[...] [Thomas] Metzinger: [...] Phänomenale Zustände, die Erlebnisse selbst, basieren auf neuronalen Mustern, dynamisch aktiven Nervennetzen. Der Charakter des subjektiven Erlebens bleibt gleich, egal ob man etwas tatsächlich wahrnimmt oder nur eine Halluzination hat. Diese Nervenmuster könnte man künstlich anschalten und etwa durch eine technische Intervention die Erfahrung einer Orange erzeugen. Doch ob dieser Zustand auch Wissen ist, sich auf die wirkliche Welt bezieht, hängt von sozialen und äußeren Umständen ab. Externe Faktoren in Umwelt und Gesellschaft entscheiden, ob er als Halluzination, Krankheit, als Weisheit oder Heiligkeit gilt. Dennoch, das bewusste, subjektive Erleben dieser Inhalte kann man vielleicht wirklich allein durch neuronale Funktionen erklären.
ZEIT: Das glaubt Ihnen in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen aber kaum jemand, oder?
Metzinger: Die Zusammenarbeit zwischen Philosophie und Hirnforschung klappt immer besser. Sie müssten die herausragenden jungen Leute bei der European Platform for Mind Sciences in der Volkswagen-Stiftung sehen - das ist eine ganz neue Forschergeneration. Die machen mir Mut. Aber Sie haben recht, es gibt seit Jahren einen Wettkampf darum, wer den menschlichen Geist erklären darf - die Neurowissenschaftler, die Kognitionsforscher oder die Psychologen.
ZEIT: Wer wird als Sieger hervorgehen?
Metzinger: Im Moment liegen die Neuroforscher klar vorn. Aber auch die werden Schwierigkeiten bekommen - möglicherweise bei der mathematischen Modellierung. Das Gehirn ist ein sehr komplexes System, die übergreifende Theorie fehlt uns noch. Aber wir haben eine enorme Menge von Daten, die ständig anwächst. Es wäre lächerlich, den Erkenntnisfortschritt zu bagatellisieren. Und ich bin Philosoph, mir geht es ums Prinzip. Die Stunde der Philosophie des Geistes kommt noch.
ZEIT: Wie kann die Vorstellung des Ichs denn überhaupt in unserem Kopf entstehen, wenn es, wie Sie sagen, ein solches Selbst gar nicht gibt?
Metzinger: Was wir heute noch das »Selbst« nennen, ist kein Ding, sondern ein Prozess. Die meisten Menschen übersehen, dass man eine Identität nicht haben kann wie ein Fahrrad. Sie ist auch keine Eigenschaft wie die Augenfarbe. Höchstens ist sie eine Beziehung, die jeder Mensch zu sich selbst hat. Wir finden aber nichts im Gehirn oder im Geist, was sich durch die Zeit hindurch hält und die Selbigkeit der Person garantiert, ihr Stabilität gibt und deswegen als Kern der Person gelten könnte. Der Philosoph Wittgenstein hat gesagt, dass die Stärke des Fadens nicht darin liegt, dass eine Faser durch die ganze Länge läuft, sondern darin, dass viele Fasern ineinandergreifen. Der Faden kann sehr bunt sein ? und trotzdem stabil.
ZEIT: Dennoch, jeder Mensch empfindet sich als ein authentisches Wesen, das auch über Jahrzehnte hinweg dieselbe Person ist.
Metzinger: Ja, ich nenne das ein phänomenales Selbstmodell. Es gibt eine Struktur im Gehirn, in der sich der Körper repräsentiert findet, die Emotionen und auch der Geist. Unser Ziel ist, diese neurofunktionale Architektur aufzuspüren, ein minimales neuronales Korrelat, das hinreichend ist, damit ein vorsprachliches Ich-Gefühl entsteht, damit jemand das Erlebnis hat, dass er selbst rot sieht oder Vanille schmeckt. Ein solches Korrelat kann man nicht nur für das vorbegriffliche Selbstbewusstsein finden, sondern im Prinzip auch für jeden einzelnen Bewusstseinsinhalt und für das Erleben als Ganzes. Ich glaube, wir werden in den nächsten 20 bis 50 Jahren zumindest das globale Korrelat von Bewusstsein im Hirn ganz gut eingrenzen können.
