COMMUNICATIONS LASER #17
May 22, 2012, 12:35:05 PM *
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Author Topic: [Zur neuen Biedermeierlichkeit... ]  (Read 352 times)
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« on: October 26, 2010, 10:59:03 AM »

Quote
[...] Der Ausdruck Biedermeier bezieht sich zum einen auf die in dieser Zeit entstehende eigene Kultur und Kunst des Bürgertums (z. B. in der Hausmusik, der Innenarchitektur und auch in der Mode), zum anderen auf die Literatur der Zeit, die beide oft mit dem Etikett „hausbacken“ und „konservativ“ versehen werden. Als typisch gilt die Flucht ins Idyll und ins Private. Schon der Dichter Jean Paul hatte vom „Vollglück in der Beschränkung“ gesprochen, Goethes Sekretär Johann Peter Eckermann „eine reine Wirklichkeit im Lichte milder Verklärung“ zu erkennen geglaubt.

[...] Mit dem Begriff Biedermeier ist in erster Linie auch eine bürgerliche Kultur gemeint, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand. Das Bürgertum kultivierte das Privat- und Familienleben in ganz neuem Ausmaß. Nicht die Repräsentation stand im Vordergrund, sondern das häusliche Glück in den eigenen vier Wänden, die zum Rückzugsort wurden. Bürgerliche Tugenden wie Fleiß, Ehrlichkeit, Treue, Pflichtgefühl, Bescheidenheit wurden zu allgemeinen Prinzipien erhoben. Die Biedermeier-Wohnstube war die Urform des heutigen Wohnzimmers, und wahrscheinlich wurde damals der Ausdruck Gemütlichkeit eingeführt. Die Geselligkeit wurde in kleinem Rahmen gepflegt, beim Kaffeekränzchen, am Stammtisch, bei der Hausmusik, aber auch in den Wiener Kaffeehäusern. ...

[...] Die bürgerliche Familienstruktur war patriarchalisch, der Mann das Oberhaupt der Familie; der Wirkungskreis der Frau war der Haushalt. Das wohlhabendere Bürgertum beschäftigte Personal, darunter eine Köchin, einen Kutscher, eine Kinderfrau, für Säuglinge auch eine Amme, mitunter einen Hauslehrer. Die wichtigsten weiblichen Freizeitbeschäftigungen waren Handarbeiten und das Klavierspiel, das jede Bürgerstochter zu lernen hatte. Wesentlich mehr Aufmerksamkeit als vorher widmete man auch der Kindererziehung und dem Kinderzimmer, es erschien entsprechende Literatur mit Anleitungen zur Erziehung. Es entstand erstmals eine eigene Kindermode, die nicht nur eine Kopie der Erwachsenenmode war. Die Spielzeugindustrie erlebte ihre erste Blüte. 1840 gründete Friedrich Fröbel in Bad Blankenburg den ersten Kindergarten.

In der Biedermeierzeit wurde auch das häusliche Weihnachtsfest in der Form ausgebildet, die uns heute allen bekannt ist, mit Weihnachtsbaum, Weihnachtsliedern und Bescherung.

...


Aus: "Biedermeier" (16. Oktober 2010)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Biedermeier

-.-

Quote
[...] Gemütlichkeit, abgeleitet von Gemüt, ist ein subjektiv empfundener Gemütszustand des Wohlbefindens, ausgelöst durch subjektiv determinierte materielle Verstärker und/oder Situationen. Das Wort Gemütlichkeit hat auch Eingang in den englischen Sprachgebrauch gefunden, da es dort keine richtige Entsprechung hat.

Gemütlichkeit kennzeichnet zugleich eine dem Menschen freundliche, warme Atmosphäre und Umgebung, in der man sich wohlfühlt. Sie ist gekennzeichnet von Ruhe, Ausgeglichenheit und Geborgenheit, Konfliktfreiheit und Sorglosigkeit. Sie bringt Ruhe in die Hektik. Gemütlichkeit verträgt keine Aufregung, keinen Streit, keine sich aufdrängenden Sorgen. Sie ist auch unvereinbar mit gleichzeitiger schwerer Arbeit, die zwar zu Gemütlichkeit führen kann, aber selbst keine darstellt. Durch die Konfliktfreiheit wirkt die Darstellung von Gemütlichkeit in der Kunst oft kitschig.

