Pages: [1] 2 3 4 5 6 7 8 9 10
 1 
 on: Yesterday at 04:27:52 PM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Quote
[...] Das Bürgerkriegsland Jemen hat nach Angaben des Kinderhilfswerks Unicef einen "beschämenden Meilenstein" erreicht: Seit Beginn der Kämpfe im März 2015 seien mehr als 10.000 Minderjährige getötet oder verwundet worden. Dabei handele es sich lediglich um die Fälle, die Unicef dokumentiert habe, betonte das Hilfswerk. Die wahre Zahl liege wohl höher, weil viele Fälle nicht gemeldet würden, sagte Unicef-Sprecher James Elder in Genf.

Der ohnehin stark verarmte Jemen liegt nach dem jahrelangen Bürgerkrieg in Trümmern. Mehr als 20 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Lage in dem Land gilt den Vereinten Nationen als schlimmste humanitäre Krise der Welt.

Laut Unicef sind vier von fünf Minderjährigen auf humanitäre Hilfe angewiesen – insgesamt elf Millionen. 400.000 Kinder sind schwer unterernährt. "Sie hungern, weil Erwachsene einen Krieg führen, in dem Kinder die größten Verlierer sind", sagte Elder.

Mehr als zwei Millionen Minderjährige besuchen keine Schule mehr. 1,7 Millionen Minderjährige seien durch Kämpfe und Gewalt mit ihren Familien vertrieben worden. 15 Millionen Menschen, davon 8,5 Millionen Minderjährige, hätten kein sauberes Trinkwasser oder keine Abwasserversorgung. Zwei Drittel der Lehrerinnen und Lehrer – insgesamt mehr als 170.000 – hätten in den vergangenen vier Jahren kein regelmäßiges Gehalt bekommen.

...


Aus: "Mehr als 10.000 Kinder im Bürgerkrieg im Jemen verwundet oder getötet" (19. Oktober 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2021-10/jemen-buergerkrieg-unicef-kinder-10000-verwundet-getoetet

Quote
Commomsense2006 #5

Erstaunlich, dass man winen ganzen Artikel über das unsäglich Leid und Elend der jemenitischen Bevölkerung zu schreiben und den Hauptprotagonisten, nämlich unseren Handelspartner Saudi-Arabien, mit keinem Wort zu erwähnen, statt dessen wird das Ganze als "Bürgerkrieg" behandelt, ganz so, als ob in erster Linie die Jemeniten sich gefenseitig an die Kehle gingen.


Quote
chris_b #7

kinder, die nie eine kindheit hatten, massakriert in diversen konflikten/kriegen dieser welt,
kinder, die nie eine kindheit hatten, aufgerieben in dieser welt durch politische systeme,
kinder, die nie eine kindheit hatten, verdammt als sklavenarbeiter in menschenunwürdigen tätigkeiten den lebensunterhalt zu verdienen,
kinder, die nie eine kindheit hatten, durch umweltbedingungen zu leben, als wäre die hölle der schönste spielplatz der welt...

kinder, die nie eine kindheit hatten...


-

Quote
[...] Die Militärintervention im Jemen seit 2015 ist eine militärische und politische Intervention einer von Saudi-Arabien angeführten Militärallianz im Jemen, der neben Saudi-Arabien Ägypten, Bahrain, Katar (bis 2017), Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate, Jordanien, Marokko (bis 2019), Sudan und seit Mai 2015 Senegal angehören und die von den Vereinigten Staaten von Amerika, Frankreich und Großbritannien logistisch unterstützt wird. ...


https://de.wikipedia.org/wiki/Milit%C3%A4rintervention_im_Jemen_seit_2015

Humanitäre Aspekte der Militärintervention im Jemen seit 2015
https://de.wikipedia.org/wiki/Humanit%C3%A4re_Aspekte_der_Milit%C3%A4rintervention_im_Jemen_seit_2015

 2 
 on: October 18, 2021, 11:12:09 AM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Quote
[...] Pflegestudierende der Berliner Hochschulen haben sich zusammengetan, um auf die prekäre finanzielle Situation ihres Studiums aufmerksam zu machen. Dabei ist die „Taskforce Pflege-Bachelor“ entstanden, die sich aus Studierenden der Alice-Salomon-Hochschule, der Charité und der Evangelischen Hochschule zusammensetzt. Sie wenden sich mit einem offenen Brief an die Berliner Politik.

„Wir möchten die berufliche Pflege bereichern und die Versorgungssituation verbessern. Jedoch geraten viele von uns unter enormen finanziellen Druck“, heißt es in dem Brief, der sich an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und andere Politiker:innen richtet. Auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Fraktionsvorsitzende und Mitglieder des Bundestags gehören zu den Adressierten.

In dem Brief fordern die Studierenden eine angemessene Entlohnung. Sie wollen dabei für sich die gleiche Vergütung von mindestens rund 1000 Euro monatlich erwirken, wie sie Auszubildende in der Pflege und Studierende eines Hebammenstudiums erhalten.

Nur so könne verhindert werden, dass die Akademisierung der Pflege scheitert. Doch genau das könnte eintreten, warnen die Studierenden in ihrem Brief, den sie als „Hilferuf“ sehen. Sie berichten von einem Leben am Existenzminimum.

 Das Studium ist sehr praxisorientiert: Etwa 50 Prozent der Studienzeit wird in pflegerischen Schichtdiensten mit 40 Stunden pro Woche gearbeitet, die andere Hälfte ist dem Studium an der Hochschule gewidmet. Für ihre Arbeit in der Pflege werden die Studierenden nicht vergütet.

Im Gegenteil: Zu den unbezahlten Arbeitsstunden kommen die Semesterbeiträge – bis zu 350 Euro pro Halbjahr. Die „Taskforce Pflege-Bachelor“ erklärt, dass viele Studierende, die kein Bafög beziehen können und keine elterliche Unterstützungen bekommen, darauf angewiesen sind, nach einer unbezahlten 40-Stunden-Woche noch nachts oder am Wochenende zu jobben. Hinzu kommt: Arbeitsrechtlichen Schutz gibt es für die Studierenden nicht.

 Eine solche Ungleichbehandlung sei nicht zu rechtfertigen, sagt Johannes Gräske, Professor für Pflegewissenschaften und Leiter des Studiengangs Pflege an der Alice-Salomon-Hochschule, auf Anfrage dem Tagesspiegel. „Ich halte die Vergütung der Pflegestudierenden tatsächlich für dringend notwendig.“

Andere Studiengänge, wie der für Hebammen, hätten bereits eine gesetzlich festgelegte Vergütung. „Zudem arbeiten Pflegestudierende insgesamt über ein Jahr in Vollzeit in der Praxis als Pflichtbestandteil ihres Studiums“, so Gräske. Das sei mit einem herkömmlichen Hochschulstudium nicht zu vergleichen.

In dem offenen Brief wird deutlich, dass Pflegestudierende unter der starken Doppelbelastung leiden. „Die genannten Umstände führen dazu, dass bereits viele unserer Kommiliton:innen das Studium abgebrochen und die Pflege verlassen haben. In einigen Jahrgängen schon nach einem Jahr an die 50 Prozent“, heißt es.

Der klare Appell an die Politik lautet, dass sie jetzt handeln müsse, wenn sie den Pflegenotstand wirklich beenden wolle. Gegen den Fachkräftemangel würden allein attraktivere Arbeitsbedingungen in der Pflege helfen. Die Studierenden bitten am Ende des Briefes: „Lassen Sie uns nicht im Stich!“

Dabei war es schon die Akademisierung, die den Pflegeberuf attraktiver machen sollte. Mit zunehmenden Angeboten der Hochschulen im Care-Bereich können sich Interessierte der Pflege nicht mehr nur für eine Ausbildung, sondern auch vermehrt für ein Studium entscheiden und damit für leitende Tätigkeiten qualifizieren.

An Berliner Hochschulen sind im Wintersemester 2020/21 drei neue Pflegestudiengänge mit insgesamt 180 Plätzen gestartet – mit dem erklärten Ziel, bessere Karrierechancen zu ermöglichen und so dem Pflegenotstand entgegenzuwirken.

Dem Deutschen Pflegerat zufolge fehlen bundesweit aktuell rund 200 000 Pflegende, im Jahr 2030 sollen es 500 000 sein. Durch den demografischen Wandel steige gleichzeitig die Zahl der Pflegebedürftigen von aktuell 4,1 Millionen auf 5,1 Millionen.

