Author Topic: [Das Internet der Konzerne (Notizen)... ]  (Read 1496 times)

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[Das Internet der Konzerne (Notizen)... ]
« on: November 24, 2016, 04:16:20 PM »
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[...] Es war einmal im Jahr 1969, als Computer an vier Universitäten in den USA ein paar einfache Textnachrichten austauschten – und so das Internet entstanden ist. Ein dezentrales und gleichrangiges Netzwerk aus allen angeschlossenen Computern, das offen und frei sein sollte. Denn die Idee war, dass alle Nutzer das Internet mitgestalten können – anfangs unter der Voraussetzung, dass man über kostenintensive Technik und gute Programmierkenntnisse verfügte, um am neuen Medium teilhaben zu können.
Für die breite Bevölkerung wurde das Internet in den 1990er Jahren verfügbar, denn private Provider versorgten immer mehr Haushalte mit Internetanschlüssen. Damals begann die kommerzielle Phase des Internet, weil dessen wirtschaftliche Bedeutung zunahm: Unternehmen aus der Offline-Welt verkauften ihre Produkte und Dienstleistungen auch im Netz.
Schließlich entstanden reine Online-Firmen, die digitale Güter und Dienste anboten, ohne genügend Gewinn zu machen – eine Entwicklung, die an der Börse zum Platzen der sogenannten Dotcom-Blase führte. Das war im Jahr 2000. Danach konnte das digitale Zeitalter anbrechen, das
allgemein dadurch definiert ist, dass weltweit mehr Informationen digital als analog gespeichert sind. Und im neuen Jahrhundert schien das Internet auf eine alte Idee zurückzugreifen: Im Web 2.0 können alle mitmachen – dank günstiger Endgeräte und ohne Programmierkenntnisse zu haben. Die Nutzer konnten so zugleich Konsument und Produzent mit einem eigenen Publikum werden. Mittlerweile werden für dieses Konsumieren und Produzieren im Internet nur einige wenige Angebote genutzt – aus verschiedenen Gründen. So beherrschen zunehmend Digitalkonzerne das
Internet, ... [Google], auch das soziale Netzwerk Facebook und der Onlinehändler Amazon gehören zu den Digitalkonzernen, die das Internet dominieren. Zusammen sind diese vier so viel wert wie alle 30 Unternehmen im Deutschen Aktien Index (DAX).
Apple, Amazon, Google und Facebook sind privatwirtschaftliche Unternehmen mit dem Ziel, einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen. Das ist eventuell nicht jedem Internetnutzer bewusst, denn besonders Google und Facebook sind für private User schon immer kostenlos gewesen und werden deshalb nicht immer mit einem gewinnorientierten Unternehmen assoziiert. Prinzipiell besetzen die genannten Digitalkonzerne verschiedene Segmente im Internet, aber beschränkten sich Nutzer auf die Angebote von Apple, Amazon, Google und Facebook, würde ihnen online vermutlich nicht viel fehlen. Ohnehin sind die Marktanteile und Nutzungszeiten für die einzelnen Digitalkonzerne sehr hoch. Aus diesem Grund haben die Unternehmen nicht nur eine wirtschaftliche Macht, sondern auch gesellschaftlichen Einfluss, weil sie im Internet auch eine Gatekeeper Funktion besetzen und somit beeinflussen, welche Inhalte bei den Nutzern auf den Bildschirmen angezeigt werden. Bisher hatten vor allem Medienmacher wie Journalisten diese Funktion inne, indem sie nach journalistischen und ethischen Kriterien entschieden, welche Nachrichten in die Medien und somit zum Konsumenten gelangen. Heute sind es geheime Algorithmen, die diese Entscheidungen treffen – vermutlich nicht immer nach dem Grundsatz, allgemein und ausgewogen zu informieren. Markus Beckedahl, der Initiator von netzpolitik.org, spricht von privatisierten Öffentlichkeiten, weil Kommunikation und Konsum im Internet mittels einiger weniger Digitalkonzerne stattfinden, „wo nicht unbedingt die Grundrechte gelten, sondern die allgemeinen Geschäftsbedingungen“, so Beckedahl beim Social Community Day im Oktober 2014. Die einzelnen Digitalkonzerne sind moderne Oligarchen im Internet – aus mehreren Gründen: Die Produkte und Dienstleistungen sind bei den Nutzern beliebt und komfortabel handzuhaben, zugleich bieten aber geschlossene Geschäftsmodelle und beseitigte Konkurrenz kaum noch Alternativen. Die Konkurrenz kaufen Ständig verändert sich das Internet und auch die Marktmacht der Digitalkonzerne ist nicht dauerhaft garantiert. Denn es entstehen immer wieder innovative Online-Dienste, welche den etablierten Unternehmen langfristig die Marktherrschaft streitig machen könnten. Aber diese aktuell dominierenden Digitalkonzerne verfügen über die nötigen finanziellen Mittel, um sich der Konkurrenz zu entledigen. Das kann durch zwei Methoden geschehen: Entweder werden potenzielle Mitbewerber für viel Geld gekauft und ins eigene Portfolio der Digitalkonzerne übernommen oder durch sehr günstige Preise der eigenen Produkte und Dienste aus dem Markt gedrängt. Den bisher teuersten Kauf hat Facebook getätigt, das im Februar 2014 rund 19 Milliarden Dollar für die beliebte und vielgenutzte Messenger-App WhatsApp bezahlte. Zuvor ist schon die mobile Foto-App Instagram für nur eine Milliarde Dollar im Einkaufswagen von Facebook gelandet. Somit hat das Unternehmen innerhalb von zwei Jahren die sozialen Netzwerke übernommen, zu denen die Nutzer am häufigsten gewechselt sind. Obwohl Google als Suchmaschine nahezu konkurrenzlos ist, fällt auch dieser Digitalkonzern durch viele Einkäufe auf, einerseits von Internetfirmen und andererseits von Technologiefirmen, die zu künstlicher Intelligenz, Robotik und Automatisierung arbeiten. Diese Akquisitionen weisen in die Zukunft von Google, ein Digitalkonzern, der auch das Internet der Dinge dominieren und umfangreiche Daten der Nutzer sammeln möchte. In einem Online-Artikel für „businessinsider“ schreibt Dave Smith, dass Google seit 2001 insgesamt 163 Firmen gekauft hat (Stand: August 2014). Denn schon lange ist das Unternehmen mehr als eine Suchmaschine und vereint derzeit 40 verschiedene Dienste für Privatnutzer – darunter auch das soziale Netzwerk Google+ und die Videoplattform Youtube. Dass zunehmend die Konkurrenz für die etablierten
Digitalkonzerne fehlt, zeigen Daten, die von Wikipedia ermittelt wurden: Seit 2011 hat pro Jahr nur eine neue Suchmaschine den Internet-Markt betreten. Seit der Google-Gründung im Jahr 1998 bis einschließlich 2010 sind es im Durchschnitt noch vier neue Suchmaschinen pro Jahr gewesen. ... Die fehlende Konkurrenz festigt die Position der Digitalkonzerne als moderne Oligarchen im Internet – mit der bestehenden Gefahr, in Zukunft zu Monopolisten zu werden. Wenn Internetnutzer nur die Wahl zwischen den Angeboten einiger weniger Digitalkonzerne haben, dann wird die Vielfalt zunehmend eingeschränkt. Unter diesen Umständen ist das Internet nicht mehr frei und offen, sondern wird von den privatwirtschaftlichen Zielen
der Digitalkonzerne beeinflusst oder sogar bestimmt.  ...

In der Filterblase - Die dominierende Position von Google und Facebook im Internet ist für die freie Meinungsbildung und Meinungsäußerung kritisch, weil beide Digitalkonzerne auch zu den wichtigen Quellen für Informationen, Meinungen und aktuelle Nachrichten gehören,
die Suchergebnisse und Statusmeldungen aber gefiltert werden. Basierend auf den gesammelten Daten der einzelnen Nutzer und deren Online-Verhalten entscheiden Algorithmen, welche Treffer bei Google und welche Statusmeldungen bei Facebook bedeutsam genug sind, um angezeigt zu werden.
Einerseits geraten die Nutzer in eine Filterblase, in welcher nur noch Informationen und Meinungen sichtbar werden, die zum eigenen Online-Verhalten passen. Andererseits stellt sich die Frage, ob die Algorithmen so funktionieren, dass die besten Ergebnisse für die Nutzer angezeigt werden oder dass der zugehörige Digitalkonzern optimale wirtschaftliche Ergebnisse erzielt. Denn Google und Facebook finanzieren
sich vorwiegend über zugeschnittene Werbeanzeigen. Wenn Digitalkonzerne als Quellen fungieren, im Zweifel aber für den eigenen wirtschaftlichen Erfolg arbeiten, kann es zu einer Art von Zensur kommen. Denn die Kriterien, nach denen Google und Facebook entscheiden, sind nicht öffentlich bekannt. Somit besteht grundsätzlich die Möglichkeit, die Algorithmen zu manipulieren. Beispiele sind die Ice Bucket Challenge und Proteste in der US-Stadt Ferguson, die im Sommer 2014 fast gleichzeitig stattgefunden haben. Bei der Ice Bucket Challenge handelte es sich um eine Aktion, bei der Menschen entweder für die Erforschung einer Nervenkrankheit spenden oder sich einen Eimer mit eiskaltem Wasser über den Kopf schütten und das Video in sozialen Netzwerken veröffentlichen sollten. In Ferguson in den USA ist es zu teilweise gewaltsamen Protesten gegen Rassismus
gekommen, nachdem ein Polizist ohne Not einen afroamerikanischen Jugendlichen erschossen hatte. Ein Vergleich zwischen Facebook und Twitter hat gezeigt, dass diese Themen bei Facebook mehr oder weniger sichtbar waren, weil die Algorithmen nicht ausreichend auf aktuelle Ereignisse reagieren. So sind die unterhaltsamen Videos der Ice Bucket Challenge mehr im Fokus des Neuigkeiten-Stroms bei Facebook gewesen als Nachrichten aus Ferguson. Ein umgekehrter Eindruck hat sich bei Twitter ergeben, ein soziales Netzwerk, das neue Meldungen ungefiltert und in chronologischer Reihenfolge anzeigt. Somit wurden dort die Ferguson-Proteste stärker wahrgenommen als die Ice Bucket Challenge. Dass Facebook auch Stimmung und Verhalten manipulieren kann, haben in der Vergangenheit verschiedene Experimente gezeigt, bei denen die Nutzer des sozialen Netzwerks nicht wussten, dass sie als Testpersonen beteiligt sind. Ein Experiment in den USA hat ergeben, dass über das soziale Netzwerk die Wahrscheinlichkeit erhöht werden kann, wählen zu gehen. Die Testpersonen konnten am Tag der Präsidenten-Wahl einen „Ich habe gewählt“-Button anklicken. Haben Facebook-Nutzer diese Aussage gemeinsam mit Profil-Fotos der Freunde erhalten, ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass auch diese Menschen tatsächlich ihre Stimme abgeben.
Im Sommer 2014 wurde bekannt, dass Facebook bei etwa 310.000 Nutzern vor allem positive oder negative Statusmeldungen im Neuigkeiten-Strom angezeigt hat und sich diese Auswahl tatsächlich auf die Stimmung der Testpersonen ausgewirkt hat. ...


