede*r Arbeitgeber*in kann diese bezahlen. Deshalb verfolgt die sezonieri-Kampagne das Ziel, Erntearbeiter*innen über ihre Rechte zu informieren und sie bei ihren Arbeitskämpfen zu unterstützen.

In der Corona-Krise wird sichtbar, dass rot-weiß-rote Regionalität zu Supermarktpreisen auf der Ausbeutung von ausländischen Arbeiter*innen in der Landwirtschaft basiert. Neoliberale Politik hat demokratische Teilhabe und öffentliche Verantwortung zugunsten profitorientierter Interessen für Ernährung (Agrar- und Förderpolitik), Gesundheit, aber auch Bildung und Wohnen abgebaut. Eine politische Kursänderung ist notwendig. Unsere Lebensmittelproduktion und -verteilung sowie die Arbeitsverhältnisse der Beschäftigten im Ernährungssektor sollen nicht weiter Ungleichheit fördernden Marktkräften und profitorientierten Privatkonzernen überlassen werden.


Aus: " Hauptsache billig: Was Corona über die Ausbeutung von Erntearbeiter*innen verrät" Sezonieri-Aktivistinnen (2. April 2020)
Quelle: https://mosaik-blog.at/hauptsache-billig-was-corona-ueber-die-ausbeutung-von-erntearbeiterinnen-verraet/
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[...] Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken hat eine einmalige Vermögensabgabe vorgeschlagen, um die Kosten der Coronavirus-Epidemie in Deutschland abzumildern. "Wir werden eine faire Lastenverteilung brauchen – und die kann für die SPD nur so aussehen, dass sich die starken Schultern in Deutschland auch stark beteiligen", sagte sie der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten. Sie halte eine einmalige Vermögensabgabe für eine der Möglichkeiten, die Staatsfinanzen nach der Krise wieder in Ordnung zu bringen.

In Artikel 106 des Grundgesetzes ist ausdrücklich von "einmaligen Vermögensabgaben" die Rede, ohne dass diese jedoch näher definiert wären.

Damit greift Esken einen Vorschlag der Linken auf. Parteichef Bernd Riexinger hatte am Montag gesagt, Vermögen ab einer Million Euro sollten mit einer einmaligen Abgabe von fünf Prozent belastet werden. Auch Linke-Fraktionschef Dietmar Bartsch hatte eine solche Vermögensabgabe bereits vor einigen Tagen gefordert. Das Grundgesetz sehe in Artikel 106 ein solches Mittel vor. Eine einmalige sogenannte Corona-Abgabe auf große private Vermögen sei geboten.

Tatsächlich ist in Artikel 106 des Grundgesetzes ausdrücklich von "einmaligen Vermögensabgaben" die Rede, ohne dass diese jedoch näher definiert wären.

Kritik an dem Vorschlag kommt aus der FDP. Fraktionsvize Michael Theurer warf Esken vor, eine "Steuererhöhungs- und Neiddebatte" anzuzetteln. "Das ist Gift für die ohnehin abstürzende Konjunktur und damit ein zusätzlicher Rezessionsverstärker, der Arbeitsplätze kosten und den Mittelstand in seiner Existenz gefährden könnte", sagte Theurer.

Stattdessen müssten nach dem Shutdown Investitionen und Wachstum auch durch niedrigere Steuersätze unterstützt werden. Die durch das Herunterfahren der Wirtschaft aus Gründen des Gesundheitsschutzes entstehenden Kosten dürften nicht einseitig Firmeninhaberinnen und Eigentümern aufgebürdet würden. "Denn die werden ja als Unternehmer für Investitionen und Arbeitsplätze gebraucht. Diese schädliche und parteipolitisch motivierte Umverteilungsdebatte zur Profilierung einer glücklosen SPD-Vorsitzenden braucht Deutschland garantiert nicht. Frau Esken hätte besser weiter geschwiegen." 

Der Bundestag hatte in der vergangenen Woche zur Finanzierung der Corona-Folgen einen Nachtragshaushalt beschlossen, der neue Schulden in Höhe von 156 Milliarden Euro vorsieht.

Zum Krisenmanagement der Regierung sagte Esken, dass die vergangene Woche beschlossenen Rettungsschirme "eine starke sozialdemokratische Handschrift" tragen, es gebe aus Sicht ihrer Partei dennoch bereits Nachbesserungsbedarf: "Offene Punkte sehen wir etwa bei Auszubildenden und Werkstudenten oder bei Menschen in Kurzarbeit, die über längere Zeit mit nur 60 Prozent ihres Lohnes auskommen müssen." Menschen in der Grundsicherung befänden sich "in einer besonders schwierigen Lage".

Die SPD-Chefin verlangte zudem von der öffentlichen Hand, keine Beiträge für geschlossene Kitas zu erheben: "Nicht nur der Anstand, sondern auch das Recht gebietet es, Eltern in dieser Phase die Gebühren zu erlassen." Weil nicht alle Kommunen dazu in der Lage seien, seien die Bundesländer aufgefordert, die Kosten zu übernehmen.


Aus: "Saskia Esken schlägt Vermögensabgabe wegen Corona-Krise vor" (1. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-04/lastenausgleich-coronavirus-vermoegensabgabe-saskia-esken-spd

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anet2015 #8

Ich wußte es.


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Robert Geiss #8.1

Ja, ich wusste es auch, dass sich die parlamentarische Besserverdienerlobby namens FDP sich bei einem solchen Vorschlag quer stellen wird.


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Cenobite #48

Ich habe eine bessere Idee. Die Bundestagsabgeordnete verzichten für die Dauer der Corona Kriese auf 2/3 ihrer Diäten.
Damit entlasten sie den Staat, helfen anderen und schlüpfen vorrübergehend in die haut eines Mittelständlers.


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deep_franz #70

Wenn die FDP empört ist, dann hat Frau Esken als SPD-Vorsitzende wohl ihren Job richtig gemacht.
Man ist politisch nunmal in entgegengesetzen Lagern und vertritt die Interessen unterschiedlicher Klassen.
Die Zeit so zu tun, als gebe es diese Klassenunterschiede nicht mehr, muss die SPD beenden, sonst ist die obsolet.
Frau Esken sollte noch nachlegen und die “Liberalen“ dazu bringen öfter Leistungsträger zu sagen, was ja dieser Tage eher Krankenschwester und Verkäufer meint, als die Klientel der FDP. Irgendein Lindner oder Kubicki wird schon drauf reinfallen, mit Glück auch noch Merz, der soll nicht unvergessen bleiben.


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mirinord #10

Eine Neiddebatte? Vielleicht sollte die FDP mal drüber nachdenken, wer momentan die Leistungsträger der Gesellschaft sind - und wie sie bezahlt werden. ...


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maßvoller Kritiker #13

Klar, dass die FDP vor einer Neiddebatte warnt, wenn Multimillionäre zur Kasse gebeten werden sollen. Das ist ihr Klientel. ...


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Linksrechtsobenunten #13.5

"Diese Multimillionäre sind vielfach Mittelständler"

Es geht nicht immer nur um Merz.


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Herr Jehova #1.137

Ich persönlich habe mein Vermögen selbst aufgebaut und nicht durch Erbe erlangt. Neben meiner mäßigen Disziplin und meines Findungsreichtum habe ich vor allem von der Infrastruktur profitiert, von der schulischen/akademischen Ausbildung meiner Angestellten und meiner selbst, von der Sicherheit in diesem Land usw. usf.