Die prekäre finanzielle Situation von Pflegestudierenden findet zumindest in Teilen der Politik Gehör. In einer Anfrage der Grünen-Fraktion vom 23. September an die Bundesregierung wird auf eben jene Missstände aufmerksam gemacht, die auch die Berliner Studierenden in ihrem offenen Brief ansprechen.


Aus: "Finanzielle Notlage führt zu Studienabbrüchen" (17.10.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/hilferuf-von-pflegestudierenden-finanzielle-notlage-fuehrt-zu-studienabbruechen/27713302.html


 3 
 on: October 17, 2021, 09:21:53 AM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Quote
[...] Der Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres des EU-Parlaments hat am Dienstag für einen Verordnungsentwurf gestimmt, mit dem das Mandat für Europol deutlich ausgeweitet werden soll.

Geht es nach den Abgeordneten, darf die Polizeibehörde künftig Daten von Unternehmen wie Facebook und Google sowie von Drittstaaten im großen Stil entgegennehmen, speichern und auswerten. Generell sollen zudem die Kompetenzen der europäischen Ermittler ausgeweitet werden, Big-Data-Analysen durchzuführen und dafür Algorithmen zu trainieren.

Für die Initiative votierten Berichten zufolge 47 Parlamentarier unter anderem von der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP), der liberalen Renew-Fraktion und von den Sozialdemokraten. 16 Volksvertreter waren dagegen, darunter die Angehörigen der Grünen und der Linken. [https://www.politico.eu/article/meps-vote-to-expand-europol-mandate/]

Laut dem Beschluss dürfen Kriminalbeamte von Europol künftig immer auch ohne Vorabgenehmigung Daten anfordern, wenn dies für eine Untersuchung erforderlich ist. Nationale Partner wie das Bundeskriminalamt (BKA) sollen ferner keine Richtererlaubnis mehr benötigen, um auf Daten von Europol zuzugreifen: der Den Haager Behörde wollen es die Abgeordneten gestatten, eigene Einträge in speziellen polizeilichen Informationssystemen der EU und der Mitgliedsstaaten vorzunehmen.

Der EU-Datenschutzbeauftragte Wojciech Wiewiorowski hatte Europol voriges Jahr dafür gerügt, rechtswidrig zu viele Informationen zu horten und etwa mit biometrischen Erkennungssystemen sowie Methoden "der digitalen Forensik" zu analysieren. Die Behörde verletze damit auch die Privatsphäre Unschuldiger wie Kontaktpersonen und Zeugen. Der Grundsatz der Datensparsamkeit müsse ordnungsgemäß angewendet werden. Mit der neuen Verordnung würde diese Kritik weitgehend hinfällig.

Wiewiorowski warnte in einer Stellungnahme zu dem Vorschlag, dass vorgesehene Ausnahmen von bestehenden Datenschutzregeln faktisch die Regel würden. Der Ausschuss fügte in Folge dem Entwurf der EU-Kommission zumindest noch Schutzgarantien hinzu, die sich etwa auf Pflichten zu Transparenz, Rechenschaft, Folgenabschätzungen und Audits vor dem Einführen neuer Technologien beziehen.

Die Grüne Saskia Bricmont monierte trotzdem, dass die Reform viele Bedenken rund um die Grundrechte aufwerfe. Europol erhalte erweiterte Befugnisse ohne unabhängige Kontrolle, illegale Praktiken würden legalisiert. Das Parlament muss die Ausschussposition im Plenum noch bestätigen, was als Formsache gilt. Danach können die Verhandlungen mit der Kommission und dem Ministerrat starten, der Europol noch weiter aufrüsten will.

(kbe)


Aus: "EU-Abgeordnete befürworten Europol-Befugnis für Big-Data-Analysen" Stefan Krempl (14.10.2021)
Quelle: https://www.heise.de/news/EU-Abgeordnete-befuerworten-Europol-Befugnis-fuer-Big-Data-Analysen-6217492.html

 4 
 on: October 14, 2021, 12:35:12 PM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Quote
[...] Die Welthungerhilfe hat vor einer Zunahme von Hungersnöten gewarnt. Generalsekretär Mathias Mogge sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): „Wir sind dramatisch vom Kurs Zero Hunger bis 2030 abgekommen, denn der Hunger ist wieder auf dem Vormarsch.“

Aktuell hungerten rund 811 Millionen Menschen weltweit, und 41 Millionen stünden kurz vor einer Hungersnot. „Der aktuelle Welthungerindex zeigt, dass 47 Länder noch nicht einmal ein niedriges Hungerniveau bis 2030 erreichen werden“, sagte er.

Die Welthungerhilfe stellt an diesem Donnerstag in Berlin offiziell den sogenannten Welthungerindex 2021 vor. Der internationale Bericht ermittelt die weltweite Hungersituation und soll zeigen, wo Fortschritte zu verzeichnen sind und in welchen Ländern der größte Handlungsbedarf besteht.

Mogge sagte dem RND: „Die Welthungerhilfe fordert politische Initiativen, um die Konflikte weltweit einzudämmen, finanzielle Anstrengungen, um den akuten Hungersnöten zu begegnen.“ Zudem seien verbindliche Vereinbarungen auf der bevorstehenden UN-Klimakonferenz in Glasgow zur Bekämpfung des Klimawandels nötig.

Die Ernährungslage verschlechtere sich wegen der vielen verschiedenen Krisen. Mogge nannte Kriege und Konflikte, den Klimawandel sowie die Folgen der Corona-Pandemie. Gewaltsame Konflikte hätten in den vergangenen Jahren wieder zugenommen. Sie seien einer der größten Hungertreiber. „Wo Krieg herrscht, werden Ernten, Felder sowie Infrastruktur zerstört und fliehen Menschen aus ihren Dörfern.“

Auch Bundesentwicklungsminister Gerd Müller schlägt Alarm. „Die Folgen der Corona-Pandemie und viele Konflikte haben in den letzten Jahren zu einer negativen Trendwende geführt: Millionen Menschen stehen ohne Arbeit auf der Straße, Versorgungsketten sind unterbrochen, Lebensmittelpreise steigen“, sagte der CSU-Politiker der „Augsburger Allgemeinen“. „130 Millionen Menschen sind so in Hunger und Armut zurückgefallen“, betonte der Minister. Der Klimawandel verschärfe die Lage.

„Wir müssen Hunger- und Armutsbekämpfung endlich als vorausschauende Friedenspolitik verstehen - und ganz oben auf die Agenda der Weltpolitik setzen“, forderte Müller vor dem Welternährungstag am 16. Oktober. Er verwies auf 15.000 Kindern, die jeden Tag verhungern. „Das ist ein unglaublicher Skandal“. Müller fügte hinzu: „Hunger ist Mord, denn wir haben das Wissen und die Technologie, alle Menschen satt zu machen.“

Eine Welt ohne Hunger sei grundsätzlich möglich, machte Müller deutlich. „Mit rund 40 Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr für eine nachhaltige Ernährungs- und Landwirtschaft durch die Industrieländer, Privatwirtschaft und Entwicklungsländer kann der Hunger bis 2030 besiegt werden.“ (dpa)


Aus: "Mehr als 800 Millionen Menschen betroffen: „Der Hunger ist wieder auf dem Vormarsch“" (14.10.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/mehr-als-800-millionen-menschen-betroffen-der-hunger-ist-wieder-auf-dem-vormarsch/27704854.html

 5 
 on: October 13, 2021, 05:19:18 PM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
(kontextwochenzeitung.de, Wolfgang Frommlet) Bei der Freude über die Verleihung des Friedensnobelpreises an die philippinische Journalistin Maria Ressa und den russischen Journalisten Dmitri Muratow komme ein Thema zu kurz, findet Wolfgang Frommlet: “Weder RSF [Reporter ohne Grenzen] noch überregionale Zeitungen sowie ARD und ZDF erwähnen einen der mutigsten Journalisten und Whistleblower der letzten 15 Jahre: Julian Assange. Er wird im wörtlichen Sinne totgeschwiegen.”
https://bildblog.de/131830/oesterreich-vs-oesterreich-assange-totgeschwiegen-kessel-sternenstaub/

Quote
[...] Die Zahlen sind erschreckend: Lediglich zwölf Länder kann die internationale Organisation "Reporter ohne Grenzen" (RSF für Reporters sans frontières) auf ihrem "Barometer der Pressefreiheit" 2021 als "gut" bezeichnen. 28 JournalistInnen und Medienschaffende wurden ermordet, 459 saßen in Haft. Zu Recht bezeichnet deshalb Christian Mihr von RSF die Verleihung des Friedensnobelpreises an die philippinische Journalistin Maria Ressa und an den russischen Journalisten Dmitri Muratow als ein Zeichen für den Schutz der Pressefreiheit.

