Author Topic: [Mikroplastik (Notizen)... ]  (Read 636 times)

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[Mikroplastik (Notizen)... ]
« on: May 23, 2018, 09:55:04 AM »
Quote
[...] Als Mikroplastik bezeichnet man nach einer Definition der U.S. National Oceanic & Atmospheric Administration kleine Kunststoff-Teilchen mit einem Durchmesser unter 5 mm. Diese Definition wird auch vom deutschen Umweltbundesamt in Anlehnung an die technische Definition aus den Kriterien des EU-Ecolabel für Wasch- und Reinigungsmittel genutzt.

... Im Januar 2015 warnte das deutsche Umweltbundesamt vor „Risiken für Umwelt und Gewässer durch die Verwendung von Plastikpartikeln in Hautcremes, Peelings, Duschgels und Shampoos“.

... In den USA ist die Herstellung von Kosmetika mit Mikroplastik seit Juli 2017 und deren Verkauf ab Juli 2018 per Gesetz verboten. Nach den USA, Kanada und Neuseeland ist Großbritannien der erste europäische Gesetzgeber, der Mikroplastik in Duschgel und Zahnpasta verbietet.

... Die EU-Kommission erwägt eine Beschränkung der Verwendung von Mikroplastikpartikeln in Produkten. Sie beauftragte die Europäische Chemikalienagentur, bis im Januar 2019 die notwendigen Abklärungen vorzunehmen.

...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Mikroplastik (23. Mai 2018)

-

Quote
[....] Plastikmüll in den Ozeanen ist ein weltweites Problem: Nach einer Anfang 2015 in der wissenschaftlichen Zeitschrift Science veröffentlichten Studie gelangten im Jahr 2010 etwa 8 Millionen Tonnen dieses Mülls in die Ozeane, wobei das Konfidenzintervall mit 4,8 bis 12,7 Mio. Tonnen pro Jahr angegeben wurde.

Plastikteile, „primäres“ Mikroplastik sowie die entsprechenden Zersetzungsprodukte („sekundäres“ Mikroplastik) sammeln sich insbesondere in einigen Meeresdriftströmungswirbeln an und führen zu einer erheblichen Verdichtung in manchen Meeresregionen; dem Nordpazifikwirbel (englisch North Pacific Gyre) brachte dieses Phänomen den Beinamen Great Pacific Garbage Patch ein (dt. Großer Pazifikmüllfleck, erstmals 1997 beschrieben).

... Eine Studie im Auftrag des World Economic Forum im Jahr 2016 beschreibt die Plastikwirtschaft als archetypische Linearwirtschaft, bei welchem im Gegensatz zu einer idealen Kreislaufwirtschaft nur 2 Prozent der jährlichen Produktion qualitätsgleich rezykliert wird. Weitere acht Prozent werden in einer Kaskade rezykliert, also auf einer tieferen Wertstufe. Hingegen wird ein Anteil von 32 Prozent der weltweiten jährlichen Plastikproduktion weder deponiert noch verbrannt, sondern verlässt das System unkontrolliert nach der Nutzung.

...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Plastikm%C3%BCll_in_den_Ozeanen (17. Mai 2018)

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[Mikroplastik (Notizen)... ]
« Reply #1 on: May 23, 2018, 09:59:22 AM »
Quote
[...] Kaum etwas hat das Leben der Menschen in den letzten 100 Jahren so verändert wie der Einsatz von Kunststoffen. Einer ihrer Vorteile ist, dass sie langlebig sind, also nicht etwa rosten oder verrotten. Genau das ist aber auch das große Problem, das der Menschheit derzeit erwächst: Wird Plastik nicht verbrannt – was außer in Spezialanlagen eine sehr schmutzige und giftige Sache ist – dann bleibt es in der Umwelt. Irgendwann ist es so zerkleinert, dass niemand es mehr einsammeln kann. Mikroplastik in Böden, im Meer, in Nahrung gehört zu den wichtigsten Umweltproblemen der Gegenwart.

 Obwohl intensiv an Mikroplastik geforscht werde, sei es „schwierig, eine Lösung dafür zu finden“, sagt die Chemikerin Gesine Witt. Das wäre jedoch mehr als wünschenswert, denn Mikroplastik ist offenbar noch deutlich problematischer als bislang vermutet. Bekannt ist, dass die Teilchen oft gesundheitsschädliche Zusätze wie Bisphenol A und Weichmacher enthalten, die für ihre hormonähnliche Wirkung bekannt sind. Was Witt und einige andere Wissenschaftler allerdings derzeit untersuchen, ist bislang in der Öffentlichkeit kaum bekannt: Aufgrund seiner chemischen Eigenschaften bindet Mikroplastik im Wasser treibende Schadstoffe und solche, die im Sediment lagern. Darunter auch diejenigen, die wegen ihrer Giftigkeit und Langlebigkeit längst verboten oder im Gebrauch eingeschränkt sind, zum Beispiel Polychlorierte Biphenyle (PCB) oder DDT. Auf solche und andere Substanzen wirken die kleinen Teilchen wie ein Magnet: Je länger sie sich im Wasser von Flüssen, Seen oder Meer befinden, desto mehr Chemikalien binden sie an sich.

„Mikroplastik ist um das Drei- bis Vierfache stärker belastet als das ohnehin schon kontaminierte Sediment“, erklärt Witt, die an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg den Forschungsbereich Umweltanalytik und Ökotoxikologie leitet. Das war das Ergebnis zweier Expeditionen mit dem Forschungsschiff Aldebaran in Norddeutschland, die Witt und Mitarbeiter im Jahr 2016 durchgeführt haben. Dabei maßen sie erhöhte Konzentrationen von PCB an Mikroplastik aus Weser- und Elbsedimenten sowie hohe Werte von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) an Mikroplastik in Sedimenten im Hafen von Stralsund und im Fischereihafen Marienehe (Rostock). PAK entstehen unter anderem bei der Verbrennung von fossilen Energieträgern; einige PAK sind krebserregend.

 Mikroskopisch kleine Partikel und Fasern aus Kunststoff sind inzwischen beinahe überall: In der Luft, im Boden, in Flüssen, im Ozean. Auch in der Nahrungskette. In Speisefischen und Muscheln wurden die Teilchen ebenso nachgewiesen wie in Flaschenwasser, Bier, Milch, Honig und Meersalz. Wie sie in Produkten aus Meer- und Süßwasser landen, ist einigermaßen klar: Wenn sich der zerkleinerte Kunststoff im Sediment ablagert, sind am Boden lebende Organismen wie Muscheln, Wattwürmer, Kleinkrebse ihm notgedrungen ausgesetzt. Frisst etwa eine Scholle solche Tiere und fängt ein Fischer die Scholle, dann ist es möglich, dass Mikroplastik samt anheftender Schadstoffe auch auf dem Teller landen, kann.