... Der Begriff Gemütlichkeit bedeutete zunächst nur soviel wie „voller Gemüt“. Die Herrenhuter verwendeten den Ausdruck Anfang des 18. Jahrhunderts in ihren Schriften im Sinne von Herzlichkeit. Eine neue Bedeutung bekam er in der Biedermeierzeit; in dieser Phase wurde Gemütlichkeit zu einem Modebegriff im Sinne von Behaglichkeit, wurde von Kritikern wie Joseph Görres aber auch in Zusammenhang gebracht mit Nationalismus und Deutschtümelei. Gemütlichkeit bekam daher eine negative Konnotation im Sinne von Trägheit und fehlender Courage.

...


Aus: "Gemütlichkeit" (4. Juli 2010)
http://de.wikipedia.org/wiki/Gem%C3%BCtlichkeit

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« Reply #1 on: October 26, 2010, 11:02:06 AM »

Quote
[...] Biedermeierlicher Alltag und kleinbürgerliche Geborgenheit machen sich halt nicht nur in Diktaturen breit - wie in der Metternich-Ära, im Hitler-Regime und im SED-Staat -, sondern auch in Demokratien, wenn sich allzu viele bedingungslos anpassen und jedes Infragestellen, jedes Umdenken und jede Veränderung für verwerflich halten. Erinnert sei nur an die späten fünfziger Jahren, als Adenauer mit der Losung regierte "Keine Experimente". Erinnert sei auch an die Stagnation in der langen Kohl-Ära. Die Gefahr, dass wir versuchen, uns biedermeierlich einzurichten, droht uns auch gegenwärtig, und das um so mehr, je komplizierter und undurchschaubarer die wirtschaftlichen und politischen Prozesse und Systeme um uns herum werden. Doch wie wir gesehen haben, Subversives und Zukunftsweisendes gedeiht immer und überall, und eben das lässt hoffen.


Aus: "Biedermeierlichkeit in der Bundesrepublik" (Ursula Homann, Datum ?)
Quelle: http://www.ursulahomann.de/Biedermeier/kap004.html

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« Reply #2 on: October 26, 2010, 11:07:44 AM »

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[...] Volkslieder? Sind jahrezehntelang im Stadel versumpft oder durch den Schlund grausiger Massenchöre gewandert. Gott hilf!, konnte man da nur flehen. Doch langsam scheint sich das Blatt zu wenden, die gute alte Volksweise erfährt eine zum Teil hochkarätige Renaissance. Ob nachhaltig, das wird sich noch zeigen.

In einer geradezu konzertierten Aktion schmettern Opernheroen und Kunstlied-Kapazitäten den „lieben Mai“ an, sie beklagen „entzwei gesprungene Ringlein“ und bitten uns, „immer Treu und Redlichkeit“ zu üben. Sony hat dafür Stars wie Jonas Kaufmann, Annette Dasch oder den über alles erhabenen Christian Gerhaher zusammengetrommelt. Das Album „Wenn ich ein Vöglein wär“ kam eben auf den Markt – versehen mit einem hübsch bebilderten Booklet, inklusive Liedtexten und Vogerln auf dem Titel.

Singer Pur, Echo-verwöhntes A-Cappella-Ensemble mit Regensburger Domspatz-Wurzeln, bot im Juni eine wohlklingende Steilvorlage unter dem Titel „Letztes Glück“ (Oehms Classics). Die Lieder stammen aus der deutschen Romantik – und selbst mit der ausgeleierte Rheinsirene Loreley kann man hier Frieden schließen.

