[...] Mit seinem Freund Brion Gysin hatte [W. S. Burroughs] 1959 die sogenannte
Cut-up-Methode entdeckt. Die Technik der Montage wird dabei auf das Schreiben übertragen: Eigene oder fremde Texte werden zerschnitten oder gefaltet und in zufälliger Weise neu zusammengesetzt, so daß ein neuer Zusammenhang entsteht. Burroughs rechtfertigte diese literarische Methode mit der Wahrnehmung des Menschen, die auch und permanent einem Cut-up folge, d. h., alles von uns Wahrgenommene, wenn wir z. B. aus dem Fenster sehen oder eine Straße entlanggehen, sei gesteuert von zufälligen Faktoren. Außerdem stelle die Methode einen Versuch dar, das Unterbewußte in uns zutage zu bringen, das, von dem wir nicht wissen, daß wir es wissen. [...] Mit Antony Balch machte er von 1962 bis 1965 einige experimentelle Kurzfilme, die u. a. die Cut-up-Technik auch auf den Film übertrugen.
Von Sven Berndt
Aus: "Zum Tod von William S. Burroughs - Onkel Bill ist tot"
"When I become death
Death is the seed from which I grow"
Quelle:
http://www.splatting-image.com/Artikel/Burroughs/burroughs.html-.-
[...] [Cut-Up] bedeutet im Prinzip eine fundamentale Kritik an der Sprache als dem wichtigsten gesellschaftlichen Medium von Wirklichkeitskonstruktion. Sprache war für sie ein Gefängnis der Worte, ein Kontrollinstrument der Gesellschaft, das zerstört werden mußte, um den Virus aus dem Wirtsorganismus zu befreien. Die Kultur fungierte in ihrer Sicht als das entscheidende Dispositiv, das die Unterdrückung von Lust und Freiheit des Menschen im Namen von Sitte und Anstand bewerkstelligte. So hatte Sigmund Freud ihre Funktion in seinem berühmten Aufsatz "Über das Unbehagen in der Kultur" beschrieben. Die Sprache ist aufgrund ihrer massiven kulturellen Kontrollfunktion als ein Medium literarischer Produktion nicht mehr geeignet. Sie ist letztendlich durch die Machtverhältnisse korrumpiert. Die Neuen Medien wie Tonband, Film, Video oder Computer stellten dagegen in den 60er Jahren eine noch unbelastetere Möglichkeit dar, die Befreiung des Individuums aus den Fesseln der Gesellschaft in Angriff zu nehmen. Sie waren noch nicht durch kulturelle Normen und Traditionen belastet. [...]
Das digitale Soundsampling ist dem Cut-Up sehr ähnlich, da es nur auf analog vorstrukturierte, akustische Formen zurückgreifen kann.
[...]Von hier aus war der Schritt nicht mehr weit zur Techno- und Rave-Scene der 90er Jahre, die vor allem die digitalen Samplingmethoden konsequent zur Erzeugung schneller, rhythmischer Beats und Loops verwendete.
[...] Wenn wir [...] uns daran erinnern, daß die Kunst nur ein kleiner, aber gewichtiger Teilbereich des kulturellen Gesamtsystems unserer Gesellschaft ist, dann läßt sich gegenwärtig eine besonders starke Auflösung der traditionellen Systemgrenzen beobachten.
Von Hans Dieter Huber aus "Schnittstellen der Intermedialität" (erschienen in: Kunibert Bering/ Werner Scheel (Hg.): Ästhetische Räume. Facetten der Gegenwartskunst Oberhausen: Athena-Verlag 2000, S.90-103)
Quelle:
http://www.hgb-leipzig.de/ARTNINE/huber/aufsaetze/cutup.html