Author Topic: [1968 (Afterglow) // Notizen... ]  (Read 7809 times)

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[1968 (Afterglow) // Theorieversessenheit... ]
« Reply #45 on: February 18, 2019, 02:30:45 PM »
Quote
[...] Dirk Frank Der Historiker Philipp Felsch hat in seinem Buch „Der Sommer der Theorie“ versucht darzulegen, dass Theoriebände von Suhrkamp und Merve damals auch als Teil des individuellen Stils und der Abgrenzung verwendet wurden. Können Theorien also auch aus der Mode kommen?

Prof. Axel Honneth: Man muss die damalige Theorieversessenheit aus dem kulturellen und politischen Kontext heraus verstehen: Es gab nach zwei Jahrzehnten des restaurativen Schlummers und der intellektuellen Abwehr innerhalb einer jungen Generation einen unglaublichen Bildungshunger. Man schnappte förmlich nach allem, was sich in der Kultur, auf dem Büchermarkt oder in der Kunstwelt tat. Ich erinnere das noch sehr gut aus meiner eigenen Schulzeit, ich schaute jeden Film an, der den Ruch des Neuen und Experimentellen besaß, las die entsprechenden Filmmagazine, verschlang französische und amerikanische Literatur, ging in jede neue Ausstellung des Folkwang-Museums – über fünf Stunden saß ich damals im Essener Jugendclub, um mir einen enorm langweiligen, nahezu handlungslosen Film von Andy Warhol anzuschauen. Das alles vollzog sich in kleinen, politisch engagierten Gruppen, deren Bildungshunger kaum Grenzen kannte, alles glaubte man um der politischen Veränderung willen zur Kenntnis nehmen und diskursiv verarbeiten zu müssen; überall schossen ja damals auch die vielen Lektürezirkel aus dem Boden, in denen man Marx, Freud und Lukács las, auch in meiner Heimat, dem Ruhrgebiet. Das war eine einzigartige, kollektiv geteilte Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen möchte – und die den Verlagen unglaublich große Auflagenzahlen bescherte, wie sie heute mit dieser Art von theoretischer Literatur kaum mehr vorstellbar sind. Zu sagen, dass das damals zum „Lifestyle“ gehörte oder eine „Mode“ darstellte, ist mir fast schon ein wenig zu polemisch, denn die Texte wurden ja wirklich noch gelesen und kollektiv durchgearbeitet, nicht nur aus Gründen des kulturellen Prahlens in die Bücherregale gestellt. Heute spielen bekanntlich Bücher eine wesentlich geringere, das Internet dagegen eine immer größere Rolle. Die Aneignung von Literatur und Theorie vollzieht sich zudem kaum mehr in kleinen, intellektuell besessenen Zirkeln und Lesegruppen, im Zuge einer großen Individualisierung unter den Studierenden ist diese Diskussionspraxis leider weitgehend verschwunden und damit wohl auch der Theoriehunger. Natürlich, es gibt vielleicht aber auch nicht mehr die großen Theoretiker, die man unbedingt zu lesen müssen glaubte, bedeutende Denker wie Georg Lukács, Jean-Paul Sartre, Theodor W. Adorno, Michel Foucault oder Jacques Derrida, alle damals ja noch lebend, findet man heute nur noch selten. ... ohne dieses enorme Anregungspotenzial, aber auch ohne diese Reformprozesse wüsste ich gar nicht, was sonst aus mir geworden wäre.

...  Zudem sollte vielleicht auch darauf verwiesen werden, dass der gegenwärtige Rechtspopulismus eine durchaus erwartbare Gegenbewegung gegen die zahlreichen Reformen der letzten 50 Jahre darstellt, ein reaktionärer Aufstand gegen die Errungenschaften der Transnationalisierung, der sexuellen Liberalisierung, des Multikulturalismus usw. – was diese Bewegungen also vielleicht antreibt, ist das, was Erich Fromm die „Furcht vor der Freiheit“ genannt hat. Insofern hätten wir mit diesem Gegenprotest auch durchaus rechnen können, er kommt gewissermaßen nicht aus dem Nichts. Hinzu kommt auch die als solche ja gar nicht schlechte Entwicklung, dass die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger an die Demokratie gewachsen sind, man will heute stärker als früher als mitsprechendes und mitbestimmendes Subjekt anerkannt werden. Sie sehen, ich suche händeringend nach empirischen Indikatoren, die uns überzeugt sein lassen können, dass es um unsere gesellschaftlichen Verhältnisse in Hinblick auf intersubjektive Verbindlichkeiten und unsere Anerkennungskultur doch nicht so schlecht bestellt ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Es gibt weiterhin ein starkes Verlangen nach sozialer Anerkennung, wenngleich auch die Tendenzen der gesellschaftlichen Polarisierung unverkennbar sind.

...