Welche Folgen die Aufnahme von Mikroplastik für Menschen und Tiere hat, ist noch längst nicht ausreichend untersucht. Ein Indiz geben Miesmuscheln, die nach Fütterungsexperimenten mit Mikroplastik Entzündungsreaktionen zeigten. Bei ihnen hatten sich winzige Partikel im Gewebe eingelagert. Diese Untersuchung hatte die Biologin Angela Köhler vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (AWI) gemeinsam mit zwei Kolleginnen von der Universität Basel durchgeführt. Mit den gleichen Methoden werden derzeit an der HAW in Zusammenarbeit mit AWI-Forschern weitere Experimente gemacht. „Dafür haben wir Kunststoffpartikel aus Polypropylen und Polyethylen zerkleinern lassen und Partikel von verschiedenen Größen hergestellt“, erläutert Witt. Diese kämen entweder sauber in die Muscheltanks oder würden mit Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen beladen. „Hinterher untersuchen wir die Verteilung der Partikel im Gewebe und deren Wirkung auf die Muscheln.“

 Die Bedingungen der Laborexperimente unterscheiden sich nicht so sehr von dem, was in der Natur abläuft. Vor Kurzem meldete das AWI eine „Rekordkonzentration von Mikroplastik in der Arktis“. Manche Proben enthielten mehr als 12.000 Kunststoff-Teilchen pro Liter. Diese können von Wimperntierchen oder Ruderfußkrebsen gefressen werden. Das sei „wirklich beunruhigend“, sagt die Biologin Ilka Peeken. „Bislang kann niemand sagen, inwieweit diese winzigen Kunststoff-Teilchen den Meeresbewohnern Schaden zufügen oder am Ende sogar Menschen gefährden.

Ihr Kollege am AWI, der Mikrobiologe Gunnar Gerdts, forscht an einem weiteren problematischen Aspekt von Mikroplastik: An dessen Oberfläche bilden sich Biofilme, in denen Mikroorganismen leben - Bakterien, Pilze und Kleinstalgen. Unter den Bakterien können auch Krankheitserreger sein, etwa der Gattung Vibrio. Zu dieser Gruppe gehört der Cholera-Erreger, und auch andere Mitglieder der Gattung können Durchfallerkrankungen und schwere Entzündungen hervorrufen. Darauf verwies Gerdts schon 2016 in einem Fachartikel. In einer Untersuchung von Wasserproben aus Nord- und Ostsee fand er solche Vibrionen genannten Bakterien an Plastikpartikeln.

Die untersuchten Proben enthielten zwar keine bekannten Krankheitserreger. Entwarnung allerdings bedeutet das nicht. Bei Hitzewellen können sich solche Erreger im Meer explosionsartig vermehren. In der Vergangenheit ist es an der Ostseeküste im Sommer bei Wassertemperaturen über 22 Grad immer wieder zu Krankheits- und auch Todesfällen gekommen, hervorgerufen durch das Bakterium Vibrio vulnificus. „Sollte sich in Zukunft zeigen, dass mit Vibrionen aufgeladene Mikroplastikpartikel regelmäßig vorkommen, ist das besorgniserregend, weil Biofilme allgemein höhere Bakteriendichten aufweisen als das Freiwasser“, sagt Gerdts.

 Ein besonderes Augenmerk legen Wissenschaftler auch auf Nanopartikel, also Teilchen mit einem Durchmesser von weniger als einem Mikrometer. Ihre geringe Größe, aber relativ große Oberfläche ermöglicht nicht nur, organische Schadstoffe anzulagern und zu transportieren. Die Partikel können auch tiefer in Organismen eindringen.

Auch das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) in Rostock untersucht Biofilme auf Mikroplastik. Eine Frage dort lautet, ob über solche Vehikel Antibiotika-Resistenzen weitergegeben werden können. Erste Ergebnisse deuten genau darauf hin: Mikrobiologen hatten solche Plastikteilchen in einem Klärwerk ausgebracht und zwei Wochen später die darauf entstandenen Bakteriengemeinschaften untersucht. Sie fanden verstärkte Ansiedlungen der Gattung Sphingopyxis, deren Mitglieder häufig Resistenzen gegen Antibiotika und auch gegen andere Bakteriengifte ausbilden.

Um einen besseren Überblick zu bekommen und Lösungsvorschläge machen zu können, beteiligt sich das AWI an einem 2017 gestarteten Verbundprojekt namens PLAWES (Mikroplastik-Kontamination im Modellsystem Weser - Nationalpark Wattenmeer: Ein ökosystemübergreifender Ansatz). An ihm sind auch verschiedene Universitäten, Institute und die niedersächsische „Forschungsstelle Küste“ beteiligt. Hier soll erforscht werden, welche Wechselwirkungen zwischen Plastikeinträgen und Organismen es gibt und welche Risiken damit einhergehen. „PLAWES ist auch international das erste wissenschaftliche Projekt, das die Kontamination ökosystemübergreifend, interdisziplinär und über längere Zeiträume hinweg erforscht und bewertet“, sagt Christian Laforsch von der Universität Bayreuth, der das Projekt koordiniert. Dessen Ergebnisse sollen dazu dienen, Schutz- und Management-Konzepte zu erarbeiten, die sich weltweit auf ähnliche Fluss- und Küstenregionen übertragen lassen. Und auch hier ist man längst jenseits der reinen Ökologieforschung angekommen und untersucht nun pathogene Mikroorganismen als Passagiere auf den Partikeln ebenso wie die mögliche Verbreitung von Antibiotikaresistenzen durch Mikroplastik.

 Fast jedes Experiment führt Hinweise auf neue mögliche Probleme zutage. Gesine Witt etwa fand auch heraus, dass Polyethylen noch einmal doppelt so viele Schadstoffe bindet wie Silikon. „Das ist von besonderer Bedeutung“, warnt Witt. Denn Polyethylen sei der meistverwendete Kunststoff in der Industrie.

Man kann Mikroplastik nicht aus der Umwelt zurückholen, weil es mit dem Sediment oder Plankton verbunden ist. Schon die Isolierung für Analysezwecke ist aufwendig. So müssen die organischen Bestandteile etwa mithilfe von Wasserstoffperoxid oder anderen Chemikalien aufgelöst werden. Das sei eine Sisyphusarbeit, erklärt Witt. Eine Reinigung in großem Maßstab sei mit solchen Methoden aussichtslos. Eine Strategie, die zumindest den weiteren Eintrag bremsen könne, wäre, „Kläranlagen mit geeigneten Filtern auszustatten, damit Mikroplastik gar nicht erst ins Wasser gelangt".

Sie sieht insgesamt den Gesetzgeber gefordert. Die Verwendung von Plastik im Alltag müsse stark reguliert, Alternativen gefördert werden. Die Industrie sollte zudem Auflagen bekommen, auf Mikro- und Nanoplastik in Körperpflegemitteln zu verzichten. Die gibt es ohnehin erst seit Kurzem – und sie wurden bis dahin von niemandem vermisst.


Aus: "Mikroplastik zieht Erreger und Schadstoffe an" Monika Rößiger (22.05.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/umweltschmutz-und-schutz-mikroplastik-zieht-erreger-und-schadstoffe-an/22586680.html


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[Mikroplastik (Notizen)... ]
« Reply #2 on: May 28, 2018, 12:37:12 PM »
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[....] Am 19. Mai hat die Firma Ocean Cleanup ein 120 Meter langes Stück ihres Plastikfilters in die Bucht von San Francisco geschleppt. 50 Seemeilen vor der Küste laufen nun die letzten Tests für ein System, dass bald den sogenannten Great Pacific Garbage Patch vom Plastik befreien soll – von alten Netzen und Bojen bis zu jeder nur erdenklichen Sorte Zivilisationsmüll, der seinen Weg ins Meer gefunden hat.

Wie Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, wurde das System in den vergangenen Monaten auf dem Gelände eines ehemaligen Marinestützpunktes im kalifornischen Alameda zusammengebaut. Früher brachen von dort unter anderem die Wasserflugzeuge von Pan American World Airways nach China auf.