Wobei die „Wiegenlieder“ aus dem Carus-Verlag quasi den Startschuss zur neue Liedliebe gaben: Schon seit einem Jahr dominiert der aufwändige Band die Bestsellerlisten, Teil 2 liegt seit März in den Buchhandlungen, im Herbst folgen die „Volkslieder“. Natürlich auch mit fein besungener CD – mancher Knirps hat dergleichen noch nie vernommen. Und also wurde die Wiegenlied-Scheibe großzügig an über 8000 Kindergärten verteilt. Dass die Bundeskanzlerin daselbst den Schirm über so ein Zukunftsprojekt hält, versteht sich fast von selbst.

Eine gute Sache, finden die meisten, Lehrer wie Kinderärzte sowieso, und wir wollen mit Lob nicht zurückstehen. Nur kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass sich die ganze Chose famos in die neue-alte Bürgerlichkeit der Deutschen fügt: zum wieder entdeckten Schick von Eiche-rustikal-Küchenzeilen, karierten Wanderhemden (allerdings aus Higtech-Fasern) und tortensüßen Damenkränzchen mit Filterkaffee. Oder biedermeierlichen Schrebergartenfreuden, denen selbst das hippe Münchner Lounge- und Partyvolk auf langen Wartelisten entgegenfiebert.

Nichts desto trotz darf man sich die neuen Scheiben ruhig auflegen. Denn wenn der fabelhafte Helmut Deutsch am Flügel sitzt und Salzburgs neue Sopranentdeckung Christiane Karg den Mai endlich hersäußelt oder Wagner-Tenor Klaus Florian Vogt das holde Mädchen anhimmelt, dann geht einem doch grad das Herz auf.


Aus: "Biedermeierliche Schrebergartenfreuden" (13. Aug 2010)
Quelle: http://www.abendzeitung.de/kultur/205628

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« Reply #3 on: October 26, 2010, 11:14:47 AM »

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[...] Das Massenphänomen der gelebten Zerstreuung und Sinn-losigkeit beeinflusst unsere Gesellschaft wie kaum eine andere Erscheinung. Im privaten Raum, eine Errungenschaft des Liberalismus, ist der Spaß eine Erholung für viele. Er versorgt sie mit Kraft im Vergnügungshafen der stürmischen Leistungsgesellschaft. Gerade in Zeiten, die zu defätistischem Kulturpessimismus einladen, ist Ablenkung eine willkommene Gefährtin. Das Privatfernsehen ist hier der Vorreiter für seichte Unterhaltung am Abend des gestressten Großstädters oder der abgehängten – meist männlichen – Landpomeranze. ...

Eine andere seichte Unterhaltungsform, die gleichsam mit Tabus belegt ist und mindestens ebenso gefährlich ist für ein verantwortungsvolles Miteinander ist die Spaßgesellschaft. Als Ansammlung von Menschen, die nach Grenzerfahrungen suchen ist der Club meist ein Ort des Exzesses. Entweder wird mit Stimulanzien nachgeholfen oder der Körper natürlicher Weise gemartert, bis man nicht mehr kann. In dieser jugendfixierten Verklärung des Sich-Auslebens schwingt oft ein Hang zur Verantwortungslosigkeit mit. Der kritisch-reflektierte Geist wird abgetötet oder klein gehalten, das wertfrei Triebhafte voll nach außen gekehrt. Allerdings kann eine freiheitliche Gesellschaft, die sich als Solidargemeinschaft versteht, überhaupt nur überleben, wenn ihre citoyens kritische Bürger sind. Die Reflexion, gerade auch die Selbstreflexion gehört zwingend zum zoon politicon dazu.
Der Spaß, als apolitische Zerstreuung und reflexartige Instinkthandlung und Bedürfnisbefriedigung lässt jedoch das kritische Reflektieren meist nicht zu.

Dabei geht es nicht um eine bierernste und lachfeindliche Gesellschaft, sondern um eine, die den profunden Humor und das Vergnügen an Herausforderungen geistiger Art vor die doch recht trivialen und überaus kurzweiligen und somit doch auch persönlich unergiebigen Bedürfnisbefriedigungen setzt. Die Spaßgesellschaft ist biologistischer Konsumterror.