ZEIT: Könnte dieses Wissen nicht auch gefährlich sein?
Metzinger: Wenn wir das neuronale Korrelat des Bewusstseins kennen und ein mathematisches Modell haben, das erklärt, wie Information darin fließt und verarbeitet wird, dann können wir auch Bewusstseinsinhalte direkt modulieren, sie hemmen, verstärken, optimieren. In den nächsten 200 Jahren werden Teile der Neurotechnologie fließend in Bewusstseinstechnologie übergehen.
ZEIT: Aber es will doch wohl niemand sein Bewusstsein von anderen kontrollieren lassen.
Metzinger: Da bin ich nicht so sicher. Mächtige, höchst effektive Bewusstseinstechnologien kennen wir schon - adaptive Realitätsmodelle, die sich durch ganze Populationen propagieren und soziales Mikroverhalten durch eine Makrodynamik versklaven:
Ideologien, den Glauben, metaphysische Placebos aller Art. Der Faschismus hatte den Charakter einer religiösen Erweckungsbewegung, auch den Stalinismus kann man als politische Religion verstehen.
ZEIT: Die Folgen waren schrecklich genug. Was haben wir von der Neuroforschung zu erwarten?
Metzinger: Die medizinische Neurotechnologie steht erst an ihrem Anfang. Aber ihre Werkzeuge werden besser. Wir erleben gerade den Übergang von neurologischen zu psychiatrischen Erkrankungen, sehen Erfolge bei der Tiefenhirnstimulation für Kranke mit schweren Zwangsgedanken und unheilbarer Depression. Neurotechnologie wird aber erst zur Bewusstseinstechnologie, wenn sie beginnt, phänomenale Realitätsmodelle, also Bewusstseinsinhalte als solche, vorsätzlich und selektiv zu verändern oder zu erzeugen.
ZEIT: Die Cyber-Seele im Second Life 2.0?
Metzinger: In Second Life war ich nur einmal - ich gehe doch lieber im Wald spazieren.
ZEIT: Also wird es keinen virtuellen Metzinger geben?
Metzinger: Auch das Selbstmodell in Ihrem Gehirn ist jetzt schon rein virtuell. Der interessante Punkt ist gerade, dass Sie es nicht als Modell erleben können, sozusagen naiv-realistisch an seinem Inhalt kleben. Stellen Sie sich vor, wir entwickeln eine
Bewusstseinstechnologie, durch die Sie sich erlebnismäßig mit ihrer Second-Life-Figur identifizieren können. Ein Exodus des Menschen aus der Realität in die Virtualität ist keine ganz neue Idee. Die philosophische Frage wäre: Wer oder was ist es überhaupt, das da auswandert?
ZEIT: Wenn Sie den Menschen die Seele nehmen, nehmen Sie ihnen auch jede Hoffnung auf etwas nach dem Tod. Wie soll man damit umgehen?
Metzinger: Ich habe nichts zu verkünden. Aber wenn wir in einer Kultur der Verleugnung den Erkenntnisfortschritt verdrängen, taucht das tabuisierte Wissen wie ein Dämon aus dem Unbewussten in der Lebenswelt wieder auf - in Form neuer Technologien. Unser christlich-humanistisch geprägtes Verständnis vom Menschen verändert sich nicht nur durch theoretische Erkenntnisse, sondern ebenso durch das Auftreten dieser Technologien. Die Frage ist: Welche Konsequenzen wird eine naturalistische Wende im Menschenbild haben?