Nun ist der Stützpunkt Schauplatz des wohl verrücktesten Versuchs, dem Meeresplastik Herr zu werden. Der Filter besteht aus verschweißten Kunststoffrohren, an denen ein feines Netz drei Meter in die Tiefe hängt. Kräftige Seile spannen das Rohr zu einem U ähnlich wie ein Bogen, so dass sich die Plastikteile in der Mitte konzentrieren und von einem Wartungsschiff abschöpfen lassen. Insgesamt will Ocean Cleanup 60 dieser Filter zu Wasser lassen, jeder mit einer Länge von mindestens 600 Metern.

Die Idee dazu hatte Boyan Slat. Fast sechs Jahre ist es her, als er als 18-Jähriger die Bühne der TU Delft betrat, wo Fans der renommierten TED-Vortragsreihe eine örtliche TEDx-Veranstaltung organisiert hatten. Er sprach davon, wie ihm beim Tauchurlaub in Griechenland immer wieder Plastiktüten vor die Brille trieben. In seinem elfminütigen Vortrag stellte er eine gewaltige Filteranlage vor. Das Video wurde zum viralen Hit und auf YouTube bis heute mehr als 2,7 Millionen Mal aufgerufen.

Slat schaffte es, mehr als 35 Millionen Dollar einzusammeln. Nach zwei Crowdfunding-Kampagnen sind große Mäzene eingestiegen, allen voran Salesforce-Gründer Marc Benioff, der umstrittene Hightech-Milliardär Peter Thiel sowie die Stiftung der Schweizer Bank Julius Bär.

Nun ist der Plastikfänger nahezu fertig. Nach den Tests mit der 120-Meter- soll die 600-Meter-Variante aufs offene Meer hinausgeschleppt werden. Wenn alles glattgeht, will Ocean Cleanup bis Ende des Jahres fünf bis zehn Kubikmeter Plastik pro Woche einsammeln. Nötig wäre es: Bis 2050 werden nach dem Gewicht gemessen mehr Plastikteile als Fische in den Weltmeeren schwimmen, hat die US-amerikanische Ellen MacArthur Foundation errechnet.

Viele Experten halten Slats monumentale Filter dennoch für monumentale Geldverschwendung – getragen von dem Glauben, große Probleme brauchen große technische Lösungen. Denn das Bild vom "Müllteppich" ist irreführend. Es legt eine fast geschlossene Fläche von Plastikmüll nahe, die es in der Realität nicht gibt. "Wir benutzen den Begriff Garbage Patch, obwohl die Dichte und Verteilung sowohl räumlich als auch zeitlich stark schwanken", sagt Amy Uhrin, die leitende Wissenschaftlerin der Abteilung Marine Debris bei der amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA).

Allein der Pacific Garbage Patch im Nordpazifik, in dem Ocean Cleanup seine Filter aussetzen will, ist laut Uhrin rund 18 bis 23 Millionen Quadratkilometer groß, also zwei- bis dreimal so groß wie die gesamte USA. Hinzu kommt, dass der Plastikmüll im Wasser keineswegs nur aus großen Objekten wie Bojen oder alten Fischernetzen besteht, sondern aus sogenanntem Mikroplastik, also Teilchen von unter fünf Millimetern Größe. Sie entstehen zum einen, wenn Wind, Wellen und UV-Strahlung den Plastikmüll mit der Zeit aufreiben, bleichen, mürbe machen und so in immer kleinere Fragmente zersetzen. Die zweite große Quelle sind Kosmetikprodukte mit Mikroperlen oder synthetische Kleidung, von der sich in der Waschmaschine Fasern lösen. Dieses Mikroplastik bereitet den Fachleuten besondere Sorge, weil es leicht in die Nahrungskette gelangt. Aber Slats Methode ist ungeeignet, es herauszufischen, weil sie nur große Stücke in die Enge treiben soll.

So mancher Plastikmüll-Experte bemängelt daher, dass die schwimmenden Filter vom eigentlichen Problem ablenken: der Prävention an Land. "Wenn mein Waschbecken überläuft, muss ich als Erstes den Hahn zudrehen und nicht das volle Becken säubern."

Ob Boyan Slat die Einwände entkräften kann, wird sich aller Voraussicht nach gegen Ende des Jahres zeigen: Dann sollen die ersten Filter am Ort ihrer Bestimmung ihren Dienst aufnehmen – 1600 Kilometer vor der US-amerikanischen Pazifikküste.




Aus: "Riesiger Wasserfilter sammelt Plastikmüll aus dem Pazifik" Steffan Heuer (24.05.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Riesiger-Wasserfilter-sammelt-Plastikmuell-aus-dem-Pazifik-4055446.html

Quote
     leed, 24.05.2018 09:38

Quelle des eigentlichen Problems - Finde das toll, dass man Massnahmen trifft, um den Ozean zu säubern und den Glauben "große Probleme brauchen große technische Lösungen" unterstütze ich voll. Keiner der was anderes glaubt, wird irgendeine Lösung bringen können.

Nur die Quelle des Problems ist eine ganz andere Sache.

    So mancher Plastikmüll-Experte bemängelt daher, dass die schwimmenden Filter vom eigentlichen Problem ablenken: der Prävention an Land. "Wenn mein Waschbecken überläuft, muss ich als Erstes den Hahn zudrehen und nicht das volle Becken säubern."

Es ist mittlerweile gut bekannt, dass 95% allen Plastikmülls aus 10 Flüssen stammt. Egal wie sehr wir uns bemühen, bei uns Plastikabfälle zu vermindern. Solange dieser Missstand nicht behoben wird, nützt jede Gegenmassnahme so gut wie nichts.



Quote
     Schacko, 24.05.2018 10:50

Es ist ein Anfang und Teil von vielen nötigen Massnahmen

Was die Experten gerne vergessen.... Es hat niemand behauptet, dass sich damit das Problem a sich lösen lässt. Es ist einer von vielen ersten Schritten und immer noch besser als nichts zu machen. Neben diesen Abfallsammlern müssen wir die Nutzung von sinnfreien und unnötigem Plastik eindämmen. Und Wege überlegen wie wir gegen Mikroplastik usw. Vorgehen. Aber dieser Filter sorgt schon Mal dafür, das es etwas weniger Plastik geben wird, das sich zu Microplastik in den Weltmeeren abbauen kann.

Es ist nicht DIE Lösung. Es ist EINE von vielen Lösungen.


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[Mikroplastik (Notizen)... ]
« Reply #3 on: May 30, 2018, 09:58:20 AM »
Quote
[...] Das arktische Meereis ist durchsetzt mit winzigen Plastikpartikeln. Zu diesem Schluss kamen Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts (AWI), die in fünf verschiedenen Regionen um den Nordpol mit Hilfe spektrometrischer Verfahren verschiedene Meereisproben untersuchten. Hier fanden sie zum Teil mehr als 12.000 Mikroplastikteilchen pro Liter Meereis. Die Konzentration an Mikroplastik war zwei bis drei Mal höher als in früheren Proben.

In einer Analyse wurden 17 Kunststoffarten identifiziert, darunter Verpackungsmaterialien wie Polyethylen und Polypropylen, Lacke, Nylon sowie Celluloseazetat. Aus Letzterem werden Zigarettenfilter hergestellt. Besonders viel Polyethylen entdeckten sie in den Eisschollen des Kanadischen Beckens, welches mit dem Pazifik verbunden ist. Die Forscher vermuten, dass es sich hierbei um Reste von Verpackungen handelt, die im Nordpazifischen Müllstrudel treiben.