Aus: "IM BLICKPUNKT: Das Internet der Konzerne" Christina Quast (November 2014)
Quelle: http://imblickpunkt.grimme-institut.de/wp/wp-content/uploads/2016/03/IB-Internet-der-Konzerne.pdf
« Last Edit: November 24, 2016, 04:18:55 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Das Internet der Konzerne (Notizen)... ]
« Reply #1 on: November 24, 2016, 04:18:30 PM »
Quote
[...] Dadurch, dass die Internetkonzerne infrastrukturelle Grundlagen des Netzes entwickeln und anbieten sowie als Gatekeeper fungieren, die die wesentlichen Zugänge zum Web zur Verfügung stellen, werden sie zu Akteuren, die das Onlineerlebnis individueller Nutzer und Kollektive strukturieren, Rahmenbedingungen für ihre Bewegung vorgeben und dadurch auch das auf ihren Angeboten basierende Verhalten und Handeln mitprägen. Als auch gesellschaftspolitisch ausgesprochen sendungsbewusste Unternehmen strukturieren und prägen sie weite Teile des privaten und öffentlichen Lebens im Web.

Mit all dem reicht die Macht der Netzkonzerne mittlerweile deutlich über marktbeherrschende Positionen im kommerziellen Internet hinaus und weit in die Gesellschaft hinein – und ist gleichwohl nicht grenzenlos oder absolut. In derart turbulenten Umgebungen, wie sie für das (kommerzielle) Web typisch sind, können die Internetkonzerne nicht einfach ihre vorhandene Macht ausspielen, sondern müssen deren Grundlagen ständig neu justieren und an sich schnell verändernde Bedingungen anpassen. Sind sie dann, wenn es darauf ankommt, nicht adaptionsfähig, kann ihre Macht ebenso schnell erodieren wie wenn sie über Ressourcen verfügen, die keinen mehr interessieren.


Aus: "Die Macht im Netz" Ulrich Dolata (Ausgabe vom 24.11.2016, Seite 12)
Quelle: https://www.jungewelt.de/2016/11-24/053.php

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[Das Internet der Konzerne (Notizen)... ]
« Reply #2 on: July 13, 2017, 10:22:46 AM »
Lovink studierte zunächst Politikwissenschaft an der Universität von Amsterdam, bevor er an der Universität Melbourne mit einer Arbeit über die „Dynamik der kritischen Internet-Kultur“ (Dynamics of critical internet culture) promoviert wurde. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Geert_Lovink

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[...] In den sozialen Medien manifestiert sich eine Verschiebung von den HTML-basierten Verlinkungspraktiken des offenen Webs zum Liken und Empfehlen innerhalb der geschlossenen Systeme. Die indirekte und oberflächliche ‚Like Economy‘ verhindert, dass ihre Nutzer verstehen, worum es im offenen Web eigentlich geht. Mit Info-Handlungen wie Befreunden, Liken, Empfehlen und Updaten führen die sozialen Medien neue Schichten unsichtbaren Codes zwischen einem selbst und den anderen ein. Das Ergebnis ist die programmierte Reduktion komplexer sozialer Beziehungen und eine Verflachung sozialer Welten (hier sehr gut von Zadie Smith beschrieben: http://www.nybooks.com/articles/2010/11/25/generation-why/), in der es nur noch ‚Freunde‘ gibt.

Google+ wurde als Antwort auf die Möglichkeiten dieser New-Age-Weltsicht ins Leben gerufen, für ein Programmieren ohne Antagonismen. Das ist der Widerspruch des demokratisierten Internets: während viele von der vereinfachten Technologie profitieren, leiden wir alle unter den Kosten genau dieser Einfachheit. Facebook ist gerade wegen seiner technischen und sozialen Einschränkungen beliebt.

... Während wir weiterhin offene Daten fordern, Open Source Browser nutzen und über Netzneutralität und Copyright streiten, sperren Walled Gardens wie Facebook die Welt der technologischen Entwicklung aus und entwickeln eine ‚Personalisierung‘, bei der Nachrichten außerhalb des eigenen Horizonts gar nicht mehr in die eigene Informationsökologie eindringen können. Ein anderer wichtiger Wendepunkt, der uns vom Web 2.0 zu den sozialen Medien brachte, war die Ankunft der Smartphones und Apps. Das Web 2.0 basierte immer noch ganz auf PCs. Die Rhetorik der sozialen Medien betont dagegen Mobilität: die Lieblings-Social-Media-Apps sind auf dem Handy installiert und werden immer mitgeführt, egal wo man gerade ist. Das Ergebnis ist Informationsüberflutung, Abhängigkeit und eine weitere Schließung des Internets, das nur mobile Echtzeit-Applikationen begünstigt und uns zunehmend in beschleunigte historische Energiefelder hineinzieht, wie die Finanzkrise, den arabischen Frühling und die Occupy-Bewegung.

Im Juli 2011 ging das auf die Alternativen zu den sozialen Medien ausgerichtete Forschungsnetzwerk Unlike Us an den Start, gegründet vom Institute of Network Cultures in Zusammenarbeit mit Korinna Patelis (damals Cyprus University of Technology, Limassol). Die Einführungsveranstaltung fand am 28. November 2011 auf Zypern statt. Es folgten eine zweieinhalbtägige Konferenz mit Workshops vom 2. bis 11. März 2012 in Amsterdam und eine weitere, noch ein Jahr später und ebenfalls in Amsterdam. 9 Im Februar 2013 kam der Unlike Us Reader raus, bald gefolgt von einer Sonderausgabe des Online-Journals First Monday. Die klassische Kampagne der Unlike-Us-Ära ist Europa vs. Facebook und wurde initiiert vom damaligen Wiener Jurastudenten Max Schrems.

Die Snowden-Enthüllungen im Juni 2013 hatten zu dieser Zeit einen starken Einfluss auf die Bemühungen, Alternativen zu den sozialen Medien zu fördern. Die Agenda der Geeks und Aktivisten erweiterte sich währenddessen drastisch, von individuellen Apps und Software-Initiativen bis zur Zukunft des Internets insgesamt. Dabei mussten die Alternativen nicht nur dezentralisiert und nicht-kommerziell, sondern von nun an auch mit kryptographischem Datenschutz auf allen Ebenen ausgestattet sein. Auf praktischer Ebene war das eigentlich mehr, als ein verstreuter Haufen von Hacktivisten, der von einem europäischen Zentrum für angewandte Forschung zusammengebracht wurde, bewältigen konnte. So traf sich die Unlike-Us-Gemeinde nach einiger Zeit nur noch in sporadischen, wenn auch interessanten Debatten auf der Mailingliste – ein deutliches Zeichen dafür, dass wir nie auch nur im Ansatz der Aussicht auf ein Verschwinden der sozialen Medien nahegekommen sind.

... Die Anziehungskraft kommerzieller Projekte wie Instagram (heute ein Tochterunternehmen von Facebook) und Snapchat hat die allgemeine Stellung der großen Player nicht geschwächt. Die meisten amerikanischen Social Media Start-ups hatten nichts gegen Risikokapital und ließen sich leicht in das altbekannte Geschäftsmodell von schnellem Wachstum, Überwachung und Auswertung ihrer Nutzerdaten zwingen. Dies war auch der Fall bei Ello, das mit seinem Anti-Werbungsprinzip einen vorübergehenden Hype als potentielle Facebook-Alternative auslöste: „Wir glauben, ein soziales Netzwerk kann ein Werkzeug der Ermächtigung sein. Kein Werkzeug zum Täuschen, Nötigen und Manipulieren, sondern ein Ort, um sich zu verbinden, etwas zu kreieren und das Leben zu feiern. Du bist kein Produkt.“ Immerhin hatte es ein gekonntes Design, ein Aspekt, dem die meisten Alternativen kaum Beachtung schenkten.

... Wir müssen uns durch das Digitale hindurcharbeiten; es gibt in diesem Fall nicht die sichere Position des Außenstehenden. Aber dies kann nur getan werden, wenn wir unsere Arbeit als politisches Projekt sehen und im Dialog mit der Politik. Oder wie Carlo es auf der Unlike Us-Liste formulierte: „Wir warten nicht mehr darauf, dass irgendwas von den Technikern kommt, denn das wäre wie Warten auf Godot.“

Anm.d.Red.: Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Im Bann der Plattformen. Das Buch wird am 5. Juli 2017 um 19 Uhr in Zusammenarbeit mit der Berliner Gazette vorgestellt.

...


Aus: "Eine Welt jenseits von Facebook: Auf der Suche nach Alternativen zum digitalen Kapitalismus" Geert Lovink (03.07.2017)
Quelle: http://berlinergazette.de/welt-jenseits-von-facebook/

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[Das Internet der Konzerne (Notizen)... ]
« Reply #3 on: March 05, 2019, 01:30:56 PM »
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[...] STANDARD: Sie wähnen uns alle "auf dem Weg in die digitale Hölle". Warum das denn?

Türcke: Die große Internet-Utopie besagt ja: Es wird wunderbar sein, wenn wir endlich alle ständig miteinander verbunden sind. Die anderen sind dann immer da, man schaltet sie gewissermaßen ein, indem man sie direkt anspricht. So entsteht natürlich nicht globale Mitmenschlichkeit, sondern eine Art globales Callcenter, 24 Stunden am Tag – und das ist eine digitale Hölle.

STANDARD: Die Grundthese Ihres Buchs ist, dass die Digitalisierung eine neue Form der Vergesellschaftung bringt – eine neue Stammesgesellschaft. Wie sieht die aus?

Türcke: Der Begriff geht auf den Medientheoretiker Marshall McLuhan zurück. Er glaubte, dass nach der langen Epoche der Schrift, die die Menschheit wie ein Spaltpilz befallen und die Individuen vereinzelt habe, die ganze Welt durch elektronische Medien wieder verbunden und zu einer neuen Nähe direkten Sprechens und Hörens zusammenrücken würde, wie einst in der archaischen Stammeswelt. In dieser Vision sind auch immer alle da und zusammen. Die Menschheit wird zu einem globalen digitalen Stamm. Ja, sage ich, ein solcher Stamm ist im Entstehen. Nur bringt er nicht allgemeine zwischenmenschliche Nähe, sondern setzt unter den Druck ständiger Empfangs- und Sendebereitschaft. Wer da nicht mitmachen will, ist ausgeschlossen. Deswegen reden alle von Inklusion. Aus Angst vor dem Ausschluss beginnen sie das Eingeschlossensein für den erstrebenswertesten Zustand zu halten. Sie preisen es als Menschenrecht. Dahinter steht die Digitallogik. Außerhalb der Digitalität gibt es kaum mehr menschliche Lebensmöglichkeiten. Die gibt es nur noch in den Clans des digitalen Stamms.

STANDARD: Der Facebook-Clan, der Instagram- oder Twitter-Clan?

Türcke: Ganz genau – oder der Google-Clan. Diese Clans funktionieren wie archaische Schwärme oder Horden. Es gibt einen Schwarmsog. Wo die anderen hinschwärmen oder hingetrieben werden, da muss ich auch hin, sonst bin ich draußen.

STANDARD: Google und Facebook würden die Nutzerinnen und Nutzer nicht "knechten", schreiben Sie: "Sie saugen sie an. Doch damit machen sie sie abhängiger als jede politisch-militärische Gewalt." Wie überformen deren Funktionslogiken das Bewusstsein ihrer Stammesmitglieder alias Follower?

