Author Topic: [Vaterkonflikt... ]  (Read 22014 times)

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[Vaterkonflikt... ]
« on: Mai 14, 2009, 03:09:54 nachm. »
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- Alle Väter sind etwas Ungeschicktes -

(Friedrich Nietzsche, Lugano 13. Mai 1877)


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[...] Doch der Sohn war nicht der, den sein Vater haben wollte.


Aus: "Der Kronprinz Friedrich flieht vor seinem Vater" (Harald Rossa, 24.11.2008)
Quelle: http://deutsches-mittelalter-fruehe-neuzeit.suite101.de/article.cfm/der_kronprinz_friedrich_flieht_vor_seinem_vater

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[...] Gegen den Willen seines Vaters entschied sich Lemmon 1947, Schauspieler zu werden, und ging nach New York.

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Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Jack_Lemmon (10/2010)


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[...] In vielen Fällen führt das simplifizierende Zweifaktorenmodell „Vater: an-/abwesend“ mal „Folgen: positiv/negativ“ nicht zu der gewünschten Klarheit.

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Aus: "FOLGEN VON VATERENTBEHRUNG" (Wien und Klagenfurt, 2003)
Eine Literaturstudie Rotraut Erhard, Herbert Janig unter Mitarbeit von Matthias Lang, Gabriele Deschka und Karl Krisch
Qoelle: http://www.webducation.info/at/wp-content/uploads/downloads/Vaterentbehrung.pdf

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[...] Sigmund Freud greift die Figur des Ödipus auf, um mit ihm eine Beobachtung zu beschreiben, die er im Laufe seiner psychoanalytischen Therapietätigkeit bei seinen Patienten machte. Nach Freud findet sich im Unbewussten der Patienten ein sexuelles Begehren gegenüber der eigenen Mutter, das aber in der Regel verdrängt ist. Weil das begehrende Kind dementsprechend mit dem Vater um die Gunst der Mutter rivalisiert, will es den Vater unbewusst töten, um seinen Platz einzunehmen. Auch das Mädchen strebe danach, seinen Vater zu besitzen, und rivalisiert entsprechend mit der Mutter, wie Freud in seiner Schrift Das Ich und das Es (1923) ausführt. Carl Gustav Jung fand für die weibliche Variante des Ödipuskomplexes den Begriff Elektrakomplex.

...


Aus: "Ödipuskonflikt" (2009)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96dipus-Komplex

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[...] "Das Delirium ist geographisch und politisch, dagegen führt es die Psychoanalyse jedesmal in die Sackgasse der Familie zurück. Schließlich der dritte Punkt: der Wunsch ist aus Gefügen, aus Vielheiten gebildet (...). Entsprechend gibt es immer mehrere Faktoren. Doch die Psychoanalyse reduziert ihn stets auf den gleichen Faktor: den Vater, die Mutter oder den Phallus."

...


Aus: "Werden statt sein - Gilles Deleuze über einsame Inseln" Klaus Englert (12.02.2004)
Quelle: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/235277/

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[...] Geschlechtertrennung, Ich-Formierung entlang eines patriarchalen Binärsysystem von Wunsch und Mangel, Mutter und Vater, Ich und Anderes - in der Freudschen Perspektive erscheint der Widerstand gegen den Ödipus-Komplex als Weigerung des Subjekts, die prägenitale Einheit des infantilen Narzissmus aufzugeben.

...


Aus: "Ödipus, Anti-Ödipus, Nautilus - Matthew Barney in Köln, Björk auf DVD" von Michael Opielka (2002)
Quelle: http://www.sw.fh-jena.de/fbsw/profs/michael.opielka/downloads/doc/2002/Oedipus_Nautilus_Vers_5.pdf

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[...] Richard I. (genannt Löwenherz, französisch Richard Ier Cœur de Lion, englisch Richard I the Lionheart, eigentlich Richard Plantagenêt; * 8. September 1157 in Oxford; † 6. April 1199 in Châlus) war von 1189 bis zu seinem Tod König von England. ...  Richard hatte vier Brüder, Wilhelm (1153–1156), Heinrich (1155–1183), Gottfried (1158–1187) und Johann (1167–1216). Wilhelm war jung verstorben. Heinrich, genannt der Jüngere, war 1160 mit Margarete von Frankreich verheiratet worden und war Herzog von Normandie, Graf von Anjou und Maine und als legitimer Erbe des englischen Throns bereits zu Lebzeiten seines Vaters, im Jahr 1170, vorzeitig zum König von England gekrönt worden. Gottfried war Herzog von Bretagne. Richard selbst war Graf von Maine und Herzog von Aquitanien. Der jüngste Bruder Johann, genannt Ohneland, war Graf von Mortain. Ihr Vater Heinrich II. hatte allerdings keinem seiner Söhne die effektive Herrschaft über deren nominellen Besitz übertragen.

Im März 1173 schlossen Richard und Gottfried sich Heinrich dem Jüngeren an, der gegen seinen Vater rebellierte. Auslöser des Konfliktes war die von Heinrich II. geplante Übereignung der Burgen Chinon, Loudun und Mirebeau an seinen noch minderjährigen jüngsten Sohn, Johann, anlässlich dessen Verlobung mit Adelheid (Alys), der Tochter des Grafen Humbert III. von Savoyen. Heinrich der Jüngere, der schon länger einen Vorwand suchte, erhob sich daraufhin anlässlich einer Versammlung in Limoges gegen seinen Vater und verlangte von diesem die Übergabe der tatsächlichen Herrschaft im Herzogtum Normandie. Unterstützt wurde er dabei von seinem Schwiegervater König Ludwig VII. von Frankreich, seiner Mutter Eleonore von Aquitanien sowie Graf Philipp I. von Flandern und König Wilhelm I. von Schottland.

Der junge Richard und seine beiden Brüder begaben sich in die Obhut Ludwigs VII. nach Paris, während die Auseinandersetzung sich zu einem bewaffneten Konflikt zuspitzte, den Heinrich II. mit einem brabantischen Söldnerheer von 20.000 Mann niederschlug. Heinrich II. nahm seine Gemahlin gefangen, die, auch nachdem er seine Söhne infolge eines Gnadengesuches wieder in seine Gunst aufgenommen hatte, inhaftiert blieb.

Nach dem Tod seiner beiden Brüder Heinrich und Gottfried wurde Richard der Anführer der Verschwörung. Mit Hilfe seines letzten Bruders Johann Ohneland und des französischen Königs Philipp II. August gelang es ihm schließlich im Jahr 1189, seinen Vater endgültig zu schlagen und sich von diesem in dem Abkommen von Azay-le-Rideau als alleinigen Erben anerkennen zu lassen. Der alte König starb am 6. Juli 1189 in der Burg Chinon im Alter von 56 Jahren.

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Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_L%C3%B6wenherz (04/2013)

« Last Edit: Juli 31, 2018, 10:46:39 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Zum Vater-Sohn-Konflikt... (Kafka)]
« Reply #1 on: Mai 14, 2009, 03:22:36 nachm. »
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[...] Das Leiden an dem tyrannischen Vater war ein in der Kunst und Literatur der Jahrhundertwende oft beschriebenes Phänomen. Der Vater-Sohn-Konflikt ist geradezu ein Zeitphänomen der expressionistischen Generation. Mit dieser Auseinandersetzung griff die junge Generation eine verkrustete patriarchale Gesellschaft an, die spätestens mit der Abdankung der Monarchie im Jahre 1918 wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrach. Dieser Kampf der Generationen erfuhr gerade in Prag unter den assimilierten jüdischen Familien noch eine besondere Zuspitzung. Die im Zuge der gewährten Freizügigkeit vom Land in die Städte eingewanderten Juden brachten es oft unter besonderer Kraftanstrengung zu einigen Wohlstand und Ansehen. Natürlich versuchten die Familienoberhäupter ihren Werte- und Normenkatalog an die Söhne weiterzugeben, der aber in dem Maße bei der jüngeren Generation auf taube Ohren stoßen musste, als sich die gesellschaftlichen Bedingungen veränderten und mit ihr auch neue Herausforderungen an sie heranwuchsen. Nicht mehr der ökonomische Aufstieg hatte jetzt oberste Priorität, sondern die gesellschaftliche Akzeptanz und Bewahrung bürgerlicher Rechte in einem nationalistisch-chauvinistisch aufgeheizten Klima, in dem Rassenhass und Antisemitismus die Massen mobilisierte, beschäftigte nun die jüngere Generation. Dass der Konflikt mit seinem Vater keine Einzelerscheinung war, wußte auch Kafka:

"Das Ganze ist ja keine vereinzelte Erscheinung, ähnlich verhielt es sich bei einem großen Teil dieser jüdischen Übergangsgeneration, welche vom verhältnismäßig noch frommen Land in die Städte auswanderte."

Während die Väter noch als Dorfgeher (Hausierer) auf dem Land und später als erfolgreiche Unternehmer in den größeren Städten reussierten, zog es die Söhne dieser Generation eher in akademische Berufe wie die Medizin oder Rechtswissenschaft, aber auch in den Journalismus. Die Familie Kafka lieferte somit ein geradezu klassisches Beispiel für diese Übergangsgeneration ab: Während der Vater vom Hausierer zum Besitzer eines Galanteriewarenladens wird, studiert der Sohn an der juristischen Fakultät.

Insofern folgte die Familie Kafka einem weitverbreitetem Muster. Ungewöhnlich war schon eher, wie tief die Existenzängste im Leben des Hermann Kafka verankert waren und wie unflexibel er auf die veränderten Zeitläufte reagierte. Dabei überrascht, wie wenig auf diesen Sachverhalt in der Sekundärliteratur eingegangen wird.

...


Aus: "Das Verhältnis Vater-Sohn - "Brief an den Vater" und seine psychologischen Deuter"
Alexander Schlegel (Stand, 05/2009)
Quelle: http://www.kafkaesk.de/verhaeltnis_vater_so.html


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[Die Eskapaden seines Sohnes... (König Heinrich IV)]
« Reply #2 on: Juni 09, 2009, 01:30:28 nachm. »
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[...] Das Stück spielt in England in der Zeit von 1402 bis 1413. König Heinrich IV. ist bemüht, sein Königtum, das er durch Gewalt an sich gerissen hatte, zu legitimieren. Dies wird durch die Eskapaden seines Sohnes Prinz Heinrich erschwert, der sich vom Hof fern hält und dafür mit dem melancholischen und hemmungslosen Ritter Sir John Falstaff durch die Wirtshäuser zieht. Als der Vater ihm ins Gewissen redet, besinnt sich Prinz Heinrich und bekämpft erfolgreich die Rebellen.

...

 Verfilmungen:    * „Chimes at Midnight“ [Campanadas a medianoche]. Regie Orson Welles, Spanien 1965.



http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_IV._(Drama) (2. Juni 2009)

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[...] Mike und Scott verdienen sich ihr Geld als Stricher in den Straßen von Portland, Oregon. Scott stammt aus einer angesehenen Familie und rebelliert damit gegen seinen Vater, den Bürgermeister der Stadt. Mike dagegen ist ein Straßenkind und hat seine Familie seit Jahren nicht gesehen. Schwierigkeiten bereitet ihm auch seine Narkolepsie. Bei Stress fällt er plötzlich in einen tiefen Schlaf. Seine Träume oder Visionen führen ihn dabei zurück in die Kindheit. Aus diesen, besonders in Gegenwart von Freiern, hilflosen Situationen wird Mike oft durch Scott gerettet. Die beiden jungen Männer verbindet eine innige und intime Freundschaft. Mike ist heimlich in Scott verliebt, diese Liebe wird jedoch nicht erwidert, da Scott nicht homosexuell ist. Als Vaterersatz für beide fungiert der sogenannte „König der Aussätzigen“ namens Bob. Nach einem Streit mit diesem beschließen Mike und Scott, nach Idaho zu reisen, in der Hoffnung, dort Mikes Mutter zu finden.

In Idaho angekommen, finden sie Hinweise, dass Mikes Mutter mittlerweile in Italien leben soll. Mit dem Geld des exzentrischen, aus Deutschland stammenden Freiers Hans finanzieren sie die Reise nach Europa. Dort angekommen müssen sie feststellen, dass Mikes Mutter schon wieder weitergezogen ist. Die beiden Männer verbringen einige Zeit in Italien, bis Scott sich in Carmella verliebt. Er wendet sich von Mike ab, der enttäuscht wieder zurück in die USA reist. Einige Zeit später – Mike lebt inzwischen wieder auf der Straße – sieht er Scott wieder: in einem schicken Restaurant in Begleitung Carmellas und seiner Familie.

[...] Das Drehbuch des Films basiert lose auf dem Stück Henry IV. von William Shakespeare.


http://de.wikipedia.org/wiki/My_Own_Private_Idaho (20. April 2009)


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[Maxim und Modest... ]
« Reply #3 on: Dezember 15, 2009, 12:21:35 nachm. »
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[...] Ich habe Maxim immer ein wenig beneidet. Erstens weil er jünger, zweitens weil er größer, drittens weil er ein Literat ist, der seine Phantasie von der Leine lassen kann, während bei mir im SPIEGEL jedes Zitat von einer Dokumentarin überprüft wird. Vor allem aber, weil er eine Melancholie ausstrahlt, die Frauen unwiderstehlich finden. So etwas kann man sich nicht aneignen, so muss man auf die Welt kommen. Ich hätte auch gern Eltern wie er gehabt - gebildete und gesellige Menschen, mit denen man über alles reden konnte, und keine KZ-Krüppel, die schon ausrasteten, wenn ich mal eine Stunde zu spät nach Hause kam.

Und nun lese ich, wie unglücklich Maxim Biller mit seinem Leben ist, wie er mit sich und der Welt hadert.

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Aus: "Maxim und Modest" Henryk M. Broder (26.09.2009)
Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-67036891.html

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Quote
[...] Billers Erklärung stammt eigentlich von Broder selbst. In einem Porträt in der SZ hat er erzählt (und heute bedauert er das sehr), dass er nachts seinen Vater mit Ohrfeigen wecken musste, weil dieser von Auschwitz geträumt hat. Ein Mensch, der das machen musste, ist jemand, der zum Teil nicht mehr sein eigenes Leben lebt, sondern das seiner Eltern, seines Vaters.

In seinem Verriss des Biller Buches schreibt er: „Ich hätte auch gern Eltern wie er gehabt – gebildete und gesellige Menschen, mit denen man über alles reden konnte, und keine KZ-Krüppel, die schon ausrasteten, wenn ich mal eine Stunde zu spät nach Hause kam.“

Und hier ist wohl Broders Geheimnis begraben. Ich halte diesen Satz für einen Schlüsselsatz, um Broders Psyche zu verstehen. Auch mich hasst Broder so, dass er niemals sachlich gegen mich argumentiert, sondern immer nur persönlich. Und ich denke, ohne den Versuch zu unternehmen, ihn jetzt vollständig zu analysieren, dass er auch mich wegen meines Vaters hasst, den er mangels eines eigenen, gebildeten und umfassend interessierten Vaters, oft besucht hat und mit ihm all das besprach, was er mit seinem eigenen Vater nicht besprechen konnte.