[...] Ich bin im Grunde stockkonservativ. Wir müssen die Werte der Aufklärung verteidigen. Ich sehe eine Gefahr der Flucht in den Fundamentalismus. Die naturalistische Wende könnte eine Welle der Desäkularisierung, der Gegenaufklärung antreiben. Amerika haben wir schon verloren, ich denke, das ist eigentlich kein westliches Land mehr. Als ich in China einen Vortrag über Neuroethik und Bewusstseinskultur gehalten habe, hat man mich dagegen ausgelacht: »Junge, das ist ein Problem, das nur ihr im Westen habt. Ihr hattet damals schon Theater mit Darwin und der Kirche - wir fanden es einfach interessant, dass wir von Affen abstammen.« Dort gibt es anscheinend keinen kulturellen Widerstand gegen ein neurowissenschaftliches Menschenbild.
ZEIT: Konservative Kritiker warnen davor, dass sämtliche Werte den Bach runtergehen, wenn sich ein solches Menschenbild durchsetzt.
Metzinger: Möglich wäre auch, dass die Gesellschaft in einen vulgären Materialismus abdriftet. Wenn die Leute sagen: Das ist ein kaltes, leeres Universum, wir sind eine bessere Art von Bioautomaten, Ego-Maschinen ohne Willensfreiheit, die aus der Evolution entstanden sind. Wir haben keine Seele, sondern Selbstmodelle, und es wird im Jenseits keine Belohnung für gute schauspielerische Leistungen geben. Da könnte sich, lange bevor die wissenschaftlichen und philosophischen Fragen überhaupt geklärt sind, ein primitiver Hedonismus ausbreiten, der zu einer Entsolidarisierung führt. Das klassische Stichwort lautet »soziale Bindekräfte«.
ZEIT: Wie kann man mit der Vorstellung zurechtkommen, ins Universum geworfen zu sein?
Metzinger: Es ist nicht einfach, damit zu leben. Ich frage mich aber, ob es einen dritten Weg gibt, vielleicht eine radikal individualistische, jenseits vom reaktionären Irrationalismus der organisierten Religion liegende Spiritualität, die dezidiert nichts glaubt und für empirische Erkenntnisse offen ist, die aber weiß, dass es Dinge gibt, über die wir aus prinzipiellen Gründen nicht reden können. Es geht darum, eine gewisse Qualität der Offenheit nicht zu verlieren. Wir stehen noch immer vor einem riesigen Ozean von Nichtwissen - vielleicht werden wir nach dem Durchmarsch der Neurowissenschaft Antworten finden, für die wir jetzt nicht einmal die Fragen formulieren können.
[...] unser kognitives Selbstmodell, sagt uns: Der größte anzunehmende Unfall, der wird kommen, auch für dich. Das ist der existenzielle Riss im Selbstmodell. Niemand von uns ist gefragt worden, ob er existieren will, mit diesem Gehirn, mit dieser Form von Bewusstsein. Und am Ende werden wir auch nicht gefragt werden, ob wir bereit sind zu gehen. Wir sind die ersten Tiere, die das bewusst erleben.
ZEIT: Liegt in diesem Riss, wie sie ihn nennen, der Ursprung der Religion?
Metzinger: Einer der evolutionsgeschichtlichen Ursprünge der Religion könnte die Kompensation für diese neue Schicht im Selbstmodell sein, die uns emotional verletzt. Aber natürlich wäre, rein logisch gesehen, auch eine solche Erklärung kein Beweis dafür, dass Gott nicht existiert.
Die Fragen stellte Ulrich Bahnsen.
Si tacuisses...
Verfasst von thogos am Do, 16/08/2007 - 10:53.
[...] Wenn z.B. die Behauptung aufgestellt wird, es gebe kein eigenes Selbst, dann müsste der Philosoph doch fragen: Wer stellt denn die Behauptung auf - wenn nicht ein Subjekt? An wen richtet sich dann die Behauptung überhaupt - wenn nicht an ein subjektives Selbst? Und warum stellen wir überhaupt Thesen auf (wobei der Begriff "wir" hier schon bedeutungslos wäre), wenn es doch keine Subjekte gibt, an die wir unsere Erkenntnisse weitergeben könnten?