Türcke: Das Wort ansaugen sagt es schon: Es werden Suchtverhältnisse hergestellt. Stellen wir uns vor, Google oder Facebook sperrten einmal für 24 Stunden den Zugang. Was wäre die Folge? Angst, Panikattacken und Desorientierung größten Ausmaßes. Es haben sich suchtbasierte Gefolgschaften um diese Plattformen gebildet. Kritiker sagen, wir müssen die absolutistische Herrschaft von Google bekämpfen. Da fühlt sich Google nicht angesprochen. Die locken ihre Klientel ja mit universaler kostenloser Dienstbarkeit. Leute abhängig machen mit einem kostenlosen Dienst und dabei Milliarden verdienen: So ein geniales Geschäftsmodell hat es in der Geschichte noch nicht gegeben. Da wird durch Dienstbarkeit geherrscht. Hegels Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft ist auf neue Weise wieder aktuell. Die Herrschaft durch Dienstbarkeit, die eine suchtbasierte Abhängigkeit herstellt, ist gar nicht zu übertreffen. Da hat man die Leute innerlich am Gängelband, nicht durch äußere Unterdrückung.

STANDARD: Sie beschreiben die Suchmaschine Google ja in politischen Kategorien: "Praktiziert wird unablässige Basisdemokratie ohne res publica (öffentliche gemeinsame Angelegenheit) – ein Dauerplebiszit." Mit welchen Folgen für die reale Politik, die echte Demokratie?

Türcke: Es greift eine enorme Depolitisierung um sich. Die Politikverdrossenheit steigt extrem in einer Zeit, in der Politiker ständig mit einer enormen Staatsverschuldung konfrontiert sind. Ihr Gestaltungsraum schrumpft. Und dann kommen große Plattformen mit einem ungeheuren finanziellen Rückhalt und einer riesigen Attraktivität für ihre Nutzer und bieten den Staaten an: Wir übernehmen für euch ganze Ressorts, zum Beispiel die Bildungs- und Verkehrslogistik. Und wir machen das viel billiger als ihr. Das ist noch in den Anfängen, bahnt sich aber so drastisch an, dass man kein Prophet sein muss, um zu sehen, dass das die nähere Zukunft ist. In Deutschland wird gerade die Schulcloud eingerichtet. Die soll sämtliche Bildungsangebote enthalten, alle Auswertungsmechanismen, Feedbacks in Echtzeit, die die Schüler sofort überprüfen und ihnen gleich individuell zugeschnittene neue Aufgaben übermitteln. Die Schüler hängen als Reiz-Reaktions-Bündel am Tropf einer feinjustierten Bildungsmaschine. Das Lehrpersonal wird zum marginalen Begleiter. Eine private Firma übernimmt das Bildungsmanagement und nutzt alle dabei anfallenden Schüler- und Lehrerdaten. Grauenerregend und, wenn einmal etabliert, kaum mehr rückgängig zu machen.

STANDARD: Sie schreiben über die "Auflösung der Öffentlichkeit" durch die Durchdigitalisierung aller Lebensbereiche. Welche Auswirkungen hat das?

Türcke: Öffentlichkeit ist etwas Paradoxes: eine besondere Sphäre zur Artikulation von Allgemeinem. Sie artikuliert das, was alle angeht. Das kann sie gar nicht anders tun als repräsentativ. Öffentlichkeit hat stets etwas mit Fürsprache für andere zu tun, die sich nicht jederzeit artikulieren können. Fürsprecher und Repräsentanten, die für andere sprechen und sie repräsentieren sollen, sind tendenziell freilich immer auch Vormünder, die andere nicht zu Wort kommen lassen. In der Frühzeit des Internets glaubte man, das Vormundsproblem mit einem Schlag loswerden zu können. Jeder geht unmittelbar ins Netz. Da brauchen wir den ganzen Mist der Repräsentation nicht mehr.

STANDARD: Dieser "Mist" scheint aber doch nicht ganz verzichtbar.

Türcke: Ja, denn jener Cyberspace, jener nicht regierbare Raum, in dem sich jeder ohne jeden Repräsentanten vollkommen frei bewegen können soll, war nicht das Reich der Freiheit, wie die Internetpioniere in den 90er-Jahren glaubten, sondern ein neuer hochtechnologischer Dschungel. Schon nach kürzester Zeit musste man irgendeine Struktur in diesen Dschungel bringen. Die Suchmaschine Google und die Likemaschine Facebook haben das getan und dabei nichts Geringeres geschaffen als eine neue Weltordnung. In deren Koordinaten verläuft die globale Kommunikation. Nach deren Pfeife tanzt die Vergesellschaftung: die Bildung unterkomplexer, clanartiger Horden und Schwärme im Kraftfeld von Plattformen. Google und Facebook sind gewaltige neue Vormünder – ungleich beherrschender als die alten der repräsentativen demokratischen Öffentlichkeit. Und plötzlich stellt sich nicht mehr die Frage, wie stellen wir durch das Internet endlich Demokratie her, sondern wie schützen wir die Demokratie vor dem Internet?

STANDARD: Wie schützen wir die Demokratie denn vor dem Internet?

Türcke: Genauso wie man kleine Kinder vor alledem schützt: durch geringstmöglichen und wohldosierten Gebrauch. Man sollte die zahllosen Dinge, für die man keinen Computer braucht, auch weiterhin ohne diese Geräte machen. Es muss nicht gleich jedes Arbeitsblatt für die Schule digitalisiert werden.

STANDARD: In Summe ist Ihre Analyse schon etwas sehr kulturpessimistisch. Wo sehen Sie denn auch Positives an den Möglichkeiten der Digitalisierung?

Türcke: Ich habe diverse Lichtblicke aufgezählt: Wikipedia etwa oder all die Menschenrechtsaktivisten in diktatorischen Ländern, die mit ihren Blogs im Internetdschungel eine Nische finden, an die autoritäre Staaten schlecht rankommen. Die sind zwar unbedingt zu unterstützen, aber es sind lediglich Lichtblicke im Dschungel. Diese Verhältnismäßigkeit ist nicht zu vergessen. Leider können wir uns nicht einfach entscheiden, ob wir ein kommerzielles und brutales Internet wollen oder ein Internet der Vernunft, Transparenz und Demokratie. Wir haben keine Wahl zwischen zwei Internets. Der Dschungel bleibt.

STANDARD: Immerhin, Ihr Ausblick ist nachgerade revolutionär.

Türcke: Tatsächlich sehe ich im 3D-Druck ein Potenzial zur Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise. Was passiert, wenn diese Technik sich so entwickelt, dass alle neben einem PC auch einen PP (Personal Producer) hätten und sich die entscheidenden Gebrauchsgüter selbst herstellen könnten? Dann verfügten alle über Privateigentum an Produktionsmitteln. Die Produktionsmittel wären vergesellschaftet – nicht durch die Enteignung von Kapitalisten, sondern durch Zueignung an alle. Die Enteignung privater Firmen hat immer bloß zur Verstaatlichung geführt. Weiter ist der Sozialismus nie gekommen. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel würde hingegen den Weg zu einer neuen hochtechnologischen Selbstversorgungswirtschaft beschreiten. Die brächte zwar nicht sogleich das gute Leben, stünde aber nicht mehr unter kapitalistischem Expansionszwang. Und das wäre schon enorm viel. Ob es dazu kommt, wissen wir nicht. Aber die Perspektive ist da.

Christoph Türcke, geb. 1948, studierte Evangelische Theologie und wurde 1972 in Zürich zum Pfarrer ordiniert, danach Studium der Philosophie an der Universität Frankfurt, 1977 Promotion, von 1995 bis 2014 war er Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. -




Aus: ""Google und Facebook sind gewaltige Vormünder"" Lisa Nimmervoll (4.3.2019)
Quelle: https://derstandard.at/2000098892112/Philosoph-Christoph-Tuercke-Google-und-Facebook-sind-gewaltige-Vormuender

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Wienamasta

Autsch das tut weh.

Erinnert mich irgendwie an den Ausspruch einer alten chinesischen Adeligen in einem der Büchervon Pearl S. Buck: "Wozu brauchen wir einen Apparat, der die Worte unter dem Meer reisen lässt. (Telefon). Was hätten wir den Barbaren in jenen fernen Ländern zu sagen?!"


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Cisleithaner

Da steckt doch der Pfarrer im Philosophen! Böse Technik = Hölle. Erlöse uns der Herr aus den Fängen des satanischen Internets und denen des teuflischen Kapitalismus auch. O sancta simplicitas!


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angelo6

Da redet ein Blinder von der Farbe
Jede neue Technologie bietet neue Chancen und bringt neue Risken. Da muss man ansetzen und nicht an unrealistischen Vorstellungen von 3-D-Druckern !

/quote]

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hukunamatata

es ist schon traurig das Wissen der Welt liegt in unseren Händen und doch verblödet die Gesellschaft zusehens.
Als User sollte man nie vergessen das Google, Facebook und Co Unternehmen sind die Profit machen wollen und deshalb versuchen sie alles um den User so lange wie möglich auf ihren Seiten zu halten.
Sieht so aus als bräuchte das Internet eine neue Aufklärung, Kant 2.0 sozusagen.
‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘


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Re: [Das Internet der Konzerne (Notizen)... ]
« Reply #4 on: April 10, 2019, 11:15:26 AM »
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[...]  Der Text wurde dem neuesten Heft der Fabrikzeitung über "Die neue Öffentlichkeit" entnommen. Die Fabrikzeitung ist ein Magazin für kulturelle, gesellschaftliche und politische Themen; sie wird durch das Kulturzentrum Rote Fabrik herausgegeben und erscheint seit 1984 zehn Mal jährlich. Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland berichten über die Hintergründe, die Nebenschauplätze, die Zusammenhänge des Zeitgeschehens und schaffen damit einen Raum für kritischen Diskurs. https://www.fabrikzeitung.ch/category/neue-oeffentlichkeit/#/
 ... Adrian Lobe hat in Tübingen, Paris und Heidelberg Politik- und Rechtswissenschaften studiert und arbeitet als freier Journalist. 2016 wurde er für seine Artikel über Datenschutz und Überwachung mit dem Preis des Forschungsnetzwerks Surveillance Studies ausgezeichnet. Für seinen Artikel "Wir haben sehr wohl etwas zu verbergen!" erhielt er 2017 den ersten Journalistenpreis der Stiftung Datenschutz. ...


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In der Mitte der 1990er Jahren war im Grundrauschen der Modems, die in Wohnzimmern und Büroräumen installiert waren, ein Revolutionsknistern zu vernehmen. Der Siegeszug des World Wide Web würde die Demokratisierung beschleunigen, er würde autoritäre Herrscher hinwegfegen, tradierte Institutionen überflüssig machen, Machenschaften ans grelle Licht der Öffentlichkeit zerren, die Welt zu einer "Placeless Society" (William Knoke) machen, für die Orte keine Rolle spielen. Futuristen und Akzelerationisten berauschten sich an der Geschwindigkeit der Bytes und Bits ebenso wie Kapitalisten. Die gegenkulturellen Netzaktivisten erträumten eine Cyberagora, einen elektronischen Marktplatz von Ideen, wo alle gleichberechtigt am Diskurs partizipieren können.

Der Internetpionier John Perry Barlow postulierte in seiner "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace" im Jahr 1996: "Wir erschaffen eine Welt, in der jeder Einzelne an jedem Ort seine oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, wie individuell sie auch sind, ohne Angst davor, im Schweigen der Konformität aufgehen zu müssen."