...


Aus: "Henryk M. Broder trifft Maxim Biller: Prolet vs Schriftsteller" Von Abraham Melzer (13.12.2009)
Quelle: http://www.dersemit.de/Artikel/091213melzer_broder.html

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"Henryk M. Broder trifft Maxim Biller" Von Evelyn Roll und Tobias Haberl (Interview)
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/31806

« Last Edit: Juli 31, 2018, 10:49:04 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Erzählen Sie mir noch mal ein bisschen was von Ihrem Vater... ]
« Reply #4 on: Dezember 15, 2009, 01:36:39 nachm. »
Quote
[...] Horst Mahler (* 23. Januar 1936 in Haynau, Niederschlesien) ist ein deutscher Rechtsextremist und Antisemit. Der Jurist wurde mehrfach wegen Volksverhetzung und Holocaustleugnung verurteilt, so dass ihm die Zulassung als Rechtsanwalt entzogen wurde. Mahler war 1970 Gründungsmitglied der linksextremistischen Terrororganisation Rote Armee Fraktion (RAF) und von 2000 bis 2003 Mitglied der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD)

...


    * Seitentitel: Horst Mahler
    * Herausgeber: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie.
    * Autor(en): Wikipedia-Autoren, siehe Versionsgeschichte
    * Datum der letzten Bearbeitung: 23. November 2009, 19:20 UTC
    * Versions-ID der Seite: 67180946
    * Permanentlink: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Horst_Mahler&oldid=67180946
    * Datum des Abrufs: 15. Dezember 2009, 12:35 UTC

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Quote
[...] Michel Friedman [miˈʃɛl ˈfʁi:tman] (* 25. Februar 1956 in Paris) ist ein deutscher Rechtsanwalt, Politiker und Fernsehmoderator. Von 2000 bis 2003 war er stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland und von 2001 bis 2003 Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses.

...


    * Seitentitel: Michel Friedman
    * Herausgeber: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie.
    * Autor(en): Wikipedia-Autoren, siehe Versionsgeschichte
    * Datum der letzten Bearbeitung: 17. November 2009, 20:08 UTC
    * Versions-ID der Seite: 66942148
    * Permanentlink: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Michel_Friedman&oldid=66942148
    * Datum des Abrufs: 15. Dezember 2009, 12:35 UTC


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Quote
[...]   [Aus einem Interview von Michel Friedman mit Horst Mahler]

Michel Friedman  [...]  Erzählen Sie mir noch mal ein bisschen was von Ihrem Vater.

Horst Mahler: Wissen Sie, es ist nicht mein Anliegen, etwas über meinen Vater zu erzählen. Fragen Sie mich, was Sie wissen wollen.

M.F.  Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater gewesen?

H.M.  Das war ein gutes Verhältnis, eine heile Familie in einer scheinbar heilen Welt. Und ich denke an ihn zurück voller Liebe.

M.F. Das war ein Mann, der Hitler nahestand, nicht?

H.M. Der Hitler geliebt hat bis an sein Lebensende.

M.F. Ihr Vater brachte sich um, nicht?

H.M. Er ist freiwillig aus dem Leben geschieden, ja.

M.F. Hat Sie das irgendwie berührt, im Sinne von, dass es Sie … Was passiert mit einem Sohn, wenn der Vater, da ist der Sohn gerade 13, sich umbringt? Was passiert da mit ihm?

H.M. Das, letzten Endes, kann man vielleicht als ein Dritter beurteilen, man selbst reflektiert das so nicht. Man hat eine Empfindung. Es ist sicherlich …

M.F. Hat er Sie verlassen?

H.M. Er war dann nicht mehr. Also, das ist auch gar nicht der Punkt. Wissen Sie, wir Deutschen haben eine Geschichte, die man uns raubt.

M.F. Ich würde gerne über Horst Mahler reden.

H.M. Ja, natürlich.

M.F. Sie benutzen immer "wir Deutschen, wir Deutschen". Sie sind doch der interessante Mann.

H.M. Ich bin Deutscher. Ich bin Deutscher. Das ist auch Horst Mahler.

M.F. Ja, aber Sie sind ja ein sehr interessanter Mensch.

H.M. Ja, das bringt uns vielleicht auch zusammen.

M.F. Und man möchte ja Menschen verstehen, sonst muss man ja nicht mit ihnen reden, sonst kann man über sie reden. Vielleicht haben Sie Angst, sich selbst zu verstehen, und reden deswegen am liebsten immer über die Deutschen, statt ein bisschen über Horst Mahler.

H.M. Merkwürdige Vorstellungen haben Sie, aber gut.

M.F. Wenn Sie sagen, dass Sie... Sie sind ja jetzt mittlerweile über 60, nicht?

H.M. Ich bin demnächst 72.

M.F. So. Wenn Sie sagen, Sie haben über den Freitod Ihres Vaters nicht reflektiert, das ist doch bemerkenswert.

H.M. Ja, das ist bemerkenswert.

M.F. Das ist bemerkenswert, finden Sie nicht? Stattdessen reden Sie lieber über die Deutschen, über die Juden, über den Teufel. (lacht)

H.M. Wissen Sie, ich weiß oder glaube zu wissen, warum sich mein Vater umgebracht hat.

M.F. Warum? Was glauben Sie?

H.M. Er konnte die Niederlage des Deutschen Reichs und alles, was damit verbunden war, nicht verwinden. Er hat daran geglaubt mit allen Fasern seines Herzens. Und für mich war er nicht ein Gutmensch, wie man sie heute so zahlreich trifft, sondern ein guter Mensch, ein gütiger Mensch.

M.F. Führen Sie seinen Kampf weiter?

H.M. Er hat in diesem Sinne nicht gekämpft. Er hat als Zahnarzt gewirkt und seine Pflicht getan. Und für mich ist natürlich dieses Ereignis ein Moment, über das reine berufliche Tätigsein hinauszugehen und für das zu kämpfen, wofür er auch gelebt hat, was ihn erfüllt hat ....

...


Aus: "So spricht man mit Nazis" (11. September 2007)
Quelle: http://www.vanityfair.de/articles/gesellschaft/politik/horst-mahler/2007/09/11/0/09724/

« Last Edit: Dezember 15, 2009, 01:39:17 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[...in der Schuld ihrer Väter]
« Reply #5 on: Dezember 15, 2009, 03:35:30 nachm. »
Quote
[...]  Dink: [...] Die Armenier sind überzeugt vom Völkermord, und werden davon überzeugt bleiben. Die Türken sind überzeugt, dass es keinen Genozid gab, und werden davon überzeugt bleiben. 

[...] die Türken verabscheuen das Verbrechen „Völkermord“, sie können sich nur nicht vorstellen, dass ihre Väter das getan haben. Und die Armenier fühlen sich ebenfalls in der Schuld ihrer Väter. Die Türken müssen verstehen, dass das eine offene Wunde ist. Wenn beide Seiten einsehen, dass ein jeder im Grunde seine Vorfahren schützen will, dann sind wir einen Schritt weiter. Da hilft es nichts, Massengräber aufzugraben mit türkischen Opfern und dann den Armeniern zu sagen, sie sollen auch solche Gräber zeigen, mit ihren Opfern, wenn sie denn welche zeigen können.

...


Aus: "Türkei: Dink: „In der Türkei gibt es eine zutiefst uneuropäische Rechtskultur“" - Der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink ist in Istanbul auf offener Straße erschossen worden. Dink hatte sich seit Jahren für die Aufarbeitung der Massaker an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs eingesetzt. Türkische Gerichte hatten ihn wiederholt wegen "Beleidigung des Türkentums" angeklagt. WELT.de liegt ein bislang unveröffentlichtes Interview mit Dink vor (Das Gespräch führte Boris Kalnoky - Artikel erschienen am 21.01.2007)
Quelle: http://www.welt.de/data/2007/01/21/1184917.html


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[Überhaupt - der Vater!... ]
« Reply #6 on: Januar 18, 2010, 04:17:29 nachm. »
Quote
[...] Überhaupt - der Vater! Früh stand für Freud außer Zweifel, dass der "Ödipuskonflikt" die Keimzelle psychoanalytischer Theorie und Praxis darstellt. Was in der Tragödie des Sophokles zur Aufführung gelange - der Vatermord des Ödipus, der darauf seine Mutter Jokaste ehelicht -, stelle nichts anderes als die Erfüllung eines Wunsches aus früher Kindheit dar. In den Verstrickungen dieser tragischen Dreier-Geschichte meinte Freud, die fundamentale Struktur entdeckt zu haben, aus der sich der Akt menschlicher Selbstwerdung erklären lasse. Wobei eben der Vater eine herausragende Rolle spiele. Denn erst dessen Rolle als Repräsentant des Gesetzes, des Verbots, des mit Strafdrohung bewehrten Tabus stört die libidinösen Schattenspiele zwischen Kind und Mutter, unterbricht jene imaginäre Zweieinigkeit, die kein außen kennt und kein anderes. Der Vater, genauer die Vaterfunktion allein ermöglicht die Aufspaltung der narzisstischen, selbstgenügsamen, latent totalitären Mutter-Kind-Dyade; verweist auf jenes "Jenseits des Lustprinzips", das nur ein anderer Name für den Umweg unserer Wünsche ist, den man Leben nennt oder Wirklichkeit.

Schon am 15. Oktober 1897, in einer Phase intensiver Selbstanalyse, drei Jahre vor Erscheinen der "Traumdeutung", spricht Freud in einem Brief an Wilhelm Fließ ein erstes Mal vom König Ödipus: "Ich habe die Verliebtheit in die Mutter und die Eifersucht gegen den Vater auch bei mir gefunden und halte sie jetzt für ein allgemeines Ereignis früher Kindheit . Wenn das so ist, so versteht man die packende Macht des Königs Ödipus trotz aller Einwendungen, die der Verstand gegen die Fatumsvoraussetzung erhebt . Die griechische Sage greift einen Zwang auf, den jeder anerkennt, weil er dessen Existenz in sich verspürt hat. Jeder der Hörer war einmal im Keime und in der Fantasie ein solcher Ödipus und vor der hier in die Realität gezogenen Traumerfüllung schaudert jeder zurück mit dem ganzen Betrag der Verdrängung, der seinen infantilen Zustand von seinem heutigen trennt."

Von dieser ersten Bemerkung bis zur ausdifferenzierten Theorie des "Ödipuskomplexes", die Freud ohnehin nie in eine konsistente Form bringen sollte, war es noch ein weiter Weg. Allen Modifikationen zum Trotz aber hielt er ihr und dem darin eingezeichneten Grundkonflikt mit dem Vater bis zum Schluss die Treue, bis zu seiner letzten Schrift "Der Mann Moses und die monotheistische Religion", die in Freuds Todesjahr 1939 erschien und in der er seine These vom Vatermord religionstheoretisch entfaltete.

Den zentralen Rang, den die Vaterfigur im Szenario der Psychoanalyse ursprünglich einnahm, hat man, merkwürdig genug, gerade in den psychoanalytischen Sozietäten nach Freud zusehends vergessen, um nicht zu sagen "verdrängt". Die Abwendung vom "Vater der Psychoanalyse" ging einher mit einer Abwertung des Vaters in ihr. Die Mutter-Kind-Beziehung und das mit ihr transportierte Fantasma von Harmonie, Eintracht und Verschmelzung wurde zum idealisierten Leitbild gelingender Menschwerdung. Der Dritte im Bunde, der strenge, durch seine Autorität distanzierte, der strafende, das Verbot aussprechende Vater: er wurde zur persona non grata. Auch die psychoanalytische machte sich auf den Weg zur "vaterlosen Gesellschaft".

Dagegen regte sich Widerstand - namentlich der Jacques Lacans, des gewiss prominentesten, umstrittensten und wohl auch originellsten Psychoanalytikers nach Freud. Die "Rückkehr zu Freud", die er gleichsam als Motto seinem gesamten Projekt voranstellte, bedeutete vor allem auch eine "Rückkehr zum Vater" - der und in der Psychoanalyse. Die knappe Losung prononcierte seinen Protest gegen den Revisionismus zumal der amerikanischen psychoanalytischen Bewegung, die ausgerechnet mit der Entmachtung des Vaters das in seiner Selbstmächtigkeit erschütterte "Ich" wieder zum herrschenden Faktor des menschlichen Seelenlebens erhob. Eine der entscheidenden Leistungen Freuds, die Schwächung eben jener Instanz, die das Denken der Neuzeit zum Kronzeugen ihrer bewusstseinsphilosophischen Ambitionen erhob, war in Gefahr, verspielt zu werden.

...


Aus: "Die Rückkehr zum Vater" Von Michael Mayer (07. April 2001)
Quelle: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2001/0407/magazin/0004/index.html


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[Geschichte eines verlorenen Sohnes... ]
« Reply #7 on: M?RZ 29, 2010, 10:55:44 vorm. »
Quote
[...] Gottfried Wagner ist der Sohn von Wolfgang Wagner und ein Urenkel von Richard Wagner. Er hat über Kurt Weill und Bertolt Brecht promoviert. In zahlreichen Veröffentlichungen befasste er sich vor allem mit der deutschen Kultur und Politik sowie der jüdischen Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Gottfried Wagner ist seit 1992 Mitbegründer der Post-Holocaust-Dialog-Gruppe. Seit 1993 lebt er in Italien.

Er hat sich mit der Familie seines Vaters überworfen und trat öffentlich durch Kritik an deren Verstrickung mit dem NS-Regime hervor.

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Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Wagner_%28Regisseur%29 (27. Januar 2010)


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[...] Die Geschichte des Regisseurs Gottfried Wagner ist die Geschichte eines verlorenen Sohnes. Deren tiefster Punkt ist datiert auf den Februar 1990. Kurz nach einer Vortragsreihe in Israel, bei der Gottfried Wagner mit Holocaust-Opfern über die braune Vergangenheit des Hauses Wagner ins Gespräch zu kommen versucht hatte, erreichte den Sohn ein Brief aus Bayreuth. "Als Vater und als Festspielleiter" teilte der Herr vom Hügel mit, dass er - Gottfried - von nun an nicht mehr für ihn - Wolfgang - existiere.

