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Gedankenschleuder und Fraktal Texte / [Elemente zur Oberflächlichkeit... ]
« Last post by Textaris(txt*bot) on October 17, 2019, 04:27:46 PM »
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[...] Der traurige Zustand des scharfen Geistes angesichts von Hass und Hetze, Häme und Dauer-Empörung zeigt sich am beklagenswerten Mangel an Ironiefähigkeit und Hintersinn. Kabarett und Satire waren und sind mitunter die intelligentesten Waffen im Kampf gegen die Korruption des Geistes und die Plumpheit der Macht. Der allgemeinen Unfähigkeit zur Tumult-Bewältigung in der derzeitigen Kampfzone Deutschland entspricht leider die Degenerierung der Satire zur armseligen Witzischkeit.

Einst war Satire Herrschafts- und Gesellschaftskritik auf doppeltem Boden, mutig, aufklärerisch, emanzipatorisch. Heute ist Satire teils platter Boulevard, teils politisierter Gesinnungsmoralismus und oft genug vulgäre Massen-Unterhaltung: Alltags-Schmunzeleien mit Genital-Humor gern unterhalb der Beschämungsgrenze.

Satire darf alles – nur nicht langweilen. Das war lange Zeit gutes und ungeschriebenes Gesetz, als es in Deutschland noch hochrespektables politisches Kabarett gab. Mit dem Verlust der Debatten und Diskurse aber kamen die Stimmen-Imitatoren und Persifleure, es zogen die Comedians ein und mit ihnen der Klamauk. Mit Klamauk, Sottisen und Schlüpfrigkeit kam letztlich die Langeweile, weil alles so plump und banal wurde.

Was ist aus der hohen Kunst der Satire geworden? Man könnte hundertfach beklagen, dass es heute keinen Hanns Dieter Hüsch oder Dieter Hildebrandt mehr gibt, dass Bruno Jonas und Volker Pispers sich zurückgezogen haben und wir es stattdessen mit Thorsten Sträter, Olaf Schubert*, Ingo Appelt, Michael Mittermeier, Carolin Kebekus, Kaya Yanar oder Serdar Somuncu zu tun haben.

Satire heute ist also entweder die espritbefreite Alltagsgeschichten-Verlaberung, mal nett, mal humorig, meist flach. Das hat zweifelsohne seine Berechtigung, mit Satire aber nichts zu tun.

Oder Satire ist krasse Schmähkritik, als deren begabtester Hohepriester Jan Böhmermann auftritt, der sich couragiert mit autokratischen Präsidenten anlegt. Eher als Satire ist das ein eitles Spiel mit der Persönlichkeitsverletzungsgrenze. Wenn Gerichte klären müssen, wo die Grenze der Kunstfreiheit verläuft, ist es schon keine gute Satire mehr.

Oder Satire ist Bloßstellungsentertainment wie in der „heute-show“, wo Politiker konsequent der Lächerlichkeit preisgegeben oder durch heitere Interviewer vorgeführt werden. Das ist unerhört simpel und letztlich ein wenig dämlich.

Oder Satire tritt schließlich als Moral-Aktivismus auf, wie ihn das Magazin „Titanic“ gerne betreibt, welches vergangenes Jahr erst zum Mord an „Baby Hitler“ aufrief und damit den konservativen österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz meinte, und dessen damaliger Chefredakteur Monate später Mitarbeiter der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschießen lassen wollte. Warum? Weil die Zeitung eine – wie gelungen auch immer – jedenfalls dem „Titanic“-Chef aufstoßende Pro- und-Contra-Erörterung privater Seenotrettung zu drucken gewagt hatte.

Die heute so leichthändig auf Verletzung, Herabsetzung und Anklage angelegte Polit-Satire ist Teil des Problems, das sie zu attackieren vorgibt. Sie ist selbstgerecht, nicht entlarvend. Sie ist moralisch durchtränkt und ideologisch holzschnittartig, keineswegs aber im Tiefsinn verstörend. Sie regt nicht zum nachhaltigen Nachdenken an, sondern denkt alles flach. Sie ist ein gefälliger Akteur der Abwertung im allgemeinen Boulevard-Spektakel und seiner oberflächlichen Dümmlichkeiten, da nur noch gemeint und nicht mehr gewusst, nur noch bewertet und nicht mehr wertgeschätzt wird.

In unseren Tagen der hysterischen Erschöpfung wären kluges Kabarett und kunstvolle Satire wichtige Mächte einer Kritik, deren steter Tropfen Subversion alle schwerfälligen Steine höhlte.
 

Aus: "Satire in Zeiten der Empörungsspirale - Espritbefreites Bloßstellungsentertainment" Überlegungen von Christian Schüle (31.12.2018)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/satire-in-zeiten-der-empoerungsspirale-espritbefreites.1005.de.html?dram:article_id=437021
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[...] Christian Schüle, 48, hat in München und Wien Philosophie, Soziologie und Politische Wissenschaft studiert, war Redakteur der „Zeit“ und lebt als freier Essayist, Schriftsteller und Publizist in Hamburg. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter den Roman „Das Ende unserer Tage“ (Klett-Cotta) und zuletzt die Essays „Heimat. Ein Phantomschmerz“ (Droemer) sowie „Wir haben die Zeit. Denkanstöße für ein gutes Leben“ (Edition Körber-Stiftung). Seit 2015 ist er Lehrbeauftragter im Bereich Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin.

Eine verhängnisvolle Idee des Politischen geistert durch den Raum und besetzt mehr und mehr Köpfe: Identität. Die explizite Identitätspolitik psychischer, kultureller, sozialer oder geschlechtlicher Bedürfnisse und Anliegen führt zu einer weitgehend fragmentierten Gesellschaft, der peu à peu die Idee des Allgemeinen, der res publica, abhanden zu kommen scheint.

Wir haben es mit einer ständigen Ausweitung gruppenspezifischer Ansprüche an den Staat und die Gesellschaft zu tun, woraus eine Zersplitterung in Parzellen und Reviere, Communities und Lobbies folgt, die ihre jeweiligen Interessen zum Maß der Dinge erheben und sich – als Opfer struktureller Benachteiligung – gegebenenfalls beleidigt, gekränkt und in ihrem Selbstwert verletzt fühlen.

Geschlechter-Präferenzen, religiöse Gefühle, nationale Abstammung und lebensweltliche Befindlichkeiten sind für sich genommen aller Ehren wert, und jede und jeder hat das unbedingte Recht, nach ihrer und seiner Fasson glücklich zu werden. Aber wenn jede soziale Gruppe ihre Bedürfnisse moralisch verabsolutiert, um – durch rhetorisches Framing – die höchst erregbare öffentliche Wahrnehmung auf sich zu lenken, führt das im Furor von Empörungs-Hysterie und Shitstorm-Schwachsinn zunehmend in eine unübersichtliche Kampfzone. Vor lauter aufwertungsbedürftigen Minderheiten lässt sich schließlich gar nicht mehr von der Mehrheit sprechen. Bald könnte es, überspitzt gesagt, eine Multigender-, Polyamorien-, Bioveganer-, Animisten- und National-Anarchistenquote für Politik und Wirtschaft geben, weil jeder im öffentlichen Raum Geltung haben will.

Letztlich geht es dabei um zahllose in sich geschlossene Schutzräume, die weder ineinander übersetzbar noch anschlussfähig sind und vor allem Homogenität fördern, die – mit ihrer Neigung zu fundamentalistischer Selbst-Offenbarung – in einer offenen Gesellschaft ja ausdrücklich verhindert werden soll.

Identitätspolitik ist per se spalterisch und verstößt in einer ohnehin von Spaltungen aller Art zerklüfteten Gemeinschaft gegen das Grundprinzip einer liberalen Demokratie: die Bewältigung von Ambivalenz durch Prozesse.

Pluralismus produziert permanent Widersprüche und Mehrdeutigkeiten – das eine gilt so wenig oder viel wie das andere. Wenn die Ausdifferenzierung der Lebensentwürfe weiter voranschreitet, wird es bald mehr als 60 kulturell codierte Geschlechter und durch zunehmende Migration weit mehr als 200 Nationalitäten auf engem Raum geben. Dann wird es permanent zu Konflikten zwischen widerstreitenden Wert- und Normvorstellungen kommen, dann wird jede gestopfte Gerechtigkeitslücke für die eine Gruppe mindestens eine neue für andere Gruppen aufreißen. Und dann wird der diffuse Begriff der Würde ständig neue Forderungen nach dem spezifischen Respekt für sich aufs neue benachteiligt fühlende Minoritäten hervorbringen.

In einer superdiversen Gesellschaft – und auf eine solche wird es hinaus laufen – wird der einzelne Bürger nicht umhin kommen, Kränkungen zu ertragen und mit Neid und Ressentiment leben zu lernen. Wem es nicht nur in wohlfeilen Sonntagsreden, sondern aus Einsicht in die Notwendigkeit um gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt in Zeiten sozialer Isolierung und digitaler Echokammern geht, der muss die Bewältigung der Ambivalenzen zur Kulturtechnik erklären, deren Beherrschung jeder Einzelne künftig einzuüben hat. Eine auf Dauer garantierte Ordnung der Freiheit für alle findet nur dann allseitige Zustimmung, wenn sie nicht der Durchsetzung besonderer moralischer, ethischer oder religiöser Vorstellungen und Interessen dient, sondern ausschließlich eine Ordnung der individuellen Handlungsfreiheit ist.

Ambivalenzbewältigung wird also eine neue Schule der sozialen Ethik erfordern. Man sollte schon jetzt die Lehrpläne erweitern und die besten Pädagogen suchen, sonst brauchen wir in Kürze ein Heer von Therapeuten.


Aus: "Zersplitterung der Gesellschaft Lob der Ambivalenz - Ein Standpunkt von Christian Schüle" (26.02.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/zersplitterung-der-gesellschaft-lob-der-ambivalenz.1005.de.html?dram:article_id=441961

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[...] Der österreichische Literaturnobelpreisträger Peter Handke durchlief in seinem Schaffen die verschiedensten Stationen. Mindestens drei solcher Perioden macht der Literaturkritiker Helmut Böttinger aus: ein Frühwerk, die Bestseller-Jahre als Popautor und ein umstrittenes Spätwerk.