Dass diese Utopie herrschaftsfreien Diskurses im Netz eine Utopie bleiben würde, war selbst dem größten Optimisten klar. Auch der gerne idealisierte Speakers Corner, wo seit 140 Jahren die freie Rede kultiviert wird, war immer bloß ein Corner, eine Ecke der Debattierfreude, ein Schaukasten für besonders bunte Ideen, wo sich die demokratische Gesellschaft ihrer Werte vergewisserte, wohl wissend, dass die freie Rede in elitären Kreisen wie Eton oder Oxford auch von informellen und formellen Sprachregelungen eingeschränkt wird. Die brachiale Art und Weise, mit der diese Utopie einer elektronischen Agora (vorläufig) gescheitert ist, hat dann aber doch überrascht. Fake-News fluten das Netz, Hasskommentare verrohen den Diskurs, Trollfabriken manipulieren Wahlkämpfe, Hacker greifen Daten ab, Meinungsroboter torpedieren den politischen Diskurs, autoritäre Regime zensieren das Netz.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden die grüne Revolution im Iran (2009) sowie der Arabische Frühling (2011) als "Twitter-Revolution" bezeichnet. Die euphorischen Berichte von Journalisten, die in dem privaten Kurznachrichtendienst den Katalysator eines Demokratisierungsprozesses sehen wollten, wirken heute seltsam antiquiert. Die autoritären Herrscher fürchten das Internet schon lange nicht mehr, im Gegenteil, sie nutzen es als Instrument zur Überwachung und Unterdrückung. Der britische Physiker Tim Berners-Lee, der 1989 am CERN das World Wide Web erfand, stellte konsterniert fest, dass seine Schöpfung "kaputt" sei. Er will das Internet mit einem Open-Source-Projekt reparieren.

Die Diagnose, dass das Internet kaputt sei, greift etwas zu kurz, weil es "das" Internet nicht gibt und der ramponierte Zustand des World Wide Web im Zusammenhang mit den defekten Teilöffentlichkeiten steht: In den USA hat seit einigen Jahren, nicht zuletzt durch die Entwicklung des Internets, ein massives Zeitungssterben eingesetzt. Laut einer Studie der University of North Carolina mussten in den USA seit 2004 1800 Lokalzeitungen schließen. Wo Öffentlichkeit verschwindet, verschwinden auch der öffentliche Raum und seine Regeln.

 Auf der anderen Seite gibt es im Netz weiterhin intakte Formate wie Blogs oder Foren, die auch ohne Algorithmentechnik funktionieren. Die Wikipedia hat sich, trotz manch erbitterter Scharmützel seiner Editoren ("Edit Wars"), als erstaunlich robust gegen Fake-News und politische Manipulationsversuche erwiesen. Die Enzyklopädisten Diderot und d'Alembert hätten über das stiftungsfinanzierte Online-Lexikon und dessen kollaborativem Geist sicherlich gestaunt.

Nachdem die Blogosphäre einen leisen Tod starb, ist Wikipedia das letzte Relikt des Web 2.0 inmitten eines kommerzialisierten und durch Überwachungsstrukturen durchsetzten Internets, wo Tech-Konzerne wie Google oder Facebook durch die Ausforschung der Privatsphäre und personalisierte Werbung Milliarden verdienen. Doch auch dieses letzte genossenschaftlich bewirtschaftete Reservat droht in die korporativen Strukturen überführt zu werden. Tech-Konzerne wie Google, Facebook und Amazon nutzen Wikipedia-Beiträge zur Optimierung ihrer KI - und spenden dafür ein paar kümmerliche Millionen.

Die Google-Schwester Jigsaw etwa hat auf Grundlage von 115.000 Beiträgen auf Wikipedia-Diskussionsseiten ein Moderationstool (Perspective) entwickelt, das mithilfe maschinellen Lernens Hass-Postings und Trollereien erkennen soll. Der Algorithmus bewertet auf einer Skala von 0 bis 100 die Toxizität eines Beitrags. Die Frage ist nicht nur, ob Toxizität vielmehr eine Diskurskategorie aus autoritären Regimen ist, sondern auch, ob das Konzept der Commons nicht überstrapaziert wird, wenn sich profitorientierte Konzerne wie an einem Steinbruch an dem Wissensschatz bedienen. Was ist der Wert geistiger Arbeit, wenn Texte zu Trainingsdaten für geistlose künstliche Intelligenzen verkommen? Endgültig konterkariert, ja pervertiert würde der Commons-Gedanke, wenn mithilfe von Wikipedia-Diskussionen andernorts Diskussionsbeiträge gelöscht würden, die Editoren damit zu Handlangern der Zensur würden. Die großen Plattformen haben das partizipative Web gekapert. Es ist also genau das eingetreten, was die Vordenker des World Wide Web immer verhindern wollten: eine Zentralisierung, Monopolisierung und Vermachtung der Kommunikationsströme.

Die Netzöffentlichkeit wird heute von privaten Konzernen und ihren Algorithmen gelenkt. Egal, welchen Link man aufruft - man gelangt fast immer über Google, Facebook oder Twitter auf die Seite. Damit wächst den Konzernen eine beispiellose Gatekeeperfunktion zu. Als Google 2013 für ein paar Minuten offline war, brach der globale Internet-Traffic um 40 Prozent ein. Das zeigt, wie abhängig das Netz von zentralen Knotenpunkten ist. Wann immer die Konzerne an ihren Algorithmen drehen, hat dies Auswirkungen, nicht nur auf die Statik der Internet-Architektur, sondern auch auf politische Systeme. Der in der Provinz verankerte Protest der Gelbwestenbewegung in Frankreich ist mutmaßlich auf die Modifikation von Facebooks Newsfeed-Algorithmus im Januar 2018 zurückzuführen, der lokale Posts priorisiert. Dass in amerikanischen Rechenzentren die politische Agenda in Europa mitgesteuert wird, ist eine Entwicklung, die in der Diskussion über die politische Einflussnahme durch russische Trollfabriken gerne übersehen wird, jedoch die zunehmend schwächer werdende Selbstregulierungskapazität bürgerlicher Öffentlichkeiten indiziert.

Mit der Erosion der Schleusenwärterfunktion durch Algorithmen quillt immer mehr Müll an die Benutzerfläche. Plattformbetreiber wie Facebook oder YouTube beschäftigten auf den Philippinen einen digitalen Putztrupp, sogenannte Content-Moderatoren, die für ein paar Dollar am Tag den Unrat aus dem Netz beseitigen müssen: Sodomie, Kinderpornographie, Enthauptungsvideos und andere Grausamkeiten. Weil die "Cleaner" häufig traumatisiert sind, wollen Tech-Konzerne - gewissermaßen aus einem Gehlenschen Entlastungsgedanken heraus - Maschinen die Drecksarbeit übernehmen lassen. Schon heute prüfen automatisierte Systeme hochgeladene Videos. Doch der Mensch ist noch immer die billigere Sortiermaschine.

In den Richtlinien von YouTube heißt es: "Es dürfen keine gewalttätigen oder blutrünstigen Inhalte hochgeladen bzw. veröffentlicht werden, die vorrangig in schockierender oder effekthascherischer Art und Weise gestaltet sind bzw. grundlose Gewalt darstellen." Was jedoch den Tatbestand der "grundlosen Gewalt" erfüllt (auch Actionfilme?), ist nicht Auslegungssache, also Gegenstand einer diskursiven Praxis, sondern das Resultat mathematischer Rechenoperationen. Wenn der Objekterkennungsalgorithmus in einer Videosequenz drei Waffen identifiziert, könnte das System die Inhalte als nichtzeigenswürdig melden. Außerhalb der Determinismen gibt es gar keine Wahrheit mehr. Die algorithmischen Wertungen ("Dieses Video wurde entfernt") kommen mit einem Absolutheitsanspruch daher, als bedürfte es gar keiner Diskussion mehr, als wäre der Sachverhalt von höchstrichterlicher Instanz entschieden. Die Maschine hat gesprochen, Ende der Debatte.

Wie stupide diese Filtertechniken operieren, demonstrierte der australische Musik-Dozent Sebastian Tomaczak: Er lud auf YouTube ein Video hoch, das zehn Stunden lang nichts anderes als ein monotones Rauschen und ein graues Muster wie beim Sendeschluss zeigte. Man kann dies als performativen Kunstakt interpretieren, der die Monotonie der Plattform auf eine Metaebene hebt. YouTubes automatisiertes Content-ID-System identifizierte in dem Material jedoch fünf Urheberrechtsverstöße. Dass in diesen kybernetischen Kontrollschleifen auch Satire hängenbleibt und aussortiert wird und darin eine kulturelle Verachtung zum Ausdruck kommt, ist evident. Doch angesichts der 400 Stunden Videomaterial, die pro Minute (!) auf YouTube hochgeladen werden, bleibt der Plattform gar nichts anderes übrig, als den großen Kehricht zu schwingen und seine Kriterien restriktiv auszulegen.

Die Entfesselung der Informationen, die die von den fortschrittsoptimistischen Netzaktivisten immer herbeigesehnt wurde, führt paradoxerweise zu einer neuen Formen- und Sittenstrenge, einer Restauration von Autoritäten, die mit opaken, von der allgemeinen Öffentlichkeit nicht überprüfbaren Formeln die Meinungsströme lenken und mit der algorithmischen Zertifizierung die Grenzen des Sagbaren festzurren. Dieser technische Rigorismus paart sich dabei mit einer Sozialmoral, die erst auf den zweiten Blick deutlich wird: Facebook, das wiederholt Darstellungen von Nacktheit - etwa das "Napalm-Mädchen" oder die Neptun-Statue - aus Rücksicht auf religiöse Minderheiten gelöscht hat, weist in seinen "Gemeinschaftsstandards" explizit darauf hin, dass anstößige und taktlose Inhalte unerwünscht seien. Die Privatisierung und Technisierung meinungsbildender Prozesse und die damit einhergehende Delegation von Wertentscheidungen an Programmierer und Algorithmen führt letztlich zu einer Entmündigung bzw. Bevormundung liberaler Gesellschaften.

Der ehemalige Google-Chef und aktuelle CEO der Mutterholding Alphabet, Eric Schmidt, sagte einmal: "Wir sind sehr gut darin zu erkennen, was am meisten und wenigsten relevant ist. Es sollte für Computer möglich sein, bösartige, irreführende und inkorrekte Informationen zu detektieren und sie nicht sehen lassen. Wir reden hier nicht einer Zensur das Wort, wir argumentieren, es von der Seite herunterzunehmen, es woanders hinzutun und schwerer auffindbar zu machen." Die Gefahr ist, dass über die Installation von Filtertechniken eine klinisch reine Diskursarena erzeugt wird, wo das wie auch immer definierte Böse, Irreführende und Verstörende schon gar nicht mehr auftaucht, sondern nur noch Gefälliges.