Es sollte nicht der Endpunkt in der Beziehung zwischen Vater und Sohn aus erster Ehe gewesen sein. Als Gottfried Wagner Jahre nach dem Bruch anfragte, ob eine Versöhnung noch vor dem Tod des Vaters möglich sei, ließ der antworten: Diese Versöhnung sei möglich. Zuvor aber müsse Gottfried vollumfänglich und öffentlich den Inhalt seiner Autobiographie "Wer nicht mit dem Wolf heult" zurückziehen - jenes Buches also, das man als Anklageschrift des Sohnes gegen den Vater deuten könnte. Gottfried lehnte das ab.

Als er im Mai 2009 - das Ende des Vaters schien nahe zu sein - am Hügel anfragte, ob der Vater sich ein letztes Mal mit dem Sohn aussprechen wolle, bekam Gottfried ein kühles Antwortschreiben des Hauses: Die Ärzte des Prinzipals lehnten eine solche Aussprache ab.

Nun hat der Sohn auch noch die Einäscherung seines Vaters verpasst. Und nicht nur das: Wer die Todesanzeigen studiert, die nach dem Tod Wolfgang Wagners erschienen sind, der wird auf der gemeinsamen Annonce der Familie Wagner den Namen des Sohnes vermissen. Spricht man Gottfried Wagner darauf an, sagt er: "Ich wurde nicht gefragt." Und nach einer Pause: "Menschlich und ethisch hat mich das tief erschüttert."

Das war schon zu Lebzeiten Wolfgang Wagners das Leitmotiv der Anklage des Sohnes gegen den Vater: Ein Machtmensch sei dieser - einer, dem es nur um das Wohl des Hauses gehe, um Herrschaft und um Dynastie. Empathie, klagte Gottfried Wagner immer wieder, komme in diesem Denken nicht vor.

Jetzt, nach dem Tod des Vaters, sagt der Sohn: Empathie spiele offenkundig auch im Denken der Nachfolger am Hügel eine "nur untergeordnete Rolle". Die beiden Nachfolgerinnen - Eva und Katharina - sind seine Schwestern.

Am 11. April wird Wolfgang Wagner in einer Trauerfeier im Festspielhaus gewürdigt. Die Familie Wagner wird in der Mittelloge Platz nehmen, dort wo einst Ludwig II. saß. Horst Seehofer wird anwesend sein, wohl auch Angela Merkel. Eine der Reden wird der Arzt des alten Wagner halten, er wollte es so.

Eine Einladung zur Trauerfeier liegt Gottfried Wagner nicht vor. Viele andere haben eine Einladung bereits. Er wird aber anwesend sein. Notfalls werde er "die Kanzlerin um eine Karte bitten", sagt er. Übernachten wird er bei einem Freund in Bayreuth. Die Villa am Hügel darf er seit 1975 nicht mehr betreten.

(SZ vom 29.3.2010/bica)


Aus: "Familie Wolfgang Wagner - Die Asche seines Vaters" Von Olaf Przybilla (28.03.2010)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/kultur/74/507235/text/



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[Die Spurensuche entwickelt beträchtliche Spannung... ]
« Reply #8 on: Juni 03, 2010, 11:39:43 vorm. »
Quote
[...] Das Leiden am wechselweise tyrannischen, abwesenden oder verbrecherischen Vater hat die Kunst des 20. Jahrhunderts wie kaum ein anderes Thema geprägt. Der Vater, das ist die Identität, das Erbe - kein Wunder, dass im Jahrhundert nach Freud und Darwin, dem Jahrhundert, das Stalin und Hitler hervorbrachte, die Vaterfigur ins Zentrum künstlerischer Auseinandersetzung geriet. Rick Minnich fügt diesen Kämpfen sein brillantes postmodernes Vater-Spiel an. Der Filmtitel "Forgetting Dad"  ist programmatisch-doppeldeutig: Der vergessende Vater ist gemeint, gleichzeitig aber auch der Prozess, den Vater - endlich - vergessen zu können.

Erlösung durch Verstehen, das ist das Muster, nach dem Dokumentarfilme, die sich mit Vätern oder Übervätern befassen, gewöhnlich funktionieren.

Auch Rick Minnichs Film sieht über weite Strecken nach einem solchen Versöhnungsprojekt aus. Mit Hilfe alter Familienfilme und -fotografien und zahlreicher Zeugenaussagen der beiden Ex-Frauen seines Vaters, von Halb- und Stiefbrüdern, seiner beiden Schwestern und anderer Verwandte versucht Minnich, das Puzzle zusammenzusetzen, das sein Vater für ihn darstellte. Die versuchte Annäherung, bei der auch der Vater selbst nach dem Unfall in seiner ganzen Hilflosigkeit und kindlichen Unschuld zu Wort kommt, scheitert jedoch, mündet in eine kriminalistisch anmutende Recherche, als der Filmemacher einen Vater entdeckt, den er nicht kannte. Der Alte Richard war vor seinem Unfall in einen seltsamen Bankenskandal verwickelt, er hatte seinen Job verloren, allerlei Frauengeschichten und benahm sich jähzornig gegenüber seinen Kindern. Und er war ein unsteter Geist, schon vor dem Unfall. Bis zum Ende seiner Grundschulzeit, erzählt der Filmemacher, sei die Familie 14 Mal umgezogen.

Die Spurensuche entwickelt beträchtliche Spannung. Hat sich der Vater nach dem Unfall auf radikale Art neu erfunden, als er sein altes Leben einfach vergaß, weil er es vergessen wollte? Minnich, der nicht nur den Namen seines Vaters trägt, sondern ihm auch erschreckend ähnlich sieht, ihn also eingeschrieben trägt als unausweichliches Erbe, geht über die Erforschung der eigenen Biografie noch hinaus, wenn er das Modellierende der Erinnerung, ihr kreatives Potential thematisiert. Der Film ist dafür genau das richtige Medium, mit seiner Illusion, Erinnerungen unbeteiligt konservieren zu können. Minnich schaut sich solche Dokumente genau an, in Zeitlupe, und indem er das Material bis zur Grobkörnigkeit vergrößert. Was ist auf den Bildern - die Familie am Strand, der Vater mit seinem Enkel im Garten Blumen gießend - wirklich zu erkennen?

Die Spurensuche wird zu einer äußerst eigenartigen Amerikareise, mit zunehmend surreal anmutenden Bildern. Von San Francisco bis ins hinterste Oregon führt diese Reise, schon Minnichs erster abendfüllender Dokumentarfilm "Homemade Hillbilly Jam", 2005, war ein schräges Amerikaporträt. Zur geografischen Durchquerung kommt bei "Forgetting Dad" die soziale Erkundung des Landes, die Stief- und Halbgeschwister kommen aus diversen sozialen Schichten, vom drogenabhängigen Koch und Dichter - sein Halbbruder Justin - bis zum Proll - sein Stiefbruder Steve - , der gegen den Vater pöbelt. Begleitet wird diese Reise, die ja auch eine Zeitreise ist, in die Welt von Super-8-Aufnahmen und Sixties-Optimismus, von verträumter Märchenmusik.

So lösen sich die vertrauten Strukturen auf, in der Körnigkeit der alten Bilder, der Verlangsamung der Zeitlupe oder im Weiß - der Amnesie, der Krankenhäuser und Arztpraxen - , in das Minnich immer wieder auf- und abblendet. Es sind bezeichnenderweise die Männer in der Familie, die dem Phantom, das der Vater geworden ist, fast zwanzig Jahre nach dem Unfall immer noch hinterherjagen, während die Frauen den Alten Richard gehen lassen können.

Mit seiner neuen, dritten Frau ist dieser fremde Vater weit weg nach Oregon gezogen. Sie hatte ihn kennengelernt, als er Zeitungen austrug, wie ein halbwüchsiger Junge. Danach ist er nur noch hinter einer Maske zu sehen und verschwindet schließlich ganz aus dem Geschehen. Statt vieler Puzzleteile, die endlich ein Bild ergeben, findet der Filmemacher - nichts.

...


Aus: "Forgetting Dad - Der fremde Vater" Von Martina Knoben (02.06.2010)
FORGETTING DAD, D 2008 - Regie, Buch, Ton, Schnitt: Rick Minnich, Matt Sweetwood. Kamera: Matt Sweetwood, Markus Winterbauer, Doug Hawes-Davis, R. Minnich. Musik: Ari Benjamin Meyers. W-Film, 84Minuten.
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/kultur/im-kino-forgetting-dad-der-fremde-vater-1.953386


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[Zwischen Vater und Sohn herrscht... ]
« Reply #9 on: November 17, 2010, 09:35:26 vorm. »
Quote
[...] Zwischen Vater und Sohn herrscht seit langem Schweigen. "Mein Vater will nicht mit mir reden. Er ist wohl ziemlich sauer." Aus dem Verlag ist zu hören, der Vater-Sohn-Konflikt erinnere "mittlerweile an 'Die Buddenbrooks', gespielt von der Augsburger Puppenkiste".

...


Aus: "Das Imperium schreibt zurück" Von Markus Brauck und Stefan Kuzmany (16.11.2010)
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,729498,00.html

-.-

Quote
[...] Die Mediengruppe M. DuMont Schauberg hat den letzten Schritt unternommen, um Konstantin Neven DuMont, den Sohn des Alt-Verlegers Alfred Neven DuMont, endgültig aus dem Unternehmen zu entfernen. Der Aufsichtsrat, dessen Vorsitzender Neven DuMont senior ist, hat entschieden, Konstantin als Herausgeber des Kölner Stadt-Anzeiger, des Express und der Mitteldeutschen Zeitung abzuberufen.


Zur Begründung hieß es in der Erklärung "In eigener Sache": "Seit mehreren Wochen äußert er sich in abträglicher und geschäftsschädigender Weise über das eigene Unternehmen in der Öffentlichkeit, einschließlich in Konkurrenzblättern." Dies habe innerhalb des Unternehmens zu wachsender Verunsicherung unter den Mitarbeitern geführt. "Um Schaden von der Mediengruppe M. DuMont Schauberg abzuwenden, war die Abberufung durch den Aufsichtsrat unabwendbar."

Konstantin Neven DuMont, der zuvor schon seinen Herausgeberposten bei der Frankfurter Rundschau verloren hatte,  reagierte mit scharfer Kritik auf die Entscheidung: "Der Aufsichtsrat handelt seit Wochen unverantwortlich", sagte er. "Bis heute liegt mir immer noch keine Begründung für meine Beurlaubung vor."

Der 41-Jährige hatte seinen Vater öffentlich aufgefordert, sich weitgehend zurückzuziehen und ihm die Führung des Verlagshauses zu überlassen. Alfred Neven DuMont hatte einen Rückzug abgelehnt. Für diesen Fall hat Konstantin Neven DuMont die Auszahlung seiner Anteile gefordert.




Aus: "DuMont-Aufsichtsrat entlässt Sohn und Erben" (23.11.2010)
Quelle: http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2010-11/dumont-herausgeber-fuehrungsstreit

-.-

Quote
[...] Der forsche Verlagserbe hatte zuvor in der Bild-Zeitung und im Focus Interviews gegeben und dabei die verlegerische Kompetenz seines Vaters Alfred Neven DuMont in Frage gestellt. Auch äußerte er sich nicht gerade positiv über den Verlag. Stattdessen schlug er seinem Vater vor, den Chefsessel für seinen Sohn zu räumen. Im Unternehmen habe dies, so die heutige Mitteilung des Konzerns, für "Unruhe und Verunsicherung unter den Mitarbeitern geführt".

Der Verlag selbst gab kaum öffentliche Stellungnahmen - und erklärte dies nun erneut mit dem eigenen Verständnis von Personalfragen: Die sollten "aus Respekt gegenüber allen Beteiligten nicht auf dem Marktplatz ausgetragen werden".

Der Verlagssprössling selbst hat sich bislang nicht zu seiner Abberufung geäußert - und schweigt noch immer auf Twitter und Facebook. Dort ist er sonst oft präsent gewesen. In Facebook steht noch immer unter Arbeitgeber: "M.DuMont Schauberg Mai 1995 bis heute" und darunter: "Vorstand, Cologne Germany, Verantwortlich für Unternehmensstrategie und Kommunikation".

Anlass für die Auseinandersetzungen zwischen Konstantin Neven DuMont und dem Verlag waren anonyme Blog-Kommentare auf der Seite des Medienjournalisten Stefan Niggemeier, die von Neven DuMonts Computer versendet wurden. Anschließend hatte sich Konstantin Neven DuMont mehrfach öffentlich kritisch gegenüber dem eigenen Verlag geäußert.

...


Aus: "Verlag setzt Verlegersohn als Herausgeber ab" Von Christina Maria Berr (23.11.2010)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/medien/alfred-neven-dumont-verlag-setzt-verlegersohn-als-herausgeber-ab-1.1027211


-.-

Quote
[...] Alfred Neven DuMont ist in diesen turbulenten Tagen tatsächlich im Urlaub – weilt auf Mallorca, weil er womöglich die Attacken seines Sohnes aus nächster Nähe nicht länger ertragen konnte. Konstantin gab in den vergangenen Wochen fast täglich irgendwelche Interviews, bevorzugt in der „Bild“-Zeitung. Darin hatte er seinem Vater erst vorgehalten, die Nachfolge nicht geregelt zu haben. Dann drohte er, seine eigenen Firmenanteile zu verkaufen. Schließlich forderte er gar sein Erbteil, das er auf 15 bis 20 Millionen Euro bezifferte. Und nicht erst seit diesen mitunter peinlich zu lesenden Interviews fragten sich manche Kölner, was den „Jeck“ wohl geritten haben könnte.


Für den Verleger Alfred Neven DuMont, schon 1995 tief getroffen durch den Tod seines ältesten Sohnes Markus, stellt sich die Frage viel existentieller. Er wird sich selbst vorwerfen müssen, warum um Himmels willen der Aufsichtsrat die Katastrophe nicht früher bemerkt hat, die nun durch den Rauswurf des rebellierenden Sohnes Konstantin auch nicht mehr zu beheben ist. Denn höchstwahrscheinlich wird der verhinderte Nachwuchsverleger schon bald das nächste Interview mit neuen Vorwürfen gegen die Familie geben. Und einen Nachfolger hat Alfred Neven DuMont bis heute nicht benannt.

Entzündet hat sich die Führungskrise im viertgrößten deutschen Verlagshaus an einer vermeintlich harmlosen Internetaffäre. Konstantin fiel durch sehr engagiertes Bloggen in Internetforen auf und soll unter mehreren Pseudonymen im Blog des Medienjournalisten Stefan Niggemeier teils irre Kommentare abgegeben haben. Konstantin erklärte, die Beiträge stammten von „zwei Personen, die meinen Rechner mitnutzen“. Seither witzeln Blogger im Internet über die „Konstantingate“-Affäre im Hause DuMont.