„Auffällig ist, dass sich Handke im Lauf seiner Tätigkeit stark entwickelt und viele Wendungen genommen hat. Sein erster Roman, ‚Die Hornissen‘, den er als 24-Jähriger veröffentlicht hat, ist sehr stark vom Noveau Roman geprägt. Nach diesen experimentellen Anfängen war seine größte Zeit, in der er Bestseller-Autor war, in den 70er-Jahren. Mit Büchern wie ‚Der kurze Brief zum langen Abschied‘, ‚Die Angst des Tormanns beim Elfmeter‘ und ‚Wunschloses Unglück‘. Da hat er tatsächlich die Bestsellerlisten gestürmt.“

In dieser Zeit großer Popularität sei Handke zum führenden Popautor überhaupt geworden, vor allem mit Geschichten über seine Sozialisation in einem Kärntner Dorf:

„Diese autobiografische Befreiung führte zu einem Erzählton, der in den 70er-Jahren schon sehr einzigartig war und ihn zum führenden Popautor überhaupt gemacht hat.“

Doch dann habe er diese Popliteratur wieder überwunden, im Gegensatz zu vielen seiner Altersgenossen, so Böttinger. Stattdessen habe Handke nach einer neuen politischen Sprache gesucht. Diese führte ihn zu seinem umstrittenen Spätwerk.

Das Eintreten für den serbischen Präsidenten Slobodan Milošević habe viele Freunde und Weggefährten Handkes so sehr befremdet, dass sie sich von ihm abwandten. Warum Handke in dieser Hinsicht eine große Verbissenheit an den Tag legte, erklärt Böttinger so:

„Man kann Handke diesbezüglich nicht unbedingt politisch verstehen. Er spricht von dem verlorenen Jugoslawien, das ist das Traumland seiner Kindheit. Seine Mutter war slowenischer Herkunft und das nahegelegene Jugoslawien war für ihn eine Märchenlandschaft, eine Mythenlandschaft. Dass dieses Jugoslawien zerstört worden ist, hat ihn umgetrieben.“

Handke sei ein sehr impulsiver Mensch, er könne sehr jähzornig werden. Mit diesem seinem „überstürmenden poetisch-romantischen Temperament“ habe er sich oft an politischen Tagesverhältnissen gerieben. Und dieser Umstand habe ihn auch immer umstritten gemacht.


Aus: "Trauer um das Traumland der Kindheit" Helmut Böttiger im Gespräch mit Sigrid Brinkmann (10.10.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/literaturnobelpreis-fuer-peter-handke-trauer-um-das.1013.de.html?dram:article_id=460756

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[...] Der 1942 in einem kleinen Ort im österreichischen Bundesland Kärnten geborene Schriftsteller provozierte, seitdem er nach einem abgebrochenen Jurastudium als Schriftsteller antrat, mit seinen Werken und mit seiner politischen, manche meinen auch, seiner menschlichen Haltung. Schon in der "Publikumsbeschimpfung" vor 53 Jahren in Frankfurt beleidigte er die Theaterbesucher, indem er sie von den Schauspielern als "Glotzaugen", "Rotzlecker" und "Nichtsnutze" beschimpfen ließ. Trotzdem schrieb Handke mit seinen mehr als 20 Stücken Theatergeschichte, wurde und wird auf den besten Bühnen nicht nur deutschsprachiger Länder gespielt. Die Jury des österreichischen Nestroy-Preises ehrte ihn 2018 für sein Lebenswerk.

Unsterblich machte ihn auch sein Drehbuch "Der Himmel über Berlin", das die deutsche Regisseurlegende Wim Wenders verfilmte. "Wer sonst?", kommentierte der Regisseur dann auch hocherfreut die Nobelpreis-Entscheidung. Die Begeisterung teilt naheliegender Weise auch der Chef von Handkes Berliner Verlag Suhrkamp, Jonathan Landgrebe. Der französische Verlag Gallimard, in dem mehr als zehn Bücher von Handke in Übersetzung erschienen sind, zuletzt im Mai "Kindergeschichte", freut sich selbstverständlich auch. Der Autor lebt seit mehr als 30 Jahren südlich von Paris, und möglicherweise ist er in Frankreich beliebter als in Deutschland, Norwegen oder Albanien.

Denn viele Kritiker haben dem zornigen Autor seine Haltung während des Balkankriegs von 1999 nicht verziehen. Handke stand auf der Seite Serbiens, verurteilte die Nato für ihre Luftschläge und hielt 2006 bei der Beerdigung des jugoslawischen Ex-Diktators Slobodan Milosevic eine Rede.

Entsprechend zurückhaltend fiel die Gratulation Monika Grütters' aus. Die Staatsministerin für Kultur und Medien bemerkte, Handke habe sich nie dem Zeitgeist unterworfen, sondern sei immer unbequem geblieben. Mit seiner Provokationslust habe er so manches politische Tabu gebrochen.

Andere reagierten geradezu entsetzt. Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) kritisierte die Nobel-Entscheidung scharf. "Es ist vollkommen unverständlich, warum das Nobelpreiskomitee die intellektuelle Unterstützung für den Völkermord auszeichnet", empörte sich Jasna Causevicdie, GfbV-Referentin für Genozid-Prävention und Schutzverantwortung.


Aus: "Literaturnobelpreis für Peter Handke stößt auf zwiespältige Reaktionen" (10.10.2019)
Quelle: https://www.dw.com/de/literaturnobelpreis-f%C3%BCr-peter-handke-st%C3%B6%C3%9Ft-auf-zwiesp%C3%A4ltige-reaktionen/a-50782532

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[...] An dem Tag, als die Nachricht von der Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke bekannt wurde, waren wir, die Gruppe „taz-Reisen in die Zivilgesellschaft“, gerade in Srebrenica. Wir hörten Azir zu, wie er als 13-jähriger Junge in Potocari bei Srebrenica in der Masse der mehr als 40.000 Menschen stand, die an diesem 11. Juli 1991 alle in die UN-Kasernen drängten.

Hinter ihnen kamen die serbischen Truppen. Die niederländischen UN-Soldaten weigerten sich, mehr als 6.000 Menschen auf ihr Gelände einzulassen. Die Serben, unter ihrem General Ratko Mladić, begannen die Männer von Frauen mit Kindern zu trennen. Die Menschen mussten durch Checkpoints gehen, die Männer links, die Frauen und Kinder rechts. Azir gelang es, bei den Frauen zu bleiben und dann zusammen mit seiner Mutter mit einem Lastwagen nach Tuzla „ins befreite Gebiet“ in Sicherheit gebracht zu werden. Er hatte Glück.

Andere halbwüchsige Jungen mussten wie sein ein Jahr älterer Bruder zusammen mit den Männern gehen. Wenig später wurden schon Hunderte Männer erschossen. Sein Bruder schloss sich der Kolonne von mehr als Zehntausend an, die nach Tuzla fliehen wollten. Er wurde bei den folgenden Massakern und Hinterhalten getötet. Die serbische Soldateska ermordete in den folgenden Tagen 8.377 Männer aus Srebrenica.

Die Serben nahmen „Rache an den Türken“, wie Mladić es ausdrückte, wegen der in der serbischen Mythologie angeblich verlorenen Schlacht von 1389 gegen die Osmanen in Kosovo Polje. Mladić’ „Feinde“, die „Türken“, das war 600 Jahre danach die slawisch-muslimische Bevölkerung von Srebrenica, ethnische Slawen wie die Serben, eine Zivilbevölkerung, die noch vor dem Krieg in Jugoslawien ein beschaulich-sicheres Leben mit ihren serbischen Nachbarn geführt hatte. Dann das Inferno.

Azir hatte damals Todesangst. Die Opfer von Srebrenica oder die Opfer aus den Konzentrationslagern in Prijedor und anderswo in Bosnien sind bis heute Gefangene ihrer Todeserfahrung. Sie sind traumatisiert.

Die Täter aber sind frei. Und werden freigesprochen. Auch durch den prominenten Schriftsteller. Für die Opfer wie Azir hat er kein Wort übrig. Peter Handke war ein Jahr später an diesem Ort des Schreckens. Er konnte alles wissen. An den Mauern von nahegelegenen Ställen waren noch die Blutflecken der Hingerichteten zu sehen. Dann fuhr er nach Pale, dem oberhalb Sarajevos gelegenen Kriegshauptquartier der serbischen Führung in Bosnien, um Radovan Karadžić, ihren politischen Führer, zu sprechen. Damals schon bereitete das UN-Tribunal gegen Kriegsverbrechen in Jugoslawien in Den Haag die Anklage gegen Karadžić und Mladić vor. Das focht jedoch Handke nicht an, er plauderte freundlich mit dem Kriegsverbrecher.

Spätestens nach dem Besuch in Sarajevo hätte er spüren müssen, dass er falsch lag. Er traf den damaligen österreichischen Botschafter Valentin ­Inzko, der wie Handke selbst der slowenischen Minderheit in Kärnten angehört und persönlich mit ihm verbandelt ist. Schließlich „ging er ein Jahr mit meiner Schwester“, sagt Inzko heute, immer noch als Hoher Repräsentant der internationalen Gemeinschaft in Sarajevo ansässig und Kenner der Lage in Bosnien. Was er damals mit Handke beredet hat, bleibt zwar etwas nebulös.

Sicher ist, dass Handke an diesem Tag auch mit dem Sarajevoer Serben Jovan Divjak zusammentraf, dem Vizekommandeur der bosnischen Armee, an vorderster Stelle ein Verteidiger des multinationalen Sarajevos gegen die „Faschisten da oben“, wie Divjak sich damals ausdrückte. Das Gespräch war nicht freundschaftlich, denn Divjak zeigte ihm seine Faust, als Handke für die Position Karadžić’ Sympathie erkennen ließ.

„Er hat sich noch Notizen gemacht“, sagt heute der bosnische Serbe Jovan Divjak, eine Ikone der Zivilgesellschaft. Die Notizen hat Handke wohl nicht verwendet, als er sein Buch „Gerechtigkeit für Serbien“ schrieb, das 1996 erschienen ist. Dass er nach Sarajevo noch in Višegrad war und sich dort in einer Badehose mit Alkohol und „Freunden“ an der Drina ablichten ließ, an der Stelle, wo 1992 Hunderte von Menschen gefesselt und lebend von der berühmten Brücke in die Fluten der Drina geworfen wurden, war ihm keine Zeile wert.