Forderungen nach mehr Transparenz tritt Google mit der Schutzbehauptung entgegen, dass die Offenlegung seines Suchalgorithmus eine Einladung an Spammer wäre und in einem informationellen Kollaps resultieren würde. Suchmaschinenoptimierer könnten Werbung an erster Stelle platzieren, Krypto-Anarchisten Google-Dummys kreieren. Der Nutzer würde nichts mehr finden. Die digitale Gesellschaft hat also mit dem verstörenden Umstand zu leben, dass die Ordnung von Informationen nur durch ihren eigenen Black-Box-Charakter aufrechterhalten werden kann. Anders gewendet: Die Informierung der Öffentlichkeit funktioniert nur dann, wenn das Sicherheitsdispositiv im Verborgenen bleibt. Man könnte dies dialektisch als antiaufklärerische Aufklärung begreifen, als eine Art "embedded public", das nur noch durch die Sehschlitze automatisierter Systeme blickt.

Wie die Entwicklung weitergehen wird, ob sich abseits der Plattformen kritische Gegenöffentlichkeiten konstituieren, auf denen sich subversiver Protest organisieren lässt, wird abzuwarten sein. Mit Blick auf China ist jedoch anzunehmen, dass sich das zunehmend autoritär regulierte Web immer mehr von den anfänglichen Netzutopien entfernt.


Aus: "Die Plattformen haben das partizipative Web gekapert" Adrian Lobe (08. April 2019)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Die-Plattformen-haben-das-partizipative-Web-gekapert-4365432.html


Quote
     Steinmerkel, 08.04.2019 16:49

Guter Witz

" Die Wikipedia hat sich, trotz manch erbitterter Scharmützel seiner Editoren ("Edit Wars"), als erstaunlich robust gegen Fake-News und politische Manipulationsversuche erwiesen. "

Lächerlich. Unterirdisch. Uninformiert. Verblendet.


Quote
     DasWoelfchen, 08.04.2019 21:54

Lediglich die Verschiebung der Deutungshoheit

Früher waren die Journalisten die Torwächter - was nicht bei "heute", "Tagesschau", "FAZ" oder "Bild" sichtbar war, existierte einfach nicht.

Hier wurde gefiltert und redigiert was das Zeug hielt und später - nach Einzug des Privatfernsehens - auch durch geschickte Auswahl der Teilnehmer in Talkshows das politische Terrain geebnet, um dem Publikum "alternativlose Wahrheiten" verkaufen zu können. ... Heute entscheiden Konzernstrategen und maschinelle Filter bei den großen Internetfirmen, was die Nutzer von den tatsächlich generierten Inhalten auch wirklich zu sehen bekommen. Nicht umsonst klagen die großen Verlagshäuser und Fernsehanstalten über den eklatanten Verlust ihrer Meinungsführerschaft und setzen Himmel und Hölle in Bewegung, diese "gute alte Zeit" wiederauferstehen zu lassen.

... Die Methoden und Verfahren - ja sogar die zugrunde liegende Agenden - mögen sich ändern, aber gefiltert, gesteuert und aussortiert wird heute genauso wie vor 40 Jahren. Das einzige was sich geändert haben mag ist die Tatsache, dass sich eine immer größer werdende Anzahl von Menschen dieser Manipulation bewusst wird.


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[Das Internet der Konzerne (Notizen)... ]
« Reply #5 on: June 17, 2019, 03:19:22 PM »
Quote
[...] Anfang Juni 2018 gab Microsoft den Ankauf der Code-Plattform GitHub bekannt. Anders ausgedrückt: Das größte Code-Repository der Welt, eine Art Basislager für alle diejenigen, die mit Software etwas anderes vorhaben als schlicht Profit machen, wird ausgerechnet von dem Konzern übernommen, der wie kein anderer für das Milliardengeschäft mit proprietären Software-Lizenzen steht.

Immer wieder kommt es vor, dass neue Techniken, Erfindungen oder Konzepte Hoffnungen wecken, sie würden wahlweise die Macht von großen Konzernen einschränken, zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit führen, kurz: aus der Welt einen besseren Ort machen. Zur Jahrtausendwende bekundete der damalige US-Präsident Bill Clinton solcherart technologische Zuversicht: "Im neuen Jahrhundert wird sich die Freiheit durch Mobiltelefon und Kabelmodem verbreiten." Das Internet, Open-Source-Software, Peer-to-Peer-Anwendungen – Die Liste an technologischen Hoffnungsträgern, von denen ihre Zeitgenossen wundersame Wirkungen erwarteten, ist lang.

Gerne wird auf das Motiv des Ausschlusses von Vermittlern zurückgegriffen, deren Beseitigung wundersame Wirkungen zugeschrieben wird. So behauptete etwa der kanadische Management-Guru Son Tapscott 1996: "Die Mittlerfunktionen zwischen Produzenten und Konsumenten werden durch digitale Netzwerke ausgeschaltet." Tatsächlich haben wie seitdem eher das Gegenteil erlebt: Auf den netzneutralen Protokollen des Internets aufbauend sind neue Gatekeeper entstanden, die mächtigen und zu Monopolen gewordenen Plattformen der Digitalkonzerne.

Tapscott zeigt sich von solchen Entwicklungen gänzlich unbeeindruckt und hat schon die nächste Technologie ausgemacht, mit der es diesmal klappen soll mit der Weltverbesserung: "Die Blockchain Revolution. Wie die Technologie hinter Bitcoin nicht nur das Finanzsystem, sondern die ganze Welt verändert", heißt sein neues Buch. Meiner Skepsis, ob es mit dieser Technologie klappen wird, habe ich bereits in einem "Missing Link" Ausdruck gegeben.

Eins wird jedenfalls deutlich: Der Kapitalismus hat es noch jedes Mal geschafft, neue Technologien mitsamt ihrer Potenziale und Dynamiken zu integrieren. Ein besonders schönes Beispiel für eine beeindruckende feindliche Übernahme einer revolutionären, widerständigen Technologie durch einen kapitalistischen Player jährt sich derzeit zum ersten Mal und ist deshalb wert, einmal aus dieser Perspektive gewürdigt zu werden.

Der Software-Riese aus Redmond galt lange Zeit als das Hassobjekt Nummer eins der Software-Szene. Hatte doch Bill Gates als Fünfundzwanzigjähriger IBM mit einem Software-Deal über den Tisch gezogen und damit nicht nur das Software-Imperium Microsoft begründet, sondern auch die Ära lizenzierter Software eingeläutet. Beim berühmten IBM-Deal im Jahr 1980 gelingt dem jungen Bill Gates ein kluger Schachzug, der sich als größte und gewinnbringendste Geschäftsidee der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erweisen sollte. Er kaufte das Betriebssystem QDOS vom Programmierer Tim Paterson für 50.000 Dollar, inklusive Quellcode und sämtlicher Nutzungsrechte. Ein guter Geschäftsmann oder eine gute Geschäftsfrau hätte daraufhin wahrscheinlich versucht, das leicht veränderte Programm für einen deutlich höheren Preis an IBM weiterzuverkaufen.

Nicht jedoch Bill Gates. Er war im Gegensatz zum IBM-Management davon überzeugt, dem PC stünde eine goldene Zukunft und der Durchbruch im Massenmarkt für die gerade entstehenden Personal Computer bevor. Er bot ihnen ein Lizenzmodell an: Microsoft erteilte IBM einfache Nutzungsrechte und erhielt pro verkauftem IBM-PC eine Lizenzgebühr – und obendrein kostenlose Werbung, war doch der mit dem Microsoft-Logo versehene Bootscreen ab sofort und jeden Tag aufs Neue das erste, was PC-Benutzer zu sehen bekamen. Zusätzlich konnte Gates allen anderen PC-Herstellern, also IBMs Konkurrenten, den gleichen Deal anbieten, dem diese ebenso bereitwillig zustimmten.

Der Rest ist Geschichte: Die PC-Revolution brach aus, IBM verkaufte Millionen der neuen Geräte und die Konkurrenz ebenso. Sie lieferten sich dabei einen Preiskrieg der als clone war in die Geschichte eingegangen ist, einzig Microsoft profitierte von den Erfolgen beider Seiten. Microsoft erlangte eine Monopolstellung im Bereich PC-Betriebssysteme und Büroanwendungssoftware, die bis heute anhält, und Bill Gates wurde zum reichsten Mann der Welt. Die Firma ist wegen dieser Rolle als Erfinder und maximaler Profiteur von Software-Lizenzierung seitdem beliebtestes Hassobjekt der Gegenbewegung.

Die kollektive Entwicklung von Software, deren Quellcode offen für alle zugänglich ist, die lizenzfrei vertrieben, verändert und zweckentfremdet werden kann, ist das Credo der Gegenseite. Der Linux-Begründer Linus Torvalds initiierte im Jahr 2005 ein Projekt, dessen Ziel ein frei verfügbares Tool für Software-Entwicklung war, das Versionierung ermöglichte, also die Möglichkeit, Entwicklungsstufen zu dokumentieren. Das Projekt bekam den Namen Git und sollte die Verwaltung von Code-Versionen erleichtern und die Koordinierung und Synchronisierung vieler parallel am gleichen Quellcode Arbeitenden ermöglichen.

Vorläufer gab es schon lange, bereits 1972 wurde SCCS erfunden, das erstmals die Möglichkeit bot, ein automatisches Protokoll des Entwicklungsprozesses zu erzeugen. Mit SCCS konnten auch bereits mehrere Personen am gleichen Code arbeiten, wenn auch nicht simultan. Parallele Veränderungen ("branches") waren mögliche, deren Zusammenführung ("merge") und das nachfolgende Einspeisen bzw. Konsolidieren ("commit") musste allerdings immer noch einzeln und von Hand geschehen.

Neu bei Git ist zudem die Dezentralität, es ist als distribuierter Service konzipiert, und erinnert darin etwa an das Design der Blockchain. Es gibt also keinen zentralen Server, alle Beteiligten haben lokal die komplette Version eines Projekts zur Verfügung.

Git stellt sicherlich eine der wichtigsten Innovationen im Bereich Software-Entwicklung dar, seit Margaret Hamilton aus dem Programmieren eine Ingenieurswissenschaft machte. Torvalds Projekt setzte sich – wie so oft bei konkurrierenden Technologien, nicht unbedingt nur auf Grund von sachlichen Kriterien, weltweit gegen die Konkurrenz (etwa von SVN) durch. Gutes Marketing und ein berühmter Name trugen wohl ihren Teil zum bei.

Doch das Versionsverwaltungssystem muss irgendwo "laufen", die Daten irgendwo gehostet werden. Die "Lagerhallen" für Git-Code stellte ab 2008 das kleine Startup GitHub zur Verfügung, die das Hosting der Git-Repositorien anbot, ohne Werbung und gegen geringe Gebühren. Es wurde durch immer neue Funktionen sowie kostenloses Hosting von öffentlichen Projekten schnell zum Anbieter der Wahl für die Entwicklerszene und, wie c't-Redakteur Jan Mahn betont, zu einem "sozialen Netzwerk für Entwickler".

Chinesische Aktivisten haben kürzlich unter dem Namen 996.ICU ein Repository auf GitHub eingerichtet, das sich zu einem der erfolgreichsten aller Zeiten entwickelt hat. Die Aktion ist Teil der wachsenden Anti-996-Bewegung in China, die sich auf einen in der dortigen Tech-Industrie verbreitetes Arbeitspensum bezieht – von neun bis neun, sechs Tage die Woche (996) – mit programmiertem Ende auf der Intensivstation (Intensive Care Unit).