Mit anderen Worten: Ich habe aus Deutschland und dessen Bevölkerung großen Nutzen gezogen. Dafür bin ich gerne bereit, meinem Land, meiner Wahlheimat etwas zurück zu geben. Auch finanziell.

Ich bin der Ansicht, dass meine Klasse bei weitem nicht ausreichend zur Kasse gebeten wird. Wenn diese Top-Leister lediglich von staatlichen Eingriffen in den Markt gebremst werden könnten, dann stellt sich mir die Frage, warum sie nicht längst alle gesammelt nach Somalia oder in einen anderen, vergleichbaren Staat abgewandert sind. Staatliche Interventionen sind dort äußerst spärlich gesäht und die Segnungen des ungebremsten unregulierten Kapitalismus müssten sich eigentlich in ihrer segensreichen Wirkung dort voll entfalten können. Irgendwie ist es dann aber doch geiler, wenn der verpönte Staat einem zumindest die eigenen Kröten schützt. Und einem in besonderen Notlagen auch die Pfründe schützt, wie etwa in Finanzkrisen etc. Da sind die Besitzenden meist dann auch ersten, die man nach Staatshilfe rufen hört.


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Hafaniaras #1.53

Ich finde es erstaunlich in dieser ganzen Krise, dass es die FDP ist, die sich hier als destruktivste Kraft hervorhebt. Die AfD hetzt im Hintergrund natürlich munter weiter und liefert nichts konstruktives aber das ist man mittlerweile einfach gewöhnt.

Die FDP ist aber richtig richtig schädlich mit ihren andauernden unterschwelligen "Wie lange dauert das noch"-Signalen, dass die Maßnahmen überzogen seien und die Menschen so schnell wie möglich weiter arbeiten sollen. Es ist nunmal so, dass jetzt für viele Bürger weiter Kosten entstehen aber das Einkommen einbricht. Hier muss es nunmal irgendwelche Maßnahmen geben, das zumindest teilweise abzufangen. Das alte Argument, dass es der Wirtschaft langfristig schadet wenn Privatvermögen besteuert wird, zieht hier wirklich nicht, da die Wirtschaft in jedem möglichen Szenario massiv schaden nehmen wird. Die FDP hat den Ernst der Lage nicht verstanden und versucht hier verantwortungslos ihre Klientel vor sehr verhältnismäßigen Forderungen zu schützen. Es wird noch einmal mehr deutlich, dass es sich hier nicht um eine Partei mit Wertefundament sondern um einen privaten Lobbyverein für Vermögende handelt. Schade um echte Liberale wie Leutheusser-Schnarrenberger aber die Lindners geben jetzt den Kurs an und schaden allen.


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silverhulk #1.12

... Und was sagt die FDP denn eigentlich dazu, dass einige Großkonzerne nun die neuen Hilfen für kleine und mittlere Unternehmen zu missbrauchen versuchen, indem auch sie trotz großer Vermögen keine Miete mehr zahlen wollen? Ich hab dazu bisher noch nichts von der FDP gehört...


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DerManu1234 #1.34

Der Reiche ist ja meist nur deswegen reich, weil er jahrzehntelang mit strengster Ausgabendisziplin gelebt hat. Vielleicht hat er zudem etwas riskiert, sich selbständig gemacht, etwas erfunden usw. Ist doch höchst unfair und auch höchst unklug, dass so ein Verhalten jetzt bestraft wird. Zudem müssen Selbständige Vermögen aufbauen, da auf sie keine Rente wartet und auch die Krankenkasse stets selbst gezahlt werden muss.

Derjenige hingegen, der immer nur fröhlich in den Tag hinein gelebt hat, kein Vermögen aufgebaut hat, immer nur zur Miete gewohnt hat und diese vielleicht sogar sich vom Sozialstaat hat finanzieren lassen, der ist jetzt fein raus.


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Wollte auch mal was schreiben #1.55

Nehmen wir doch mal als eins von vielen möglichen Beispielen den Herrn Diess, aktuell beschäftigt als VW-Chef.

Der verdient im Jahr 7 Millionen Euro.
Auf den Monat gerechnet macht das € 583.333,33.
Soviel verdient eine Lildl-Kassiererin nicht in 5 Leben.

Glauben Sie, der merkt das irgendwie wenn er davon EINMALIG € 50.000 abgeben muss?

Soll ich jetzt noch ein paar andere Manager aufzählen oder ein paar Fußballspieler?

Ausserdem ist der Artikel 106 des Grundgesetzes kein Klassenkampf sondern ein Teil des Gesetzes, dem Sie Ihr auskömmliches und auch relativ sicheres Leben hier in diesem Lande verdanken.


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Three Legged Workhorse #1.90

"Der Reiche ist ja meist nur deswegen reich, weil er jahrzehntelang mit strengster Ausgabendisziplin gelebt hat."

Kennen Sie die Statistiken?
https://www.zeit.de/wirtschaft/2016-10/reichtum-deutschland-hochvermoegen-arbeit-schenkungen-erbschaften
https://www.spiegel.de/wirtschaft/reichtum-deutschland-hat-die-meisten-multimillionaere-in-europa-a-1003878.html

Mit Arbeit und Sparsamkeit hat das bis auf Ausnahmen ganz speziell in Deutschland wenig zu tun. ...


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schon-wieder-vergessen #1.82

“Der Reiche ist nur reich weil er hart gearbeitet hat, .... “

Selten so gelacht. ...


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weiterwursteln #1.124

***** Der Reiche ist ja meist nur deswegen reich, weil er jahrzehntelang mit strengster Ausgabendisziplin gelebt hat. Vielleicht hat er zudem etwas riskiert, sich selbständig gemacht, etwas erfunden usw. Ist doch höchst unfair und auch höchst unklug, dass so ein Verhalten jetzt bestraft wird....*****

*********

Etwas weniger Polemik und Pauschalierung hätte Ihrer Antwort nicht geschadet. Ich kenne wirklich sehr wenige Reiche, die Ihren Vorstellungen entsprechen. Warum erwartet der Selbständige keine Rente, er hätte doch ganz normal auch als Selbständiger in die solidarische Rente einzahlen können (was viele auch machen), er hätte sich auch in der normalen (solidarischen) Krankenversicherung anmelden können. Was ist unfair daran wenn alle gemeinsam einen Beitrag für die Allgemeinheit leisten müssen.

Die ganzen auf Kurzarbeit gesetzten Arbeiter erhalten doch auch nur 60-67% ihres Geldes obwohl Sie immer fleißig tätig waren. Fein raus ist zur Zeit überhaupt Keiner, absurde Unterstellung Ihrerseits.

Dieser Virus ist eine Gesamtgesellschaftliche Krise bei der alle, je nach finanzieller Möglichkeit zur Lösung beitragen müssen. Und wenn Leute mehrere Hunderttausend Euro auf dem Konto haben, warum sollen diese dann nicht mit 10% davon zur Lösung beitragen. Mit Sicherheit werden nach dem Virusproblem auch endlich die lange nötigen Europäischen Steuerproblematiken gelöst. Google, Apple, Facebook, Börsengewinner, Spekulanten etc. gerecht zur Kasse gebeten.


