COMMUNICATIONS LASER #17
July 21, 2017, 03:54:09 PM *
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[...] Roger Clarke ist britischer Geister-Experte. Was nicht bedeutet, dass er selbst von ihrer Existenz überzeugt ist. ... In England glaubten traditionell die Arbeiterklasse und die Upper Class an Geister, nicht aber Angehörige der Mittelschicht. Dementsprechend spuke es in Pubs und auf Schlössern, wohingegen kaum je ein Gespenst in einem Bürgerhaus umgehe. Erst seit wenigen Jahrzehnten sei der Geisterglaube nicht mehr schichtspezifisch.


Aus: "Literatur: Gespenster-Experte beim Philosophiefestival" (01.06.2015)
Quelle: http://www.focus.de/kultur/buecher/literatur-gespenster-experte-beim-philosophiefestival_id_4720193.html

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 on: July 18, 2017, 09:14:51 AM 
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[...] Selbst wenn man die Monarchie mit der Queen an der Spitze außen vor lässt, zerfällt die britische Gesellschaft heute in sieben Klassen. Das ergab die Great British Class Survey, eine von der BBC im Jahr 2013 veröffentlichte Studie der Wissenschaftler Mike Savage von der London School of Economics und Fiona Devine von der University of Manchester. Aufgeschlüsselt nach ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital identifizierten die Wissenschaftler folgende Klassen: Elite, etablierte und technische Mittelklasse, neu-wohlhabende Arbeiter, traditionelle Arbeiterklasse, junge Dienstleistungsarbeiter und Prekariat.

Gerade um die unteren Klassen steht es nicht besonders gut. Die Autoren der BBC-Studie sortieren fast die Hälfte der Bevölkerung in die drei untersten Klassen ein, allein 15 Prozent zählen sie zum Prekariat. Diese Menschen haben ein durchschnittliches Jahreseinkommen von nur 8.000 Pfund, so gut wie keine Ersparnisse oder Grundbesitz und sind auch sozial und kulturell benachteiligt. Es sind die Angehörigen dieser Klasse, über die die Labour-Abgeordnete Emma Dent Coad kürzlich in ihrer ersten Rede im britischen Unterhaus sprach. Sie wurde kurz vor dem Grenfell-Brand als erste Labour-Abgeordnete für den Bezirk Kensington ins Parlament gewählt und berichtete von den Lebensbedingungen, die es dort gibt: fünf Kinder, die sich eine Matratze teilen, Mangelernährung, giftiger Schimmel, chronische Krankheiten, all das habe sie zwischen Royal Albert Hall und Naturkundemuseum gesehen.

Etwa 5.000 Pfund sparte man bei der Renovierung des Grenfell Towers, wie der Guardian berichtete, weil man statt brandbeständiger Verkleidungen lieber die günstigere Variante nahm, die nun im Verdacht steht, dazu beigetragen zu haben, dass sich die Flammen so schnell verbreiteten.Auch die Feuerwehrleute, von den Briten als Helden gefeiert, klagen über Sparmaßnahmen des ehemaligen Londoner Bürgermeisters und jetzigen Außenministers Boris Johnson. Die Polizei stimmt in diese Kritik ein, auch das staatliche Gesundheitssystem NHS funktioniert nach einer Reihe von wirtschaftlichen Amputationen schlecht. Vor der Wahl hatte Theresa May vorgeschlagen, das kostenlose Schulessen für Kinder aus armen Familien zu streichen und Pflegebedürftige für ihre Versorgung bis zu 100.000 Pfund selbst zahlen zu lassen.

Wer nach den Ursachen für diese Armut und damit für die extremen Unterschiede in der britischen Gesellschaft sucht, muss sich drei Faktoren vor Augen führen. Er muss erstens zurückgehen in die britische Geschichte bis in die ausgebliebene bürgerliche Revolution vor mehr als 200 Jahren, muss sich zweitens ansehen, wie unbeweglich das britische Bildungssystem immer noch ist, und muss drittens verstehen, wie der Neoliberalismus der vergangenen 40 Jahre die Situation verschärft hat.

Es ist nicht übertrieben, eine Ursache für das heutige Klassensystem in der Zeit der Französischen Revolution zu suchen, eine Revolution, die auf der Insel so nicht stattgefunden hat. Während auf dem europäischen Festland das Bürgertum dem Adel seine Ländereien und Sonderrechte streitig machte, schaffte es die herrschende angelsächsische Klasse einigermaßen unfallfrei, sich in die neuen Verhältnisse einzusortieren. So kommt es, dass sich Nachnamen wie Baskerville, Montgomery, Darcy oder Percy, die auf reiche Großgrundbesitzer zu Zeiten der normannischen Eroberer von 1066 zurückgehen, bis zum heutigen Tag überproportional in den Immatrikulationslisten der prestigeträchtigen Universitäten von Oxford und Cambridge finden, ebenso im Parlament oder in Erburkunden. Der schottische Wirtschaftsprofessor Gregory Clark hat das in seinem Buch The Son Also Rises: Surnames and the History of Social Mobility anschaulich zurückverfolgt.

Die soziale Mobilität, also die Möglichkeit, von der einen Klasse in andere auf- oder auch abzusteigen, ist in Großbritannien besonders gering. So dauert es für Angehörige der untersten Klasse zehn Generationen, um sich einen Weg in die Mitte der Gesellschaft zu erarbeiten, hat Clark herausgefunden. Umgekehrt ist für scheiternde Eliten der Absturz entsprechend sanft.

