Pages: [1] 2 3 4 5 6 ... 10
 1 
 on: November 23, 2017, 04:56:57 PM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Quote
[...]  Den Schlüssel zu den Filmen, Bands und Büchern seines Lebens findet er in der 'Drastik’, jener Überdeutlichkeit, die im genauen, oft zeitlich gedehnten Blick auf Unangenehmes eine ganz eigene Intensität erzeugt, wie sie der Postmoderne eigentlich abhanden gekommen war – zu sehr hat das Uneigentliche, das Ironische, die Gefühlswelt relativiert. Erst in der Drastik finden wir auf die Erde und zum Körper zurück. D. – offenbar nicht / und gerade doch mit dem Autor D. identisch – findet diese Drastik in den surrealen Splatterfilmen von Lucio Fulci (ÜBER DEM JENSEITS), in den fast kindlich grausamen Gonzo-Pornos von Rocco Siffredi, dem satanistischen Metal von Cradle of Filth und den Romanen von Bret Easton Ellis. Es geht ihm nicht um die gepflegte Gewalt des Mainstreams, wie sie Quentin Tarantino und Stephen King etabliert haben – ihre ironischen Gesten und narrativen Ausflüchte gleichen eher einer Entschuldigung. Dath geht es um das vermeintlich 'Selbstzweckhafte’, das sich der rationalen Zuschreibung entzieht, das den destruktiven Akt selbst feiert: Drastik als selbstverweisende Transgression. Dabei steckt sein Buch voller Verweise und amüsanter Entdeckungen. So bietet er den grandiosesten Verriss, den die überschätzte MATRIX-Trilogie je erleben musste. Und einige großartige Argumente gegen die Zensur.

"Was ist Drastik? Der ästhetische Rest der Aufklärung nach ihrer politischen Niederlage." Am Ende jedoch steht jener letzte Hort des selbstverweisenden Authentischen: die Liebe, unzeitgemäß und gar nicht postmodern 'warm’.


Aus: "Die salzweißen Augen: Vierzehn Briefe über Drastik und Deutlichkeit" Marcus Stiglegger (20??)
Quelle: http://www.ikonenmagazin.de/rezension/Dath.htm


 2 
 on: November 23, 2017, 04:36:25 PM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Quote
[...] Für echte Rockfans, so wie mich, waren KuschelRock-Alben immer schon systematische Körperverletzung. Und tatsächlich gibt es sogar beim kuscheligen Kuschelrock einen zwischenmenschlichen Risikofaktor - denn es sollen auch immer wieder sich anbahnende Beziehungen platzen, weil er in ihrem Regal KuschelRock-CDs entdeckt. ... Kuschelrock-Alben werden übrigens nicht nur für die lieben Kleinen rausgebracht, sondern auch für ältere Semester, denn ab irgendeinem Punkt besteht das Leben mehr aus Erinnerungen als aus Absichten, und sehnsuchtsvolle Erinnerung ist ein beliebtes Mittel, der Ratlosigkeit zu begegnen! Deshalb waren auch 1987 schon Procol Harums A Whiter Shade Of Pale, When A Man Loves A Woman von Percy Sledge und Without You von Nilsson zwischen all diesen irgendwie seifigen Love Songs jener Zeit verstreut wie Rosenblätter im Badeschaum.  ... Doch wie Karl Marx bereits im ersten Band vom KAPITAL erkannte: Der Rock ist ein Gebrauchswert, der ein besonderes Bedürfnis befriedigt. Und erst recht trifft das auf Kuschelrock zu! ... Ja, toll zum Kuscheln ... Aber nirgends steht geschrieben, wie man Rockmusik zu konsumieren habe: Vielleicht ja so, wie mir, als ich noch jünger war, mal eine Frau sagte, als ich mir vor der Wohnungstür die Schuhe auszog: Den intellektuellen Überbau lässt Du aber auch draußen, okay?

...


Aus: "30 Jahre Kuschelrock" Eine Glosse von Laf Überland (23.11.2017)
Quelle: http://www.deutschlandfunkkultur.de/30-jahre-kuschelrock-gift-fuer-singles-gefuehlskonserven.2177.de.html?dram:article_id=401357

 3 
 on: November 23, 2017, 04:35:53 PM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Quote
[...] Für echte Rockfans, so wie mich, waren KuschelRock-Alben immer schon systematische Körperverletzung. Und tatsächlich gibt es sogar beim kuscheligen Kuschelrock einen zwischenmenschlichen Risikofaktor - denn es sollen auch immer wieder sich anbahnende Beziehungen platzen, weil er in ihrem Regal KuschelRock-CDs entdeckt. ... Kuschelrock-Alben werden übrigens nicht nur für die lieben Kleinen rausgebracht, sondern auch für ältere Semester, denn ab irgendeinem Punkt besteht das Leben mehr aus Erinnerungen als aus Absichten, und sehnsuchtsvolle Erinnerung ist ein beliebtes Mittel, der Ratlosigkeit zu begegnen! Deshalb waren auch 1987 schon Procol Harums A Whiter Shade Of Pale, When A Man Loves A Woman von Percy Sledge und Without You von Nilsson zwischen all diesen irgendwie seifigen Love Songs jener Zeit verstreut wie Rosenblätter im Badeschaum.  ... Doch wie Karl Marx bereits im ersten Band vom KAPITAL erkannte: Der Rock ist ein Gebrauchswert, der ein besonderes Bedürfnis befriedigt. Und erst recht trifft das auf Kuschelrock zu! ... Ja, toll zum Kuscheln ... Aber nirgends steht geschrieben, wie man Rockmusik zu konsumieren habe: Vielleicht ja so, wie mir, als ich noch jünger war, mal eine Frau sagte, als ich mir vor der Wohnungstür die Schuhe auszog: Den intellektuellen Überbau lässt Du aber auch draußen, okay?

...


Aus: "30 Jahre Kuschelrock" Eine Glosse von Laf Überland (23.11.2017)
Quelle: http://www.deutschlandfunkkultur.de/30-jahre-kuschelrock-gift-fuer-singles-gefuehlskonserven.2177.de.html?dram:article_id=401357

 4 
 on: November 23, 2017, 04:29:55 PM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Quote
[...] In Die salzweißen Augen beschränkt sich Dath [...] auf den Konflikt zwischen Hirn und Herz. Zwar baut David, sein fiktiver Verfasser von 14 Briefen über "Drastik und Deutlichkeit", auch hier wieder viel Anekdotisches und Sektiererisches ein, schimpft über die Engstirnigkeit im Popbetrieb und lamentiert über das Unverständnis, das ihm aufgrund seiner Vorliebe für kulturindustrielle Drastik entgegenschlägt, verliert dabei aber nie sein Ziel aus den Augen: der eigenen Wahrheit näher zu kommen.  ... Sichtbar wird die Einsamkeit eines himmelstürmenden Geistes, die Tragik eines Heavy-Metal-Fans, der sich mit Goethes Faust identifiziert. ...  Science-Fiction, Heavy Metal, Amokläufer, Pornografie – das sind die drastischen Objekte der analytischen Begierde des Briefschreibers. Dessen "Sachkompetenz in drastischen Ästhetica" wird von den Journalistenkollegen geschätzt, und in der Tat ist es unübertrefflich, wie antikonventionell sich David dem kulturellen Trash annähert. Dass er jedoch Sonja mit seinen massenkulturellen Vorlieben intellektuell belästigt, seinen "analytischen Apparat zum Drastikverständnis" vor ihr "auspackt", zeigt, wie nahe echte Leidenschaft und Übergriffe nebeneinander liegen. ...