Aus: "Axel Honneth im Interview" (Ausgabe 1.19 des UniReport)
Quelle: https://klausbaum.wordpress.com/2019/02/15/axel-honneth-im-interview/

https://aktuelles.uni-frankfurt.de/studium/neuer-unireport-1-19-sozialphilosoph-axel-honneth-nimmt-die-komplizierte-gegenwart-in-den-blick/


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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #46 on: March 06, 2019, 09:22:21 AM »
Quote
CBT #3

Dieser Luke Perry gehörte zu der Serie, die ich immer heimlich schaute, da meine Eltern überzeugte American-Way-of-Life-Hasser waren (...sind !?...heute backen diese 68er Eltern ja kleinere Ideologie-Brötchen). Für mich war das schauen dieser sauberen und neurotischen Welt eine Rebellion gegenüber einer umweltfreundlichen, europäischen (das meint geschichtslastigen) und bewusst-sein-orientierten Lebenseinstellung. Das genau dieser melancholisch wirkende Perry und kein anderer der Clique viel zu früh gestorben ist, wirkt für mich irgendwie ironisch. Sein verzweifelnd anmutender Gesichtsausdruck ist auf jeden Fall ein Symbol der Neunziger!


https://www.zeit.de/kultur/film/2019-03/luke-perry-schauspieler-beverly-hills-90210-tod-nachruf?cid=24025153#cid-24025153


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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #47 on: April 12, 2019, 11:58:34 AM »
Quote
[...] In einer von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen und im September 2018 veröffentlichten Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ – wegen der Orte der Universitäten des Forschungskonsortiums (Mannheim – Heidelberg – Gießen) auch „MHG-Studie genannt“ – wurden 38.156 Personalakten aus den 27 deutschen Bistümern für die Zeit zwischen 1946 und 2014 ausgewertet. Demnach gab es bei 1.670 Klerikern (4,4, Prozent) Hinweise auf Beschuldigungen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Darunter waren 1.429 Diözesanpriester (5,1 Prozent aller Diözesanpriester), 159 Ordenspriester (2,1 Prozent) und 24 hauptamtliche Diakone (1,0 Prozent). Bei 54 Prozent der Beschuldigten lagen Hinweise auf ein einziges Opfer vor, bei 42,3 Prozent Hinweise auf mehrere Betroffene zwischen 2 und 44, der Durchschnitt lag bei 2,5. 3.677 Kinder und Jugendliche sind als Opfer dieser Taten dokumentiert; 62,8 Prozent von ihnen waren männlich, 34,9 Prozent weiblich, bei 2,3 Prozent fehlten Angaben zum Geschlecht. Das deutliche Überwiegen männlicher Betroffener unterscheidet sich nach Angaben der Forscher vom sexuellen Missbrauch an Minderjährigen in nicht-kirchlichen Zusammenhängen. Die in der Studie ermittelte Zahl von 3.677 Betroffenen spiegelt, so die Forscher, nur das sogenannte „Hellfeld“ wider; aus der Dunkelfeldforschung des sexuellen Missbrauchs sei bekannt, dass die Zahl der tatsächlich betroffenen Personen deutlich höher liege. ...


https://de.wikipedia.org/wiki/Sexueller_Missbrauch_in_der_r%C3%B6misch-katholischen_Kirche (11. April 2019)

-

Quote
[...] Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat die sexuelle Revolution der Zeit um 1968 und die Säkularisierung der westlichen Gesellschaft für den sexuellen Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche mitverantwortlich gemacht. Benedikt führt diese Taten in einem jetzt veröffentlichten Aufsatz vor allem auf außerkirchliche Entwicklungen zurück.

Als Gründe benennt er etwa die Liberalisierung der Sexualität und die schwindende Bedeutung des Glaubens in der heutigen Gesellschaft: "Wieso konnte Pädophilie ein solches Ausmaß erreichen? Im letzten liegt der Grund in der Abwesenheit Gottes." Eine Welt ohne Gott sei eine Welt ohne Moral: "Es gibt dann keine Maßstäbe des Guten oder des Bösen." Von Machtstrukturen in der Kirche ist in dem Papier nicht die Rede.

"Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, dass nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde", schrieb Benedikt in dem Aufsatz, den unter anderen das katholische Nachrichtennetzwerk CNA veröffentlichte.

Unabhängig davon hätte sich zeitgleich "ein Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie ereignet, der die Kirche wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft machte". Erst jetzt erkenne man mit "Erschütterung, dass an unseren Kindern und Jugendlichen Dinge geschehen, die sie zu zerstören drohen".

Nach Rücksprache mit seinem Nachfolger Franziskus habe er den Text für das bayerische "Klerusblatt" verfasst, schrieb der ehemalige Papst, der kommende Woche 92 Jahre alt wird. In dem Text heißt es: Zwischen 1960 bis 1980 seien "die bisher geltenden Maßstäbe in Fragen Sexualität vollkommen weggebrochen" und eine "Normlosigkeit entstanden, die man inzwischen abzufangen sich gemüht hat".

Katholische Theologen übten scharfe Kritik an diesen Thesen. Es sei "verblüffend", teilte Julie Hanlon Rubio, Professorin an der kalifornischen Privatuniversität Santa Clara, auf Twitter mit, "eine freizügige Kultur und progressive Theologie für ein internes und strukturelles Problem verantwortlich zu machen". Sie bezeichnete Benedikts Analyse als "zutiefst fehlerhaft" und "zutiefst beunruhigend".

Brian Flanagan, Dozent an der Marymount University im US-amerikanischen Virginia, twitterte: "Das ist ein beschämendes Schreiben." Die Annahme, der Missbrauch von Kindern durch Geistliche sei ein Ergebnis der Sechzigerjahre und eines angeblichen Zusammenbruchs der Moraltheologie, sei eine "peinliche, falsche Erklärung für den systematischen Missbrauch von Kindern und dessen Verschleierung".

Benedikt war von 2005 bis zu seinem überraschenden Rücktritt 2013 Oberhaupt der katholischen Kirche - damals hatte er versprochen, künftig "für die Welt verborgen" zu bleiben. In seiner Amtszeit kam ans Licht, dass weltweit massenweise Kinder von Geistlichen missbraucht wurden.