Zur Lösung sieht man momentan in Prenzlauer Berg viel: Die Biedermeierlichkeit. Wenn man bemerkt, dass die ganze Feierei und Fickerei einem doch nicht so das gegeben hat, was man dachte, bekommt man eben ein Kind!
Für alle bambinophoben Zeitgenossen bleibt da leider nur eins: Geht ernster mit euch um!


Aus: "Therapiestunde Spaßgesellschaft" Von Jan Mollenhauer (Montag, Oktober 25th, 2010)
Quelle: http://le-bohemien.net/2010/10/25/therapiestunde-spasgesellschaft/

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« Reply #4 on: October 26, 2010, 11:18:35 AM »

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[...] Die Lebensentwürfe der interviewten Jugendlichen lassen eine Biedermeierwelt durchscheinen, in der das zentrale Lebensziel darin besteht, ein kleines Haus, mit Garten oder eine Eigentumswohnung zu besitzen. Das Lied von Peter Fox über das "Haus am See" wird daher als Hymne an diesen Lebensentwurf von Jugendlichen beispielhaft genannt. Psychologisch verständlich wird diese Anknüpfung die an Ideale des Biedermeier erinnernde Lebenshaltung vor dem Hintergrund, dass alles als brüchig empfunden und die Lebenswirklichkeit ständig erschüttert wird. Das Lebensgefühl der Jugendlichen ist von Krisen geprägt, sowohl im gesellschaftlichen (Wirtschafts- und Finanzkrise) wie im familiären Rahmen. Diese ständige Unsicherheit und Zerrissenheit führt bei leistungsbereiten Jugendlichen zu einer "schwelenden Absturz-Panik". Die Jugendlichen sind daher sehr emsig und leistungsbereit. Sie investieren viel Zeit in ihre Ausbildung. Bereits in der Schulzeit beginnen sie sich ein ganzes Arsenal von (zertifizierten) Fertigkeiten, Ausbildungen und Kompetenzen zu beschaffen: Praktika, Fremdsprachen-Kenntnisse, Auslands-Aufenthalte, Zusatz-Qualifikationen gelten als unerlässliche Fahrkarten in eine erfolgreiche Zukunft. Die Studie spricht von "Kompetenz-Hamstern" - allerdings werden diese Kompetenzen häufig sehr wahllos, maßlos oder schematisch gehamstert. Immer bleibt die Sorge, es könnte noch eine Qualifikation fehlen.

Die entstehende Wut auf das gesellschaftliche Chaos kann jedoch oft nicht kanalisiert werden. Ihre ständigen Absturz-Ängste versuchen die Jugendlichen aber auch zu bannen, indem sie sich strikt von allen Menschen abgrenzen, die bereits abgestürzt sind. Den Opfern und Verlierern der Gesellschaft wird nicht Mitleid oder Solidarität entgegengebracht, sondern Verachtung und Schmähung. Hartz IV ist für die Jugendlichen zum Sinnbild eines Loser-Schicksals geworden, das jedem jederzeit drohen kann.

Der Leiter des Institutes, Stephan Grünewald erklärte gegenüber der FR, dass ihn die Ergebnisse der Studie an die Sarrazin-Kontroverse erinnern. Sie biete "Erklärungshilfen" dafür, warum Sarrazin so viel Zuspruch erhalte, obwohl er Migranten für ihre Integrationsprobleme selbst verantwortlich mache, Sozialdarwinismus betreibe.

...


Aus: "Wie die Jugend von heute drauf ist" von Susanne Bauermann  (Montag, 25. oktober 2010)
Quelle: http://kritische-massen.over-blog.de/article-wie-die-jugend-von-heute-drauf-ist-59646120.html

« Last Edit: November 22, 2011, 11:34:47 AM by Textaris(txt*bot) » Logged
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« Reply #5 on: November 22, 2011, 10:55:39 AM »

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[...] Berlin –  Der Namensgeber der „Generation Golf“ Florian Illies wechsele vom Gipfel des Journalismus in den Kunsthandel. Seine Mission: junge Sammler für die Naturmalerei des 19. Jahrhunderts zu begeistern - und Schönheit in Geldwert zu verwandeln.