Doch weder RSF noch überregionale Zeitungen sowie ARD und ZDF erwähnen einen der mutigsten Journalisten und Whistleblower der letzten 15 Jahre: Julian Assange. Er wird im wörtlichen Sinne totgeschwiegen. Sein Zustand – seit über zwei Jahren Isolationshaft im Londoner Schwerverbrechergefängnis Belmarsh – ist lebensbedrohlich. Das Londoner Gericht lehnte die von den USA geforderte Ausweisung (noch unter Donald Trump) aus gesundheitlichen Gründen ab, ebenso jedoch auch eine Freilassung auf Kaution mit der Auflage, sich regelmäßig zu melden. Auch unter Präsident Joe Biden gilt Assange als Verbrecher, die USA gingen in Revision. In den USA drohen Assange 175 Jahre Haft. Biden ignoriert Dutzende von internationalen Appellen von Ärzten, von internationalen wie amerikanischen Medien und Journalistenvereinigungen sowie die mehrfachen Vorwürfe von Nils Melzer, dem UNO-Sonderberichterstatter für Folter (Kontext berichtete: https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/535/todesstrafe-in-raten-7580.html). Die Geschichte dieser politischen Verfolgung ist ein Skandal für eine demokratische Gesellschaft.

Von "Mut und Tapferkeit" ist bei Maria Ressa und Dmitri Muratow in vielen Glückwünschen die Rede. Zu Recht. Sechs Kollegen von Muratow bei der russischen Oppositionszeitung "Nowaja Gaseta" wurden seit 2000 ermordet – eine der bekanntesten: Anna Politkowskaja –, andere in der Haft schwer verletzt. Maria Ressa berichtet furchtlos über die schweren Menschenrechtsverletzungen unter dem Drogenkrieg von Präsident Rodrigo Duerte. Auf die Redaktion des von ihr gegründeten Online-Nachrichtenportals "Rappler" wurde ein Chemie-Anschlag verübt, Ressa selbst war bereits mehrfach inhaftiert. Der Friedensnobelpreis an die beiden ehrt stellvertretend ebenso bedrohte, inhaftierte und mutige JournalistInnen in der Türkei, auf Haiti, im Iran, in Saudi-Arabien, Simbabwe oder Brasilien. "Ein Stachel für die philippinische Regierung" bedeute die Auszeichnung an Maria Ressa, meinte Christian Mihr von "Reporter ohne Grenzen".

So sehr dies für die Entscheidung des schwedischen Nobelkomitees spricht, umso mehr spräche dies dafür, dass der Friedensnobelpreis 2021 gedrittelt worden wäre. Denn Julian Assange ist, bei allem unbestrittenen Respekt für die beiden Preisträger, der bedeutendste und mutigste Whistleblower des zeitgenössischen Journalismus. Aber eben nicht in einem autokratischen Regime in Osteuropa oder in einer Diktatur in einem Land des Südens. Assange gründete 2006 Wikileaks, veröffentlichte das "war diary", 10.000 Seiten an Brutalität nicht zu überbietender Dokumente über amerikanische Kriegsverbrechen, über die Folter Unschuldiger auf Guantanamo, über politische Erpressung und Korruption der USA. Die USA haben beschlossen, an ihm ein Exempel zu statuieren, sie haben die politische Exekutive in Ecuador, Schweden und Großbritannien erpresst und die Justiz in London ist der Handlanger des amerikanischen Rachefeldzugs – nicht die Kriegsverbrechen der USA sind ein Verbrechen, sondern wer wagt, sie aufzudecken.

Assange in diesem Friedensnobelpreis mitauszuzeichnen, wäre ein "Stachel für die amerikanische Regierung" gewesen. Weltweit wäre Joe Biden an einer Stellungnahme und möglicherweise an einer Einstellung des Auslieferungsverfahrens nicht mehr vorbeigekommen. Dies dürfte dem schwedischen Nobelkomitee bewusst gewesen sein und diesen Affront, darf man vermuten, wagte es nicht.

Die Bekanntgabe des Friedensnobelpreises für demokratischen Journalismus fällt mit einer besonderen investigativen Leistung zusammen, sehr verwandt dem Whistleblowing von Julian Assange: "Yahoo News" veröffentlichten am 26. September, unter anderem basierend auf Aussagen ehemaliger amerikanischer Top-Beamter, dass Donald Trumps CIA Direktor Mike Pompeo Wikileaks zum Ziel von "offensive counterintelligence" erklärt hatte und der Plan bestand, Assange zu entführen (und in die USA zu überstellen) oder schon in London umzubringen. Yahoo belegt, dass die Firma UC Global, zuständig für die Sicherheit der ecuadorianischen Botschaft, in die sich Assange geflüchtet hatte, mit dem CIA zusammenarbeitete und die Aufgabe hatte, ihn zu kidnappen und zu ermorden. Der besondere Skandal dabei ist, dass ein australischer Staatsangehöriger entführt und ermordet werden sollte und dies in Canberra bis heute unter den Tisch gekehrt wird.

Nach den veröffentlichten ehemaligen Geheimplänen standen auf der Liste des CIA auch Glenn Greenwald, Begründer des linken "Intercept Magazins" und ehemaliger Kolumnist des "Guardian", sowie die Dokumentarfilmerin Laura Poitras. Die Verfasser dieser Investigationen sind bekannt – Zach Dorfman, Sean D. Naylor und Michael Isikoff. Sie sind jedes denkbaren Journalistenpreises würdig. Doch sie werden so wenig einen bekommen wie Julian Assange. Der gesamte CIA Plot verursachte in den britischen Medien keinen Aufschrei. Die einst progressive BBC berichtete in einer kleinen Meldung; "Channel 4", ansonsten führend, wenn es um die Verteidigung der Pressefreiheit geht, kein Wort; nicht anders in der Mehrheit deutscher Tageszeitungen gleich welcher Couleur und in ARD sowie ZDF. Julian Assange wurde erfolgreich "als Paria dämonisiert", wie es die britische Zeitung "The Independent" am 1. Oktober formulierte. Die amerikanischen Vorwürfen, Wikileaks habe das Leben von US-Agenten gefährdet, lassen sich laut "The Independent" übrigens nicht belegen. In einem Gerichtsverfahren 2013, so die Zeitung, hätten 120 US-Geheimdienstoffiziere nicht einen einzigen Mitarbeiter nennen können, der deshalb im Irak oder in Afghanistan getötet worden sei.

Dies alles beeindruckt die konservative britische Innenministerin Priti Patel nicht. Sie arbeitet an einer Verschärfung des "Official Secrets Act", nach dem Journalisten, Whistleblower und "leaker" schneller der Spionage angeklagt und bis zu 14 Jahren inhaftiert werden können.


Aus: "Julian Assange wird totgeschwiegen" Wolfram Frommlet| (13.10.2021)
Quelle: https://www.kontextwochenzeitung.de/debatte/550/julian-assange-wird-totgeschwiegen-7780.html

 6 
 on: October 12, 2021, 12:11:00 PM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Quote
[...] Die S-Bahn der Zukunft sieht aus wie die S-Bahn von gestern. Für Fahrgäste bei der Premierenfahrt in Hamburg ist nicht zu erkennen, dass sie sich in einem Zug befinden, der eigentlich keine Lokführerin mehr braucht. Es sitzt ja auch noch eine vorn drin. Nur die digitalen Anzeigen an den Bahnsteigen und im Zug lassen erkennen, was für ein historischer Moment geplant ist: "Weltpremiere" steht dort.

Das Wunder vollzieht sich, als die Lokführerin während der Fahrt die Hände von den Kontrollknüppeln erhebt und Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher einen Knopf drückt, auf dem "ATO" steht, Automatic Train Operation. Es ist ein bisschen, wie wenn man zum ersten Mal das Auto selbst einparken lässt, alle sind ein klein bisschen angespannt angesichts dieses Kontrollverlusts. Als die Bahn beschleunigt, verstärkt sich das Gefühl. So als würde man im Auto den Tempomat einschalten, am Anfang wird es einem etwas flau im Magen. Doch vor dem nächsten Bahnhof bremst die Bahn brav ab, es quietscht so wohlig, wie man es von der S-Bahn gewohnt ist, und der Zug hält am Gleis. Normale Fahrgäste wollen einsteigen, so normal sieht diese unnormale Bahn aus. Sie dürfen nicht. Die erste automatische Fahrt auf freier Strecke ist für Journalistinnen und Mitarbeitende der Bahn und von Siemens reserviert.