Als Voraussetzung für hohe soziale Mobilität gilt allgemein ein Bildungssystem, das auch den Angehörigen der unteren Schichten gute Chancen bietet. Doch in Großbritannien hängt es noch heute von der Klassenzugehörigkeit ab, wer welche Schule besucht. Und das hat Folgen: Nur sieben Prozent der Briten haben nicht staatliche Schulen besucht, aber sie machen mehr als 70 Prozent der Justiz und des Militärs aus, 60 Prozent der höheren medizinischen Berufe und 50 Prozent der Journalisten, Verwaltung und sogar des Kabinetts. Das zeigt eine Untersuchung des Sutton Trust.

Ähnliche Zusammenhänge weist auch die BBC-Studie für Universitäten auf. Überdurchschnittlich viele Angehörige der Eliten waren auf angesehenen Hochschulen und landeten danach im Topmanagement, anderen prestigeträchtigen Berufen oder in der Politik: 10 von 23 Kabinettsmitgliedern in Theresa Mays neuer Regierung haben Abschlüsse von Oxford oder Cambridge, sie selbst auch. Drei ihrer Minister kommen aus dem gleichen Studiengang: PPE – Philosophy, Politics, and Economics an der University of Oxford. Dieser Studiengang, so schrieb der Guardian einmal, "lenkt Großbritannien". Damit ist nicht nur die Politik gemeint, die rechts wie links von Absolventen dieses Programmes dominiert wird, sondern auch die Medien und Politikbeobachter.

Als Ergänzung zu diesem Bildungssystem mit seinen teuren Privatschulen und Topuniversitäten wurden im 19. Jahrhundert die staatlichen Schulen konzipiert – allerdings nicht, um den unteren Klassen besondere Aufstiegschancen zu verschaffen, sondern um sie unter Kontrolle zu halten, urteilt die Erziehungswissenschaftlerin Diane Reay von der Universität Cambridge. Etwa ein Jahrhundert später aber, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, zeichneten sich für die weniger privilegierten Klassen Veränderungen ab. Großbritannien hatte stark an Wirtschaftsleistung eingebüßt, lag zum Teil in Trümmern, der Lebensstandard war gering. Die benachteiligten Klassen machten sich hörbar. Der Staat musste etwas unternehmen.

Bei allen Gegensätzen einigten sich Labour und Konservative auf einen post war consensus. Die Nachkriegsregierungen setzten auf Keynesianismus, nahmen Kernindustrien unter staatliche Kontrolle und erkannten an, dass Interessen der Arbeiterschaft ebenso legitim sind wie die der höheren Klassen. Gewerkschaften spielten eine große Rolle in der Lohngestaltung und mit dem National Health Service wurde eine flächendeckende Krankenversicherung eingeführt. Das schaffte die Klassengesellschaft zwar nicht ab, verbesserte die Situation der Arbeiterschaft aber.

Doch trotz aller Verbesserungen, wirtschaftlich kam das Königreich im internationalen Vergleich nicht voran. Die Inflationsraten und Löhne waren zu hoch, das Außenhandelsdefizit zu groß. Diese sogenannte britische Krankheit veranlasste die Konservativen dazu, Ende der siebziger Jahre den Nachkriegskonsens aufzukündigen und eine Therapie mit neoliberaler Politik zu versuchen – zuvorderst umgesetzt von der Premierministerin Margaret Thatcher, die elf Jahre im Amt war. Die Ausgaben wurden begrenzt, wo es nur ging, Privatisierungen vorangetrieben. Damit hatte Thatcher zwar großen wirtschaftlichen Erfolg, aber das Land zahlte dafür einen hohen Preis: Die Ungleichheit nahm wieder stark zu. Ende der neunziger Jahre lag die relative Armut dreimal so hoch wie zu Beginn der Amtszeit Thatchers, schreiben die Sozialwissenschaftler Anthony Giddens und Patrick Diamond in The New Egalitarianism.

Wichtige Strukturen und Institutionen wie die Gewerkschaften, die für die Anliegen der unteren Klassen gekämpft hatten, wurden beinahe vollständig zerstört.

Erst Mitte der neunziger Jahre schlug der charismatische Labour-Politiker Tony Blair einen dritten Weg vor, zwischen Thatchers ungezügelter Marktwirtschaft und alten Labour-Sozialstaatsideen. Er gewann damit Wahlen, aber seine Versprechen, das Schulsystem und das von Thatcher beschnittene Gesundheitssystem zu verbessern, blieben weitgehend unerfüllt. Zwar ist das Schulsystem nicht mehr so hierarchisch, wie es noch in den sechziger Jahren war, doch es ist, mit all seinen Sonderregelungen und Reformen der vergangenen Jahrzehnte weit davon entfernt, für alle die gleichen Chancen zu bieten.

[...] Eine durchgreifende Reform, die das komplexe Schulsystem vereinfacht und Privilegien abbaut, hat es in Großbritannien bislang nicht gegeben.
Auch deshalb ist der Unterschied zwischen Arm und Reich in den vergangenen Jahrzehnten immer größer geworden. Wenn in den Nachkriegsjahren die Ungleichheit für einige Zeit abnahm, so nahm sie ab den achtziger Jahren wieder zu. Das zeigen Untersuchungen des Equality Trust, der von den Ungleichheitsforschern Kate Pickett und Richard Wilkinson gegründet wurde. Heute vereint das reichste Fünftel der Bevölkerung 40 Prozent der gesamten Einkommen auf sich. Die Ungleichheit zeigt sich auch jenseits der monetären Kategorien: Die Lebenserwartung im ärmeren Teil des Londoner Stadtteils Southwark ist sieben Jahre kürzer als im wohlhabenderen Teil. Auch die Chance, einen guten Schulabschluss zu erreichen, ist im ärmeren Teil um zehn Prozentpunkte geringer.