Višegrad ist einer der vielen Orte blutiger Exzesse gegen Nichtserben. Bakira Hasečić, die Vorsitzende einer Organisation von Vergewaltigungsopfern, die zwei Jahre lang in dem berüchtigten Vergewaltigungslager der Stadt festgehalten worden war, kann die Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke ebenso wenig fassen wie die Frauen von Srebrenica in ihren ersten Reaktionen.

Vielleicht hat Handkes Besuch in Višegrad den bosnischen Schriftsteller Saša Stanišić insbesondere herausgefordert. Seine Familie stammt aus dieser Stadt. Bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2019 im Frankfurter Römer erklärte er am Montag: „Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt.“ Ähnlich kritisch äußerten sich der in den USA lebende Schriftsteller Aleksandar Hemon oder der serbische Schriftsteller Bora Ćosić, Teil der liberalen Belgrader Szene, die das Milošević-System bekämpft haben und über die Preisverleihung entsetzt sind.

Handkes Angriffe auf die damaligen Kriegsreporter, unter ihnen der Amerikaner und Pulitzerpreisträger Roy Gutman und der Brite Ed ­Vulliamy, die 1992 unter Lebensgefahr die Existenz von Konzentrationslagern in der Stadt Prijedor nachgewiesen hatten, wirft ein Licht auf ihn selbst zurück. Kriegsreporter waren für ihn „einseitig“ – obwohl sie auf allen Seiten recherchiert haben, im Gegensatz zu ihm, obwohl er doch 1996 in Srebrenica leicht hätte die Wahrheit entdecken können. ­„Ästhetik und Ethik lassen sich nicht trennen“, sagt Darko Cvijetić, serbischer Schauspieler und Dichter aus Prijedor.


Aus: "Amnesie eines Autors" Kommentar von Erich Rathfelder (17. 10. 2019)
Quelle: https://taz.de/Kritik-an-Nobelpreis-fuer-Peter-Handke/!5629663/

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Tazacorte (10/2019)

Wenn man sich die zahlreichen Handke-Interviews aus dem letzten Jahrzehnt durchliest, stellt sich der merkwürdiger Eindruck eines selbstverliebten grumpy old man ein. Sätze wie "Ich sag immer: Polizisten sind so wie die Frauen. Wenn man sie braucht, sind sie nicht da, wenn man sie nicht braucht, sind sie da“ (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/ich-habe-keine-schublade), seine Gewaltfantasien (den hätte ich gerne verprügelt, den habe ich geohrfeigt), zeichnen das Bild eines unsympathischen, aus der Zeit gefallenen Mannes. Seine Leugnung des Massenmordes durch serbische Militärs ist sicherlich nicht nur dem Altersstarrsinn geschuldet. ...

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[...] Trump pfeift die US-Truppen in Syrien zurück. Er lässt damit dem türkischen Präsidenten Erdogan freien Lauf, um unter anderem gegen die YPG-Kurdenmilizen vorzugehen. Diese waren jedoch ein enger Verbündeter der USA im Kampf gegen de Islamischen Staat (IS). Trump hintergeht nun also seine Verbündeten – und man weiss nicht einmal genau weshalb. ... [Trump] verteidigt sich in gewohnter Manier auf Twitter und sagt von sich selbst, mit «grosser und unvergleichlicher Weisheit» gesegnet zu sein. ... Derartige Bescheidenheit provoziert selbstverständlich auch entsprechende Reaktionen.

... «Kennst du jemanden in deinem Privatleben, der sagen würde, dass er ‹grosse und unvergleichliche Weisheit› hat, ohne dabei ironisch zu sein? Würdest du mit dieser Person befreundet bleiben? Würdest du gerne ständig von ihrer unvergleichlichen Weisheit hören & wie sie ein sehr stabiles Genie ist?» [https://twitter.com/jeremynewberger/status/1181232930993164289]

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Aus: "Trumps «grosse und unvergleichliche Weisheit» löst heftige Reaktionen aus" Milan Marquard (08.10.2019)
Quelle: https://www.watson.ch/international/usa/741631608-donald-trump-die-reaktionen-auf-unvergleichliche-weisheit-tweet

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[...] Die Türkei hatte vergangene Woche ihre Offensive gegen die YPG-Miliz begonnen. Trump hat den Militäreinsatz scharf kritisiert und Sanktionen gegen die türkische Führung verhängt – allerdings hatte er die Offensive selbst durch einen Abzug von US-Soldaten aus der Region ermöglicht. ...


Aus: "Trump schickte bizarren Brief an Erdogan – das Schreiben im Wortlaut" (17.10.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/seien-sie-kein-narr-trump-schickte-bizarren-brief-an-erdogan-das-schreiben-im-wortlaut/25125412.html

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egal69 10:18 Uhr

Mal eine Frage an alle, die sich ob des von Trump angeordneten Truppenabzugs aufregen. Mit welchen Recht wird hier erwartet, dass amerikanische Soldaten dort ihren Kopf hinhalten?
Hier ist zu lesen [https://www.tagesspiegel.de/politik/absage-an-donald-trump-bundesregierung-will-keine-bodentruppen-nach-syrien-schicken/24570726.html], dass Trump am 07.07.2019 deutsche Bodentruppen für Syrien gefordert hat. Die Ablehnung des Bundestags wurde von den Foristen die sich jetzt aufregen, einhellig begrüßt.
Europa hat sich bisher sogar geweigert, seine eigenen Staatsbürger, die dort von den Kurden bewacht werden mussten, zurückzunehmen, da sollte man sich mit Kritik an den USA wohl etwas zurückhalten und erstmal seiner eigenen Verantwortung gerecht werden.


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Gophi 09:14 Uhr

    Mit einem ungewöhnlichen Schreiben mit undiplomatischer Sprache hat US-Präsident Donald Trump den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan...

["Lassen Sie uns einen guten Deal machen! Sie wollen nicht für das Abschlachten von tausenden Menschen verantwortlich sein, und ich will nicht für die Zerstörung der türkischen Wirtschaft verantwortlich sein – und ich werde es tun.
Ich habe Ihnen schon ein kleines Beispiel dafür gegeben im Hinblick auf Pastor Brunson.
Ich habe hart daran gearbeitet, einige Ihrer Probleme zu lösen. Lassen Sie die Welt nicht im Stich. Sie können einen großartigen Deal erreichen. General Mazloum ist bereit, mit Ihnen zu verhandeln und er ist bereit, Zugeständnisse zu machen, die in der Vergangenheit nie gemacht worden wären. Ich füge vertraulich eine Kopie des Briefes bei, den ich gerade erhalten habe.
Die Geschichte wird wohlwollend auf Sie blicken, wenn Sie das auf eine richtige und humane Weise hinbekommen. Sie wird Sie für ewig als Teufel betrachten, wenn nicht gute Dinge passieren.
Geben Sie nicht den harten Kerl. Seien Sie kein Narr! Ich rufe Sie später an.
"]

Ooch, was Diplomatie angeht, verstehen sich Trump und Erdogan sicher gut.


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[...] Der Brandbrief von US-Präsident Trump hat beim türkischen Präsidenten offenbar das Gegenteil der erhofften Wirkung erzielt. Das Büro von Recep Tayyip Erdoğan bestätigte der BBC, dass der Empfänger den Brief aus dem Weißen Haus "in den Mülleimer geworfen" habe.

Erdoğan habe das Schreiben "durch und durch abgelehnt", twitterte der ehemalige Türkei-Korrespondent des britischen Rundfunks, Mark Lowen, unter Berufung auf das Büro. Der Präsident habe demnach bereits entschieden gehabt, die geplante Militäroffensive zu starten, schrieb Lowen weiter. Trumps Brief habe dann den letzten Anstoß dazu gegeben.

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Aus: "Trumps Syrien-Brief landete bei Erdoğan im Mülleimer" (17. Oktober 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-10/tuerkei-recep-tayyip-erdogan-donald-trump-nordsyrien

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Riktam #3

Die Weisheit scheint doch endlich zu sein!


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redlord #6

Da haben sich zwei gesucht und gefunden.


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MapleRidge #7

Die beiden Präsidenten haben gewisse Gemeinsamkeiten, was das Thema Diplomatie betrifft. Und beide sind so eitel, dass sie ihr Handeln für fehlerfrei halten. Ausbaden müssen es Dritte.


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Frischgestrichen #8

Weltpolitik heute: Der eine verfasst Briefe wie ein großmäuliger Unterstufenschüler und der andere spielt den Trotzkopf im Sinne von "Jetzt erst recht"....


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[...] Mit Rekorden beim Rüstungsexport kann die Bundesregierung fast nur bei den Unternehmen und Belegschaften punkten, die diese Güter herstellen. Außerhalb der Branche gelten ihre Produkte weitgehend als Teufelszeug, mit dem das Leid in der Welt nur noch vergrößert werde.
Tatsächlich landen Waffen und andere militärisch nutzbare Ausrüstung trotz strenger werdender Kontrollen immer wieder auch in den falschen Händen. Der Regierungskoalition und darin besonders der SPD vorzuwerfen, ihr seien „die Gewinne der Rüstungsindustrie wichtiger als Frieden“, wie das nun der Grünen-Politiker Nouripur tat, ist jedoch platter Populismus zur Vergrößerung der Popularität der Grünen und der Seelenqualen der Sozialdemokraten.
Der Bundessicherheitsrat genehmigt Rüstungsexporte nicht, um damit Stahlbarone reicher zu machen. Der Export von Waffensystemen gehört zu den Mitteln der Außen-, Bündnis- und Sicherheitspolitik.
Ja, es geht dabei auch um die Erhaltung einer eigenen Rüstungsindustrie. Aber auch deren Existenzsicherung liegt im nationalen Interesse Deutschlands.