Aus: "Erzählungen: Großer Geist und Drang: Dietmar Daths unerwiderte Liebe zur Massenkultur" Nadja Geer (13. Oktober 2005)
Quelle: http://www.zeit.de/2005/42/L-Darth


 5 
 on: November 23, 2017, 04:20:16 PM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Quote
[...] Natürlich erzählt Die salzweißen Augen auch ganz einfach eine in ihrer Peinlichkeit drastische Jugend und Deine Geschichte mit Sonja. Doch weil die Passagen zu Musik, Ästhetik, Form, Politik und - natürlich! - Drastik stärker in Erinnerung bleiben, würde ich behaupten, dass es eigentlich mehr um diese Überlegungen als um Sonja geht.

Du schreibst, es gehe Dir um Drastik; um "unpopuläre Massenkultur", jene "absichtlich besonders schlecht ausgeleuchteten, peinlichen und fiesen Winkel ..., wo schlechter Geschmack, schäbige Produktionsbedingungen, extreme Oberflächlichkeit ... Drogenmissbrauch, Prostitution und Psychopathologie einander die Hände zu einem Reigen reichen". Eine Verteidigungsschrift für Heavy-Metal-Bands und Pornos willst du nicht verfasst haben, aber irgendwie durchzieht eine derartige Argumentation Dein Buch dann doch. Immer wieder berichtest Du, wie Du Dich erst in der Schule, dann in der Musikzeitschrift Spex, der Du zeitweise als Chefredakteur vorstandest, und heute schließlich als Wissenschaftsredakteur der FAZ für Deinen Geschmack rechtfertigen musstest. Man hat das, bemerkst Du an einer Stelle durchaus beleidigt, nie ernst genommen. Bis dahin kann ich folgen: Es ist nicht blöder, Iron Maiden zu hören als neue elektronische Musik, über Splatter kann man so intelligent oder dumm sprechen wie über Godard.

Von da jedoch schlägst Du eine weite Brücke. Du sprichst zunächst von einer Analogie zwischen Drastik und Aufklärung. In Horror- und Pornofilmen sehe man, dass Dinge Folgen haben - nach einem Unfall steckt eine Glasscheibe im Auge, Sex führt zu Samenerguss. Insofern sei Drastik, so Deine Argumentation, eine Ästhetik der Vernunft: kausale Verknüpfungen würden gezeigt: "Dass Drastik auf diesem verqueren Weg an das Versprechen der Aufklärung erinnert, man könne den Dingen ins Augen sehen, wie sie sind, ist ihre erhebende Seite und die Quelle des ästhetischen Genusses ihrer besseren Produkte". Auch dieser These kann ich folgen. Doch dann begibst Du Dich auf einen wahren Parforceritt. Du behauptest, dass es vor allem die Antimodernen seien, die die Drastik - aus ziemlich dummen Gründen - ablehnten. Mit diesem Vorwurf scheint ein breiter Kreis gemeint zu sein: von alten Spex-Kollegen und FAZ-Vorgesetzten bis hin zu Adorno/Horkheimer, Michel Foucault, Deleuze/ Guattari und Judith Butler. Du bezeichnest sie als antiaufklärerische Antiintellektuelle.

Dagegen mimst Du den Streiter für die Moderne. Du behauptest, dass jeder, der "hinter die große Industrie zurück möchte, grausam und dumm" sei, weil erst die Massenproduktion ein Wohlsein der Menschen ermögliche. Du wirfst den Kritikern des Staatlichkeitsapologeten Thomas Hobbes Esoterik vor, lässt über Foucault und Deleuze den Satz fallen, sie seien obskurantistisch, und klagst schließlich - schon wieder etwas beleidigt -, ein Verteidiger der Aufklärung mache sich heute "entschieden unbeliebt".

Natürlich sollte der Begriff der Entwicklung gegen romantische Sentimentalitäten verteidigt werden - ganz in dem Sinne, dass links ein Synonym für prozessual und rechts für Fixierung ist, wie der neue Documenta-Kurator Roger Buergel unlängst in einem Interview (Felix Guattari zitierend) gesagt hat. Aber wie Du von da auf den Gedanken kommst, Foucault und andere seien reaktionär, wenn sie die Repressivität von Aufklärung und Liberalismus entschlüsseln, ist mir wirklich schleierhaft.

In den Passagen, in denen Du Dich darauf beziehst, steckt so viel Verve, ja fast schon Verachtung, dass ich mich frage, ob hier nicht ein eigenartiger Kurzschluss stattgefunden hat. Für mich liest sich die Verteidigungsschrift von Moderne und Aufklärung wie ein Rückfall in jene unsägliche Zeit, als Linke auf esoterischste Weise an den objektiven historischen Ablauf der Dinge glaubten: erst Feudalismus, dann bürgerliche Gesellschaft, industrieller Sprung und schließlich geordneter Einmarsch in die sozialistische Weltgesellschaft. Viel Vergnügen!

Wenn Du schreibst, Du wärst nicht gern Frau in Afghanistan und lebtest nicht gern im Mittelalter, affirmierst Du mit dieser allgemein durchgesetzten, aber trotzdem blödsinnigen Gleichsetzung den ganzen geschichtsdeterministischen europäischen Herrschaftsmüll: Hier ist die Mitte, der Rand muss modernisiert werden. Als wäre Afghanistan in 40 Jahren international geführten Kriegs nicht überaus erfolgreich modernisiert worden. Als wäre Frauenunterdrückung das Mittelalter und nicht - ebenso wie MTV und Internet-Cafés - das entfaltete 21. Jahrhundert.

Die Taliban sind eben nicht nur, wie Du behauptest, Ausdruck gescheiterter Aufklärung, sondern auch Produkt ganz real materialisierter Vernunft. Ohne Informations-, Geheimdienst-, Verkehrs- oder Waffentechnologien, die es ohne Aufklärung nicht geben könnte, sähe es in der Welt und in Afghanistan anders aus - ob besser oder schlechter, weiß ich nicht zu sagen. Genau das macht die Widersprüchlichkeit des Zivilisatorischen ja aus. Industrie bringt nicht nur preiswerte Jeans für uns hervor, sondern auch Sklavenarbeit in Peking und Djakarta. Und noch allgemeiner: Weder Wissenschaft noch Technik können neutral sein, ständig werden Herrschaftsverhältnisse in sie neu eingeschrieben. Das Fließband etwa wurde nicht erfunden, weil es effizienter ist, sondern um die Handlungsabläufe der Arbeiter besser kontrollieren und unterwerfen zu können. Die Suche nach der Vernunft hatte nie nur die Emanzipation aus der Unmündigkeit zum Ziel, sondern produzierte in konkreten Verhältnissen auch immer Herrschaft mit. Genau der Irrsinn dieses inneren Risses ist es, der die Kritik von Aufklärung und Vernunft, ob nun vorsichtig wie bei Adorno oder radikaler wie bei Foucault und Deleuze, so lesenswert macht.