Die Ungleichheit besteht also an vielen stellen: zwischen Jungen und Alten, zwischen Stadt und Land und zwischen der weißen Mehrheit und den ethnischen Minderheiten. Die ökonomischen und sozialen Realitäten der Briten sind enorm divers. Das Konzept der Klasseneinteilung bildet diese Ungleichheiten an wichtiger Stelle ab.

Jeremy Corbyn, der seit 2015 Labour-Parteichef ist, will dieses Klassensystem nun verändern. Lange galt er als sozialistisches Schreckgespenst, doch mit dem Erfolg bei der jüngsten Wahl konnte er sich auch innerparteilich durchsetzen. Er hat ein linkes Gegenprogramm zur noch nachhallenden neoliberalen Blair-Ära aufgelegt, das vor allem der Parteibasis gefällt. Corbyn hat mit seiner Labour-Partei zwar nicht die Mehrheit bei der Wahl gewonnen, sie aber den Konservativen genommen und gezeigt, dass ein Programm für Bildung, Gesundheit und Sozialstaat seine Wähler findet. Viele dieser Wähler sind jung und Teil einer ethnischen Minderheit. Sie gehören also zu den Klassen, die von der Politik der vergangenen Jahrzehnte besonders benachteiligt wurden.

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Nikolas der zweite #31

Man hat den Eindruck, dass das Thema ohne den Brexit nicht von Interesse wäre. Dabei ist eine soziale Schieflage ein weit verbreitetes Phänomen in der EU, wenn gleich es in den reichen EU-Ländern offiziell marginalsiert wird.



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Staatsei Nr.1 #24

"Großbritannien ist nicht nur in der Frage des Brexit gespalten. Das Land ist immer noch eine Klassengesellschaft, sozialer Aufstieg ist fast unmöglich."

Ich frage mich, warum grundsätzlich immer nur vor anderer Leute Tür gekehrt wird? Die selbe Klassengesellschaft haben wir in Deutschland, die Probleme sind identisch. Leider liest man nach innen eher beschwichtigende Töne, zum selben Thema. Aber unliebsame Themen sind ja eh aus der Mode, die sucht man lieber im Ausland.


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Brendon Hickey #26

something that you dont mention is division on religious lines, if you're a catholic like me you go to a catholic school, protestants go to church of england school, muslims go to islamic school and jew go to jewish schools. i live in oldham, it has about 40% muslim population but my school was 100% white and catholic mostly ethnic irish people who are generations living in Britain, the school further up the road was 100% muslim.. it means from a young age you have a sense of them and us and of course when your kids and walk past the other school you throw stones at the windows :D

the grenfell tower was full of illegal immigrants and a lot of the people sublet the flats to people, do they dont even know who is missing.
https://www.theguardian.com/uk-news/2017/jul/02/grenfell-tower-residents-nearby-will-not-have-to-pay-rent-says-council


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Kulturpessimistin #28

Ein guter Artikel. Natürlich ist es in GB auch etwas einfacher, Strukturen auszumachen, speziell, was den Adel betrifft.
Wenn man aber schon einmal damit anfängt: Den fehlenden Bruch konstatieren Geschichtswissenschafter auch in Deutschland, von der Märzrevolution über eine monarchistische Staatsgründung noch im 19. Jahrhundert bis hin zur auch nur halben Revolution Anfang des 20. Jahrhunderts.
Und hernach ging es vom Keynesianismus zum Neoliberalismus weiter.
Ob es daran liegt? Für mich eher zweitrangig, weil mir im "weil vor 200 Jahren" einfach zu wenig Raum für Selbstwirksamkeit liegt.
Feststellen kann man: In Deutschland wird Kindern von armen Eltern erst ab dem Status "versetzungsgefährdet" Nachhilfe finanziert. Für Kinder von 6-14 Jahre liegt der SGB II-Anteil für Bildung bei 1,40 Euro pro Monat, danach bei 5,43 Euro.
Ich kenne Jugendliche, die für die Leistungskurs-Bücher für Kinder mit armen Eltern Geld sammelten. Es gibt Projekte, die Kindern ein Frühstück ermöglichen, das von zu Hause nicht oder nur mäßig gestellt werden kann. Das ist etwas, was ich im Jahr 2017 einfach nicht dulden will. Gleiches gilt für Kommentare, die jetzt mit Elternverantwortung kommen. Kinder gilt es zu schützen und das, egal, welche Eltern sie haben. Eine Regierung, die das nicht schafft, ist die Wiederwahl nicht wert.


...


Aus: "Großbritannien: Einmal unten, immer unten"  Malte Laub, London (17. Juli 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-07/grossbritannien-klassengesellschaft-brexit-bildung-ungleichheit/komplettansicht

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 on: July 18, 2017, 08:36:54 AM 
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[...] Die Senatskanzlei hat den umstrittenen Honorarvertrag mit dem Rechtsanwalt Christian Schertz einvernehmlich beendet. Das bestätigte am Sonntag die Senatssprecherin Claudia Sünder dem Tagesspiegel. Vor einem Jahr war bekannt geworden, dass die Kanzlei Schertz für die exklusive Beratung „auf den Gebieten des Medien- und Presserechts“ vertraglich gebunden wurde und eine monatliche Pauschale von 3500 Euro netto für bis zu 15 Stunden zuzüglich Spesen erhielt. Außerdem 350 Euro für jede weitere Arbeitsstunde Üblicherweise werden externe Rechtsberater nur in Einzelfällen beauftragt.