In wenigen Monaten hat das Projekt mehr Sterne, die wie Facebook-Likes auf der Plattform funktionieren, als das Open-Source-Framework für künstliche Intelligenz von Google TensorFlow. Im April dann veröffentlichten Katt Gu und Suji Yan die "Anti-996-Lizenz", um die Arbeitsbedingungen für Programmierer zu verbessern. Die Lizenz schreibt Unternehmen vor, die Software des Projekts zu verwenden, um die lokalen Arbeitsgesetze sowie die Standards der Internationalen Arbeitsorganisation zu erfüllen. GitHub ist gut gewählt, fällt es doch chinesischen Zensurbehörden schwer, den für die chinesische IT wichtige Plattform einfach abzuschalten.

In der Schatzkammer der Entwickler-Community befinden sich derzeit 57 Millionen Programmcode-Repositorien, davon sind über die Hälfte öffentlich zugänglich. Über 28 Millionen Benutzer "sprechen" 337 verschiedene Programmiersprachen, "fork it on GitHub" (etwa: mach eine Verzweigung auf GitHub!) ist zum geflügelten Wort für Code-Entwicklung geworden. Allein 2,3 Millionen davon sind JavaScript-Projekte, der häufigsten Sprache auf der Plattform.

Am 4. Juni 2018 verkündete Microsoft die Übernahme von GitHub. Die Branche war fassungslos, konnten doch die beiden Beteiligten scheinbar gegensätzlicher nicht sein: Als würde sich Volkswagen die Deutsche Umwelthilfe oder RWE das Hambi-Camp 2.0 einverleiben! Boykottaufrufe ließen denn auch nicht lange auf sich warten.

Doch was steckte dahinter? CEO Satya Nadella sagte, dieser Deal würde "das Engagement von [Microsoft] für Entwicklerfreiheit, Offenheit und Innovation stärken". Im Januar 2019 senkte Microsoft sogar die Preise, auch private, d.h. nicht öffentlich einsehbare Repositorien, die vorher 7 US-Dollar pro Monat gekostet haben, wurden kostenlos. Es gibt nach wie vor Bezahlmodelle für Firmen, Teams etc. Trotzdem ein deutlicher Schritt, das Microsoft mit GitHub nicht fürs Hosting Geld verdienen will.

Microsoft will näher an die Millionen Coder, der Aspekt als soziales Medium einer erlesenen Gemeinschaft ist entscheidend, neben Image-Effekten, die man als "open-source-Washing" bezeichnen könnte. Experten zufolge ist Microsoft bestrebt, sich gegen Google und Apple zu behaupten, die mit dem App Store und dem Play Store hauptsächlich auf Mobilgeräten Armeen von Drittentwicklern angeheuert haben. Microsoft konzentriert sich auf die Erhöhung der Cloud-Präsenz und hat festgestellt, dass dies am besten durch Entwickler erreicht werden kann. Es ist eher ein Schritt für Microsoft, weg vom klassischen Software-Geschäft und hin zur Plattform-Ökonomie.

Und wie sieht das Geschäftsmodell aus? Auf der Heise-Bühne der Cebit 2018 boten GitHub-Manager Einblick: Die Millionen Coder und ihre Repositorien sind eine unerschöpfliche Quelle für Metadaten. Wer arbeitet mit welchen Tools an welchen Projekten in welchen Branchen? Solche und ähnliche Fragen kann GitHub mit einer weltweit konkurrenzlosen Datenbasis beantworten. Informationen, die aus diesen Daten extrahiert werden können, werden wohl künftig für GitHub essenziell: Plattformkapitalistische Daten-Monetarisierung in Reinkultur! Und im Ergebnis ist ein Lieblingsprojekt partizipatorischer Code-Entwicklung zu einem Big-Data-Pool eines Digitalkonzerns geworden.

Immer wieder werden Dezentralität, Verschlüsselung, Anonymität, Privacy, Transparenz, Offenheit ins Feld geführt; für utopische, die technische Seite transzendierende Eigenschaften, Effekte und Potenziale werden angedichtet, dazu demokratisierende, anti-kapitalistische etc. Dem steht die Fähigkeit des Kapitalismus gegenüber, revolutionäre, ja einmal für unversöhnlich antagonistisch eingeschätzte Technik, Bewegungen, Gedanken nicht nur zu parieren, sondern diese sich einzuverleiben. Und sich dadurch zu verändern, zu mutieren, so dass das Gift nicht nur nicht vergiftet, sondern nach einer Weile zum Nahrungsmittel wird.

Auf die radikale Künstlergruppe der Situationisten, die unter anderem die Hackerbewegung beeinflussten, geht der Begriff Rekuperation zurück. Sie beschrieben bereits in den 1960er Jahren, wie widerständige Kunst vom Kapitalismus einverleibt und neutralisiert wird. Gleichzeitig verändert sich dieser in dem Prozess der "Wiedereinverleibung" und geht gestärkt aus der Krise hervor, die die Intervention zunächst provoziert hat. Das Prinzip der "Wiedereinverleibung" wird seither auch in anderen Bereichen verwendet, nämlich immer dann, wenn zunächst widerständige und oppositionelles Verhalten, Ansichten oder auch Techniken sukzessive einverleibt, verdaut und neutralisiert werden.

Die Liste der diesbezüglichen Enttäuschungen ist ebenso lang. Um den 3D-Druck ist es in letzter Zeit schon stiller geworden, dem noch vor ein paar Jahren das Potenzial zugetraut wurde, die Hegemonie der Industrie zu brechen. Auch die Strahlkraft von Blockchain und Kryptowährungen hat erheblich nachgelassen, derzeit im Hype-Cycle noch eher oben: Künstliche Intelligenz.

Dabei können wir vom Cyber-Theoretiker Stafford Bear eins lernen: "Der Zweck eines Systems ist, was es tut." Egal, was für Potenziale und Fähigkeiten dystopischer oder utopischer Art von ihren Schöpfern oder Anwendern vermutet, welche Hoffnungen oder Befürchtungen in sie gelegt werden – geschenkt! Entscheidend ist, was hinten raus kommt (Helmut Kohl). Gesellschaftliche Veränderungen können nun einmal nicht außerhalb des Gesellschaftlichen erzielt werden; der Kapitalismus hat sich bisher immer als flexibel genug erwiesen, um mit jeder dieser Technologien nicht nur gut leben zu können, sondern auch eine Menge Geld damit zu verdienen.


Literatur

    Tapscott, Die digitale Revolution. Verheißungen einer vernetzten Welt - die Folgen für Wirtschaft, Management und Gesellschaft, Original: The Digital Economy McGraw, HIll N.Y. 1996
    Stafford Beer, What is Cybernetics?, Kybernetes, Volume 31, Issue 2, 2002, S. 209-219.
    Greenfield, Adam. Radical technologies: the design of everyday life, London New York: Verso, 2018.
    Jan Mahn, Microsoft kauft GitHub. Der Windows-Hersteller erwirbt mehr als eine Code-Plattform, c't 14/2018, S. 40
    Varun Kumar, 20 Interesting Facts and Statistics About GitHub, RankRed, 14.8.2018,
    Roberto Ohrt (Hrsg.): Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten, Edition Nautilus, Hamburg 1995, ISBN 3-89401-243-9.
    Hackernoon, How Git Changed The History of Software Version Control, Hackernoon, 15.7.2018




Aus: "Missing Link: Technologie-Rekuperation, oder: Wie subversive Technologien absorbiert werden" Timo Daum (16.06.2019)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Missing-Link-Technologie-Rekuperation-oder-Wie-subversive-Technologien-absorbiert-werden-4446943.html?seite=all


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« Reply #6 on: September 26, 2019, 10:05:14 AM »
Quote
[...] STANDARD: Was macht etwa Facebook und Google zu – ich zitiere – "Katastrophen" für die Menschheit?

McNamee: Die USA haben ein völlig deregulierte Sicht auf die Wirtschaft. Kluge Menschen können in dieser Wirtschaft im Grunde Geschäfte machen, wie immer sie wollen. Facebook, Google und immer mehr auch Microsoft und Amazon betreiben Überwachungskapitalismus, so nennt das Harvard-Professorin Shoshana Zuboff.

STANDARD: Der, jedenfalls für einige Tech-Riesen, gläserne Mensch.

McNamee: Mehr als das. Google hat damit begonnen: Menschliche Erfahrung wird in Daten umgewandelt. Man sammelt alle verfügbaren Daten über jeden einzelnen Menschen. Und aus diesen Daten formt man quasi Daten-Voodoo-Puppen – zusammengesetzt aus unserem gesamten digitalen Leben. Von Bank- und Finanzdaten über Ihre Gesundheit und Ihren Standort bis hin zu allem, was Sie im Internet tun, was Sie in Mails oder Messengerdiensten schreiben, was Produktivitäts-Apps über Sie sammeln, und allem, was Amazon Alexa und Google System von Ihnen daheim erlauschen.

STANDARD: Und was kann man mit dieser Voodoo-Puppe anstellen?

McNamee: Sie verwenden diese Puppe, um Verhalten vorherzusagen. Das ist ein fundamentaler Umbruch im Marketing: Bisher suchte das Marketing nach demografischen Merkmalen seine Zielgruppe. Aber nun kommt dazu der Faktor Voraussage: Es geht darum, die Menschen in ihrer aktuellen Lebenswelt, ihrem Lebensgefühl zu erreichen. Google hat größere Ereignisse im Leben seiner User dokumentiert – Hochzeit, Kinder, Wohnungskauf, Autokauf – und die Muster analysiert. Mit diesen Mustern errechnen sie nun die Wahrscheinlichkeit für solche Entwicklungen in Ihrem Leben – mit einer Sicherheit, die es noch nie zuvor gab. Google kann mit 90-prozentiger Sicherheit vor der Frau selbst sagen, ob sie schwanger ist.

STANDARD: Perfekt für Anbieter von Schwangerschaftsmode bis Windeln.

McNamee: Man darf nicht vergessen: Dieses Geschäftsmodell ist die Basis von Unternehmen, deren Produkte unsere wichtigste Informationsquelle sind. Wir vertrauen Google, wir vertrauen Facebook, wir vertrauen Amazon und Microsoft, dass sie uns ehrliche Antworten auf unsere Sucheingaben liefern. Sie aber verwenden dieselbe Daten-Voodoo-Puppe auch dafür – und schränken damit unsere Auswahl ein auf jene Ergebnisse, die ihrem wirtschaftlichen Interesse am besten entsprechen. Sie liefern der Werbewirtschaft perfekte Informationen und kontrollieren gleichzeitig die Informationen, die wir bekommen.

STANDARD: Windelhersteller können sich vorfreuen – aber muss das schon eine Gefahr bedeuten?

McNamee: Der Umstand an sich ist gruselig, aber noch nicht gefährlich. Aber diese Information über die Schwangerschaft und den Zugang zur jeweiligen Person kann sich auch ein Verschwörungstheoretiker kaufen, der zum Beispiel einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus behauptet. Diese Art von Targeting liefert dem Verschwörungstheoretiker ein womöglich gerade besonders empfängliches Publikum.

STANDARD: Die Tech-Konzerne liefern diese Daten nicht alleine der Werbewirtschaft und Verschwörungstheoretikern, sondern auch politischen Parteien und, sagen wir es möglichst breit, Interessengruppen.