Züge ohne Fahrerinnen und Fahrer sind eigentlich nichts Neues. In Nürnberg fährt schon seit 2008 eine U-Bahn eigenständig. Und am Frankfurter Flughafen bringt die Skyline sogar schon seit 1994 voll automatisiert Passagiere von einem Terminal zum nächsten. Und doch sprechen die Beteiligten in Hamburg zu Recht von einer Weltpremiere. Denn eine S-Bahn ist viel schwieriger zu automatisieren. Bei einer U-Bahn können nur am Bahnsteig Menschen, Tiere oder Gegenstände aufs Gleis geraten (was vielerorts durch zusätzliche Türen am Bahnsteig verhindert wird), bei einer Fahrt auf freier Strecke kann das überall passieren. Drei Jahre lang haben 150 Ingenieurinnen und Ingenieure von Siemens und der Deutschen Bahn an dem Projekt gearbeitet, damit die Premierenfahrt zum Start der internationalen Verkehrsmesse Intelligent Transport Systems am heutigen Montag stattfinden konnte. Zwei davon fallen sich erleichtert in die Arme, als alles wie erwartet funktionierte.

Die Automatisierung hat das Potenzial, den Nahverkehr attraktiver und kostengünstiger zu machen. Die neue Technik erlaubt, dass mehr Züge auf einer Strecke unterwegs sind, weil sie laufend miteinander vernetzt sind und schnell reagieren können, sollte etwa einer bremsen müssen und nicht weiterfahren können. Bis zu 30 Prozent mehr Fahrgäste könnten so transportieren werden, heißt es von der Bahn. Voll automatisierte Bahnsysteme erlauben, dass alle 90 Sekunden ein Zug fährt – das wäre mit menschlichen Fahrerinnen und Fahrern zu gefährlich. Mehr Kapazität zu schaffen, ist besonders wichtig in den Großstädten, in denen der Nahverkehr bereits an seine Grenzen stößt, wo aber kein Platz für neue Gleise ist.

Außerdem spart die neue Technik Strom, laut Siemens-Chef Roland Busch sind es mehr als 30 Prozent. Die Automatik beschleunigt stets auf die optimale Geschwindigkeit, um pünktlich das Ziel zu erreichen (an Tempolimits hält sie sich aber), und muss daher seltener abbremsen als ein Mensch, der nach Gefühl fährt. Das schont auch das Material, die Züge könnten daher länger halten.

Bahnchef Richard Lutz macht bei der Veranstaltung klar, dass er diese Vorteile so schnell wie möglich bei so vielen Zügen wie möglich nutzen will. Ab Dezember werden vier S-Bahnzüge automatisiert nach Fahrplan fahren: auf den dafür umgerüsteten 23 Kilometern zwischen den Stationen Berliner Tor, Bergedorf und Aumühle, wo auch die Premierenfahrt stattfand. Bis 2030 sollen alle Züge in Hamburg umgerüstet sein. In Stuttgart sollen automatisierte S-Bahnen schon ab 2025 auf der Stammstrecke mehr Kapazität schaffen. Andere Bahnbetreiber könnten die Technologie ebenfalls nutzen, sagt Siemens-Chef Busch, sie sei in allen Zügen einbaubar. Sie basiert ohnehin auf europäischen Zugsteuerungssystemen.

Automatisierte S-Bahnen sollen auch weniger Unfälle verursachen. Zwar sitzt heute noch eine Lokführerin vorn drin, um im Störungsfall eingreifen zu können. Das mag in der Übergangsphase sinnvoll sein, wenn das System noch recht neu ist. Und es beruhigt vielleicht technikskeptische Fahrgäste. Es ist aber eigentlich klar, dass die Technik dem Menschen auch bei der Sicherheit überlegen ist – sofern sie nicht ausfällt. Ein Großteil der Unfälle ist schließlich auf menschliche Fehler zurückzuführen. Maschinen dagegen werden nicht müde, lassen sich nicht ablenken und trinken keinen Alkohol.

Und Maschinen sind günstiger und planbarer als Menschen. Sie werden nicht krank, wollen keine Gehaltserhöhung und streiken nicht. Bei einem Großereignis wie einem Fußballspiel kann man die Zahl der Züge kurzfristig erhöhen, ohne sich über Dienstpläne zu beugen und auf die Belange der Mitarbeitenden Rücksicht nehmen zu müssen. So könnte die Bahn zuverlässiger und flexibler werden. Zwar betont Bahnchef Lutz bei der Premierenfahrt, dass Lokführer noch lange gebraucht würden. Aber was soll er auch sonst sagen, wenn er nicht die aktuelle Belegschaft und den Nachwuchs vergraulen will?

Tatsächlich kommt die S-Bahn schon ganz allein zurecht, das zeigt sie bei der Premierenfahrt. Nachdem in Bergedorf alle Passagierinnen und Passagiere sowie die Lokführerin ausgestiegen waren, fuhr die Bahn aufs Rangiergleis und kam dann – in umgekehrter Wagenreihung – zurück, um alle wieder einzusammeln. An roten Signalen hielt der Zug ordnungsgemäß. Und so ist offensichtlich, was die Deutsche Bahn noch bestreitet: Wenn Menschen zukünftig weiter Züge beaufsichtigen, dann wohl höchstens aus einer Leitzentrale. Vielleicht wird es nicht mehr lange dauern, bis doch noch futuristisch anmutende Züge gebaut werden – nämlich ohne Führerstand.


Aus: "Züge brauchen keine Menschen mehr"  Sören Götz, Hamburg (11. Oktober 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/mobilitaet/2021-10/autonomes-fahren-hamburg-s-bahn-digital-ohne-lokfuehrer-nahverkehr

Quote
konseq #1

Für eine Weltpremiere sind die aber 30 Jahre zu spät. In Japan dürfen U- und S-Bahnzüge nur dann von menschlichen Lokführern gesteuert werden, wenn sie leer sind. Für besetzte Züge gilt das dort als zu gefährlich...


Quote
Sekretarius #2

Was bedeutet das es auch nicht mehr dauernd unzufriedene Bahnkunden gibt, wenn die Lokführer streiken.


Quote
sllk #2.1

Und auch keine unzufriedenen Lokführer, die diesem schlimmen Beruf nachgehen müssen - quasi win-win!


Quote
Yorrick #4

So ungefähr muss sich das vor hundert Jahre angefühlt und in der Zeitung gelesen haben, als zum ersten Mal Aufzüge ohne Liftboy (und -girl?) gefahren sind. Brandgefährlich, Gänsehaut am ganzen Körer, Abenteuer pur. "Achtung! Selbstfahrer!" steht noch bei uns an den Aufzugtüren. "Für Kinder verboten!"


Quote
Mama Lauda #7

Was hier viele anscheinend überlesen: ein Lokführer ist immer noch an Board und wird es auch bleiben.


Quote
redshrink #10

Donnerwetter! Nur 30 Jahre nach London und Paris! Innovationsland Deutschland!


...

 7 
 on: October 10, 2021, 09:30:17 PM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Quote
[...] In den USA ist ein Kulturkampf über die Frage ausgebrochen, wie bunt die Antike war. Der Altphilologe Jonas Grethlein von der Universität Heidelberg wies im vergangenen Dezember in einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" darauf hin, dass in den Vereinigten Staaten "ein weites Spektrum rechter Intellektueller Anspruch auf das Erbe der Antike" erhebe. Vor allem weiße Suprematisten würden die antike Literatur und Philosophie als Beleg für eine Überlegenheit "weißer Kultur" heranziehen. ...

Nicht nur Philosophie und Literatur, auch die Bemalung der antiken Statuen können Empörung in entsprechenden Ecken auslösen. Das musste Sarah Bond, Professorin für alte Sprachen am Institut für Alte Geschichte an der Universität Iowa, feststellen. Um die Antike für ein breites Publikum zugänglich zu machen, schreibt sie Blog-Beiträge und engagiert sich auf Twitter.

Als sie vor zwei Jahren mehrere Beiträge veröffentlichte, in denen sie erklärte, warum antike Marmorstatuen ursprünglich bunt bemalt waren, erntete sie erst Spott von konservativen Webseiten. Dann kam der Shitstorm in den Sozialen Medien. Von ihren Aussagen fühlten sich alle bedroht, die ihr weißes Geschichtsbild angegriffen sahen. Sie sahen und sehen die Tradition einer weißen westlichen Kultur bis hin zurück zur Antike in Gefahr.