Eine Weile schwieg der machtbewusste Vater. Alfred Neven DuMont wird in Köln zwar nicht geliebt, aber geachtet. Er ist Ehrenbürger. Manche Kölner sagen nur halb im Scherz, dass der Verleger den Oberbürgermeister kürt und dass er bestimmt, wer beim 1. FC Köln Präsident wird. Vor seiner Lebensleistung haben sie Respekt am Rhein – und erst recht in der Verlagsbranche.

... Mit seinen 41 Jahren hat Konstantin zwar längst das Alter, um einen Verlag zu führen, dessen Titel eine Gesamtauflage von 1,3 Millionen Exemplaren haben. Aber in der Branche wurde der als „philosophischen Grundsatzfragen zugetaner Freigeist und Ästhet“ beschriebene Konstantin stets für zu leicht befunden. Jetzt hat er sein Karriereende im eigenen Unternehmen selbst heraufbeschworen – so wie Hanno Buddenbrook den berühmten Schlussstrich unter den Familienstammbaum zieht, weil er dachte, es kommt nichts mehr.

...


Aus: "„Konstantingate“ in der Verlegerdynastie" Von Henning Peitsmeier (23. November 2010)
Quelle: http://www.faz.net/s/RubD16E1F55D21144C4AE3F9DDF52B6E1D9/Doc~ED94E71305CDA4AD7A1DEE07FCE20B1A6~ATpl~Ecommon~Scontent.html

-.-

Quote
[...] Konstantin Neven DuMont sagte SPIEGEL ONLINE, er wolle sich zwar nicht seinen Erbteil auszahlen lassen, aber: "Ich will meine Anteile verkaufen." Er warte jetzt auf eine "Offerte für meine Anteile und ein Abfindungsangebot für meine Vorstandstätigkeit." Sobald die Angelegenheit geregelt sei, wolle er ein eigenes Medienunternehmen gründen. Das Geld dürfte dafür reichen: Sollte es wirklich zum Verkauf kommen, könnte sich Konstantin auf bis zu 50 Millionen Euro freuen. Laut "Wirtschaftswoche" schätzen Verlagskenner den Wert von Konstantins Anteil auf diesen Betrag.

Eine Abdampfphase, in der sich alles wieder beruhige, wie sie der Zeitungsforscher Horst Röper in der "taz" prophezeite, brauche er nicht, und die werde es wohl auch nicht geben. Konstantin Neven DuMont: "Ich will arbeiten."

Im Hause Neven DuMont wird er die Gelegenheit dazu aber vorerst nicht mehr haben, selbst wenn Sohn Konstantin mit Vater Alfred wieder "Frieden schließen" will: Der wolle derzeit nicht mal mit ihm sprechen.

...


Aus: "Konstantin Neven DuMont sucht Bieter für Verlagsanteile" Von Thorsten Dörting und Ole Reißmann (23.11.2010)
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,730714,00.html

« Last Edit: November 24, 2010, 11:37:13 vorm. by Textaris(txt*bot) »

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[...und erwartete dasselbe von seinem Sohn (E. A. Poe)]
« Reply #10 on: November 24, 2010, 12:10:26 nachm. »
Quote
[...] Poe erweist sich als Meister des Verschweigens: Mit keinem Wort verrät er, in welcher tatsächlichen Beziehung der Täter und sein Opfer stehen. Aber wo lebt schon ein jüngerer Mann mit einem älteren so eng zusammen wie diese beiden? Die Assoziation, dass es sich hier um einen Konflikt zwischen Sohn und Vater handelt, ist keineswegs weit hergeholt. Sie wird von Marie Bonaparte unterstützt, für die Poe in dieser Geschichte den Hass auf seinen Ziehvater John Allan abarbeitet, der den kleinen Edgar liebevoll aufgezogen, den erwachsenen dann aufs Herzloseste in Armut und Elend gestoßen hat. Das zugleich Lieben und Hassen müssen der Doublebind-Situation kommt mitsamt ihrer die Entwicklung einer Schizophrenie begünstigenden Gewalt in diesem Text zum Ausdruck:

    „Was der alte Mann empfand, wusste ich und bedauerte ihn, obwohl mein Herz vor Vergnügen gluckste.“ („I knew what the old man felt, and pitied him although I chuckled at heart.”)

Mit der Tötung bedient der Ich-Erzähler seinen Hass, aber seine Liebe bringt das Herz des Opfers wieder zum Schlagen und erzwingt das Geständnis des in sich zerrissenen Täters.

...


Aus: "Das verräterische Herz" (8. November 2010)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Das_verr%C3%A4terische_Herz


-.-

Quote
[...] Sprecherin: Er hatte hart in seinem Leben gearbeitet - und erwartete dasselbe von seinem „Sohn“.
Zunächst ging jedermann davon aus, dass Edgar wirklich sein Sohn werden, dass er
adoptiert werden würde, und später nahm Edgar den Nachnamen seines Ziehvaters an:
Aus Edgar Poe wurde Edgar Allan Poe. Vorderhand bekam er teure Kleidung, durfte in der
Kutsche fahren, begleitete seine Eltern für fünf Jahre nach England, besuchte dort eine
teure Privatschule, und als die Familie schließlich zurückgekehrt war, eröffnete sich nach
einigem geschäftlichem Auf und Ab eine geradezu überwältigende Aussicht: John Allan
würde eines der größten Vermögen Virginias erben. In all diesen Jahren wurde Edgar
einerseits verwöhnt von den Frauen im Haushalt - andererseits von seinem Vater zutiefst
verunsichert. Wie war denn nun eigentlich sein Status? Warum tat John Allan den Schritt
nicht, ihn zu adoptieren? Poe wählte die Flucht nach vorn: Er musste sich beweisen, er
trumpfte auf. Im Sport zeigte er jedermann, dass er der Beste war; Lehrer verspottete er
durch virtuose Verse; im Kreis der Gleichaltrigen belegte er John Allan mit allerlei
höhnischen Bezeichnungen; die teuersten Kleider, die schnellsten Pferde waren gerade
gut genug für ihn; und: Er hatte eine Berufung. Er würde Dichter werden. John Allan
beobachtete die Entwicklung mit zusammengekniffenen Lippen. An einen Bekannten
schrieb er:

2. Zitator:
Er hat ja sonst wenig zu tun, für mich tut er gar nichts, und in der ganzen Familie führt
er sich nichtsnutzig, verdrossen und missgelaunt auf. Der Junge hat nicht einen Funken
Zuneigung für uns, keinen Funken Dankbarkeit für all meine Sorge und Liebe.

Sprecherin:
Aus der späteren Erzählung „Das verräterische Herz“ haben Interpreten ein Echo dieses
Konfliktes herausgehört und geglaubt, dort sogar das Raubvogelprofil und den
stechenden Blick John Allans wiederzufinden:

1. Zitator:
Ich kann nicht genau mehr sagen, wie mir zuerst der Gedanke kam, doch als er einmal
gekommen war, quälte er mich Tag und Nacht. Ich hatte den alten Mann lieb. Er hatte
mir nie etwas Übles getan. Ich trachtete auch nicht nach seinem Golde. Nur - sein eines
Auge reizte mich. Ja, sein Auge muss es gewesen sein! Es glich dem eines Geiers - es
war blassblau und von einem dünnen Häutchen bedeckt. Wenn sein Blick auf mich fiel,
war es mir stets, als gerinne das Blut in meinen Adern, und so entschloss ich mich denn
allmählich, dem alten Manne das Leben zu nehmen, um mich auf diese Weise für immer
von seinem Auge zu befreien.

...

Sprecherin:
Poe wollte dazugehören, er wollte sich beweisen, nur - er besaß kein Geld: John Allan,
der reichste Mann des Staates, hatte ihm so wenig zugestanden, dass er kaum die
nötigen Kurse belegen, geschweige denn jemand einladen konnte. So lebte Poe auf
Pump, und als die Schulden wuchsen, verfiel er darauf, Poker und Ecarté zu spielen.
Wenige Monate genügten, und Poe hatte Schuldscheine im Wert von einigen Zigtausend
Dollar angesammelt. John Allan, der sich in seiner Jugend unter vielen Entbehrungen aus
kleinen Verhältnissen emporgearbeitet hatte, tobte. Wenige Stunden nach einer heftigen
Auseinandersetzung rekapitulierte Poe in einem Brief an seinen Ziehvater:

1. Zitator:
Ich vernahm, dass Sie nichts mehr für mich übrig hätten. Sie haben mich dann
aufgefordert, das Haus zu verlassen und mich unablässig mit Vorwürfen überschüttet. Ich
war Ihren Vorwürfen und Ausfälligkeiten nicht nur vor der weißen Familie preisgegeben,
sondern auch vor den Negern.

Sprecherin:
Poe teilte die Ansichten der Gesellschaft, in der er aufgewachsen war. John Allan hatte
ihn in Gegenwart der schwarzen Dienstboten beschimpft- eine schwere Beleidigung.
1. Zitator:
Diese Kränkung fand ich unerträglich, und so ging ich.
Sprecherin:
Der angebliche Alleinerbe, der Dandy, die beste Partie Richmonds stand auf der Straße.
Er hatte nichts, keine Kleider zum Wechseln, kein Geld, keine Zukunft.

...



Aus: "Edgar Allan Poe – Die Logik des Grauens"
Autor: Fritz Dumanski, Redaktion: Petra Herrmann (Datum ?)
Quelle: http://www.br-online.de/wissen-bildung/collegeradio/medien/deutsch/poe/manuskript/poe_manuskript.pdf


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[Es klingt wie ein schlechter Witz... ]
« Reply #11 on: Februar 28, 2011, 11:57:57 vorm. »
Quote
[...] Es klingt wie ein schlechter Witz: Der Sohn von Thilo Sarrazin ist Hartz-IV-Empfänger, lebt in einem Plattenbauhochhaus im Osten Berlins und sagt von sich, er sei gern arbeitslos. Es ist aber kein Witz. "Es ist eigentlich ganz gut, einfach nur arbeitslos zu sein und nicht gebraucht zu werden, weil man dann sein Leben selbst bestimmen kann", wird der 30-Jährige in der Bunten zitiert.

Ein Reporter des Magazins hat den traurig blickenden jungen Mann, der ihm Auskunft über sein zerrüttetes Verhältnis zu seinen Eltern gab, in dessen Wohnung aufgesucht. Nach einer Ausbildung zum Bürokaufmann arbeitet der Älteste der beiden Sarrazin-Söhne heute als Ein-Euro-Jobber, etwa als Gartenhelfer auf einem Friedhof. "Ich bin für meinen Vater der Sündenbock, das schwarze Schaf der Familie", sagt er über den Exbundesbank-Vorstand, zu dem er wenig Kontakt hat. Und über seine Mutter Ursula, die umstrittene Grundschullehrerin, meint er: "Sie ist gern zu streng und übertreibt es mit Verboten und Aufsicht. Das ging mir tierisch auf die Nerven."

Das alles wäre kaum berichtenswert, wäre Thilo Sarrazin nicht durch abfällige Äußerungen über Hartz-IV-Empfänger berühmt geworden, denen er die Hauptschuld an ihrer eigenen Lage zuschreibt. Auch seine Forderung, deutsche Akademiker müssten mehr Kinder bekommen, um Deutschlands Abstieg zu verhindern, erscheint nun in neuem Licht. Hat er nicht in der eigenen Familie ein lebendes Beispiel dafür, dass eine Herkunft aus bürgerlichem Elternhaus nicht vor Hartz-IV-Karrieren schützt? Und wie verroht muss man sein, mit solchen Thesen hausieren zu gehen, die dem eigenen Sohn wie blanker Hohn vorkommen müssen?

Die Einblicke, die der Sohn ins Familienleben der Sarrazins gibt, lassen die Erinnerungen von Walter Kohl, die derzeit die deutschen Bestsellerlisten anführen, fast harmlos wirken. Deutlich ist, dass es dem Sohn nicht gutgeht. In den letzten Monaten, in denen Thilo Sarrazin von Lesung zu Lesung eilte und auch seine Mutter, Ursula Sarrazin, in Boulevardzeitungen und Talkshows auftrat, scheint sich sein Gemütszustand weiter verdunkelt zu haben. Das Berliner Boulevardblatt BZ berichtet sogar, dass Sarrazins Sohn im Krankenhaus liege. Dorthin soll ihn bereits vor zwei Wochen die Polizei gebracht haben, die wegen nächtlicher Ruhestörung gerufen worden war.

...

Quote
25.02.2011 09:17 Uhr:
von Ric:

... Wenn man bedenkt wie Herr Sarrazin über die "Unterschicht" spricht und teilweise noch Gene dafür verantwortlich macht.


Quote
25.02.2011 01:55 Uhr:
von Georg-Thomas Bau:

Tja, das Leben schreibt die besten Geschichten. ...


Quote
24.02.2011 19:54 Uhr:
von Unbequemer:

Ihr seid doch einfach nur blöd.

Ist Sarrazin konsequent, dann schreibt ihr "Und wie verroht muss man sein, mit solchen Thesen hausieren zu gehen, die dem eigenen Sohn wie blanker Hohn vorkommen müssen?"

Das ist Charakterstärke, wenn man die Maßstäbe auch beim eigenen Kind anlegt. ...


Quote
24.02.2011 19:47 Uhr:
von Claus Carstensen:

Am brutalsten ist noch die Passage am Schlußß des Artikels...

Auf die Frage, ob er sich denn geliebt gefühlt habe als Kind, antwortet der Mann;

"Daran kann ich mich nicht mehr erinnern."

Wenn ich mir die beiden Eltern anschaue, kann ich mir auch nicht vorstellen, daß die wissen, was Liebe überhaupt ist, außer, sie schlagen es im Duden nach.

...



Aus: "Das schwarze Schaf" (24.02.2011)
Quelle: http://www.taz.de/1/leben/koepfe/artikel/1/das-schwarze-schaf/


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[Ich habe mit ihm gekündigt... ]
« Reply #12 on: Mai 11, 2011, 01:06:15 nachm. »
Quote
[...]

Quote
11.05.2011 um 10:58 Uhr

grxlwpf schreibt @Büchenbronn:

Sie schreiben: "Man kann heute sagen, was einem nicht passt. Ich finde es aber unmöglich einfach zu "kündigen". "

Ich habe das mit meinem Vater fast 10 Jahre lang versucht. Versucht, ihm zu sagen, was mir nicht passt. Vergeblich. Ich rede an eine Wand. Er dreht mir jedes Wort im Mund herum. Er beisst sofort mit persönlichen Angriffen unter der Gürtellinie; und wenn ich mich zu Recht beschwere dann ist er der "arme, arme alte Vater, dessen Sohn so böse zu ihm ist".