In Eisproben aus den Meeren vor der nordrussischen Arktisküste hingegen fanden sich Lackpartikel von Schiffsanstrichen und Nylonresten. Diese stammen vermutlich von Fischernetzen. Die Funde deuten auf lokale Verschmutzungen durch zunehmenden Schiffsverkehr und Fischfang in der Arktis hin.

Während sie durch die Arktis treiben, nehmen die Eisschollen an Umfang zu, wobei das aufgenommene Plastik zwei bis elf Jahre lang in diversen Schichten gebunden bleibt. In Grönland angekommen, schmelzen die Eisschollen, wobei die Mikroplastikpartikel wieder freigesetzt werden.

Doch woher stammt das restliche Mikroplastik? Einen großen Einfluss hat der Abrieb von Autoreifen, erklärt Meeresbiologin Ilka Peeken im Interview mit der ARD, zum andern werden Kleinstpartikel aus Plastikkleidung mit jedem Waschgang ins Meer gespült.

Besorgt sind die Experten vor allem über den hohen Anteil kleinster Kunststoffteilchen. Mehr als die Hälfte der Partikel habe eine Größe von weniger als einem Zwanzigstel eines Millimeters. Das Mikroplastik wird vor allem von im Meer lebenden Kleinstlebewesen wie Ruderfußkrebsen und Wimperntierchen gefressen, die in der Arktis am Anfang der Nahrungskette stehen.

In einigen Laborstudien wurden bei Muscheln Entzündungen und bei Fischen Verhaltensänderungen nachgewiesen. Andere Tiere reagieren darauf, indem sie weniger fressen und wachsen oder sich weniger gut fortpflanzen.

Insbesondere beschäftigt die Wissenschaftler die Frage, wie hoch die Gefahr durch Mikroplastik für Plankton ist. 98 Prozent der Biomasse der Weltmeere besteht aus Plankton. Es gilt als Grundnahrung für Fische, von den kleinsten bis hin zum größten der Ozeane. Sogar der Walhai ernährt sich außer von kleinen Fischen auch von Plankton.

Kieselalgen, Krill und Bartenwale bilden eine perfekt organisierte Nahrungskette. Verschwinden die Kieselalgen, leidet das tierische Plankton - wie der antarktische Krill, der sich auf Kieselalgen spezialisiert hat.

Um sich vor Räubern zu schützen, zieht sich der Krill bei Tageslicht in die tieferen Wasserschichten zurück und traut sich erst bei Dunkelheit nach oben. Dabei grast der antarktische Krill, der die Nähe zum Meereis bevorzugt, die grünlich leuchtenden Kieselalgen von den Meereisschollen ab.

Die bei Stress rötlich leuchtende Mini-Garnele wird bis zu sechseinhalb Zentimeter groß. Stirbt sie aus, wären viele Meerestierarten vom Hungertod bedroht. Denn Krill dient nicht nur zahlreichen Robbenarten als Nahrung, sondern auch diversen Bartenwalarten, Albatrossen, Seevögeln sowie Adelie-, Zügel-, Goldschopf-, Esels-, Kaiser-, Königs- und Felsenpinguinen. Innerhalb der Nahrungskette werden Pinguine wiederum von Seeleoparden gefressen.

Allein im Südlichen Ozean vermuten Experten 130 Millionen Tonnen Krill, der sich in Schwärmen durchs Wasser bewegt. Der Krill ernährt Blau-, Finn-, Zwerg- und Buckelwale genauso wie Bändereisfisch und wirbellose Meerestiere. Um tausende Leuchtgarnelen zu schlucken, brauchen die Wale einfach nur ihr Maul aufzureißen.

Einer Studie an der Yale-University von 2016 zufolge verringert sich vor allem für den jungen Krill der Lebensraum um bis zu 80 Prozent. Der größte Rückgang an Meereeis wird in der Westantarktis erwartet. In diesem Gebiet befinden sich schätzungsweise die höchsten Krillvorkommen.

So untersuchten Wissenschaftler der Veterinärmedizinischen Universität Hannover, wie sich die diversen Krillarten in der Antarktis verteilen. Im Sommer 2013 beobachteten sie, wie rund 5.000 Finnwale und mindestens 3.000 Buckelwale in das eisfreie Wasser des westantarktischen Teils des Südlichen Ozeans wanderten.

Während Finnwale am Rande der Drake Passage zu finden waren, suchten Buckelwale die Küstengebiete der Bransfield Strait auf. Die höchsten Krill-Vorkommen waren bei der Art Euphausia superba aufgetreten, während sich Euphausia crystallorophias in kleineren Mengen in der Nähe der Küste bewegte.

Seit 1950 ist die Biomasse an Plankton fast um die Hälfte zurückgegangen. Die Ursache dafür vermuten die Wissenschaftler im Klimawandel.

Vor allem Phytoplankton ist davon betroffen. Stress verursacht dem Krill zudem die zunehmende Versauerung der Meere, die auf die hohe Aufnahme an Kohlendioxid aus der Luft zurückzuführen ist. Das saure Wasser kann den Stoffwechsel des Krills beeinflussen, Wachstum und Fortpflanzung behindern und zum Rückgang der Art führen. 

In begrenztem Umfang hat Krill auch Einfluss auf das Klima, wie zum Beispiel auf den Kohlenstoffkreislauf. Auch bei der Regulierung des Kohlendioxids in der Atmosphäre spielt er eine wichtige Rolle. Bereits 2006 fanden Wissenschaftler heraus, dass Stoffwechselprodukte des Krills den im Oberflächenwasser enthaltenen Kohlenstoff in tiefe Gewässer transportieren, wo er über lange Zeiträume verbleibt.

Auf diese Weise können Millionen Tonnen Kohlendioxid gebunden werden. Weil sich weniger Wintermeereis bildet, steht dem jungen Krill immer weniger Phytoplankton zur Verfügung. Somit kann er sich immer weniger gut vermehren und ist in seinem Überleben bedroht.

Setzt sich die Erwärmung des Meerwassers und die Anreicherung von Kohlendioxid unvermindert fort, warnen Wissenschaftler, könnte der Antarktische Krill bis Ende des 21. Jahrhunderts zwischen 20 und 55 Prozent seines Lebensraumes verlieren.

Eine weitere Bedrohung für den Krill - und damit auch für Wale, die von ihm leben, ist die kommerzielle Krillfischerei. Seit 2010 wird immer mehr Krill gefischt - vorzugsweise durch norwegische und chinesischen Firmen sowie durch koreanische Flotten - vor allem an der Nordspitze der Antarktischen Halbinsel, den Süd-Orkney-Inseln und der Bransfield-Straße.

Hier überschneiden sich die Fanggebiete mit den Krill-Nahrungsgefilden von Pinguinen, Robben und Walen. Sogar in Ufernähe - vor allem dort, wo Pinguine und Robben nach Futter suchen - wird gefischt.

In rauen Mengen wird Krill im Südpolarmeer von Fangschiffen geplündert. Auf Grund zunehmender Erwärmung schmelzen zunehmend die Eisdecken. In Folge dessen öffnen sich immer neue Fanggründe.

