Textaris(txt*bot)
Administrator
Hero Member
   
Offline
Posts: 6004
Subfrequenz Board Quotation Robot
|
 |
« on: January 17, 2011, 12:21:47 PM » |
|
[...] Journalismus trägt zur öffentlichen Meinungsbildung bei. Er wird deshalb oft als vierte Gewalt im Staat bezeichnet (vgl. Fabris 1981). Die Aufgabe des Journalismus wurde in der Geschichte immer wieder neu interpretiert. Der Journalismus ist permanent in Bewegung, sein stetiger Wandel schafft jeder Journalistengeneration neue Probleme ...
Aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Journalismus (13. Januar 2011)
|
|
|
|
|
Logged
|
|
|
|
Textaris(txt*bot)
Administrator
Hero Member
   
Offline
Posts: 6004
Subfrequenz Board Quotation Robot
|
 |
« Reply #1 on: January 17, 2011, 12:32:43 PM » |
|
[...] Das Internet hat also nicht die Medien neu erfunden, indem es „soziale Medien“ wie Twitter, Facebook und Blogs hervorgebracht hat. Aber es verlangt bei denen ein radikales Umdenken, die bislang für Medien zuständig waren – den Journalisten. Die wollen von ihrer eigenen Neuerfindung bislang nicht viel wissen. Kein Wunder, denn was hier geschieht, stellt einige Selbstverständlichkeiten ganz grundsätzlich in Frage. Bislang war der Journalismus in der komfortablen Situation, den Menschen die Welt zu erklären, dabei die eigenen Deutungsmodelle als gegeben und richtig zu betrachten, auch weil selten Korrekturmöglichkeiten gegeben waren, denn die journalistische Thematisierung verlief bis in die Zeiten des Web 1.0 als Einbahnstraße. Doch plötzlich hat das Netz die Verkehrsregeln geändert. Bürger mischen sich als „Citizen Journalists“ über die Kommunikationsplattformen des Web 2.0 ins Agenda Setting ein, liefern Informationen in Text und Bild zu aktuellen Ereignissen aus der lokalen Nachbarschaft und der Welt drumherum. Journalisten müssen sich plötzlich geballt mit den Reaktionen ihrer Leser auseinandersetzen, ihre Produkte werden ungefragt weiterverarbeitet, getagged, verlinkt, gemashed. Rechercheprozesse finden nach einem beliebig gesetzten Initialreiz in Communities statt und fördern Ergebnisse zutage, für die traditionelle Redaktionen lange recherchieren müssen. .... ... Dadurch verändert sich der Journalismus in neun Dimensionen paradigmatisch: * Journalisten verlieren einen großen Teil ihrer Interpretationshoheit. * Es entstehen neue journalistische Rollenbilder, z. B. als Aggregatoren oder Broker, die für die Sammlung relevanter Informationen im Netz oder als Schnittstelle zur Verbindung unterschiedlicher Communities zuständig sind. * Es gibt kein Publikum mehr, sondern mehr oder minder aktive Communities. * Medienmarken werden durch individuelle Brands journalistischer Persönlichkeiten ergänzt oder ersetzt. * Es gibt keine fertigen „Stücke“ mehr. Journalistische Produkte werden zu „permanent content beta“. * Es gibt keine „write-read“-Hierarchie mehr, sondern nur einen endlosen Wechselwirkungsprozess zwischen „write“ und „read“ einer unbegrenzten Zahl von Beteiligten. * Wer sich als Journalist nicht auf das Netz als Recherche-, Kollaborations- und Kommunikationsplattform einlässt, ignoriert seine publizistische Verantwortung. * Es gibt keine netzunabhängige journalistische Weltsicht. Das Netz ist auch die Welt. Es gibt nur eine arrogante Verweigerungshaltung derer, die glauben, schlauer zu sein als ihre Leser. * Das Netz entlarvt jede noch so kleine journalistische Fehlleistung. Es dekonstruiert auch den Verweigerungsjournalismus. Viele Journalisten mögen diese Entwicklungen gar nicht. Und es ist einleuchtend, warum das so ist. Sich von gewohnten Denk- und Arbeitsmustern zu verabschieden ist anstrengend, sich neuen Technologien und Kommunikationsformen zu öffnen mühsam. Vor allem aber ist es bedrohlich für die Welterklärer, dass sie plötzlich ihre Interpretationshoheit verlieren sollen. Ihnen hilft keine Medieninstitution mehr, keine hierarchische Position im redaktionellen Gefüge. Sie müssen allein durch das überzeugen, was sie an Neuigkeiten und Geschichten zu liefern in der Lage sind und wie sie diese in die Gesprächsflüsse und Gesprächsräume im Netz einbringen. Information ist Macht. Das wissen Journalisten. Und das wissen auch alle anderen Menschen, die daran interessiert sind, ihre Sicht der Dinge dem Rest der Welt unbeeinträchtigt zu übermitteln. Unter anderem deshalb ist der „Embedded Journalism“ erfunden worden, der Journalisten zum Teil der eigenen Truppen an der kriegerischen Front macht. Nutzen wir dies als Analogie: Der Journalist ist heute anders eingebettet, nämlich in Prozesse der kollaborativen Informations- und Geschichtenproduktion. Er ist „embedded“ in eine Vielzahl von Öffentlichkeiten, von denen die eigene nur eine unter vielen ist. Wer als Journalist an der Front des Crowdsourcings überleben will, sollte sich eine Erkenntnis in Erinnerung rufen, die schon für das althergebrachte „Embedding“ wichtig war: Ich bin nur ein Teil der Sache, vermutlich nicht der wissendste und ganz sicher nicht der wichtigste. Und wenn ich überleben will, sollte ich mich auf die neue Situation einlassen. Zur Person Prof. Miriam Meckel, Corporate Communication und geschäftsführende Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen, Schweiz, sowie Beraterin für Kommunikationsmanagement und Public Affairs. Sie studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Sinologie, Politikwissenschaft und Jura an den Universitäten Münster und Taipei, Taiwan, und hat einen Doktortitel in Philosophie. Meckel war zehn Jahre als Journalistin tätig und war Staatssekretärin im Geschäftsbereich des Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen zunächst als Regierungssprecherin, später als Staatssekretärin für Europa, Internationales und Medien. Sie veröffentlichte zahlreiche Bücher, wissenschaftliche Zeitschriftenbeiträge und journalistische Artikel und hält Vorträge zu den Themenfeldern Kommunikationsmanagement, Unternehmenskommunikation, Journalismus, Internet und Medienwandel, Internationale Kommunikation, Medienökonomie. von hersh, 13.01.11, 13:39
Guter Artikel, der Themen auch mal anspricht...
etwa Probleme, die das Netz Medien und Journalisten bereitet, wie der Verlust von agenda-setting oder Deutungshoheit ...