Nach jedem Kontakt mit ihm brauche ich inzwischen mindestens 2 Tage um mich psychisch wieder einigermaßen zu regenerieren. Dieser Mensch ist ein Vampir, der mich emotional aussaugt.

Es tut mir leid, aber ich reduziere inzwischen den Kontakt mit ihm auf das absolute Minimum. Ich bin auch schwer am überlegen, ob ich den Kontakt ganz abbreche. Ja, ich habe mit ihm gekündigt. Das ist nicht "unmöglich", das ist einfach nur dringend notwendiger Selbstschutz. Denn dieser alte Mann wird sich nie mehr ändern, egal was ich tue.

Und wie ich es so mitkriege, gibt es ähnliche Fälle häufiger als man glaubt.


Quote
10.05.2011 um 16:41 Uhr

Tjaresh schreibt Kann ich nur bestätigen.

In unserer Verwandtschaft ist das auch schon mehrere Male vorgekommen. Immer sehen die Verlassenen keine Gründe, glauben, sie hätten alles richtig gemacht und die anderen wären "von Sinnen".

Offensichtlich ist es enorm schwer seine eigenen Fehler zu sehen, besonders wenn man diese Fehler immer für seine Stärken hält.



Quote
Poempel, 10.05.2011 um 16:37 Uhr

... Ich gehe übermorgen übrigens nach über 5 Jahren Sendepause zum Geburtstag meiner Mutter - aber nur weil ich meine ältere Schwester nicht alleine lassen will. Meine Mutter wird 97 und ich 58.



Kommentar zu: http://www.sueddeutsche.de/leben/wenn-kinder-den-kontakt-abbrechen-mutterseele-allein-1.1095046


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[Wenige Männer wissen... ]
« Reply #13 on: Dezember 08, 2011, 01:14:03 nachm. »
Quote
[...] Aber weil sich diese Kerle nicht fortpflanzen, ersparen sie Generationen von Nichtgeborenen jede Menge Therapiesitzungen mit dem Thema "Mein Papa hat sich nie für mich interessiert".

Wenige Männer wissen, was es heißt, ein liebevoller, guter Vater zu sein. Zumeist weil ihre Väter es ihnen nicht vorgelebt haben. Manche werden deshalb aus Überforderung aggressiv, andere ziehen sich auf die vertraute Ernährerrolle zurück, wieder andere imitieren ihre Partnerin und werden zu "Müttern ohne Brust", die auf dem Spielplatz rufen: "Bitte nicht mit der Schippe den Leon hauen, ja, Lukas? Ich möchte das nicht so." Ihnen gemein ist, dass ihre Kinder nicht lernen können, sie auf liebevolle Art zu respektieren.

...



Aus: "Männer: Verblendung" Kolumne von Matthias Lohre (07.12.2011)
Quelle: https://www.taz.de/Kolumne-Maenner/!83296/



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[Wahrscheinlich wäre das alles nicht passiert... ]
« Reply #14 on: Januar 13, 2012, 05:05:15 nachm. »
Quote
[...] Jens Breivik fühlt sich nach eigenen Angaben mitschuldig an den Taten seines Sohnes. Der letzte Kontakt zu Anders sei ein Telefongespräch vor etwa sechs Jahren gewesen. „Wahrscheinlich wäre das alles nicht passiert, wenn ich mich mehr um Anders gekümmert hätte“, mutmaßte er.

...


Aus: "Vater hält Breivik für den schlimmsten Terroristen" (21.12.2011)
Quelle: http://www.welt.de/politik/ausland/article13779299/Vater-haelt-Breivik-fuer-den-schlimmsten-Terroristen.html


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[Judith, ich hab’s verbockt... ]
« Reply #15 on: Mai 10, 2012, 10:07:54 vorm. »
Quote
[...] Sager: Meine Eltern haben sich getrennt, als ich noch in der Schule war, später wurde mein Vater krank, er hatte Krebs. Wenn meine Schwestern oder ich uns wegen Geld beschwerten, warf er uns mangelnde Loyalität vor. Geld war sein Machtmittel. Er wollte, dass wir zu ihm halten und nicht zu unserer Mutter. Wenn ich nett zu ihm war, bezahlte er mir Reisen oder neue Möbel. Dabei hätte ich gern einfach regelmäßig genug gehabt, um mir Essen zu kaufen.

ZEIT CAMPUS: Und deshalb haben Sie beschlossen, ihn zu verklagen?

Sager: Beim Studentenwerk wurde mir Paragraf 37 des Bafög erklärt, der »gesetzlich übergegangene Unterhaltsanspruch«: Was mein Vater nicht zahlt, übernimmt auf meinen Antrag hin das Land und stellt es ihm in Rechnung. Wenn er sich dann weiterhin weigert, seine Schuld zu begleichen, muss nicht ich klagen, sondern das Land. Vor Gericht werde ich meinem Vater wohl nie begegnen.

ZEIT CAMPUS: Ist durch diesen Schritt zwischen Ihnen etwas kaputtgegangen?

Sager: Nein. Es hat sich nur manifestiert, was schon kaputt war. Ich habe Respekt vor ihm verloren – und vor mir selbst gewonnen. Durch den klaren Schnitt bin ich auch emotional unabhängiger geworden. Heute herrscht Funkstille, aber ich habe das Richtige getan.

ZEIT CAMPUS: Was sagen Ihre Kommilitonen dazu?

Sager: Ich habe Freundinnen, die sich das nie getraut hätten. Eine bekommt nicht mal das Kindergeld von ihren Eltern. Man überschreitet eine Schwelle, wenn man jemanden verklagt, gerade in der Familie. »Das tut man nicht«, heißt es. Aber im Ernst, scheiß drauf! Wenn man krank ist, geht man zum Arzt, wenn das Auto kaputt ist, zum Mechaniker, und wenn das Geld nicht fließt, holt man sich eben Hilfe von Menschen, die sich damit auskennen. Die Beziehung zu Eltern, die einen nicht unterstützen, ist ohnehin kaputt.

ZEIT CAMPUS: Das klingt abgeklärt.

Sager: Ich bin meinem Vater nichts schuldig. Ich habe ihn schließlich nicht darum gebeten, auf die Welt zu kommen. Er hat vernachlässigt, für mich zu sorgen, dazu ist er gesetzlich und moralisch verpflichtet. Dass es für solche Fälle rechtliche Unterstützung gibt, ist eine super Sache. Diese Hilfe anzunehmen, ist absolut angebracht.

ZEIT CAMPUS: Werden Sie sich mit Ihrem Vater jemals versöhnen können?

Sager: Das sehe ich nicht. Eigentlich ist es furchtbar, dass ich über meinen eigenen Vater so spreche, aber ich weiß nicht, was wir uns noch zu sagen haben. Außer, er entschuldigt sich bei mir: »Judith, ich hab’s verbockt, ich hab alles versaut.« Das müsste zuerst kommen.

...


Aus: "Zwei Studentinnen streiten mit den Eltern ums Geld" (10.05.2012)
Quelle: http://www.zeit.de/studium/uni-leben/2012-05/student-geld-interview


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[Wert und Gegenwert (also Geld und Liebe)... ]
« Reply #16 on: Juni 06, 2012, 03:01:41 nachm. »
Quote
[...] "Besser wär’s, du lebtest nicht, als mir zur Kränkung zu leben!" (König Lear zu seiner Tochter)

"Daddy's working boots have filled their obligation." (Dolly Parton über die Schuhe ihres Vaters)

She She Pop nimmt sich den Kanon vor: In der ersten Szene von Shakespeares “König Lear” versucht der alte Mann mit großer Geste, sein Reich an seine drei Töchter zu vermachen und damit eine Absprache für seine Altersvorsorge zu treffen – ein Plan, der auf gewaltsame Weise scheitert.
Das verwundert nicht. Denn von allen Tauschgeschäften, in die wir jemals verwickelt werden, ist dasjenige zwischen den Generationen das komplizierteste und undurchsichtigste. Wert und Gegenwert (also Geld und Liebe) sind prinzipiell verschleiert, und niemand hat den Tauschbedingungen je offiziell zugestimmt. Das gilt für fast alle Verabredungen zwischen den Generationen: Sie sind faul. Sie haben nie stattgefunden. Es gibt sie nicht. Der Stall, den es hier auszumisten gilt, ist randvoll mit Daten und Details, Schmuckstücken, Stammbäumen, Erbfolgen, Erbkrankheiten, Liebesschwüren, Pflegeplänen, Benzinquittungen und Schuldgefühlen – sämtlich Teile der Verhandlungsmasse in dieser öffentlichen Gegenüberstellung von Töchtern und ihren Vätern.
Für TESTAMENT bitten She She Pop ihre eigenen Väter mit auf die Bühne. Das Theater wird zum Verhandlungsraum für einen utopischen Prozess: den Ausgleich zwischen den Generationen.


Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear (2012)
http://www.sheshepop.de/produktionen/testament/


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[Aber Big Daddy will wissent... ]
« Reply #17 on: M?RZ 05, 2013, 01:32:56 nachm. »
Quote
[...] Der Film Die Katze auf dem heißen Blechdach ist die Verfilmung des gleichnamigen Theaterstückes von Tennessee Williams. Der am 18. September 1958 uraufgeführte Film wurde zu einem der größten Kassenschlager der 1950er Jahre.

... Brick redet wenig, ist stur. Aber Big Daddy will wissen, warum Brick trinkt und schweigt, warum er Maggie nicht liebt. Er lässt nicht locker. Es entspinnt sich ein Disput über Liebe und Hass, über die Verhältnisse der Familienmitglieder zueinander, Vorurteile, Neid und Missgunst. An einem Nachmittag entlädt sich nicht nur in der Natur ein Gewitter, sondern auch all der über Jahre hinweg entstandene Frust, alle Spannungen, die Brick und anderen Familienmitgliedern das gemeinsame Leben verlogen und beinahe unerträglich gemacht haben.

... Aufgrund des Hays Code wurde der Aspekt der Homosexualität aus der literarischen Vorlage nach Tennessee Williams völlig außer Acht gelassen, weshalb der Autor seinen Lesern abriet, den Film zu sehen.

...


Aus: "Die Katze auf dem heißen Blechdach (Film)" (6. Februar 2013)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Katze_auf_dem_hei%C3%9Fen_Blechdach_%28Film%29

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[Das Bild ist eine Mahnung für mich... ]
« Reply #18 on: Juli 04, 2013, 01:16:08 nachm. »
Niklas Frank (* 9. März 1939 in München) ist ein deutscher Journalist. Er war Autor beim deutschen Wochenmagazin Stern. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Niklas_Frank

-.-

Hans Michael Frank (* 23. Mai 1900 in Karlsruhe; † 16. Oktober 1946 in Nürnberg) war ein nationalsozialistischer deutscher Politiker. Er schloss sich der DAP, Vorläuferin der NSDAP, bereits 1919 an, fungierte als Adolf Hitlers Rechtsanwalt und war höchster Jurist im „Dritten Reich“. Nach 1933 organisierte er die Gleichschaltung der Justiz in Bayern und später in ganz Deutschland. Er war Mitglied des Reichstags und Reichsminister ohne Geschäftsbereich. Während des Zweiten Weltkrieges war er Generalgouverneur des besetzten Polen und wurde von Zeitgenossen der „Schlächter von Polen“ oder der „Judenschlächter von Krakau“...
https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Frank

-.-

Quote
taz: Herr Frank, tragen Sie eigentlich immer noch ein Foto des Leichnams Ihres Vaters Hans Frank mit sich?   

Niklas Frank: Ja, in der Jacke, zusammen mit den Fotos meiner Lieben. Das Bild ist eine Mahnung für mich, dass man nicht feige sein darf. Denn mein Vater war feige, er hat von allem gewusst, hätte zehntausend Chancen gehabt, sich für einen anderen Lebensweg zu entscheiden. Er hätte einfach sagen müssen: „Mein Herz ist so krank, mein Führer, ich kann nicht mehr.“ Hitler hätte ihn schon nicht erschossen. Wir als Deutsche müssen wissen, wohin Feigheit führt, weil wir das Ende erlebt haben, das wir selbst gestaltet haben. Feigheit baut Gaskammern.

taz: Warum das Bild des Leichnams? Es gibt reichlich andere Bilder von Ihrem Vater, auf denen er unsympathisch wirkt.

Niklas Frank: Ich freue mich bei jedem Anblick des Fotos, dass er tot ist. Manchmal stelle ich mir das Knacken seines Genicks vor. Ich schaue es mir ja nicht ständig an, es reicht zu wissen, dass ich es dabeihabe. Hätte er überlebt, dann hätte er mit seinem Gewäsch mein Gehirn vergiftet. Er war ein brillanter Typ und hätte mich nach rechts gezogen.

taz: Hat er Ihr Hirn nicht auch so vergiftet? Immerhin arbeiten Sie sich an Ihrer Vergangenheit seit Jahrzehnten ab.

Niklas Frank: Das stimmt nicht. Als das erste Buch, „Der Vater“, 1987 herauskam, war ich kurz vor dem 50. Lebensjahr. Ich habe die Bücher nebenbei geschrieben. Natürlich denke ich jeden Tag an die Opfer der Nazis, aber nicht an meinen Vater. Ich habe im Leben Glück gehabt, hatte nie einen Plan und habe mir ein eigenes Leben aufgebaut. Ich habe gesehen, dass andere Söhne und Töchter von NS-Kriegsverbrechern kein glückliches Leben hatten, und ich kann sagen: Ich bin glücklich.

taz: Nach der Abrechnung mit Ihrem Vater 1987 und der Mutter 2005 jetzt die eher zärtliche Abrechnung mit Ihrem großen Bruder Norman. Sie schreiben, Ihr Bruder sei der größte Verdränger gewesen, dem sie je begegnet sind. Inwiefern?

Niklas Frank: Je belastender die Fakten wurden, die unseren Vater als Verbrecher entlarvten, desto stärker verteidigte Norman diesen und umarmte ihn schützend. Der Vater war seine Heimat.

...


Aus: "„Stern“-Journalist über Nazifunktionär: „Meinem Vater gönne ich den Strang“"
Interview: Cigdem Akyol (04.07.2013)
Quelle: https://www.taz.de/Stern-Journalist-ueber-Nazifunktionaer/!119079/


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[Vaterkonflikt... ]
« Reply #19 on: August 28, 2013, 12:52:19 nachm. »
"Nicht wissen, wen man zum Vater hat, ist ein Mittel gegen die Furcht, ihm ähnlich zu sein." - Die Falschmünzer I

André Gide
https://de.wikiquote.org/wiki/Andr%C3%A9_Gide

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[Verlässt man die oberflächliche Analyse und... ]
« Reply #20 on: Februar 18, 2015, 01:45:08 nachm. »
Quote
[...] Mansour,38, ist arabischer Israeli und lebt seit 2004 in Berlin. Der Psychologe arbeitet für Projekte gegen Extremismus und hat bis 2013 an der Deutschen Islam Konferenz teilgenommen, die seit dieser Legislaturperiode nur noch Verbände als ständige Mitglieder zulässt.

