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[...] In der fast 70-jährigen Geschichte des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) hat es weltweit noch nie so viele Menschen auf der Flucht gegeben wie im vergangenen Jahr. Das Flüchtlingshilfswerk schätzt die Zahl auf 70,8 Millionen Geflüchtete, Vertriebene und Asylbewerber, sagte UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi. Das seien 2,3 Millionen mehr als ein Jahr zuvor und doppelt so viele wie vor 20 Jahren.

Aus dem jährlichen Bericht Global Trends der UN geht hervor, dass es sich bei 41,3 Millionen Geflüchteten um Binnenvertriebene handelt. 25,9 Millionen Menschen sind demnach vor Krieg und Verfolgung aus ihrem Land geflohen, ein Plus von 500.000 im Vergleich zum Vorjahr. Die kleinste Gruppe bilden 3,5 Millionen Asylbewerber, die noch auf eine Entscheidung über ihr Asylgesuch warten. Allein 6,7 Millionen Geflüchtete kamen aus Syrien, weitere 2,7 Millionen aus Afghanistan und 2,3 Millionen aus dem Südsudan. Weitere wichtige Herkunftsländer waren Myanmar, Somalia, Sudan und die Demokratische Republik Kongo.

Wie der Repräsentant des Flüchtlingshilfswerks in Deutschland, Dominik Bartsch, gegenüber der Stuttgarter Zeitung sagte, werden täglich 37.000 Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Mehr als die Hälfte der Betroffenen sind demnach Kinder. Der UN-Vertreter nannte in dem Zusammenhang Afghanistan und Sudan.

"Die Daten unterstreichen, dass die Zahl der vor Krieg, Konflikten und Verfolgung fliehenden Menschen langfristig steigt", sagte UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi. Es gebe trotz einer oft vergifteten Sprache im Zusammenhang mit Geflüchteten und Migranten auch fantastische Beispiele von Großmut. "Auf diesen positiven Beispielen müssen wir aufbauen und unsere Solidarität für die vielen Tausenden, die jeden Tag vertrieben werden, verdoppeln", forderte Grandi. Lösungen könne es aber nur geben, wenn alle Länder zusammenarbeiteten.

In Deutschland ging die Zahl der neuen Asylanträge dem Bericht zufolge erneut deutlich zurück. Demnach sank die Zahl der Antragsteller 2018 auf 161.900, ein Jahr zuvor waren es noch 198.300 gewesen, 2016 sogar 722.400. Die meisten Asylsuchenden kamen aus Syrien, dem Irak und dem Iran. Insgesamt gab es laut UNHCR zum Jahreswechsel 1,06 Millionen anerkannte Geflüchtete in Deutschland, die Hälfte davon aus Syrien.


Aus: "Migration: Mehr als 70 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht" (19. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-06/migration-un-flucht-asyl-fluechtlinge
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[...] Anfang Juni 2018 gab Microsoft den Ankauf der Code-Plattform GitHub bekannt. Anders ausgedrückt: Das größte Code-Repository der Welt, eine Art Basislager für alle diejenigen, die mit Software etwas anderes vorhaben als schlicht Profit machen, wird ausgerechnet von dem Konzern übernommen, der wie kein anderer für das Milliardengeschäft mit proprietären Software-Lizenzen steht.

Immer wieder kommt es vor, dass neue Techniken, Erfindungen oder Konzepte Hoffnungen wecken, sie würden wahlweise die Macht von großen Konzernen einschränken, zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit führen, kurz: aus der Welt einen besseren Ort machen. Zur Jahrtausendwende bekundete der damalige US-Präsident Bill Clinton solcherart technologische Zuversicht: "Im neuen Jahrhundert wird sich die Freiheit durch Mobiltelefon und Kabelmodem verbreiten." Das Internet, Open-Source-Software, Peer-to-Peer-Anwendungen – Die Liste an technologischen Hoffnungsträgern, von denen ihre Zeitgenossen wundersame Wirkungen erwarteten, ist lang.

Gerne wird auf das Motiv des Ausschlusses von Vermittlern zurückgegriffen, deren Beseitigung wundersame Wirkungen zugeschrieben wird. So behauptete etwa der kanadische Management-Guru Son Tapscott 1996: "Die Mittlerfunktionen zwischen Produzenten und Konsumenten werden durch digitale Netzwerke ausgeschaltet." Tatsächlich haben wie seitdem eher das Gegenteil erlebt: Auf den netzneutralen Protokollen des Internets aufbauend sind neue Gatekeeper entstanden, die mächtigen und zu Monopolen gewordenen Plattformen der Digitalkonzerne.

Tapscott zeigt sich von solchen Entwicklungen gänzlich unbeeindruckt und hat schon die nächste Technologie ausgemacht, mit der es diesmal klappen soll mit der Weltverbesserung: "Die Blockchain Revolution. Wie die Technologie hinter Bitcoin nicht nur das Finanzsystem, sondern die ganze Welt verändert", heißt sein neues Buch. Meiner Skepsis, ob es mit dieser Technologie klappen wird, habe ich bereits in einem "Missing Link" Ausdruck gegeben.

Eins wird jedenfalls deutlich: Der Kapitalismus hat es noch jedes Mal geschafft, neue Technologien mitsamt ihrer Potenziale und Dynamiken zu integrieren. Ein besonders schönes Beispiel für eine beeindruckende feindliche Übernahme einer revolutionären, widerständigen Technologie durch einen kapitalistischen Player jährt sich derzeit zum ersten Mal und ist deshalb wert, einmal aus dieser Perspektive gewürdigt zu werden.

Der Software-Riese aus Redmond galt lange Zeit als das Hassobjekt Nummer eins der Software-Szene. Hatte doch Bill Gates als Fünfundzwanzigjähriger IBM mit einem Software-Deal über den Tisch gezogen und damit nicht nur das Software-Imperium Microsoft begründet, sondern auch die Ära lizenzierter Software eingeläutet. Beim berühmten IBM-Deal im Jahr 1980 gelingt dem jungen Bill Gates ein kluger Schachzug, der sich als größte und gewinnbringendste Geschäftsidee der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erweisen sollte. Er kaufte das Betriebssystem QDOS vom Programmierer Tim Paterson für 50.000 Dollar, inklusive Quellcode und sämtlicher Nutzungsrechte. Ein guter Geschäftsmann oder eine gute Geschäftsfrau hätte daraufhin wahrscheinlich versucht, das leicht veränderte Programm für einen deutlich höheren Preis an IBM weiterzuverkaufen.

Nicht jedoch Bill Gates. Er war im Gegensatz zum IBM-Management davon überzeugt, dem PC stünde eine goldene Zukunft und der Durchbruch im Massenmarkt für die gerade entstehenden Personal Computer bevor. Er bot ihnen ein Lizenzmodell an: Microsoft erteilte IBM einfache Nutzungsrechte und erhielt pro verkauftem IBM-PC eine Lizenzgebühr – und obendrein kostenlose Werbung, war doch der mit dem Microsoft-Logo versehene Bootscreen ab sofort und jeden Tag aufs Neue das erste, was PC-Benutzer zu sehen bekamen. Zusätzlich konnte Gates allen anderen PC-Herstellern, also IBMs Konkurrenten, den gleichen Deal anbieten, dem diese ebenso bereitwillig zustimmten.

Der Rest ist Geschichte: Die PC-Revolution brach aus, IBM verkaufte Millionen der neuen Geräte und die Konkurrenz ebenso. Sie lieferten sich dabei einen Preiskrieg der als clone war in die Geschichte eingegangen ist, einzig Microsoft profitierte von den Erfolgen beider Seiten. Microsoft erlangte eine Monopolstellung im Bereich PC-Betriebssysteme und Büroanwendungssoftware, die bis heute anhält, und Bill Gates wurde zum reichsten Mann der Welt. Die Firma ist wegen dieser Rolle als Erfinder und maximaler Profiteur von Software-Lizenzierung seitdem beliebtestes Hassobjekt der Gegenbewegung.

Die kollektive Entwicklung von Software, deren Quellcode offen für alle zugänglich ist, die lizenzfrei vertrieben, verändert und zweckentfremdet werden kann, ist das Credo der Gegenseite. Der Linux-Begründer Linus Torvalds initiierte im Jahr 2005 ein Projekt, dessen Ziel ein frei verfügbares Tool für Software-Entwicklung war, das Versionierung ermöglichte, also die Möglichkeit, Entwicklungsstufen zu dokumentieren. Das Projekt bekam den Namen Git und sollte die Verwaltung von Code-Versionen erleichtern und die Koordinierung und Synchronisierung vieler parallel am gleichen Quellcode Arbeitenden ermöglichen.

Vorläufer gab es schon lange, bereits 1972 wurde SCCS erfunden, das erstmals die Möglichkeit bot, ein automatisches Protokoll des Entwicklungsprozesses zu erzeugen. Mit SCCS konnten auch bereits mehrere Personen am gleichen Code arbeiten, wenn auch nicht simultan. Parallele Veränderungen ("branches") waren mögliche, deren Zusammenführung ("merge") und das nachfolgende Einspeisen bzw. Konsolidieren ("commit") musste allerdings immer noch einzeln und von Hand geschehen.