Der Grund, warum die Statuen heute keine Farbe mehr aufweisen, bestenfalls noch Reste, ist indes banal: Weil die Statuen entweder im Wasser oder aber in der Erde gelegen hatten, löste sich die Farbe - und es blieb nur der weiße Marmor. Spätestens seit der Archäologe und Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) die weißen Marmorstatuen der römischen und griechischen Antike zum höchstes Ideal der Schönheit erklärte, sah man über die Farbspuren einfach hinweg. So entstand ein Bild von einer weißen antiken Gesellschaft, das mit der Realität nur wenig zu tun hat.

Die Statuen der griechischen und römischen Antike waren also so bunt wie die Bevölkerung des römischen Stadtstaates von der Steinzeit bis zum Mittelalter. Das, was Wissenschaftler aus historischen Quellen wussten, unterstützt seit kurzem auch eine Genanalyse: Eine im November 2019 veröffentlichte Studie zeigt, dass die Stadt - wenig verwunderlich - ein Schmelztiegel für Menschen unterschiedlichster Herkunft war. Forscher von der US-amerikanischen Stanford University, der Universität Wien und der Sapienza Universität in Rom stellten fest, dass sich mit der Expansion des Römischen Reiches im Mittelmeerraum Menschen aus dem Nahen Osten, Nordafrika und Europa in der Stadt am Tiber niederließen.

Jonathan Pritchard, einer der Autoren der Studie, betont, dass die antike Welt ständig in Bewegung war - sowohl was die Kultur anging als auch die Migration. "Diese Studie zeigt, wie dynamisch die Vergangenheit war. Menschen von überall her kamen nach Rom, und das korrespondiert mit den historischen und politischen Ereignissen", stellte Hannah Moots fest, ebenfalls als Autorin an der Studie beteiligt. Die antike Welt war also keineswegs uniform, sondern bunt wie das Leben.


Aus: "Um die Antike ist ein Kulturkampf ausgebrochen: Bunte Statuen und Weiße Suprematisten " Christiane Laudage (11.01.2020)
Quelle: https://www.domradio.de/themen/kultur/2020-01-11/bunte-statuen-und-weisse-suprematisten-um-die-antike-ist-ein-kulturkampf-ausgebrochen

-

Quote
[...] Mal ist es Robert E. Lee hoch zu Ross. Mal ist es Thomas "Stonewall" Jackson. Mal ist es nur ein einfacher Infanterist mit Vorderlader. Doch die Statuen von Generälen und Soldaten der konföderierten Armee - des Heeres der Südstaaten also, die im amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 gegen den Norden kämpften - stehen überall im Süden der USA. Kaum eine Stadt kommt dort ohne ein Monument aus, das an den brutalen Krieg und die vielen Toten erinnert.

Die Befürworter sehen die Monumente als Zeichen der Mahnung, die vor allem an soldatische Tugenden wie Ehre oder Pflichterfüllung erinnere. Für viele Kritiker jedoch erinnern diese Statuen an etwas ganz anderes: an eine finstere Zeit, in der Rassismus Staatsdoktrin war, eine ganze Gesellschaft auf dem Fundament der Sklaverei ruhte und schwarze Menschen eine Ware ohne Rechte waren, die nach Belieben gehandelt werden konnte.

Seit einigen Jahren gibt es daher vermehrt Initiativen, die den Abbau der Monumente durchsetzen wollen, zumindest der Statuen der führenden Südstaaten-Generäle wie Lee und Jackson. Vergleichbar ist das vielleicht mit der Forderung nach der Umbenennung von Kasernen in Deutschland, an denen auch lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg noch die Namen von Wehrmachtsgenerälen prangten, die willige Helfer bei Adolf Hitlers Vernichtungskrieg waren. In Charlottesville, wo es nun zu tödlichen Auseinandersetzungen um die Lee-Statue kam, wird schon lange über dieses Monument gestritten. Auch in New Orleans gab es in den vergangenen Monaten heftige Konflikte, weil die Stadtverwaltung vier Statuen von Südstaaten-Generälen entfernen ließ.

Dass es jetzt um Reiterstandbilder geht, mag neu sein. Im Grunde aber tobt der Kulturkampf um die Symbole der Konföderation seit Jahrzehnten. Vor den Statuen ging es dabei vor allem um die alte Kriegsflagge der Südstaaten, jene auch bei Rechtsextremen und Rassisten beliebte Fahne mit den schräg gekreuzten blauen Balken auf rotem Grund. Etliche US-Bundesstaaten im Süden hissten diese Flagge noch bis in die jüngste Vergangenheit über ihren Parlamenten, in Mississippi zum Beispiel ist das Balkenkreuz immer noch Teil der Fahne des Bundesstaates. In North Carolina wurde die Südstaaten-Flagge erst 2015 abgehängt, nachdem ein weißer Rassist in einer schwarzen Kirche mehrere Menschen erschossen hatte.

Für die linksliberale Ostküstenelite sind die Südstaatler, die an ihren Generälen hängen, nur bigotte Hinterwäldler. Da ist freilich eine gehörige Portion Heuchelei dabei. Denn in jedem Januar versammeln sich Washingtons Reiche und Mächtige zu einem Festbankett, dem sogenannten Alfalfa-Dinner. Es ist das größte gesellschaftliche Ereignis des Jahres und findet seit 1913 statt - zu Ehren des Südstaaten-Generals Robert E. Lee.


Aus: "In Amerika tobt ein Kulturkampf um Reiterstandbilder" Hubert Wetzel, Washington (13. August 2017)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/politik/gewalt-in-charlottesville-in-amerika-tobt-ein-kulturkampf-um-reiterstandbilder-1.3626668

-

Quote
[...] „Hauptstadt der extremen Rechten“, nannte El Plural unlängst Madrid. Die Online-Zeitung beschäftigte sich mit dem Umgang des seit zwei Jahren regierenden Bürgermeisters Madrids José Luis Martínez-Almeida mit der spanischen Vergangenheit.

Der Politiker aus den Reihen der konservativen Partido Popular (PP), der mit der Unterstützung der rechtsliberalen Ciudadanos und den Stimmen der rechtsextremen Vox die Geschicke der spanischen Hauptstadt lenkt, schickte vergangenen Herbst städtische Angestellte mit Hammer und Meißel los, um eine Tafel zu Ehren des ehemaligen Premierministers der spanischen Republik, des Sozialisten und Gewerkschafters Francisco Largo Caballero (1869–1946) zu entfernen. Zurück blieben Trümmer.

Den Steintafeln mit 3.000 Namen von standrechtlich Erschossenen aus den ersten Jahren der Franco-Diktatur, die eine Gedenkstätte auf dem hauptstädtischen Friedhof zieren sollten, erging es ähnlich. Verse des Dichters Miguel Hernández, der in einem faschistischen Gefängnis verstarb, wurden ebenfalls entfernt.

Es ist eine 180-Grad-Wende in der Politik des Erinnerns. Almeidas Vorgängerin, die linksalternative Manuela Carmena nutzte das Gesetz zum historischen Erinnern aus dem Jahr 2007, um 52 Straßen, die Namen von Persönlichkeiten oder Institutionen der Diktatur trugen, gegen demokratische auszutauschen. Kläger dagegen bekamen teilweise recht.

Almeida nutzt das Urteil jetzt, um sechs Straßen wieder ihre alten, franquistischen Namen zurückzugeben. So wird etwa die Straße „Barco Sinaia“, benannt nach dem Schiff, das am Ende des spanischen Bürgerkriegs republikanische Flüchtlinge ins Exil nach Mexiko brachte, künftig wieder „Crucero Baleares“ heißen. Der Kreuzer bombardierte 1937 die Zivilbevölkerung in Málaga.

Und die Straße, die nach der Lehrerin Justa Freire, pädagogische Erneuererin aus den Jahren der Republik, benannt wurde, trägt erneut den Namen des faschistischen Generals Millán Astray. Dieser wurde durch den Ruf „Es sterbe die Intelligenz! Es lebe der Tod“ während eines Vortrags des Philosophen Miguel de Unamuno an der Universität in Salamanca bekannt.

„Namen schaffen Bewusstsein“, sagt die Historikern María del Mar del Pozo. „Jeder weiß, wie seine Schule oder die Straße hieß, in der er oder sie aufgewachsen ist. Es macht einen Unterschied, ob sie den Namen einer Lehrerin oder den eines faschistischen Generals trägt“, so die Professorin von der Universität Alcalá. Sie ist Autorin mehrerer Studien und Bücher über die pädagogische Reformbewegung in den Jahren der frühen Republik. „Justa Freire glaubte fest daran, dass der Zugang zu Bildung die soziale Lage der Kinder aus armen Verhältnissen verbessern könne.“

Und was macht Bürgermeister Almeida? Er will jetzt gar eine sechs Meter hohe Soldatenstatue errichten lassen. Sie soll an die Spanischen Legion erinnern. 1920 als Fremdenlegion gegründet, gelangte die Legión Española vor allem durch Kriegsverbrechen in Nordafrika und während des spanischen Bürgerkrieges zu Berühmtheit. Das Denkmal soll ausgerechnet auf dem Platz vor dem Königlichen Palast in Madrid stehen. Dort also, wo Diktator Francisco Franco (1892–1975) gerne seine Ansprachen an die Massen hielt.