Doch nicht nur die Schleppnetze stören das Ökosystem. Die wachsende Befischung in Schutzgebieten raubt den Meerestieren nicht nur die lebenswichtige Nahrung, sondern birgt auch hohe Umweltrisiken: So können Schiffsunfälle wie Feuer und Austritt von Öl die fragilen Lebensräume des Südpolarmeeres gefährden.

Bei der Übergabe ihrer Beute ankern die Schiffe in der Regel in ruhigeren Gewässern, oft unweit von Pinguin- oder Robbenkolonien, wo sie den Meeresgrund beschädigen.

Bereits 2002 verpflichtete sich die Antarktis-Kommission (CCAMLR), ein Netzwerk von Schutzgebieten einzurichten. So entstand im Oktober 2016 das weltweit größte Meeresschutzgebiet im antarktischen Rossmeer.

Nun soll im Oktober diesen Jahres über ein weiters Schutzgebiet im Weddellmeer entschieden werden. Weitere Schutzzonen - in der Ostantarktis sowie westlich der antarktischen Halbinsel - sind angedacht Greenpeace fordert unterdesen, die Fischerei in diesen Gebieten - mit Ausnahme wissenschaftlicher Zwecke - stark zu begrenzen.

Krillöl gilt als vielversprechender Wachstumsmarkt. Angeblich enthält es mehr Omega-3-Fettsäuren als Fischöl. Aus diesem Grund wird es massenhaft in der Gesundheits- und Ernährungsindustrie verarbeitet, vor allem zu Nahrungsergänzungsmitteln, aber auch zu Fisch- und Tierfutter sowie zu Arzneimitteln. Laut Greenpeace werden sich die Umsätze bis 2021 verdoppelt haben, wobei die Märkte in Japan und China am schnellsten wachsen.

Dabei gibt es längst Alternativen: Eine ausgewogene Ernährung mit Omega-3-Fettsäuren funktioniert genauso mit Leinöl, Leindotteröl, Hanföl, Walnüssen oder mit Produkten auf Algenbasis.

Was die antioxidative Wirkung von Krillöl angeht, so schneidet Ölivenöl laut Experten um ein Vielfaches besser ab.

Eins sollte klar sein: In dem Maße, wie der Krill verschwindet, ist nicht nur das gesamte antarktische Nahrungsnetz gefährdet. In letzter Konsequenz ist auch der Mensch auf den Krill angewiesen. Grund genug, dafür zu sorgen, dass er in unseren Meeren erhalten bleibt.

 


Aus: "Krill auf dem Rückzug" 29. Mai 2018 (Susanne Aigner)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Krill-auf-dem-Rueckzug-4059124.html?seite=all


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« Reply #4 on: August 13, 2018, 04:36:58 PM »
Quote
[...]    

Kiel. Die Verschmutzung der Meere mit Plastikmüll betrifft einer deutsch-chilenischen Studie zufolge inzwischen selbst die entlegensten Regionen der Erde.

"Besonders hohe Mikroplastik-Konzentrationen haben wir rund um die Osterinsel und in bis 2000 Kilometern Entfernung vor der chilenischen Küste gefunden", erläutert Hauptautor Martin Thiel von der Universidad Católica del Norte in Coquimbo in Chile. Die Osterinsel liegt im Südpazifik, Tausende Kilometer von Südamerika und Australien entfernt.

In der Fachzeitschrift "Frontiers in Marine Science" dokumentieren die Wissenschaftler, darunter Forscher des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel, das Ausmaß der Verschmutzung und den Einfluss auf das marine Ökosystem. Bei 97 verschiedenen Arten habe man Kontakt mit Plastikmüll nachgewiesen - die Tiere waren entweder in dem Abfall verheddert oder hatten Plastik mit der Nahrung aufgenommen. Dies betraf unter anderem 20 Fischarten, 53 Seevögel-Spezies, 19 verschiedene Meeressäuger und 5 Arten von Meeresschildkröten.

"In den Mägen finden sich alle möglichen Plastikfragmente, zum Teil in erschreckend hoher Konzentration", berichtet Ko-Autor Nicolas Ory vom Geomar. Diese Plastikteile beeinträchtigten oder schwächten die Lebewesen und könnten langfristig die Sterblichkeitsquote erhöhen. Maßnahmen zur Reduzierung des Plastikmülls seien dringend geboten, mahnt das Team.

Die Forscher nahmen und analysierten Wasserproben auf mehreren Expeditionen im Südpazifik zwischen der Osterinsel und dem südamerikanischen Festland. Außerdem werteten sie Berichte über marine Organismen aus, die sich in größeren Plastikteilen wie beispielsweise alten Fischernetzen verfangen hatten.

"Das kommt häufiger in den küstennahen, stark befischten Regionen des Humboldtstroms vor, während wir im offenen Ozean eher sehen, dass Organismen kleinere Plastikteile verschlucken", betont Thiel. Die Studie zeige sehr deutlich, dass sich die Partikel im Bereich der subtropischen Wirbel konzentrieren, erläutert der deutsche Meeresbiologe, der seit vielen Jahren in Chile lebt und sich gegen die Verschmutzung der Ozeane engagiert.


"Dies sind keine guten Nachrichten", resümierte Thiel. "Das Müllproblem im Ozean ist global." Die Studie bestätige auch Mikroplastik-Messungen während der kürzlich zu Ende gegangenen weltweiten Segelregatta Volvo Ocean Race, die Mitarbeiter des Geomar initiiert hatten.

So war sogar am Point Nemo im Südpazifik - jene Stelle, die weltweit am weitesten vom nächsten Land entfernt ist - Mikroplastik im Meerwasser. Das Geomar und das Kieler Exzellenzcluster "Ozean der Zukunft" hatten zwei Jachten für die Regatta mit Sensoren ausgestattet. Die Mikroplastik-Konzentrationen seien regional sehr unterschiedlich, sagt Sören Gutekunst vom Exzellenzcluster "Ozean der Zukunft", der das Geomar-Projekt technisch betreut hatte. Die höchsten Konzentrationen fanden sich demnach entlang der Regattastrecke im Mittelmeer und im westlichen Pazifik.


Aus: "Hohe Mikroplastik-Konzentrationen um die Osterinsel" (dpa,  13.08.2018)
Quelle: https://www.zvw.de/inhalt.chile-hohe-mikroplastik-konzentrationen-um-die-osterinsel.817c84c1-e59e-4ff4-b476-245a3369a424.html


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« Reply #5 on: January 29, 2019, 09:51:37 AM »
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[....] Henderson Island ist eine unbewohnte Koralleninsel im Südpazifik und liegt 5.000 Kilometer vom nächsten Festland entfernt. Sie ist Unesco-Welterbe, wegen der einst unberührten Natur. Heute ist der ökologische Fußabdruck des Menschen auf Henderson Island unübersehbar – die Strände der Insel sind von viel Müll bedeckt: Bis zu 670 Plastikteile pro Quadratmeter haben Wissenschaftler hier im Sommer 2015 gefunden. Hochgerechnet sind das fast 18 Tonnen auf einer Insel, die weniger als halb so groß ist wie Sylt. Strömungen verfrachten den Müll über den Ozean bis hierher.