Aus: "Journalisten an der Crowdsourcing-Front" von Miriam Meckel (13.01.2011) Quelle: http://www.focus.de/digital/internet/dld-2011/debate/tid-20968/medienwandel-journalisten-an-der-crowdsourcing-front_aid_589444.html
|
|
|
|
|
Logged
|
|
|
|
Textaris(txt*bot)
Administrator
Hero Member
   
Offline
Posts: 6004
Subfrequenz Board Quotation Robot
|
 |
« Reply #2 on: January 17, 2011, 12:46:18 PM » |
|
[...] Wer sich heute um die Unabhängigkeit der Presse sorgt, muss sich vor allem mit der Abhängigkeit der Journalisten befassen, und zwar mit der selbst gewählten. Wir haben nicht so sehr ein Problem der Rechtslage, sondern eines der Haltung. Jene Kollegen, die die Wikileaks-Veröffentlichungen unter dem Gesichtspunkt der Legalität sahen, wurden dazu nicht gezwungen. Sie taten das freiwillig. Sie wollen Herrschaft nicht kritisieren, sondern stabilisieren. Sie haben es sich im System gemütlich gemacht, sich selbst embedded, um den Begriff der PR-Strategen der US-amerikanischen Armee zu benutzen. Sie haben dabei die Pressefreiheit gleich mit zu Bett gebracht. Einen Vorteil hat das, immerhin: Es wäre leicht zu ändern. Die Journalisten müssten nur den schwer zu übersetzenden Rat von Lucy McLane aus "Die Hard 4" beherzigen: dig deep for a bigger set of balls. Man darf mit Blick auf den medialen Mainstream bezweifeln, dass sie das tun - oder fündig werden. Die mediale "Revolution", auf die der Titel unserer Veranstaltung hinweist, kann diese Lücke füllen. Wikileaks stößt bei den Mächtigen und ihren Medien deshalb auf so heftige Feindschaft, weil es sich der institutionalisierten Kontrolle entzieht und dennoch wirksam ist. Kein Wunder, dass Wikileaks-Gründer Julian Assange gleichsam als Terrorist gilt. Der Vergleich mit den Angriffen vom 11. September 2001 war erhellend. Übrigens lautet eine zulässige Übersetzung des arabischen al-Qaida "Datenbank". Wikileaks spürt jetzt den kalten Systemwind von vorn: Assange in Haft, die Geldströme beschnitten, der Netzzugang erschwert. Die mediale Revolution, in der sich der kritische gegen den bequemen Geist in Stellung bringt, ist kein einfacher Siegeszug. ... 14.12.2010 09:15 Uhr: von Bart:
Das Anbiedern an die Macht und deren Vertreter ist ja der eine Fehler von Journalisten, der andere ist, sich selbst zu den Mächtigen zu zählen - bzw. die jeweilige Medienmacht so auszuspielen, dass man als (Leit)Medium tatsächlich ein wie auch immer geartetes politisches Mitspracherecht hat. Wenn das zum Selbstverständnis werden sollte, dann soll das, was von dem "Qualitätsjourmalismus" noch übrig ist, gerne untergehen. Nicht nur der Zeit-Chef geht da erkennbar diesen Weg, sondern auch z.B. Di Lorenzo, der ja vorgestern bei Anne Will genau in dieses Horn stieß. Überhaupt: Will soll ja auch sowas wie seriöser Journalismus sein - aufgegriffen werden dann Schlagzeilen aus "Bunte" und ständig die selben Dampfplauderer eingeladen. Was ein weiteres Problem des Journalismus ist: die Experten-Hörigkeit. Keine Zeit zum selber Recherchieren, dann lassen wir es uns mal von 'nem Experten erklären...
13.12.2010 23:36 Uhr: von xonra:
Die schärfste Massnahme gegen freie und unabhängige Journalisten war die zwischen der Innenministerkonferenz und den Gewerkschaften (2006) "ausgehandelte" Vergabe von Presseausweisen. Wer nicht mindestens 8400 Euro p.A. verdient, erhält keinen Presseausweis ...
# 13.12.2010 13:00 Uhr: von Klaus D.:
Guter Artikel. Nur eine kurze Bemerkung: Die junge Dame aus "Die Hard 4.0" heißt Lucy McClane.
# 13.12.2010 10:05 Uhr: von rribert:
Was für eine größere Hurerei gibt es, als mit den Mächtigen der Politik und Wirtschaft zu einem konspirativen Treffen zu fahren? Joffe, Burda und einige andere waren alls schon bei den Bilderbergern eingeladen.
13.12.2010 08:29 Uhr: von vic:
Ein gutes Beispiel für die Komplizenschaft von Journalismus und Politik in der BRD sind die Wikileaks-Cables Während wir mit Boulevard Klatsch über Westerwelle und Merkel zugeschüttet wurden, blieb die wahre Botschaft im Verborgenen. Zum Beispiel, dass die USA Karsai zwingen wollten, das Sreumunitions-Verbot in Afghanistan wieder aufzuheben. Und vieles mehr, das man zwischen den Zeilen oder in wenigen politischen Formaten suchen muss - und dann auch findet.