Neu bei Git ist zudem die Dezentralität, es ist als distribuierter Service konzipiert, und erinnert darin etwa an das Design der Blockchain. Es gibt also keinen zentralen Server, alle Beteiligten haben lokal die komplette Version eines Projekts zur Verfügung.

Git stellt sicherlich eine der wichtigsten Innovationen im Bereich Software-Entwicklung dar, seit Margaret Hamilton aus dem Programmieren eine Ingenieurswissenschaft machte. Torvalds Projekt setzte sich – wie so oft bei konkurrierenden Technologien, nicht unbedingt nur auf Grund von sachlichen Kriterien, weltweit gegen die Konkurrenz (etwa von SVN) durch. Gutes Marketing und ein berühmter Name trugen wohl ihren Teil zum bei.

Doch das Versionsverwaltungssystem muss irgendwo "laufen", die Daten irgendwo gehostet werden. Die "Lagerhallen" für Git-Code stellte ab 2008 das kleine Startup GitHub zur Verfügung, die das Hosting der Git-Repositorien anbot, ohne Werbung und gegen geringe Gebühren. Es wurde durch immer neue Funktionen sowie kostenloses Hosting von öffentlichen Projekten schnell zum Anbieter der Wahl für die Entwicklerszene und, wie c't-Redakteur Jan Mahn betont, zu einem "sozialen Netzwerk für Entwickler".

Chinesische Aktivisten haben kürzlich unter dem Namen 996.ICU ein Repository auf GitHub eingerichtet, das sich zu einem der erfolgreichsten aller Zeiten entwickelt hat. Die Aktion ist Teil der wachsenden Anti-996-Bewegung in China, die sich auf einen in der dortigen Tech-Industrie verbreitetes Arbeitspensum bezieht – von neun bis neun, sechs Tage die Woche (996) – mit programmiertem Ende auf der Intensivstation (Intensive Care Unit).

In wenigen Monaten hat das Projekt mehr Sterne, die wie Facebook-Likes auf der Plattform funktionieren, als das Open-Source-Framework für künstliche Intelligenz von Google TensorFlow. Im April dann veröffentlichten Katt Gu und Suji Yan die "Anti-996-Lizenz", um die Arbeitsbedingungen für Programmierer zu verbessern. Die Lizenz schreibt Unternehmen vor, die Software des Projekts zu verwenden, um die lokalen Arbeitsgesetze sowie die Standards der Internationalen Arbeitsorganisation zu erfüllen. GitHub ist gut gewählt, fällt es doch chinesischen Zensurbehörden schwer, den für die chinesische IT wichtige Plattform einfach abzuschalten.

In der Schatzkammer der Entwickler-Community befinden sich derzeit 57 Millionen Programmcode-Repositorien, davon sind über die Hälfte öffentlich zugänglich. Über 28 Millionen Benutzer "sprechen" 337 verschiedene Programmiersprachen, "fork it on GitHub" (etwa: mach eine Verzweigung auf GitHub!) ist zum geflügelten Wort für Code-Entwicklung geworden. Allein 2,3 Millionen davon sind JavaScript-Projekte, der häufigsten Sprache auf der Plattform.

Am 4. Juni 2018 verkündete Microsoft die Übernahme von GitHub. Die Branche war fassungslos, konnten doch die beiden Beteiligten scheinbar gegensätzlicher nicht sein: Als würde sich Volkswagen die Deutsche Umwelthilfe oder RWE das Hambi-Camp 2.0 einverleiben! Boykottaufrufe ließen denn auch nicht lange auf sich warten.

Doch was steckte dahinter? CEO Satya Nadella sagte, dieser Deal würde "das Engagement von [Microsoft] für Entwicklerfreiheit, Offenheit und Innovation stärken". Im Januar 2019 senkte Microsoft sogar die Preise, auch private, d.h. nicht öffentlich einsehbare Repositorien, die vorher 7 US-Dollar pro Monat gekostet haben, wurden kostenlos. Es gibt nach wie vor Bezahlmodelle für Firmen, Teams etc. Trotzdem ein deutlicher Schritt, das Microsoft mit GitHub nicht fürs Hosting Geld verdienen will.

Microsoft will näher an die Millionen Coder, der Aspekt als soziales Medium einer erlesenen Gemeinschaft ist entscheidend, neben Image-Effekten, die man als "open-source-Washing" bezeichnen könnte. Experten zufolge ist Microsoft bestrebt, sich gegen Google und Apple zu behaupten, die mit dem App Store und dem Play Store hauptsächlich auf Mobilgeräten Armeen von Drittentwicklern angeheuert haben. Microsoft konzentriert sich auf die Erhöhung der Cloud-Präsenz und hat festgestellt, dass dies am besten durch Entwickler erreicht werden kann. Es ist eher ein Schritt für Microsoft, weg vom klassischen Software-Geschäft und hin zur Plattform-Ökonomie.

Und wie sieht das Geschäftsmodell aus? Auf der Heise-Bühne der Cebit 2018 boten GitHub-Manager Einblick: Die Millionen Coder und ihre Repositorien sind eine unerschöpfliche Quelle für Metadaten. Wer arbeitet mit welchen Tools an welchen Projekten in welchen Branchen? Solche und ähnliche Fragen kann GitHub mit einer weltweit konkurrenzlosen Datenbasis beantworten. Informationen, die aus diesen Daten extrahiert werden können, werden wohl künftig für GitHub essenziell: Plattformkapitalistische Daten-Monetarisierung in Reinkultur! Und im Ergebnis ist ein Lieblingsprojekt partizipatorischer Code-Entwicklung zu einem Big-Data-Pool eines Digitalkonzerns geworden.

Immer wieder werden Dezentralität, Verschlüsselung, Anonymität, Privacy, Transparenz, Offenheit ins Feld geführt; für utopische, die technische Seite transzendierende Eigenschaften, Effekte und Potenziale werden angedichtet, dazu demokratisierende, anti-kapitalistische etc. Dem steht die Fähigkeit des Kapitalismus gegenüber, revolutionäre, ja einmal für unversöhnlich antagonistisch eingeschätzte Technik, Bewegungen, Gedanken nicht nur zu parieren, sondern diese sich einzuverleiben. Und sich dadurch zu verändern, zu mutieren, so dass das Gift nicht nur nicht vergiftet, sondern nach einer Weile zum Nahrungsmittel wird.

Auf die radikale Künstlergruppe der Situationisten, die unter anderem die Hackerbewegung beeinflussten, geht der Begriff Rekuperation zurück. Sie beschrieben bereits in den 1960er Jahren, wie widerständige Kunst vom Kapitalismus einverleibt und neutralisiert wird. Gleichzeitig verändert sich dieser in dem Prozess der "Wiedereinverleibung" und geht gestärkt aus der Krise hervor, die die Intervention zunächst provoziert hat. Das Prinzip der "Wiedereinverleibung" wird seither auch in anderen Bereichen verwendet, nämlich immer dann, wenn zunächst widerständige und oppositionelles Verhalten, Ansichten oder auch Techniken sukzessive einverleibt, verdaut und neutralisiert werden.

Die Liste der diesbezüglichen Enttäuschungen ist ebenso lang. Um den 3D-Druck ist es in letzter Zeit schon stiller geworden, dem noch vor ein paar Jahren das Potenzial zugetraut wurde, die Hegemonie der Industrie zu brechen. Auch die Strahlkraft von Blockchain und Kryptowährungen hat erheblich nachgelassen, derzeit im Hype-Cycle noch eher oben: Künstliche Intelligenz.

Dabei können wir vom Cyber-Theoretiker Stafford Bear eins lernen: "Der Zweck eines Systems ist, was es tut." Egal, was für Potenziale und Fähigkeiten dystopischer oder utopischer Art von ihren Schöpfern oder Anwendern vermutet, welche Hoffnungen oder Befürchtungen in sie gelegt werden – geschenkt! Entscheidend ist, was hinten raus kommt (Helmut Kohl). Gesellschaftliche Veränderungen können nun einmal nicht außerhalb des Gesellschaftlichen erzielt werden; der Kapitalismus hat sich bisher immer als flexibel genug erwiesen, um mit jeder dieser Technologien nicht nur gut leben zu können, sondern auch eine Menge Geld damit zu verdienen.