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Schwarze Hanne #1.127

"Ich kenne zig Leute in meinem Umfeld mit völlig unterschiedlichem Background, die es ohne Zutun ihrer Eltern zu etwas gebracht haben. Einfach durch den Besuch eines staatlichen Gymnasiums (kann jeder besuchen), einer staatlichen Universität oder einer Meisterschule sowie Fleiß, Disziplin, Verbindlichkeit und Ehrgeiz."//

Ja, zu denen gehöre ich irgendwie auch. Aus einer Alleinerziehenden-Familie stammend mit einer Mutter, die uns als einfache Postangestellte über Wasser gehalten hat, ohne amiliären Bildungshintergrnd, habe ich es immerhin zu einem Universitätsabschluss und einem gut bezahlten Beruf geschafft. Millionär konnte ich dadurch aber nicht weden. Und zwar ohne besonders verschwenderisch zu sein. Dafür brauchen Sie z.B. nur in einem Ballungsgebiet mit hohen Mieten oder Immobilienkaufpreisen zu leben. Zack, landet ihr Geld auf den Konten von anderen, die dann damit reich werden können, aber auch nur, wenn sie denn mehrere von solchen Immobilien haben. Z.B. geerbt. Wobei wir wiedr beim Thema wären.
Die Zeiten sind vorbei, wo man allein mit Fleiß und Sparsamkeit reich werden konnte. Das ging vielleicht einmal in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Heute nicht mehr.


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  think-different #72 

vor nicht allzulanger zeit, hat ein anderes SPD mitglied in dieser zeitung eine ganz andere meinung vertreten [ Eine Vermögensteuer ist weder gerecht noch sozial. Gerade Sozialdemokraten sollten die Finger davon lassen. Ein Gastbeitrag von Otto Schily 23. Oktober 2019].

er schrieb: «Eine Vermögensteuer ist weder gerecht noch sozial. Gerade Sozialdemokraten sollten die Finger davon lassen [...] Kaum ein Tag vergeht, ohne dass die SPD Vorschläge auftischt, die für den Mittelstand eine ernsthafte wirtschaftliche Bedrohung darstellen. Der SPD scheint ohnehin seit dem Ausscheiden von Gerhard Schröder aus der aktiven Politik wirtschaftlicher Sachverstand abhandengekommen zu sein [...] Die Vermögensteuer ist aber weder gerecht noch sozial, sie ist wirtschaftsschädigend und damit unsozial, ungerecht und mittelstandsfeindlich. Die Befürworter der Vermögensteuer berufen sich in erster Linie auf die Vermögensverteilung in Deutschland. Aber die Vermögensteuer bewirkt keineswegs eine Besserstellung von wirtschaftlich Schwächeren. Sie konfisziert lediglich Vermögen. Genau genommen ist sie deshalb eine Verstaatlichung von Vermögen. Sie entzieht gerade den mittelständischen Unternehmen Eigenkapital, das für ihre Entwicklung von großer Bedeutung ist»

https://www.zeit.de/2019/44/vermoegensteuer-eigentum-gerechtigkeit-sozialdemokraten


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FreierTerraner #72.2 

Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und differenziert. Danke, die Redaktion/sh


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Ernst Blache #79

Bemerkenswert. Ausgerechnet die Partei, die mit ihrer Agenda 2010 den sozialen Zusammenhalt aufgekündigt hat, kommt jetzt mit Vorschlägen, die die Linken schon lange machen. Was dem Vorschlag an sich nichts von seiner Richtigkeit nimmt.


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Brunoeder #80

es wäre an der Zeit, nach der Krise umzudenken. Mehr Solidarität und gemeinsames europäisches Denken wäre angesagt. Ich weiß nicht, ob wir hier eine Revolution (in unseren Köpfen) brauchen. Zu viel Kapital in wenigen Händen, mehr als 90% sind arm.
Wir brauchen Visionäre, die das in die Hand nehmen, keine Lobbyisten oder Berater der Politik. Wir brauchen hier keine nationalistischen Machthaber und keine handlungsunfähige EU. Demokratie geht vom Volk aus!


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lotsofquestions #108

Klassenkampf reloaded! Traurig traurig! Warum sollen Menschen, die sich etwas aufgebaut haben, vornehmlich zur Altersvorsorge zur Kasse gebeten werden. Im übrigen ist dann jeder Beamte mit seinen Pensionsansprüchen Millionär und müsste auch darauf Vermögenssteuern zahlen!


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Vielreisender Zeitungsl3ser #111

Was ist das für ein Bild was Frau Esken abgibt, furchtbar, in diesen schweren Zeiten sind wir relativ geeint aufgrund einen gemeinsamen Feindes. Frau Esken möchten schnell wieder den sozialen Spaltpilz nutzen, um sich zu profilieren, einfach widerlich. Ich möchte die Prognose wagen, es geht weiter mit einer Art Hexenverfolgung. Als nächstes sind in aberwitziger Weise sogenannte Reiche schuld an Corona, weil sie mehr Geschäftsreisen tätigen und danach rechnet die AFD in einer abstrusen Logik vor , dass an allem Asylanten schuld sind, dass ist genau der Stil von Frau Esken, und das in Zeiten, wo sich Menschen zu früh von ihren Großeltern verabschieden müssen, mir fehlen die Worte.


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Gisbert Beaumarais #114

Wenn man wirklich an die sprichwörtlichen "oberen Zehntausend" ginge, fände ich das gut. Sagen wir an die oberen 5%. Bei welchen Betrag auch immer wir da landen. Ich befürchte nur, dass man bei 60.000,- € brutto per anno anfängt. Wie sieht es denn in dem Zusammenhang mit einer Erhöhung dr Erbschaftssteuer aus? Mit einer Steuerreform insgesamt. In Deutschland ist es doch wohl so, dass hier Arbeit bei der Besteuerung gegenüber Kapitaleinkünften und Erbschaften deutlich benachteiligt wird.
Ändern wir die Beteuerung weg von einer Erben- und Zockergesellschaft hin zu einer Gesellschaft, in der sich Leistung wirklich lohnt. Da sollten doch gerade FDP und CDU einsehen. Oder sollte deren Geschwätz von der Leistungsgesellschaft nichts als hohles Gerede sein?


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iConRad #115

Hervorragende Idee, wenn es sich dabei allein um Privatvermögen handelt und „nur“ die oberen 10% betrifft.
Gerade die Wohlhabenden sollten sich jetzt freiwillig solidarisch zeigen, um die angeblich falschen Vorurteile abzubauen.

Hier von Klassenkampf zu reden ist zynisch. Zum einen ist dies im GG nicht grundlos verankert, die Vermögen wurden schließlich hauptsächlich in D. aufgebaut sicherlich nicht ohne Hilfe aller Steuerzahler (Siehe Infrastruktur, Konsumenten etc.) und zum Anderen würde man sich doch selbst die Lebensgrundlage entziehen, wenn der soziale Frieden kippt.


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Matze 83 #123

Ein sicherlich bedenkenswerter Vorschlag von Frau Esken. Es gibt genug wirklich reiche Menschen in diesem Land die nicht gleich in die Armut fallen (auch wenn manche so tun) wenn sie ein paar Prozent ihres Vermögens abgeben müssen.
Ich habe neulich gelesen es gäbe aktuell über 1 Million Vermögensmillionäre in Deutschland. Jeder von denen wird es sich leisten können ein paar Tausender abzugeben (einmalig, wohlgemerkt). Da kommt schnell viel zusammen.