Aus: "Rüstungsexporte: Ein Mittel der Politik" Ein Kommentar von Berthold Kohler (07.10.2019)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/kommentar-von-berthold-kohler-ruestungsexporte-sind-ein-mittel-der-politik-16421508.html

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[...] Allein in den ersten acht Monaten dieses Jahres hat die Türkei Kriegswaffen für 250,4 Millionen Euro aus Deutschland erhalten. Obwohl noch vier Monate bis Jahresende fehlen, ist das bereits jetzt der höchste Wert seit 2005. Die neuen Exportzahlen gehen aus der Antwort des Bundeswirtschaftsministeriums auf eine Anfrage der stellvertretenden Linksfraktionschefin Sevim Dağdelen hervor, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Im vergangenen Jahr machten die Lieferungen an die Türkei mit 242,8 Millionen Euro fast ein Drittel aller deutschen Kriegswaffenexporte (770,8 Millionen Euro) aus. Damit war die Türkei klar die Nummer eins unter den Empfängerländern deutscher Rüstungsgüter. Das könnte trotz eines teilweisen Rüstungsexportstopps wegen der Syrien-Offensive auch in diesem Jahr wieder der Fall sein.

Bei den gelieferten Waffen handelt es sich laut Ministerium um "Ware ausschließlich für den maritimen Bereich". Es ist wahrscheinlich, dass es zum großen Teil um Material für sechs U-Boote der Klasse 214 geht, die in der Türkei unter maßgeblicher Beteiligung des deutschen Konzerns Thyssenkrupp Marine Systems gebaut werden. Die Bundesregierung hatte die Lieferung von Bauteilen bereits 2009 genehmigt und den Export mit einer sogenannten Hermes-Bürgschaft in Höhe von 2,49 Milliarden Euro abgesichert. Inzwischen werden solche Bürgschaften für Kriegswaffenexporte in die Türkei nicht mehr erteilt.

Zusätzlich zu den hohen Waffenexporten insgesamt hat die Bundesregierung in diesem Jahr auch viele neue Exportgenehmigungen erteilt. Bis zum 9. Oktober gab die Bundesregierung grünes Licht für Rüstungslieferungen in die Türkei im Wert von 28,5 Millionen Euro. Das ist bereits mehr als doppelt so viel wie im ganzen Jahr 2018 mit 12,9 Millionen Euro. Die Zahl der Einzelgenehmigungen hat sich von 58 im gesamten Jahr 2018 auf 182 in den ersten neuneinhalb Monaten dieses Jahres mehr als verdreifacht. 2016 waren noch Rüstungsgüter für 84 Millionen Euro genehmigt worden.

Bundesaußenminister Heiko Maas hatte am Samstag bekanntgegeben, dass wegen der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien gegen die Kurdenmiliz YPG keine Lieferungen von Rüstungsgütern mehr an den Nato-Partner genehmigt werden, die in dem Konflikt genutzt werden können. Andere Waffenexporte werden aber weiterhin erlaubt. Auch bereits genehmigte Geschäfte sind von dem Lieferstopp nicht betroffen.

Auch in den letzten vier Monaten des Jahres dürften also weiter Rüstungsgüter aus Deutschland an den Nato-Partner geliefert werden. Nach Zahlen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri zählte Deutschland in den vergangenen zehn Jahren zu den fünf wichtigsten Waffenlieferanten der Türkei nach den USA, Südkorea, Italien und Spanien.

Dağdelen nannte die neuen Zahlen einen "Offenbarungseid" der Bundesregierung. Sie belegten "in erschreckender Weise die skrupellose Hochrüstung der Türkei", sagte sie. "So entlarvt sich das ganze Gerede von einer restriktiven Rüstungsexportpolitik selbst als großer Schwindel."


Aus: "Deutsche Waffenexporte in die Türkei auf höchstem Stand seit 14 Jahren" (17. Oktober 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-10/ruestungsindustrie-waffenexporte-tuerkei-hoechster-stand-seit-13-jahren

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ChrisHamburg #1

Erst das Land aufrüsten und dann Krokodilstränen weinen, dass die Waffen auch tatsächlich eingesetzt werden. Genau mein Humor. ...


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santa_czel0na #1.1

Ist alles für "humanitäre Interventionen" - heute führt doch niemand mehr Krieg, denn es war ja noch nie so friedlich wie jetzt.
Wir geben auch genug ab für den Jemen und ich denke die Kartelle in Mexico freuen sich auch immer wieder über neues Spielzeug. Business hat eben mit Moral wenig zu tun wenn man siegen muss.


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Rot-Grün Gutmensch #7

Waffendeals und Pauschaltourismus sind prima.


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hkscooter #19

Nun, genau ob dieser Vorgänge ist unser Glauben an die Politik und ihre Protagonisten unerschütterlich.


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Nissan Skyline R34 GT-R #28

Wer sich fragt wofür die maritime Aufrüstung?
Unter dem Mittelmeer lagern gewaltige Öl und Gasvorkommen, und nicht wenig davon auf griechischem Hoheitsgebiet.

Griechenland sitzt auf Erdöl und Erdgasvorkommen die dem von Libyen in nichts nachstehen.

Wussten Sie gar nicht?
Ja , es ist erstaunlich dass sowas den Weg selten in die Medien findet.

Wäre schließlich schwer zu erklären, dass Griechenland, wenn man die Gasreserven einbezieht zu den reichsten Ländern Europa gehört.


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Der Korrektor #33

Wann immer die Scheinheiligkeit der Regierung deutlich wird, nimmt die Demokratie Schaden.


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Letichou #35

Da kann man wirklich stolz auf unserem Land sein. ...


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[...] Haben Medien nicht auch die Aufgabe, die Dinge beim Namen zu nennen? Erdoğan nennt es „Militäroperation Friedensquell“, die deutschen Medien sprechen vom „türkischen Militäreinsatz“ oder nennen es „türkische Militäroffensive“. Beide Begriffe jedoch neutralisieren einen wichtigen Aspekt, der sich am besten in dem Vers von Matthias Claudius aus dem Jahre 1778 wiedergeben lässt: „’s ist Krieg! ’s ist Krieg!“

Das Wort „Militäreinsatz“ ist ein Euphemismus und enthält den Rezipienten im Falle von Nordsyrien die entscheidende Kriegsbotschaft vor. Unter Militäreinsatz firmiert schließlich auch das Sandsäckeschleppen beim Oderhochwasser oder das Eskortieren von Handelsschiffen.

Schwieriger ist es beim Wort „Militäroffensive“. „Offensive“ ist durchaus militärischer Sprachgebrauch und bedeutet so viel wie „Angriff“. Aber man muss die Wörter auf sich wirken lassen: „Angriffskrieg“ oder „Militäroffensive“? Militäroffensive klingt weniger aggressiv.

Beide Wörter öffnen unterschiedliche Schubladen im Kopf, setzen verschiedene Framings in Gang. „Offensive“ ist nämlich ebenso verbreitet in genuin friedlichen Bereichen. Man denke an Fußball oder Schach. „Offensiv“ ist eine Strategie. Ihr Gegenteil ist die Defensive. „Offensive“ erweckt den Eindruck, beide Seiten hätten sich zu einer (legitimen) Auseinandersetzung entschieden. Die Strategie jedoch zum Hauptwort zu erheben, ist bei einem Angriffskrieg unangemessen.

Wollen die Medien jetzt die Wahrheit verschleiern? Nein. Sie sind einfach der Komplexität nicht gewachsen. Sprache hat nämlich den Nachteil, dass ihr meist eine Perspektive innewohnt. Hat man erst einmal eine Perspektive, ist es schwer, die Begriffe infrage zu stellen. Und: Wenn alle es so nennen, könnte es Sinn machen, es selbst eben auch so zu nennen.

Die Türkei ist ein Nato-Partner Deutschlands. Dieses Partnersein gibt die Perspektive vor und steckt unseren sprachlichen Rahmen ab. Aber die Strategie zum Hauptwort zu erheben, das macht vielleicht aus Sicht von Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg Sinn. Für die Medien wären diese Begriffe angebrachter: völkerrechtswidriger Angriffskrieg, militärische Vertreibung, Invasion.


Aus: "Friedliche Worte für Krieg" Eric Wallis (17. 10. 2019)
Quelle: https://taz.de/Sprachkritik-zu-Syrien/!5633944/

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Trabantus 17.10.2019, 08:40

Herr Erdogan hat gedroht, die Flüchtlinge "loszulassen", sollte es Politik und Medien einfallen, die Invasion als Invasion darzustellen. Und? Die Politik und die Medien zum großen Teil kuschen und fügen sich in die Forderung. Es ist nahezu unerträgilch, vor allem aber beschämend, den offiziellen "Tönern" bei ihren Sprachverwindungen zuzuhören oder diese zu lesen.


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[...] Zum Verständnis der türkischen Intervention in Syrien sollten vier Aspekte berücksichtigt werden. Ich liste sie im Folgenden chronologisch auf.

Erstens: Die Angst der Türken vor Aufspaltung, sie ist so alt wie die Republik. Anfang des 18. Jahrhunderts herrschte das Osmanische Reich über eine Fläche von rund 20 Millionen Quadratkilometern in Europa, Asien und Afrika. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war sie auf 783.000 Quadratkilometer geschrumpft. Das Trauma des Verlusts vor allem des Balkans, der ägäischen Inseln und des Nahen Ostens prägt die nationale Identität seit einem Jahrhundert. Die Gründung eines kurdischen Staats in Syrien, wo die Kurden die größte ethnische Gruppe stellen, könnte auch die Kurden in der Türkei mit einbeziehen und anatolisches Territorium kosten. Das Problem hatte deshalb noch für jede Regierung Priorität, wenn es um Sicherheit und Bedrohungspotenzial ging.

Der zweite Aspekt hat allein mit Syrien zu tun. Mit Syrien teilt die Türkei ihre längste Landgrenze (911 Kilometer). Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war Syrien osmanische Provinz, seither ist es ein problematischer Nachbar der Türkei. Zahlreiche Konflikte haben die Beziehungen geprägt, von Grenzstreitigkeiten bis zur Aufteilung des Euphrat-Wassers. Dass der Chef der PKK, von der Türkei zum "Staatsfeind Nummer eins" deklariert, im syrisch kontrollierten Bekaa einen Stützpunkt einrichtete und in Damaskus Residenz nahm, brachte die beiden Länder schließlich an die Schwelle des Kriegs. Eine Ironie der Geschichte: Unter der Erdoğan-Regierung näherten sich Damaskus und Ankara erstmalig an. Als erster syrischer Staatschef besuchte Baschar al-Assad 2004 die Türkei. Erdoğan absolvierte den Gegenbesuch noch im selben Jahr. Die beiden Staatschefs machten zusammen Urlaub, die Armeen beider Länder führten gemeinsame Manöver durch. Mit den syrischen Flüchtlingen aber, die nach dem arabischen Frühling 2011 vor Damaskus’ Wut in die Türkei flohen, änderten sich die Beziehungen. Die Freunde von gestern wurden zu Feinden.