Die Symbole der Diktatur sind in der Hauptstadt heute nach wie vor sehr präsent. Am Verteidigungsministerium prangen die Wappen der Diktatur. Auf dem Uni-Campus steht eine Büste des Ministers, der die demokratischen Akademiker verfolgen ließ. In einem der städtischen Parks steht ein Denkmal für die Putschisten von 1936. Und den Eingang der Stadt vom Nordwesten her ziert ein Triumphbogen zu Ehren des Sieges der Faschisten über die Demokratie im Jahre 1939.

„Der Regierungspalast ist nur wenige Meter entfernt. Alle Regierungschefs, egal welcher Couleur, fuhren dort täglich vorbei. Gestört hat es scheinbar keinen“, beschwert sich Emilio Silva, Vorsitzender und Gründer der Vereinigung zur Wiedererlangung der historischen Erinnerung (ARMH). Er streitet seit Jahren für Gerechtigkeit und Wiedergutmachung für die Opfer der Diktatur. Für ihn ist die Politik von Bürgermeister Almeida „eine neuerliche Erniedrigung der damaligen Opfer“. Die Überreste von 100.000 von ihnen liegen bis heute in Spanien irgendwo in anonymen Massengräbern verscharrt.

Almeida führt, so Silva, einen „Krieg um die Deutung der Geschichte und um den Begriffe der Freiheit“ fort, den die Rechte vor Jahren bereits unter dem einstigen spanischen Ministerpräsidenten José María Aznar begann.

„Die PP hat Bürgerkrieg und Diktatur nie verurteilt. Anders als in Deutschland hat die spanische Rechte nie ganz mit dem faschistischen Erbe, dem Franquismus gebrochen“, meint auch Clara Ramas San Miguel. Für die Philosophieprofessorin von der hauptstädtischen Universität Complutense hat die PP zwei Seelen: „Eine staatstragende, die regiert und verwaltet, und eine ideologische“. Mit der neuen Generation rund um den jungen Parteichef Pablo Casado sei die ideologische Rechte am Drücker.

Casado diskreditiert den Antifaschismus mit Behauptungen wie: „Links sein kann nicht modern sein. Sie sind Ewiggestrige, die den ganzen Tag von Großvaters Krieg und von den Massengräbern von was weiß ich wem reden.“ Almeida ist einer seiner engsten Vertrauten, Sprecher des Parteivorstandes.

„Die rechtsextreme Vox treibt die PP vor sich her“, sagt Professorin Ramas. Die PP dominierte jahrzehntelang das gesamte rechte Spek­trum. Dann brach Vox die Hegemonie vom rechten Rand her auf. Die von Ex-PPlern gegründete Partei wurde bei den letzten spanischen Parlamentswahlen 2019 auf Anhieb drittstärkste Kraft.

Für Vox steht neben der nationalen Einheit Spaniens die Ablehnung der „Genderdiktatur“ ganz oben auf der Liste ihrer Themen. Feminismus ist das Feindbild schlechthin. „Almeida ist auf die Unterstützung von Vox im Rathaus angewiesen. Deshalb geht er immer wieder auf deren Forderungen ein“, sagt Ramas. So etwa, als die Rechtsextremen die Entfernung einer großflächigen feministischen Wandmalerei verlangten.

Es zeigt herausragende Persönlichkeiten wie Rosa Parks, Angela Davis, Rigoberta Menchu, Emma Goldman oder Frida Kahlo. Almeida nahm schließlich von dem Vorhaben Abstand. Das Gemälde blieb, wurde aber kurz darauf geschändet. Den Frauen wurden Fadenkreuze auf die Stirn gesprüht.

„Almeida versucht, der Linken die Interpretation der Geschichte der letzten 100 Jahre in Spanien streitig zu machen, sie neu zu definieren“, sagt Guillermo Fernández. Die Strate­gie des Bürgermeisters sei eine der extremen Rechten weltweit, erklärt der Dozent an der Madrider Universität Carlos III. „Die Rechte beklagt, dass die Linke eine vermeintliche kulturelle Hegemonie besitze“, sagt Fernández, der über die europäische radikale Rechte forscht.

„Deshalb gestalten sie den politischen Kampf nicht nur in Parlamenten, oder auf den Straßen und in sozialen Bewegungen. Sie kämpfen auch um die Kultur und die Weltbilder.“ Der „metapolitische Kampf“ richte sich gegen die vermeintliche intellektuelle Vorherrschaft des fortschrittlichen Lagers, gegen eine demokratisch orientierte Erinnerungspolitik, gegen Feminismus und gegen eine Toleranz für verschiedene Lebensformen.

Jorge Lago, Verleger und Politikdozent an der gleichen Universität wie Fernández, benennt noch einen weiteren Aspekt. „Almeida spielt mit der Linken. In dem die Linke gezwungen wird, Symbole und Name aus der Vergangenheit zu verteidigen, erscheint sie linker als sie ist. Die Linke verliert so die Initiative, sie reagiert nur noch“, so Lago. „Das hinterlässt bei vielen den Eindruck: Die Linke handelt nicht aus einem gesunden Menschenverstand der Gegenwart, sondern sie ist parteiisch und nostalgisch und kümmert sich nur um rückwärtsgewandte Themen und um bestimmte Minderheiten.“

Selbst die sozialdemokratische PSOE, die wirtschaftspolitisch längst so neoliberal sei wie die PP, werde in diesen Debatten um Vergangenheit und Werte zur Linken alten Stiles deklariert. Während sich die PP gleichzeitig als Partei der Zukunft inszeniert, die sich auf gutes Verwalten und erfolgreiche Wirtschaftspolitik verstehe. „Eine intelligente Strategie. Die Rechte drängt die Linke dorthin, wo sie nur verlieren kann“, schlussfolgert der Spe­zialist für politische Diskurse.


Aus: "Kulturkampf in Spaniens Hauptstadt: „Es sterbe die Intelligenz!“" Reiner Wandler, Auslandskorrespondent Spanien (1.10.2021)
Quelle: https://taz.de/Kulturkampf-in-Spaniens-Hauptstadt/!5801087/

Quote
fritz
1. Okt, 10:40

Spanien. Die Autobiographie von Bunuel öffnet die Augen. Da bleibt von der Republik nicht nicht übrig.


-

Quote
[...] Am letzten Sonntag spielten sich in der englischen Hafenstadt Bristol Szenen ab, die an den Sturz der Statue Saddam Husseins in Bagdad im Jahr 2003 erinnerten. Eine wütende Menschenmenge versammelte sich vor dem Denkmal des Sklavenhändlers und Stadtvaters Edward Colston. Mit Seilen rissen die «Black Lives Matter»-Aktivisten die Statue vom Sockel, rollten sie unter Jubelrufen zum Hafenbecken und versenkten sie im Wasser. Nach Jahren ergebnisloser Debatten über die Zukunft des Denkmals schufen die Demonstranten Fakten und lösten im ganzen Land einen Dominoeffekt von Initiativen zur Entfernung von Monumenten von Sklavenhändlern und Kolonisatoren aus. Selbst zur Rolle bedeutender Staatsmänner wurden plötzlich Fragen laut – vom brutalen Regime in Irland unter Oliver Cromwell im 17. Jahrhundert bis zur Hungersnot in Bengalen im Jahr 1943 unter dem als Antifaschisten verehrten Winston Churchill.

Dass sich die vom Tod von George Floyd in den USA ausgelöste Rassismus-Debatte im britischen Kontext an Denkmälern und an der Kolonialgeschichte entzündet, ist kein Zufall. Denn der Streit um die Bewertung des britischen Empires trägt schon seit längerem kulturkämpferische Züge. Konservative Historiker wie der bekannte Brexit-Anhänger und emeritierte Cambridge-Professor Robert Tombs kritisieren dabei die «antikolonialistische Orthodoxie» der letzten Jahrzehnte, die das Empire nur als System von Sklaverei, Rassismus und Ausbeutung darstelle.