# 12.12.2010 23:38 Uhr: von ambee:
Thomas Leif, Vorsitzender Netzwerk Recherche "...dass die PR-Industrie in der Lage ist Top-Journalisten abzuwerben. Und im Grunde sind auch im Berliner Milieu, die Agenturen am erfolgreichsten, die von Topjournalisten beraten oder auch beflügelt werden, weil die genau das tun, dass sie in das System möglichst lautlos des Journalismus eindringen und dort ihre Botschaften vermitteln. "
Hajo Schumacher, Journalist und PR-Lehrer "...die Verhältnisse, die Kräfteverhältnisse von PR und Journalismus haben sich in den letzten Jahren dramatisch verschoben. Im politischen, wirtschaftlichen, im Verbände-Berlin arbeiten mehr Journalisten auf PR-Seite, als auf unabhängiger journalistischer Seite. Da ist die entscheidende Frage: Sind wir als journalistisches System eigentlich noch zur Gegenwehr in der Lage oder wird nicht alles durch-pr-isiert?"
Christian Wulff, Bundespräsident "Die Gefahr für die Demokratie ist, dass Menschen die Streitfragen nicht mehr so aufbereitet werden, dass sie selbst teilnehmen können, Einfluss nehmen können, sich ein eigenes Urteil bilden können. ... Dazu, um das zu ermöglichen, braucht man qualifizierte Journalistinnen und Journalisten in ausreichender Zahl, weil es eben immer schwieriger wird, kompliziertere Sachverhalte mit Grafiken, mit Erklärungen, mit Hintergründen zu versehen. Ohne Pressefreiheit, ohne Meinungsfreiheit gibt letztlich keine Demokratie. "
Michael Rediske, Reporter ohne Grenzen: "Ich sehe auch gerade in Europa den Einfluss der PR auf den Journalismus als das größere Problem, als größeres Problem, verglichen mit staatlichem Einfluss, jedenfalls in den EU-Ländern. Das hängt natürlich auch mit den knappen Ressourcen zusammen. Dass immer mehr PR-Leute auf immer kleinere Redaktionen stoßen und in den Redaktionen immer mehr PR-Material direkt übernommen wird, das ist sicherlich eine Gefährdung der Pressefreiheit, weil es den Kunden, den Lesern, den Zuschauern nicht mehr unabhängige, das heißt, nicht PR-gesteuerte Informationen liefert."
# 12.12.2010 15:10 Uhr: von jan:
Großartig zusammengefasst. Sehen wir der Tatsache ins Auge: viele Journalisten halten sich für eine unersetzliche Petitionsinstanz, die zwischem dem Hof und den Untertanen vermittelt: dem Volk wird vorgegaukelt, dass der König ein guter Mann sei, und ab und zu, auf den Hofbällen, sagt man dem König, dass er sich doch bitte ein wenig ums Volk kümmern solle.
Sie sehen nicht als das, was sie tatsächlich sind: schäbige Systemnutten und Demokratieverräter. Beweise? Bitte schön: welcher Verleger und Journalist geht heute noch ins Gefängnis, um den Interessen der Demokratie zu dienen? Zudem ist Leyendecker heute seine erste wirklich systemrelevante Enthüllung geglückt: er enthüllt sich selbst und stellvertretend alle "Topjournalisten" gleich mit als rückgratlose Hofsänger.
# 12.12.2010 14:43 Uhr: von beate samak:
Gut erkannt und treffend beschrieben. Die immer auffälligere Verbundenheit von Teilen der journalistischen mit der politischen Klasse, vor allem von führenden und etablierten "Köpfen" beider Seiten ist gruselig. Teilweise erledigen die Medien die Propaganda für die Regierungspolitik und das alles ganz unverholen.Sehr bedenklich und befremdlich!
11.12.2010 01:18 Uhr: von Reinhold M.:
Lieber Herr Jakob Augstein.
Danke für diesen würdevollen Artikel. Es ist angenehm, dies nicht nur zu wissen, sondern auch in einem öffentlichen (Massen)Medium zu lesen.
Dass Sie schon lange nicht mehr schreiben was sie könnten (oder wollen), ob selbstgewählt oder nicht, ist zumindest einem Teil der Bevölkerung vollends bewusst.
Es bliebe viel zu sagen, doch genügt Ihnen, so hoffen wir, ein einfaches "Danke".
Ein Bürger.
... Aus: "Selbstverständnis von Journalisten - Die Pressefreiheit liegt schon im Bett" VON JAKOB AUGSTEIN (11.12.2010) Quelle: http://www.taz.de/1/leben/taz-medienkongress-2011/artikel/1/die-pressefreiheit-liegt-schon-im-bett/
|
|
|
|
|
Logged
|
|
|
|
Textaris(txt*bot)
Administrator
Hero Member
   
Offline
Posts: 6004
Subfrequenz Board Quotation Robot
|
 |
« Reply #3 on: January 31, 2011, 09:50:44 AM » |
|
[...] Die chinesischen Staatsmedien haben in den vergangenen Tagen über die Unruhen in Ägypten berichtet. Dabei wurde allerdings der Schwerpunkt der Berichterstattung auf die von Demonstranten ausgehende Gewalt gesetzt, nicht auf die Ursache der Proteste gegen die Regierung. (dpa) / (uma)
...
Aus: "China sperrt Thema Ägypten in Blogs" (30.01.2011) Quelle: http://www.heise.de/newsticker/meldung/China-sperrt-Thema-Aegypten-in-Blogs-1180165.html
|
|
|
|
|
Logged
|
|
|
|
Textaris(txt*bot)
Administrator
Hero Member
   
Offline
Posts: 6004
Subfrequenz Board Quotation Robot
|
 |
« Reply #4 on: February 08, 2011, 10:31:44 AM » |
|
[...] Bei der Frage "Wozu noch Journalismus?" geht es nicht primär um das Eigeninteresse traditioneller Institutionen wie der Medien, von Journalisten, die schlicht überleben wollen. Es geht um unser aller Weltwissen, um unsere Aufklärung, um die Bereicherung unseres Denkens und, ja, auch Fühlens. Es geht darum, ob unser Bewusstsein von Welt arm oder reich ist, ob wir beweglich bleiben im Denken und Handeln, es geht also nicht zuletzt um unsere je persönlichen Lebenschancen. Denn die werden nicht nur, aber auch doch wesentlich, durch moderne Qualitätsmedien verbessert. Niemand kann in hochanspruchsvollen Berufen überleben, der nicht ein Minimum von der ihn umgebenden Welt verstanden hat. Die negative Gedankenskizze zeigt, wofür wir Journalismus positiv und auf unabsehbare Zeit noch brauchen. Wir brauchen ihn als eine Reflexionsinstanz, als einen beharrlichen Prozess permanenter Aufklärung, als ein öffentliches Bemühen um Erkennen und Verstehen, als eine konzertierte Aktion, die unser je individuelles Leben bereichert, die uns schlauer macht, die aber auch unser Zusammenleben in Gesellschaft nachhaltig zivilisiert und optimiert. ... 15.03.2010 um 18:51 Uhr, geroldw schreibt
Untergang des real existierenden Journalismus
Leider muss man dergleichen Beiträge als wolkiges PR-Gefasel der Mainstreammedien identifizieren.