Wahrscheinlich kennst Du diese Argumente besser als ich. Man kann ihnen, je nach Folie, die man heranzieht - freischwebende Berliner Nischenexistenz oder das Leben in der Favela von São Paulo - sicherlich unterschiedliche Bedeutung beimessen. In Zeiten jedoch, in denen viele junge Linke in Deutschland vom globalen Süden (von Urlaubsdörfern einmal abgesehen) nichts mehr wissen wollen, die zivilisatorische Wirkung von US-Kriegen preisen und keine Ahnung davon haben, dass es jenseits esoterischer Ökobewegung auch eine linke Determinismus- und Technikkritik gab, finde ich es ärgerlich, wenn etwas in so überflüssiger Weise vereinfacht und zurecht gelegt wird.

Abgesehen davon, lieber Dietmar Dath: große Schreibe, gutes Buch!

Dietmar Dath: Die salzweißen Augen. Vierzehn Briefe zur Drastik und Deutlichkeit. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, 224 S.


Textarchiv feuilleton (literatur, theorie, kritik), Raul Zelik: "Lieber Dietmar Dath - Briefrezension eines Briefromans"
(Freitag 23.12.2005), Brief an den Autor (23.12.2005)
Quelle: https://www.raulzelik.net/kritik-literatur-alltag-theorie/106-lieber-dietmar-dath-briefrezension
Quelle #2: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/lieber-dietmar-dath

 6 
 on: November 23, 2017, 04:04:43 PM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Quote
[...] Den Anstoß für die Geschichte wie für die Apologie des Drastischen liefert eine ehrlich neugierige Frage, die der Held und Briefschreiber Daniel zu Schulzeiten von seiner heimlichen großen Liebe Sonja gestellt bekam: 'Warum machst du das? Warum sieht du dir das an, warum hörst du diese gemeine Musik?' Nicht dass nur Sonja diese Fragen stellt, auch andere werden Daniel im Lauf seines Lebens immer wieder fragen, warum er sein Herz an so schmuddelige, unschöne bis ekelhafte Dinge wie Death Metal, Zombiefilme oder Hardcorepornos hängt. Aber Sonja ist die Person, die zählt. Entsprechend einer uralten Tradition der literarischen Liebeswerbung minnt Daniel mit einer mehr oder weniger verkappten Selbstanpreisung um die Gunst der Geliebten: schonungslos und ehrlich will er Zeugnis von sich ablegen, um die Verehrte von seinen Vorzügen zu überzeugen.

Allerdings erfolgt diese Selbstrechtfertigung nicht im Moment des akuten Verliebtseins, erst Jahre später löst sich der Emotionsstau, nach einem Klassentreffen, das ihm bezüglich der eigenen Kontaktunfähigkeit die Augen öffnet.  ... Wenn man den Gehalt dieser Apologie der Drastik unabhängig von der Rahmenhandlung betrachten möchte - Dath ermuntert geradezu ein solches Vorgehen, indem er eigene journalistische Arbeiten zum Thema in den Text integriert, aber von Daniel als die seinen zitieren lässt - fällt als erstes der fragmentarische oder gar skizzenhafte Charakter der Darstellung auf. Dath verstrickt sich ein wenig in seine eigenen Argumente: Drastik sei - in einer Formulierung, die fatal jenem "postmodernen Theoriekäse" ähnelt - der "ästhetische Rest der Aufklärung nach ihrer politischen Niederlage". Oder noch besser: "Drastik ist nachmythologisch, ohne antimythologisch zu sein, ist formalisierte Vernunft als Ästhetik innerhalb einer inhaltlich unvernünftigen Gesellschaft, ist der Positivismus von Schrecken, Geilheit, Macht und Ohnmacht".

Ungeachtet der Zweifel, ob solche Sätze die Geliebte zu rühren geeignet sind: Auch eine sachliche, an Argumenten orientierte Lektüre dürfte einige Verständnisschwierigkeiten mit sich bringen. Dath verbindet hier zwei seiner Lieblingstheorien, die sich aber kaum verbinden lassen. Die eine ist der Ästhetik zuzuordnen, sie betrifft die Formen des Drastischen und ihre Bedeutung, die andere - Daths radikale Kulturkritik - ist politischer oder besser ideologischer Natur.

Sein ästhetisches Argument verteidigt die konkreten Produkte drastischen Schaffens: "Gewalt ist immer überdeterminiert", sagt Dath. Eine mediale Gewalttat verweist auf keine äußere Ursache, keine Vorgeschichte, die notwendig zu dieser Gewalt führt. Eine Zombieattacke im Film bedeutet dementsprechend erst mal nicht mehr als einen blinden Angriff Untoter. Mord und Greueltaten auf dem Bildschirm stehen nur für sich selbst, genauso steht aber auch die Entscheidung des Zuschauers, sich dem auszusetzen, für sich selbst. Dath glaubt nicht an unbewusste oder pathologische Vorbedingungen, die den Genuss drastischer Kulturprodukte zu einer Kompensationshandlung machen würden.

Wer solche Szenen sieht, wird demnach sicher nicht selbst Passanten anfallen, genauso wenig wie jemand, der destruktive und aggressive Musik hört und Filme sieht, sich notwendig ein Schnellfeuergewehr kaufen wird, um Mitschüler und Lehrer niederzuschießen. Der Drastikkonsument sei als ganz normaler, ja durchaus bewusst und vernünftig handelnder Mensch zu betrachten, nicht als armer, kranker Irrer. Er ist kein willenloses Opfer eines niederträchtigen Produkts, er "züchtet" sich "seine Hornhaut", seine Abstumpfung "mit Bedacht". Drastik ist nicht "dionysisch", nicht als rauschhafte Entgleisung zu verstehen, sondern "apollinisch", als Produkt kristallklarer Vernunft, die dahin geht, wo's wehtut und den Schmerz aushält. Man kann den Dingen ins Auge sehen, allen Dingen, und daraus Überlegenheit ziehen. Was uns nicht umbringt, macht uns härter.

Und niemand sollte umgekehrt unverständliche Morde durch den Konsum von drastischen Kulturgütern zu erklären versuchen. Nur weil jemand keine 'normale' Musik hört, so Daths praktische Folgerung, ist die Ursache einer kriminellen Handlung nicht gleich im Konsum dieser Musik zu suchen.

Auch schlecht gemachte Filme oder Musik, die nach fiesem Krach klingt, können sehr bewusst und sehr gekonnt in Szene gesetzt sein. Die Drastiker in Ton und Bild möchte Dath nicht als haltlose Jugendverderber, sondern als hart arbeitende Handwerker verstanden wissen, die mit kühlem Kopf und einem "Präzisionsgebot" gehorchend immer neue, klare, schockierende Formen für Sex, Gewalt und Tod finden. Die Radikalität, mit der diese unweigerlich in jedes Menschenleben jederzeit einbrechen können, fängt kein konventioneller Ausdruck angemessen ein, es müssen ständig neue, schockierende Formen gefunden werden, um das Unverfügbare im Gedächtnis zu behalten.