Die Reaktion der FDP dagegen ist die übliche, in solchen Zeiten recht widerliche, Klientelpolitik. Man will nicht nur nichts abgeben, nein, durch Steuersenkungen will man sogar noch was rausholen. Denn Steuersenkungen nützen zunächst mal immer den Reichen. Viele von denen die aktuell finanziell besonders gebeutelt sind verdienen nämlich so wenig das sie eh keine Steuern zahlen.


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Zappaloge #103

Viele Milliarden Euro wurden durch die Banken mittels Cum-Ex Geschäften den öffentlichen Haushalten entzogen. Insbesondere Hamburg unter Führung und Toleranz der SPD hat die lokalen Banken geschont. Das wäre mein erster Ansatz zur Verbesserung der Finanzierung der Haushalte. ...


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recht und gerechtigkeit #131

Ich finde, es ist ein falscher Zeitpunkt, einen Klassenkampf anzuzetteln. ...


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vHutten #132

Eskens Vorschlag entstammt einmal mehr der politischen Mottenkiste.
Ich dachte diese Denken wäre in Dtl seit der USPD verschwunden.


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Otus #134

Ich habe mir alles selbst aufgebaut, angefangen von der Hütte, in der ich geboren wurde. Und jetzt kommen die Neider mit ihrem "Eigentum verpflichtet" und wollen uns unsere Freiheit nehmen.


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avalon64 #144

... Millionen von Kurzarbeitern, Ladenbesitzern und Gastronomen fragt auch niemand, ob sie Lasten tragen wollen.


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realino #98

Der Aufschrei der offensichtlichen Besser- und Best-Verdienenden in diesem Forum ist erschreckend. Solidarität sollen doch besser die anderen üben.


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Myletter #139

1 Million Millionäre gibt es in Deutschland - es kämen also mindestens 50 Milliarden zusammen, eher mehr, weil unter ihnen viele Multimillionäre. Interessant wäre zu erfahren, wieviel Vermögen überhaupt in Millionärshänden liegt. Weiß das jemand ?


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kannverstan #139.1

Geld ist genug da:
"Die zehn reichsten Prozent besitzen über die Hälfte des Vermögens in Deutschland"
https://www.l-iz.de/politik/kassensturz/2019/10/Die-zehn-reichsten-Prozent-besitzen-ueber-die-Haelfte-des-Vermoegens-in-Deutschland-298983

etwas altbackene Zahlen stehen hier:
https://de.wikipedia.org/wiki/Verm%C3%B6gensverteilung_in_Deutschland
vielleicht nimme sich mal jemand die Zeit für deren Aktualisierung ...


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[...] Kommt nach Occupy Wall Street jetzt Occupy Homeoffice? Ein Anruf in London beim Anthropologen und Kapitalismuskritiker David Graeber – der hofft, dass unser Arbeitsleben und unser Wirtschaftssystem nie wieder sein werden wie vor der Corona-Krise.

ZEIT ONLINE: Herr Graeber, plötzlich ist Homeoffice doch möglich und Supermarktkassiererinnen sind systemrelevant. Stellt die Corona-Krise auch unsere Arbeitswelt für immer auf den Kopf?

David Graeber: Hier in Großbritannien hat die Regierung eine Liste zusammengestellt mit den systemrelevanten Berufen – wer in denen arbeitet, darf weiterhin seine Kinder in die Schule schicken, wo sie betreut werden. Die Liste besticht durch die erstaunliche Abwesenheit von Unternehmensberatern und Hedgefondsmanagern! Die, die am meisten verdienen, tauchen da nicht auf. Grundsätzlich gilt die Regel: Je nützlicher ein Job, desto schlechter ist er bezahlt. Eine Ausnahme sind natürlich Ärzte. Aber selbst da könnte man argumentieren: Was die Gesundheit angeht, trägt das Reinigungspersonal in Krankenhäusern genauso viel bei wie die Mediziner, ein Großteil der Fortschritte in den letzten 150 Jahren kommt durch eine bessere Hygiene.

ZEIT ONLINE: In Frankreich erhalten die gerade besonders geforderten Supermarktangestellten jetzt eine Bonuszahlung – auf Drängen der Regierung. Von allein regelt der Markt das nicht.

David Graeber: Weil der Markt gar nicht so sehr auf Angebot und Nachfrage basiert, wie uns immer eingeredet wird – wer wie viel verdient, das ist eine politische Machtfrage. Durch die aktuelle Krise wird jetzt noch deutlicher: Mein Lohn hängt überhaupt nicht davon ab, wie sehr mein Beruf tatsächlich gebraucht wird.

ZEIT ONLINE: Um dieses Missverhältnis geht es in Ihrem aktuellen Buch Bullshit Jobs: Viele gesellschaftlich unverzichtbare Jobs werden schlecht bezahlt – während gut bezahlte Angestellte oft daran zweifeln, ob ihre Bürotätigkeit überhaupt irgendeinen Sinn erfüllt oder ob sie nur einen "Bullshit-Job" machen.

Graeber: Was mir wichtig ist: Ich würde niemals Menschen widersprechen, die das Gefühl haben, mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag zu leisten. Ich habe für mein Buch aber Stimmen gesammelt von Leuten, die genau dieses Gefühl eben nicht haben: Sie sind teilweise tief frustriert, weil sie etwas zu unser aller Wohl beitragen wollen. Aber um genug Geld für ihre Familien zu verdienen, müssen sie genau die Jobs machen, die keinem was bringen. Leute haben zu mir gesagt: Ich habe als Kindergartenerzieher gearbeitet, das war toll und erfüllend und wichtige Arbeit, aber ich konnte meine Rechnungen nicht mehr zahlen. Und jetzt arbeite ich für irgendein Subunternehmen, das eine Krankenversicherung mit Informationen versorgt. Ich markiere den ganzen Tag irgendwelche Formulare, niemand liest meine Berichte, aber ich verdiene zwanzigmal so viel.

ZEIT ONLINE: Was passiert mit diesen Büroangestellten, die ihre Bullshit-Jobs jetzt wegen des Coronavirus aus dem Homeoffice erledigen?

Graeber: Manche melden sich jetzt bei mir und sagen: Ich habe immer vermutet, dass ich meinen Job auch in zwei Stunden in der Woche erledigen könnte, aber jetzt weiß ich tatsächlich, dass es so ist. Denn sobald man das von zu Hause aus macht, fallen zum Beispiel oft die Meetings weg, die überhaupt nichts bringen.

ZEIT ONLINE: Nach der Finanzkrise im Jahr 2008 waren Sie bei der Protestbewegung Occupy Wall Street engagiert, Aktivisten besetzten unter anderem einen Park in der Nähe der New Yorker Börse. Könnte die Corona-Krise eine ähnliche linke Bewegung hervorbringen? Ein Occupy Homeoffice?