Angesichts dieser schweren Krise hatte Papst Franziskus erst vor einigen Wochen zu einem Anti-Missbrauchs-Gipfel in den Vatikan eingeladen. Er hat immer wieder darauf hingewiesen, dass der Grund für Missbrauch auch die Machtstrukturen der Kirche sind (mehr über das Thema erfahren Sie hier).

Auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung hatte zuletzt hervorgehoben, die Wurzeln des Problems seien Jahrhunderte alt und auch in den Machtstrukturen begründet. Missbrauch werde so begünstigt - unter anderem durch den Zölibat, eine "schwierige Sexualmoral", ausgeprägte Hierarchien, die moralische Machtposition der Kirchen und die Rolle von Frauen in der Kirche.

"Es gibt keine Institution, die eine konservativere Sexualmoral vertritt und gleichzeitig über Jahrzehnte den sexuellen Missbrauch in ihren Reihen geduldet, vertuscht und geleugnet hat", sagte Rörig im Februar. "Es ist unumgänglich, dass die Kirche sich alle Bausteine ihrer Struktur ernsthaft kritisch vor Augen führt"

Zuletzt hatte sich Benedikt im vergangenen Jahr über direkte Vergleiche zwischen ihm und seinem Amtsnachfolger empört. Es sei ein "törichtes Vorurteil, wonach Papst Franziskus bloß ein praktisch veranlagter Mann ohne besondere theologische und philosophische Bildung sei, während ich selbst nur ein Theoretiker der Theologie gewesen wäre, der wenig vom konkreten Leben eines heutigen Christenmenschen verstanden hätte", schrieb Benedikt XVI. in einem Brief an den Präfekten des vatikanischen Kommunikationssekretariats.

mxw/dpa


Aus: " Streitbare Thesen Benedikt XVI. gibt Achtundsechzigern Mitschuld am Missbrauchsskandal" (11.04.2019)
Quelle: https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/benedikt-xvi-gibt-achtundsechzigern-mitschuld-am-missbrauch-a-1262422.html

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Quote
Andreas Kyriacou
@andreaskyriacou
Genau, die 68er sind schuld! Wer erinnert sich nicht an die zahlreichen Love-ins in katholischen Kirchen und an das Banner „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“, das 1967 quer über den Petersplatz gezogen war?

1:10 vorm. · 12. Apr. 2019 · Twitter


https://twitter.com/andreaskyriacou/status/1116478575069343744

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Quote
schlussmachen.jetzt
@schlussmachen
·
Antwort an @hpdticker
Man muss zugeben: Die Linken haben in den siebziger Jahren #Pädophilie mit anderen bitter nötigen Emanzipationsbewegungen in einen Topf geworfen. Das haben sie sehr bereut. Kein Grund, sich die kath. Sexualmoral zurück zu ersehnen.


https://twitter.com/schlussmachen/status/1116627532017569793

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[1968 (Afterglow) // Notizen... ]
« Reply #48 on: July 16, 2019, 01:28:40 PM »
Quote
[...] Easy Rider ist ein US-amerikanischer Spielfilm aus dem Jahr 1969, der als Kultfilm und Road Movie das Lebensgefühl der Biker der späten 1960er Jahre beschreibt. Am 8. Mai 1969 war Easy Rider der offizielle Beitrag der Vereinigten Staaten zum Filmfestival von Cannes. Die Erstaufführung fand am 14. Juli 1969 in den Vereinigten Staaten statt, und am 19. Dezember 1969 kam der Film in die Kinos der Bundesrepublik Deutschland. ... Easy Rider hatte eine zwiespältige Wirkung. Viele Zuschauer konnten sich damit identifizieren, noch mehr waren und sind jedoch irritiert oder reagierten gar aggressiv. Einerseits hielt der Film der amerikanischen Gesellschaft einen Spiegel vor, der ihr nicht gefallen konnte: Die USA sind kein Land der unendlichen Möglichkeiten, Toleranz und der freien Gesellschaft. Auch abseits der Großstädte ist das Land nicht mehr das unberührte Paradies, für das es die Hippies damals hielten. Je weiter man in den USA nach Süden kommt, desto mehr bekommt man den Hass jener zu spüren, die zwar ständig von Freiheit reden, aber aggressiv auf alle reagieren, die sie sich nehmen. Nach Meinung vieler Zuschauer ist Easy Rider trotz der unversöhnlich erscheinenden Gesellschaftskritik letztendlich ein Road-Movie, das den Glauben an Freiheit und Abenteuer aufrechterhält.

Gleichzeitig beschwor Easy Rider noch einmal den Pioniergeist der Menschen und die Freiheit des Einzelnen herauf von Leuten, die sich unabhängig von der Gesellschaft ihr Leben suchen wollen, mit selbständiger Landwirtschaft oder Drogen, Rockmusik und individuell gestalteten Motorrädern. Dies wird jedoch als zielloser Fluchtversuch entlarvt.

Dieser Pioniergeist über Generationen hinweg lässt sich besonders in einer Szene wiederfinden: Während im Hintergrund der gastgebende Farmer sein Pferd beschlägt, repariert Billy den Reifenschaden an seinem Motorrad. Ein Aufeinandertreffen zweier Zeitalter in einer Szene, das Ziel beider ist jedoch identisch.