Wenn ferner behauptet wird, der freie Wille, sämtliche menschliche Gedanken seien allein das Produkt hirnphysiologischer Vorgänge, so soll nicht bestritten werden, dass der Geist natürlich eine materielle Grundlage hat. Aber zu fragen wäre doch, wie aus elektrischen und chemischen´, also materiellen Vorgängen der qualitative Sprung hin zu geistiger Wahrnehmung geschehen kann. Wie ergibt sich aus Materie das, was traditionell als Geist bezeichnet wird?
Das sind nur zwei vielen weiteren einfachsten Fragen, die eigentlich Gegenstand philosophischer Proseminare sind. Doch nicht einmal auf diese simplen, aber für unseren subjektiven Selbstvollzug grundlegenden Fragen bekommen wir von Metzinger eine Antworten. Nein, er stellt noch nicht einmal die Fragen!
Interessant, aber sein persönliches Weltbild-konstrukt
Verfasst von theologischCom am Do, 16/08/2007 - 14:59.
Auch, wenn wir Herrn Metzinger bei uns einmal zum Thema Bewußtsein zitiert haben, scheint das, was er hier von sich gibt, doch ein recht subjektives Weltbild zu sein. Es geht wie der Epikurismus den wesentlichen Fragen einfach aus dem Weg und geht davon aus, dass der Materialismus wahr sei - also dass es nur die Materie gebe, sonst nichts. Das ist Ansichtssache - mehr aber leider auch nicht. Insofern diskutiert Herr Metzinger hier sein eigenes Denkmodell (ist ja logisch), das aber automatisch eine ganze Menge anderer Modelle ablehnt - ohne das sonderlich zu begründen.
Ihr Kommentar:...Wenn z.B.
Verfasst von volz am Fr, 17/08/2007 - 22:20.
Ihr Kommentar:
...Wenn z.B. die Behauptung aufgestellt wird, es gebe kein eigenes Selbst, dann müsste der Philosoph doch fragen: Wer stellt denn die Behauptung auf - wenn nicht ein Subjekt? An wen richtet sich dann die Behauptung überhaupt - wenn nicht an ein subjektives Selbst?...
Besonders gründlich scheinen Sie den Artikel nicht gelesen zu haben. Natürlich leugnet Metzinger, wie auch keiner der Hirnvermesser, dass es ein subjektives Empfinden gibt. Metzinger selbst hat da gar ein 600-Seiten Schmöker darüber verfasst. Er hat sich also ziemlich gründlich mit dieser Frage beschäftigt. Können Sie das auch von sich behaupten?
Metzinger:
... Ja, ich nenne das ein phänomenales Selbstmodell. Es gibt eine Struktur im Gehirn, in der sich der Körper repräsentiert findet, die Emotionen und auch der Geist....
Selbstmodell?
Verfasst von thogos am Sa, 18/08/2007 - 11:37.
Wenn Metzinger sagt, dass sich im Rahmen des von ihm entworfenen "phänomenalen Selbstmodells" eine Struktur vorfindet, "in der sich der Körper repräsentiert findet, die Emotionen und auch der Geist", dann behauptet er damit doch implizit nichts weniger, als dass es die Erfahrung des Selbst und eben den Geist doch gibt.
Umso erstaunlicher ist es folglich, wenn Metzinger im gleichen Interview behauptet, dass es gar kein "Selbst", also auch gar keinen Geist gebe. Sprachlich und logisch hebt Metzinger innerhalb weniger Sätze seine eigenen Aussagen wieder auf.