[...] Verlässt man die oberflächliche Analyse und gräbt etwas tiefer, zeigt sich, dass Taten wie die in Paris erst möglich wurden, weil wir Muslime Generationen von Kindern entmündigt haben. Sie durften, dürfen nicht denken, sie dürfen nicht hinterfragen - Fragen werden als Anmaßung, als Frechheit geahndet. Wir haben den Heranwachsenden ein religiöses Weltbild präsentiert, das ausschließlich Schwarz und Weiß kennt. Farben und Schattierungen scheinen bedrohlich. Der Prophet sagt: "Das ist halal, das ist haram, das ist rein, das ist unrein" - und dann ist es so. Daran ist nicht zu rütteln.

Ein Allah wird den Kindern geschildert, der zornig ist, keinen Zweifel zulässt, keine Selbstentfaltung duldet, eine schreckliche Hölle schafft. Ein patriarchaler Gott aus dem Mittelalter, der Gehorsam und Hingabe fordert. Das ist ein brutaler und furchterregender Fundamentalist, der mit Allah, dem Barmherzigen, kaum etwas gemein hat. Aber er passt exakt zum realen autoritären Vater, der seine Macht mit "Ehre", mit Kontrolle und Strafen sichert. Jugendliche, die mit diesem Gott-Vaterbild aufwachsen, sind in demokratischen Strukturen oft überfordert, verloren und orientierungslos. Auch das macht sie anfällig für Radikalisierung, für Verschwörungstheorien und Gewalt, solche Jugendliche sind dauerbeleidigt. Und Karikaturen, Filme, Kritik oder Meinungen, die nicht in ihr enges Weltbild passen, kommen da gerade recht. Sie lehnen sie ab, kämpfen dagegen oder werten sie ab. Dass ab und zu deshalb auch gemordet wird, sollte niemanden wundern.

Die beiden libanesischen Forscherinnen Maya und Nancy Yamout haben über Monate 20 Dschihadisten, IS-Kämpfer und andere Islamisten im berüchtigten Roumieh-Gefängnis von Beirut immer wieder besucht. Sie fanden viele verschiedene Lebensläufe in Armut, verschiedene Charaktere und Typen, aber auch eine klare Gemeinsamkeit: Die Inhaftierten hatten einen gewalttätigen Vater, der sie geschlagen und gedemütigt hat - oder sie hatten gar keinen Vater erlebt. In ihrer Fantasie von "Allah" suchten sie dem inneren Bild des brutalen Vaters zu gefallen und nachzueifern.

...


Aus: "Religion: Jetzt mal unter uns" Von Mansour, Ahmad (17.01.2015)
Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-131355143.html


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[Er erzählt von... ]
« Reply #21 on: M?RZ 12, 2015, 10:01:42 vorm. »
Quote
[...] Er erzählt von den Entbindungen seiner drei jüngeren Geschwister, bei denen er half, vom alkoholabhängigen Vater, mangelnder Hygiene und Familiengemeinschaft. Mit zehn Jahren verlässt er das Elternhaus und entdeckt seine Anziehungskraft auf ältere Männer: „ ...als ich trampte und von Typen mitgenommen wurde, die an meinem Schwanz lutschen wollten und von denen ich mich dafür ordentlich bezahlen ließ“.

... Depardieu schreibt knapp, brutal direkt und des Öfteren vulgär. Er beschimpft einen ehemaligen Klassenkameraden als „Arschloch" und erzählt von den „vielen Muschis", die er am Strand bewunderte.

... Überraschend ist eher, dass er auch vergleichsweise zahme Erfahrungen wie die erste Liebe, Freundschaft, Hochzeit und Kinder erzählt. Über solche Themen zu schreiben, fällt Depardieu merkbar schwer: Das Konstrukt Familie verabscheut er, sieht sich doch durch sie seiner Freiheit beraubt. Die Liebe beschreibt er als einen schmerzhaften Rausch. Besonders gründlich reflektiert er seine Rolle als Vater. „Ich hätte ihn schützen müssen“, schreibt er über seinen Sohn Guillaume, der als Jugendlicher in die Drogenszene abtauchte und mit 37 Jahren an einer Lungenentzündung starb.

...


Aus: "Die Lebenserinnerungen des Gérard Depardieu: von ganz unten - bis nach Russland" (12.03.2015)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/die-lebenserinnerungen-des-gerard-depardieu-von-ganz-unten-bis-nach-russland/11491038.html

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[Padre Padrone... ]
« Reply #22 on: Oktober 24, 2015, 02:01:34 nachm. »
Quote
[...] Padre Padrone – Mein Vater, mein Herr (Originaltitel: Padre Padrone) ist ein italienischer Film der Regisseure Paolo und Vittorio Taviani von 1977, der die allmähliche Befreiung eines jungen Mannes aus der jahrelangen Unterdrückung durch seinen Vater beschreibt. ... Gavino, der Sohn einer sardischen Familie, wird von seinem gewalttätigen Vater im Alter von sechs Jahren gezwungen, die Schule zu verlassen, um die Schafe zu hüten. So verbringt er seine Jugend weitgehend abgeschieden in Sardiniens unwirtlichen Bergen. Erst im Alter von 20 Jahren beginnt sein Ausbruch aus Isolation und Knechtschaft. Beim Militär lernt er Lesen und Schreiben und begeistert sich für das literarische Schreiben. Anschließend nimmt er ein literaturwissenschaftliches Studium auf - gegen den massiven Widerstand des Vaters, von dem sich Gavino jedoch mehr und mehr abnabeln kann. Nach der Promotion kehrt er in das Dorf seiner Eltern zurück – dort hat sich nichts verändert. ...

Aus: "Padre Padrone – Mein Vater, mein Herr (Originaltitel: Padre Padrone)"
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Padre_Padrone_%E2%80%93_Mein_Vater,_mein_Herr


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[Was auffällt... ]
« Reply #23 on: November 24, 2015, 03:10:15 nachm. »
Quote
[...]  Rau: ... Ich habe damals, 2013, in Belgien viel über die Theorie diskutiert, dass es in Europa in absehbarer Zeit zum Kampf zwischen den rechten identitären Bewegungen und den radikalen Islamisten kommen würde. Das war nicht zuletzt der Antrieb für Michel Houellebecqs Buch Unterwerfung. Aber ich habe bei meinen Recherchen gemerkt, dass die Salafisten nicht darauf aus sind, ihr Kalifat in Europa zu errichten. Sie wollen es auf "heiliger Erde" tun und haben deshalb kein machtpolitisches Interesse im Westen. Wenn sie hier Anschläge verüben, dann treibt sie ein mediales Interesse, sie wollen sich auf ihre Art am Westen rächen. Und sie hoffen, dass dadurch mehr Kämpfer nach Syrien kommen.

ZEIT ONLINE: Für welche Menschen ist dieses Angebot anziehend? Gibt es ein Muster?

Rau: Was auffällt: In praktisch allen Familien, denen ich begegnet bin und deren Söhne nach Syrien gegangen sind, gab es nur einen schwachen oder gar keinen Vater. Die Väter waren weg, alkoholabhängig oder schizophren, oft auch einfach nur schwach.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht ziemlich verallgemeinernd?

Rau: Es ist, was ich beobachtet habe – und natürlich ist jeder Fall anders gelagert. Viele Väter sind nicht tatsächlich schwach, sie sind es bloß in den Augen ihrer radikalisierten Söhne. Weil sie sich dem westlichen Lebensstil angepasst oder nur eine einfache Arbeit haben. Und im Alltag der Mehrheit der Familien spielen diese Väter tatsächlich keine oder keine große Rolle.

ZEIT ONLINE: Die Krise der Kleinfamilie als Ursache des Dschihadismus?

Rau: Ich habe versucht, Familien zu beobachten, um gesellschaftliche Konflikte zu verstehen, weswegen die französische Zeitung Libération mein Stück The Civil Wars eine gesellschaftliche Psychoanalyse genannt hat. Was ich sagen kann: Oft steht am Anfang einer dschihadistischen Karriere eine pubertäre Krise, eine gefühlte Leere. Oft genug sind die Väter sogar Schiiten und ihre Söhne laufen über, werden Sunniten, um sich den Salafisten anzuschließen. Für diese jungen Männer sind ihre Väter keine heroischen Figuren, dafür steht in diesem Milieu heute allein der salafistische Gotteskrieger. Er ist damit zugleich die einzig politische Vorbildfigur.

ZEIT ONLINE: Die Moschee ersetzt die Kleinfamilie?

Rau: In der Moschee finden die jungen Männer einen Raum, in dem sie mehr sind als bloß vereinzelte Individuen. Sie sind Teil von etwas Größerem. Außerdem diskutieren sie dort oft zum ersten Mal über Politik, werden nach ihrer Meinung gefragt, werden ernst genommen und haben etwas zu sagen. Das ist für einen Loser, zumal einen pubertären, natürlich der Wahnsinn.

ZEIT ONLINE: Gibt es etwas Vergleichbares in der Geschichte des Westens?

Rau: Nicht ganz, aber denken Sie an die siebziger Jahre in Deutschland, als Tausende ihre gebrochenen Nazi-Väter durch Mao ersetzt haben. Damals wie heute waren junge Männer auf der Suche nach spirituellen Vätern.

ZEIT ONLINE: An dieser Stelle begegnen sich die linksterroristische RAF und junge, islamistische Terroristen?

Rau: Ideologisch gibt es da natürlich keine Berührungspunkte, aber rein sozialpsychologisch in einigen Fällen vielleicht schon – denken Sie etwa an Bernward Vespers RAF-Roman Die Reise.

ZEIT ONLINE: Werden sich die Extremisten dann irgendwann vielleicht besinnen? Wie manche RAF-Mitglieder am Ende?

Rau: Das sind keine individuellen, sondern generationelle Verschiebungen. Das heisst, die Zeit selbst wird sich ändern, und der salafistische Terrorismus wird sich totlaufen. Wenn Sie sich etwa Fotos der panarabischen Meetings aus den siebziger und frühen achtziger Jahre anschauen, dann sind da viele Frauen drunter, das sieht fast aus wie Woodstock. Das war eine völlig andere Atmosphäre. Die aktuelle muslimische Jugend dagegen ist ultrakonservativ, wahnsinnig patriarchal - aber warum soll es bei ihren eigenen Söhnen und Töchtern, in fünfzehn Jahren nicht wieder ganz anders sein?

...


Aus: "Milo Rau : "Europa exportiert Terroristen"" Interview: Götz Hamann (24. November 2015)
Quelle: http://www.zeit.de/kultur/2015-11/milo-rau-interview-bruessel-salafismus/seite-2


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[Ich glaube... ]
« Reply #24 on: Mai 04, 2016, 02:54:01 nachm. »
Quote
[...] [Erica Jong] Ich glaube, jede Frau, die einen Vater hat, der sie verehrt –, ganz zu schweigen von einem Großvater, der sie bewundert – hat einen Vorsprung. Wenn ich heute mit erfolgreichen Frauen spreche, stoße ich immer auf die Tatsache, dass ihre Väter an sie geglaubt haben. ...


Aus: "Erica Jong: „Frauenhass ist Angst vor der eigenen Mutter“" Julia Prosinger und Deike Diening (04.05.2016)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/feminismus-ikone-erica-jong-der-bh-war-die-metapher-fuer-alle-arten-der-einengung/13522852-3.html

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[konnte es nicht ändern.... ]
« Reply #25 on: Mai 12, 2016, 03:42:19 nachm. »
Quote
„Golo Mann wurde als ‚Sohn‘ geboren; mochte es nicht; konnte es nicht ändern.“

– Golo Mann im Exil zu Beginn der Niederschrift seines Lebenslaufs


https://de.wikipedia.org/wiki/Golo_Mann (10. Mai 2016)

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[Als meine Mutter gestorben ist... ]
« Reply #26 on: Juni 20, 2016, 12:31:49 nachm. »
Quote
[...] Ulrich Seidl: ...  Seitdem ich denken kann, hatte ich Konflikte mit meinem Vater. Auf eine Strafe folgte die nächste. Ich habe den Konflikt mit den Eltern nicht gescheut, das war der Unterschied zu meinen Geschwistern. Ich begann zu revoltieren: gegen die Autorität des Elternhauses, der Schulen, der Kirche, die ich alle als falsche Autoritäten betrachtet habe. ... Wegen meiner schwierigen Vaterbeziehung wollte ich lange keine Kinder haben. Aber man entwickelt sich ja. Auch die Beziehung zu meinen Eltern hat sich geändert. Sie haben sich meine Filme zunächst nicht angeschaut, weil sie sich ihnen nicht aussetzen wollten. Irgendwann habe ich angefangen, an Filmschulen zu unterrichten, da waren sie dann plötzlich stolz. Als meine Mutter gestorben ist, hat sich mein Vater geöffnet und hat auch meine Filme angeschaut. Es gab keine Tabus mehr. ... An das Gute im Menschen glaube ich sicher nicht. Man kann vielleicht nur an einzelne Menschen glauben. ...


Aus: ""An das Gute im Menschen glaube ich sicher nicht"" (ZEITmagazin Nr. 24/2016)
Quelle: http://www.zeit.de/zeit-magazin/2016/24/ulrich-seidl-regisseur-rettung


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[Vaterkonflikt... ]
« Reply #27 on: Oktober 07, 2016, 11:39:48 vorm. »
Quote
[...] Zwischen Hitlers Eroberung Deutschlands und Roths Tod in Paris, im Mai 1939, einige Monate vor Kriegsbeginn, lagen sechs Pariser Exiljahre; überschattet von der deutschen Jagd auf Sozialdemokraten, Juden, Katholiken, Schriftsteller, Nachbarländer ... und von der Unfreundlichkeit vieler europäischer Staaten, in denen die Emigranten Asyl suchten. Frankreich war kein Paradies. Roth trank mehr und mehr; und setzte mir den Unterschied zwischen Pernod père und Pernod fils auseinander. Er war aufgeschwemmt, sein Blick wässerig, sein Gang unsicher. Er litt an Anfällen von Verfolgungswahn, peitschendem Schuldgefühl und Blindheit. ...