Wem heute wirklich an einer qualifizierten Meinungsbildung und Diskussion liegt, der muss den real existierenden Journalismus in die Tonne treten: das ist der einzige Weg, auf dem er sich u.U. erholen kann von der immanenten Korrumpierung, die heute sein Markenzeichen ist. Sicher gibt es hin und wieder noch substantielle Beiträge zu lesen. Diese jedoch in einer maximalen Ausdünnung: ihr Zweck ist es, als Werbeträger zu dienen für PR, Kommerz und Propaganda, die den Löwenanteil in nahezu allen Medien ausmachen und die ihnen als Profitbringer dienen.
Dieser real-existierende Journalismus ist der Ruin unserer Gesellschaft, der westlichen Welt insgesamt: das werden die kommenden Jahre belegen, wenn der Westen Stück für Stück im selbstgeschaffenen Morast versinkt: die eigentliche Fähigkeit des Journalismus zu kritischer Selbstreflektion des Systems ist in einem Ausmass kontaminiert und korrumpiert, dass eine Rettung aussichtslos erscheint. Dieser Kommentar wird von 0% unserer 2 Leser als schlecht gesehen, und von 100% als gut. Wie sehen Sie das? Diesen Kommentar melden ... 15.03.2010 um 18:51 Uhr
15.03.2010 um 17:18 Uhr stunna schreibt
Arme SZ
Lustig, dass dieser Bericht gerade hier bei der SZ zu lesen ist, wo der Vorstand in regelmäßigen Abständen Journalisten entlässt und die Qualität so sehr abgenommen hat, dass die SZ neuerdings nicht mal mehr zitierfähig ist!!! Aber schön zu lesen, wie gerne die SZ doch belehrend auftritt!
15.03.2010 um 12:38 Uhr
oktern schreibt
Andere Fragestellung
Die Frage ist doch nicht ob wir freien Journalismus brauchen, sondern ob das, was derzeit freier Journalismus genannt wird, auch freier Journalismus ist.
Wenn man eine Pressemitteilung der CSU liest und dann feststellen muß, daß es als Nachrichten des BR "verkauft" wird, oder die "unabhängigen" öffentlich-rechtlichen Medien im Parteiproproz regiert werden, dann sind mir Nachrichten schon lieber, von denen ich weiß, wer sie bezahlt hat.
Aus: "Innenansichten aus fremden Welten" Volker Lilienthal (15.03.2010) Quelle: http://www.sueddeutsche.de/medien/serie-wozu-noch-journalismus-die-oeffentlichen-vordenker-1.79962-2
|
|
|
|
|
Logged
|
|
|
|
Textaris(txt*bot)
Administrator
Hero Member
   
Offline
Posts: 6004
Subfrequenz Board Quotation Robot
|
 |
« Reply #5 on: April 28, 2011, 08:22:11 AM » |
|
[...] Für Geheimdienste ist die Presse ein Hauptoperationsgebiet. Die Kontrolle über Informationen und die Beeinflussung der kollektiven Wahrnehmung der Realität gehören zu den effizientesten Instrumenten der Dienste. Gerne ist man daher der schreibenden Zunft behilflich bei der Deutungshoheit von Ereignissen, bei der Gewichtung von Themen oder bisweilen sogar beim Streuen von Desinformation.
... Wie eng sich die Schattenmänner im Nachkriegsdeutschland u.a. mit dem bedeutendsten politischen Magazin DER SPIEGEL abgestimmt hatten, kann nun im Buch "Enttarnt" des früheren SPIEGEL-Journalisten Peter Ferdinand Koch nachgelesen werden. Nicht nur in Nachrichtendiensten, sondern auch in Nachrichtenmagazinen arbeiteten etliche Doppel- und manchmal auch Dreifachagenten, von denen Koch nicht weniger als 47 aufgespürt hat.
... Das häufig als "Sturmgeschütz der Demokratie" bezeichnete Nachrichtenmagazin, das heute für kritischen Journalismus steht, ist bei der Aufarbeitung der eigenen Geschichte noch immer erstaunlich zurückhaltend.
...
Aus: "Im SPIEGEL des BND" Markus Kompa 28.04.2011 Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/34/34628/1.html
|
|
|
|
|
Logged
|
|
|
|
Textaris(txt*bot)
Administrator
Hero Member
   
Offline
Posts: 6004
Subfrequenz Board Quotation Robot
|
 |
« Reply #6 on: September 29, 2011, 09:04:36 AM » |
|
[...] Selten wurden die zwei zentralen Prinzipien der deutschen Mediendemokratie – Verblödung und Unterforderung – so offenbar wie hier in der harmonischen Zusammenarbeit von Politiker und Moderator. Unversehens geronn die europäische Krise, die nicht zuletzt durch deutsches Zutun ihre Zuspitzung erfahren hat, zu einer kurzweiligen Lach- und Sachgeschichte.
Hätte Jauch die Arbeit eines Journalisten gemacht, hätte er die Kanzlerin nach dem deutschen Beitrag zur europäischen Krise befragt, nach dem Zusammenhang zwischen dem phänomenalen deutschen Exportüberschuss und dem Defizit der EU-Partner. Und er hätte über den Lohnverzicht gesprochen, der den deutschen Arbeitnehmern aufgezwungen wurde und der ihre europäischen Kollegen in die Arbeitslosigkeit getrieben hat. Es liegt allerdings die Vermutung nahe, dass Jauch der beliebteste Moderator des Landes ist, weil er diese Fragen nicht stellt.
...