Literatur

    Tapscott, Die digitale Revolution. Verheißungen einer vernetzten Welt - die Folgen für Wirtschaft, Management und Gesellschaft, Original: The Digital Economy McGraw, HIll N.Y. 1996
    Stafford Beer, What is Cybernetics?, Kybernetes, Volume 31, Issue 2, 2002, S. 209-219.
    Greenfield, Adam. Radical technologies: the design of everyday life, London New York: Verso, 2018.
    Jan Mahn, Microsoft kauft GitHub. Der Windows-Hersteller erwirbt mehr als eine Code-Plattform, c't 14/2018, S. 40
    Varun Kumar, 20 Interesting Facts and Statistics About GitHub, RankRed, 14.8.2018,
    Roberto Ohrt (Hrsg.): Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten, Edition Nautilus, Hamburg 1995, ISBN 3-89401-243-9.
    Hackernoon, How Git Changed The History of Software Version Control, Hackernoon, 15.7.2018




Aus: "Missing Link: Technologie-Rekuperation, oder: Wie subversive Technologien absorbiert werden" Timo Daum (16.06.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Missing-Link-Technologie-Rekuperation-oder-Wie-subversive-Technologien-absorbiert-werden-4446943.html?seite=all

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[...] Anfang Juni 2018 gab Microsoft den Ankauf der Code-Plattform GitHub bekannt. Anders ausgedrückt: Das größte Code-Repository der Welt, eine Art Basislager für alle diejenigen, die mit Software etwas anderes vorhaben als schlicht Profit machen, wird ausgerechnet von dem Konzern übernommen, der wie kein anderer für das Milliardengeschäft mit proprietären Software-Lizenzen steht.

Immer wieder kommt es vor, dass neue Techniken, Erfindungen oder Konzepte Hoffnungen wecken, sie würden wahlweise die Macht von großen Konzernen einschränken, zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit führen, kurz: aus der Welt einen besseren Ort machen. Zur Jahrtausendwende bekundete der damalige US-Präsident Bill Clinton solcherart technologische Zuversicht: "Im neuen Jahrhundert wird sich die Freiheit durch Mobiltelefon und Kabelmodem verbreiten." Das Internet, Open-Source-Software, Peer-to-Peer-Anwendungen – Die Liste an technologischen Hoffnungsträgern, von denen ihre Zeitgenossen wundersame Wirkungen erwarteten, ist lang.

Gerne wird auf das Motiv des Ausschlusses von Vermittlern zurückgegriffen, deren Beseitigung wundersame Wirkungen zugeschrieben wird. So behauptete etwa der kanadische Management-Guru Son Tapscott 1996: "Die Mittlerfunktionen zwischen Produzenten und Konsumenten werden durch digitale Netzwerke ausgeschaltet." Tatsächlich haben wie seitdem eher das Gegenteil erlebt: Auf den netzneutralen Protokollen des Internets aufbauend sind neue Gatekeeper entstanden, die mächtigen und zu Monopolen gewordenen Plattformen der Digitalkonzerne.

Tapscott zeigt sich von solchen Entwicklungen gänzlich unbeeindruckt und hat schon die nächste Technologie ausgemacht, mit der es diesmal klappen soll mit der Weltverbesserung: "Die Blockchain Revolution. Wie die Technologie hinter Bitcoin nicht nur das Finanzsystem, sondern die ganze Welt verändert", heißt sein neues Buch. Meiner Skepsis, ob es mit dieser Technologie klappen wird, habe ich bereits in einem "Missing Link" Ausdruck gegeben.

Eins wird jedenfalls deutlich: Der Kapitalismus hat es noch jedes Mal geschafft, neue Technologien mitsamt ihrer Potenziale und Dynamiken zu integrieren. Ein besonders schönes Beispiel für eine beeindruckende feindliche Übernahme einer revolutionären, widerständigen Technologie durch einen kapitalistischen Player jährt sich derzeit zum ersten Mal und ist deshalb wert, einmal aus dieser Perspektive gewürdigt zu werden.

Der Software-Riese aus Redmond galt lange Zeit als das Hassobjekt Nummer eins der Software-Szene. Hatte doch Bill Gates als Fünfundzwanzigjähriger IBM mit einem Software-Deal über den Tisch gezogen und damit nicht nur das Software-Imperium Microsoft begründet, sondern auch die Ära lizenzierter Software eingeläutet. Beim berühmten IBM-Deal im Jahr 1980 gelingt dem jungen Bill Gates ein kluger Schachzug, der sich als größte und gewinnbringendste Geschäftsidee der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erweisen sollte. Er kaufte das Betriebssystem QDOS vom Programmierer Tim Paterson für 50.000 Dollar, inklusive Quellcode und sämtlicher Nutzungsrechte. Ein guter Geschäftsmann oder eine gute Geschäftsfrau hätte daraufhin wahrscheinlich versucht, das leicht veränderte Programm für einen deutlich höheren Preis an IBM weiterzuverkaufen.

Nicht jedoch Bill Gates. Er war im Gegensatz zum IBM-Management davon überzeugt, dem PC stünde eine goldene Zukunft und der Durchbruch im Massenmarkt für die gerade entstehenden Personal Computer bevor. Er bot ihnen ein Lizenzmodell an: Microsoft erteilte IBM einfache Nutzungsrechte und erhielt pro verkauftem IBM-PC eine Lizenzgebühr – und obendrein kostenlose Werbung, war doch der mit dem Microsoft-Logo versehene Bootscreen ab sofort und jeden Tag aufs Neue das erste, was PC-Benutzer zu sehen bekamen. Zusätzlich konnte Gates allen anderen PC-Herstellern, also IBMs Konkurrenten, den gleichen Deal anbieten, dem diese ebenso bereitwillig zustimmten.

Der Rest ist Geschichte: Die PC-Revolution brach aus, IBM verkaufte Millionen der neuen Geräte und die Konkurrenz ebenso. Sie lieferten sich dabei einen Preiskrieg der als clone war in die Geschichte eingegangen ist, einzig Microsoft profitierte von den Erfolgen beider Seiten. Microsoft erlangte eine Monopolstellung im Bereich PC-Betriebssysteme und Büroanwendungssoftware, die bis heute anhält, und Bill Gates wurde zum reichsten Mann der Welt. Die Firma ist wegen dieser Rolle als Erfinder und maximaler Profiteur von Software-Lizenzierung seitdem beliebtestes Hassobjekt der Gegenbewegung.

Die kollektive Entwicklung von Software, deren Quellcode offen für alle zugänglich ist, die lizenzfrei vertrieben, verändert und zweckentfremdet werden kann, ist das Credo der Gegenseite. Der Linux-Begründer Linus Torvalds initiierte im Jahr 2005 ein Projekt, dessen Ziel ein frei verfügbares Tool für Software-Entwicklung war, das Versionierung ermöglichte, also die Möglichkeit, Entwicklungsstufen zu dokumentieren. Das Projekt bekam den Namen Git und sollte die Verwaltung von Code-Versionen erleichtern und die Koordinierung und Synchronisierung vieler parallel am gleichen Quellcode Arbeitenden ermöglichen.

Vorläufer gab es schon lange, bereits 1972 wurde SCCS erfunden, das erstmals die Möglichkeit bot, ein automatisches Protokoll des Entwicklungsprozesses zu erzeugen. Mit SCCS konnten auch bereits mehrere Personen am gleichen Code arbeiten, wenn auch nicht simultan. Parallele Veränderungen ("branches") waren mögliche, deren Zusammenführung ("merge") und das nachfolgende Einspeisen bzw. Konsolidieren ("commit") musste allerdings immer noch einzeln und von Hand geschehen.

Neu bei Git ist zudem die Dezentralität, es ist als distribuierter Service konzipiert, und erinnert darin etwa an das Design der Blockchain. Es gibt also keinen zentralen Server, alle Beteiligten haben lokal die komplette Version eines Projekts zur Verfügung.

Git stellt sicherlich eine der wichtigsten Innovationen im Bereich Software-Entwicklung dar, seit Margaret Hamilton aus dem Programmieren eine Ingenieurswissenschaft machte. Torvalds Projekt setzte sich – wie so oft bei konkurrierenden Technologien, nicht unbedingt nur auf Grund von sachlichen Kriterien, weltweit gegen die Konkurrenz (etwa von SVN) durch. Gutes Marketing und ein berühmter Name trugen wohl ihren Teil zum bei.

Doch das Versionsverwaltungssystem muss irgendwo "laufen", die Daten irgendwo gehostet werden. Die "Lagerhallen" für Git-Code stellte ab 2008 das kleine Startup GitHub zur Verfügung, die das Hosting der Git-Repositorien anbot, ohne Werbung und gegen geringe Gebühren. Es wurde durch immer neue Funktionen sowie kostenloses Hosting von öffentlichen Projekten schnell zum Anbieter der Wahl für die Entwicklerszene und, wie c't-Redakteur Jan Mahn betont, zu einem "sozialen Netzwerk für Entwickler".

Chinesische Aktivisten haben kürzlich unter dem Namen 996.ICU ein Repository auf GitHub eingerichtet, das sich zu einem der erfolgreichsten aller Zeiten entwickelt hat. Die Aktion ist Teil der wachsenden Anti-996-Bewegung in China, die sich auf einen in der dortigen Tech-Industrie verbreitetes Arbeitspensum bezieht – von neun bis neun, sechs Tage die Woche (996) – mit programmiertem Ende auf der Intensivstation (Intensive Care Unit).