Und hier - bei der abhärtenden und die permanente Gefährdung jedes menschlichen Lebens ins Bewusstsein rufenden Funktion der drastischen Darstellung - dockt Dath leider seine zweite These an, indem er der Provokation, die dem Drastischen innewohnt, eine aufklärerische Funktion zuschreibt. Im Bewusstsein der eigenen Gefährdung, so muss wohl Daths Theorie zusammengefasst werden, entwickelt das freie Subjekt einen kämpferischen Sinn für die eigenen Bedürfnisse, die es notfalls auch gegen Widerstände durchzusetzen gilt.

... Natürlich würde Dath nie soweit gehen, den realen Krieg zu fordern, auch wenn ein gewisser frohlockender Zug zur Aufstachelung durchaus auffällig ist. Denn letztendlich ist das martialische Gehabe doch wieder nur rein ästhetischer Natur: das Spiel mit Formen und Motiven aus Genreliteratur und -film soll in der Praxis nur wach machen, den Kopf frei halten, die Grenzen des Vorstellbaren strapazieren - und vor allem gefallen. Viele Worte werden hier gemacht, um zu rechtfertigen, dass man an der Simulation von Mord, Totschlag und Greueltaten Spaß haben könne. Und Spaß macht die Lektüre der Dath'schen Romane allemal, vor allem die letzten Veröffentlichungen zeigen die Fortschritte, die dieser Autor bezüglich eines eigenen Tons gemacht hat, während ältere Erzähltexte oft noch hölzern wirken. Sein schwieriges Unterfangen, die avanciertesten Theoriediskurse in die gesprochene Rede jener von ihm als Helden bevorzugten "anintellektualisierten Proleten" zu integrieren, sie zu beiläufig und authentisch gesprochener Sprache zu machen und damit in den Lebensalltag zu integrieren, hat spätestens mit "Für immer in Honig" Früchte getragen.

Eine solche Zusammenfassung der Theorie, egal ob in politischer oder ästhetischer Hinsicht, nun aber als Daths Position zu verstehen, hieße dem mit allen Tricks postmoderner Textmanipulation vertrauten Autor in die Falle zu gehen. Denn sobald theoretisch Position bezogen und vom Konkreten aufs Allgemeine geschlossen wird, spricht nicht Dietmar Dath, sondern eine seiner Figuren in seinen Büchern - und zwar kontextbezogen. Auch wenn dabei Texte Daths im Namen der Figuren zitiert werden, so beschränken sie sich doch auf begrenzte und vor allem kontrollierbare Themenbereiche. Die großangelegte Spekulation bleibt der Literatur vorbehalten - mögliches Scheitern durchaus einkalkuliert.

... Für eine psychologische Lesart ist auch die auffällige strukturelle Ähnlichkeit zwischen Davids Weltbild und seiner Situation als zurückgewiesener Liebender bedeutsam - der emotional orientierungslose, nahezu handlungsunfähige D. ereifert sich für eine Theorie des Konkreten, Direkten, Zweifelsfreien, ein Gegengift für alles Diffuse, ein schmerzhaftes Abschneiden aller Uneindeutigkeiten. Der Zauderer wird zum Apologeten des Kampfes für Deutlichkeit - Blut darf reichlich fließen, aber nur auf dem Bildschirm.

...


Aus: "Von Schlitzern und Spritzern - Der seltsame Kosmos des Dietmar Dath" Ralf Schneider (Archiv, Nr. 12, Dezember 2005)
Quelle: http://literaturkritik.de/id/8841

---

Quote
[...] Dietmar Dath, Die salzweißen Augen - Vierzehn Briefe über Drastik und Deutlichkeit, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005
ISBN 9783518417072, Gebunden, 216 Seiten


Klappentext: Damals in den "klebrigen siebziger Jahren", wollte Sonja wissen, was David an Heavy Metal, an Zombie- und Pornofilmen und Horrorcomics denn fasziniere. Jetzt, in den Briefen, holt er aus, zitiert Gräßliches und definiert theoretisch. Doch angetrieben wird seine Erklärung von der eigenen Geschichte: einem kaputten Elternhaus, der Sonjafixierung, Drogenerfahrung, einem Zusammenbruch.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.04.2006
Liebesbriefe ohne Liebe habe der Autor zu einem Roman zusammengefügt, schreibt ein ernüchterter Rezensent, wobei die mögliche Perspektive der angeschriebenen Sonja von vornherein ausgespart bleibt. In nahezu "klinischer Manier", so Wolfgang Lange, proklamiere der Briefeschreiber vor der unerreichbaren Geliebten seine Weltanschauung einer Ästhetik der drastischen Lebensäußerungen. In einer Art "Manifest wilden Denkens" fasse der Briefautor die "mentale Grundausstattung" der Pop- und Subkultur zusammen, nach der, so der Rezensent, alles Obszöne und Exzessive zur letzten Möglichkeit nicht nur der Lustgewinnung, sondern auch der Aufklärung erhoben wird. Für den Rezensenten zieht eine solche einseitige "Perspektive des zornigen jungen Mannes" neben der philosophischen auch eine literarische Schwäche mit sich. Zwar werde der dargebotene Theorieverschnitt durchaus "scharfsinnig" und "kenntnisreich" vorgetragen, doch habe das rücksichtslose und "brutale" Denken auch die Sprache infiziert. "Furchtbar deutsch" und kompromisslos, resümiert Rezensent Wolfgang Lange, und wahrscheinlich genau die richtige Lektüre für diejenigen, die auch die Diskurs-Romane eines Thomas Meinecke lieben.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.11.2005
Christoph Bartmann gestattet sich, mit Bewunderung auf den Kollegen Dath zu blicken, dieses "journalistische Aggregat des zeitgenössischen Wissens". Den Wissenschaftshistoriker, Heavy-Metal-Fan, Denker in den Seitenstraßen von Pop- und anderer Kultur und dort, wo andere Unkultur vermuten. Den Autor dicker Romane. Alles gehört zusammen, und wer sich beim Lesen von Daths Artikeln fragen mag, wie der Mann zu seinen Themen kommt, der lese dieses Buch, in dem laut Bartmann das Kunststück gelingt, die "körperlosen Ansichten des Feuilletons in glaubhaftes Figurendenken und -reden zu verwandeln". In "Lebensäußerung". Der Protagonist, rechtfertigt in seinen Briefen an eine stumm bleibende Angebetete aus der Schulzeit seine Liebe zur "Drastik" - Horror, Porno, Krach, Hauptsache Hardcore - als "Sympathie für die illegitimen Kinder der Vernunft". Bartmann ist überzeugt, und er ist sogar berührt. Sein Fazit: "Glücklicher hat der Übersprung vom Journalismus zur Literatur in letzter Zeit selten funktioniert."

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.10.2005
Zum Staunen bringt dieser essayistisch angelegte Roman den Rezensenten Andreas Merkel in jedem Fall - auch wenn er nach der Lektüre ebenso beeindruckt wie befremdet über den Autor konstatiert: "Dietmar Dath hat und ist als Autor ein Problem." Recht vollmundig schiebt er allerdings gleich zur Relativierung hinterher: "Aber es könnte das beste Problem sein, mit dem sich in diesem Bücherherbst auseinander zu setzen lohnt" - auch wenn es die eine oder andere "steile These" zu verdauen gilt. David, der Protagonist und Verfasser dieser insgesamt 14 Briefe über drastisch anmutende kulturelle Ausdrucksformen - von Splatterfilmen und Pornos und Death Metal - ist in den Augen Merkels eine Art Alter Ego des Verfassers. Dementsprechend mühsam ist es, sich in seine Sicht der Dinge einzuarbeiten. Worin seine Denkspur führt, wird laut Rezensent erst allmählich deutlich, auf "quälende, zunehmend aber auch spannende Weise" Gleichzeitig wird die Kluft zwischen den "hochästhetischen Reflexionen" des Erzählers und der "seltsam stuckrad-barresken Liebesgeschichte" immer größer. Hoch anzurechnen ist Dath nach Meinung des Rezensenten aber, dass er seinen Protagonisten sehenden Auges ins Unglück rennen lässt anstatt die sich auftuenden Abgründe zuzukleistern.

 Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.10.2005
Nadja Geer empfiehlt Dietmar Daths "zunächst etwas vatihaft abgeschmackt" wirkenden Briefroman all jenen als "prächtiges Kanonenfutter", die sich mitten hinein stürzen wollen in die Kämpfe um Moderne und Poststrukturalismus, politische Korrektheit und Neoliberalismus und noch einiges andere, die innerhalb der Linken in Deutschland gerade wieder ausgetragen werden. Natürlich enthielten die vierzehn Abhandlungen über "Drastik und Deutlichkeit", die Dath einen Heavy-Metal-hörenden jugendlichen Intellektuellen an ein "braves" Mädchen schreiben lässt, auch wieder viel "Anekdotisches und Sektiererisches" vornehmlich zum Popbetrieb, aber der Autor lasse sich nicht ablenken von seinem eigentlichen Ziel, den Konflikt zwischen Geist und Gefühl im Allgemeinen und das Verhältnis seines "zuweilen manischen" Protagonisten zu seinen Mitmenschen im Besonderen zu klären. Als Bonbon bekommt der Leser nebenbei mehr über den Forschungsstand zur populären Kultur mit als aus einer "Cultural Studies-Anthologie", versichert Geer. "Manchmal sogar mehr als einem lieb ist."


Aus: "Die salzweißen Augen" (2005)
Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/dietmar-dath/die-salzweissen-augen.html

--

Quote
[...] Von Robert Zimmerman am 27. Dezember 2011
Format: Gebundene Ausgabe
Dietmar Dath ist ein Workaholic. ... "Die salzweißen Augen" sind meines Erachtens sein bestes Buch. Unterhaltsam schlägt Dath Brücken zwischen Deathmetal und Adorno, zwischen "American Psycho" und philosophischem Diskurs. Gleichzeitig arbeitet er sich akribisch an den Begriffen "Drastik" und "Deutlichkeit" und an der seiner ersten großen, doch unerfüllten Liebe ab - der er mit diesem Buch ein Denkmal setzt. Freilich lässt er seine breite Bildung immer wieder durchschimmern, böse gesagt: er gibt ein wenig ein. Doch wenn es jemand darf, dann Dietmar Dath. Wenn doch nur alle Theoretiker mit einem so luftigen Stil glänzen würden. ....

-

Von buechermaxe am 29. Oktober 2006
Format: Gebundene Ausgabe
Drastik und Deutlichkeit. Egal ob in Film, Kunst oder Berichterstattung. Gleichgültig, ob in Sex, Sport oder Weltnachricht. Das kriegerische Vokabular, der monströse Vulgarismus in Form von Schlacht, Sieg und Niederlage regiert unsere Sprache, unsere Emotionen und unser Denken. Daths Buch aber öffnet im Blick auf die 70er Jahre, seine eigene Jugend und Jugendliebe im Puppenhaus Bundesrepublik in einer opulent-drastischen Sprache und Sichtweise das sprachliche Exerzierfeld, in der anhand verschiedenster filmischer Phänomene „die kulturindustrielle Form, die das Selbstwunsch- und –angstbild von modernen Menschen annimmt, wenn die sozialen Versprechen der Moderne nicht eingelöst werden“ benennt. Dath sucht in seiner Drastik und Deutlichkeit jene Sonja, in Briefen, die seine eigene Jugend war und findet dadurch Zugang zu zeitkulturellen medialen Phänomenen, gesellschaftlich-zivilisatorischen Sichtweisen, Abwärtstrends, Anspruchsverflachungen …

-

Von Graf Pocciam 13. Januar 2006
Format: Gebundene Ausgabe
Um es vorweg zu sagen: Ich habe das Buch nur bis zur Hälfte gelesen. Dieser fiktive Briefschreiber, der in 14 Briefen an eine gewisse Sonja sehr gestelzt über Drastik doziert, ist allenfalls psychologisch interessant. Welches Motiv könnte jemand haben, eine Frau mit einem solchen Vortrag über die Unterhaltungs- und Subkultur der letzten 30 Jahre zu bombardieren?
Und was könnte Sonja neues aus den Briefen erfahren? Z. B., dass das verworrene Drehbuch zu Matrix mit seinen willkürlichen mythologischen Bezügen noch nicht mal den Ansprüchen der „Cyberpunks“ genügen kann. Nun, sollte sich Sonja je diesen Film angesehen haben – nicht der visuellen Effekte wegen, sondern um etwas über das Leben zu erfahren –, dann wäre auch sie ... allenfalls psychologisch interessant.
Dietmar Dath stopft den Darm seines Drastikessays mit soziologischen Begriffen so voll, dass sich eine prall gefüllte Bildungswurst ergibt – wenn auch die Deutlichkeit dabei auf der Strecke bleibt. Wem die Augen bei solchen Sätzen wie den unten zitierten nicht salzweiß werden, mag das überteuerte Büchlein immerhin lesen.
„Drastik, wie ich sie verstehe (...) ist nicht chthonisch, kommt nicht aus der „Bluturenge“ (Marx) irgendeiner vorsintflutlichen Unzivilisiertheit hervorgeschossen, steht nicht unter Wahndampf. Ihre Indienstnahme für gegenmoderne, anti-aufklärerische, irrationale Propaganda, vom rechten Flügel der surrealistischen Bewegung bis zum Poststrukturalismus und dem Rechtsaußen-Fraktionen der popkulturellen Gothic-, Black-Metal und Dark-Wave-Strömungen, ist genau das: eine Instrumentalisierung, die über Interessen und Absichten läuft, also nicht dem „Wesen der Sache“ entspricht, dem sie vielmehr sowenig gerecht wird wie die ideologische „Verwissenschaftlichung“ des altabendländisch-christlichen Judenhasses zum modernen „Rassenantisemitismus“ irgendeinem „Wesen der Wissenschaft.“