Ich erspare mir daher, einen 600-Seiten-Schmöker eines Autors zu lesen, der bereits in einem kurzen, populärwissenschaftlichen Interview seine eigenen Aussagen ad absurdum führt. Die reduktionistischen, bereits in ihrem Denkansatz widersprüchlichen Theorien, die Metzinger und andere Verteter einer randständigen "philosphy of mind"-Ideologie publizieren, wollen den Menschen in seiner Selbserfahrung entkernen. Doch wie die Aporien des hier vorliegenden Interviews unfreiwillig, aber sehr augenscheinlich aufzeigen, können diese biologistischen Ansätze kaum dazu beitragen, das Geheimnis des Geistes zu kären, da sie den Ausgangspunkt solcher Überlegungen nicht ernstnehmen: Die Selbstevidenz der Ich-Erfahrung. Die grundlegende Bedingung des Forschens und Fragens wird vorausgesetzt und zugleich als Illusion abgelehnt - da kann es nicht wundern, dass die verqueren Widersprüche entstehen, die ja in der Überschrift des Interviews schon anklingen: "Riss im Selbstmodell"
Ein sehr guter Artikel, der ...
Verfasst von AlbertHalbstein am Sa, 18/08/2007 - 17:52.
... in dieses Jahrtausend paßt. Es ist gut daß endlich einmal Leute wie Metzinger zu Wort kommen. Er ist ein einsames Licht im Realitätsverlust der Gesellschaft.
Natürlich gibt es keine Seele. Alles was wir Denken nennen entstand aus einer einzigen befruchteten Zelle. Was wir Denken nennen ist nur das Produkt der Aktivität von Nervenzellen. Im Gegenteil, irgendwann ist man vielleicht in der Lage ein komplettes Gehirn mit Superrechnern zu simulieren. Oder eine ganze Stadt mit all ihren Einwohnern. Ich bin mir sicher daß diese Programme dann ebenso darauf bestehen daß es Seelen und Götter gibt wie (leider) die meisten Menschen.
Metzinger hat sehr gut herausgearbeitet daß die Religion / Seele aus der Angst vor dem Tod geboren wurde. Das habe ich selbst schon oft geschrieben. In den teilweise dümmlichen Kommentaren kann ich die Angst vor dem Tod förmlich riechen.
Die Menschen sind bis auf eine Minderheit nicht bereit nicht bereit sich der Realität zu stellen. Da werden in allen Bereichen des Lebens Lügengebäude aufgebaut. Hier in Deutschland ist das besonders extrem. Daraus resultieren auch die meisten gesellschaftlichen Probleme die wir haben. Die Nichtbereitschaft zu einer ehrlichen Betrachtungsweise.
Der Artikel macht Mut. Es gibt noch Menschen welche Realisten sind. Es gibt auch noch Gesellschaften wie China welche auf dem Realismus aufsetzen. Leider gehört denen die Zukunft und nicht uns.
Er hat schon recht
Verfasst von andrku am Sa, 18/08/2007 - 19:27.
[...] Wer Probleme hat, sich von der Seelenvorstellung zu trennen, dem kann ich nur einen Besuch in einem Pflegeheim empfehlen. Zu meiner Zivildienstzeit habe ich jede Menge Menschen gesehen, deren Persönlichkeit sich, analog zum Gehirn, sowohl verändert wie manchmal auch komplett auflöst. Jetzt erklär mir mal jemand, wie man diese Tatsache mit dem Konzept der unsterblichen Seele in Einklang bringt.
Trotzdem muss man nicht zu einem skrupellosen Materialisten werden, im Gegenteil. Wer die zahllosen Verirrungen der Religion ablegt bekommt einen klareren Blick auf sich und seine Umgebung. Der Humanismus als Weltanschaung ist aus diesen Erkenntnissen erwachsen und wird in seiner wahren Bedeutung für das Abendland, meiner Ansicht nach, viel zu sehr unterschätzt. Während die eher selten positiv aufgetretene Religion überschätzt wird. Na ja, wahrscheinlich Ansichtssache.
MfG
AKu
Kompatibilistische Rückzugsgefechte
Verfasst von step2007 am Sa, 18/08/2007 - 19:35.