Cool und jungdynamisch wirkt dieses Zimmer nicht. Schon gar nicht wie das Arbeitsdomizil des vor Kurzem noch prominentesten Vertreter des jungen Feuilletons. Die Wände sind gedämpft gestrichen, die Möbel: Biedermeier. Mitten im Raum steht eine Récamière, eine dieser exzentrischen Liegen ohne Rückenlehne, auf denen sich die Damen um 1800 so effektvoll niederlegten. In dieser gediegenen Retro-Atmosphäre also, und nicht in Corbusier-Stahlrohrsesseln oder in Sixties-Klassikern, soll die erwachsen gewordene „Generation Golf“ zu Hause sein? Die hatte Florian Illies vor elf Jahren als unpolitische, an den Wohlstand der alten Bundesrepublik gewöhnte Jugend beschrieben.

Irgendwo im Regal liegt ein dicker Band mit Kate-Moss-Fotografien – das passt schon eher zum Klischeebild des Trend-Seismographen. Aber die Bilderwelt, um die es Illies hier geht, ist eine ganz andere, keine gegenwärtige. An der Wand hängen dicht an dicht Bilder aus dem 19. Jahrhundert: romantische Landschaften, religiös gestimmte Dämmerungen, traute Familienszenen, viel Natur und noch mehr Italien-Sehnsüchte, dazwischen preußische Offiziere und sächsische Melancholiker.

Constable, Carus, Blechen, Rottmann, Menzel, Achenbach, Piloty – es ist alles dabei, ein Querschnitt durch das, was zwischen 1800 und 1900 vor allem in Deutschland entstand. Morgen kommen die 84 Werke in einer eigenen Versteigerung in der Villa Grisebach zum Aufruf. Das Berliner Auktionshaus, deutscher Marktführer für die klassische Moderne, eröffnet sich damit zu seinem 25-jährigen Jubiläum ein neues Geschäftsfeld. Dann muss sich die Kollektion, die Illies zusammengestellt hat, am Markt bewähren. In nur vier Monaten hat er alle diese Bilder ausfindig gemacht, untersucht und mit Experten diskutiert. „Ich habe mit sehr vielen alten Männern gesprochen – aber auch mit vielen Kunsthistorikern meiner Generation“, erzählt der 40-Jährige. Von deren Erfahrung zu profitieren, das habe Spaß gemacht.

Bei meinem Besuch liegen gerade die Katalogfahnen auf dem Tisch; noch fehlen einige Texte. Illies gesteht, dass er selbst im Journalismus noch nicht so viel habe arbeiten müssen wie in den vergangenen Wochen. Viele der Kurzanalysen, in denen für den Kunden alles Wissenswerte über die Geschichte und die Zuschreibung des Bildes stehen muss, hat er selbst verfasst. Das ist neu im Auktionshandel: dass der Chef selbst elegante, anschauliche Kurzminiaturen über „seine“ Bilder verfasst. „Ich versuche, mit den Katalogtexten den Menschen etwas von meiner Begeisterung mitzugeben“, sagt Illies dazu. Hier ist einer angekommen und so heimisch, als habe er nie woanders hin gewollt.

Und während sich Illies in der neuen Umgebung pudelwohl fühlt und jeden Besucher an seiner Freude teilhaben lässt, kann es die Feuilletonistenbranche immer noch nicht fassen. Im letzten Winter erschütterte Illies seine Kollegen im ganzen Land mit der Nachricht, dass er als Kulturchef der Zeit zurücktreten und als Teilhaber in das Berliner Auktionshaus Villa Grisebach eintreten wolle. Wie kann man nur freiwillig den Gipfel des Journalismus verlassen und in die hysterische Branche des Kunsthandels wechseln, fragten sich viele. Doch Illies, gut gelaunt wie eh und je, fühlt sich nicht als Oberratte, die noch rechtzeitig ein Feuilleton in der Identitätskrise verlassen hat. Es sei keine Entscheidung gegen die Presse gewesen, sondern eine für die neue Aufgabe.