-

VonKlaus Grunenberg VINE-PRODUKTTESTERam 26. August 2005
Format: Gebundene Ausgabe
... Denn alles, aber auch alles scheint machbar und vermarktbar zu sein, also auch die Drastik in Politik, in Kunst und in Makabrem.
Im Moment unserer Geschichte scheint es aber so zu sein, daß der Einzelne nicht sehr Einfluß nehmen kann auf notwendige Veränderungen (trotz Demokratie), somit fährt er schnelle Autos, fliegt in Urlaub oder schreibt sich seinen Frust von der Seele.
So wohl auch hier und das ist gut so.
Männer, die ihre Pubertät anscheinend sehr lange mit sich herumtragen, sind wohl garnicht so selten. Sie beginnen dann oftmals, sich mit wissenschaftlichen Dingen zu befassen, das Ding also, das sie umtreibt zu untersuchen und zu veröffentlichen.
Nocheinmal: das ist gut so. Und somit können wir alle teilnehmen an den Gefühlen, den Umtriebigkeiten aber auch den Eingriffen von oben, dieses alles selbst einwenig zu steuern.
Die neuerdings wieder leicht emporkommende Religiosität und der Versuch, auch z.B. Eucharistie im katholischen Sinn neu zu beleben mit all den bekannten Einzelheiten überkommener und nicht zu verstehender dogmatischer Energie, das ist auch - oder besser gesagt - birgt Drastik in sich und nicht zu wenig. Dies als kleine Abschweifung, aber nicht unbedingt uninteressanter.
Wir alle, mehr oder weniger, sind doch interessiert, warum und vor allem wie es funktioniert mit der Liebe und den Säften und mit der Energie in uns und zwischen uns Menschen. Dabei ist die Natur unser Anschauungsideal, doch nicht nur, denn die Phnatasie spielt uns so manchen Streich. Daß wir dabei beim Rückschauen auch schon mal zur Salzsäule erstarren können, wer ahnte das nicht.
Also, sind wir einwenig zufrieden mit dem, was uns Dietmar Dath bietet und wünschen wir uns eine reichhaltige Diskussion darüber, wobei man aber Naturwissenschaftler und vor allem Ärzte mit einbeziehen müßte. Also, die Aufklärung birgt ja doch wohl noch etwas an köstlicher Energie, wenn man so will und dies hier ist ein bestes Beispiel dafür. Natürlich könnte man sich auch zurücklehnen, durch die Weinberge streifen und den Herrgott einen guten Mann sein lassen, besser aber nicht.


Quelle: https://www.amazon.de/product-reviews/351841707X/ref=cm_cr_dp_see_all_btm?

 7 
 on: November 23, 2017, 07:31:34 AM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Quote
[...] GENF taz | Darf die Ausbildung an Universitäten etwas kosten? In der Schweiz sorgt diese Frage immer wieder für öffentliche Auseinandersetzungen oder ist gar Thema von Volksabstimmungen. Sämtliche öffentliche wie private Universitäten, Fachhochschulen und andere Einrichtungen der höheren Bildung in der Alpenrepublik erheben – zum Teil saftige – Studiengebühren.

An der Eidgenössisch Technischen Hochschule (ETH) Zürich und ihrer Schwesteruniversität, der ETH im französischsprachigen Lausanne demonstrierten die StudentInnen vergangene Woche gegen die geplante Erhöhung der Gebühren um 30 Prozent. Statt bislang 1.160 Schweizer Franken (CHF) – nach derzeitigem Wechselkurs rund 1.000 Euro – jährlich soll das Studium an den beiden eidgenössischen Eliteunis ab 2018 1.660 Franken kosten – mehr als 400 Euro mehr als bisher und damit weit über dem Landesschnitt. Und das ist für einige Studierende ein Problem.

Der 20-jährige Jakob Stauffer, Biologiestudent im dritten Semester, „kann die zusätzlichen 500 Franken auf keinen Fall aufbringen“, wie er sagt. Zumal zu den jährlich fälligen Studiengebühren noch zahlreiche indirekte, versteckte Kosten kommen. Zum Beispiel Prüfungsgebühren sowie Ausgaben für obligatorische Praktika, Austauschsemester und Exkursionen sowie für Lehrmittel.

Sollte die vom ETH-Rat, dem Aufsichtsgremium der beiden Unis, angekündigte Erhöhung tatsächlich kommen, fürchtet Stauffer, dass er „das Studium abbrechen oder zumindest unterbrechen und erst einmal Geld für die nächsten Studienjahre verdienen“ muss. Schon jetzt jobbt Stauffer neben dem sehr lernaufwendigen Biologiestudium als Fahrradkurier, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Anders als seine KommilitonInnen aus besser betuchten Elternhäusern kann der Sohn einer verwitweten Mutter, die als Kassiererin in einem Supermarkt nur einen kargen Lohn bezieht, nicht mit finanzieller Unterstützung von zu Hause rechnen.

Bereits im Jahr 2012 ergab eine Umfrage des Verbandes der Schweizer Studierendenschaften (VSS), an der über 5.000 StudentInnen der ETH Zürich teilnahmen, dass die ETH bei einer Erhöhung der Studiengebühren auf 1.500 Franken jährlich rund 20 Prozent ihrer StudentInnen verlieren würde. VSS-Präsident Lukas Reichard, der ebenfalls an der ETH studiert, geht davon aus, „dass die geplante Erhöhung ausländische Studentinnen und Studenten besonders stark treffen würde“.

Die Lebenshaltungskosten waren in der Schweiz schon immer deutlich höher als im übrigen Europa oder in Übersee. Und Zürich nimmt innerhalb der Schweiz eine Spitzenstellung ein. Zudem gibt es an vielen Hochschulstandorten inzwischen Pläne, Studierende aus dem Ausland noch mit zusätzlichen Gebühren zu belasten. Auf der anderen Seite scheiterte im Jahr 2013 im Kanton Zürich eine Volksinitiative mit dem Ziel, Schweizer StaatsbürgerInnen mit Erstwohnsitz in dem Kanton gänzlich von Studiengebühren zu befreien.

Bereits 2009 mussten Studierende in der Schweiz laut einer landesweiten Untersuchung über ihre wirtschaftliche und soziale Lage im Durchschnitt 1.870 Franken monatlich aufbringen für Unterkunft, Essen, Krankenversicherung und Studiengebühren – umgerechnet rund 1.600 Euro. Infolge der allgemeinen Teuerung dürften diese monatlichen Kosten inzwischen bei fast 2.000 Franken liegen.

VSS-Präsident Reichard befürchtet, dass durch eine weitere Anhebung der Studiengebühren an den beiden ETHs die „soziale Spreizung weiter verschärft“ und finanziell Schwächeren der Zugang zu universitärer Ausbildung erschwert werden. Denn bislang nehmen Studiengebühren nur einen sehr kleinen Anteil des Gesamtbudgets der Schweizer Hochschulen ein – an den Universitäten Basel und Bern zum Beispiel nur 3 beziehungsweise 5 Prozent. Die öffentlichen Zuschüsse sinken jedoch, und dies – so die Befürchtung – wollen die Unis nun über steigende Stu­diengebühren kompensieren.

In einem von der landesweiten Delegiertenkonferenz des VSS im November 2013 verabschiedeten Positionspapier verweist der Verband auf das „verheerende Beispiel Großbritannien“, wo „infolge der drastischen Erhöhung der Studiengebühren im Jahre 2012 nachweislich Kinder aus Nicht-AkademikerInnenfamilien von einem Studium abgehalten werden“.

Doch der ETH-Rat zeigt sich von sämtlichen Einwänden unbeeindruckt. Zum letzten Mal seien die Gebühren „vor 20 Jahren richtig erhöht worden“, im Jahr 2004 hingegen sei „lediglich eine Anpassung im Rahmen der Teuerung erfolgt“.