Insgesamt gilt Easy Rider als authentisches Abbild eines Amerikas abseits der damals vorherrschenden Lebensentwürfe. Eine Darstellung der abflauenden, schon in Gewalt und Drogenexzesse umgeschlagenen Hippiebewegung samt deren verlorenen Hoffnungen und Lebenszielen. ...
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Easy_Rider (11. Juli 2019)

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Quote
[...] Wer "Easy Rider" hört, denkt zunächst mal an Motorräder und vor allem an Harley-Davidson, aber darum ging es Hopper gar nicht, wie er mal in einem Interview erzählte: "'Easy Rider' war für mich nie ein Motorradfilm. Es ging vor allem darum, was politisch gerade los war in dem Land."

... Die Umstände der Dreharbeiten bieten viel Stoff zur Legendenbildung - nicht nur, weil am Set viel Stoff aller Art konsumiert wurde. Waren es jetzt 100 oder 150 Joints, die Hopper, Fonda und Nicholson bei der berühmten Lagerfeuerszene rauchten? Zu dem Drogenkonsum kamen die Ego-Probleme: Hopper soll schon bei Probeaufnahmen beim Mardi Gras viele Crewmitglieder so verärgert haben, dass diese hinschmissen und durch Laien vor Ort ersetzt werden mussten. Im Streit mit seinem Filmpartner Peter Fonda ging es dagegen wohl vor allem um Geld - und der Streit sollte nie wieder geschlichtet werden. Fonda sagte, er sei zur Beerdigung von Hopper gekommen, habe aber nicht die Kapelle betreten dürfen.

Auch ums Drehbuch ranken sich zahllose Geschichten: Gab es überhaupt eins oder improvisierten die Schauspieler? Und wenn es eins gab, wer hat es geschrieben? Darüber wurden sich Hopper, Fonda und der als Autor genannte Terry Southern nie einig. Als der Film dann endlich abgedreht war, fiel Hopper und Fonda auf, dass sie glatt vergessen hatten, die abschließende Lagerfeuerszene zu drehen. So mussten sie zwei Wochen später nochmal ran - ohne die Motorräder, die mittlerweile gestohlen worden waren.

In gewisser Hinsicht ist all dieses Chaos auch egal, wenn am Ende so ein wahrhaftiger Film dabei herauskommt. Denn ob gewollt oder nicht, Hopper setzte verblüffende Akzente als Regisseur. Etwa ließ er die sogenannten Blendenflecke, die Lichtspiegelungen, die sonst immer aus Filmen herausgeschnitten werden, einfach drin. Und schuf mit seinen vielen Jump-Cuts einen natürlichen, fast dokumentarischen Stil, der bald Standard werden sollte. Ursprünglich wollte er auch viele "Flash Forward"-Szenen einbauen, am Ende blieb aber nur eine drin: die auf dem Friedhof, als Wyatts Ende zu sehen ist.

Auch die Auswahl der Musik setzte neue Maßstäbe. Zunächst sollten Crosby, Stills & Nash für den Soundtrack sorgen, ein entsprechender Vertrag war schon geschlossen. Doch ihr Engagement scheiterte am Veto von Hopper nach einer gemeinsamen Fahrt in einer Limousine mit Chauffeur. "Ihr Typen seid verdammt gute Musiker, ehrlich", soll Hopper zu Stephen Stills gesagt haben, "aber ich glaube nicht, dass jemand, der sich in Limousinen herumkutschieren lässt, meinen Film verstehen kann. Deshalb bin ich dagegen, dass ihr die Filmmusik macht."

Hopper griff stattdessen hauptsächlich auf Songs zurück, die er während der Schneidearbeiten im Radio hörte - ein Best-of des Sixties-Rock. Bei "Born to Be Wild" von Steppenwolf darf man schon mal die Augen verdrehen, aber andere Stücke wie "Wasn't Born to Follow" von The Byrds, "It's Alright, Ma" oder "Ballad of Easy Rider" von Roger McGuinn fangen den damaligen Zeitgeist perfekt ein. Ohne diese Musik hätte "Easy Rider" einiges von seiner Wirkung eingebüßt. Die Methode, Songs aus der Zeit für einen Film zu nehmen, statt einen eigens dafür komponierten Soundtrack, sollte sich bald in vielen Filmen durchsetzen - etwa in "American Graffiti" oder "Apocalypse Now".

Beides Werke des "New Hollywood", dieser Zeit zwischen Ende der Sechziger- und Ende der Siebzigerjahre, als sich junge und unerschrockene Autoren und Filmemacher anschickten, das angestaubte Hollywood zu revolutionieren und mit Energie und Kreativität das Kino zu erobern. Arthur Penns "Bonnie und Clyde" hatte 1967 den Weg dafür geebnet, aber "Easy Rider" war der Film, der plötzlich noch viel mehr möglich machte. Ein Film, der von Rebellen und Outlaws handelte, die sich gegen das Establishment auflehnen, mit geringen Mitteln unabhängig finanziert, aber mit viel Gefühl für die Zeit und die jungen Leute und einer Menge Authentizität und Gesellschaftskritik. All das, was dem alten Hollywood abging.

Deshalb schlug "Easy Rider" so ein. Zunächst auf dem Filmfestival in Cannes, wo Hopper den Preis für das beste Werk eines Regieneulings bekam, und später im Sommer und Herbst 1969 in den Kinos der USA. Schließlich weltweit, als die Erfolgsfahrt der "Easy Rider" an den Kinokassen nicht mehr aufhören wollte. Knapp 400.000 Dollar hatte der Film gekostet und spielte über 16 Millionen Dollar ein. "Vorher haben mich die Leute immer nur als den Sohn des großen Henry Fonda gesehen", sagte Peter Fonda, "mit 'Easy Rider' konnte ich endlich aus seinem Schatten heraustreten."