Dabei war Illies Journalist voller Leidenschaft. Er ist es wohl geblieben, denn als erstes gründete er für die Villa Grisebach ein Kundenmagazin, in dem Uwe Tellkamp, Wolfgang Büscher oder Gustav Seibt über Bilder der Auktion schreiben. Das ist der Illies, den wir kennen. Gleich nach dem Abitur, machte er in der Fuldaer Lokalzeitung ein Volontariat. Mit Mitte zwanzig war er schon FAZ-Redakteur, gründete für die Zeitung die „Berliner Seiten“ und half beim Aufbau der neuen Sonntagszeitung. Dazwischen schrieb er die Bestseller „Generation Golf“ und „Generation Golf 2“ und veränderte mit dem Magazin Monopol die deutsche Kunstszene. Der Ruf auf den Feuilleton-Chefsessel der Zeit erschien dann als die vorläufige Krönung einer außergewöhnlichen Journalistenkarriere. Bis Bernd Schultz, der Chef der Villa Grisebach, ihn fragte, ob er als Teilhaber einsteigen wolle.

Wer Illies vor zwanzig Jahren als blutjungen Kunstgeschichtsstudenten in Bonn erlebt hat, der wundert sich nicht, wie er jetzt in seinem Bilderzimmer sitzt und von der Malerei des 19. Jahrhundert schwärmt. Einzeln hängt er die kleinen Ölstudien ab, die es ihm besonders angetan haben, zeigt einen expressiven Windstoß hier, eine luftige Wolke dort oder einen flirrenden Baum des Dresdner Postromantikers Gille, den er für ein verkanntes Genie hält. Illies, der selbst seit Studententagen kleine Ölstudien sammelt, ist überzeugt, dass gerade diese spontane, oft schon abstrahiert wirkende Naturmalerei heute junge Sammler begeistern könnte. „Das 19. Jahrhundert ist unterbewertet.“ Für einige tausend Euro bekommt man hier schon hochrangige Kunst, was bei den Zeitgenossen kaum noch möglich ist.

Aus Illies’ Mund klingt es wie eine Mission: „Das 19. Jahrhundert braucht leidenschaftliche Anwälte.“ Es kümmerten sich heute ja „so viele um Kate Moss, aber viel zu wenige um Blechen und Gille.“ Die Aufgabe des Auktionshaus-Mitbesitzers ist es nun, die Schönheit in Geldwert zu verwandeln, und Illies beteuert: „Ich bin gerne Unternehmer.“ In einem sei es ohnehin wie im Journalismus: „Man muss erkennen, wenn es einen Geschmackswechsel gibt.“


Aus: "Florian Illies - Vom Top-Journalisten zum Kunsthändler" Von Sebastian Preuss (22.11.2011)
Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/kultur/florian-illies-vom-top-journalisten-zum-kunsthaendler,10809150,11179138.html

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« Reply #6 on: January 26, 2012, 01:58:49 PM »

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[...]     christygoe
    26.01.2012 um 8:33 Uhr

Gentrifizierungsgegner, wenden ihren Blick, sobald sie ihre persönliche Situation ändern, Kinder bekommen, die spritzenfreie Spielplätze nutzen sollen, von Gewalt fern gehalten und gern durch nicht ganz so abgewrackte Szeneviertel geschoben werden sollen.

Dann will man weg von der billigen Ofenheizung, hätte es gern renoviert und mit bequemem Bad und die nachtaktiven Szeneleute beginnen wie auch der Müll, den sie zu hinerlassen pflegen, zu nerven.

Und dann kommt die Frage, tut man etwas zur Verbesserung der eigenen Lebensqualität, die unter anderem eine Aufwertung der eigenen Wohnung und auch deren Umgebung bedeutet oder zieht man ins Kleinfamilien-Idyll vor die Städte ... ?

http://www.zeit.de/2012/05/Gentrifizierung?commentstart=1#cid-1831717


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« Reply #7 on: April 24, 2012, 09:36:33 AM »

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[...] Die kleinbürgerliche Mittelklassefamilie erinnert im Kino immer ein wenig an einen Horrorfilm. Vielleicht liegt es an der Inneneinrichtung: den Ledergarnituren, seelenlosen Zimmerpflanzen und dem biederen Kunsthandwerk an den Wänden. Wo bereits das Leben wie ein Transitraum ausgestattet ist, Lebenskonzepte sich in behaglicher Durchschnittlichkeit eingenistet haben, da stellt sich unwillkürlich Unbehagen ein.