Aus: "In der gläsernen Fabrik" Jakob Augstein (29.09.2011) Quelle: http://www.freitag.de/politik/1139-in-der-gl-sernen-fabrik-merkel-jauch-und-die-mechanik-der-machtverwaltung
|
|
|
|
|
Logged
|
|
|
|
Textaris(txt*bot)
Administrator
Hero Member
   
Offline
Posts: 6004
Subfrequenz Board Quotation Robot
|
 |
« Reply #7 on: September 29, 2011, 09:12:48 AM » |
|
Unser Autor versucht, die düsteren Nachrichten aus der Finanzwelt beim Frühstück zu ignorieren. Aber wenn alles zusammenbricht, wie kommt er dann an seine Cornflakes?[...] Aber in dem Moment, in dem vom vollständigen Zusammenbruch des Kapitalismus die Rede ist, mache ich mir über zwei Dinge Sorgen: Erstens die Zukunft meiner Frühstücksflocken Shreddies. Und zweitens über die Aussicht eines Weltkrieges. Als Spezies neigen wir zu Weltkriegen, wenn wir uns in Identitätskrisen befinden. Das ist ein wenig wie bei den Charakteren in Fernsehsoaps, die auf dem Höhepunkt ihrer Krise das Wohnzimmermobiliar auseinandernehmen, um zu demonstrieren, wie schlecht es ihnen jetzt gerade geht. (Wenn sie meinen, ich würde gerade die Aussicht auf einen Weltkrieg trivialisieren, dann haben Sie völlig Recht. Es handelt sich um einen psychologischen Abwehrmechanismus, der mich davon abhält, beim Schreiben laut zu schreien.) Der komplette Zusammenbruch des Kapitalismus würde zu einer Identitätskrise von gewaltigen Ausmaßen führen. Oder denken Sie, wir haben uns all diese Werbe-Jingles für nichts und wieder nichts angehört? Uns PIN-Codes gemerkt, Marken begehrt und sind auf der Suche nach innerer Bestätigung durch Shopping Malls gestreift. War das alles reine Zeitverschwendung? Ja, wir wussten, dass das alles Schwachsinn ist, aber irgendwie musste es ja weitergehen. Wir hatten doch keine andere Wahl, oder? Schließlich haben alle es gemacht! ... Wenn die gesamte Weltwirtschaft den Bach runter geht, könnten alle Währungen ihren Wert verlieren. Wenn wir dann aber wieder eine Art mittelalterlichen Tauschhandel einführen, wie soll ich da für meine Shreddies bezahlen? Ich weigere mich, an der Supermarktkasse sexuelle Gefälligkeiten zu erweisen. Aber wird es denn überhaupt noch Supermarktkassen geben? Und Shreddies? Selbst wenn, dann aber bestimmt nicht mehr in den Varianten "Frosted" and "Coco". Nur noch ganz einfache Frühstücksflocken, die man aus einer verbeulten Radkappe isst. Wie dem auch sei. Ich tue wie gesagt mein Bestes, dies alles zu ignorieren. Und bis jetzt gelingt es mir auch. ... Rosa Sconto schrieb am 28.09.2011 um 15:12
@ Redaktion
eine erhellende Auswahl einer noch erhellenderen Meinung: "Als Spezies neigen wir zu Weltkriegen, wenn wir uns in Identitätskrisen befinden." Bloß nicht über Ursachen nachdenken und sich in empörungs-schwangerer Verbal-Systemkritik selbst gefallen. Besser kann Ignoranz nicht beschrieben werden. Danke für die Aufforderung das Denken abzustellen!
Aus: "Die Kassenfrage" (27.09.2011) Quelle: http://www.freitag.de/alltag/1138-die-kassenfrage
|
|
|
|
|
Logged
|
|
|
|
Textaris(txt*bot)
Administrator
Hero Member
   
Offline
Posts: 6004
Subfrequenz Board Quotation Robot
|
 |
« Reply #8 on: October 06, 2011, 01:13:09 PM » |
|
[...] Der glänzende Lack des angeblich kritischsten arabischen Fernsehsenders blättert ab: Wikileaks hat geheime Schreiben von US-Diplomaten veröffentlicht, denen zufolge al-Dschasira auf Druck Washingtons Berichte über den Irak-Krieg geschönt hat. Nach Beschwerden des US-Außenministeriums und der Geheimdienste habe Al-Dschasira-Nachrichtenchef Wadah Khanfar 2005 bestimmte Bilder über das Kriegsgeschehen aus dem Programm genommen, so die New York Times. Eine Art grenzüberschreitender Zensur also - und ein Programm, gemacht im Dreieck zwischen Washington, der Regierung von Katar und dem Sender.
Naheliegend, wer im Streit um die Bilder von Toten und Verstümmelten im Irak das letzte Wort gehabt haben dürfte: der Emir von Katar, Hamad al-Thani. Er betreibt al-Dschasira und hat trotz aller Berichterstattung auch Interesse an problemfreien Beziehungen zu den USA. Khanfar jedenfalls hat ein schlechtes Licht auf den Sender geworfen und ist seinen Job los. An seine Stelle trat nun ein Mitglied der Herrscherfamilie: Das garantiert kurze Wege zwischen Betreiber und Redaktion. Bedenklich auch, was Khanfar den Amerikanern gesagt haben soll, die Absprachen über Irak-Reportagen schriftlich festhalten wollten: 'Als Nachrichtensender können wir so etwas nicht unterschreiben. In schriftlicher Form würde uns das Probleme bereiten.'
Al-Dschasira hatte die arabische Medienwelt Ende der 90er Jahre revolutioniert. Nach Jahrzehnten regimehöriger Berichterstattung von Marokko über Ägypten bis zum Golf gab es andere Nachrichten: 1996 ins Leben gerufen, wurde der Sender zum Inbegriff unabhängigen Fernsehens in einer Region, in der Medien von den Regierenden als Sprachrohr missbraucht werden. Die Kriege in Afghanistan oder Irak, gepaart mit einem grellen TV-Design, reizten ein Publikum, das die bleierne Hofberichterstattung leid war.
...