Der VSS lehnt Studiengebühren grundsätzlich ab. In seinem Positionspapier aus dem Jahr 2013 fordert der Verband „ein Bildungssystem, das allen Personen unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten vollständig zugänglich ist“. Der VSS kann sich dabei auf einen Beschluss der Schweizer Regierung (Bundesrat) zu ihrer Bildungspolitik für die Jahre 2013–2016 berufen. Darin heißt es: „Ziel ist die Sicherstellung einer Bildung von hoher Qualität, die es allen ermöglicht, ihr Begabungspotenzial voll auszuschöpfen und die Fähigkeit zu entwickeln, eigenständig zu handeln und sich lebenslang weiter zu qualifizieren.“

Doch tatsächlich betreiben der Bundesrat, der für die beiden ETHS in Zürich und Lausanne zuständig ist, wie auch die Regierungen fast aller 26 Schweizer Kantone seit Jahren eine Politik, die dieser Zielsetzung entgegensteht. Die öffentlichen Ausgaben für Bildungseinrichtungen und für die Ausbildungsförderung sozial und finanziell Schwächerer werden fast überall gekürzt.

Studiengebühren und ihre Erhöhung, kritisiert der VSS, seien Instrumente, um „die öffentliche höhere Bildung in der Schweiz schrittweise zu liberalisieren, zu privatisieren und einen Bildungsmarkt zu schaffen“.


Aus: "Studieren an der Elite-Uni ETH in Zürich: Muss so viel Luxus sein?" Andreas Zumach (22. 11. 2017)
Quelle: http://www.taz.de/Studieren-an-der-Elite-Uni-ETH-in-Zuerich/!5461348/


 8 
 on: November 22, 2017, 12:26:51 PM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Quote
[...] Wer "besorgt" ist, muss sich nicht für sein Kreuz bei der AfD schämen, wer beim Impfen ein "irgendwie ungutes Gefühl" hat, darf Kinderleben riskieren. Wer sich betroffen fühlt, hat recht. Gefühle sind noch geiler als Follower!  ... Noch mehr Gefühle als ich hat zum Beispiel der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård, sie reichen für 3.600 Buchseiten. Seine Gefühle sind, wie Gefühle meist, nicht besonders originell: Vatersein irgendwie krass, die Liebe schwierig, das Life hart. Wie so ein ganz normaler Mensch also, nur dass sich Knausgårds Leben weltweit als Bestseller durchgesetzt hat. Das mag erstens daran liegen, dass er hypnotisch schreibt, vor allem aber daran, dass Gefühle gerade Hochkonjunktur haben. Dafür hab ich jetzt gerade kein passendes Argument, aber hören Sie doch einfach mal in sich hinein, machen Sie ein paar Atemübungen oder so.

Gefühle sind an sich ja interessante Tierchen, manche davon etwas anhänglich, andere, wie das Glück, eher Streuner, die nur ab und an vorbeischauen. Dass es sie gibt, ist nichts Neues. Dass sie so glorifiziert werden, aber doch. Früher hatte man Gefühle bitte schön in den eigenen vier Wänden, mittlerweile sind sie zum Richter moralischer und ästhetischer Urteile avanciert. Bei Galerieeröffnungen fragen Künstler die Besucher, was die Werke "mit ihnen machen", Donald Trump begründet seine ganze Politik mit einer Mischung aus Wut, Ignoranz, und dem vagen Gefühl, dass alle gegen ihn seien.

... Schuld ist wahrscheinlich das Internet, das ist es ja im Zweifelsfalle immer. Dort funktionieren Gefühle besser als Fakten, Bilder besser als Analysen, der zynische Tweet besser als die Langstreckenreportage. Vor allem aber wirken Gefühle in Zeiten von Fake-News einfach glaubwürdiger. Man kann einem "Merkel muss weg"-Brüller vielleicht den moralischen Kompass absprechen, nicht aber seine Authentizität. Der ist wirklich wütend, enttäuscht, frustriert. Und irgendeinen Grund muss er ja dafür haben. Wenn aber Gefühle zum Richter werden, manövriert sich die Gesellschaft in eine unlösbare Pattsituation. Denn die eine Wut hat nicht mehr recht als die andere, wohl aber ein Argument mehr Gewicht als das andere. ...

... Niemand mag es, wenn ihm gesagt wird, wie er sich fühlen soll. Ganz besonders nicht, wenn es ihm Medien oder Politiker vorschreiben. Sehr viele Menschen fühlen nicht nur Freude über große Veränderungen und fühlen sich in dem Moment im Stich gelassen, wenn ihr eigenes Empfinden plötzlich als falsch disqualifiziert wird.

Dabei liegt das Empfinden niemals falsch. Oder richtig. Erst die darauffolgende Handlung ist ausschlaggebend. Mehr als zur Kenntnis nehmen kann man Gefühle ohnehin nicht. Im Gegensatz zu Meinungen lassen sich nämlich, aller Meditationscoaches zum Trotz, Gefühle nicht so leicht verändern, und schon gar nicht von anderen umerziehen, das weiß jeder, der mal unerwidert geliebt hat.

Wer auf einer Gefühlsebene diskutiert, nimmt den Gesprächspartner nicht ernst, sondern benutzt ihn als Leinwand, egal wie gravierend das Thema ist: projizieren statt diskutieren. Gegen Gefühle gibt es kein Argument. Weil sie selbst keines sind.

... Einst war der Verstand, nicht die Gefühlsäußerung, das erstrebenswerte Ziel. Die Ratio, nicht der Impuls, schaffte es, alle den Fortschritt behindernden Strukturen zu überwinden. Diese Zeit hieß Aufklärung.




Aus: "Heute ist leider schlecht / Emotionen: Gegen Gefühle" Eine Kolumne von Ronja von Rönne (21. November 2017)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/2017-11/emotionen-gefuehle-gefuehlspolitik-wut

 9 
 on: November 22, 2017, 10:13:58 AM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Quote
[...] Nun sind sie kein Problem mehr: Fast alle der in den 1980er-Jahren in Deutschland verbotenen Videospiele wurden in den letzten Jahren vom Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien genommen. Das Verkaufsverbot an Jugendliche wird nach 25 Jahren aufgehoben. Ausgenommen sind lediglich Spiele, wie "KZ Manager" oder der "Anti -Türkentest", die von Neonazis für Propagandazwecke programmiert und unter Teenagern verteilt wurden.

Die meisten der verbotenen Spiele wurden für den C64 erstellt, dem populärsten Heimcomputer des vergangen Jahrtausends. Eine Indexierung war aber auch, nachdem Computerzeitschriften regelmäßig ausführlich darüber berichteten, eine unbezahlbare Werbung für die Spiele. So führte damals nicht selten das Spiel mit dem Titel "Indexiert" die Verkaufscharts an. Mehr brauchten Teenager nicht, um diese Spiele unbedingt haben zu müssen. Da damals fast niemand Spiele kaufte, war die Indexierung mehr oder weniger ein Papiertiger. Damals tauschte man Disketten oder Kassetten in der Schule oder kaufte sie zu Billigpreisen bei windigen "Händlern", die ihr Angebot mittels Kleininseraten in Zeitschriften bewarben. In Österreich, wo es keine mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien vergleichbare Behörde gab, war es vergleichsweise schwer, überhaupt Videogames für den C64 kaufen zu können. Es gab zwar in den größeren Städten einige Shops und Elektroketten, aber es war ungleich einfacher an Kopien zu kommen.