... So trügerisch die vermeintliche Freiheit am Ende ist, die Billy, Wyatt und George im Film genießen, so prophetisch nimmt "Easy Rider" damit auch Abschied von den Träumen und Hoffnungen der Sechzigerjahre. "You know Billy, we blew it", sagt Wyatt in der letzten Lagerfeuerszene, und viel ist darüber gerätselt worden, ob das nun nur auf die Protagonisten im Film oder auf die Gesellschaft an sich bezogen war. Ein paar Wochen später ermordete die Manson-Bande die schwangere Sharon Tate in den Hollywood Hills, Ende des Jahres erstachen die als Sicherheitsdienst engagierten Hells Angels beim Rolling-Stones-Konzert in Altamont den Schwarzen Meredith Hunter. Der Traum der Blumenkinder schien Ende der Sechzigerjahre zu platzen.

Seit dem Kinostart von "Easy Rider" sind 50 Jahre vergangen, der Film wurde zum Jubiläum in einigen Kinos wieder aufgeführt - und ist abgesehen von der Musik verblüffend aktuell und besser gealtert als andere Werke seiner Zeit. Was ist Freiheit? Wo fängt sie an? Wo hört sie auf? Vielleicht sind es einfach die Fragen, die der Film stellt, die zeitlos sind.


Aus: "50 Jahre "Easy Rider": Höllenfahrt in eine neue Zeit" Dirk Brichzi (11.07.2019)
Quelle: https://www.spiegel.de/einestages/50-jahre-easy-rider-hoellenfahrt-in-ein-neues-zeitalter-a-1276719.html#js-article-comments-box-pager

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r blaas, 11.07.2019

1. es sollte nicht vergessen werden, dass der Film nachträglich nochmals gegenüber auch der in Deutschland gezeigten ursprünglichen Version "entschärft" wurde


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Jens-Uwe Schmidt, 11.07.2019

2. Grandioser Film - ich hab ihn im Kino vorgeführt aber die meisten Leute sind kopfschüttelnd raus weil sie ihn nicht verstanden haben. Meist Jugendliche, die etwas völlig anderes erwartet hatten. Danke für die Erinnerung, ich werde ihn Mal wieder schauen!


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hardee neubert, 11.07.2019

3. Ein Wahnsinnsfilm!

Er wirkt bei mir bis heute nach. Er beinhaltete alles, was wir in der damaligen Zeit dachten, träumten und versuchten umzusetzen. Es war der Anfang einer stillen Revolution und im Kern der Beginn des freien Denkens.


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Claus-Stephan Merl, 11.07.2019

4. Was war an dem Film so gut? Ein paar Drogendealer, die damit andere Menschen ins Unglück stürzen, fahren durch die Gegend und werden von Rednecks umgelegt. Und das soll etwas mit "Freiheit" zu tun haben? Nein, es ist die Dekadenz des amerikanischen Traums. Sinnlose Existenzen, die kurze Momente des falschen Glücks erleben.


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Bernd Leibovitz, 12.07.2019

11. Ehrlich...

[Zitat]... war an dem Film so gut? Ein paar Drogendealer, die damit andere Menschen ins Unglück stürzen, fahren durch die Gegend und werden von Rednecks umgelegt. Und das
soll etwas mit "Freiheit" zu tun haben? Nein, es ist die Dekadenz des amerikanischen Traums. Sinnlose Existenzen, die kurze Momente des falschen Glücks erleben.


Wenn das alles ist, was Sie damals gesehen (und vor allem gehört) haben, dann sorry.


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Enno Hoffmann, 11.07.2019

6. Die Faust in der Tasche

Als Easy Rider in Deutschland in die Kinos kam, erinnere ich mich an eine Rezension im NDR. Es war die Zeit von Wolfgang Bombusch und Henning Venske. In diesem Zusammenhang fiel der Satz: Du gehst mit der Faust in der Tasche aus dem Kino.


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Papazaca, 12.07.2019

10. Atmosphärisches Zeitdokument

Wenn man an den Film denkt, fallen einem eine verrückte Harley, die Freiheit, anders zu sein, gute Musik und ein böses Ende ein. Mehr Atmosphäre als Fakten, mehr Illusion als ein tatsächlicher Zeitabschnitt. Diese Zeit war eben viel Hoffnung auf eine andere Welt, bis zum Klischee der Blumenkinder. Fast nicht wahr und schnell von der Realität eingeholt. Und danach folgte Ernüchterung und später ein konservatives Roll Back. Aber auch die Abschaffung des Kuppeleiparagraphen und der Marsch durch die Instiutionen. Der Erfolg der Grünen läßt grüßen. Letztlich ist die Rezeption von "Easy Rider" eine Frage von Macht, Zeitgeschmack und Geschichtsschreibung. Ein Habeck hat beim Sehen des Films sicher andere Gefühle als Helmut Kohl beim essen eines Saumagens. Und auch unsere nationale Ikone, die vielleicht in ihren Hosenanzügen schläft, kann man sich auch mit viel Vorstellungsvermögen nicht auf einer Easy Rider-Harley vorstellen. So werden wir mit der unterschiedlichen Deutungshoheit über die Bedeutung dieses Films leben: Er vermittelt wahrscheinlich mehr, WAS IST und nicht, WAS WAR.