McNamee: Jeder kann sich Zugang zu diesen perfekten Informationen kaufen. Das ist das Problem. Die großen Plattformkonzerne schädigen die Gesellschaft auf vier Arten: Sie schaden der öffentlichen Gesundheit, der Demokratie, der Privatsphäre sowie Wettbewerb und Innovation. Die ersten drei sind eine unmittelbare Folge des Überwachungskapitalismus. Und die größten Herausforderungen der Menschheit hängen damit zusammen: Klimawandel, der Aufstieg von Extremismus, weiße Überlegenheitsideologien, Zuwanderungsgegner, Impfgegner. Die Macht der Onlineplattformen verhindert die politische Lösung all dieser Herausforderungen – und die Macht, die Onlineplattformen den Playern hinter diesen Themen verleihen. Facebook, Google und Co geben den wütendsten, den sozial am wenigsten konstruktiven Positionen die lauteste Stimme. ... Facebook, Google und immer mehr Instagram sind besonders gefährlich. Sie sind exakt dafür designt, Menschen möglichst intensiv zu beschäftigen. Also liefern sie Ihnen jene Inhalte, mit denen Sie sich möglichst lange beschäftigen. Und für zwei Drittel ihres Publikums funktionieren jene Inhalte am besten, die an den alten Teil unseres Hirn appellieren, der uns mit Eidechsen verbindet: Reflexe von Flucht oder Kampf, ausgelöst von Angst oder Wut. Das sind die effektivsten Inhalte, um Sie zu fesseln: Hassbotschaften, Verschwörungstheorien und Desinformation. Die Algorithmen promoten, was uns erregt und beschäftigt. Also zählen diese Inhalte zu den wichtigsten Treibern des Geschäfts von Youtube und Facebook. Das sind keine zufälligen Kollateralschäden. Das ist das Kerngeschäft dieser Plattformen.

STANDARD: Was halten Sie von Mark Zuckerbergs Reaktionen auf Enthüllungen und Kritik? In den vergangenen Monaten hat er angekündigt, vielfach mehr Moderatoren zu beschäftigen, einen eigenen News-Kanal. Facebook kooperiert mit Faktencheck-Organisationen, es veröffentlicht die Werbebudgets politischer Gruppierungen, gerade wurden einige 10.000 Apps gesperrt, die auf Daten zugriffen, ein neuer Kontrollbeirat für Fragen freier Meinungsäußerung und Moderation soll eingerichtet werden. Macht das Facebook weniger katastrophal?

McNamee: Praktisch alles davon können wir unter Public Relations ablegen. Mit einer Ausnahme: Die Sperre von zehntausenden Apps war ein wesentlicher Schritt – der einzig wesentliche unter den Maßnahmen von Facebook. Aber er kommt zumindest fünf Jahre zu spät. Zunächst hat Facebook versucht, uns weiszumachen, dass Cambridge Analytica ein Ausnahmefall gewesen sei. Tatsächlich gab es zwischen 2010 und 2014 zehntausende Apps, die Zugang zu solchen Daten hatten. Laut Associated Press haben zwei Millionen Apps Daten abgesaugt. Zehntausende haben das systematisch getan. Damals gab es neun Millionen Apps auf der Facebook-Plattform. Ich schätze, dass zwischen 10.000 und 90.000 Apps das getan haben, was Cambridge Analytica getan hat. Und darunter waren etwa Spieleplattformen mit hunderten Millionen Usern. Wir können davon ausgehen, dass jeder Mensch in der entwickelten Welt mehr als einmal davon betroffen war. Die Story über Cambridge Analytica wurde vor eineinhalb Jahren von einer Journalistin des "Observer" enthüllt, und es passierte vor fünf Jahren.

STANDARD: Was halten Sie von diesem angekündigten Kontrollbeirat?

McNamee: Der Beirat wird dem Muster praktisch aller Maßnahmen von Facebook folgen – und dem User, der Userin überhaupt nicht helfen. Selbst wenn sie ihr Regelwerk ändern und sie nach der Veröffentlichung von Postings aktiv werden, kann das in den globalen Größenordnungen von Facebook nicht wirksam sein. Da ist einfach zu viel Müll. Das Grundproblem ist das Geschäftsmodell von Facebook selbst: Die Algorithmen fördern Inhalte, die Emotionen hervorrufen. Und Hass, Verschwörungstheorie, gezielte Desinformation erfüllen diese Anforderungen am allerbesten. Und Mark Zuckerbergs Manifest, die Zukunft liege in persönlicher, verschlüsselter Kommunikation, weist ja nur die Verantwortung für Hassbotschaften, Verschwörungstheorien und Desinformation von sich. In einem verschlüsselten System sind sie von außen nicht mehr erkennbar.

STANDARD: Wie würde ein sozial verantwortungsvolles Facebook aussehen?

McNamee: Wenn man Facebook sozial verantwortungsvoll machen will, dann muss man das Geschäftsmodell ändern. Ob Facebook es ernst meint oder nur Public Relations betreibt, lässt sich ganz einfach an seinen Produkten überprüfen. Sie haben gerade eine neue Version von Portal vorgestellt – ein Videokonferenz-Tool, das unglaublich in die Privatsphäre eindringt. Und sie haben Libra, eine Kryptowährung, angekündigt, die den Euro, das Pfund, den Dollar untergraben wird. Sie scheinen davon auszugehen, dass sie ohnehin immer schneller sind als Regierungen mit regulatorischen Maßnahmen.

STANDARD: Können Sie sich ein Facebook vorstellen, das keine Katastrophe ist – und wie würde dieses Facebook aussehen?

McNamee: Die Vorstellung ist ganz einfach. Facebook war einmal ungefährlich – wenn man vom schon viel früher furchtbaren Umgang mit Privatsphäre absieht. 2013 hat die Plattform mit dem Überwachungskapitalismus begonnen. Facebook wäre weit weniger profitabel ohne diesen Überwachungskapitalismus.

STANDARD: Social Media können also auch harmlos sein?

McNamee: Die Technologie von Social Media ist nicht das Problem. Es ist ein Geschäftsmodell, das auf der Verletzung von Menschenrechten basiert, und darin, Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Verhalten zu manipulieren.

STANDARD: Wie würde also ein Facebook aussehen, das all das nicht tut und womöglich der Gesellschaft dient?

McNamee: Es würde keine Daten-Vodoo-Puppen verwenden. Es würde keine Hassbotschaften, Verschwörungstheorien, Desinformation vervielfachen. Ich bin wirklich nicht für Zensur. Ich will nur dieses Vervielfachen von Hass, Desinformation, Verschwörungstheorien beenden, jegliches Vervielfachen. Ich will zum ursprünglichen Facebook zurück: Ich poste etwas, und meine Freunde sehen es. Das wäre ein viel weniger profitables Business – aber die Gesellschaft würde davon profitieren.

STANDARD: Wären Social Media womöglich kein Geschäft mehr, wenn sie weit weniger profitabel sind?

McNamee: Social Media sind inzwischen eine Art Grundversorgung. Die Regierung sollte sich damit anfreunden, diese Services zu subventionieren – um sicherzustellen, dass diese Plattformen die Gesellschaft oder die Userinnen und User nicht schädigen. In den USA subventionieren wir Erdölförderung – die das Klima schädigt. Wir subventionieren die Zuckergewinnung – die die Menschen schädigt. Für mich ist das recht offensichtlich: Wir sollten weder Öl noch Zucker fördern, aber Social Media.

STANDARD: Sie vergleichen die Plattformkonzerne gern mit der chemischen Industrie vor einem breiteren Umweltbewusstsein.

McNamee: Facebook, Google und mehr und mehr auch Microsoft und Amazon sind wie die chemische Industrie vor 1980. Die haben ihre Abfälle einfach ohne Rücksicht auf Umwelt und Gesundheit dort deponiert, wo es am praktischsten für sie war – Quecksilber ins Trinkwasser zum Beispiel. Und niemand hat sie für die Folgen und ihre Kosten verantwortlich gemacht. Das Ergebnis: massive Umweltverschmutzung und Auswirkungen auf die Gesundheit. Und schließlich mussten sie doch für die von ihnen verursachten Schäden zahlen. Aus meiner Sicht verursachen die Plattformen eine digitale Ölpest. Und die Gesellschaft muss sie dafür zur Verantwortung ziehen – und ihnen die Folgekosten in Rechnung stellen. Wenn die Strafe dafür hoch genug ist, werden sie es sich gut überlegen, die Welt weiterhin digital zu verpesten.

STANDARD: Die jüngsten fünf Milliarden an Strafe für Verletzung der Privatsphäre und Datenmissbrauch der US-Wettbewerbsbehörde FTC haben Facebook offenbar nicht wirklich getroffen.

McNamee: Der Aktienkurs ging nach diesem Kompromiss sogar hinauf. Und der Aktienkurs von Google war auch ziemlich unbeeindruckt von der Milliardenstrafe der EU-Wettbewerbsbehörden. Sogar wenn Regierungen und Behörden Strafen in bisher nicht da gewesener Höhe aussprechen, sind diese Strafen nicht hoch genug, um diese Konzerne von ihrem Kurs abzubringen.

... STANDARD: Sie schlagen in Ihrem Buch als äußerste Maßnahme gegen Facebook und Google vor, die Konzerne zu zerschlagen. Jedenfalls sollte etwa Facebook gezwungen werden Instagram und Whatsapp wieder zu verkaufen.

McNamee: Zerschlagung ist die letzte Maßnahme von Wettbewerbspolitik – nicht die erste. Ein Anti-Trust-Prinzip ist: Wenn ein Unternehmen einen Markt, einen Vertriebsweg beherrscht, dann darf er dort seine eigenen Produkte nicht gegenüber anderen bevorzugen. Aber alle tun das – Amazon, Google, Facebook, Microsoft. Dagegen sollte man vorgehen. Und es gibt noch ein paar passende Anti-Trust-Maßnahmen aus der US-Geschichte. Etwa Marktbeherrschern Expansionsmöglichkeiten in neue Märkte zu untersagen. Das würde bedeuten, dass Google vielleicht doch keine selbstfahrenden Autos oder Smart Cities oder Services mit künstlicher Intelligenz entwickeln und vermarkten kann. Facebook könnte keine eigene Kryptowährung einführen. Man könnte die Konzerne zwingen, ihre Patente und anderes geistiges Eigentum kostenlos mit Start-ups zu teilen, womöglich auch einen Teil ihrer Infrastruktur für Firmen am Start zu teilen. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Start-up, das mit einem guten Geschäftsmodell Facebook herausfordert, mit Facebooks Werbemöglichkeiten an seine ersten 100.000 Kunden kommen kann – kostenlos. Mit solchen Auflagen könnte man Wettbewerb bekommen. Heute ist das unmöglich für Start-ups. Das alles ergibt aber nur Sinn, wenn man zugleich die Kontrolle über die eigenen Daten zu einem Menschenrecht macht. Sonst hilft selbst Zerschlagung wenig. Wenn man vier Überwachungskapitalisten in je zehn Einheiten zerschlägt, hat man sonst 40 Überwachungskapitalisten – womöglich schlimmer als heute.

... STANDARD: Man wird Behörden und Politiker mit ein bisschen Mut brauchen, um gegen Facebook, Google und Co mit tiefergehenden Anti-Trust-Maßnahmen vorzugehen...