Graeber: Wenn, dann ist das Motto eher: Occupy die Wohnung, in der du lebst, und zahle keine Miete mehr. Gerade wird viel über Mietstreiks gesprochen, weil die Menschen wegen der Corona-Krise ihre Miete nicht mehr zahlen können. Und dann geht es ganz konkret darum, die systemrelevanten Arbeiter zu unterstützen, denen nicht die Ausrüstung zur Verfügung gestellt wird, die sie brauchen, um ihren Job zu machen. Es ist doch in unser aller Interesse, dass medizinisches Personal und Lieferfahrer Schutzausrüstung haben.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig erfahren wir in dieser Krise sehr anschaulich, wie zentral Arbeit für unsere Gesellschaft ist: Egal, wie viele Orte die Menschen jetzt nicht mehr aufsuchen dürfen, an ihren Arbeitsplatz sollen sie häufig weiterhin gehen.

Graeber: Man sieht das bei Einschränkungen im öffentlichen Nahverkehr: Wenn man den zumacht, dann zuerst am Wochenende. Man kann nicht mehr in den Park. Aber Gott verbiete, dass man nicht mehr zur Arbeit gehen kann! Obwohl wir doch längst gemerkt haben, dass ein großer Teil der Arbeit überhaupt nicht im Büro erledigt werden muss.

ZEIT ONLINE: Das wäre tatsächlich ein Erkenntnisgewinn aus der gegenwärtigen Situation, oder?

Graeber: Ja. Die Frage ist bloß: Werden die Leute, wenn diese Krise vorbei ist, so tun, als sei das alles nur ein Traum gewesen? Nach der Finanzkrise im Jahr 2008 konnte man Ähnliches beobachten: Einige Wochen lang haben alle gesagt: "Oh, alles, was wir für wahr gehalten haben, stimmt ja gar nicht!" Man hat endlich grundsätzliche Fragen gestellt: Was ist Geld? Was sind eigentlich Schulden? Aber irgendwann hat man plötzlich entschieden: "Halt, wir lassen das jetzt wieder. Lass uns so tun, als sei das alles nie passiert! Lass uns alles wieder so machen wir vorher!" Und die neoliberale Politik und die Finanzindustrie haben einfach weitergemacht. Darum ist es so wichtig, dass wir, was wir uns in Krisenzeiten endlich eingestehen, danach nicht wieder verdrängen – zum Beispiel, welche Jobs wirklich systemrelevant sind und welche nicht.

ZEIT ONLINE: In diesem Sinne hoffen viele schon jetzt: Wenn wir durch radikale gesellschaftliche Veränderungen die Corona-Katastrophe gemeinsam abwenden können, dann wird es uns danach auch gelingen, den Klimawandel aufzuhalten.

Graeber: Die Frage ich doch: Wie können wir die CO2-Emissionen massiv reduzieren, ohne dass wir damit wieder Belastungen für die Schwächsten schaffen? Wenn in Umfragen ein Drittel aller Menschen angibt, dass ihre Jobs nutzlos sind, dann ist das sehr viel Energie, die wir an dieser Stelle verbrauchen, obwohl wir das gar nicht müssten – allein schon für die klimatisierten Bürogebäude. Man könnte also Emissionen reduzieren und sogar das Leben der Menschen angenehmer machen, wenn man sie nicht mehr dazu zwingt, Jobs zu machen, die sogar sie selbst nutzlos finden.

ZEIT ONLINE: Um die Menschen von ihren Bullshit-Jobs zu befreien, schlagen Sie die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens vor. Viele Aktivisten sprechen jetzt von einer anderen Welt, die plötzlich möglich scheint. Aber ist es nicht völlig illusorisch, dass wir ausgerechnet in solch einer Krise unser Wirtschaftssystem umbauen können? Während wir gleichzeitig eine weltweite Katastrophe bekämpfen?

Graeber: Es ist sogar viel einfacher, mitten in einer Krise solche Veränderungen durchzusetzen! Wir organisieren unsere Wirtschaft ja gerade sowieso um, ob es uns jetzt gefällt oder nicht. So viele grundsätzliche Fragen wurden lange nicht gestellt, weil man sie gar nicht formulieren konnte in der Sprache der neoliberalen Ökonomen. Die haben so getan, als wären sie im Besitz einer Wissenschaft, die sowieso schon alle Antworten kennt. Der Neoliberalismus ist in seinem Kern ein Mittel, um Leute davon abzuhalten, sich eine andere, abweichende Zukunft auszumalen – weil sowieso alles alternativlos ist. Aber vielleicht hängt die Zukunft in Wirklichkeit ja von uns ab! Genau das bemerken wir jetzt in dieser Krise. Die Frage ist nur: Was passiert danach?

ZEIT ONLINE: Viele Menschen werden sich gerade vor allem wünschen, dass sie gesund bleiben und irgendwann alles wieder so ist wie vorher. Sie wollen keine Veränderung, sondern einfach ihr normales, neoliberales Leben zurück. Verständlich, oder?

Graeber: Klar, das wünschen sich viele. Aber wir haben schon jetzt viele Illusionen verloren, die wir uns gemacht haben, auch über die Arbeitswelt und wer dort wie wichtig ist. Um den Geist dann wieder in die Flasche zu kriegen, muss man viel Vergessensarbeit leisten. Man muss wieder vergessen, wer wirklich die Arbeit macht und dafür viel zu wenig verdient. Außerdem steht uns die allergrößte Krise noch bevor, der Klimawandel. Wir standen die ganze Zeit auf den Gleisen und ein Zug kam uns direkt entgegen. Und jetzt hat uns jemand brutal von diesen Gleisen gestoßen, das tut weh und ist schrecklich. Aber das Dümmste, was wir tun könnten, wenn wir wieder auf die Beine kommen: Uns wieder zurück auf die Gleise stellen, wo der Zug auf uns zurast!


Aus: "David Graeber: "Werden wir danach so tun, als sei alles nur ein Traum gewesen?"" Lars Weisbrod (31. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2020-03/david-graebner-coronavirus-kapitalismus-bullshitjobs/komplettansicht

https://twitter.com/larsweisbrod/status/1244917564167393282?s=03

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Robert Nozick #2

Zwar stimme ich mit Herrn Graeber grundsätzlich schon mal nie überein - vor allem was ein Grundeinkommen angeht - aber tatsächlich beleuchtet Corona das Missverhältnis zwischen gut bezahlter und systemwichtiger Tätigkeit schlaglichtartig.

Ich habe absolut nichts dagegen, wenn sich das in Zukunft mal ändert und etwas mehr Gerechtigkeit bei der Bezahlung eintritt, bin allerdings momentan hochzufrieden damit, einen zu 90% im Homeoffice zu erledigenden Bullshitjob zu haben, der mich maximal 30-50% der realen Arbeitszeit tatsächlich beschäftigt und der momentan in vollbezahltem Corona-Urlaub mit gelegentlichem E-Mail-checken besteht.

Augen auf bei der Berufswahl!
Jeder muss für sich entscheiden, ob ihm Sinnhaftigkeit oder Preis-Leistungs-Verhältnis seines Jobs wichtig ist.


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S1072 #2.1

Ihr Kommentar zeigt aber, dass sie realistisch betrachtet, morgen auf der Straße sitzen müssten, weil Sie viel zu viel Geld kosten, für das, was Sie tatsächlich "leisten". ...


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Robert Nozick #2.5

Das war eine reine Zustandsbeschreibung!

Kommen Sie nicht damit klar, wenn man Dinge beschreibt, die momentan ein paar Millionen Schreibtischtäter so gehen, auch wenn es die Wenigsten offen zugeben?

Oder geht das nur, wenn Herr Graeber das abstrakt beschreibt?