... Dieser kleinbürgerliche Habitus ist per se ahistorisch, in seiner Verblendung existiert für ihn nichts außer der Lüge des absoluten Jetzt. Der Horror des kleinbürgerlichen Milieus besteht weniger in seinen geschmacklichen Verirrungen, als in der tristen Zeitlosigkeit seines Entwurfs.

...

Quote
    gorgo
    24.04.2012 um 8:34 Uhr

Identitätsbildung, wie gehabt "Die Familie", "das" Kleinbürgertum", "das" "deutsche" "Kleinbürgertum" [ ] - wie verbohrt in seinen eigenen Überlegenheitsanspruch ist wohl jemand, der wie hier derartig platte Verallgemeinerungen an einen Film wie diesen hängen muss - um sich selbst dann ganz un-kleinbürgerlich findend in die Prenzlauer oder Kölner oder Münchner Altbauwohnung (am besten, indem er sein Fahrrad demonstrativ an die Wand hängt und abends ein wenig "chilled"...)? OmG...

Mich würde mal eine echte Analyse dieser seit 19hunderts bewährten Endlosschleife interessieren, in denen der Begriff und das Klischee des "Spießers" oder der des "Kleinbürgers" zur wohlig-problemlosen Identitätsbildung des sich intellektuell dünkenden - ja was - Kleinbürgers? Großbürgers? Anti-Bürgers? immer wieder gerne gebraucht wird...


Quote
    christygoe
    24.04.2012 um 8:38 Uhr

Ich halte das nicht für ausgelutscht...

Gerade fährt eine Generation ihr Leben in diese Tristesse und Sprachlosigkeit, die davon ausgingen, dass ihnen das nicht passieren könnte, die sich dumm und dusselig kommunizieren in alle Welt und dabei sprachlos im Nahbereich sind bis zum Verstummen in der Partnerschaft.


Quote
    maristra
    24.04.2012 um 9:56 Uhr

Ich finde Normalo-Familie super

Wann ist eigentlich der Traum vom Normalen zum Horror geworden?
Ich finde das sogenannte Kleinbürgerliche der Mittelklassefamilie toll.
Ich finde es wunderschön, einen Mann, zwei gesunde Kinder, einen sicheren Arbeitsplatz und ein nettes Zuhause zu haben. Und wenn da Standardmöbel drinstehen und keine italienischen Designerstücke, sondern auch mal ein Regal aus dem schwedischen Möbelhaus und ein Teppich aus dem Online-Versandhandel, dann bedeutet das nicht, dass es nicht auch trotzdem schön aussehen kann.
Ich verstehe echt nicht, warum eine "normale" Familie und ein "normales" Zuhause plötzlich zur grässlichen Horrorvorstellung werden.
Klar, eine Kleinfamilie kann zur Falle werden.
Aber sollen wir uns denn jetzt alle trennen, in Luxus-Lofts ziehen, um die hlabe Welt jetten und nur noch coole, unverbindliche Freunde haben anstatt richtiger Beziehungen, und schwupps geht es uns besser?

... Man darf eben nicht immer jammern. Man kann sich auch mal freuen, dass es einem gesundheitlich, wohnungstechnisch und finanziell relativ gut oder zumindest abgesichert geht, und dann das aus Ausgangspunkt dafür nehmen, eine schöne Zeit mit den Seinen zu verbringen und etwas Sinnvolles mit seinem Leben anzufangen, was auch immer das für jeden Einzelnen sein soll.

Für einen bindungsscheuen, neurotischen Künstler mag dieses Leben vielleicht ein Alptraum sein, aber wir können und wollen nicht alle neurotische Künstler sein, oder?



Aus: "Der Horror liegt im Kleinbürgerlichen" Von Andreas Busche (23.04.2012)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/film/2012-04/film-krummacher-totem

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