Wegen dieses Pauschalvertrags wurde der Regierende Bürgermeister Michael Müller und der Chef der Senatskanzlei, Björn Böhning, nicht nur von der CDU, sondern auch von den Grünen heftig kritisiert. Im Roten Rathaus wurden die Vorwürfe damals zurückgewiesen, zumal eine anwaltliche Vertretung im „geschützten Vertrauensbereich“ einer jeden Behörde liege. Jetzt hat die Senatskanzlei ihre Meinung über die Notwendigkeit eines solchen Pauschalvertrages offenbar geändert.

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Gegendarstellung

Sie schreiben unter www.tagesspiegel.de am 26.02.2017 unter der Überschrift "Senat beendet umstrittenen Beratervertrag":
"Der Senat hat den Vertrag mit Rechtsanwalt Christian Schertz beendet"

Hierzu stelle ich fest:
Der Vertrag wurde nicht durch den Senat beendet, sondern einvernehmlich aufgehoben.

Berlin, den 27. Februar 2017
Rechtsanwalt Prof. Dr. Christian Schertz

Christian Schertz hat Recht. Die Redaktion



Aus: "Debatte um Pauschalbezahlung Senat beendet einvernehmlich umstrittenen Beratervertrag" (01.03.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/debatte-um-pauschalbezahlung-senat-beendet-einvernehmlich-umstrittenen-beratervertrag/19444750.html


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 on: July 17, 2017, 08:44:53 AM 
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[...] Die Kernschmelze in drei Reaktoren des AKW Fukushima vor sechs Jahren konnte Tepco nicht stoppen. Mit viel Wasser wollte der Betreiber aber zumindest die weitere Ausbreitung aufhalten. Das wurde schon damals zum Problem, denn die Wassermassen blieben nicht in den (zerstörten) Abklingbecken, sondern flossen unkontrolliert ins Meer und ins Grundwasser. Deshalb wurden Stahltanks aufgestellt, bis heute etwa 580 Stück, die jeweils 1000 Tonnen des kontaminierten Wassers fassen. Von dort wurde es gereinigt: Cäsium und Strontium sowie 60 weitere radioaktive Substanzen ließen sich nach Angaben von Tepco herausfiltern; Tritium blieb dagegen im Wasser.

Die riesigen Behälter auf dem Gelände sind nun weitgehend gefüllt, weshalb Tepco überlegt, das Wasser ins Meer abzuleiten. Der Betreiber warte noch auf das Ergebnis einer Expertengruppe und die Entscheidung der Regierung, berichtet Telepolis. Das Unternehmen führe auch Sicherheitsbedenken als Grund für die Einleitung an – die Tanks könnten durch Erdbeben und Tsunamis zerstört werden. Außerdem müsse Tepco profitabler arbeiten, um die Folgen von Fukushima bewältigen zu können. Man geht von Kosten von 190 Milliarden US-Dollar aus, um das AKW zu entsorgen und die Geschädigten zu kompensieren, so Telepolis.

Tritium gilt als deutlich weniger gesundheitsgefährdend als andere radioaktive Substanzen, wenn es sich nicht in hohen Mengen im Körper ansammelt. Die davon ausgehenden Strahlen können die äußeren Hautschichten normalerweise nicht durchdringen. Allerdings gibt es zugleich Studien, nach denen der weiche Betastrahler das Erbgut verändern kann. Die Fischer in der Region sind naturgemäß gegen die Einleitung des Wassers ins Meer. Ihre Fische würden sich danach wohl noch schlechter verkaufen als bisher. (uk)

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     putt, 15.07.2017 15:20

Wie gesagt - der Profit!

    Außerdem müsse Tepco profitabler arbeiten

Wenn es den Profit erhöht, kann eine Regierung doch gar nicht anders als die Einleitung in die Umwelt zu erlauben!



Aus: "AKW Fukushima: Tanks sind voll, radioaktives Wasser soll ins Meer" Ulrike Kuhlmann (15.07.2017)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/AKW-Fukushima-Tanks-sind-voll-radioaktives-Wasser-soll-ins-Meer-3772272.html

https://www.heise.de/tp/features/AKW-Fukushima-Betreiber-will-mit-Tritium-belastetes-Wasser-ins-Meer-ablassen-3772227.html

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 on: July 13, 2017, 04:29:33 PM 
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Komponist über absurdes Copyright "Kopiert wird dauernd" (10. 9. 2008)
Cut, copy and paste ist die Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts. Doch die Gema lebt in einer analogen Welt. Um sein Werk aus 70.200 Samples anzumelden braucht Johannes Kreidler einen Transporter voll Papier.
https://www.taz.de/!5176050/