Es gibt nun mal Aufgaben, die haben in der gegenwärtigen Situation null Priorität.

Nehmen wir beispielsweise die regelmäßigen Prüfungen in Alten-und Pflegeheimen. Die machen unter normaler Umständen absolut Sinn. Momentan sind die ausgesetzt, weil die Heime weit wichtigere Probleme haben. Die Mitarbeiter bei den Prüfdiensten, die keine pflegerische Ausbildung haben, machen jetzt auch maximal Beschäftigungstherapie.

Oder würden Sie es für sinnvoll halten, dass zum Beispiel der Bundesrechnungshof jetzt Krankenkassen oder Krankenhäuser mit Wirtschaftlichkeitsprüfungen beschäftigt?
Ich arbeite nun einmal in einem (ähnlichen) Bereich, dessen Tätigkeit in normalem Zeiten Sinn macht, momentan aber komplett kontraproduktiv wäre.


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schibby #2.27

"Eins machen Sie sehr deutlich. Sie sind und ihr Job sind ganz bestimmt nicht systemrelevant."

In einem so komplexen System wie unserer/einer Gesellschaft ist es kaum zu überblicken wer alles systemrelevant ist.

Die Supermarkt Kassiererin ist system relevant oder?
Wie sieht es aus mit:

-dem Regalfüller?
-dem LKW-Fahrer der die Ware transportiert?
-dem Spediteur, der dessen Route plant?
-dem Mechaniker, der den LKW am laufen hält?
-dem Sachbearbeiter der die Löhne überweist?
-dem Bankangestellten der das Banking-Programm betreut?
-ich kann das ewig weitermachen xD


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Ring Road #5

Der Unterschied zur Finanzkrise 2008 ist jedoch, dass die jetzige Krise maßgeblich durch Corona verursacht wurde und folglich die Akzeptanz des aktuellen Wirtschaftsystems nicht generell in Frage gestellt wird, da kein Fehler des Systems vorliegt.

Leute wollen auch nach der Krise wieder kaufen, reisen, kurz gesagt konsumieren.

Außerdem wurde noch nie nach Systemrelevanz vergütet, sondern stets nach Qualifikation, Marktsituation, Tarif, Verantwortung/Führung und Wettbewerb.


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Nibbla #5.1

Vitamin B nicht vergessen. Und nach oben scheitern kann man in manchen Bereichen leider auch.


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Kreuzberger-10999 #8

Die Corona Krise sehe ich als große Chance, um Denkräume zu eröffnen.

Viele Menschen konnten sich nicht vorstellen das drastische Massnahmen zum Klimaschutz umsetzbar sind, die gerade zwangsweise umgesetzt werden. Zu Recht, denn jetzt sehen wir den ökonomischen Preis den wir dafür zahlen, auf Tourismus (Flüge, Kreuzfahrtschiffe, Hotels , Messen) zu verzichten. Millionen Menschen werden arbeitslos, Steuereinnahmen brechen ein.

Aber plötzlich wird eine Welt ohne überbordenden Tourismus vorstellbar. Die Frage ist, fahren wir nach der Krise wieder alles hoch auf Vorkrisen Niveau oder versorgen wir die Menschen mit einem Grundeinkommen und "belohnen" Sie dafür, das sie auf ihre "klimaschädliche" Arbeit verzichten.

Ich habe eine große Sympathie für das Grundeinkommen. Oft wurde gesagt, das dann keiner mehr die unangenehmen systemrelevanten Jobs machen wird. Aber gerade jetzt erleben wir, das gerade diese Jobs eine ungemeine respektvolle Anerkennung erfahren.

Zudem erleben die Menschen gerade an sich selbst, wie anstrengend es sein kann 2-3 Monate zu Hause zu sitzen, selbst wenn sie Corona Hilfe vom Staat bekommen und finanziell das nötigste abgesichert ist - die Menschen wollen etwas sinnvolles tun.


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Odinseidank #12

Zur Kapitalismuskritik: Als ich vor einigen Tagen durch die lediglich leicht gefledderten Gänge eines Supermarktes ging dachte ich: Was für ein Glück, dass Corona nicht in der DDR passiert ist. Und wie leistungsstark unsere sozialen Marktwirtschaft ist, dass am nächsten Tag fast alles wieder in Hülle und Fülle einsortiert in den Regalen liegt.

Dass man die Pflege- und Heilberufe besser bezahlen muss, ist für mich allerdings gleichfalls klar.


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Cleaude #13

"Je nützlicher ein Job, desto schlechter ist er bezahlt"

Sorry, aber das ist reine Polemik. Da versucht jemand, diese Krise zu nutzen, um Propaganda zu betreiben. Alleine der Begriff "systemrelevant" ist irreführend. Der Landwirt und die Kassiererin sind systemrelevant, aber der Traktorhersteller nicht? Da sollte doch jedem klar sein, dass das nur kurzfristig zutreffen kann. Fast jeder Beruf ist legitimer Teil unseres Systems. Ja, sogar Hedgefondsmanager und Unternehmensberater.
Ich selber arbeite in der Forschung bezüglich Datenschutz. Ist das systemrelevant? Aktuell sicherlich nicht, aber ich denke, dass ich mit meiner Arbeit einen Anteil daran leiste, dass wir einen digitalen Fortschritt erleben, der nicht in einer Überwachungsdistopie endet. Das nutzt letztlich auch der Kassiererin und dem Arzt. ...


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Bullit #14

Ich kann dem Autor nicht zustimmen. Es gibt keine "Bullshit-Jobs". Es gibt nur Jobs, deren Bedeutung in bestimmten Situationen zunimmt, und welche, deren Bedeutung in bestimmten Situationen abnimmt. Jeder Beruf, mit dem sich auf Dauer Geld verdienen lässt und der die Wirtschaft am Laufen hält, hat seine Berechtigung, ganz einfach weil er nachgefragt wird, ansonsten würde dafür auf Dauer kein Geld bezahlt. Ich halte nichts von Leuten, die eine Krise zum Anlass nehmen um die Gesellschaft zu spalten.


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Kreuzberger-10999 #14.1

Ich kann ihre Argumentation gut nachvollziehen, sie steht unter der bisherigen kapitalistischen Prämisse:

"Wir produzieren alles, was sich irgendwie lohnt und verwerten lässt"

Die Frage ist, ob sich diese Prämisse in Zeiten des Klimawandels und des Ressourcenverbrauches nicht verändern sollte hin zu: "

"Wir produzieren das, was zum angenehmen Leben notwendig ist"

Und das mein nicht nur unbedingt notwendig und systemrelevan .
Ja, es soll Reisen, Kultur und Austausch geben. Aber vielleicht nur alle 3 Jahre eine große Reise für 6 Wochen, dazwischen kleinerer Reisen in die lokale Umgebung?
nur 3 Fernsehsender statt 20, in Berlin nur 1 Filmfestival statt 20?
Oder wir reparieren den Traktor, statt einen neuen zu produzieren?


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HH1960 #15

Der Mann spricht mir aus dem Herzen!

Ich kann meinen Job auch in 60-70% der Arbeitszeit und zum guten Teil auch im Home Office schaffen. Also reichen drei bis vier Tage Arbeit vollkommen.
Ein Weiter-so wie vorher, gibt es für mich nach der Krise nicht. Ich werde die Arbeitszeit reduzieren und soviel Home Office wie möglich machen. Das steigert die Lebensqualität erheblich, entlastet nebenbei die Straßen und schont die Umwelt.