In wenigen Monaten hat das Projekt mehr Sterne, die wie Facebook-Likes auf der Plattform funktionieren, als das Open-Source-Framework für künstliche Intelligenz von Google TensorFlow. Im April dann veröffentlichten Katt Gu und Suji Yan die "Anti-996-Lizenz", um die Arbeitsbedingungen für Programmierer zu verbessern. Die Lizenz schreibt Unternehmen vor, die Software des Projekts zu verwenden, um die lokalen Arbeitsgesetze sowie die Standards der Internationalen Arbeitsorganisation zu erfüllen. GitHub ist gut gewählt, fällt es doch chinesischen Zensurbehörden schwer, den für die chinesische IT wichtige Plattform einfach abzuschalten.

In der Schatzkammer der Entwickler-Community befinden sich derzeit 57 Millionen Programmcode-Repositorien, davon sind über die Hälfte öffentlich zugänglich. Über 28 Millionen Benutzer "sprechen" 337 verschiedene Programmiersprachen, "fork it on GitHub" (etwa: mach eine Verzweigung auf GitHub!) ist zum geflügelten Wort für Code-Entwicklung geworden. Allein 2,3 Millionen davon sind JavaScript-Projekte, der häufigsten Sprache auf der Plattform.

Am 4. Juni 2018 verkündete Microsoft die Übernahme von GitHub. Die Branche war fassungslos, konnten doch die beiden Beteiligten scheinbar gegensätzlicher nicht sein: Als würde sich Volkswagen die Deutsche Umwelthilfe oder RWE das Hambi-Camp 2.0 einverleiben! Boykottaufrufe ließen denn auch nicht lange auf sich warten.

Doch was steckte dahinter? CEO Satya Nadella sagte, dieser Deal würde "das Engagement von [Microsoft] für Entwicklerfreiheit, Offenheit und Innovation stärken". Im Januar 2019 senkte Microsoft sogar die Preise, auch private, d.h. nicht öffentlich einsehbare Repositorien, die vorher 7 US-Dollar pro Monat gekostet haben, wurden kostenlos. Es gibt nach wie vor Bezahlmodelle für Firmen, Teams etc. Trotzdem ein deutlicher Schritt, das Microsoft mit GitHub nicht fürs Hosting Geld verdienen will.

Microsoft will näher an die Millionen Coder, der Aspekt als soziales Medium einer erlesenen Gemeinschaft ist entscheidend, neben Image-Effekten, die man als "open-source-Washing" bezeichnen könnte. Experten zufolge ist Microsoft bestrebt, sich gegen Google und Apple zu behaupten, die mit dem App Store und dem Play Store hauptsächlich auf Mobilgeräten Armeen von Drittentwicklern angeheuert haben. Microsoft konzentriert sich auf die Erhöhung der Cloud-Präsenz und hat festgestellt, dass dies am besten durch Entwickler erreicht werden kann. Es ist eher ein Schritt für Microsoft, weg vom klassischen Software-Geschäft und hin zur Plattform-Ökonomie.

Und wie sieht das Geschäftsmodell aus? Auf der Heise-Bühne der Cebit 2018 boten GitHub-Manager Einblick: Die Millionen Coder und ihre Repositorien sind eine unerschöpfliche Quelle für Metadaten. Wer arbeitet mit welchen Tools an welchen Projekten in welchen Branchen? Solche und ähnliche Fragen kann GitHub mit einer weltweit konkurrenzlosen Datenbasis beantworten. Informationen, die aus diesen Daten extrahiert werden können, werden wohl künftig für GitHub essenziell: Plattformkapitalistische Daten-Monetarisierung in Reinkultur! Und im Ergebnis ist ein Lieblingsprojekt partizipatorischer Code-Entwicklung zu einem Big-Data-Pool eines Digitalkonzerns geworden.

Immer wieder werden Dezentralität, Verschlüsselung, Anonymität, Privacy, Transparenz, Offenheit ins Feld geführt; für utopische, die technische Seite transzendierende Eigenschaften, Effekte und Potenziale werden angedichtet, dazu demokratisierende, anti-kapitalistische etc. Dem steht die Fähigkeit des Kapitalismus gegenüber, revolutionäre, ja einmal für unversöhnlich antagonistisch eingeschätzte Technik, Bewegungen, Gedanken nicht nur zu parieren, sondern diese sich einzuverleiben. Und sich dadurch zu verändern, zu mutieren, so dass das Gift nicht nur nicht vergiftet, sondern nach einer Weile zum Nahrungsmittel wird.

Auf die radikale Künstlergruppe der Situationisten, die unter anderem die Hackerbewegung beeinflussten, geht der Begriff Rekuperation zurück. Sie beschrieben bereits in den 1960er Jahren, wie widerständige Kunst vom Kapitalismus einverleibt und neutralisiert wird. Gleichzeitig verändert sich dieser in dem Prozess der "Wiedereinverleibung" und geht gestärkt aus der Krise hervor, die die Intervention zunächst provoziert hat. Das Prinzip der "Wiedereinverleibung" wird seither auch in anderen Bereichen verwendet, nämlich immer dann, wenn zunächst widerständige und oppositionelles Verhalten, Ansichten oder auch Techniken sukzessive einverleibt, verdaut und neutralisiert werden.

Die Liste der diesbezüglichen Enttäuschungen ist ebenso lang. Um den 3D-Druck ist es in letzter Zeit schon stiller geworden, dem noch vor ein paar Jahren das Potenzial zugetraut wurde, die Hegemonie der Industrie zu brechen. Auch die Strahlkraft von Blockchain und Kryptowährungen hat erheblich nachgelassen, derzeit im Hype-Cycle noch eher oben: Künstliche Intelligenz.

Dabei können wir vom Cyber-Theoretiker Stafford Bear eins lernen: "Der Zweck eines Systems ist, was es tut." Egal, was für Potenziale und Fähigkeiten dystopischer oder utopischer Art von ihren Schöpfern oder Anwendern vermutet, welche Hoffnungen oder Befürchtungen in sie gelegt werden – geschenkt! Entscheidend ist, was hinten raus kommt (Helmut Kohl). Gesellschaftliche Veränderungen können nun einmal nicht außerhalb des Gesellschaftlichen erzielt werden; der Kapitalismus hat sich bisher immer als flexibel genug erwiesen, um mit jeder dieser Technologien nicht nur gut leben zu können, sondern auch eine Menge Geld damit zu verdienen.


Literatur

    Tapscott, Die digitale Revolution. Verheißungen einer vernetzten Welt - die Folgen für Wirtschaft, Management und Gesellschaft, Original: The Digital Economy McGraw, HIll N.Y. 1996
    Stafford Beer, What is Cybernetics?, Kybernetes, Volume 31, Issue 2, 2002, S. 209-219.
    Greenfield, Adam. Radical technologies: the design of everyday life, London New York: Verso, 2018.
    Jan Mahn, Microsoft kauft GitHub. Der Windows-Hersteller erwirbt mehr als eine Code-Plattform, c't 14/2018, S. 40
    Varun Kumar, 20 Interesting Facts and Statistics About GitHub, RankRed, 14.8.2018,
    Roberto Ohrt (Hrsg.): Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten, Edition Nautilus, Hamburg 1995, ISBN 3-89401-243-9.
    Hackernoon, How Git Changed The History of Software Version Control, Hackernoon, 15.7.2018




Aus: "Missing Link: Technologie-Rekuperation, oder: Wie subversive Technologien absorbiert werden" Timo Daum (16.06.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Missing-Link-Technologie-Rekuperation-oder-Wie-subversive-Technologien-absorbiert-werden-4446943.html?seite=all

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[...] Die unteren Bildungsschichten sind in vielen Demokratien aus der politischen Partizipation ausgestiegen. Dies gilt selbst für die kognitiv anspruchsloseste politische Beteiligungsform, nämlich Wahlen. In den USA haben 2012 bei den Präsidentschaftswahlen 80 Prozent derjenigen Personen angegeben, zur Wahl zu gehen, die über ein Haushaltseinkommen von 100.000 US-Dollar und mehr verfügten; von jenen Bürgern aber, die ein Einkommen von 15.000 Dollar und weniger hatten, erklärte nur ein Drittel seine Wahlabsicht.

Auch in Deutschland ist das untere Drittel aus der Partizipation ausgestiegen. Deutschland ist zu einer zwar stabilen, aber dafür sozial selektiven Zweidritteldemokratie geworden. Sozioökonomische Ungleichheit übersetzt sich in kapitalistischen Demokratien sehr direkt in die Ungleichheit politischer Beteiligung.