McNamee: Anti-Trust-Maßnahmen brauchen keinen Mut. Aber es braucht Mut, Überwachungskapitalisten anzugreifen. Die Werbewirtschaft und ihre Kunden sind süchtig nach perfekter Information. Die Ironie ist: Die Überwachungskapitalisten machen letztlich der Werbebranche und den Werbekunden selbst Konkurrenz. Werfen Sie einen Blick auf die Suchergebnisse bei Amazon. Wenn es ein entsprechendes Produkt von Amazon Basic gibt, werden Sie es ganz oben finden. Und dann auch noch gefälschte, billige Markenware. Ich versuche das der Marketingbranche klarzumachen. In fünf Jahren übernimmt die meisten ihrer Jobs ein Server bei Amazon. Dasselbe gilt für die Finanz- und die Automobilbranche. Sämtliche deutsche Autohersteller sind in Kontakt mit Google, ob sie deren Apps in ihre Autos integrieren. Das ist Selbstmord.

STANDARD: Selbstfahrende Autos liefern Kundschaft für Marketing und Entertainment im Auto, wenn die Menschen bis zum Erreichen des Ziels wenig zu tun haben.

McNamee: Die Menschen brauchen Zufluchtsorte. Das Auto ist einer der letzten davon – wenn in der Wohnung, im Schlafzimmer ein Smart-TV oder Alexa oder ein anderer Lautsprecher lauscht.

...

STANDARD: Wenn Sie 2019 in ein Social-Media-Start-up investieren wollten, wie würde es aussehen?

McNamee: Ich bin kein Investor mehr. Ich bin heute ein Vollzeitaktivist.

STANDARD: Dann raten Sie anderen Investoren, worauf sie achten sollten.

McNamee: Apple baut ein Geschäftsmodell rund um das Grundrecht auf Privatsphäre und persönliche Sicherheit. Sie greifen die Überwachungskapitalisten mit ihren Produkten an, und sie haben dafür auch die nötige Größe. Das zeigt, was man tun sollte. Man sollte den Menschen Rückzug und Privatheit ermöglichen. In der französischen Start-up-Community entwickelt sich ein "Slow Internet", das Privatheit und ihre Interessen wahrt, ohne Manipulation und ohne Hirn-Hacking. Diese Entwicklungen besinnen sich auf die ursprünglichen Werte des Silicon Valley, den Usern mehr Macht zu geben, und weg von den Visionen von Google und Facebook, die User nur als Treibstoff für Überwachungskapitalismus sehen. Es gibt Millionen von positiven Anwendungsmöglichkeiten künstlicher Intelligenz. Aber heute wird nur geforscht, wie sich Verhalten manipulieren lässt. Das verletzt jedes Grundprinzip westlicher Demokratien. Und das tun Facebook, Google, Amazon und Microsoft tagtäglich. Das ist ihr Geschäftsmodell. Und sie argumentieren: Ihr könnt uns doch nicht regulieren – wir stehen im Wettbewerb mit China! Ich frage mich: Warum sollen wir in der Manipulation von Verhalten mit China konkurrieren?


Aus: "Tech-Konzern-Kritiker: McNamee kann sich "nichts Besseres vorstellen als Ende von Youtube"" Harald Fidler (25.9.2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000109046229/mcnamee-kann-sich-nichts-besseres-vorstellen-als-ende-von-youtube

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EpsilonUmgebung

Das dieser naiven Vorstellung vom "Hass im Netz" immer noch Leute nachheulen. Die (meisten) Menschen waren schon immer so drauf, außerhalb der eigenen Gruppe hat das halt niemand mitbekommen, jetzt erfahrts die ganze Welt.


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And now... this:
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vor 4 Stunden
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"McNamee kann sich "nichts Besseres vorstellen als Ende von Youtube""
Diese Selbstinszenierer, die zuerst vollgas mitmachen, diese Dinge mit aufbauen und damit stinkend reich werden, nur um danach noch Bücher darüber zu schreiben wie doof das alles ist gehen mir gehörig auf die Nerven.

Und was muss man bitte für ein verwöhnter, reicher, arroganter Sack sein, wenn man denkt das Ende von Youtube sei das Beste was der Menschheit passieren könnte?
Ausgerechnet Youtube, eine geniale Plattform mit der man so viel anfangen kann, wenn man sie nicht auf irgendwelche Verschwörerkanäle reduziert?

Dass die Leute in Social Media versinken ist nicht Ursache, es ist Symptom für die Probleme unserer Zeit. ...


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Marfisch

Ich finde Youtube genial, wenn es darum geht, etwas zu lernen oder sich neue Ideen für viele Bereiche des Lebens zu holen. Dafür, dass viele einfach blöd sind und nur unsinnige Inhalte konsumieren, kann Youtube nun wirklich nichts.

Es ist wie beim Fernsehen, es macht dumme Menschen dümmer und kluge Menschen klüger.


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peace & love

ein verschwoerungstheoretiker belehrt uns über verschwoerungstheorien.
und hält facebook-aktien. skurrile erscheinung...


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gadaladalälle

Viel schlimmer als Youtube und Facebook ist mittlerweile dieser Instagram-Wahn. Eine ganze heranwachsende Generation lässt sich vom Insta-Diktat streamlinen. Mir grausts!


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Heribert F.

Sollen sie doch Youtube und Facebook und Co. zusperren.
Aber Achtung: bei Pornhub hoert der Spass auf!


...

Offline Textaris(txt*bot)

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[Das Internet der Konzerne (Notizen)... ]
« Reply #7 on: December 04, 2019, 02:34:15 PM »
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[...] Im großen Saal der Berliner Urania betritt Prof. Shoshana Zuboff vor mehr als 800 ZuhörerInnen die Bühne wie ein ewig attraktiv gebliebener Pop- oder Filmstar bei der Berlinale – mit überwältigender Löwenmähne, geblendet vom Scheinwerferlicht. Sie nimmt das Publikum mit Charme für sich ein, lobt Berlin für den Fall der Mauer in hohen Tönen. Am Ende hat sie mit einer in sich schlüssigen Gesamterzählung brilliert – allein durch die Kraft ihrer Worte, ohne Präsentationsunterstützung. Die Simultanübersetzung mit Kopfhörerset ist perfekt organisiert.

Es sind die vielen kleinen Geschichten, die Detailkenntnis, die unzähligen Quellen und das fundierte theoretische Wissen, die ihren Auftritt und das ihm zugrundeliegende jüngste Buch von ihr, "Zeitalter des Überwachungskapitalismus", so überzeugend machen. Die Autorin spricht langsam und ruhig mit didaktisch-dialektischer Formulierkunst: Um 2001 herum herrschte noch erstes begeistertes Staunen: Damals suchten und fanden wir Google – heute sucht und findet Google uns. Dann verwendet sie die "damals so – heute so"-Verkehrungen der Nomina einprägsam eine Zeitlang weiter. Waren fast alle NutzerInnen bis vor einigen Jahren noch völlig fasziniert von den technologischen Möglichkeiten und dem Komfort, den der "Zauber" in unser tägliches Leben und Kommunizieren gebracht hatte, so wendete sich vor kurzem das Blatt. Die Erkenntnis dämmerte zunächst und leuchtet heute immer mehr Menschen ein, dass wir für die bereitwillige Überlassung unserer Daten einen viel höheren Preis als jemals gedacht zu zahlen haben: Nämlich den unserer Demokratie und Freiheit. Es kam die Entwicklung der Fake News, (für die Betroffenen unmerklich) der gesteuerte Hass, die manipulierte Angst und systematische Verdummung, der Aufstieg des Populismus in Amerika und europäischen Ländern, die Aufdeckung von Cambridge Analytica als kommerzielle Steuerungsmaschinerie bei politischen Wahlen.

Wie uns smarte Animationen zur Vereinfachung, Verbesserung und Erleichterung hinter unserem Rücken fest im Griff haben, zeigt ein Beispiel: Ein Studienfreund von Ihnen ist Vater geworden und postet ein Selfie von sich und dem Baby. Das kleine Töchterchen sieht so niedlich aus, dass Sie das Foto liken. Schon bald wird Ihnen Aktionswerbung für einen Schnuller angezeigt – der das Logo Ihrer ehemaligen gemeinsamen Uni trägt – wer könnte bei diesem idealen Glückwunschgeschenk aus dem Uni-Shop widerstehen? Ein soziales Netzwerk hat dank maschinellen Lernens aus persönlichen Daten und Ihrem voraussehbaren Weiterklick-Verhaltens eine Provision erwirtschaftet.

Shushanna Zuboff beschreibt in der Berliner Veranstaltung die Anfänge der Digitalisierung als eine gefühlte Zeit wie "Alice im Wunderland". Doch die tiefgehende Analyse der Betriebsökonomin und Soziologin lässt – durchaus auf Marx’schen Spuren – nicht auf sich warten, wenn sie aufzeigt: Was einerseits etwas vollkommen Neues ist, folgt andererseits der klassischen Wachstumsdynamik des Kapitalismus. Dieser muss bekanntlich auf immer größerer Stufenleiter und globalerer Ausbreitung wachsen (oder braucht halt kriegerische Zerstörung für wieder neue Ausgangsbedingungen).

Das ihm innewohnende Profitstreben versucht den damit unweigerlich einhergehenden Existenzkrisen zu entkommen, indem Anspruch auf immer mehr Dinge erhoben wird, welche bisher außerhalb des Marktes existiert haben. Diese werden dann als zu kaufende und zu verkaufende "Waren" innovativ bestimmt, was mit zunehmender Abstraktion von ihrem Gebrauchswert einhergeht.

Mit den Algorithmen der sozialen Netzwerke wird eine neue Form des Kapitalismus befeuert, der unsere Welt immer stärker beherrscht und kontrolliert. Der gesellschaftliche Wohlstand wird dadurch konzentriert auf wenige Profiteure und dabei auch unsere früher immerhin noch bestehende (Kauf-)Kraft als Konsumenten unmerklich geschmälert. Das heißt, nicht nur die Unfreiheit, sondern auch die Ungleichheit und "Klassenspaltung" in der Gesellschaft wächst rapide.

Shoshana Zuboff ist keine Marxistin, aber sie analysiert marxistisch: Zu Beginn des Kapitalismus traf es massenhaft die Menschen selbst, die sich in Form ihrer "Arbeitskraft" als Handelsgüter auf dem Markt zu verkaufen hatten. Mit der Entwicklung des Finanz- bis hin zum "Casino"-Kapitalismus waren es die reinen Optionen auf spekulative Gewinn- und Verlusterwartungen. Im Überwachungskapitalismus wird wiederum etwas Neues zum Handelsgut erklärt: Er definiert nunmehr persönliche menschliche Erlebnisse und Verhaltensweisen, die bisher in der Privatsphäre vor Marktmechanismen geschützt waren, zum "freien Rohmaterial" von Daten. Diese werden in Produkte umgewandelt werden, die auf neuen Märkten gehandelt werden können.

Dem Gefühl, dass irgendwas falsch läuft mit der Art, wie die Digital-Giganten mit uns umgehen, hat Zuboff mit dem Titel ihres Buches von über 700 Seiten einen Namen gegeben: "Surveillance Capitalism – Überwachungskapitalismus" – mit seinen tiefgreifenden Veränderungen im Sozialen, Politischen, Privaten, Psychischen. Doch, so zeigt sich Zuboff zuversichtlich, unsere Hoffnung, die digitale Zukunft human gestalten zu können, sei noch nicht aufzugeben.


Aus: "Prof. Shoshana Zuboff: Wie Technologie-Giganten die Demokratie bedrohen (Teil 1): Was ist Überwachungskapitalismus?" Gita Neumann (03.12.2019)
Quelle: https://hpd.de/artikel/ueberwachungskapitalismus-teil-1-17479