"Antrags-Anschlag auf die GEMA, per Kleinlaster" (10/2008 - 57. Jahrgang)
https://www.nmz.de/artikel/antrags-anschlag-auf-die-gema-per-kleinlaster

http://kreidler-net.de/productplacements-e.html

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 on: July 13, 2017, 02:02:20 PM 
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[...] Das neue Buch "Eigenblutdoping" von Diedrich Diederichsen bietet, wie wir es von Deutschlands Pop-Pythia gewohnt sind, erneut eine staunenswerte Fülle an eindringlichen Reflexionen zum gesellschaftlichen Stand von Musik, bildender Kunst und Literatur. Sein Leitthema ist diesmal der Zusammenhang von Künstlerperson, Leben und Werk, von inszeniertem Lifestyle, von intimer und öffentlicher Person bei Künstlern und Nichtkünstlern. Als Motto und Leitmotiv dieser keinen dialektischen Hakenschlag auslassenden kunstsoziologischen Überlegungen könnte ein Diktum aus Theodor W. Adornos Vorrede zur "Negativen Dialektik" dienen: "Seitdem der Autor den eigenen geistigen Impulsen vertraute, empfand er es als seine Aufgabe, mit der Kraft des Subjekts den Trug konstitutiver Subjektivität zu durchbrechen". So macht sich der dribbelstarke Denker der Dissidenz in diesen für den Hamburger Kunstverein 2006 und 2007 als Vorlesungsreihe konzipierten Kapiteln auf die Suche nach den künstlerisch vorgeprägten Subjektmodellen seit den 1960er-Jahren.

Seine Grundthese diagnostiziert, dass die einstmals emanzipatorisch intendierten Praktiken libertärer Projekte ästhetischer und sexueller Devianz nolens volens zum Motor des postfordistischen Kapitalismus mutiert seien. Dessen unbarmherzige Auswirkungen beruhten auf der Wirkweise derselben Prinzipien von Innovation und permanenter Abweichung, die den Kern avantgardistischen Künstlertums ausmachen. Diese Verschlingung von subversiven und affirmativen Potentialen inszenierter Abweichungen wird in dem kunstphilosophischen Großessay als genealogische Erzählung von Subjekt- und Star-Modellen der 1960er- bis 2000er-Jahre rekonstruiert. Der virtuose Nachvollzug - negativ, mithin unaufgelöst - dialektischer Verbindungen von Affirmation und Widerstand, die er in nahezu jedem Gebilde der Popkultur antrifft, macht den kritischen Poptheoretiker zum Erben von Adorno als Großmeister im Aufspüren ambivalenter ästhetischer und ideologischer Positionen in Kunstwerken.

Der suggestive Titel "Eigenblutdoping" meint die "Vermarktung der eigenen Lebendigkeit" - die überpointiert auch auf den Begriff des "Authentizitätspornos" gebracht werden - in denen neuerdings mehr und mehr Menschen im Nightlife, als Künstler oder im Privat-Fernsehen ihre ästhetisch und marktförmig zurechtkonstruierten Identitäten verkaufen. Was ehemals als abweichende und exhibitionistische Inszenierung individuelle Selbststilisierung oder gar Selbstbefreiung war, wurde seit den 1980ern als Funktionsmodell des Spätkapitalismus vereinnahmt. Die Crux heutiger Politisierung und Selbstverwirklichung liege nun darin, dass mit einfacher Flexibilität oder dem Anderswerden-Wollen des Individuums keine Opposition mehr stattfinde gegen den neoliberalen Mainstream. Denn "die Verhältnisse, denen man entkommen möchte, maskieren sich selbst als dynamisch, als x+1."

... Heutige Kunst kämpfe im übrigen (mindestens) einen doppelten Kampf: gegen die technische Überlegenheit der Kommunikations- und Werbekultur sowie gegen die politische und theoretische Gleichgültigkeit des Kunstmarktes, dem jegliche Legitimationsdiskurse schnuppe seien.

... Zu: Diedrich Diederichsen: Eigenblutdoping. Selbstverwertung, Künstlerromatik, Partizipation.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 




Aus: "Die negative Dialektik des Pop - Diedrich Diederichsen untersucht die Selbstverwertung von Künstlern" Bernd Blaschke
(Archiv / Frühere Ausgaben / Nr. 12, Dezember 2008 / Philosophie und Soziologie)
Quelle: http://literaturkritik.de/id/12510


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 on: July 13, 2017, 01:30:09 PM 
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[..] Musik, sagt Ernst Bloch, verhält sich "seismographisch" zum gesellschaftlichen Sein. Dass er Musik als "den Spiegel des Utopischen" schlechthin verstand, hat nicht nur mit ihrem prozesshaften, auf etwas Kommendes verweisenden Aspekt zu tun, der eng mit dem antizipierenden Wesen des Menschen verbunden ist. Es geht auch um ein Überschreiten, gerichtet auf Verhältnisse, die noch werden – auf den Menschen, der noch wird.

... Utopien gibt es aus verschiedener Perspektive: Eine entspringt der Technikeuphorie, die sich seit der industriellen Revolution über den Wissenschafts- und Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts in die Cyberwelt verlängert.

Elektronik und Syntheziser haben völlig neuartiges Klangmaterial zur Verfügung gestellt. Als Universalwerkzeug befeuert der Computer die Machbarkeitsphantasie. Utopisch erscheint dann gleichbedeutend mit synthetisch. Neu soll der Sound sein, aber ist es auch die Musik?

Utopisches Denken ist eines, das aus seinen eigenen Grenzen heraustritt - indem es sie reflektiert. Es geht darum, Denkweisen, die die technische Entwicklung unseres Jahrhunderts hervorgebracht hat, auf eben dieser historischen und philosophischen Höhe wirksam werden zu lassen: durch Selbstreflexion.