Banken, Hedgefonds und Großinvestoren diktieren direkt oder indirekt den Regierungen, wie sie besteuert werden wollen. Amazon in den USA und Google in Irland sind hier nur die spektakulärsten Fälle. Folgen die Regierungen nicht den Steuerbefreiungsforderungen der Investoren, wandern diese in Niedrigsteuerländer ab. Politiker wollen gewählt oder wiedergewählt werden. Fehlende Investitionen aber gefährden Konjunktur, Wachstum und Arbeitsplätze – und damit ihre Wiederwahl. Das Erpressungspotenzial geografisch flexiblen Anlagekapitals gegenüber demokratisch gewählten Regierungen hat zugenommen. Wie unter einem Brennglas hat sich dies in der Finanzkrise von 2007/2008 vor allem in Europa gezeigt. Die Banken erwiesen sich als too big to fail. Da der Staat die desaströsen Dominoeffekte kollabierender Banken befürchtete, rettete er viele von ihnen mit dem Steuergeld der Bürger.

In Zeiten der Globalisierung weist der Finanzkapitalismus einige Besonderheiten auf: Digitalisierung, Geschwindigkeit, Volumen, Komplexität und die räumliche Entgrenzung und Reichweite finanzieller Transaktionen. Parlamente dagegen, der institutionelle Kern der Demokratie, sind territorial begrenzt und benötigen Zeit für die Vorbereitung, Beratung und Verabschiedung von Gesetzen. So ist die Desynchronisierung von Politik und Finanzmärkten systemisch bedingt und unvermeidbar.

... Erst wenn die demokratischen Fundamente von Gleichheit und Freiheit nicht mehr durch entfesselte Märkte unterspült werden, lässt sich der Kapitalismus mit den Grundprinzipien der Demokratie versöhnen.


Aus: "Kapitalismus: Aus dem Gleichgewicht" Aus einem Essay von Wolfgang Merkel (17. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/kapitalismus-finanzialisierung-globalisierung-demokratie-ungleichheit/komplettansicht

Quote
Zwischentöne #32 

Reagan und Thatcher fingen damit an und Blair und Schröder beendeten das Werk der neoliberalen Heilsversprecher.

Nur Sozialdemokraten waren in der Lage, das Fallbeil am solidarischen Gesellschaftssystem anzulegen, da es ohne ihren Verrat an der "Arbeiterklasse" den Neoliberalen unmöglich gewesen wäre, die soziale Marktwirtschaft zu entarten.

Bis heute haben es die "Seeheimer" in der SPD nicht kapiert, dass sie damit den Untergang ihrer Partei und den Sieg der neoliberalen Gesellschaftsveränderer beschlossen.

Der Warner (Lafontaine) wurde in die Wüste geschickt und die Totengräber
sitzen heute bei der Leiche und "versaufen die Haut" solange noch ein Tropen in der Flasche ist und der mehr Prozent als die eigene Partei hat.

Sogar ein Neoliberaler erster Güte, der ehem. Finanzminister und Kanzlerkandidat
Steinbrück, hat diesen Irrweg mittlerweile erkannt. Leider immer erst dann, wenn
ihm niemand mehr zuhört.

Noch heute schwärmen und loben diejenigen die ANGEDA-Politik der SPD und geben
der Partei gute Ratschläge, die sie am liebsten im Abgrund sähen. Und die SPD ist immer noch nicht so weit, ihr eigenes Versagen klipp und klar zu benennen und diesen Irrweg zu verlassen.

Ein entfesseltes Ungeheuer (Kapitalismus) bändigt man nicht durch immer neue Opfer sondern dadurch, dass man es in Ketten legt und die Krallen und Zähne zieht.

Es muss wieder gelten, dass der Staat den Markt regelt und nicht die unsägliche Merkel-Sicht der marktkonformen Demokratie.

[Der Kardinalfehler war der Genosse der Bosse und seine Anhänger, die die SPD okkupierten, alle Widersacher in der Partei kalt stellten, in die innere Immigration/Wahlenthaltung trieben oder zum Parteiaustritt.

Mit Schröder, Klement, Müntefering, Steinbrück, Steinmeier, Hombach und den versammelten Seeheimern hatte der Marsch der SPD in die neoliberale Mittel längst begonnen, alle waren überzeugte Anhänger des New Deal, der Entfesselung der Kapital- und Finanzmärkte und wollten lieber mit den Bossen Champagner schlürfen statt mit dem Kumpel ein Bier zu trinken.

Dies wäre durch Lafontaine und die paar Linken in der Partei nicht aufzuhalten gewesen.

Noch heute klatscht man in der SPD den Totengräbern (s.o.) mehr Beifall, als dem "gefallenen Engel" Lafontaine.]


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Fritz IV #35

Wenn die Einkommens- und Vermögensunterschiede derartig krasse Formen annehmen, gibts keine Demokratie mehr.
Die Oligarchen können sich dann alles kaufen, die Regierung, die Justiz, die Presse.
Ja, sie können sogar in den Medien die Selbst-Bezeichnung "Investoren" durchsetzen.


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Bberliner #38

Die Geldschöpfung war und ist feudal organisiert, solange das so bleibt und die monetären Lebensadern der Ökonomie nicht demokratisiert werden, solange sollte die Erosion von Demokratie keinen ernsthaft verwundern?


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1971koepi #42

Das Kapital regiert. Hat jemand etwas anderes erwartet? Demokratie ist von Menschen gemacht. Menschen agieren in der Regel im Eigeninteresse und sind somit vom Kapital beeinflussbar. Sei es durch Anerkennung, schnöden Mammon, ... . Die Käuflichkeit der Herrschenden hat bisher noch jedes System kaputtgemacht.


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Strogow #46

 ... Globalisierung, damals noch Imperialismus genannt ...

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mounia #47

Es regieren die sog. Märkte.Das hat mit Demokratie nix zu tun,auch wenn es marktkonforme Demokratie genannt wird.


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skipporiginal #48

"Die Banken erwiesen sich als too big to fail. " Nein.

Erwiesen - Erweisen; in diesem Zusammenhang also Nachweisen oder Beweisen;

Einen Beweis oder Nachweis hat es nicht gegeben. Es wurde schlicht als "alternativlos" bzeichnet und verkauft ...


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Einfacher Bürger #62.1

Die Krönung ist diese Aussage: "Auch in Deutschland ist das untere Drittel aus der Partizipation ausgestiegen."

Ausgestiegen? Wohl eher rausgestossen, bei voller Fahrt. Und die Politik hat mit der Agenda 2010 noch nachgetreten.

Danke für nichts.


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[...] Die Initiative für Nachrichtenaufklärung e.V. hat am Freitag zum 5. Mal den Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik verliehen. Der Ehrung geht jährlich an Personen oder Institutionen, die sich laut INA auf originelle und ausgewogene Weise kritisch mit dem Journalismus auseinandersetzen. Die mit jeweils 5.000,- € dotierte Auszeichnung ging diesmal an einen entschiedenen Streiter für Meinungs- und Pressefreiheit, nämlich an den saudischen Journalisten Raif Badawi. Vor einem Jahrzehnt hatte Badawi trotz Repressalien das "Saudische liberale Netzwerk" gegründet, seine religionskritischen Blogposts wurden von Zeitungen nachgedruckt. So schrieb Badawi etwa:

    "Die Hauptmission einer jeden Theokratie ist es, jegliche Vernunft zu töten, den historischen Materialismus und den gesunden Menschenverstand rigoros zu bekämpfen und die Massen, so gut es geht, in die absolute Verdummung zu treiben."

Wegen "Beleidigung des Islam" wurde Badawi zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilt. Die ersten 50 waren öffentlich durchgeführt worden, seither sitzt Badawi seit sieben Jahren hinter Gitter. Eine ihm nahegelegte Flucht hatte Badawi aus Prinzip abgelehnt. Augrund des Konzepts der Sippenhaft wurde letztes Jahr auch Badawis Schwester inhaftiert.

Den Preis nahm Badawis Frau Ensaf Haidar entgegen, die rechtzeitig mit den Kindern das Land verlassen hatte. In seiner Laudatio würdigte Günter Wallraff Badawi als einen Visionär, dessen Bedeutung weit über die Kritik am saudischen Gottesstaat hinausreiche. Um Badawi sei es leider inzwischen zu ruhig geworden, was seine Hinrichtung wahrscheinlicher mache. Allein dieses Jahr wurden in Saudi-Arabien bereits über 100 Menschen exekutiert.

Preisstifter und Peisträger sind Seelenverwandte: Wallraff war 1974 selbst von Geheimpolizisten zusammengeschlagen, verhaftet und gefoltert worden, als er während der griechischen Militärdiktatur auf dem Syntagma-Platz Flugblätter verteilt hatte. 1993 versteckte er in Köln den wie Badawi mit einer Fatwa belegten religionskritischen Autor Salman Rushdie zu einer Zeit, als etwa die Lufthansa den Transport des Dichters ablehnte. Für die Pressefreiheit in Deutschland kämpft Wallraff seit vier Jahrzehnten vor Gericht, wo er vor allem in Hamburg seltsame Erfahrungen machte.