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Joycastle #17

Ok, da hat also jemand nicht verstanden, worum es bei den "systemrelevanten" Jobs im Kontext der Coronakrise geht.

Zur Erinnerung: Eigentlich sollen wir ja alle zu Hause bleiben. Bei vielen Berufen geht das aber nicht. Und deshalb muss man bei den Berufen, *die nicht von zu Hause erledigt werden können*, sortieren zwischen "systemrelevant" und "nicht systemrelevant". Bei den Berufen, die von zu Hause erledigt werden können (z.B. Bundeskanzlerin), braucht man diese Unterscheidung nicht zu machen.

Wenn also Hegdefondsmanager nicht auf der Liste stehen, bedeutet das nicht, dass sie nicht systemrelevant sind, sondern nur, dass es egal ist, ob sie systemrelevant sind oder nicht.

Sind Anthropologieprofessoren eigentlich systemrelevant?


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Michael_Klane #21

Ich arbeite in so einem überflüssigen Job der sehr, sehr gut bezahlt wird. Wenn ich ehrlich bin, braucht es mich und meine ganzen Kollegen nicht.
Woher ich das weiß? Weil es diese Berufe und Tätigkeiten 1980 auch noch nicht gab und der Planet damals auch funktioniert hat. Ich bin mir zwar sicher, dass mir einige Kollegen widersprechen werden, aber das machen die nur, weil sie sich für wichtig und unersetzlich halten. In Wahrheit dürften ihnen auch klar sein, dass sie überflüssig sind.

Bricht man es noch weiter runter, dann kann man sagen, dass man nur Bauern, Lehrer und Ärzte brauchte. Der Rest ist Overhead bzw. ABM, damit sich der Grossteil der Bevölkerung nicht langweilt. :-)

...


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  Südvorstadt #21.1

Was machen Sie denn beruflich?


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Michael_Klane #21.2

Ich gehöre auch der in dem Artikel genannten "bösen" Berufsgruppe Unternehmensberater mit Schwerpunkt IT-Consulting an. Die Kunden die meine Kollegen und mich buchen sind zwar mit unserer Arbeit sehr zufrieden, weil wir deren Wünsche und Anforderungen entsprechend umsetzen und nachher in der Regel auch alles nach einer gewissen Zeit funktioniert, aber in meinen Augen braucht es diesen ganzen Quatsch den wir produzieren gar nicht. Das geht eher in die Richtung selbsterfüllende Prophezeiung. Weil alle anderen Unternehmen es machen, machen wir das jetzt auch. Und bricht man es rein auf Covid-19 runter, braucht man das alles noch weniger.


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Simma Wiedersoweit #22

Erinnert sich jemand an die Bewohner von Golgafrincham im Roman „Per Anhalter durch die Galaxies“ von Douglas Adams?

Achtung: SPOILER!

Die teilten sich in drei Klassen auf:
Klasse A waren die Wissenschaftler, geniale Führungspersönlichkeiten und bedeutende Künstler.
Klasse B waren die Filmproduzenten, Telefondesinfizierer, Frisöre, Unternehmensberater und Versicherungsvertreter.
In Klasse C kamen die Leute, die die ganze Arbeit machten.

Auf Golgafrincham wurde dann der nahe Weltuntergang erklärt, so dass alle Einwohner evakuiert werden mussten. Alle aus Klasse B wurden in einem Raumschiff los geschickt. Der Weltuntergang war aber ein Fake. Einige Zeit später starben schließlich alle restlichen Einwohner an einer Seuche, die durch ein nicht desinfiziertes Telefon verursacht wurde.


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klaurot #18

Aber irgendwann hat man plötzlich entschieden: "Halt, wir lassen das jetzt wieder. Lass uns so tun, als sei das alles nie passiert! Lass uns alles wieder so machen wir vorher!"
*
Das Problem ist, dass da nicht irgendwo ein Mufti sitzt, der sagt: So, ich leg' jetzt mal einen Schalter um, und dann läuft das so, wie ich es will. Tatsächlich passiert das nur wenig merklich in den Köpfen: der Politiker, der wieder anders redet als in der Krise, der Journalist, der anders darüber schreibt als unter dem Eindruck der Krise; der Banker, der seine Kunden anders berät als während der Krise; der Unternehmer, der bei seinen Entscheidungen wieder mehr auf Risiko setzt als auf Sicherheit uswusf. Der Kapitalismus wird auch diese Krise einfangen und die Party weitergehen lassen. Wo kämen wir sonst hin? Schließlich leben wir in diesem und keinem anderen System. Wenn wir uns nicht systemkonform verhalten, gehen wir ein.


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Gertrud. die Leiter #25

"Um den Geist dann wieder in die Flasche zu kriegen, muss man viel Vergessensarbeit leisten."

Genau das wird aber passieren. Seien wir ehrlich: Unsere Medien werden kräftig dabei helfen. ...


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APetri #20

Sein Wort in Gottes und des Kapitalismus' Ohr! Spätesten seit dem 11. September 2001 hieß es bei jeder Krise, die Welt werde danach eine andere. Sie blieb aber wie sie ist und der Turbokapitalismus nebst Globalisierung wurde nur noch schlimmer. Genaus so wird es such dieses Mal sein. In wenig mehr als einer Woche der Einschränkungen erhebt sich schon wieder das Gejammer insbesondere der besser gestellten Individuen und Unternehmen wegen der bevorstehenden Rezession, als ob wir krine andeten Sorgen hätten.
Leider stimmt nur eine der Vorhersagen über die Welt, die nicht mehr wie zuvor ist: seit besagtem 11. September ist der Höhepunkt von Demokratie und Freiheit überschritten, um zunehmend autoritären Tendenzen Platz zu machen. Auch insofern wird es auch nach Corona wieder weiter gehen wie bisher!


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Windei #34

Der Preis eines Gutes hängt nicht nur von seiner Nützlichkeit ab, sondern auch von seiner Verfügbarkeit. Deshalb kostet ein Diamant mehr, als ein Liter Wasser. Das Verhältnis kann sich ändern. In der Wüste wird das Wasser sehr wertvoll. Das ist böse menschliche Natur und Grundlagen-VWL. Schon möglich, dass momentan Finanztypen eher weniger gebraucht werden. Die Krise wird aber nicht ewig dauern und dann sind vermutlich auch wieder Zahlenjongleure gefragt oder sogar Ethnologen.


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villager18 #33

Ich denke, das groß angekündigte "In-sich-Gehen", das viele für die Zeit "nach Corona" beschwören, wird nach gewisser Zeit verblassen. ...


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[...]  Der Klimawandel verschlechtert nach Angaben der Vereinten Nationen die weltweite Wasserversorgung und die Qualität des Wassers. Weltweit hätten derzeit 2,2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser, teilte die Deutsche UNESCO-Kommission anlässlich der Vorlage des UN-Weltwasserberichts mit. 4,2 Milliarden Menschen - also mehr als 55 Prozent der Weltbevölkerung - hätten zudem keine sicheren Sanitäranlagen.