Hauptsächlich landeten Kriegsspiele auf der Indexierungsliste, deren Kriegsverherrlichung oder Darstellung von Gewalt die deutsche Bundesprüfstelle auf den Plan rief. So etwa "Green Beret" – ein Spiel, bei dem man als US-Soldat massenhaft sowjetische Soldaten niedermetzeln muss, um Gefangene zu befreien.

Bei "Beach Head " muss man die Invasion einer Insel mit Waffengewalt abwehren. Das Spiel kam auf den Index, da es bei Jugendlichen "zu physischer Verkrampfung, Ärger, Aggressivität, Fahrigkeit im Denken, Konzentrationsschwierigkeiten, Kopfschmerzen und anderem" führe, führte die Bundesprüfstelle damals aus. Auch bei "Commando", "Rambo" oder "1942" geht es nur darum, so viele Gegner wie möglich zur Strecke zu bringen. Die Indexierung der Spiele wurde schon in den 1980er-Jahren kritisch gesehen und entsprechend in Zeitschriften kommentiert. Damals waren viele Jugendliche davon überzeugt, dass minimalistische Grafik und Piepssound ihr Leben nicht im Geringsten beeinflussen können. Auch konnte die Begründung von Verboten ("sittliche Gefährdung", "Verrohung") nur selten ernst genommen werden, da sie von Erwachsenen kamen, die keine Ahnung von der damals noch jungen Videospielkultur hatten.

Das Verbot von Nazi- und Pornospielen wurde meist locker gesehen, da diese meist von unterirdischer Qualität waren und daher eigentlich zum Spielen ungeeignet waren. Mittlerweile wurden einige damals als "pornografisch" eingestufte Games vom Index wieder entfernt und einige ihrer Programmierer arbeiten als angesehene Wissenschafter.

Quote
Quargelbrot: Haben wir Buben uns gefreut über die indizierten Spiele, natürlich als "Sicherheitskopie". ;)
Mir fehlt die C64-Ära! *snief*


Quote
MartinHucke: Ich habe die Musik vom Rambo noch im Ohr...


...



Aus: ""Sittliche Gefährdung": Die verbotenen Spiele der 1980er-Jahre" (sum, 20.11. 2017)
Quelle: https://derstandard.at/2000068160166/Sittliche-Gefaehrung-Die-verbotenen-Spiele-Games-der-1980-Jahre

 10 
 on: November 22, 2017, 09:33:29 AM 
Started by Textaris(txt*bot) - Last post by Textaris(txt*bot)
Quote
[...] Mircea T. fühlte sich wohl von Jahr zu Jahr sicherer. Schließlich ging er auf Reisen quer durch Europa – stehlend. Das Verbrechen in Berlin, so wird er gedacht haben, wäre vergessen. Doch die Vergangenheit holte ihn ein. 24 Jahre nach der Vergewaltigung eines 14-jährigen Mädchens in einer Gartenlaube in Köpenick klickten für Mircea T. in Kopenhagen die Handschellen. Ab Freitag wird dem 47-Jährigen vor dem Landgericht der Prozess gemacht. Eine DNA-Spur führte zur Anklage.

Der Rumäne war laut den Ermittlungen der Polizei in der Nacht zum 2. Juli 1993 mit zwei Landsleuten unterwegs – auf Klautour in einer Kleingartenanlage. Mit einer Brechstange hebelten sie eine Laube nach der anderen auf. In der fünften aber übernachteten zwei Teenager.

Das Mädchen 14 Jahre alt, der Junge 15. Die erste Liebe. Mit Erlaubnis der Eltern schliefen sie in der Laube. Um vier Uhr am Morgen aber hörte Jana (Name geändert) ein Rütteln an der Tür. Taschenlampen leuchteten in den Raum und erfassten die Teenager.

Die drei Einbrecher suchten nach Geld und Schmuck. Dann schauten sie das Mädchen an. Laut Anklage sollen sich die Männer kurz besprochen und den Entschluss gefasst haben, die erkennbar Minderjährige zu vergewaltigen. Sie hätten dem Jungen mit einer Geste angedroht, ihm die Kehle durchzuschneiden. Sie seien dann über das Mädchen hergefallen. Einer nach dem anderen. Das Martyrium dauerte mehr als eine Stunde.

Als die Vergewaltiger endlich verschwunden waren, klingelten die beiden Jugendlichen bei Nachbarn. Die Polizei nahm die Ermittlungen auf. Auch sechs Zigarettenkippen wurden in Tatortnähe sichergestellt. Sie stammten vermutlich von den Tätern. DNA-Spuren befanden sich daran. Doch es blieb zunächst DNA ohne einen Namen.

Es waren Fingerabdrücke, die zum ersten Täter führten. Der Mann erhielt im Juli 1995 unter anderem wegen Vergewaltigung fünf Jahre Gefängnis. 13 Jahre später waren es DNA-Spuren an einem Bettlaken, die zur Anklage gegen den zweiten Täter führten. Der zur Tatzeit 19-Jährige erhielt zwei Jahre und acht Monate Haft.

Mircea T. schien unbehelligt davonzukommen. Der Mann aus Bukarest ging schließlich wieder auf Reisen – wohl als fahrender Dieb. 2012 wurde er in England verurteilt, 2014 in Frankreich, 2015 in Spanien. Zuletzt erhielt er im April 2016 als Dieb eine Haftstrafe von sieben Monaten. Nach seinen Angaben hat er seit etwa 20 Jahren eine eigene Familie und auch zwei Kinder.

Als angeblich kleiner Dieb kam Mircea T. lange ohne Abgabe einer DNA-Probe davon. Das änderte sich im Mai 2014 in Paris. Zwar kam T. danach schnell wieder frei. Die Daten aber wurden europaweit abgeglichen. Im August 2016 dann ein Treffer: Es war eine von rund 23.800 Anfragen, die im vergangenen Jahr im DNA-Labor des Kriminaltechnischen Instituts der Berliner Polizei eingegangen war.

Das Muster der DNA einer Person kommt in der Bevölkerung mit einer Häufigkeit von weniger als eins zu zehn Milliarden vor, ist unverwechselbar wie ein Fingerabdruck. Gegen T. erging ein europäischer Haftbefehl. Im Mai erfolgte seine Festnahme, seit Juni befindet sich T. in Berlin in Untersuchungshaft.

Gegenüber der Polizei soll T. gestanden haben. Es tue ihm sehr leid, er sei sehr betrunken gewesen, soll er zu Protokoll gegeben haben. Er habe nicht gedacht, dass er zu einer solchen Tat fähig sein könnte, er wolle sich bei der Geschädigten entschuldigen.

Das Mädchen von damals ist heute 38 Jahre alt. Die Frau ist wie in den früheren Prozessen als Zeugin geladen. „Die Ängste holen mich immer wieder ein“, hatte Jana in einer Verhandlung geschildert. Für den dritten Prozess sind zwei Tage geplant.


Aus: "Verbrechen in Berlin-Köpenick: DNA-Spuren überführen Vergewaltiger nach 24 Jahren" (21.11.2017)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/verbrechen-in-berlin-koepenick-dna-spuren-ueberfuehren-vergewaltiger-nach-24-jahren/20604032.html

Pages: [1] 2 3 4 5 6 ... 10