Bei der vom Deutschlandfunk ausgerichteten Preisverleihung wurde auch der hiesige Einfluss der Religionsgemeinschaften auf die Medien nicht ausgespart. So kritisierte Politikerin Ingrid Matthäus-Maier, dass im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht nur eine Vielzahl an christlichen Gottesdiensten übertragen würden, sondern auch den Journalisten häufig die Distanz fehle. Michael Schmidt-Salomon von der atheistischen Giordano Bruno Stiftung wies auf die wenig bekannte Tatsache hin, dass etwa das ZDF die nicht als religiös gekennzeichnete Sendung 37 Grad von drei Redaktionen betreuen lasse, von denen eine katholisch, eine evangelisch und eine säkular besetzt sei.

Ein weiterer Preis wurde diesmal an das European Journalism Observatory vergeben, das Trends im Journalismus und in der Medienbranche beobachtet und Journalismus-Kulturen in Europa und den USA vergleicht, um so einen Beitrag zur Qualitätssicherung im Journalismus zu leisten.

[Disclosure: Der Autor ist Rechtsanwalt von Günter Wallraff]


Aus: "1000 Peitschenhiebe für Religionskritik" Markus Kompa (15. Juni 2019)
Quelle: https://www.heise.de/tp/news/1000-Peitschenhiebe-fuer-Religionskritik-4447289.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Raif_Badawi
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[...] Trotz der Exportbeschränkungen im Koalitionsvertrag von Union und SPD hat die Bundesregierung zwischen dem 1. Januar und dem 5. Juni allein 13 Exporte für 801,8 Millionen Euro nach Ägypten und 43 Exporte für 206,1 Millionen Euro an die Vereinigten Arabischen Emirate genehmigt. Das geht aus einer Antwort des Wirtschaftsministeriums auf eine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Omid Nouripour hervor.

Demnach erlaubte die Regierung sogar zwei Rüstungsgeschäfte mit Saudi-Arabien, obwohl für das Land seit November eigentlich ein kompletter Exportstopp gilt. Dabei handele es sich um die Lieferung von "sondergeschützten Geländewagen" für 831.003 Euro, wie der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Ulrich Nußbaum, mitteilte.

Insgesamt wurden für die acht Länder der Allianz 122 Exportgenehmigungen für Rüstungsgüter im Wert von 1,1 Milliarden Euro erteilt. Saudi-Arabien hatte die Koalition überwiegend arabischer Länder 2015 geformt, um die jemenitische Regierung in ihrem Kampf gegen die vom Iran geförderten schiitischen Huthi-Rebellen zu unterstützen. Der Krieg hat in dem bitterarmen Land auf der arabischen Halbinsel die derzeit größte humanitäre Krise ausgelöst.

Die SPD drängte vor diesem Hintergrund in den Koalitionsverhandlungen Anfang vergangenen Jahres auf einen Exportstopp für die an dem Krieg beteiligten Länder. Die Union willigte nur in eine deutlich abgeschwächte Formulierung ein: Rüstungslieferungen in "unmittelbar" beteiligte Länder wurden untersagt, bereits genehmigte Geschäfte wurden davon ausgenommen. Nach der Tötung des saudischen Regierungskritikers Dschamal Khashoggi entschied die Bundesregierung im November 2018, die Exporte nach Saudi-Arabien komplett zu stoppen.


Aus: "Rüstungsgüter für gut eine Milliarde Euro an Kriegsallianz" (16. Juni 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-06/jemen-krieg-ruestungsexporte-deutschland-saudi-arabien

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imagine.1984 #6

...sind (Waffen-Ver-/Käufe) etwa das, was man unter freier Marktwirtschaft zu verstehen hat?!


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Gertrud. die Leiter #6.1

Fast. So ganz frei ist sie ja nicht. Der eigentliche Markt wird ständig neu geschaffen, gepflegt und am Leben erhalten: der ewige Krieg, das beste Geschäft der Welt.


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Dersichnenwolftanzt #6.2

Traurig aber wahr und solange sich die Hauptinteressen der politischen Akteure weiterhin nur um Wirtschaft und Arbeitsplätze drehen, wird es nie Frieden auf der Welt geben.

Sarcasm: Aber immerhin wurden die Kriegsschauplätze ja mittlerweile ausgelagert, so dass der "Wertewesten" davon nichts abbekommt. Außer ein paar Flüchtlingen.


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Am Anfang war Vernunft #7

Auch unter der rot-grünen Kanzlerschaft (1998 - 2005) stiegen die Exporte von Waffen; zu fast jeder Zeit waren Waffen aus Deutschland gefragt, wurden hergestellt und exportiert.
Wir haben keine Ethik des Friedens entwickelt und deshalb sind wir Deutschen Teil des Unfriedens in der Welt ... mitverantwortlich für viel sinnloses Morden an Zivilisten!

Meinetwegen können wir in der BRD "bis an die Zähne mit den modernsten Waffen" versorgt sein, wenn wir nur die Waffen für unsere Verteidigung herstellten und eine Ethik des gewaltbefreiten Miteinanders entwickelten und praktizierten; das wäre ein dann echter Exportschlager!
Aber den Islam und alte Welt- und Feindbilder mit deutschen Waffen zu versorgen - das will weder in meinen Kopf noch lässt es sich mit christlicher oder mit aufgeklärter humanistisch geprägter Ethik rechtfertigen.

Ich glaube keinem deutschen Politiker im Bundestag, dass er hier etwas ändern würde, evtl. noch Frau Wagenknecht im Ansatz.

Wenn wenigstens konsequent kalter Frieden mit Waffen geschaffen würde, verfeindete Nachbarländer und Bürgerkriegsländer unter Zwangsverwaltung der UN gestellt und da alle entwaffnet würden, bis die zivilen Einrichtungen wirklich als Ersatz für Gewalt untereinander griffen, wäre dem "Export" von Waffen an die EU/UN/NATO noch etwas abzugewinnen ..., so aber schaffen wir das Elend mit allen Folgen mit und bessern nichts in der Welt.

Und langsam holen wir uns steigende und gelebte Gewaltbereitschaft wieder ins Land ... schleichend!


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Dr. Econ #7.1

Diese unheilige Allianz wird dem Westen und Deutschland noch massiv auf die Füße fallen.

Wir füttern dieses Land mit Kriegsgerät.
Und was macht Saudi-Arabien seit Jahrzehnten?

- Unterstützung und Verbreitung von Salafismus, Islamismus und Terrorismus
- Unterdrückung der eigenen Bevölkerung und Beschneidung der Meinungsfreiheit
- Unterdrückung von Frauen und Minderheiten aller Art
- Massive Missachtung der Menschenrechte
- Auftragsmorde an vermeintlichen "Dissidenten" durch das Königshaus
- Abschlachten der bitterarmen Zivilbevölkerung im Jemen mit deutschen Waffen

Der EINZIGE Grund, warum wir immer noch Waffen an das absolutistische Regime dieses Schurkenstaates liefern, sind "geostrategische Interessen" und Öl.

Diese Doppelmoral, besser Null-Moral, wird uns noch richtig um die Ohren fliegen Leute...


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Quer- und Weiterdenker #9

Die Menschen im Jemen finden das gut. Die fühlen mit den Rüstungsfirmen und opfern gerne ihr Leben für Wachstum und Gewinne.


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Piet Vermailen #9.1

"Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und differenziert. Danke."


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m0r0n #13

Weiter so Deutschland! Damit fördern wir aktiv die Fluchtursachen, damit ein paar Waffenschieber legal (!) reicher und reicher werden. Ganz großes Kino, da ist man echt stolz Deutscher zu sein... O.o


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Der Jo #14

Wenn es um Geld geht, endet jede Moral. ...


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Benjamin Kradolfer #28

Solche Transfers Waffen-gegen-Milliarden scheinen die einzige Gelegenheit zu sein, unsereinen mal wieder daran zu erinnern, dass im Jemen Tag für Tag Krieg herrscht, und zwar einer der übelsten Sorte. (Wobei: gibt es harmlose?) Bravo freie Medien! So können wir in unserem vergleichsweise luxuriösen Alltag immer mal wieder unser ruhiges Gewissen mit einer angemessenen Portion Empörung und schlechtes Gewissen pudern - wie es sich gehört für anständige Bürger. Denn uns ist ja auch, wenn wir gerade nicht daran denken, durchaus bewusst, dass uns einerseits die alltägliche Effizienz unseres hiesigen wirtschaftlichen und politischen Systems und unsere hohe Diplomatie ein Leben in Qualität und Freiheit bescheren, aber andererseits auch unabdingbare Voraussetzung dafür sind, dass Schlächtereien wie die im Jemen überhaupt in dieser Form stattfinden. Dennoch sind wir im Grunde froh und dankbar, dass dieses Wissen von unserem luxuriösen Alltag immer wieder weggeschwemmt wird. Besser nicht zu oft vom jemenitischen Alltags-Horror berichten, solange wir von einem Mehr an solchen Berichten höchstens ein dauerhaftes schlechtes Gewissen hätten. Das bringt nur was, wenn es uns bessere (politische, wirtschaftliche, diplomatische) Voraussetzungen für unseren eigenen Luxus-Alltag verspricht.