Aus: "Der Sender des Emirs Wikileaks, seltsame Deals und der Ruf von al-Dschasira" TOMAS AVENARIUS (22.09.2011) Quelle: http://www.sueddeutsche.de/N5d387/214581/Der-Sender-des-Emirs-Wikileaks-seltsame-Deals-und-der-Ruf-von-al-Dschasir.html
|
|
|
|
|
Logged
|
|
|
|
Textaris(txt*bot)
Administrator
Hero Member
   
Offline
Posts: 6004
Subfrequenz Board Quotation Robot
|
 |
« Reply #9 on: October 19, 2011, 09:36:19 AM » |
|
[...] Anya Schiffrin (Columbia University) ist eine der weltweit raren Expertinnen, die den Wirtschafts- und Finanzjournalisten genauer auf die Finger sehen. In dem von ihr herausgegebenen Buch «Bad News» wird von allen möglichen Seiten ausgeleuchtet, was in jüngster Zeit schiefgelaufen ist. Der Untertitel fragt kess danach, wie es passieren konnte, dass «Amerikas Wirtschaftspresse die Geschichte des Jahrhunderts verfehlte».
Schiffrin sieht das partielle Versagen des Wirtschafts- und Finanzjournalismus in engem Zusammenhang mit der Abwärtsspirale, in die der professionelle Journalismus in den letzten Jahren geraten ist: «Die Erlöse aus dem Anzeigengeschäft kollabierten – und das geschah bereits vor der Krise, wurde durch sie aber nochmals verstärkt. Die darauffolgende Kürzungs- und Kündigungswelle liess die Journalisten um ihre Jobs zittern. Viele hatten wohl auch deshalb Angst, sich dem Herdentrieb entgegenzustellen.» Der amerikanische Journalismus sei bereits vor der Finanzkrise von 2008 «implodiert»; etwa ein Drittel aller Stellen in den Redaktionen sei in wenigen Jahren verschwunden.
Es gebe bis jetzt kaum Forschung darüber, wie Wirtschaftsjournalisten in Krisenzeiten agierten, sagt Schiffrin. Die wenigen vorhandenen Studien bestätigten aber, dass Journalisten unter solchen Bedingungen der Unsicherheit noch stärker von ihren Quellen abhängig würden. «Das Tempo, in dem sich die Geschichten entfalten, bedeutet, dass Reporter einfach keine Zeit haben für breit angelegte, investigative Recherchen – oder auch nur, um sich an Wissenschafter oder vormalige <Insider> zu wenden, um eine stärker analytische Sichtweise zu erhalten.»
Quellen trockneten in Krisenzeiten mitunter aus: Sie befürchteten, «mit schlechten Nachrichten ihrerseits dazu beizutragen, dass sich die Entwicklung weiter verschlechtert». Und wenn sich Quellen unter solchen Bedingungen äusserten, dann gehe es ihnen meist um einen «Spin», also darum, im jeweils eigenen Interesse der jeweiligen Geschichte einen Dreh zu geben.
Der Nobelpreisträger und Informationsökonom Joseph E. Stiglitz lässt keinen Zweifel daran, dass eine kritische Presse dem Herdentrieb entgegenwirken könnte, der Spekulationsblasen entstehen lässt. Der Journalismus könnte für die nötigen «checks and balances» sorgen und «zur Gesundung von Märkten beitragen, die den Bezug zur Realität verloren» haben. Anderseits macht Stiglitz klar, weshalb solch ein Anspruch vielfach Wunschdenken bleibt: Journalisten «stehen nicht abseits vom Rest der Gesellschaft». Auch sie werden leicht von der Herdenmentalität erfasst – es gebe starke Anreize, weshalb sie sich meist nicht «gegen den herrschenden Wind» stemmen könnten.
Auch Stiglitz sieht «in der symbiotischen Beziehung» zwischen Journalisten und ihren Quellen eine grosse Gefahr. Dieses enge Verhältnis füge der Gesellschaft oftmals Schaden zu. Zudem verleite «Hybris Journalisten zur Fehleinschätzung, sie könnten als Empfänger von Informationen verzerrte und fehlerhafte Darstellungen aussortieren, solange sie nur die Information selbst bekommen». Allzu oft flüchteten Redaktionen obendrein in «He said, she said»-Berichterstattung, ein «einfaches, wenig ausgewogenes Reportieren der verschiedenen Positionen, ohne jedwede Analyse» – als würde «ein farbenblinder Reporter über den Himmel berichten und denen, die ihn für orangefarben erklären, gleiches Gewicht geben wie denen, die ihn für blau halten».
Dean Starkman von der «Columbia Journalism Review» weist auf all die andern Brandschutzmauern hin, die bei der Früherkennung der Krise versagt hätten: Risikomanager, leitende Angestellte und Direktoren innerhalb der Finanzinstitutionen, Buchhaltungs- und Wirtschaftsprüfungsfirmen, Rating-Agenturen, Regulatoren – und eben auch Journalisten.
In seiner Inhaltsanalyse, die von Anfang 2000 bis Mitte 2007 die neun wichtigsten Wirtschaftsmedien der USA umfasst, identifiziert Starkman zwar 730 Beiträge, in denen vor der Krise gewarnt wurde. Gemessen an den 220 000 Artikeln, die allein das «Wall Street Journal» in diesem Zeitraum veröffentlicht habe, sei das aber eben wie «ein paar Korken, die auf einem Nachrichtenstrom von der Grösse der Niagara-Fälle daherkommen».
Während Chris Roush, Wirtschaftsjournalismus-Experte an der University of North Carolina in Chapel Hill, anhand solcher Beispiele zu zeigen versucht, dass die Krisenberichterstattung «besser war als ihr Ruf», erinnern Robert H. Giles und Barry Sussman von der Harvard University an alte Tugenden im Journalismus, die unter die Räder geraten seien. Die beiden Medienexperten fordern Skepsis ein. Es sei essenziell, dass Journalisten gegen den Strich bürsteten und sich der Tendenz zum Herdentrieb entgegenstellten.