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C. Moritz, 12.07.2019

12. No winds of change

Es ist schon deprimierend zu sehen, dass die Hälfte (nicht nur) der US-Gesellschaft seit 50 Jahren geistig auf dem Niveau stehengeblieben ist, welches der Film so bitterböse beschreibt. Wer auf irgendeine Art "anders" ist, wird angefeindet oder auch mal totgeschlagen oder erschossen. In einer deutschen Dokumentation war mal zu sehen, wie zwei Leute fast verprügelt werden, weil sie sich an einen Werktag faul auf eine Wiese legen wollten. Laut Hopper ging es ihm ja hauptsächlich darum, diese dumpfe Ignoranz und diesen Hass gegen alles Neue und Fremde zu thematisieren.


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Raimondo Civetta, 12.07.2019

14. Freiheit

... Beim Streben nach Freiheit, machen Verblüffenderweise auch gescheite Leute oft zwei Fehler: Sie glauben, dass die Freiheiten anderer immer die eigene einschränken und dass Freiheit ausschliesslich über Geld zu erreichen sei.


...


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« Reply #49 on: July 18, 2019, 12:23:32 PM »
Quote
Über Treue - Geschrieben von Thomas Trueten in LifeStyle um 08:30

„[…] wenn man als junger Mensch so aussah wie ein Hippie und sich einigermaßen selbst treu geblieben ist, sieht man als alter Sack aus wie ein Penner und nicht wie Joschka Fischer.

Harry Rowohlt


Quelle: https://www.trueten.de/permalink/UEber-Treue.html (15.07.2019)

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« Reply #50 on: August 15, 2019, 01:44:23 PM »
Quote
[...] Die 70er Jahre beginnen am 16. Juli 1969 um 9:32 mit dem Start der Apollo 11 Richtung Mond. Eine halbe Milliarde Menschen wohnen vor ihren Fernsehern dem Ereignis bei. Vier Wochen später feiert eine unübersehbare Menge im Schlamm von Woodstock den Anbruch einer neuen Zeit.

Das Neue ist in diesem Jahrzehnt eine Verheißung, die alle Menschen, den Mensch als Spezies betrifft. In der Gegenwart ist das Neue eine Bedrohung. Und das große warme Menschheitsgefühl von Woodstock ist dem Gefühl unvereinbarer Gegensätze gewichen. Die im Schlamm tanzenden Massen sahen sich als Avantgarde. Wir sehen uns als verzweifelte Feuerwehrleute, die in letzter Minute versuchen, die Katastrophe, die wir selbst verschuldet haben, zu verhindern. Und doch sind, das erzählt Jens Balzers brillante Analyse des entfesselten Jahrzehnts, die 70er Jahre die Epoche, mit der unsere Gegenwart beginnt. Die große Erzählung vom Fortschritt der Menschheit findet hier ihr Ende.

Aber zugleich steckt im Geist dieser Zeit ein enormes utopische Potenzial, das Balzer als Antidot gegen unsere resignierte Gegenwart aus der Flasche holt. Den berühmtesten Soundtrack zur Mondlandung liefert der 22-jährige Londoner David Bowie. Am Ende von Space Oddity bricht die Funkverbindung zur Erde ab und der Astronaut Major Tom geht in den Weiten des Weltalls verloren. Ein melancholischer Song, der von der Einsamkeit, Ratlosigkeit und Trauer eines wenig heldenhaften Weltraumeroberers erzählt. Und vom blauen Planeten, der aus der Ferne so klein und verletzlich aussieht: "Planet Earth is blue and there’s nothing I can do."

Der Utopie, den Hoffnungen von damals wohnt bereits die Ernüchterung, das Scheitern inne. Und Utopie und Apokalypse liegen näher beieinander, als die berauschten Hippies von Woodstock es zu träumen wagten. ...


Aus: "Jens Balzer über das "Das entfesselte Jahrzehnt"" Sandra Prechtel (13.08.2019)
Quelle: https://www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.die-siebziger-jahre-jens-balzer-ueber-das-das-entfesselte-jahrzehnt.3f9158a2-dd30-42ee-82a9-86a5be6745b2.html

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Quote
[...] Mit „Making Woodstock“ hat der Autor Robert Pilpel zusammen mit den beiden Hauptinitiatoren des Festivals, Joel Rosenman und John Roberts, ein sehr gut lesbares, dokumentarisches Sammelwerk vorgelegt, das aus der Perspektive der Beteiligten versucht, ein Bild vom Festival zu vermitteln: Anfang des Jahres 1969 sind zwei junge, angehende Geschäftsleute, John Roberts und Joel Rosenman, auf der Suche nach Ideen, mit denen sie in die Geschäftswelt einsteigen können. Durch verschiedene Zufälle geraten sie an das Duo Mike Lang und Artie Kornfeld. Die vorliegende Dokumentation „Making Woodstock“ beginnt mit der Begegnung von diesen vier Protagonisten und schildert das Festival, die Vorbereitungen und den Blick auf die anderen Beteiligten jeweils in persönlichen Texten und Statements. So entsteht, vergleicht man es mit den anderen Publikationen über Woodstock, ein authentisches Bild, gestützt durch die dokumentarischen Berichte der Zeitzeugen. Dies ist auch besonders interessant, weil von dieser Seite genaue Zahlen genannt werden, etwa was die Gagen der Musiker betrifft und die Kosten des Festivals. Allerdings gibt es erhebliche Abweichungen zu den Angaben bei dem zweiten vorliegenden Buch von Frank Schäfer.