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[...] Fast 50 Jahre ist es her, dass ein amerikanisches Flugzeug letztmals in den Himmel über Vietnam stieg, um literweise unverdünntes Entlaubungsmittel über dem Land zu versprühen. Bekannt geworden ist das Umweltgift unter dem militärischen Namen »Agent Orange«, chemisch bestand es aus zwei Herbiziden und einem verhängnisvollen Nebenprodukt. Der Name Agent Orange, benannt nach den Etiketten auf den Fässern, steht wie kein anderer für eines der größten Kriegsverbrechen der USA.

Mehr als 45 Millionen Liter gingen zwischen 1962 und 1971 während der Operation Ranch Hand über dem Land nieder. Zählt man die anderen Herbizide noch hinzu, verdoppelt sich die Zahl fast auf 80 Millionen Liter. Agent Orange entlaubte Wälder und vernichtete Ernten, im tropischen Regenwald sollte es den Vietcong-Kämpfern die Deckung nehmen. Am Ende des Kriegs war fast ein Viertel des gesamten Landes von der Entlaubungsaktion betroffen. Große Landstriche sahen aus wie nach einem Atomangriff.

Der Krieg ist lange aus, aber das Gift ist geblieben. Doch lange Zeit haben weder die amerikanische Regierung noch die Chemiekonzerne für das erlittene Leid in Vietnam Verantwortung übernommen. Erst allmählich tut sich etwas. Ein verseuchtes Gebiet, der Flughafen in Da Nang, ist seit November 2018 vollständig saniert. Und jetzt wollen auf der ehemaligen Militärbasis in Bien Hoa, 40 Kilometer nordöstlich von Ho-Chi-Minh-Stadt, dem früheren Saigon, Amerikaner und Vietnamesen gemeinsam die Spätfolgen beseitigen. Der Stützpunkt gilt als Mega-Hotspot der Verseuchung mit Agent Orange. Jahrelang wurden dort die Fässer mit dem Pflanzengift gelagert, heute leben hier eine Million Menschen. Innerhalb von zehn Jahren soll die Airbase von den Altlasten gesäubert sein, kündigten Regierungsvertreter Ende April 2019 an. Die Kosten werden auf mindestens 300 Millionen Dollar geschätzt, die amerikanische Regierung will 183 Millionen Dollar übernehmen.

Die Gründe für den Sinneswandel sind wohl geopolitischer Natur. Jahrzehntelang haben US-Gerichte jede Schuld an den gesundheitlichen Folgen bestritten. Mehr als drei Millionen Opfer von Agent Orange zählt die Vietnamese Association of Victims of Agent Orange auf, noch immer leiden hunderttausende Vietnamesen an den Spätfolgen, noch immer werden missgebildete Kinder geboren. Doch jetzt brauchen die USA dringend neue Verbündete gegen die aufstrebende Supermacht China. Die Zusage umfasst allerdings nur die Beseitigung der Altlasten an einem Ort – und keine flächenhafte Sanierung. Die bräuchte es nach dem veritablen Ökozid vor Jahrzehnten aber dringend, um die Folgen des Pflanzengifteinsatzes endlich in den Griff zu bekommen. Denn nach wie vor ist das Ausmaß der Verseuchung gravierend, auch derzeit Mensch und Natur leiden stark unter den Folgen des Herbizideinsatzes.

In einer Übersichtsarbeit haben nun zwei Agrarwissenschaftler aus Illinois und Iowa die Langzeitfolgen der größten Militäroperation der amerikanischen Streitkräfte genauer unter die Lupe genommen. Die Studie erschien Anfang 2019 im Fachjournal »Open Journal of Soil Science«. Darin gehen die Autoren davon aus, dass Vietnam weitere Jahrzehnte an den Spätfolgen leiden wird, da sich ein Großteil des Gifts in Böden und Sedimenten angereichert hat. Sie zeigen zudem einen Weg auf, wie man das Land sanieren könnte. Doch es fehlt der Wille – und auch das Geld.

Dass das Land immer noch mit der Verseuchung zu kämpfen hat, liegt eigentlich gar nicht an den Pflanzenschutzmitteln, aus dem Agent Orange bestand. Die beiden Verbindungen aus der Chlorchemie, Dichlorphenoxyessigsäure und Trichlorphenoxyessigsäure, waren im gleichen Verhältnis in Agent Orange enthalten; sie regen Pflanzen zu übermäßigem Wachstum an, so dass diese bald von selbst eingehen. Vor allem Dichlorphenoxyessigsäure ist weiterhin im Einsatz gegen Unkräuter, das Mittel wird bis heute bei Anhängern eines gepflegten Rasenrechtecks versprüht. Da die Halbwertszeit der beiden Verbindungen jedoch nur bei einigen Tagen oder Wochen liegt, wurden die Herbizide bis heute weder in Böden noch im Wasser nachgewiesen.

Die wahre Ursache der immensen Folgen für Mensch und Natur ist ein unerwünschtes Nebenprodukt, das bei der Herstellung von Trichlorphenoxyessigsäure entstehen kann. Es trägt den Namen Tetrachlordibenzodioxin, kurz TCCD, und gehört zur Stoffgruppe der rund 300 Dioxine. TCCD entsteht bei der Synthese unter erhöhten Reaktionstemperaturen, meist zwischen 300 und 600 Grad Celsius. Die Verbindung ist langlebig und die giftigste aller Dioxine. Schon geringste Mengen können schwere Organschäden und Krebs auslösen. Zudem gilt sie als Hormonstörer und führt zu schweren Fehlbildungen bei Kindern.

TCCD kam in den auf den Stützpunkten gelagerten Fässern in unterschiedlichen Konzentrationen vor. Jedes Fass beinhaltete 208 Liter Flüssigkeit. Der Umgang mit dem Inhalt war nicht immer sorgfältig – deshalb kamen auch zehntausende Soldaten in Kontakt mit dem hochgiftigen Material. Vor allem waren diejenigen betroffen, die die Fässer entluden, die Tanks befüllten und die Fässer transportierten. Außerdem waren die Piloten dem Gift ausgesetzt.

Luftwaffenstützpunkte wie Bien Hoa, aber auch wichtige Routen und Hochburgen der Gegner gelten daher bis heute als von der Verseuchung am stärksten betroffen. Agent Orange wurde vor allem entlang des Ho-Chi-Minh-Pfads auf der Truong-Son-Gebirgskette versprüht. Der Pfad galt als wichtige strategische Versorgungsroute der nordvietnamesischen Truppen. Da der Dschungel hier extrem dicht war und der Weg aus der Luft nicht zu erkennen, kam an diesen Stellen besonders viel Agent Orange zum Einsatz. Außerdem besprühten und bombardierten die Amerikaner das weit verzweigte Tunnelnetz der Vietcong-Kämpfer.

Weitere Ziele der Entlaubungsaktionen der Amerikaner waren zudem die Feuchtgebiete, Flüsse und Kanäle sowie der Südzipfel Cà Mau mit seinen einzigartigen Mangrovenwäldern. Schließlich machten die Amerikaner auch nicht vor den landwirtschaftlichen Flächen Halt. Ihr Ziel war es, die Gegner auszuhungern. Doch Analysen nach dem Krieg zeigten, dass darunter zu einem Großteil nicht die Guerillas litten, sondern die Bevölkerung. Hunderttausende Südvietnamesen hungerten.

Das hochgiftige TCCD kann zwar nicht von Pflanzen aufgenommen werden und ist auch kaum wasserlöslich, doch dafür bindet es sich in tropischen Böden und Sedimenten an organische Substanzen und Tonpartikel. Einziger Vorteil: Ins Grundwasser sickerte es dadurch sehr wahrscheinlich nicht. An der Oberfläche zerfällt es jedenfalls innerhalb von ein bis drei Jahren, im Boden und in Fluss- wie Meeressedimenten kann es allerdings mehr als 100 Jahre bestehen.

Über Flüsse, Wind, Erdrutsche und die starke Bodenerosion während des Monsuns breitete sich TCCD in den Ökosystemen aus und kam auf diesem Weg auch in die Nahrungskette. Vor allem die Gebiete rund um die verseuchten Stützpunkte sind mittlerweile belastet. Viele Vietnamesen sind diesem Gift deshalb bis heute ausgesetzt. Sie atmen kontaminierten Staub ein, bestellen verseuchte Felder und kommen mit dem Gift dadurch direkt in Kontakt. Da Reis und Fisch die Hauptnahrungsquellen der Bevölkerung sind, nimmt die Bevölkerung den gefährlichen Stoff auch über die Nahrung auf. Von allen Lebensmitteln sind vor allem Fisch und Fleisch gefährlich, denn TCCD reichert sich in Fett an. Da Tiere am Ende der Nahrungskette stehen, vergrößert sich die TCCD-Konzentration dutzendfach. Seen in der Nähe von Stützpunkten dürfen zwar nicht befischt werden. Wie Messungen zeigen, findet sich das Gift trotzdem im lokalen Nahrungsangebot.