Der weltweite Wasserverbrauch sei mittlerweile sechs Mal so hoch wie noch vor 100 Jahren, hieß es in dem Bericht. Bevölkerungswachstum, Wirtschaftswachstum und veränderte Konsumgewohnheiten führten dazu, dass der Wasserverbrauch weiter um etwa ein Prozent pro Jahr steige.

Durch die Erderwärmung komme es zu häufigeren und extremeren Wetterereignissen wie Hitzewellen oder Starkregenfällen. In bereits betroffenen Regionen werde sich die Lage weiter verschlechtern, "beispielsweise in Form einer zunehmend unregelmäßigen und unsicheren Versorgung", warnt die UNESCO. Noch nicht betroffene Regionen würden "durch den Klimawandel in Zukunft ebenfalls unter Wasserstress leiden". Trockengebiete könnten sich weltweit beträchtlich ausdehnen.

 Um den Herausforderungen zu begegnen, werden im Weltwasserbericht zwei Lösungsansätze vorgeschlagen: Einerseits müsse Wassernutzung an den Klimawandel angepasst werden, andererseits solle nachhaltiges Wassermanagement durch Klimaschutz erreicht werden.

"Wir reden oft über Wassermangel und drohende Wasserkonflikte, aber zu wenig darüber, dass Wasser Teil der Lösung der Klimakrise ist", erklärte Ulla Burchardt, Vorstandsmitglied der Deutschen UNESCO-Kommission. Die nachhaltige Bewirtschaftung von Wasserressourcen sei ein Schlüsselfaktor, um eine bessere und nachhaltigere Wasserversorgung zu erreichen, sagte Burchardt.

Bis zu 90 Prozent aller Abwässer weltweit würden unbehandelt abgelassen und belasteten Umwelt und Trinkwasservorräte. Abwasseraufbereitung könne helfen, Treibhausgase zu reduzieren. Vor allem die Landwirtschaft müsse dringend an die Herausforderung von Wasser- und Klimakrise angepasst werden.

Die Autoren des Weltwasserberichts kritisieren in diesem Zusammenhang, dass Wassermanagement, Wasserverfügbarkeit und Sanitärversorgung unterfinanziert seien. Innovative Technologien würden noch zu selten eingesetzt werden. Im Bericht wird dazu aufgerufen, Wasser- und Klimaschutz so miteinander zu verbinden, dass Investitionen in wasserbezogene Bereiche für Investoren attraktiv werden.

 Die Wasserexpertin vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Laura von Vittorelli, nannte Wasser "unsere wertvollste Ressource, die es zu schützen gilt, vor allem unter zunehmendem Wasserbedarf in Zeiten der Klimaerhitzung". Die Behörden in Bund und Ländern ermahnte sie, der Gewässerschutz müsse "in allen Politikbereichen mitgedacht werden".

Die Umweltorganisation WWF kritisierte, die deutsche Lebensmittelbranche greife überall auf der Welt mit ihren Lieferketten in die lokalen Bedingungen von Flussgebieten ein und trage damit zu Wasserknappheit bei. "Wenn wir unseren gegenwärtigen Umgang mit Süßwasser nicht drastisch ändern, droht bis zum Jahr 2030 ein globales Süßwasserdefizit von 40 Prozent", erklärte WWF-Süßwasserexperte Johannes Schmiester.

Der Weltwasserbericht der Vereinten Nationen wird jährlich durch die UNESCO und deren World Water Assessment Programme erstellt. Dazu arbeiten 31 UN-Organisationen mit der UNESCO zusammen.


Aus: " UN-Weltwasserbericht: Klimawandel sorgt für Wassermangel" (22.03.2020)
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/weltwasserbericht-un-103.html

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[...] Ganz Italien ist eine Sperrzone. Schulen, Kindergärten, Universitäten sind geschlossen, Veranstaltungen abgesagt. Die Corona-Pandemie hat Italien schwer getroffen, viele Krankenhäuser sind überlastet, mehrere Tausend Menschen gestorben. ... Die Philosophin Donatella Di Cesare warnt vor Egoismen und kritisiert eine fehlende politische Präsenz. Den Glauben an die Europäische Union hat sie verloren. Die Italienerinnen und Italiener merkten, Europa existiere nicht mehr, sagt sie. ... Wir haben in Italien viele Krisen überlebt, und das auch, weil wir als optimistisch gelten, sagt die Philosophin Donatella Di Cesare. Aber diesmal sei alles anders.

Di Cesare: ... es gibt privilegierte Menschen, die zu Hause bleiben dürfen, und andere, die sich in dieser Krise exponieren müssen. Darüber wird die Politik nachdenken müssen. Wir sprechen gerade nicht über die Migranten. Und warum? Weil wir sie vergessen haben. Wir in Italien wissen nicht einmal, welche Maßnahmen gerade zum Beispiel in den Camps der Sinti und Roma hier in Rom gelten und in den Aufnahmeeinrichtungen für Geflüchtete. Es interessiert absolut niemanden gerade. Die Italienerinnen und Italiener sorgen sich um ihre eigene Immunität, denn das interessiert sie wirklich. Was auf Lesbos passiert, ist egal.

Claudio Rizzello: Allein auf der griechischen Insel Lesbos leben rund 20.000 Migranten unter menschenunwürdigen Bedingungen. Durch das Coronavirus droht ihnen nun auch noch eine medizinische Katastrophe. Warum lässt uns das kalt?

Di Cesare: Weil es immer erst um die eigene Immunität geht. Vor einigen Wochen noch wurden viele Chinesen in Italien stark diskriminiert. Sie wurden richtig angefeindet. Der Präsident der Region in Venetien, Luca Zaia, sagte im Fernsehen, Chinesen würden lebende Mäuse essen, daher käme das Virus. Das Video ging viral. Und Zaia, ein Vertreter der Lega-Partei, wollte damit natürlich Hass säen. Jetzt werden die Chinesen gefeiert, sind Helden, weil sie medizinische Versorgung nach Italien brachten. So funktioniert die immune Demokratie. Ich will meine Privilegien behalten und immun bleiben. Was draußen passiert, geht mich gar nichts an. Das ist das Spiel der Diskriminierung.

...


Aus: "Italien: "Ich weiß nicht, wie lange wir das durchhalten"" Interview: Claudio Rizzello (26. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/italien-coronavirus-krise-konsequenzen-donatella-di-cesare/komplettansicht
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Wortbrocken Cafe / [Kiel Gaarden... (Notizen, Fraktales Logbuch)]
« Last post by Textaris(txt*bot) on M?RZ 26, 2020, 12:07:58 nachm. »
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[...] Auch Monteursunterkünfte, z.B. in der Iltisstraße und am Tonberg waren Thema. Hier wohnen Bulgaren und Rumänen, die in Kiel zumeist auf dem Bau arbeiten. Man sieht morgens die Transporter, die sie zur Arbeit abholen. Herr Jungnickel vom Seniorenbeirat sagte, Monteurswohnungen wären nicht Neues, und die Bewohner lebten dort zwar auf Zeit, aber doch für länger. Hier wäre das Problem eher die ausbeuterischen Bedingungen unter denen diese EU-Arbeitnehmer in Kiel existieren.

...


Aus: "Zu viele Ferienwohnungen in Gaarden?" UrsulaS in Allgemein, Stadtteile (24. März 2020 )
Quelle: https://kielaktuell.com/2020/03/24/zu-viele-ferienwohnungen-in-gaarden/
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