Der ethnische und der politische Aspekt sind um einen religiösen zu ergänzen: Dass in Damaskus Alawiten regieren, obwohl die Bevölkerungsmehrheit sunnitisch ist, wurde in Bezug auf das innere Gleichgewicht der beiden Länder unausgesprochen zum Problem. Erdoğans Sympathie für die Muslimbrüder, einen Gegner der Baath-Partei, die aktive Unterstützung Ankaras für die Freie Syrische Armee und die zunehmende Verwandlung der Türkei in einen Stützpunkt für den IS lösten in Damaskus Unmut aus.

Der vierte Aspekt der Syrien-Offensive hängt mit Erdoğans Bedrängnis im Inland zusammen. Seit der Schlappe bei den letzten Kommunalwahlen mit dem Verlust von Istanbul ist Erdoğan auf dem absteigenden Ast. Ein Ex-Premier und ein ehemaliger Staatspräsident verließen seine Partei und planten, konkurrierende Parteien zu gründen. Die Opposition vereinte sich erstmals in einer demokratischen Front. Die Wirtschaftskrise und 3,5 Millionen syrische Flüchtlinge, die als billige Arbeitskräfte die Arbeitslosigkeit im Land verschärfen, verprellten noch seine leidenschaftlichsten Anhänger. Bei Umfragen steckte die AKP in einem Zehn-Jahres-Tief. Viele munkelten, der einzige Ausweg aus diesem Dilemma wäre ein Krieg. Und so kam es dann auch. Erdoğan nötigte die Opposition, den Feldzug zu unterstützen, damit zog er sie auf seine Seite und zerschlug ihre Allianz. Ebenso brachte er seine innerparteilichen Widersacher zum Verstummen. Er zementierte seine Macht, indem er die Zügel straff anzog. Und mit dem Versprechen, die syrischen Geflüchteten in der Sicherheitszone anzusiedeln, die mit der Operation geschaffen werden soll, hat er nach seinem Dafürhalten auch gleich das Flüchtlingsproblem gelöst.

Diese Punkte auf lokaler Ebene wurden durch internationale Diplomatie begünstigt: Der Konflikt zwischen den USA und Russland in Syrien erweiterte Erdoğans Handlungsspielraum. Mit kluger Taktik spielte er beide gegeneinander aus, indem er östlich des Euphrat mit den USA und westlich des Euphrat mit Russland paktierte. Trump wollte die Last der Türkei aufbürden und aus Syrien abziehen, deshalb gab er Erdoğan grünes Licht. Putin drückte zunächst ein Auge vor der Offensive zu, denn sie würde die USA aus Syrien entfernen und die Kurden Washington entfremden, aber Moskau und Damaskus in die Arme treiben. Und was Europa betrifft: Einmal mehr knickten die europäischen Hauptstädte vor Erdoğans Drohung ein, die Grenzen für die Flüchtlinge zu öffnen, weshalb sie sich auf eine Verurteilung und ein Waffenembargo beschränkten. So verloren die von den USA im Stich gelassenen Kurden die erste Runde, Gewinner waren, neu erstarkt, Erdoğan und der IS.

Die Medaille hat aber noch eine andere Seite: Die Offensive hat die Türkei in der Welt komplett isoliert. Eine breite Front, von der EU bis zur Arabischen Liga, hat sich gegen Erdoğan gestellt. Darüber hinaus zeigen sich zunehmend auch die Gefahren des beschrittenen Minenfelds: Trumps Drohung, die türkische Wirtschaft zu zerstören, wenn sie zu weit gehe – türkische Truppen könnten auch US-Kräfte in der Region treffen oder sich Gefechte mit russisch-syrischen Einheiten an der Grenze liefern. Die Kurden, die die Operation als "Besatzung" empfinden, könnten Großstädte in der Türkei ins Visier nehmen. Das Chaos in der Türkei, zu der all das führen könnte. Die Defizite der türkischen Armee, die in den letzten zehn Jahren erhebliche Säuberungen zu gewärtigen hatte.

Erdoğan ist nun ganz davon abhängig, wie Trump und Putin handeln. Für ihn, der hofft, als "siegreicher Feldherr" aus der Syrien-Offensive hervorzugehen und damit sein Ein-Mann-Regime zu stabilisieren, könnte all das auch in den Untergang führen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe


Aus: "Meine Türkei / Offensive in Syrien: Erdoğans Hoffnung – oder sein Untergang?" Eine Kolumne von Can Dündar (16. Oktober 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/2019/43/offensive-syrien-tuerkei-erdogan-intervention-vorgeschichte

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magnichreden #5

dundar macht wieder dass, was er am besten kann, denunzieren, schwarzmalen und seine infantile Enttäuschung zum Ausdruck bringen.


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HuDesh #5.1

Sie dagegen sind ein Leuchtturm! ;)


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laotsekonfuzius #16

Ich verstehe nicht warum Nationen immer noch darauf bestehen möglichst viel "Land" oder "Leute" zu haben. Ist das noch ein Überbleibsel aus dem 19. Jahrhundert?
Gebt den Kurden doch das Stück Land, schließt Frieden mit ihnen und gut ist. Die Türkei hätte auf einen Schlag weniger Einwohner (v.a. arme Einwohner aus dem Südosten), die Kurden hätten was sie wollen. Eine Win-win Situation also.
Wobei gerade die syrischen Kurden ja gar keinen eigenen Staat mehr wollen, sondern einfach nur Autonomie. Der Staat als Macht- und Unterdrückungsapparat passt gar nicht zu Öcalans Ideologie.


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However #16.1

"Ich verstehe nicht warum Nationen immer noch darauf bestehen möglichst viel "Land" oder "Leute" zu haben. Ist das noch ein Überbleibsel aus dem 19. Jahrhundert?"

Netter Gedanke, geben Sie dann doch den Kurden Sachsen oder Thüringen. Oder den 4 Mio Türkei Stämmigen in Deutschland Bayern ? Vielleicht BaWü ? (Das war natürlich Ironie, falls es jemand nicht merken sollte !)


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QuasarAPM #16.2

Ne, die Kurden beanspruchen aber nicht Sachsen oder Thüringen. ... Wenn Sie solch dumme Analogien anbringen, müssten Sie eher die Türken in Bezug zu Sachsen und Thüringen setzen, nicht die Kurden.


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Orakel56 #19

Um all das "Wirrwarr der inzwischen involvierten Länder ( Syrien, Saudi-Arabien, Jemen, Libanon, Iran, Russland, USA, Türkei, Europa ) zu verstehen, müsste ich ein Auslandskorrespondent/ Historiker/ Nah-Ostexperte sein. Ein über Jahre entstandenes Wirrwarr des Syrien-Krieges, durch unterschiedliche politische/wirtschaftliche Interessen der Länder bis hin zum aufgekündigten Atomabkommen der USA, Russland, Europa, Iran. ...


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[...] Keine Angriffe für 120 Stunden: US-Vizepräsident Mike Pence und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan haben sich auf eine vorübergehende Waffenruhe verständigt. ... US-Präsident Donald Trump sprach von "großartigen Neuigkeiten". "Millionen von Leben werden gerettet werden."

Vergangene Woche hat die Türkei einen Militäreinsatz gegen die kurdische YPG-Miliz in Nordsyrien begonnen, die dort ein großes Gebiet kontrolliert. Die Türkei betrachtet die Kurdenmiliz als Terrororganisation. Für die USA waren die Kurdenkämpfer dagegen lange Verbündete im Kampf gegen den sogenannten "Islamischer Staat" (IS). ...

 

Aus: "Türkei und USA vereinbaren eine Unterbrechung der Kämpfe in Nordsyrien" (17. Oktober 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-10/tuerkei-und-usa-einigen-sich-auf-waffenruhe-in-nordsyrien

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Holtor #5

Das liegt bestimmt an den ausgefeilten diplomatischen Depeschen zwischen diesen Ländern.


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Dytrppr #3

Siehste, weil Donald so schöne Briefe schreibt.


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zaralexander #3.4

"Der Brief dürfte entscheidend dazu beigetragen haben, ja."

Ich denke auch. Gewiss wollte sich Erdogan nicht dem Risiko eines Nachtragschreibens aussetzen.


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kernkraftistdieloesung #15

Sehr gut, der Brief dürfte entscheident dazu beigetragen haben. Wie erklären die Foristen die gestern noch höhnisch waren diesen Erfolg?


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Wilmso #15.1

Sie meinen der Brief der sofort im Mülleimer gelandet ist?
Jap. Das wirds sein.


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prinzessin.leia #15.3

Der Brief war es. Ganz bestimmt.


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makabi #39

Vielleicht hat Erdo doch nochmal im Mülleimer gesucht.


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maik russel #18.5

Da hilft selbst Sarkasmus nicht mehr, es ist unfassbar. Zwei Staaten halten sich absurd völkerrechtswidrig auf dem Staatsgebiet eines Dritten auf, ballern da munter die Leute um und sind so gnädig eine Waffenruhe zu vereinbaren. Deutschland liefert seit Jahren allerlei Waffen und Gerät an einen der Invasoren, mit denen gerade jede Menge Kurden massakriert werden. Wie aus dem Irrenhaus, kann man sich nicht ausdenken.


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Brillstein #19.2

Leider eigentlich nicht. Die Sicherheitszone, die die Türkei verlangt, soll etwa 30 km (20 miles) zw. der türkischen Grenze und Syrien betragen. In diesem Radius liegen quasi alle kurdischen Städte und Siedlungen (der YPG).

Der "Deal" bedeutet im Grunde, dass die Kurden sich komplett aus ihrem teilautonomen Gebiet zurückziehen und es aufgeben sollen, um irgendwo? in Syrien angesiedelt zu werden. Oder mit anderen, zugespitzten Worten: die Kurden sollen bedingungslos kapitulieren und verschwinden. ...


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ernstel2019 #32

Mannsbilder, die auf unser aller Kosten sadistische Spielchen ausleben.


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Daniel H #41

Habe ich was überlesen? Haben die Syrischen Kurden zugestimmt sich innerhalb 120 Stunden zurückzuziehen?


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Tico77 #41.1

Immer dieses Rumkritteln an lästigen Details großer Deals großer Männer.