Tombs betont im Gespräch, dass er den Aufbau des Weltreichs aus heutiger Perspektive nicht rechtfertigen würde, doch wirbt er für eine differenzierte historische Betrachtung. So habe das Empire teilweise auch Frieden, staatliche Ordnung und über Infrastrukturprojekte wirtschaftliche Entwicklung gestiftet. Tombs räumt zwar ökonomische Ungleichheiten ein, betont aber, dass das Empire für das Mutterland nicht nur profitabel, sondern auch kostspielig gewesen sei. Die britische Arbeiterklasse sei dem Imperium gleichgültig bis ablehnend gegenübergestanden, während die Verwaltung der Kolonien ohne die Unterstützung weiter Teile der Lokalbevölkerung gar nicht funktioniert hätte. Er wolle damit nicht bestreiten, dass das Empire Leid und Unrecht verursacht habe, betont Tombs. «Aber müssen wir uns deswegen ewig schuldig fühlen?»

Tatsächlich war das Empire, das 1922 knapp einen Viertel der globalen Landfläche und rund einen Fünftel der damaligen Weltbevölkerung umfasste, ein vielschichtiges Gebilde. Die vom Würgegriff Pekings bedrohte Protestbewegung in Hongkong blickt gerade in diesen Tagen mit Wehmut auf die britische Herrschaft zurück, unter der es Rechtsstaatlichkeit und Freiheit, jedoch keine demokratische Mitbestimmung gab. Insgesamt aber wirken Hinweise auf die positive Rolle bei der Abschaffung der Sklaverei oder auf Verdienste des Empires allzu oft wie ein Versuch, kolonisatorische Arroganz und brutale Herrschaftsmethoden zu relativieren. Und dass Konservative glauben, das Empire verteidigen zu müssen, sehen linke Akademiker wie der Kulturwissenschafter Paul Gilroy gerade als Beweis für ihre These, dass Grossbritannien seinen imperialen Niedergang noch nicht überwunden hat.

Der am Londoner University College lehrende Gilroy ist ein renommierter Experte für Rassismus und die Kultur der afrikanischen Diaspora, greift aber im Gespräch auf das Vokabular der Psychologie zurück. Die Briten blickten bis heute mit Wehmut auf den Verlust ihres Weltreiches, anstatt diesen Verlust proaktiv zu verarbeiten, erklärt Gilroy. Diese Verweigerungshaltung sei verständlich, denn es sei unangenehm und führe zu Schuldgefühlen, historischen Tatsachen ins Auge zu blicken und die eigene Rolle als Befreier und Zivilisator zu hinterfragen. «Ich denke nicht, dass sich heute jemand schuldig fühlen muss, denn niemand von uns war zur Kolonialzeit dabei», meint der Brite mit guayanischen Wurzeln. «Aber angesichts von Mord, Brutalität, Folter und Hungersnöten ist ein gewisses Schamgefühl durchaus angebracht.»

Gilroy interpretiert den Brexit als Versuch, die verlorene Grösse des alten Kolonialreichs wieder herzustellen. Tatsächlich strebt die Regierung von Boris Johnson ein weltumspannendes Netz neuer Freihandelsverträge an – namentlich mit den Ländern des Commonwealth, dem Überbleibsel des Empires, wobei der Enthusiasmus in den ehemaligen Kolonien kleiner ist als in London. Tombs wiederum wittert hinter den Angriffen auf das Empire einen Versuch, den Brexit zu diskreditieren.

... Das Erbe des Empires zeigt sich auch in der ethnischen Diversität der britischen Gesellschaft. Tombs wagt gar die These, Einwanderer aus dem alten Empire hätten weniger Integrationsprobleme als andere Migranten, da sie mit der englischen Sprache und Kultur vertraut seien. Unübersehbar sind im multikulturellen London aber auch die sozialen Ungleichheiten, von denen gerade Menschen mit Wurzeln in den ehemaligen Kolonien besonders stark betroffen sind.

Wer mit jugendlichen «Black Lives Matter»-Demonstranten spricht, hört oft die Forderung nach einem kritischeren Umgang mit der Kolonialzeit in der Schule – Statuen von Sklavenhändlern im öffentlichen Raum symbolisieren dieses gefühlte Manko. Während Tombs Statuen nicht für sakrosankt hält, ortet Gilroy die Gefahr, dass der alleinige Fokus auf historische Monumente von heutigen strukturellen Diskriminierungen ablenke. Gilroy plädiert eher dafür, problematische Statuen nicht zu entfernen, sondern durch zeitgenössische Künstler in einen neuen Kontext stellen zu lassen. In Bristol haben die Behörden die Colston-Statue mittlerweile aus dem Wasser gefischt – und entschieden, sie künftig in einem Museum auszustellen.


Aus: "Denkmalsturz in Bristol: In Grossbritannien tobt ein Kulturkampf um das verlorene Empire" Niklaus Nuspliger, London (13.06.2020)
Quelle: https://www.nzz.ch/international/grossbritannien-kulturkampf-um-das-verlorene-empire-ld.1560568

 8 
 on: October 10, 2021, 09:02:38 PM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Angélica Liddell (* 1966 in Figueres) ist eine spanische Performancekünstlerin und Theaterregisseurin.
https://de.wikipedia.org/wiki/Ang%C3%A9lica_Liddell

Quote
[...] Radikal-Performerin Angélica Liddell hält nichts von Metoo ... Ihr Ziel ist nicht Provokation – und doch darf man sich von der zweiten Festivaleinladung provoziert fühlen: „The Scarlet Letter“ spielt auf Nathaniel Hawthornes Roman an, der die Prüderie der Gesellschaft um 1850 beklagt. Die Inszenierung ist nicht deshalb provokant, weil einer der zehn nackten Männer der Performerin demonstrativ einen Finger in die Vagina schiebt oder sie den Penis eines anderen genussvoll in den Mund nimmt.

Sondern weil Liddell das Loblied auf den Mann als solchen singt, dem sie bis in alle Ewigkeit die Füße küssen möchte – während sie alle Frauen verbannen will. Jenseits der 40 würden Frauen zu überheblichen „Männerhasserinnen“, die sagen: „Was früher kein Verbrechen war, ist heute eins.“

Damit erteilt Liddell der MeToo-Bewegung, es war nicht anders zu erwarten, eine vehemente Absage. Viele Zuschauerinnen lachen, wenn Liddell die Männerwelt preist – doch ob tatsächlich Ironie im Spiel ist, darf man bezweifeln. Später tanzt sie in einer kryptischen Szene mit Affengebärden um einen nackten schwarzen Mann und besingt seine „schwarze Seele“ – was immer das bedeuten soll.

Letztlich fordert die Künstlerin in „Scarlet Letter“ einmal mehr unbedingtes Begehren, das sich keine Regeln auferlegen lässt. ...

... Liddell ist und bleibt ein so furioses wie notwendiges Korrektiv für ein Theater, in dem sich die lauwarme Besserwisserkunst brav darauf zurückzieht, auf der moralisch und politisch richtigen Seite zu stehen.

...


Aus: "Scheiß auf die Nachhaltigkeit" Barbara Behrendt (10.10.2021)
Quelle: https://taz.de/FIND-Festival-an-der-Berliner-Schaubuehne/!5804268/

 9 
 on: October 10, 2021, 01:13:58 PM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
"Pegasus: Auch Bundesnachrichtendienst spitzelt angeblich mit NSO-Trojaner" Andreas Wilkens (08.10.2021)
Neben dem Bundeskriminalamt soll auch der BND die Spyware einsetzen, heißt es in Medienberichten.  ... Nicht nur das Bundeskriminalamt, auch der Bundesnachrichtendienst setzt Spyware des isreaelischen Unternehmens NSO Group ein. Das berichten NDR, WDR, Süddeutsche Zeitung und die Zeit, die mit an Recherchen der Non-Profit-Organisation "Forbidden Stories" beteiligt sind.
Die Bundesregierung soll demnach dem Parlamentarischen Kontrollgremium verschwiegen haben, dass auch der deutsche Auslandsgeheimdienst die Software wohl längst einsetzt. Wo genau der BND Pegasus einsetzt, sei nicht bekannt, schreibt der NDR. Im September dieses Jahres hatte das Recherche-Netzwerk bekannt gemacht, dass das BKA eine modifizierte Pegasus-Version angeschafft hatte. Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte daraufhin dazu, die Bundesregierung handle "auf der Basis von Recht und Gesetz". ...
https://www.heise.de/news/Pegasus-Auch-Bundesnachrichtendienst-spitzelt-angeblich-mit-NSO-Trojaner-6212879.html

 10 
 on: October 07, 2021, 12:57:54 PM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Quote
[...] „Nie etwas zu Ende bringen. Erste und wichtigste Regel des Müllismus.“ In Zeiten, in denen Galeristen Kunstwerke so anpreisen, damit sie auf ihren Instagram-Accounts besser sichtbar sind, wirkt ein auf Papier gedrucktes Manifest über das Scheitern in der Kunst, das dem allgemeinen Marketingdelirium analog den Spiegel vorhält, höchst skurril.