Aus: "Die Neue Unsachlichkeit: Joseph Roth wäre am zweiten September siebzig Jahre alt geworden" Ludwig Marcuse (3. September 1965)
Quelle: http://www.zeit.de/1965/36/die-neue-unsachlichkeit/komplettansicht

-

Quote
[...] Als Roth 1939, wenige Monate vor seinem Tod, wieder ein mal auf das alte Thema von dem angeblichen Offizier zrückkam, der seine Mutter geschwängert habe, rügte der aufbrausende Gesprächspartner, ein österreichischer Jude mit schriftstellerischen Ambitionen, dem die Geduld gerissen war: "Schämst du dich nicht, den Namen deiner Mutter zu schänden und sie zur Hure zu machen?" Der schwer betrunkene Roth reagierte zerknirscht, Tränen standen ihm in den Augen, die Flucht in die Phantasie war mißlungen, der Trost der Selbstbemitleidung ausgeblieben.
Derselbe Freund, mit dessen Weg sich Roths eigener während der Emigration immer wieder kreuzte, erzählt, ganz im Sinne der Anfangszeilen von Zipper und sein Vater  [https://de.wikipedia.org/wiki/Zipper_und_sein_Vater], Roth habe in den Jahren der Emigration, die besonders schwer auf ihm lasteten, und schon vernabte Traumata wieder aufrissen, jeden Mitmenschen um seinen Vater beneidet. Roth, der in Wirklichkeit nie gewillt war, die Vaterschaft und deren Verantwortung auf sich zu nehmen, pflege versonnen zu beteuern: "Wenn ich einen Sohn hätte, würde ich ihn nie aus den Augen lassen."
Dieses Wort erinnert an jenes, das Walter Hasenclever [https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Hasenclever] den Helden seines Erstlingswerkes Der Sohn sagen läßt: "Ich war ein Stiefkind nur. Habe ich je einen Sohn, so will ich gutmachen an ihm, was mir Übles geschehen." Ohne sich jemals in literarischer oder weltanschaulicher Hinsicht den Expressionisten anzuschließen, gehörte Roth zu ihrer Generation, und seine Überbewertung des Vaters stimmt mit umgekehrten Vorzeichen, mit der solcher Zeitgenossen wie Walter Hasenclever, Franz Kafka, Georg Trakl und Franz Werfel überein. Sie alle fühlten sich wie Stiefkinder, die hier genannten wegen des Zerwürfnisses mit dem Vater; Roth, weil er nie einen Vater gehabt hatte. Die unter der Macht des Vaters leidenden und dagegen rebellierenden Expressionisten und Roth, der sich nach einem Vater sehnte, ähnelten sich insofern, als der Vater für sie zu einer allmächtigen Gestalt wurde. Hierfür gibt Werfel eine der überzeugensten Erklärungen: "Was versteht ihr unter - Herrschaft des Vaters? - Alles. Die Religion: denn Gott ist der Vater der Menschen. Der Staat: denn König oder Präsident ist der Vater der Bürger. Das Gericht: denn Richter und Aufseher sind die Väter von jenen, welche die menschliche Gesellschaft Verbrecher zu Nennen beliebt. Die Armee: denn der Offizier ist der Vater der Soldaten. Die Industrie: denn der Unternehmer ist der Vater der Arbeiter!"
Wie den meisten Expressionisten wurde auch Roth die Vaterschaft nie zum eigenen Erlebnis. ...


Aus: "Joseph Roth - Eine Biographie" David Bronsen, dtv 1630 (Ausgabe von 1981, 1974), ISBN: 3423016302

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[Vaterkonflikt... ]
« Reply #28 on: Juni 04, 2017, 01:31:59 nachm. »
Quote
[...] Die Vatersuche hört auch mit dem Älterwerden nicht auf. Das war für mich immer ein Thema. Ich komme aus einer sehr zerrissenen Familie, die da war, aber eben auch nicht da war. Jeder kann das nachfühlen, der als Kind Scheidungen erlebte. ...


Aus: "Matti Geschonneck im Interview: „Melancholie hat mit Liebe zu tun“" Christina Bylow (02.06.2017)
Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/kultur/film/matti-geschonneck-im-interview--melancholie-hat-mit-liebe-zu-tun--27025760-seite2

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[Vaterkonflikt... ]
« Reply #29 on: M?RZ 04, 2018, 10:17:50 vorm. »
Quote
[...] Udo Taubitz, Jahrgang 1969, ist Schreibtrainer und Kinderbuch-Autor. Zuletzt erschien "Nelli und der Neidwichtel". Er wuchs in der DDR auf, flüchtete vor dem Mauerfall in den Westen. Er lebt mit seinen Kindern in Hamburg.

Mein Vater ist tot. Ich habe es von einem Fremden erfahren. Das ist sehr traurig, einerseits. Andererseits befreit es mich von all dem Grübeln, wie ich meinen Vater doch noch dazu bringen könnte, mich kennenzulernen. Da, wo andere einen Vater haben - leibhaftig oder im Herzen - hab ich eine Leerstelle. Kein Nichts, eher ein Fragezeichen, das seit Jahrzehnten in mir dreht und bohrt.

Dazu muss man wissen: Ich war ein Unfall. Meine Mutter Mitte 20, geschieden, saß mit zwei kleinen Kindern in einem Plattenbau im Spreewald, gleich neben dem Braunkohlekraftwerk. Mein Vater war Wanderarbeiter, "auf Montage" hieß das in der DDR. Sie trafen sich in der "Turbine", da spielte jeden Donnerstagabend eine Schlagerband. Er war ein toller Tänzer, sagt meine Mutter. Die große Liebe. Sie sprachen vom Heiraten. Als sie ihm sagte, dass sie schwanger sei - mit mir -, sagte er, dass seine Frau auch gerade schwanger sei.

Vor Gericht erkannte er die Vaterschaft an. Immerhin. Er überwies 60 Mark Unterhalt im Monat. Als ich fünf war, so erzählt es meine Mutter, stand mein Vater eines Abends vor der Tür und wollte mich sehen. Sie zeigte mich vor - ich schlief. Er soll gesagt haben, dass er sich zur Einschulung später "erkenntlich zeigen" wollte. Wahrscheinlich hat er es einfach vergessen.

Als ich größer war und verstand, dass ich eigentlich einen Vater habe, wollte ich alles über ihn wissen. Wie groß er genau ist. Was er gerne mag. Was er nicht mag. Meine Mutter wusste kaum mehr als seinen Namen. Aber immerhin. König. Das klang bedeutend - und geheimnisvoll. Könige haben natürlich keine Zeit, sich um ihre Kinder zu kümmern. Für mich war es normal, keinen Vater zu haben. Was man nicht kennt, vermisst man nicht. Oder? Und die real existierenden Vatis der anderen Kinder hielten meine Sehnsüchte in Grenzen: wandelnde Bierflaschen, laut und grob. Wer im Tagebau arbeitete, bekam jeden Monat einen Liter Bergmannsschnaps zum Lohn dazu.

Kurz vor meinem 18. Geburtstag schickte mein Vater einen Brief. Ich fand ihn im Briefkasten. Eine Glückwunschkarte? Ach was. "Wie lange muss ich noch zahlen?" Nur dieser eine Satz. Der mich fast zerriss. Die Wut schluckte ich runter. Jetzt hatte ich seine Adresse. Ich schrieb ihm Briefe. Wie groß er genau ist? Was er gerne mag? Was er nicht mag? Er schrieb nie zurück.

Nach der Wende, ich war Anfang 20, fand ich ihn im Telefonbuch. Monatelang schaffte ich es nicht, die Nummer zu wählen. Irgendwann überwand ich mich - und er legte einfach auf. Das war ein bisschen wie sterben. Ich gab mir das alle paar Jahre.

Ich ging auf die 30 zu, als meine Freundin, die im Nebenfach Psychologie studierte, inbrünstig verkündete, jeder Mensch müsse unbedingt seine Eltern kennen, sonst drohe ewige Zerrissenheit. Wir fuhren mit meinem Käfer hin. Ein kleines Heile-Welt-Dorf. Ein schnurgerade umzäuntes Mini-Eigenheim.

Mein Vater öffnete die Tür. In Millisekunden zerbrach mein Traumbild vom Tanzkönig: Ein Halbglatzkopf in Trainingsanzug aus bunter Ballonseide maulte, was ich wolle. Ich brachte mit Mühe heraus: "Ich bin Ihr Sohn." Er sagte: "Ich habe keinen Sohn." Und machte die Tür wieder zu. Eine Frau in Kittelschürze schaute mich durch die Spitzengardine mit leerem Gesicht an. Damals dachte ich: Das Thema ist durch. Gut, dass ich keinen Vater habe. Besser keinen als so einen. Der Vaterwunsch lebendig vergraben.

Heute habe ich selbst drei Kinder, alle mit derselben Frau, wir wohnen zusammen. Ich versuche, ein guter Vater zu sein, auch wenn ich nicht genau weiß, was das heißt. Ich will ihnen sagen, dass ihr Opa tot ist. Sie werden wieder Fragen stellen. Es ist schwer, Kindern zu erklären, warum sie ihren Opa nie sehen durften. Warum ich meinen Vater nicht kenne. Warum ich nicht mal ein Foto von ihm habe.

Vor ein paar Jahren fing ich an, nach meinen Halbgeschwistern zu forschen - da musste ja wer sein. Ich rief wildfremde Menschen an, die König heißen. Einer kannte tatsächlich meinen Vater und gab mir die Adresse meiner Halbschwester Bettina. Ich schrieb ihr. Sie schrieb zurück, dass ihr Vati ein toller Mensch sei, immer für andere da. Ich bat sie um ein Foto. Ich bettelte. Nichts.

Der nette fremde Herr König hat mir die Todesanzeige gemailt. "Ich denke, es hat jeder das Recht zu wissen, ob seine Eltern noch leben oder nicht", schrieb er dazu. Stimmt. Aber sollte nicht auch jedes Kind das Recht haben - tja, worauf? Einmal mit seinem Vater zu sprechen? Einmal freundlich begrüßt, einmal von ihm umarmt zu werden? Das klingt alles so mickrig. Für meinen Vater war es zu viel.

Deswegen meine Bitte an jeden Mann: Wenn du da draußen ein Kind hast, das du nicht gewollt hast - kann passieren. Du musst ja nicht mit ihm Fußball spielen, Puppenkleider nähen oder Mathe pauken. Aber verleugne dein Kind bitte nicht. Erkläre ihm, warum du nicht mit ihm zusammen leben kannst oder willst. In welchen Umständen oder Ängsten du gefangen bist. Damit es die Schuld nicht bei sich sucht. Schenk ihm ein Foto von dir. Damit es in deinem Gesicht nach sich selbst forschen kann. Sorge dafür, dass es erfährt, wenn du gestorben bist. Damit es seinen Kindern sagen kann, ob sie einen Opa haben. Das ist nicht viel - aber wäre schon 'ne Menge.

Ruhe in Frieden, Papa.


Aus: "Unbekanntes Elternteil "Mein Vater ist tot. Ich habe es von einem Fremden erfahren"" Udo Taubitz (04.03.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/suche-nach-dem-vater-ich-habe-keinen-sohn-a-1195509.html

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« Reply #30 on: Juli 31, 2018, 04:30:20 nachm. »
Quote
[...] Es ist eine Geschichte, wie die bunten Blätter sie lieben – und erst recht deren Leser. Ein Unternehmer und Patriarch, Mitglied der Hamburger High Society, überwirft sich mit seinem Sohn und Erben – und beschließt, für Ersatz zu sorgen. Per Adoption. Allein dieser Plot wäre schon aufsehenerregend. Dass aber der ungnädige Vater der Chef der deutschen Kaffeerösterdynastie Darboven ist und der ausersehene Ersatzerbe der Spross der direkten Konkurrenz Jacobs aus Bremen: Das katapultiert den Stoff in den Rang einer Affäre. Und wer die Hamburger Kaufleute kennt, ahnt bereits: Der Skandal ist nicht weit. Ausgerechnet zum Hamburger Galopp-Derby Anfang Juli, einem Muss-Rendezvous der Reichen und Schönen, wurde der Plan von Albert Darboven (82) publik. Und zwischen Hüten und Hummer hechelten die Hanseaten das Haarsträubende durch. Der Zeitpunkt war umso pikanter, als J. J. Darboven mit seiner Traditionsmarke Idee Kaffee Hauptsponsor des Pferdeevents war und der Patriarch höchstpersönlich auf der Galopprennbahn die Honneurs machte und entgegennahm [bildungssprachlich, veraltet: bei einer Veranstaltung die Gäste begrüßen]. Auf Erkundigungen in der Familiensache reagierte er ungnädig: "Kein Thema."

Dabei war Albert Darboven natürlich klar, dass die Derby-Gesellschaft selbst den mit einer Idee-Kaffee-Decke geschmückten Sieger "Weltstar" nicht halb so spannend fand wie den Bruch zwischen ihm und seinem Sohn Arthur Ernesto (54). Von dessen Mutter Inés Alicia de Sola Oppenheimer, Tochter eines Kaffeebarons aus El Salvador, ließ Darboven sich nach zwölf Jahren Ehe 1973 scheiden. Er heiratete daraufhin im selben Jahr Edda, Prinzessin von Anhalt-Dessau. Gemeinsam mit ihr bestätigte er am Nach-Derby-Montag den Klatsch – per Pressemitteilung. "Meine Frau und ich", heißt es darin, "wünschen uns, Herrn Dr. Jacobs auch ganz offiziell in unsere Familie aufzunehmen." Und weiter: "Wir wünschen uns, dass er unser Lebenswerk in allen Bereichen fortsetzt." Die öffentliche Bestätigung der Darboven-Idee hat Sohn Arthur Ernesto zumindest indirekt erzwungen – gemeinsam mit seinen Cousins Arndt und Behrendt Darboven und deren Mutter Helga. Die vier veröffentlichten am Derby-Wochenende einen offenen Brief, in dem sie vor einem "Bruch mit den Werten des Unternehmens und der Familie" warnen – und weiter schreiben: "Es ist für uns überhaupt nicht nachvollziehbar, dass Albert Darboven, unser Vater beziehungsweise Onkel, die Führung des Familienunternehmens an Dr. Andreas Jacobs übertragen will."

Die Jacobs-Familie hat ihr Unternehmen in der Hamburger Konkurrenz-Hansestadt Bremen zunächst 1982 durch eine Fusion mit der Schweizer Interfood AG erweitert. Acht Jahre später wurde das Unternehmen als Jacobs Suchard an den US-Konzern Kraft Foods verkauft. Andreas Jacobs (54) leitete danach bis 2015 die Holding der Familie, die mit einem Milliardenvermögen zu den reichsten Deutschen gezählt wird. Inzwischen nennt er sich Investor und lebt in Hamburg. Aber nicht nur räumlich sind sich Darboven senior und sein Wunschsohn Jacobs sehr nahe. Sie teilen auch ihre Leidenschaft für schnelle Pferde. Darboven besitzt das Gestüt Idee und war selbst jahrzehntelang als Polospieler aktiv.