Oft wird das Utopische nur auf der Ausdrucksebene gesucht, mit Mitteln, die selbst noch konventionell sind. Dabei ist Musik mehr als nur Spiegel menschlichen Ausdrucks.

Am Ende geht es überhaupt nicht mehr um Ausdruck in der Musik, "sondern die Musik selber [steht] als Ausdruck zur Diskussion". "Konkrete Utopie" sagt Bloch und meint den Prozess der Verwirklichung, in dem die näheren Bestimmungen des Zukünftigen tastend und experimentierend hervorgebracht werden: als utopische Aspekte beim Erfinden, Spielen und Hören von Musik.

Was Musik seismografisch widerspiegelt, "bewegt sich immer zwischen den Polen Utopie und Ideologie". Wenn Musik die bestehende Ordnung ästhetisch reproduziert, erzeugt sie nur das illusionistische Bild einer heilen Gegenwelt. Auch die Arbeit am Sound ist dann nicht mehr als das Übermalen einer vergilbten Tapete.

Utopie ist neu, wesentlich anders, emanzipatorisch und kritisch auf die Gegenwart gerichtet.

Es gibt auch historische Musik, die utopisch ist; die ihren Relevanz nicht verloren hat, weil ihr ein Wahrheitsgehalt innewohnt, den die Verhältnisse nicht eingelöst haben.

Stefan George zitierend entlässt Arnold Schönberg seine Musik aus den Bestimmungen durch die Konvention: "Ich fühle Luft von anderem Planeten. Ich löse mich in Tönen kreisend, webend, dem großen Atmen wunschlos mich ergebend."


Aus: "Utopien in der Musik: "Durch Nacht zum Licht"" Carolin Naujocks (20.12.2016)
Quelle: http://www.deutschlandfunkkultur.de/utopien-in-der-musik-durch-nacht-zum-licht.2165.de.html?dram:article_id=374333


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 on: July 13, 2017, 01:21:26 PM 
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[...] Und doch ist sie gar nicht leicht zu beantworten, diese Frage nach Henne und Ei – oder eben nach der Popmusik und der Rebellion von 1968. Und während Radio Bremen gerade seinen 70. feiert und den „Beat-Club“ mit all seinen Anekdötchen aus der Mottenkiste holt, wird dieser Mythos von individuellen Aufbrüchen und der Genese einer Pop-Nation Deutschland auch anderswo neu verhandelt. So fragen sich linke Kulturschaffende von heute und Avantgardisten von damals, was da schief gelaufen ist, wo diese befreite Gesellschaft denn sein soll, bitte – und warum die Top-Ten-Charts heute so geschlossen dumm wie deutsch singen. Irgendwo ist etwas verloren gegangen. ...

... In der Sendung wurden auch die Briefe verlesen, von denen auf dem Höhepunkt des Erfolgs wöchentlich Tausende eingetrudelt sein sollen. Die wütenden BürgerInnen dem öffentlichen Gelächter auszusetzen, das war laut Seidel die Absicht Bornemanns. Lässt sich der „Beat-Club“ in diesem Sinne als zeitgemäße politische Intervention verstehen, so blieb er letztlich dem Spektakel verhaftet. Die sozialgeschichtlichen Hintergründe der unter anderem aus der US-Bürgerrechtsbewegung gespeisten Popmusik beispielsweise, sie blieben in der Regel außen vor.

... Geändert hat sich das 1973 mit der Radio-Bremen-Radiosendung „Roll over Beethoven” von Klaus Kuhnke, Peter Schulze und Manfred Miller: Neben den Inhalten der Songs reflektierte die Reihe auch die Produktionsbedingungen, den Aufstieg der Label-Monopole etwa und den noch heute tobenden Kampf ums Urheberrecht.

Da war im Radio zu erfahren, wie bereits in den 1920er-Jahren standardisiert wurde, was bis heute als Folk und Traditional gehandelt wird. Auch die Zensur fand Eingang in die Debatte oder auch der patriarchale Blick, den der Markt hier auf insbesondere schwarze Musiker warf, die vermeintlich kulturelle Eigenarten in der Musik unterhaltsam zur Schau stellten.

Später sagten die Macher, sie hätten mit der Sendung einem Mangel begegnen wollen – dem „eines brauchbaren, nämlich materialistischen Abrisses der Geschichte der populären Musik“. Und da waren sie in den 70er-Jahren mittendrin im Streit um Kulturbegriffe und der Auseinandersetzung mit jenen Linken, die Musik für politische Zwecke instrumentalisierten.

Heute haben sich die Kulturwissenschaften solcher Fragen angenommen und sie regalmeterweise ausdifferenziert. Irgendein Gemeinsames aber von Massenkultur und Kritik, das scheint vorbei zu sein. Nicht nur auf Radio Bremen.