Zehn ehemalige Stützpunkte in Vietnam gehören zu den Hotspots der Verseuchung, darunter auch die Millionenstadt Bien Hoa, die mit TCCD wahrscheinlich am stärksten kontaminiert ist. Zwölf Studien wurden zwischen 1990 und 2016 erstellt, an 76 Standorten wurden 1300 Proben entnommen. Das Ergebnis: Mehr als die Hälfte aller Proben wiesen erhöhte Dioxinwerte auf. Vom Fischverzehr wurde in dieser Region darum wegen hoher Gesundheitsgefahr abgeraten, Trinkwasser hingegen ist sicher.

Die amerikanische Behörde für internationale Entwicklung (USAID) finanzierte im Jahr 2016 die neueste Studie. Diese kam zu dem Schluss, dass nur eine umfassende Altlastenbeseitigung das Dioxinproblem lösen kann. Etwa 350 000 bis 400 000 Kubikmeter Boden müssten saniert werden, schätzte die Behörde und machte vor drei Jahren eine große Rechnung auf. Je nach Methode koste die Sanierung zwischen 126 und 600 Millionen Dollar – allein in Bien Hoa. Schließlich versprach der damalige Präsident Barack Obama im Mai 2016 eine Beteiligung an der Beseitigung der Altlasten.

Jetzt ist die Sanierung endgültig beschlossen, fast 500 000 Kubikmeter Boden sollen von dem Dioxin befreit werden. Die sicherste und beste Methode hierfür wäre eigentlich die Verbrennung. Bei Temperaturen von 870 bis 1200 Grad Celsius bleibt von der Verbindung nichts mehr übrig; in speziellen Drehöfen würde TCCD vollständig zerstört. Doch es gibt ein Problem – die Kosten. Die Oxidation des gesamten Materials ist die teuerste Sanierungsmethode und würde sich wohl auf deutlich mehr als eine Milliarde Dollar belaufen. Daher kommt nun eine andere, billigere Methode zum Einsatz. Gering belastetes Bodenmaterial kommt auf die Deponie, und nur die stark belasteten Flächen werden in speziellen Öfen bei 335 Grad Celsius saniert. Es handelt sich um dieselbe Methode, die auch beim Flughafen Da Nang eingesetzt wurde. Sie gilt nach Expertenmeinung als ähnlich geeignet wie die Hochtemperaturverbrennung. Am Ende entscheiden allerdings die Messwerte über den Erfolg.

50 Jahre nach Ende der Mission Agent Orange ist immerhin ein Anfang gemacht, um gegen das vorherrschende Umweltproblem vorzugehen. Doch es ist auch höchste Zeit: Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Hälfte der hochgiftigen TCCD-Verbindungen noch immer im Boden ist.


Aus: "Das Gift, das bleibt" Andreas Frey (15.06.2019)
Quelle: https://www.spektrum.de/news/das-gift-das-bleibt/1652026?
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Für Robert anstatt Bademantel ...



https://guyfarris.tumblr.com/post/79929093706/groovy-kaftans

:-D

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[...] Auch der Begriff der Charaktermaske wurde ausgelöscht, hinter den Masken stecken keine Gesichter mehr ... So gesehen kopuliert der funktionelle Psychopath energisch energetisch und endlos gern mit seinen Wünschen, um schließlich zur lebenden Konsumtionsmaschine zu gerinnen, die die Usurpation des Freizeit-Arbeitsmenschen durch den Kapitalapparat vervollständigt. Durch mein Talent zur Cleverness, durch mein Yoga, durch mein Faible für französischen Wein und durch das ausgezeichnete singuläre Thai-Food, durch mein Gender-Verhalten und das meiner Freunde, durch meine Erfolgskarriere bei der Deutschen Bank gewinne ich, so Reckwitz, an Eigenkomplexität und werde besonders, wobei aber das Besondere gerade jenes Produkt des Allgemeinen ist, sodass die Besonderen fast schon zu riechen sind, tauchen mehr als zwei von ihnen in ihren Szene-Restaurants oder Bars auf, in denen sie nicht das Angebot kuratieren, sondern durch das Angebot kuratiert und gesteuert werden, im Konsum noch kreativ gemacht werden, indem sich ein Modul ins andere fügt, das Food, der Drink, die Designerfrauen, das Ambiente. Der funktionelle Psychopath erscheint als der Bandenführer seiner selbst, der vom Unbewussten den Befehl erhält, zu siegen, koste es, was es wolle, und aus dessen Gesicht anerkennung leuchtet, für die vielen zu sprechen, die er selbst ist. Je mehr einer sein Leben so auf sich selbst eingerichtet hat, um so vollkommener repräsentiert die systemische Logik.

... Die nie enden wollende Karriere des funktionellen Psychopathen ist nicht in erster Linie das kontingente Ergebnis der permanent variierenden Zusammensetzung eines Profils oder der geschickten Adaption an den Markt, der Vernetzung und Kapitalisierung des eigenen Potenzials und der Aneignung verschiedener Kapitalsorten, vom ökonomischen über das soziale bis hin zum kulturellen Kapital, vielmehr gehorcht sie zuallererst den Erfordernissen einer hyperkompetitiven Kapitalisierungsökonomie, die den funktionellen Psychopathen von der subjektiven Seite an die Spitze dessen setzt, was aus den gnadenlosen Profilisierungsspielen der vernetzten Subjekte herausgezogen werden kann. Um es kurz zusammenzufassen, der funktionelle Psychopath – nicht als ein klinisches Symptom, sondern als der gegenwärtige dominante soziale Habitus verstanden – ist ein Zustand, mit dem Wunsch und Wirklichkeit, Wille und Welt identisch werden sollen, es aber doch nicht können, weil das sich selbst optimierende Subjekt im Sog einer permanent zu bearbeitenden Fitness, Resilienz und Therapeutik nach wie vor den Optimierungsanforderungen des Kapitals unterworfen bleibt.

... Je gefaketer die Existenz des psychopathischen Menschen, desto freier wird er. Es sind diejenigen hier im Spiel, die sich denken, kaputt ist sowieso kaputt, also lieber meine Schäfchen noch ins Trockene bringen, solange es mich noch gibt, viel mehr noch, noch einmal den Karrieristen und Hedonisten spielen, denn wer am liebsten zwischen Tabledance-Bar, Upperclass-Büro im Bankentower, gepanzerten Limousinen und kokainhaltigen Casinos hin und her pendelt, der kann einfach nicht daneben liegen. Wir bekommen es jetzt auf allen Ebenen mit Phänomenen einer dynamischen Entgrenzung zu tun, die einerseits zu deutlichen kollektiven Überschreitungen der Intimitätsschwellen, andererseits zum ständigen Vergleich der Verhaltensweisen mit denen relevanten Anderen führt. Es scheint nun so, dass kollektive Psychopolitiken Dividuen gebären, die fortwährend Selbstverbesserungsanstrengungen unternehmen, welche zum Schluss allerdings an Lächerlichkeit, Peinlichkeit und Taktlosigkeit kaum noch zu überbieten sind. Paradigmatisch stehen dafür Unternehmen, die professionelle Coachs engagieren und selbst noch den höheren Angestellten bunte Pappnasen aufsetzen, um sie mittels eines gruppendynamischen Settings, in dem man lernt, wie man den Anderen auf die softe Tour fertig macht, auf die Umsetzung und Steigerung ihrer eigenen Performance zu trimmen, investive Statusarbeit zu betreiben, in den Märkten aller Art, vom Partnerschafts- über den Derivate-Markt bis zum Bildungsmarkt erfolgreich zu navigieren, den Glauben an sich selbst in jeder noch so prekären Situation zu stärken und vor allem positiv und vernetzt zu denken, und gerade darin besteht die Freiheit des Exzesses am zu kapitalisierenden und kapitalisierten Selbst, das aber stets durch einen höhergestellten Manager, einen Plan, eine Uhr, ein Smartphone oder ein anderes digitales Gerät, von einer Institution oder Behörde kontrolliert werden muss. (Der funktionelle Psychopath lebt nicht im luftleeren Raum, sondern er ist in den Wohnungen und Büros ständig an Gadgets und digitale Geräte angeschlossen, hauptsächlich in der Funktion, sich selbst und andere dafür fit zu machen, die algorithmische Metrik erfolgreich zu bedienen.) Am besten natürlich durch sich selbst, wie es jener verbissene Jogger tut, der sich durch die dreckige Stadtluft quält und seine Leistungsaffinität bis zum Kotzen übersteigern will.

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Aus: "Der funktionelle Psychopath – der Wahn von der Stange" Achim Szepanski (26.02.2019)
Quelle: https://non.copyriot.com/der-funktionelle-psychopath-der-wahn-von-der-stange/
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