Plastikabfälle gehören zu den wohl bekanntesten Plagen im Ozean. Die langlebigen Kunststoffteile werden vom Wind verweht, von Schiffen entsorgt und von Flüssen weitergetragen; Millionen Tonnen gelangen jedes Jahr in die Meere, vor allem an den Küsten Chinas und Südostasiens. Ein großer Teil davon konzentriert sich im Nordpazifik. Allein dort treiben auf der vierfachen Fläche Deutschlands schätzungsweise 80.000 Tonnen Plastik, Tendenz steigend. Besonders tückisch sind die ungezählten "Geisternetze" aus Kunststoff, die von Fischern entsorgt oder verloren wurden und unter der Oberfläche zur tödlichen Falle für Schildkröten, Haie und Wale werden. Selbst die Nordsee ist vermüllt: Seevögel verheddern sich dort in Nylonschnüren oder verhungern, während ihr Magen voller Plastikteile steckt.

Die meisten Teilchen sind allerdings winzig, weniger als fünf Millimeter groß: Mikroplastik. Etwa 2.000.000.000.000 (zwei Billionen) davon sollen hochgerechnet im pazifischen Müllstrudel umherwirbeln. Selbst die abgeschiedensten Regionen sind damit bereits belastet. Forscher haben Synthetikfasern in Krabben, Seegurken und Seefedern in der Tiefsee gefunden. Im Eis der Arktis hat die Meeresbiologin Ilka Peeken vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven stellenweise 12.000 Plastikpartikel pro Liter gezählt. Fast alle waren kleiner als ein Haar. "Mikroplastik kann sich in der Nahrungskette anreichern", warnt die Wissenschaftlerin. Und könnte über die Tiere irgendwann auf unseren Tellern landen.

 Die Meere sind nicht nur ein Endlager für Müll, auch der Abbau von Rohstoffen schadet ihnen. Für die ganze Welt offensichtlich wurde das 2010, als die Bohrinsel Deepwater Horizon explodierte. Drei Monate lang strömten täglich fast zehn Millionen Liter Öl in 1.500 Meter Tiefe in den Golf von Mexiko. Ein Großteil erreichte die Oberfläche und verschmutzte weite Teile der Südküste der USA. Zehntausende Seevögel starben. Mehr als 300 Millionen Liter Öl verteilten sich in der Tiefsee und zerstörten jahrtausendealte Kaltwasser-Korallenriffe.

Die meisten Probleme treten allerdings nicht so offen zutage. Vieles, was der Mensch den Ozeanen antut, ist auf den ersten Blick unsichtbar.

Das hat damit zu tun, dass Wasser 70 Prozent der Erde bedeckt. Die durchschnittliche Tiefe beträgt 3500 Meter, der Marianengraben ist sogar elf Kilometer tief. Die Wassermenge ist so gigantisch, dass man lange annahm, die Ressourcen der Meere und ihre Kraft, Müll und Schadstoffe aller Art zu absorbieren, seien unerschöpflich. Tatsächlich belastet der Mensch die Ozeane immer weiter – teils bis über die Grenzen ihrer natürlichen Regenerationsfähigkeit hinaus. Die Aussichten für die Zukunft sind wenig ermutigend. Vor allem der Klimawandel, aber auch die anderen von Menschen verursachten Probleme werden ihre Wirkung auf die Chemie und Biologie der Meere erst in den nächsten Jahrzehnten voll entfalten.

Das können Nährstoffe aller Art sein, aber auch CO₂ oder die Wärme, die verschiedene Treibhausgase in der Atmosphäre zurückhalten. Die Folgen für die Umwelt sind gravierend – und sie treten in unterschiedlicher Form an unterschiedlichen Orten zutage. So ist beispielsweise am australischen Great-Barrier-Riff, dem größten lebenden Bauwerk der Erde, während der vergangenen Jahrzehnte die Hälfte aller Korallen verschwunden. Verantwortlich ist in erster Linie die Erderwärmung. Inzwischen werden die Küstengewässer Australiens regelmäßig von Hitzewellen heimgesucht. Besonders schlimm war es 2016, als mehr als 60 Prozent des Riffs wegen der ungewöhnlich hohen Temperaturen von Korallenbleiche geschädigt wurden.

Für alle tropischen Riffe hat der Klimawandel ähnliche Folgen. Die Hitzewellen in den Ozeanen erhöhen die Temperatur des ohnehin wärmer werdenden Meerwassers noch mal um einige Grad Celsius. Unter solchen Bedingungen schmeißen Korallen ihre lebenswichtigen Untermieter raus, die sogenannten Symbionten. Und seit Anfang der 1980er-Jahre hat sich die Anzahl extrem heißer Tage in den Weltmeeren verdoppelt. Hitzewellen, die über Wochen oder Monate anhalten, sind häufig mit dem Klimaphänomen El Niño verknüpft und verursachen weltweite Massenbleichen an Korallenriffen.

Viele Korallen sind auch deshalb anfällig für erhöhte Temperaturen, weil sie ohnehin schon gestresst sind. Etwa durch einen zu hohen Nährstoffgehalt des Wassers, der Algenwachstum begünstigt. Am Great-Barrier-Riff führt das unter anderem zur Vermehrung von Seesternen, die wie Heuschrecken über Korallen herfallen und weite Teile des Riffs zerstören.

Der hohe Nährstoffgehalt ist auf eine Überlastung mit Stickstoff und Phosphat in vielen Küstengewässern zurückzuführen. Ursache ist vor allem die Landwirtschaft; global ist der Verbrauch von Düngemitteln seit Mitte des 20. Jahrhunderts um das Zehnfache gestiegen. Ein erheblicher Teil des Düngers wird aus Böden ausgewaschen und gelangt schließlich ins Meer. Die Folgen: Algenblüten und ein hoher Sauerstoffverbrauch durch Bakterien, die tote Algen zersetzen. So entstehen sauerstoffarme Todeszonen mit einer geringen Artenvielfalt. Mehr als 500 davon wurden seit 1950 weltweit dokumentiert, und Forscher vermuten eine hohe Dunkelziffer.

In einigen Regionen erstrecken sich diese Todeszonen Tausende Kilometer weit in den offenen Ozean. Zum Beispiel vor Westafrika oder der Westküste Südamerikas. Die Gewässer dort sind auf natürliche Weise nährstoffreich und gehören zu den ergiebigsten Fischgründen der Welt. Zugleich enthalten die tieferen Wasserschichten dort keinen Sauerstoff. Doch infolge des Klimawandels expandieren die Todeszonen immer weiter – in den letzten 50 Jahren etwa um die Größe der Europäischen Union. Weil sich das Meer aufheizt, löst sich zudem weniger Sauerstoff im Meerwasser. In der Konsequenz nimmt die Schichtung zu. "Das warme Oberflächenwasser liegt wie ein Deckel auf dem Ozean", erklärt der Meeresforscher Andreas Oschlies vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel.

Weil den Ozeanen die Luft ausgeht, schrumpft nicht nur der Lebensraum vieler Tiere. Die Veränderungen führen bisweilen auch dazu, dass der Gehalt an Schwefelwasserstoff steigt, der für Fische giftig ist. Zugleich produzieren die Ozeane mehr Lachgas – ein extrem starkes Treibhausgas, das die Atmosphäre weiter aufheizt.

Bislang wirken die Ozeane wie eine Art Puffer, sie schlucken beispielsweise gut ein Viertel aller CO₂-Emissionen der Menschen. Doch bei diesem Prozess entsteht Kohlensäure, die das Kalkskelett der Korallen angreift. Beeinträchtigt sind davon auch einzellige Kalkalgen, die große Mengen Kohlenstoff binden und in die Tiefsee verfrachten – und die darüber hinaus eine wichtige Nahrungsgrundlage für andere Meeresbewohner sind.