Das klingt liebenswert altmodisch, aber solche Appelle zeugen auch von Hilflosigkeit. Um zu begreifen, weshalb der Wirtschaftsjournalismus zumindest partiell versagen musste, ist eine andere Einsicht von Giles und Sussman wichtiger: Journalisten hätten es im Umgang mit Ökonomen auch deshalb besonders schwer, weil sich die wirtschaftswissenschaftlichen Experten widersprächen. Die erste Gruppe, die besonders oft in den Medien zum Einsatz komme, bestehe aus hochkompetenten Wirtschaftswissenschaftern, die allerdings von der Wall Street vereinnahmt seien und bestimmte kommerzielle Interessen verträten. Eine zweite Gruppe bestehe aus Ökonomen, die so sehr die Theorie effizienter Märkte verinnerlicht hätten, dass sie sich auch jetzt noch an ihr festklammerten.
Die dritte Gruppe seien diejenigen, die «glaubwürdig» seien. Sie seien überzeugt, dass «Märkte versagen können und durch irrationale Spekulation und Blasenbildung gefährdet sind und dass Regierungen eine wichtige Rolle bei der Regulierung von Märkten und bei der Realisierung einer Geldpolitik haben, welche die Märkte stabilisieren hilft».
Das ist zwar eine ziemlich holzschnittartige, aber nicht gänzlich verkehrte Sichtweise. Sie erklärt zumindest, weshalb sich auch um Redlichkeit bemühte Journalisten bei der Wahrheitssuche so schwer tun. Die Nebelkerzen-Werfer sind allgegenwärtig, und im Kampf um Definitionsmacht und um Medienaufmerksamkeit haben sie wohl die stärkeren Bataillone auf ihrer Seite.
Anya Schiffrin (Hg.): Bad News. How America's Business Press Missed the Story of the Century. The New Press, New York / London 2011.
Aus: "Mitschuld an der Finanzkrise?" Stephan Russ-Mohl (18. Oktober 2011) Quelle: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/medien/mitschuld_an_der_finanzkrise_1.13034830.html
|
|
|
|
|
Logged
|
|
|
|
Textaris(txt*bot)
Administrator
Hero Member
   
Offline
Posts: 6004
Subfrequenz Board Quotation Robot
|
 |
« Reply #10 on: October 29, 2011, 04:03:45 PM » |
|
[...] Berlin - Die Atomlobby hat vor der Bundestagswahl 2009 massiv versucht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und ein Kernenergie-freundliches Klima in Deutschland zu schaffen.
Dies geschah durch Pro-Atomkraft-Beiträge in großen Zeitungen, Studien, Festvorträge prominenter Persönlichkeiten und Pressereisen für Journalisten, berichtete die «tageszeitung» («taz»). Die Zeitung veröffentlichte dazu Dokumente zu einer von der Agentur Deekeling Arndt Advisors im Auftrag des Atomforums organisierten Kampagne.
Dem Atomforum gehören auch die Kernkraftbetreiber Eon, RWE, EnBW und Vattenfall an. Demnach wurde versucht, selbst in Frauenmagazinen atomfreundliche Beiträge zu platzieren, um einen Stimmungsumschwung mit Blick auf die von Union und FDP geplante Laufzeitverlängerung zu erreichen. Der Historiker Arnulf Baring konnte den Dokumenten zufolge für einen Gastvortrag zum 50. Jubiläum des Atomforums sowie für einen ganzseitigen Beitrag in einer großen Tageszeitung gewonnen werden, ebenso andere Persönlichkeiten, vor allem führende Wirtschaftsbosse.
Mit einem «Brückenschlag zum Vorzeigeland Schweiz», das nüchtern über Atomkraft diskutiere, sollte gezeigt werden, dass die Deutschen mit ihrer Angst vor der Kernenergie recht alleine dastehen. Ein Mittel dazu war eine Pressereise mit «Key-Journalisten deutscher Meinungsführer-Medien». Das Fazit nach Artikeln über die Reise lautete: «Pragmatismus der Schweiz verfängt in Medienberichten».
Das Deutsche Atomforum sieht die Veröffentlichung gelassen. «Es ist ein ganz üblicher Vorgang, dass man über Öffentlichkeitsarbeit versucht, die Öffentlichkeit zu beeinflussen», sagte Geschäftsführer Dieter H. Marx am Samstag der Deutschen Presse-Agentur dpa. «Das macht Greenpeace auch.» Die von der «taz» veröffentlichten Dokumente seien keine Geheimpapiere. «Wir haben nichts gemacht, was nicht legal wäre», sagte Marx. «Auch eine Journalistenreise ist nichts geheimes», sagte Marx mit Blick auf die Pressereise in die Schweiz.
Union und FDP gewannen die Wahl 2009 und verlängerten genau vor einem Jahr die AKW-Laufzeiten um durchschnittlich zwölf Jahre. Nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima nahmen sie diese Entscheidung wieder zurück und beschlossen einen Ausstieg bis 2022.
Aus: "Enthüllung zur Lobbyarbeit der Atomindustrie" (29. Oktober 2011) Quelle: http://www.morgenpost.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/brennpunkte_nt/article1809882/Enthuellung-zur-Lobbyarbeit-der-Atomindustrie.html-.- [...] Die internen Unterlagen zeigen, dass Barings Auftritt schon sieben Monate vorher als Teil der Kampagne eingeplant war. Heute sagt Baring auf taz-Anfrage, die Lobbyagentur Deekeling Arndt habe ihm beim Verfassen des Textes "zugearbeitet". Die Agentur habe ihm Informationen zur Verfügung gestellt, von denen er einige in seine Rede eingebaut habe. Die Information über diese Zusammenarbeit lässt er dagegen aus der Rede raus – genau wie die Information, dass er für den Vortrag bezahlt wurde. Die Lobbyagentur bietet den Text auch der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an, die den Text einen Tag nach der Rede als Gastbeitrag Barings abdruckt. Die internen Unterlagen zeigen auch, wie im Rahmen der Kampagne ein Verein von Frauen gegründet wurde, die sich für die Atomkraft einsetzten. Sie zeigen, wie die Agentur über Pressereisen und Hintergrundgespräche mit Journalisten ihre Botschaften in den Medien platzierte. Und sie zeigen, wie die Agentur Kontakte in die Politik kauft, indem sie ehemalige Abgeordnete und Staatssekretäre beschäftigt. Nichts davon ist verboten. Einiges davon ist anrüchig. Das Meiste ist profane, handwerklich gut umgesetzte Öffentlichkeitsarbeit. Aber zusammengenommen zeigen die Dokumente, wie Konzerne in Deutschland vorgehen, wenn sie Einfluss auf Medien, Politik und Öffentlichkeit nehmen. 28.10.2011 16:37 Uhr von Keuner:
Der Skandal ist nicht die Lobbyarbeit der Atomkonzerne. Der Skandal ist, dass sie Erfolg hatte!