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[...] Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat der Türkei  Kriegsverbrechen in Nordsyrien vorgeworfen. Die türkischen Streitkräfte und ihre syrischen Verbündeten hätten bei ihrer Militäroffensive gegen die kurdischen YPG-Milizen "Kriegsverbrechen, Massentötungen und unrechtmäßige Angriffe" verübt, teilte Amnesty in einem Bericht mit. Die Organisation verfüge über "erdrückende Beweise für willkürliche Angriffe in Wohngebieten".

"Die türkische Armee und ihre syrischen Verbündeten zeigen vollkommene Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben von Zivilistinnen und Zivilisten", sagte der Amnesty-Generalsekretär Kumi Naidoo. Dem Amnesty-Bericht zufolge griffen die türkischen Streitkräfte unter anderem ein Wohnhaus, eine Bäckerei und eine Schule an.

Amnesty beruft sich auf Aussagen von 17 Zeuginnen und Zeugen, unter ihnen Rettungskräfte, medizinisches Personal, Mitarbeitende von humanitären Hilfsorganisationen, Vertriebene und Journalistinnen und Journalisten. Ein kurdischer Mitarbeiter des Roten Kreuzes sagte demnach, er habe nach einem türkischen Luftangriff am 12. Oktober in der Nähe einer Schule verkohlte Leichen aus einer Ruine getragen. Des Weiteren habe die Menschenrechtsorganisation verschiedene Videoaufnahmen medizinischer Reporte ausgewertet. Die türkische Regierung kommentierte den Amnesty-Bericht zunächst nicht.

Am Donnerstag einigten sich die Türkei und USA auf eine fünftägige Waffenruhe. Die Türkei sicherte zu, alle militärischen Aktionen für 120 Stunden zu unterbrechen, um den kurdischen Milizen den Rückzug aus dem syrischen Gebiet an der Grenze zur Türkei zu ermöglichen. Danach wolle die Türkei den Einsatz vollständig beenden. Die kurdischen Kämpfer stimmten der Vereinbarung zu. 

Allerdings wurde laut der Nachrichtenagentur AP die Waffenruhe offenbar gebrochen. AP-Reporter hätten am Freitag Artilleriefeuer in der der Grenzstadt Ras al-Ain beobachtet. Die Reporter berichteten von Rauch über dem Stadtzentrum und Gewehrfeuern, die zu hören waren. Auch die in Großbritannien ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete von Kämpfen in der Stadt. In den anderen Gebieten sei es dagegen relativ ruhig. Ras al-Ain gehört zu den heftig umkämpften Städten türkischer und kurdischer Streitkräfte.

Die Türkei hat vergangene Woche eine Militäroffensive gegen die kurdischen Kämpfer in Nordsyrien begonnen. Die türkische Regierung sieht in der YPG einen Ableger der in der Türkei verbotenen Arbeiterpartei PKK und damit eine Terrororganisation. Zudem befürchtet die Türkei, dass das von Kurdinnen und Kurden kontrollierte Gebiet in Syrien dem Autonomiebestreben der kurdischen Bevölkerung im eigenen Land Auftrieb verleiht. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan will in der Grenzregion eine 30 Kilometer breite "Sicherheitszone" für syrische Geflüchtete schaffen. 

Möglich wurde die Militäroffensive erst, nachdem US-Präsident Donald Trump den Rückzug amerikanischer Truppen aus dem Grenzgebiet angeordnet hatte. Trump wurde deshalb sowohl von Demokraten und Republikanern, aber auch international kritisiert. Ihm wurde vorgeworfen, die kurdischen Alliierten, die die USA im Kampf gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) unterstützt hatten, im Stich zu lassen. Seit Beginn der Offensive wurden nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte fast 500 Menschen getötet, darunter mindestens 72 Zivilisten. Mehr als 300.000 weitere Menschen wurden demnach vertrieben und sind seit dem auf der Flucht.


Aus: "Amnesty wirft Türkei Kriegsverbrechen vor" (18. Oktober 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-10/offensive-nordsyrien-amnesty-international-tuerkei-kriegsverbrechen-massentoetungen

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[...] Die mütterliche Liebe und Geborgenheit blieben ihm sein Leben lang verwährt. Allein vor der Presse zeigt sich seine Mutter stolz und bewundernd. Ihre Zuneigung hegte sie hingegen für den jüngeren Bruder Simenons, Christian. War sie immerhin der Meinung, dass es ausgesprochen bedauerlich ist, dass ausgerechnet sein Bruder Christian sterben musste. Christian Simenon, Kolonialbeamter im Kongo und Kollaborateur während des  zweiten Weltkrieges, starb als Fremdenlegionär in Saigon im Oktober 1947. In dem autobiografischen Werk „Brief an meine Mutter“, das er vier Jahre nach ihrem Tod, also 1974, veröffentlichte, schreibt er: „Bei einem meiner seltenen Besuche in Liège sahst du mich einmal lange und eindringlich an und sagtest  etwas,  was  ich  nie  vergessen konnte: "Wie  traurig  Georges,  daß  gerade  Christian  sterben  mußte." “ Sein Hunger nach menschlichem Kontakt veranlasste ihn dazu, mit unzähligen Frauen zu schlafen ... In „Ein Mensch wie jeder andere“, der Originaltitel lautet „Un homme comme un autre“,  erschien  1975  bei  dem  Verlag  Presses  de  la  Cité  und  1978  bei Diogenes, äußert sich Simenon zu seinem Bedürfnis nach Frauen wie folgt:„(...) meiner übergroßen Neugier und auch meinem Verlangen nach einer Form des Kontaktes, das nur sexuelle Beziehungen befriedigen konnten (...) Frauen sind für mich immer außergewöhnliche Menschen gewesen, die ich vergebens zu verstehen suchte. Es war eine lebenslange, unaufhörliche  Suche.  Und wie hätte ich Dutzende, vielleicht Hunderte von Frauenfiguren in meinen Romanen schaffen können, wenn ich nicht diese Abenteuer erlebt  hätte, die zwei Stunden oder zehn Minuten dauerten?“ ...


Aus: "„Le Train“ – „Der Zug“ von Georges Simenon - Transformationsanalyse: Buch, Hörspiel, Film" Julia Fleischmann (Wien, 2008)
Quelle: http://othes.univie.ac.at/2167/1/2008-10-28_0204594.pdf
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[...] “ … Entdeckung der Gefühle. Regungen wie Schmerz, Erstaunen, Entsetzen oder Leidenschaft gliedern auch die Schau. … Unbestritten pflegt Caravaggio einen nachlässigen Lebensstil, trinkt, rauft, treibt sich im Prostituiertenviertel herum, wo er Modelle akquiriert. Eine Jungfrau nach dem Vorbild so einer? Auftraggeber wollen trotzdem mehr davon – denn die Gegenreformation in der Papststadt setzt auf Gefühle, um Gläubige von der Lehre zu überzeugen, und Gefühle erregt Caravaggio mit seinen Bildern wie kein Zweiter. …“ | Aus: „Caravaggio und Bernini im KHM: Huren als Heilige und Beten mit schmutzigen Füßen“ Michael Wurmitzer (15. Oktober 2019)

Steverino (10/2019): “ … Geiles, affektiertes Zeugs! …“

Ein österreichischer Europäer (10/2019): “ … Seltsam ist nur, dass auf Twitter noch keine Aufregung herrscht und nicht die sofortige Schließung der Ausstellung gefordert wird. Immerhin war Caravaggio ein verurteilter Mörder. In ähnlichen Fällen heißt es nicht selten in den sozialen Medien: Man könne so einem Künstler doch kein Forum bieten, was sei schon seine Kunst angesichts seiner moralischen Verfehlungen, sein Werk sei „problematisch“ und „verherrlicht Gewalt“, außerdem sei das schon wieder „ein alter weißer Mann“ usw. Es ist wirklich interessant, ab welchem zeitlichen Abstand das Werk eines Künstlers seriös gewürdigt werden kann und nicht auf biografische/persönliche Details reduziert wird sowie die üblichen Polemiker vom Dienst nichts von sich hören lassen. …“


https://www.derstandard.at/story/2000109885888/caravaggio-und-bernini-im-khm-beten-mit-schmutzigen-fuessen
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Deutungen und Notizen zur Kunst / [Meta und Neodada... (Notizen)]
« Last post by Textaris(txt*bot) on October 15, 2019, 04:01:53 PM »
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[...] Am 27. Oktober 2017 meldet sich ein Mitarbeiter einer Bank bei der Polizei in Freiburg. Auf dem Bildschirm eines Geldautomaten sei ein seltsames Bild zu sehen. So erzählt es ein Ermittler, der den Vorgang kennt. Man sehe einen Chefkoch, der dazu einlädt, ein paar Koteletts zu braten.

...


Aus: ""Jackpotting": Wie Kriminelle Bankautomaten knacken" Hakan Tanriverdi, BR (15.10.2019)
Quelle: https://www.tagesschau.de/investigativ/br-recherche/geldautomaten-cyberkriminalitaet-101.html
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[...] „Es besteht kein Konflikt, keine Meinungsverschiedenheit zwischen der Kirche, dem Heiligen Stuhl, und den Vereinten Nationen in Sachen Menschenrechten, vor allem nicht wenn es um den Frieden und den Wohlstand für alle Menschen geht.“

Silvano Maria Tomasi ist katholischer Erzbischof und ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen, der UNO. Allerdings hat der Vatikanstaat die Menschenrechtscharta der UNO nicht unterzeichnet. Die Menschenrechte stellen jene Rechte dar, die einzelne Personen vom Staat einfordern können. Der Heilige Stuhl ist einer der wenigen Staaten, die diese Rechtsforderungen der Vereinten Nationen nach wie vor ablehnen. Auch die Europäische Menschenrechtskonvention wurde bisher vom Heiligen Stuhl nicht unterzeichnet.

Aus einem präzisen Grund hat der Vatikan immer noch Probleme damit, solche internationalen Dokumente zu unterzeichnen, erklärt Daniele Menozzi, Historiker an der Universität Scuola Normale Superione in Pisa und Autor eines 2012 erschienen Buches zum Thema Kirche und Menschenrechte:
„Gegen das Recht des Menschen über sich selbst zu bestimmen argumentieren die Päpste mit dem Naturrecht, dem sich der Kirche nach die Menschen unterzuordnen haben.“

Die Kirche und die Menschenrechte: ein Thema, das die Päpste seit 1789 beschäftigt. Die Ausrufung der Menschenrechte während der Französischen Revolution überraschte die Kirche. Vor allem war Papst Pius VI. über das Verhalten des französischen Klerus angesichts der Menschenrechtserklärung überrascht.