Schäfers „Woodstock 69“ ist zuerst einmal ein brillanter Essay. Im Gegensatz zu der Dokumentation wird hier vor allem die reflexive Ebene bemüht. Schäfers Erfahrungen als Musikjournalist haben erfreulich positive Auswirkungen auf den Text. Die kurzweilige Lektüre macht den Leser mit einer genauen Chronologie des Festivals vertraut. Alle Bands und Musiker, die Umstände ihres Auftritts und ihre Setlists werden genauestens analysiert und geben auf der interpretatorischen und anaylitischen Ebene neue Erkenntnisse und Einsichten, die einige althergebrachte Analysen durchaus revidieren, etwa „The Who“ und ihren Gitaristen Pete Townshend betreffend: „‚Ich glaube nicht, dass Townshend eine der Hauptfiguren hier war‘, meint Abbie Hoffman später. ‚Die hatten nichts anderes im Kopf als ihre Songs zu spielen.‘ Er hat völlig recht, nur darum geht es ihnen. The Who wehren sich, wenn es Not tut mit Gewalt, gegen eine Instrumentalisierung ihrer Musik. Sie soll sich emanzipieren, für sich allein stehen können – und das ist ein ästhetisches Konzept, für das es in Woodstock noch ein bisschen zu früh ist.“

Schäfer arbeitet auch kritische Stimmen zum Festival auf und rekapituliert die Analysen von Joan Didion: „Didion kennt die Flower-Power-Bewegung von innen und deutet sie als Symptom eines schleichenden Verfalls einer Gesellschaft, zugleich des Verlusts einer ehemals integrativen, also Generationen verbindenden Wertetradition. ‚Wir bekamen […] den verzweifelten Versuch einer Handvoll bemitleidenswert schlecht ausgerüsteter Kinder zu sehen, inmitten sozialer Leere eine Gemeinschaft zu schaffen.‘“ Als Fazit gibt Schäfer ein für die Freunde und Bewunderer von Woodstock sicherlich deprimierendes Zitat. Von Neil Young – der mit „Croshy, Stills, Nash & Young“ in Woodstock gespielt hatte – zitiert er aus dem 1975 erschienen Album „Tonight’s The Night“ eine Strophe aus „Roll Another Number“: „I’m not going’ back to Woodstock for a while,/ Though I long to hear that lonesome hippie smile./ I’m a million miles away from that helicopter day./ No, I don’t believe I’ll be goin’ back that way.“

Die literarische Verarbeitung des Themas „Woodstock“ bietet der Roman „Taking Woodstock“ von Elliot Tiber. Hier kann man die Analysen und Wünsche, die Träume und Mythen von Woodstock in einer unterhaltsamen Geschichte nachlesen. Der Protagonist Elliot ist homosexuell und Sohn eines jüdischen Ehepaares, das in der Nähe des späteren Festivalgeländes in White Lake ein Motel betreibt. Elliot trifft den oben schon erwähnten Mike Lang, kann ihm den Kontakt zu Max Yasgur vermitteln, der letztendlich das Festivalgelände zur Verfügung stellen wird. Das Motel der Familie Tiber wird zum Hauptquartier der Festivalplaner, was das größte Familienproblem, den Geldmangel, löst. In der aus diesem Kontext entstehenden Atmosphäre von Emanzipation, freier Liebe, Drogenkonsum und Selbstbefreiung kann Tiber endlich öffentlich seine Homosexualität zeigen und selbst akzeptieren. „Woodstock“ ist in dem Roman ein Katalysator für die Entwicklung des Protagonisten – und in der Übertragung ein ebensolcher für die Entwicklung einer ganzen Generation – und es wird damit zu einer Metapher für eine freiheitliche und selbst bestimmte Lebensgestaltung.


Aus: "Woodstock revisited: Drei Bücher zum 40. Jubiläum des Woodstock Festivals"
Thomas Neumann (Archiv / Frühere Ausgaben / Nr. 3, März 2010 / Musik-, Kunst-, Kultur- und Medienwissenschaften)
Quelle: https://literaturkritik.de/id/14035

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[...] Zweifellos ist Woodstock 1969 ein wichtiges Datum auf dem Weg zur gesellschaftlichen Individualisierung. Letztlich war es auch ein Festival der Geschmacksbildung und des Konsums. Und entgegen dem vielfach formulierten Unbehagen, kontur- und bedeutungslos in einer Menge aufzugehen, ging es hier um das Erlebnis eines Massengefühls, das nicht von vornherein diskreditiert war.

... Aber keine künstlerische Naivität ohne gesellschaftliche Brechung. Niemand verkörperte das stärker als Jimi Hendrix. Mit seiner Version der US-amerikanischen Nationalhymne brachte er den Vietnamkrieg auch als Tonspur auf das riesige Gelände.

... Die Gesellschaft der Vereinigten Staaten war wenige Wochen nach der Ermordung von Robert Kennedy weit stärker aufgewühlt als die heutige.