Aus: "Soundtrack einer verpassten Revolution" Jan-Paul Koopmann (2. 1. 2016)
Quelle: https://www.taz.de/!5260020/

 9 
 on: July 13, 2017, 01:13:26 PM 
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[...] Das emanzipatorische Potential des "ästhetischen Blicks" - Kunst und Politik zwischen Bourdieu und Rancière

Jens Kastner: Der Streit um den ästhetischen Blick. Kunst und Politik zwischen Pierre Bourdieu und Jacques Rancière, Turia + Kant, Wien 2012, 140 Seiten

Was muss geschehen, damit das Alltägliche aufhört, alltäglich zu sein? Wie verändert man die Wahrnehmung des Sozialen, um Emanzipation zu ermöglichen?
Und welche Rolle spielt die Wissenschaft dabei? Oder die Kunst?
Um diese Fragen tobt in Frankreich ein Streit, der aus mehreren Gründen bemerkenswert ist.
Zum einen ist da das schiere Niveau der Antagonisten: Jacques Rancière, der aufsteigende Stern am Himmel der französischen Philosophie, polemisiert gegen Pierre Bourdieu.
Zum anderen wäre da die Tatsache, dass die Polemik einseitig daherkommt: Denn Jacques Rancière streitet mit einem Toten - nicht eben ein Ausweis intellektueller Courage, zumal Bourdieu zu Lebzeiten selbst ein gefürchteter Polemiker war.
Und schließlich bleibt der Umstand, dass sich die Positionen der Kontrahenten politisch kaum unterscheiden.
Beide haben sich im Widerstand gegen die Verwüstungen des Neoliberalismus einen Namen gemacht, und beiden geht es um die Frage, welche Möglichkeiten Kunst, Wahrnehmung und Ästhetik besitzen, politische Veränderungen zu bewirken bzw. mitzubewirken.
Der Wiener Soziologe und preisgekrönte Kunstkritiker Jens Kastner hat nun eine Studie vorgelegt, die die in Deutschland bislang noch weitgehend unbekannte Kontroverse kompetent nachzeichnet. Sein Buch ist eine Mischung aus wissenschaftlicher Abhandlung und politisch-kunsttheoretischem Essay.
Im Wandern zwischen den Gattungen liegt sein Reiz. Denn einerseits stellt Kastner die Positionen von Rancière und Bourdieu sachlich, systematisch und gut verständlich dar.
Andererseits geht er im letzten Drittel seines Buches über sie hinaus und ergänzt die Diskussion um eine bewegungsanalytische Perspektive, die sehr vielversprechend ist. Durch produktives Mitdenken wird Der Streit um den ästhetischen Blick zu einer innovativen kultursoziologischen Leistung, in der man sich eigentlich noch mehr Kastner zwischen Bourdieu und Rancière gewünscht hätte.
Einen Gutteil seiner ebenso fundierten wie differenzierten Kritik verbannt Kastner in die Fußnoten. Das ist zwar akademisch wohlerzogen, aber eigentlich unnötig. Kastner versteht seine Studie als Einladung, die Bourdieu-Rancière-Kontroverse aus dem rein akademischen Feld zu lösen und an anderen Orten weiterzuführen.

Die geistige und sprachliche Klarheit seines Buches ist angesichts des extrem hohen Abstraktionsniveaus und der holprigen terminologischen Eigenheiten der Beteiligten besonders wohltuend. Sie könnte tatsächlich helfen, den Inhalt der Debatte einem größeren Publikum verständlich zu machen.

Kastner macht deutlich, dass bei aller Schärfe der Ausgangspunkt der Kontroverse für Bourdieu und Rancière eigentlich gleich ist: Beide verstehen Ästhetik als etwas, das über den spezifischen Raum der Kunst hinaus mit "allgemeinen Denk- und Wahrnehmungsmöglichkeiten" (S. 7) verknüpft und daher politisch bedeutsam ist. Sowohl Rancière als auch Bourdieu geht es um das "Problem der Politik der Ästhetik" (S. 12).

In ihrem Verständnis dieser Politik allerdings könnten ihre Positionen kaum gegensätzlicher sein. In seinem Werk "Die feinen Unterschiede" hat Bourdieu ästhetische Formen und die gesellschaftliche Art ihres Genusses als ordnungs- und letztlich herrschaftsstabilisierende Dispositionen identifiziert.

Die Behauptung, die Wirkung der Kunst stehe über den sozialen Realitäten, ist für ihn eine Verschleierung eben dieser Realitäten durch das zur Herrschaft strebenden Bürgertum. Für ihn gibt es konsequenterweise keine "Gleichgültigkeit des Schönen". Rancière sieht das anders. Für ihn ist Bourdieus Orientierung an sozialen Schichten und Klassen und seine entsprechende Zuordnung kultureller Praktiken kein Be- sondern im eigentlichen Wortsinn ein Festschreiben sozialer Ungleichheiten.

Die von Bourdieu analysierten sozialen Differenzen sieht Rancière als Ergebnis eines performativen Sprechakts der Soziologie. Ein statisches Modell verhindere die Wahrnehmung gelebter Regelbrüche - und damit soziale Emanzipation.

Die Feststellung, dass der "ästhetische Blick" zu einem sozialen Distinktions- und Differenzkriterium geworden sei, hält Rancière für banal.

Viel wichtiger ist ihm dessen Fähigkeit, Menschen aus gesellschaftlichen (Zu)Ordnungen ausbrechen zu lassen: "Die Ordnung wird überall dort bedroht, wo ein Schuster etwas anderes als Schuhe macht" (S. 44).

Kastner: "Während der ästhetische Blick für Rancière [...] einen Dissens definiert, ist er in der Analyse Bourdieus Ausdruck und Instrument einer Disposition der Herrschenden" (S. 83).