[...] Es erstaunt mich immer wieder, wie irrational der Mensch an liebgewonnenen Illusionen festhält, um nicht überfordert und narzisstisch gekränkt zu werden: transzendente Seelen, das Selbst mit freiem Willen, eine universelle Bedeutung des Menschen, das Ziel aller Geschichte, intelligente Schöpfergötter undsoweiter, je nach Ideologie.
Kompatibilistische Rückzugsgefechte allerorten - und ein kritisch-rationalistischer Hoffnungsschimmer, daß auch das Bewußtsein bald entmystifiziert wird, so wie es zuvor schon Himmel und Erde, der Entstehung der Arten und anderem erging. Forscher wie Roth, Singer und Metzinger leisten hier Pionierarbeit und haben dabei oft nicht nur die Kirchen, sondern auch viele Humanisten gegen sich.
[...] Verfasst von step2007 am Sa, 18/08/2007 - 20:04.
Daß zwar keine Götter, aber Gottesvorstellungen existieren, daß zwar kein freier Wille, aber oft eine gefühlte Präferenzfreiheit besteht, und daß diese Vorstellungen und Gefühle auch reale Wirkungen hervorbringen, scheint mir in der Tat der Fall zu sein.
Wissen ist für mich die Kenntnis von Modellen, mit denen man gute und nachprüfbare Voraussagen über Phänomene machen kann. Ontologische Überlegungen interessieren mich weniger. Ich erwarte daher, daß ein tragfähiges neurologisches Modell des Bewußtseins erklären kann, was etwa eine Schöpfervorstellung ausmacht, ohne daß diese Erklärung Spuren eines "hypothetisch realen" Schöpfers auf der Erde voraussagt.
Ist es nicht längst schon so?
Verfasst von peterstangenrod am So, 19/08/2007 - 11:38.
Haben nicht schon viele Menschen in unserer Gesellschaft ein neurowissenschaftliches Menschenbild? Wen die Frage nach der Existenz der Seele (oder wie auch immer man dies außerhalb des Physisch-Existenten benennt) nicht interessiert, der hat sich schon längst eingelassen auf die von Metzinger formulierten Spekulationen. Und wer nur ein kurzzeitiges Aufflackern dieser Frage angesichts des Todes empfindet, der ist sich oft sogar bewußt, dass er den lieben Gott nur bemüht, wenn die eigene Psyche nicht mehr stark genug ist, unser aller Sterben ertragen zu können. [...]
Ich hatte einen Traum
Verfasst von moi-a-paris am So, 19/08/2007 - 19:37.
[für Filmliebhaber] Ich hatte gerade einen Traum. Ich bin in einem Film von Ingmar Bergmann, ich bin der kleine Junge in "das Schweigen". Ich laufe durch die leeren Hotelkorridore mit meiner Spielzeugpistole. Auf einer Leiter aber steht nicht ein Handwerker, sondern Metzinger. Er schaut mich an, mit dem Grinsen wie auf dem Zeitungsbild in der 'Zeit', und meint : "Der Mensch hat keine Seele !" Ich halte die Knarre auf ihn und er schaut bloss, genauso verduzt wie der Handwerker im Film. Dann spiele ich weiter... Ich gehe ins Hotelzimmer zurück und finde meine kranke Tante. Nochmal steht da der Metzinger, jetzt schaut er auf meine Tante und behauptet : "Der Mensch hat keine Seele !" Sie kann ihn zwar nicht verstehen (denn da wo wir sind, versteht sie ohnhin nicht die Sprache), aber sie scheuert ihm eine, links und dann nochmal rechts, und zwar heftigst. Szenenwechsel. Jetzt bin ich im Film "Die Stunde des Wolfes". Max von Sydow sitzt auf einem Felsen. Ein kleines Kind hockt herum, man weiß nicht recht, worauf es aus ist, irgendwie unheimlich. Dann kommt Metzinger vorbei, man hat ihn vorher schon in einer sinistren einer Runde wolfsartiger Gestalten bei einem Abendessen gesehen, zu dem Max von Sydow eingeladen war, wie ein Rabe hat er vor allen anderen gekräht : "Der Mensch hat keine Seele". Jetzt ist er wieder da, am Felsen, und behauptet schon wieder "Der Mensch hat keine Seele". Da springt der kleine unheimliche Junge dem Metzinger von hinten an den Nacken und beißt ihn wie ein wildgewordener Wolf. Max von Sydow geht dazwischen, und wirft beide ins Meer. Man sieht, wie Metzinger mit dem kleinen Kind absäuft.