Aus: "Die Geheimpapiere der Atomlobby" von S. Heiser & M. Kaul (28.10.2011) Quelle: http://www.taz.de/taz-enthuellt/!80743/
|
|
|
|
|
Logged
|
|
|
|
Textaris(txt*bot)
Administrator
Hero Member
   
Offline
Posts: 6004
Subfrequenz Board Quotation Robot
|
 |
« Reply #11 on: November 22, 2011, 10:48:12 AM » |
|
[...] Das "Gesetz zum Schutz von Staatsinformationen" sieht bis zu 25 Jahre Haft für Journalisten vor, wenn sie "als vertraulich klassifizierte Informationen" veröffentlichen. Dazu können schon Angaben zu öffentlichen Aufträgen und Staatsunternehmen gehören. Damit greift der ANC mit seiner überwältigenden Mehrheit im Parlament eine seiner wichtigsten Kontrollinstanzen an. Schließlich machen ANC-Politiker und Verwaltungsmitarbeiter immer wieder Schlagzeilen wegen Veruntreuung von Geldern - das vielleicht größte Hindernis der Nation, die in den 90er-Jahren euphorisch in eine neue demokratische Zukunft aufgebrochen war. "Als wir alle zusammen gewählt haben, war das ein großartiger Moment in meinem Leben", sagte Gordimer, "wir glaubten, alles werde gut. Das war eine kindische Idee."
Auch Gordimer wird sich heute wohl schwarz kleiden. Südafrikas Pressevereinigung NPC hat Südafrikas Bevölkerung dazu aufgerufen, sich heute schwarz anzuziehen - in Anlehnung an den "schwarzen Mittwoch" des Jahres 1977. Damals ließ die Apartheid-Regierung die regierungskritischen Zeitungen "The World" und "Weekend World" schließen, verbot 20 Anti-Apartheid-Gruppen und verhaftete Dutzende Aktivisten. "Jetzt, in einem freien, demokratischen Südafrika, sehen wir uns Zensur ausgesetzt", sagte der NPC-Vorsitzende Yusuf Abramjee, "wir müssen jetzt alle aufstehen." ...
Aus: "Trauerflor für Südafrikas Pressefreiheit" Christian Putsch (11/2011) Quelle: http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article13728997/Trauerflor-fuer-Suedafrikas-Pressefreiheit.html
|
|
|
|
|
Logged
|
|
|
|
Textaris(txt*bot)
Administrator
Hero Member
   
Offline
Posts: 6004
Subfrequenz Board Quotation Robot
|
 |
« Reply #12 on: December 07, 2011, 11:31:02 AM » |
|
[...] Schlecht war, dass viele Zeitungen und Sender sich von dem Baron haben blenden lassen und ihn lange, zu lange feierten; dass auch wir professionellen Beobachter seine Schwächen – den Wankelmut, die Willkür, die inhaltliche Leere – oft übersehen oder nicht ausreichend beleuchtet haben; dass der Hype, den wir später beklagten, zu einem guten Teil von unserer Zunft ausging – von den ungezählten wohlwollenden Porträts, den lobreichen Kommentaren, den oft unkritischen Interviews. Schlecht war, dass nur wenige Journalisten nachhaltig misstrauisch wurden, als der Polit-Star zuweilen so gar nicht glanzvoll agierte, als er im Amt des Wirtschaftsministers beim Streit um die Staatshilfe für Opel nur kurz den harten Hund gab – um dann sehr schnell den Schwanz einzuziehen; als er im Amt des Verteidigungsministers während der Kundus-Affäre sehr schneidig auftrat, um dann, ganz mickrig, zwei loyale Mitarbeiter zu schassen; als er es mit der Selbstinszenierung so weit trieb, dass jeder Mensch mit Augenmaß abgestoßen sein musste. Schlecht war, dass Guttenberg die Gunst der meisten Medien erst dann verlor, als man ihn der Lüge und des Diebstahls geistigen Eigentums überführte.
Wir Journalisten hatten uns zu sehr auf die Person Guttenberg fixiert und wollten zu wenig wissen, was hinter dem Aufsehen steckte, das der Mann erregte, hinter dem Interesse, das er weckte, hinter der Popularität, die er genoss und bisweilen noch genießt. Zu oft mutmaßten wir darüber, was ihn an- und umtreibt, wie er denkt oder gar fühlt anstatt auszuloten, was die vielen Menschen bewegt, die ihm applaudierten.
Das Gute im Schlechten sehen: Gut wäre, wenn dieses Versagen in der Vergangenheit uns eine Mahnung für die Zukunft wäre; wenn wir beim nächsten Mal früh genug, scharf genug hinschauten ...
Aus: "Zu viel Gefühl" Von Ferdos Forudastan (07.12.2011) Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/meinung/kolumne-zu-viel-gefuehl,10808020,11272086.html
|
|
|
|
|
Logged
|
|
|
|
Textaris(txt*bot)
Administrator
Hero Member
   
Offline
Posts: 6004
Subfrequenz Board Quotation Robot
|
 |
« Reply #13 on: December 13, 2011, 09:36:18 AM » |
|
... Besonders „die Medien“ werden meist undifferenziert an den Pranger gestellt, etwa als „Teil einer Industrie, die eher an Ruhigstellung als an Aufklärung interessiert ist“. Das ist sehr pauschal, aber die Verallgemeinerung ist verständlich – trifft doch die Diagnose leider zu oft zu. ...
Aus: "Gar nicht alternativlos" Stephan Hebel (09.12.2011) http://www.fr-online.de/meinung/auslese-gar-nicht-alternativlos,1472602,11286198.html
|
|
|
|
|
Logged
|
|
|
|
|
|
|