Jacques Rancière macht in seinem posthumen Disput mit Bourdieu freilich nicht immer eine gute Figur. Das liegt aber weniger an einer unzulässigen Parteilichkeit des hervorragenden Bourdieukenners Kastner als daran, dass Rancières nie geleugneter philosophischer Idealismus seine Argumente oft zu unumstößlichen Behauptungen verkommen lässt.
Er will den Einzelnen und seine Fähigkeit zu kategorial ungehörigem Verhalten zurück in die Wissenschaft bringen. Das ist ebenso nötig wie lobenswert.
Nur hat man das Gefühl, dass er sich für dieses Unterfangen den falschen Gegner ausgesucht hat. Das emanzipatorische Potential der Soziologie Bourdieus unterschlägt er. Kastner kritisiert zu recht Rancières "maximal missgünstige Lektüre" Bourdieus (S. 67).

Kastner selbst bestreitet keineswegs ein emanzipatorisches Potential des "ästhetischen Blicks" - nur müsse es durch soziale Kämpfe erst durchgesetzt werden und sei diesen keineswegs vorgängig. Die Möglichkeiten sozialer Bewegungen, den "ästhetischen Blick" von einem Privileg zu einem Mittel sozialer Emanzipation zu machen, hält er für wesentlich. Kastner favorisiert eine anti-essentialistische Differenzposition, die ungeregelte Formen gesellschaftlichen Handelns ausdrücklich einschließt. Ein Ende der Debatte ist somit nicht abzusehen.


Aus: "graswurzelrevolution: 372" Martin Baxmeyer (Oktober 2012)
Quelle: http://www.graswurzel.net/372/kunst.shtml

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 on: July 13, 2017, 01:03:55 PM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
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[...] Musikästhetik ist als philosophische Disziplin Teil des Denkens über Musik mit dem spezifischen Bezugspunkt der Reflexion und ästhetischen Erfahrung musikalischer Werke und Prozesse. Dabei variieren Gegenstand und Methoden musikästhetischer Betrachtungen. Die begriffliche und wissenschaftssystematische Konzeption einer Disziplin der Ästhetik im, für die moderne Philosophie, prägenden Sinne erfolgte Mitte des 18. Jahrhunderts durch A. G. Baumgarten; sie soll sich, seinem Entwurf entsprechend, mit der sinnlichen Erkenntnis allgemein, mit der Erkenntnis von Kunst und Schönem im Besonderen und mit dem Verstehen und Bewerten von Kunstwerken in historischen Zusammenhängen beschäftigen. ...

Seit etwa 1920 wird der Begriff des Expressionismus auch in Bezug zur Musik verwendet, um das Auftreten neuer musikästhetischer Phänomene zu Beginn des 20. Jahrhunderts erklären und einordnen zu können. Als Gegenbegriff zum musikalischen Impressionismus ist der musikalische Expressionismus Ausdruckskunst, die Kunst des Ausdrucks des (eigenen) Innern. Durch ihn werden ästhetische Ideale und Normen des 19. Jahrhunderts – Schönklang, Diatonik, Metrik – verzerrt. Seine grundlegende Idee, Ausdruck als Gegenbegriff zur Form zu etablieren, findet der Expressionismus in der Konzeption der Neudeutschen Schule, doch verkehrt er weitere konzeptionelle Ansätze dieser ins Gegenteil. In den Kompositionen des Expressionismus findet sich die Idee, dass ein Verstehen des Hörenden zur Essenz des Ausdrucks der Musik selbst gehört, nicht mehr wieder. Somit werden Kompositionen nicht an Ansprüchen oder Erwartungen des Hörenden ausgerichtet. Vielmehr zeigen sich in ihnen Versuche, Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks von Gefühlen realisieren zu wollen. Im Überschreiten der Grenzen des Bewusstseins soll sich dem eigenen Wesen, das jenseits des Bewusstseins liegt, angenähert werden.
In der Kompositionspraxis werden diese Versuche im Überschreiten der Tonalität als Erweiterung hörbar. Auch werden im Expressionismus musikalische Gattungen (Symphonie, symphonische Dichtung, Kammermusik, Lied, Ballade, Oper, Kantate) werkimmanent vermischt und ihre Grenzen überschritten. Arnold Schönberg versucht, durch die Verwendung verschiedener Kunstgattungen in "Die glückliche Hand" (1924), die Idee einer Synästhesie zu verwirklichen.


Aus: "Musikästhetik" (29. Juni 2017)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Musik%C3%A4sthetik

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[...] Der musikalische Expressionismus entstand um 1906. Im Unterschied zum musikalischen Impressionismus, der die Wahrnehmung äußerer Erscheinungen der Dinge abbildet, formulieren die expressionistischen Kunstrichtungen Seelenregungen des Menschen. ... Theodor W. Adorno charakterisiert:
    „Das expressionistische Ausdrucksideal ist insgesamt eines der Unmittelbarkeit des Ausdrucks. Das bedeutet ein Doppeltes. Einmal sucht die expressionistische Musik alle Konventionselemente der traditionellen zu eliminieren, alles formelhaft Erstarrte, ja alle den einmaligen Fall und seine Art übergreifende Allgemeinheit der musikalischen Sprache – analog dem dichterischen Ideal des ‚Schreis‘. Zum andern betrifft die expressionistische Wendung den Gehalt der Musik. Als dieser wird die scheinlose, unverstellte, unverklärte Wahrheit der subjektiven Regung aufgesucht. Die expressionistische Musik will, nach einem glücklichen Ausdruck von Alfred Einstein, Psychogramme geben, protokollarische, unstilisierte Aufzeichnungen vom Seelischen. Sie zeigt sich darin der Psychoanalyse nahe.“ ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Expressionismus_(Musik) (2. Februar 2017)


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