„Die französische Kirche beteiligte sich an der Verfassung dieser Erklärung. Sie war nicht mit allen Artikeln der Erklärung einverstanden, gab aber Empfehlungen, die beim Abfassen des Textes berücksichtigt wurden. Als Rom davon erfuhr, reagierte der Papst sofort: Pius VI. verurteilte die Menschenrechtserklärung offiziell, mit dem Hinweis, dass diese Rechte der kirchlichen Lehre widersprächen.“
Die Mehrheit des französischen Klerus gehorcht dem römischen Diktat.

Mit der entschiedenen Ablehnung dieser ersten Menschenrechtserklärung beginnt Historiker Menozzi zufolge die konfliktreiche Geschichte zwischen dem Vatikan und den verschiedenen späteren Menschenrechtserklärungen:

„Das Motiv der Ablehnung solcher Erklärungen seitens der Kirche liegt in der Überzeugung der Päpste, dass sich eine menschliche Gesellschaft nach den Prinzipien Gottes und nicht der Menschen zu organisieren habe.

Und so kommt es vor allem im 19. Jahrhundert zu scharfer Kritik seitens der Päpste allen Versuchen gegenüber Menschenrechte zu deklarieren. Ende der 1870er-Jahre schließlich erklärt Papst Leo XIII., dass es innerhalb des göttlichen Naturrechts gewisse Menschenrechte gebe.“

Die Rede ist vom Sogenannten „ius divinum naturale“. Das ist jenes göttliche Recht, das aus den Hinordnungen, den inclinationes, der menschlichen Natur abgeleitet werden kann und somit dem Naturrecht vergleichbar ist. Das „ius divinum“ wird unmittelbar auf den Willen Gottes zurückgeführt. Es ist im Verständnis der Kirche überzeitlich, dem übrigen kirchlichen und menschlichen Recht übergeordnet. Es kann somit weder von weltlichen noch von kirchlichen Gesetzgebern verändert und aufgehoben werden. Aus diesem Grund tat sich vor allem die Kirche des 19. und der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts schwer damit, Menschenrechtserklärungen anzuerkennen. Schon allein deshalb, weil jede solche Erklärung den päpstlichen Primat nicht nur infrage stellt, sondern negiert. Der päpstliche Primat gilt allerdings als eine dem Willen des menschlichen Gesetzgebers entzogene weil von Gott verliehene Rechtstatsache.

Die Einstellung der Kirche den Menschenrechten gegenüber änderte sich, so Historiker Menozzi, zum ersten Mal mit Papst Johannes XXIII.:
„Vor allem mit seiner Enzyklika ‚Pacem in terris‘ von 1963 vollzog die Kirche eine tief greifende Wende. Zum ersten Mal überhaupt wurde das Wort ‚Menschenrechtserklärung‘ positiv in einem päpstlichen Dokument erwähnt. Dieser Papst war davon überzeugt, dass diese Erklärung die Basis für alle menschlichen Organisationen sein sollte.“

Johannes XXIII. eröffnete damit einen Dialog innerhalb seiner Kirche. Die bis dato hohe Barriere zwischen Menschenrechten und göttlichem Naturrecht war entschieden niedriger geworden.

Das Abschlussdokument des Zweiten Vatikanischen Konzils sprach sich aber weitaus vorsichtiger gegenüber dem Thema der Menschenrechte aus als Papst Johannes XXIII. Dort war, wenn auch mit weitreichenden Zugeständnissen der modernen Gesellschaft gegenüber, wieder vom Primat des göttlichen Naturrechts die Rede.

Mit dem Pontifikat von Johannes Paul II., vor allem aber von Benedikt XVI. setzte sich innerhalb der Amtskirche wieder jene orthodoxe Konzeption des göttlichen Naturrechts als allem menschlichen Recht übergeordnet durch.

Und jetzt, mit Papst Franziskus? Wird sich mit ihm in Sachen Kirche und Menschenrechten etwas ändern? Katholiken weltweit erwarten sich, so Historiker Daniele Menozzi, auch in diesem Punkt Veränderungen durch den Papst aus Argentinien:

„Während des Pontifikats von Benedikt XVI. kann man von einer Obsession bezüglich des göttlichen Naturrechts sprechen. Franziskus hat deutlich gemacht, das unter seinem Pontifikat diese Fixierung nicht mehr so wichtig ist. Er sagte es klar: Die Kirche darf nicht wollen, dass sich die Menschen ihrem Recht unterordnen, sondern sie muss die Frohe Botschaft verbreiten.“

Aber Menozzi glaubt nicht, dass der Vatikan bald schon UNO- und EU-Menschenrechtserklärungen unterzeichnen wird. Mit Papst Franziskus, so der Historiker, wird das Dogma des göttlichen Naturrechts als allem menschlichen Recht übergeordnet nicht etwa abgeschafft, sondern nur weniger wichtig.


Aus: "Staat und Religion: Der Vatikan und die Menschenrechte" Thomas Migge (09.01.2015)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/staat-und-religion-der-vatikan-und-die-menschenrechte.886.de.html?dram:article_id=308219

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[...] Markus Tiedemann (Jg. 1970) ist Professor für Didaktik der Philosophie und Ethik an der TU Dresden. Publikationen unter anderem: "'Liebe Fanatiker!' Philosophische Briefe an Menschen extremer Glaubensrichtungen" und "'In Auschwitz wurde niemand vergast'. 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt".

Er referiert am 16. Oktober (17 Uhr, NIG, Hörsaal 3D) im Rahmen der von Philosoph Konrad Paul Liessmann, Niklas Gyalpo, Bernadette Reisinger und Elisabeth Widmer in Kooperation mit dem STANDARD organisierten Vortragsreihe "Fachdidaktik kontrovers" zum Thema "Weder Tugendterror noch Nihilismus. Das Konzept der Transzendentalen Toleranzerziehung". Das Generalthema im Wintersemester 2019/20 lautet: "Erziehung zum Guten? Ethikunterricht zwischen Reflexion & Indoktrination".


STANDARD: Was halten Sie vom österreichischen Plan, Ethikunterricht nur für jene verpflichtend zu machen, die keinen konfessionellen Religionsunterricht haben?

Tiedemann: Ich finde es grundsätzlich wünschenswert, dass Ethik in Österreich nun breiter eingeführt wird, gleichwohl ist das Modell alles andere als ambitioniert. Meines Erachtens braucht die pluralistische, multikulturelle Gesellschaft ein Pflichtfach Ethik für alle, und wer dann möchte, kann zusätzlich Religion wählen. Denn diese beiden Fächer sind sehr unterschiedlich. Eine ethische oder philosophische Reflexion ist per Definition ergebnisoffen, während eine religiöse Perspektive notwendig an Dogmen gebunden ist.

STANDARD: "Ethikunterricht ist nicht religionsfeindlich", sagen Sie. Viele Kritiker des Ethikunterrichts sagen, genau das ist er.

Tiedemann: Wer sich für Ethikunterricht ausspricht, geht davon aus, dass die wesentliche Grundlage unserer Gesellschaft auf einem gemeinsamen Diskurs beruht, zu dem Menschen unterschiedlichster sozialer Prägung oder religiöser Tradition versammelt werden. Schulunterricht sollte genau das befördern. Das kann er aber nicht, wenn er junge Menschen in unterschiedlichen, kulturell homogenen Schubladen unterbringt. Vor allem gilt ein wichtiger Grundsatz: Die entscheidenden Werte unserer Gesellschaft beruhen nicht auf religiösen Überzeugungen. Die Menschenrechte sind gegen und nicht durch die Religionen erkämpft worden. Das kann gar nicht oft genug betont werden. Der Vatikan hat bis heute die Menschenrechte nicht anerkannt. Insofern darf betont werden: Wenn wir die humanistischen Grundlagen unserer Gesellschaft pflegen wollen, dann sind diese zunächst einmal areligiös. Das heißt nicht, dass man religionsfeindlich ist.

STANDARD: Eine der Befürchtungen der Kritiker eines Ethikunterrichts lautet: Da werden die Schülerinnen und Schüler einfach nur anders, eben nichtreligiös indoktriniert ... quasi Gesinnungsunterricht auf andere Art oder Political Correctness als Schulfach. Was entgegnen Sie diesem Vorwurf?

Tiedemann: Zunächst würde ich sagen: Ja, Sie benennen eine große Gefahr. Das ist die Gefahr, die in jeder Pädagogik steckt, und wir Didaktiker zerbrechen uns darüber den Kopf unter dem Stichwort Wertevermittlungsdilemma. Wie kriegen wir es hin, dass Menschen moralisch wertvolle Grundsätze entwickeln, aber gleichzeitig dem Prinzip des Selbstdenkens und der freien Urteilskraft treu bleiben? Wir können ja nicht sagen: Ich möchte, dass du deine autonome Urteilskraft schulst, aber am Ende musst du ein Vertreter von Menschenrechten, Toleranz und Demokratie sein. Wir können diese Ergebnisse nicht vorgeben ohne die philosophische Essenz des Selbstdenkens zu verraten. Es geht nicht um Wertevermittlung, sondern Werte-Entwicklung, die von Generation zu Generation neu ausgetragen werden muss.

STANDARD: Wie gehen Sie mit diesem Dilemma im Unterricht um?

Tiedemann: Die philosophische Auseinandersetzung hat ein formales Dogma: Argumentiere kohärent, nicht willkürlich. Nur die Argumente werden anerkannt, die von jedem vernunftbegabten Wesen als Argument zumindest nachvollzogen werden können. Was die Pflege der humanistischen Werte angeht, gibt es das Vertrauen auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments nach Jürgen Habermas. Das heißt, in einem freien, rationalen Diskurs, so die – wie ich finde, auch begründete – Hoffnung, werden sich auch die Argumente durchsetzen, die ein starkes Primat für Menschenrechte, Toleranz und Demokratie vertreten.