Die wiederum werden auch von anderer Seite durch den Menschen geschädigt: in Form der industriellen Fischerei. Seit den 1990er-Jahren sinkt die globale Fangmenge. Auf der Jagd nach den verbliebenen Beständen wird immer tiefer und in immer entlegeneren Regionen gefischt, oft mehr, als sich auf natürliche Weise regenerieren kann. Gleichzeitig geht jeder zehnte Fisch als Beifang wieder über Bord, weil er wirtschaftlich nicht interessant ist. Die Folgen – von illegaler wie legaler Fischerei – reichen bis zur Ausrottung. Kurz davor steht etwa der Kalifornische Schweinswal. Die letzten 30 lebenden Tiere werden wahrscheinlich in den Stellnetzen mexikanischer Fischer den Tod finden. Als erste größere Walart könnten die bis zu 18 Meter langen Atlantischen Nordkaper bald aussterben.

Große Schäden richten Grundschleppnetze an, mit denen der Meeresboden umgepflügt und in leblose Wüsten verwandelt wird. In größerer Tiefe erholen sich Ökosysteme nur langsam, sagt der Meeresökologe Boris Worm von der Dalhousie-Universität im kanadischen Halifax: "Bei steinigen Böden mit reichhaltigem Bewuchs kann es Jahrzehnte dauern."


Aus: "Umweltverschmutzung: Wie geht es dem Wasser?" Tim Kalvelage (23. Januar 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/2019/05/umweltverschmutzung-wasser-meere-plastikmuell-oekosystem-zustand/komplettansicht

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Der unheimliche Mönch #2


Ein großer Teil des Plastikmülls besteht aus den Überresten billiger, minderwertiger Haushaltsgegenstände und Elektrogeräte.
Man kann nicht die Verschmutzung der Meere anprangern und gleichzeitig die Eine Welt mit freiem Welthandel, offenen Grenzen und ungehindertem Im-/Export billiger Plastikwaren gut finden.


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World-Traveller #8

Vor ein paar Tagen kam eine Dokumentation über die Balearen in 3SAT, die Küste bzw. die Bucht vor Palma de Mallorca ist praktisch schon tot, die Abwässer der überlasteten Kläranlagen aus den 1970er Jahren, werden nach wie vor direkt ins Meer geleitet, der Meeresgrund ist von Müll übersät, die Badegäste stehen aber scheinbar drauf.

Ich war oft in Südost-Asien, von den Mengen an Müll die dort im Meer landen, machen wir uns gar keine Vorstellungen, es ist dramatisch. In Sri Lanka ist nach schweren Regenfällen vor ca. 2 Jahren, ein ganzer Stadtteil von Colombo, von einer Mülldeponie überflutet worden. Am Wochenende gehen die Locals ans Meer, jeder kauft Essen in Styroporschachteln und lässt diese dann direkt am Strand liegen, hunderttausende Verpackungen jedes Wochenende. Statt wenigstens einer Verbrennungs od. Recyclinganlage bauen die Chinesen nun dort einen weiteren Containerhafen, der 2. nach dem in Hambantota.

Auf den Flüssen in Myanmar u. Vietnam tanzen die leeren Plastikflaschen auf und ab, die Flüsse fliesen fast alle ins Meer. Die Strände sind voll mit Fischernetzen, Nylonseilen, Dosen, Tüten, FlipFlops, Reifen und Styroporkisten bzw. Teilen davon.

Wir haben längst die Kontrolle verloren und befinden uns schon längst am "Point of no Return", da sind die netten Versuche, da ein paar Quadratkilometer mit oberflächlichen Netzen zu reinigen (The Ocean Cleanup) weniger wert als der berühmte Tropfen auf dem heissen Stein.


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Zivilisationswächter #8.1


Wir haben längst die Kontrolle verloren

Wir hatten sie niemals. Die Aufklärung mit ihrem mechanistischen Weltbild hat uns das lediglich eingeredet.


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Omnipotenz #27

Die Lösung ist einfach und offensichtlich: Weltweit müssen die Nationen anfangen das Meer von Plasitk und Fischereifabrikschiffen zu säubern.

Ach nein, das ist ja viel zu einfach und offensichtlich, darüber wird gar nicht erst diskutiert. Wir werden wohl alle ganz hilflos zusehen müssen und irgendwann sind dann alle "ganz überrascht" das das Meer tot ist.


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[Mikroplastik (Notizen)... ]
« Reply #6 on: March 07, 2019, 01:31:53 PM »
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[...] Wien – Das Plastiksackerlverbot ist für Sylvia Hofinger nur Symbolpolitik. Auch mit der Absage an Wattestäbchen aus Kunststoff ließe sich die Welt eher nicht retten. Weit klüger wäre ein flächendeckendes Deponieverbot in der EU gewesen, meint die Chefin des Fachverbands der Chemischen Industrie. Europa habe rund um seinen Abfall jedenfalls noch etliche Hausaufgaben zu erledigen. Österreichs chemische Industrie reagiert auf die immer schärfer geführten Debatten rund um weltweit wachsende Plastikberge mit einem Paket an möglichen Gegenmaßnahmen. Eines schickt Hofinger aber gleich vorweg: Auf Kunststoff zu verzichten sei undenkbar. Es sei der meistverwendete Werkstoff. Um fossile Rohstoffe zu ersetzen, reichten die biogenen Ressourcen auf Dauer nicht aus. Das Schlüsselwort aus Sicht der Branche ist daher Recycling.

Eine Million Tonnen an Kunststoff gelangen jährlich nach Österreich. 300.000 Tonnen davon machen allein Verpackungsmaterialien aus. Lediglich ein Drittel des Plastikmülls wird wiederverwertet. Zwei Drittel werden nach wie vor verbrannt, was angesichts des hohen Aufwands der Plastikfertigung Energieverschwendung ist. Weltweit summiert sich die jährliche Kunststoffproduktion bereits auf 330 Millionen Tonnen. Prognosen zufolge soll sich diese Menge bis 2050 verdreifachen. Plastik beliebig oft im Kreislauf zu führen sei technisch durchaus möglich, sagt Hofinger – etwa über chemothermische Verfahren. Dabei werden Kunststoffketten in ihre Einzelbestandteile zerlegt und somit Ausgangsmaterial für neues Plastik. Da die Technologie jedoch noch nicht ausgereift sei, brauche es Anreizsysteme, um sie zu fördern. Entscheidend für die gute Rezyklierbarkeit von Kunststoffen ist auch die Abkehr von Verbundmaterial. Je sortenreiner sie gefertigt werden, desto einfacher ist die Wiederverwertung. Auch Farbgebung spielt mit herein: Je transparenter und heller das Plastik, desto leichter lässt es sich recyceln.

Kein Weg vorbei führt Hofinger zufolge an einem Ausbau der Sammel- und Sortiersysteme, um die bloße Verbrennung hintanzuhalten. Sie will dazu Gespräche mit dem Handel und anderen Industrieverbänden über Pfandsysteme für PET-Flaschen führen. Die EU verlangt bei deren Sammlung bis 2029 eine Quote von 90 Prozent. Österreich schafft derzeit allein 73 Prozent. Recycelt werden in Summe nur 34 Prozent der Flaschen. Bis 2025 muss jedoch, so will es die EU, die Hälfte aller Kunststoffabfälle wiederverwertet werden. Ohne branchenübergreifende Lösung ließe sich das in diesem Zeitraum aber nicht realisieren, warnt die chemische Industrie. Sie rät auch zu Mehrweg statt zu Einweg – sofern es ökologisch und hygienisch sinnvoll sei. Glas etwa verliere den besseren ökologischen Fußabdruck bei Transporten über mehr als 250 Kilometer.