Und dennoch: „The Debrist Manifesto“, das Müllismus-Manifest, ohne Weiteres proklamiert vom britischen Künstler und Grafiker Scott King, ist unterhaltsam zu lesen, obwohl es in Teilen wie eine Lebenshilfefibel angelegt ist, die Auswege aus der permanenten künstlerischen Selbstausbeutung und Abhängigkeit von Gatekeepern aufzeigt.

Schon von seiner simplen Aufmachung her, außen schwarze Schrift auf leuchtend rotem Grund, innen ausschließlich Text, einige Fußnoten und keinerlei Bildmaterial, wirkt die Publikation wie eine raffinierte Neubearbeitung von Herman Melvilles „Bartleby“-Novelle, dessen Diktum „I prefer not to“ Scott King als positiven Befreiungsschlag neu inszeniert.

Wer sich aus dem Kunstbetrieb ausklinkt, so der Brite, erkämpft sich neue Freiräume. „Ich interpretiere die Textform Manifest nicht als doktrinäre Polemik, auch wenn mein Text Spuren davon enthält“, erklärt King der taz. „Ich habe mich eher an die situationistische Strategie des detournement angelehnt: eine eingeführte Form – das Manifest – kapern, um damit allgemein verständlich zu kommunizieren. Das finde ich zugänglicher, als Kunst in einer Galerie auszustellen.“

Umso schöner, dass King seine Ideen nun auch hierzulande zur Sprache bringt. Er ist zum Festival „The Sun Is Coming Down“ im Berliner ICC eingeladen, das nach einer Zeile aus dem Bowie-Song „Memory of a free Festival“ benannt ist, und Pop, Literatur und Kunst deckungsgleich bringen möchte. King wird täglich sein Manifest lesen. In Audioaufnahmen klingt seine sonore Stimme so trocken wie ein Ingwer­keks, man darf also gespannt auf die Performance sein.

Auf der Manifest-Rückseite hat King eine Checkliste zum Ankreuzen abgedruckt, wie man sie auch auf Formularen findet: „Kein Selbstvertrauen“, „Erschöpft“, „Isoliert“, „Impulsiv“ und weitere Zuschreibungen aus der Selbst­optimierungshölle sind aufgelistet. Wer mehr als zehn Begriffe ankreuzt, eigne sich als Debrist, behauptet das Kleingedruckte.

„Müllismus ist eine Form von Zen-Nihilismus“, behauptet wiederum Scott King. „Ich mache keinen platten Protest gegen den Kunstbetrieb, Müllismus lässt einfach die Influencer hinter sich. Wenn sie sich von ihnen unabhängig machen, lernen Künst­le­r:in­nen, sich und ihr Scheitern zu akzeptieren, und hören auf, unerfüllbare Wünsche zu stillen. Es wird nur besser, wenn sie stur weitermachen, egal, wo immer sie auch damit landen.“

Sein Antrieb, das Manifest zu schreiben, sei eine tiefe, durch fehlgeleitete Kommunikationen ausgelöste Frustration gewesen, erklärt King. Im Verlauf der Niederschrift sei diese immer mehr einer Schaffensfreude gewichen. Die Konventionen des Kunstbetriebs sind ihm zwar schon lange ein Gräuel, auch er hat unzählige halbfertige Projekte in der Schublade; und doch zapft er aus den widrigen Umständen der Künstlerexistenz immer wieder nützliche Ideen ab.

„You’re My Favourite Artist“ heißt etwa ein Song, dessen Text King 2013 verfasst hat, nachdem ihn eine ihm unbekannte Kuratorin in New York penetrant als „ihren Lieblingskünstler“ angepriesen hatte, so wie alle anderen von ihr vertretenen Künst­le­r:in­nen auch. Müllismus ist nun eine Abrechnung mit strategischen Bekanntschaften, ungeschriebenen Smalltalk-Gesetzen und dem Druck des Gut-vernetzt-Seins. „Un-Networking ist der beste Freund der Müllisten.“

Aufgewachsen nahe Leeds, widmete der 1970 Geborene seine Jugend der Scooter-Boys-Subkultur, einer raueren nordenglischen Variante der Mods. Hauptsächlich habe er Platten gesammelt und gebrauchte Motoroller frisiert, mehr oder weniger legal, so King. Die Bildsprache von Pop hat ihn dabei nachhaltig geprägt. Schriftzüge und Farblackierungen von Lambretta-Motorrollern waren seine erste Schule der Ästhetik.

Für eine Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen schuf er im Jahr 2019 die Nachbildung der Fassade des Hauses Barton Street 77 im Viertel Macclesfield von Manchester aus Linoleum: An dieser Adresse wohnte einst Joy-Division-Sänger Ian Curtis. „Im Werk der aus der Arbeiterklasse stammenden Band geht es zugleich um Alltägliches und Außergewöhnliches“, das habe er mit seinem Werk und dem dafür verwendeten Material zum Ausdruck bringen wollen.

King kommt selbst aus kleinen Verhältnissen und schaffte es an die Hochschule von Hull, danach arbeitete er eine Weile als Art-Director beim britischen Magazin ID. Er gestaltete Cover für das Popduo Pet Shop Boys. Anfang der nuller Jahre betreut er die Kampagne für die Bürgermeisterkandidatur von Malcolm McLaren in London, ein Fehlschlag, denn McLaren zog diese wieder zurück.

Erfolge und Miss­erfolge, beides kennt Scott King. „Meine künstlerische Arbeit befindet sich in einer komischen Grauzone, niemals richtig Kunst, niemals richtig Grafikdesign. Zwischenräume haben mich immer am meisten interessiert“, hat er einmal in einem Interview gesagt.

Das Manifest zu schreiben sei für ihn ein bisschen wie ein Exorzismus gewesen. Vielleicht ist „The Debrist Manifesto“ sogar eine Intervention, mit der der 51-Jährige einem Gegensatzpaar von Friedrich Nietzsche nahekommt: In „Geburt der Tragödie“ unterscheidet jener zwischen den Prinzipien des Apollinischen und Dionysischen als ewigen Formen von Kunst und Dasein. Das eine als Prinzip positiver Zwecksetzungen und manifester Vernunft. Das andere als seine Negation.

In Scott Kings Müllismus-Manifest vermischen sich diese beiden Aspekte ständig, Aktionismus wird von Hürden behindert, King betont das so sehr, dass die Negation irgendwann in ihr Gegenteil umschlägt, wie der Ramsch als Durchmarsch beim Kartenspiel Skat. „Keine Lösung für Probleme zu finden löst Selbstzweifel aus“, steht an einer Stelle im Manifest. „Es ist aber gesund, wenn man permanent Selbstzweifeln ausgesetzt ist. Man wird davon schlauer.“

Aus Kings Forderungskatalog spricht auch idealistischer Trotz, der ihn im superkapitalistischen Post-Brexit-Nationalismus des Großbritannien der Gegenwart zum Fremdkörper werden lässt. Der Musikkritiker und Künstler Michael Bracewell hat diese spezifische Form der antibritischen und zugleich surrealistischen Außenseiterhaltung seiner Heimat in einer Ahnenreihe von EM Forster bis Malcolm McLaren festgemacht. Scott King darf dazu gezählt werden.

„Mein Manifest reflektiert die Atmosphäre in Großbritannien nach dem Brexit mit. Der Alltag ist deprimierend. Die Regierung Johnson lügt in einer Tour. Menschen, die für den Brexit gestimmt haben, ‚wollten ihr Land zurück‘. Jetzt haben sie ihr Land zurück, aber mit Benzinmangel und zu wenig Lastwagenfahrer:innen. Als Folge sind die Supermarktregale leer und zu Weihnachten gibt es keinen Truthahn. Ein idiotischer Akt von Selbstzerstörung.“


Aus: "Stilvoll scheitern in der Kunstwelt" Julian Weber (7. 10. 2021)
Quelle: https://taz.de/Manifest-des-Britischen-Muellismus/!5806682/



THE DEBRIST MANIFESTO (Scott King)
JON SAVAGE: “In a way, it’s an ‘anti-success handbook’ – the direct opposite of all those self-improvement books. Is that deliberate?”
https://www.cornerhousepublications.org/publications/the-debrist-manifesto-scott-king/


Pages: [1] 2 3 4 5 6 7 8 9 10