STANDARD: Sie haben eine Studie über kulturell-religiöse Konflikte in Schulen durchgeführt. Sind sie mehr geworden, welche sind es, und wie sollen Schulen damit umgehen?

Tiedemann: Immer dann, wenn in ein System, hier die Schule, mehr Menschen unterschiedlicher Prägung hineinkommen, steigt die Konflikthäufigkeit. Die Lehrerinnen und Lehrer berichten, dass die Organisation, der Alltag und der Unterricht formal durch mehr Konflikte belastet sind und sie auch inhaltlich vor neuen Orientierungsfragen stehen. Vor 50 Jahren hätte wohl kaum eine Lehrerin oder ein Lehrer über Ernährung bei Schulfesten nachdenken müssen. Heute muss das organisatorisch geklärt werden. Aber auch inhaltliche Fragen wie die Gleichberechtigung der Geschlechter stehen erneut auf der Agenda und müssen neu ausgehandelt werden. Religions- und Kulturkunde sind hier hilfreiche, vielleicht sogar notwendige Bestandteile des Diskurses. Sie sind aber nicht hinreichend, um entsprechende Konflikte zu lösen. Dafür bedarf es des gemeinsamen Ringens um Argumente höherer Ordnung.

STANDARD: Diese Konflikte sind lauter Beispiele, wo Schulen oder die Gesellschaft entscheiden müssen, was tolerieren wir und was nicht. Wie und wo sollen Integrationsgesellschaften da die Grenze ziehen?

Tiedemann: Wir haben eine relativ gut begründete Grenze: die Menschenrechte. Wenn Menschenrechte zur Disposition stehen, haben wir gute Gründe zu sagen: Bis hierher und nicht weiter! Prinzipiell müssen wird uns des Begriffs Toleranz bewusster werden. In der Alltagssprache herrscht ein inflationärer Gebrauch: Wenn du mich gut findest, bist du tolerant. Und wenn du mich nicht gut findest, bist du intolerant. Das hat mit Toleranz nichts zu tun. Tolerare heißt ja erleiden, erdulden. Wir müssen etwas schlecht finden, um überhaupt tolerant sein zu können. Wenn es mir egal ist, bin ich nicht tolerant, und wenn ich es gut finde, auch nicht. Ich muss es ablehnen. Ablehnen und dennoch akzeptieren, das ist die Herausforderung echter Toleranz.

STANDARD: Warum soll ich etwas, das ich schlecht finde, akzeptieren?

Tiedemann: Weil es Argumente höherer Ordnung gibt. Ein Beispiel: Mein Nachbar spielt Trompete, und ich hasse es. Ich finde es schlecht und toleriere es dennoch, weil es Argumente höherer Ordnung gibt: die Freiheit der Lebensgestaltung, Gesetzestreue, Solidarität und so weiter. Oder: Ich mag es nicht, wenn Karikaturen über meinen Propheten gemacht werden. Dennoch toleriere ich es, weil die Rechtfertigung auf Werte wie Meinungs- und Pressefreiheit verweist, die über meine subjektive Empfindung hinausweisen. Deswegen darf ich die Karikaturen nach wie vor ablehnen und schlecht finden. Niemand zwingt mich, sie zu begrüßen, aber solange ich meine Ablehnung nicht selbst mit Argumenten höherer Ordnung rechtfertigen kann, muss ich mich fügen. Rainer Forst nennt dies das Recht und die Pflicht auf allgemeine und reziproke Rechtfertigung. Die Tugend echter Toleranz muss sehr intensiv trainiert werden. Meine Hoffnung ist, dass der Ethikunterricht zum expliziten Ort für dieses Training wird.

STANDARD: Warum ist philosophisch-ethische Bildung "eine wichtige Radikalisierungsprophylaxe", wie Sie sagen?

Tiedemann: Weil mir selbstkritische Reflexion die Endlichkeit meiner eigenen Vernunft vor Augen führt. Ein Beispiel: "Kann Gott einen Stein erschaffen, den er selbst nicht heben kann?" Fragen wie diese setzen einen Reflexionsprozess in Gang, der sich mäßigend auf religiösen Fundamentalismus auswirkt. Wie kann ich blind den Geboten eines angeblich allmächtigen Gottes folgen, wenn ich diese Allmacht nicht einmal widerspruchsfrei denken kann? Ein zweites Beispiel: "Wie kann ich eine politische Bewegung auf den Begriff einer nationalen Identität gründen, wenn ich gleichzeitig nicht in der Lage bin, diesen essenziell oder historisch zu definieren?" Wo meine Rechtfertigungen inkohärent werden, ist für meine Forderungen Bescheidenheit geboten. Das zu verstehen ist eine wirkungsmächtige Dogmatismusprophylaxe. (Lisa Nimmervoll, 14.10.2019)


Aus: "Fachdidaktik kontrovers: Philosoph zum Ethikunterricht: "Menschenrechte wurden gegen Religionen erkämpft""
Interview Lisa Nimmervoll (15. Oktober 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000109862955/philosoph-zum-ethikunterricht-menschenrechte-wurden-gegen-religionen-erkaempft

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Jakob Stainer

Sehr gutes Interview! - Ich befürchte, dass viele, welchen es gut stehen würde das durchzudenken, nicht lesen werden.


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Kilian Schirrhackl

"Wenn die Welt erst ehrlich genug geworden sein wird, um Kindern vor dem 15ten Jahr keinen Religionsunterricht zu erteilen; dann wird etwas von ihr zu hoffen sein."
Arthur Schopenhauer (1788 - 1860), deutscher Philosoph


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jumpingjack flash

einen stein erschaffen den man nicht heben kann also der christliche Gott kann das - der schreibt auch auf krummen Linien gerade...
sprich da ist klar dass es um Dimension geht die NICHT mit unserem menschlichen verstand greifbar sind. ...


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Pater W1

Wenn Gott einen Stein erschaffen kann, den er nicht heben kann ist er nicht allmächtig - er hat zwar den Stein geschaffen, kann ihn aber trotz seiner Allmacht nicht heben. Oder er kann ihn heben, dann ist es aber kein Stein, den nicht mal er heben kann. Insofern gibt es keine Allmacht. Jetzt verstanden?


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jumpingjack flash

ja, nur entzieht sich das Verständnis dieser "Logik" völlig dem allmächtig und ungreifbaren bild des christlichen gottes (wie das bei Mohammed ist weiß ich nicht) - solche Fangfragen sind schlicht sinnlos - wie gesagt er kann auf krummen Linien gerade schreiben.
auch die Unendlichkeit ist ein begriff wo sich viele schwer tun - den zu vermitteln ist nicht leicht bis unmöglich.


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VHRedhunter

Immer wieder beeindruckend, wie sehr Rel. das Denkvermögen schädigt.


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Gedankenschleuder und Fraktal Texte / [Das Wort der Woche (KW42/2019... ]
« Last post by Textaris(txt*bot) on October 14, 2019, 05:09:37 PM »
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Das Aushalten der Widersprüche als Gegenbewegung zum ermüdenden Recht haben Wollen.

Oktober 10, 2019 | muetzenfalterin, Quelle: https://muetzenfalterin.wordpress.com/2019/10/10/6-5/
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[...] Ein Gericht in den USA hat bestätigt, dass FBI-Agenten zehntausendfach Suchanfragen in einer Datenbank der Behörde gemacht haben, die nicht autorisiert waren. Sie sollen Personen aus dem In- und Ausland gesucht haben, etwa Informationen über sich selbst, über Freunde, Bekannte, Verwandte und Mitarbeiter. Damit haben sie gegen das Gesetz verstoßen, in dem das Überwachungsprogramm verankert ist, und gegen den Vierten Zusatzartikel der Verfassung der Vereinigten Staaten, der Bürger vor staatlichen Übergriffen schützen soll.

Die Verstöße sind bereits im Oktober 2018 aufgefallen. Nun hat das Wall Street Journal davon erfahren und die Entscheidung des Gerichts veröffentlicht. Verhandelt wurde der Fall vor dem United States Foreign Intelligence Surveillance Court (FISC), das für Überwachungsaktionen der Auslandsgeheimdienste zuständig ist. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 bekamen FBI-Agenten Zugriff auf die elektronische Suche in der betroffenen Datenbank – mit der Begrenzung, dies nur in Verdachtsfällen nutzen zu dürfen, etwa bei Terrorismus und Cyberkriminalität. Dagegen verstießen die Agenten. Sie suchten ohne ersichtlichen Grund zehntausende Personen. Laut Wall Street Journal muss das FBI nun neue Übersichten und Regeln schaffen, um weiteren Missbrauch zu verhindern.

Das FBI liefert sich mit großen IT-Unternehmen wie Google, Facebook und Co. immer wieder eine Art Crypto War, in dem sie Hintertüren in verschlüsselter Software fordern. Strafverfolger wollen Zugang zu möglichst vielen Daten. Eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselungen auf Mobilgeräten etwa führe sonst zu einem "Going Dark", einer Blindheit im digitalen Zeitalter.

In Deutschland wird über Staatstrojaner diskutiert. Das Landeskriminalamt Berlin hatte bereits 2012 einen Vertrag mit dem Münchener Hersteller FinFisher abgeschlossen – durfte die Überwachungssoftware zunächst aber gar nicht nutzen. Sachsen-Anhalt will sein Verfassungsschutzgesetz anpassen, um Staatstrojaner einsetzen zu können. Auch das Bundeskriminalamt setzt eine Eigenentwicklung von Spähsoftware ein. (emw)


Aus: "FBI-Agenten missbrauchen zehntausendfach Datenbank" (09.10.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/FBI-Agenten-missbrauchen-zehntausendfach-Datenbank-4549939.html

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     Gonzilein, 09.10.2019 13:19

Also damit konnte ja niemand rechnen hätte uns doch bloß einer vor dem Missbrauchspotential solchen Datenbanken gewarnt!

Beste Grüße


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     rdoch, 09.10.2019 13:21

Nichts ist so attraktiv, wie Macht über (Wissen von) anderen Menschen zu haben

Frag mal einen affinen Datenbankadmin, der nicht ausgelastet ist.
Oder eine Regierung, die gerne eine zentrale Sammelstelle aller Informationen zu ihren Bürgern aufbauen will. Oder ein System, das am Besten gleich alle Daten zur einem leicht lesbaren Scoring-Wert zusammenfasst.

Nix ist so geil wie Macht.


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