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Aus: "Woodstock 1969: Eine Generation, die sich in ihrem Widerstand selbst entdeckt" Harry Nutt (14.08.19)
Quelle: https://www.fr.de/meinung/woodstock-eine-generation-sich-ihrem-widerstand-selbst-entdeckt-12911641.html

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[...] Hinter den Zäunen, die aber von den Massen eingerissen wurden, so dass Woodstock zu einem kostenlosen Konzert erklärt werden musste, schien eine Gegenwelt eingehegt. Der Vietnamkrieg, die Aggression der Spießer und Rassisten, die Ermordung von Martin Luther King und Robert Kennedy sorgten für ein politisch wie kulturell hochgradig aufgeladenes Klima. Es gab genug Gründe, um „Fuck“ zu sagen. „Fuck“ öffentlich auszusprechen, war in den USA der 60 Jahre jedoch ein Grund, um verhaftet zu werden. Country Joe McDonald ließ sich von der Bühne herab „F-U-C-K“ von den Massen brüllend buchstabieren und bestätigen, als Ausdruck einer Rebellion, als Protest gegen die repressive Arroganz der Macht. „Fuck“ schien das Losungswort, um das Establishment zu erschrecken. Aber sagten nicht auch die schlimmsten Spießer und aggressivsten Anti-Hippianer „Fuck“? Auf jeden Fall war für die Woodstock-Massen der Krieg in Vietnam fuck.

Für viele, die dabei waren, wurde der Matsch zur Institution, für nicht wenige nach Woodstock der Marsch durch die Institutionen. Schlichtere Gemüter sahen sich schon an der Spitze einer Revolution – die dann ausblieb. Seelenverkäufer setzten sich an die Spitze der Kommerzialisierung – ja, einer Durchökonomisierung des Musikbusiness. Und die blieb nicht aus. Einige Schriftgelehrte des Woodstock-Mythos haben all die Lesarten und Legenden retrospektiv als eine von Drogen stark manipulierte Selbstermächtigung interpretiert. Als so etwas wie die Verabredung eines Kollektivs mit dem Weltgeist, in dem eine Gegenwelt zu sich selbst kam unter verstörenden hygienischen Bedingungen.

... Waleighs oscarprämierter, fast vier Stunden langer Woodstock-Film hat die Legende rund um die Welt versendet, das Gerücht von einer Gegenwelt, für drei Tage errichtet auf einem grünen Hügel, mit der Ouvertüre von Canned Heat: „Going up the Country“. Dieses Bild ist Waleigh immer wieder vorgeworfen worden, eine Imagebildung der Verklärung. Dabei ist es nicht geblieben, wie gern übersehen wurde. Denn tatsächlich endet seine Dokumentation, die eine Montage ist und sich nicht an die Chronologie hält, mit Bildern der Verwüstung, und die stammen dann vom Finale auf dem Festivalgelände – und dem Nachspiel, am Montagmorgen. Über eine Schlammwüste trug ein einsamer Mensch einen Regenbogenschirm. Jimi Hendrix, in seine Soli vertieft, zerschredderte die amerikanische Nationalhymne.

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Aus: "Woodstock: Frauenverachtung, Kommerz und schlechte Drogen" Christian Thomas (15.08.2019)
Quelle: https://www.fr.de/kultur/woodstock-kein-wonderland-12914989.html

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[...] Spielten denn Gruppen wie die Black Panther Party, die sich gegen die Unterdrückung der Afroamerikaner engagierte, eine Rolle in Woodstock?

Sie waren einfach da, wie die Frauenbewegung auch. Man erkannte sie. Was wir in Europa in den Berichten davon übrig gelassen haben, war vor allem die sexuelle Befreiung. Das Aufregende war aber für mich: Sie waren alle da, und niemand war der Führer. Bei uns in Deutschland wurde unter den K-Gruppen der Kampf um die Wahrheit geführt, was in den 70er-Jahren auch die Anfänge der Bremer Uni bestimmt hat. Woodstock war zwar ein Riesen „melting pot“, aber niemand hat die Deutungshoheit übernommen. ...

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Vor wenigen Wochen war der 50. Todestag von Theodor W. Adorno, der in „Kulturindustrie – Aufklärung als Massenbetrug“ schon in den 40er-Jahren gesagt hat, dass alle Kultur Ware ist. Adorno sind Sie auch einmal begegnet, oder?

Ich kam im zweiten oder dritten Semester in die Studienstiftung des Deutschen Volkes. Die hatten immer spannende Tagungen. Als Adorno sein Buch „Negative Dialektik“ geschrieben hat, gab es ein Seminar mit ihm. Das war natürlich toll. Adorno hätte mit Woodstock wohl nichts am Hut gehabt. Aber diese 60er-Jahre waren, wenn schon kein Aufbruch, dann doch eine Zusammenfassung einer Stimmung. Und für mich war es eine wichtige Einsicht, dass man nicht nur durch Analyse und Adorno oder Bloch Veränderungen erreichen kann, sondern dass der Aufbruchswille in jedem Menschen steckt. Und dass die Verzweiflung über das, was Menschen zugemutet wird, auch überall ist.

Was ist für Sie persönlich wichtiger gewesen? Adorno oder Woodstock?

Für meine Arbeit sicherlich Adorno. Woodstock ist eher das, wohin man sein Wissen bringt. Das ist kaum vergleichbar. Ich bin froh, dass ich als Intellektuelle diese andere Seite entdeckt habe. Adorno und andere haben wichtige Hintergrunderklärungen für die Studentenbewegung geliefert. Seine Studien zur autoritären Persönlichkeit waren eine wichtige Grundlage.

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Aus: "Intweview: 50 Jahre später: Annelie Keil erinnert sich an Woodstock: „Ich war von der Stimmung stoned“" (14.08.2019)
Quelle: https://www.kreiszeitung.de/kultur/ich-stimmung-stoned-12914851.html