Sohn Arthur, seine Vettern und deren Mutter, denen zusammen 42,5 Prozent des Unternehmens gehören, halten die Hippophilie für keine ausreichende Qualifikation. Den Verkauf von Jacobs-Kaffee wenden sie gegen den Konkurrenten ums Erbe. "Uns Darbovens liegt der Kaffee im Blut", schreiben sie, "was wir bei Dr. Jacobs bezweifeln müssen." Zudem hätten die Firmen Darboven und Jacobs sich schon vor Gericht treffen müssen. So weit ist es zwischen Darboven senior und junior bislang nicht gekommen. Sie trennten sich, zunächst geschäftlich, 2008, nach Streitigkeiten über die Unternehmensstrategie. Konkreter Anlass war der "Coffee Erotic", den Arthur Ernesto ins Sortiment aufnehmen wollte. Vater Albert fand das indiskutabel.

Ein spannender Aspekt am Rande ist zweifelsohne, wie Albert zum vierten Chef der Dynastie Darboven wurde: Sein kinderloser Großonkel Arthur Darboven beschied 1948 den zwölfjährigen Albert Hopusch aus Darmstadt: "Du wirst einmal mein Nachfolger." Und – adoptierte ihn.

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immer STANDFEST

Der NEG Virus
Hier wütet der NEG Virus = Neid,Eifersucht,Gier!

Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und deren Familien sieht anders aus!
Passiert übrigens auch im Kleinen, ist der Nachteil von Familienunternehmen.


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alt-heli .

So hat jeder seine Sorgen.... ;-)


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Anonüm

Aber Ernesto, du hast gar kein Vermögen?
Nein, und ich heiße auch nicht Ernesto sondern Harald!


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Meister Sepp

Liest sich wie eine ganz schlechte Seifenoper


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DieNachtkerze

Philip Morris
Jacobs hat nicht an Kraft Foods verkauft. Das Unternehmen gab es damals noch gar nicht. Jacobs hat, um seine Geschwister auszahlen zu können, damals an Philip Morris verkauft, einen Zigaretten-Konzern. Später wurde die Nahrungsmittelsparte, auch aufgrund der Tabak-Prozessdrohungen in den USA, abgespalten und Kraft Foods gegründet. Dieses Unternehmen wurde später wiederum in Kraft Foods Group und Mondelez geteilt. Kraft Foods Group kurz danach von Heinz übernommen (jetzt Kraft-Heinz).


...


Aus: "Der Kaffeekrieg der Söhne" Cornelie Barthelme (31. Juli 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000084422535/Der-Kaffeekrieg-der-Soehne

Offline Textaris(txt*bot)

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[Vaterkonflikt... ]
« Reply #31 on: Dezember 29, 2018, 03:05:38 nachm. »
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[...] Nach dem frühen Tod Ihrer Mutter sind Sie als 14-Jähriger in den Kibbuz eingetreten, um Traktorfahrer zu werden. Haben Sie sich selbst überrascht, als Sie erkannten, dass es dennoch unmöglich war, mit der bildungsbürgerlichen und intellektuellen Tradition Ihrer Familie zu brechen?

Amos Oz: Diese Frage bringt uns abermals auf die Problematik von Treue und Verrat. Als ich im Alter von vierzehn Jahren meinen Nachnamen von Klausner zu Oz änderte und gegen die Welt meines Vaters rebellierte, habe ich in voller Absicht Verrat an den Klausners geübt. Mir war damals nicht klar, dass sich unter diesem Verrat eine tiefere Art der Loyalität verbarg, und es brauchte Jahre, bevor ich mir dessen bewusst wurde. Heute lebe ich in einem Zimmer voller Bücher und schreibe selbst sogar noch weitere Bücher, tue also ganz genau das, was sich mein Vater immer von mir erhoffte hatte. ...


Aus: "„Ich bin Mitglied im Club der Verräter“" Thomas David (07.03.2015)
Quelle: https://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article138155396/Ich-bin-Mitglied-im-Club-der-Verraeter.html

Amos Oz (Amos Klausner am 4. Mai 1939 in Jerusalem; gestorben am 28. Dezember 2018 in Tel-Aviv)
https://de.wikipedia.org/wiki/Amos_Oz

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[Vaterkonflikt... ]
« Reply #32 on: Februar 23, 2019, 10:23:20 vorm. »
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[...] »Freiheit ist, was du mit dem machst, was man mit dir getan hat«, schrieb Sartre. Der Satz hängt über meiner Eingangstür. Mein Vater, der KFZ-Mechaniker, las nie Sartre. ... Autoritäre Väter reagieren auf die Autonomie ihrer Töchter mit panischer Angst vor der übertragenen »Entmannung«. Mein »Aufstand« versetzte meinen Vater in solche Aufregung, dass er nach 20 Jahren zum ersten Mal meine Mutter anrief. Sie nahm nicht ab. ...


Aus: "Die Lügen meines Vaters oder: Freiheit ist ein Inside-Job" Mira Sigel ( 4. Februar 2019)
Quelle: https://diestoerenfriedas.de/die-luegen-meines-vaters-oder-freiheit-ist-ein-inside-job/

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[Vaterkonflikt... ]
« Reply #33 on: Januar 15, 2020, 06:50:43 nachm. »
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[...] Falk Richter - geboren 1969 in Hamburg, ist Regisseur und Dramatiker. 1999 gelingt ihm der Durchbruch mit „Gott ist ein DJ“ und „Nothing Hurts“.Mittlerweile zählt Richter zu den international erfolgreichsten deutschen Dramatikern mit über 35 Theaterstücken, die in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden. 2018 wurde seine Inszenierung von Elfriede Jelineks „Am Königsweg“, die er am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg inszeniert hatte, zum Berliner Theatertreffen eingeladen und er zum „Regisseur des Jahres“ von Theater heute gekürt.
Am 15. Januar 2020 wird am Maxim Gorki Theater in Berlin „In My Room“ uraufgeführt. ...  In Berlin bringt er sein Stück „In my room“ heraus, eine Auseinandersetzung mit Vätern und Männern in der Krise.


Nicholas Potter: Herr Richter, Ihr neues Stück geht der Frage nach, welche Spuren unsere Väter in unserem Leben hinterlassen haben und was das für Kons­truktionen der Männlichkeit bedeutet. Diese Frage ist nicht gerade neu und wird zurzeit viel diskutiert von Autoren wie Didier Eribon, Édouard Louis und Jack Urwin. Fehlt Ihnen etwas in der Diskussion bisher?

Falk Richter: Ja, wahrscheinlich mein sehr eigener Blick dar­auf. Es ist ein sehr persönliches Stück geworden, so wie ich das sonst nicht unbedingt mache. Während der Schreibphase ist mein Vater auch gestorben, was sehr viel in mir aufgewühlt hat. Zusammen mit dem Ensemble wollte ich mich mit der Frage auseinandersetzen, was mein Vater eigentlich mit mir gemacht hat, wie er mich zugerichtet hat und welche Zurichtungen er selbst erfahren hat. Die Personen, die Sie erwähnen, sind keine Theatermacher, sondern Soziologen und Romanautoren. Ich wollte mich nicht allein, sondern zusammen mit den Schauspielern mit diesen Fragen beschäftigen.

Wie biografisch ist das Stück für Sie?

Das Stück beginnt mit einem Monolog, der meine Beziehung zu meinem Vater beschreibt, der als Soldat noch im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges gekämpft hat. Er wurde für den Krieg erzogen: Als Achtzehnjähriger wurde er aus der Schule noch eingezogen. Später war mein Vater Teil des Wirtschaftswunders und hat mehrere Hamburger Unternehmen geleitet. Er ist eben aus dieser Phase eines jungen Menschen, der durch den Krieg traumatisiert wurde, in ein Leben reingegangen, das komplett der Leistung des Geld­erwirtschaftens gewidmet war. Es hatte erst sehr spät in seinem Leben eine Reflexion gegeben über das, was stattgefunden hat. In seiner Vorstellungswelt war es jahrelang gar nicht denkbar, dass er über seine Gefühle reden kann, dass er Nähe zu einem anderen Mann haben und ihn nicht nur als Konkurrenten ansehen kann.

Welche Spuren hat das in Ihnen hinterlassen?

Mein Vater war bis kurz vor seinem Tod nicht in der Lage, eine nicht hierarchische Kommunikation zu führen oder sich überhaupt auf meine emotionale Welt, auf mein Schwulsein einzulassen. Das war für ihn ein großes Problem. Dieses Männlichkeitsbild erfährt gerade eine Renaissance in Deutschland durch die AfD, die Identitäre Bewegung und neue faschistische Gruppierungen, die wirklich sagen, wir müssen unsere Männlichkeit wieder erobern und entdecken. Das ist genau die Art von Männlichkeitskonstruktion, die meinen Vater total unglücklich gemacht. Er war ein seelisch und emotional zerstörter Mensch durch das gewesen, was er damals erfahren hat.

Ist die Krise der Gegenwart eine Krise der Männlichkeit?

Es ist eine Krise bestimmter autoritärer Handlungsweisen, die meistens Männern zugeschrieben werden. Es gibt aber auch eine toxische Männlichkeit, die Frauen praktizieren. Alle Frauen der AfD sind eigentlich Patriarchinnen in ihrem Verhalten: Sie sind homophob, rassistisch und fordern ein soldatisches Männerbild. Diese Männlichkeitskonstruktion enthält aber einen Widerspruch: Kein Mann, der diese Härte performt, ist ja so hart. Die Zusammenbrüche, die Burn-outs haben sie dann zu Hause.

Das Toxische daran ist, dass wir eigentlich erkennen, dass gerade wahnsinnig viel falsch läuft, dass wir zum Beispiel den Planeten weiter zerstören und es dennoch weiterhin machen. Es ist eine egoistische Haltung, die sagt, ich ändere mich nicht, stelle mich nicht infrage und alles, was ich bislang in meinem Leben gemacht habe, war richtig. Dass man sich nicht reflektiert und Fehler eingesteht. Man setzt sich selbst ins Recht, dass man anderen Unrecht zufügen darf. Und das haben in der Hauptsache Männer beigebracht bekommen.

Trump ist ein Paradebeispiel für diesen Widerspruch: Er spielt gern den autoritären Vater, ist aber in Wirklichkeit sehr dünnhäutig.

Es geht um ein Bild von Stärke. Wenn dieses Bild gekränkt wird, setzt man Aggression ein, um es zu verteidigen. Interessanterweise verkörpert jemand wie Trump all das, was in diesen restaurativen Kons­truktionen häufig Frauen zugeschrieben wird: Irrationalität, Impulsivität, Gemütsschwankungen. Aber genau das ist das Gefährliche an dieser Renaissance des starken Mannes, wie es jetzt auch mit Orbán und Erdoğan daherkommt. Das sind eigentlich komplett wankelmütige, überemotionale, irrationale Herrscher. Sie können weder Stress noch Kritik ertragen.

Ihre Stücke entwickeln Sie meistens mit dem Ensemble während der Proben, Sie fangen aber oft mit Textfragmenten an. Was war hier Ihr Ausgangspunkt?

Der kreative Impuls dafür war eine Männlichkeitskonferenz, „Mann sein 2019“, die ich vor einem knappen Jahr mit dem Dramaturgen Daniel Richter besucht habe. Es interessierte mich, dass es plötzlich immer mehr Angebote für Männer gibt, die ihre Männlichkeit kritisch hinterfragen wollen oder einfach verwirrt sind. Viele heterosexuelle Männer wissen nicht genau, wie sie sich jetzt verhalten sollen. Auf der Konferenz gab es ein großes Angebot: von Haka-Workshops, wo man den neuseeländischen Maori-Tanz lernt, bis hin zu Vorträgen über Vater-Sohn-Beziehungen. Es war sehr diffus.

Sind Sie dort zu irgendwelchen bereichernden Erkenntnissen gekommen?

Dass es eine große Verwirrung bei vielen Männern gibt, die sich bedroht fühlen durch die Frauen, durch #MeToo. Sie haben das Gefühl, nichts mehr machen oder sagen zu dürfen. Auf der Konferenz gab es zwei Lager: die, die absolut bereit sind, sich zu ändern, die aber nicht genau wissen, wie ein neues Männerbild eigentlich aussehen könnte. Da haben sie auch nicht unrecht, denn es gibt so wenige positive Vorbilder. Wir befinden uns noch in der Dekonstruktion, wissen aber nicht so richtig, wo es hingehen soll. Und dann gibt es einen Teil, der oftmals politisch den neuen Rechten zuzuordnen ist, die sagen, dass Frauen zu mächtig werden und daher zurückgedrängt werden müssen.

In ebendiesen neurechten Kreisen scheinen Sie einen Nerv getroffen zu haben. Wegen Ihres Stücks „Fear“ wurden Sie angeklagt und erhielten Hassmails und Morddrohungen. Hat Sie das als Künstler eingeschüchtert?

Es war ein Realitätsschock. Es war eine Reise in die Finsternis, zu sehen, wie radikal diese neurechten Gruppierungen um die AfD herum agieren. Ich übe eine Kritik an den Neurechten, und ihre Antwort ist: Wir bringen dich um. Eingeschüchtert bin ich aber nicht. Es hat nicht dazu geführt, dass ich mich nicht mit ihnen auseinandersetze oder jetzt harmloser geworden bin. Im Gegenteil: Ich beschäftige mich umso intensiver mit Rechtsextremismus.

Die tatsächliche Wirkungsmacht des Theaters wird oft infrage gestellt, aber die Angst der Neurechten weltweit vor kulturellen Institutionen ist vielsagend. Das haben wir zuletzt in Ungarn gesehen, wie Orbán gegen das Theater vorgeht. Theater scheint doch eine reale Bedrohung für die Rechten darzustellen. Das gibt einem Hoffnung.

Die reine Existenz von einem Raum, der wirklich frei ist, in dem man wirklich seine Meinung sagen und freie Kunst machen kann, ist so eine Irritation im Weltbild von diesen autoritär strukturierten Menschen. Das halten sie einfach nicht aus. Deshalb ist eigentlich der Wunsch da, das Theater und die freie Kunst zu vernichten, was in allen Diktaturen passiert: weil es diese Gegenstimme nicht geben soll. Wir haben jetzt hier einen Raum, in dem wir sie satirisch überhöhen, kritisieren, dekons­truieren – und das soll eben nicht mehr existieren. Deshalb ist das auch eine reale Gefahr.


Aus: "Falk Richter über toxische Männlichkeit: „Er wurde für den Krieg erzogen“" Das Interview führte: Nicholas Potter (15.1.2020)
Quelle: https://taz.de/Falk-Richter-ueber-toxische-Maennlichkeit/!5652457/