Politischen Maßnahmen wie einem Verbot des Plastiksackerls müsse künftig eine verpflichtende Ökobilanz in Österreich vorangehen, fordert Hofinger. Diese hätte im Fall des Sackerls ergeben, dass Plastik Papier aufgrund seines geringeren Ressourcenverbrauchs schlage. Hofinger appelliert daran, den Nutzen von Kunststoff genau abzuwägen. In Plastik verschweißte Gurken verhinderten etwa, dass 15 Prozent des Gemüses aussortiert werden müssten. In Kunststoff verpacktes Fleisch erhöhe im Vergleich zu offen verkaufter Ware die Haltbarkeit. Differenzierung sei auch beim sogenannten Biokunststoff angesagt, denn dieser stehe in Konkurrenz zu Nahrung und Futtermitteln. Wer sich vor allem auf den guten Willen der Konsumenten verlässt, steht oft auf verlorenem Boden. Der Anteil der Wiener, der den Haushaltsmüll nicht trennt, stieg von 20 auf 29 Prozent.


Aus: "Chemische Industrie hält Verzicht auf Plastik für unmöglich" Verena Kainrath (6.3.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000099038134/Chemische-IndustrieVerzicht-auf-Plastik


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[Mikroplastik (Notizen)... ]
« Reply #7 on: August 15, 2019, 09:11:17 AM »
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[...] Mikroplastik ist überall: in der Tiefsee, zwischen den Sandkörnern der heimischen Flüsse, im ewigen Eis und vereinzelten Berichten zufolge auch in unseren Körpern, ja sogar im nach deutschem Reinheitsgebot gebrauten Bier. Nun konnten Forscherinnen und Forscher die mikrofeinen Partikel auch im Schnee nachweisen – in den Bayerischen Alpen und auf menschenverlassenen Eisschollen der Arktis. Ändert das noch was? Ja. Denn die Funde im Schnee sind ein klarer Hinweis auf ein neues, größeres Problem: Mikroplastik verbreitet sich weltweit über die Luft. Die Luft, die wir zum Atmen brauchen.

Für die Studie verglich das Forscherteam vom deutschen Alfred-Wegener-Institut Schneeproben aus dicht besiedelten Gegenden rund um Bremen und in den Bayerischen Alpen mit gänzlich verlassenen Orten wie Spitzbergen oder arktischen Eisschollen. Ihr Ergebnis, das sie nun im Fachmagazin Science Advances (Bergmann et al., 2019) veröffentlichten: In allen Proben steckten winzige Mikroplastikpartikel. Sowohl in der Arktis als auch in besiedeltem Gebiet bestand das Mikroplastik meist aus winzigen Überresten von Lacken, Gummi, PET-Flaschen oder synthetischen Textilien – alles Stoffe, die wir im Alltag benutzen.

In dicht besiedelten Gegenden waren die Konzentrationen zwar deutlich höher als in der Arktis – am meisten enthielt eine Probe vom Rand einer Landstraße in Bayern mit mehr als 150.000 Teilchen pro Liter geschmolzenen Schnees. Doch auch frisch gefallener Schnee im hohen Norden enthielt Mikroplastik in bemerkenswert hohen Konzentrationen, wenn man bedenkt, wie selten eine arktische Eisscholle mit dem Menschen und damit auch mit Plastik in Kontakt kommt. Ein Beispiel: Auf einer Scholle der Framstraße, dem Seeweg zwischen Spitzbergen und Grönland, fanden die Forschenden mehr als 14.000 Teilchen pro Liter Schnee.

Schnee hat eine besondere Eigenschaft, die sich die Wissenschaftlerinnen bei ihrer Untersuchung zunutze machten: Während die gefrorenen Eiskristalle langsam aus den Wolken auf die Erdoberfläche fallen, filtern sie kleine Schwebepartikel aus der Luft – darunter auch das winzige Mikroplastik. Findet man die Partikel in frisch gefallenem Schnee, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie zuvor in der Luft schwebten. Partikel im Eis der Arktis hingegen können auch aus dem Meerwasser kommen.

"Die Studie belegt, dass die Luft, aus der sich Mikroplastik mit dem Schnee niedergeschlagen hat, ein wichtiger Transportweg für Mikroplastik ist", sagt die Tiefseeökologin Melanie Bergmann, die Hauptautorin der Studie. So könne es auch in die entlegensten Regionen unserer Erde gelangen. Bergmann zufolge werden die Partikel sehr wahrscheinlich über weite Strecken mit dem Wind transportiert. Der Großteil der Partikel, die in die Arktis gelangen, stammt dabei wohl aus dem europäischen Raum. Ein Blick auf den Transport anderer Schwebepartikel in Richtung Norden macht das plausibel: Große Pollenkörner fliegen in wenigen Tagen von Mitteleuropa bis nach Spitzbergen, und Saharastaub wird mindestens 3.500 Kilometer weit geblasen, also bis in den Nordostatlantik (Science Advances: van der Does et al., 2018).

Wirklich überraschend kommt der neue Fund deshalb nicht. Schon länger vermuten Forschende, dass Mikroplastik in unserer Atmosphäre schwebt, das dann entweder zur Erde gleitet oder von Regen und Schnee eingefangen und zum Boden transportiert wird (Environmental Science and Pollution Research: Cai et al., 2017). So fanden Wissenschaftler bei Messungen in französischen Flüssen fünffach höhere Mikroplastikkonzentrationen, nachdem es geregnet hatte (Environmental Chemistry: Dris et al., 2014).

Die neue Studie sagt nichts über die Folgen der Mikroplastikverunreinigung. Wie genau Plastikrückstände Ökosysteme beeinflussen, ist Frage vieler aktueller – und noch nicht abgeschlossener – Forschungsvorhaben. Was die Studie aber zeigt: Wahrscheinlich nehmen Menschen jeden Tag viel mehr Mikroplastik in ihre Körper auf als bisher gedacht, über die Atmung und durch Niederschlag, der schwebendes Mikroplastik in unseren Wasserkreislauf spült.

Was genau das für unsere Gesundheit bedeutet, kann bisher niemand mit Sicherheit sagen. Zwar vermuten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass sich Schadstoffe an Plastikteilchen anlagern, über Essen oder die Luft in den Körper getragen werden und dort Entzündungen auslösen könnten (Environmental Science & Technology: Wright et al., 2017) oder dass eingeatmetes Plastik das Lungengewebe schädigen oder gar Krebs begünstigen könnte (Environmental Pollution: Prata, 2018) – stichhaltige Beweise gibt es jedoch für keine dieser Hypothesen, bisher sind es reine Vermutungen.

Trotzdem mahnen die Studienautorinnen und -autoren, die Ergebnisse ernst zu nehmen. Sie warnen beispielsweise davor, frisch gefallenen Schnee von Straßen wahllos in die Natur zu kehren. Ein großer Schneehaufen könne den Boden kontaminieren, heißt es in der Studie.


Aus: "Wahrscheinlich atmen wir längst Plastik"  Linda Fischer (14. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-08/umweltverschmutzung-mikroplastik-schnee-luft-plastikmuell-umweltschutz