War aber nur so ein Traum von mir :) Schade, daß Bergman gerade gestorben ist.
Was will die Neurophilosophie?
Verfasst von paracelsus am Mo, 20/08/2007 - 09:45.
Es ist beeindruckend und erschreckend, wie Herr Metzinger sein Potenzial als hoffentlich abgründig und komplex denkender Philosoph kaum nutzt. Er feiert die Fortschritte der Neurowissenschaftler ohne deren mangelnde Bereitschaft zur Methodenerweiterung Richtung Leib-Seele Problem zu kritisieren. Überhaupt ähnelt sein Auftreten demjenigen von Wolf Singer: charmant, witzig, ironisch aber auch unglücklich bemüht: leider fast überhaupt nicht originell und die Philosophie als Diziplin überhaupt nicht nutzend. Er redet von der kommenden Zukunft der Philosophie, hat aber nicht den blassensten Schimmer, worin deren Stärke liegen könnte. Wenn es nur darum geht, den Neurowissenschaften zu aplaudieren wäre das grotten- schwach.
Von der Zeit wünsche ich mir viel mehr visionäre und konstruktive Kritik and den Methoden der Neuroforscher. Es ist beeidnruckend, wie das biologisch-organische Dogma alle Medien dominiert und das LEib-Seele Dilemma abgehakt ist. Wie Denken, Fühlen und Sinneswahrnehmungen mit Körpervorgängen zusammen hängen ist noch gar nicht richtig geklärt. Wie soll den eine Bioethik aussehen, die noch nicht einmal zu einer guten Methodenkritik fähig ist. Das Menschenbild und Darwin sind häufig angesprochene Themen, die viel zu kurz kommen und zu simpel diskutiert werden. Übrigens ist das Werk "Der Mensch eine Maschine" von La Mettrie aus der Barock-Zeit Singer und Metzinger an vielen Stellen überlegen: eigentlich erschreckend, da es bereits im 18. Jh. geschrieben wurde.
Ich stelle fest,
Verfasst von ibm am Mo, 20/08/2007 - 12:55.
dass die Anhänger des neurowissenschaftlichen Reduktionismus behaupten, das Erleben des eigenen Daseins sei nur eine Illusion.
Eine Illusion setzt aber immer ein Subjekt voraus, das diese Illusion hat, und damit beißt sich die Katze in den Schwanz, denn damit müsste man wieder erklären, wie dieses illusionsbehaftete Subjekt denn eigentlich in die Welt kommt.
Insgesamt hat die Illusionstheorie also keinerlei Erkenntniswert. Der Zaubertrick besteht einfach darin, das, was man mit bestehenden wissenschaftlichen Theorien nicht erklären kann, als Illusion zu bezeichnen und zu ignorieren. Und das ist nun wirklich alles andere als naturwissenschaftlich.
Urknall, Symmetrie und Gehirn
Verfasst von fxrichter am Di, 21/08/2007 - 14:26.
@hectorle weist sehr richtig darauf hin,
"dass bisher keine Neurologie erklären konnte, wie der qualitative Sprung von Materie hin zu geistiger Erfahrung allein biologistisch zu verstehen ist.."
Noch pointierter könnte man das so ausdrücken: "Kein Physiker kann bisher erklären, wieso aus dem Urknall ein Physikergehirn entstanden ist, der sich Gedanken über den Urknall macht."
[...]
Der Mensch hat keine Seele. Er hat nicht einmal ein substanzielles Selbst, sagt der Philosoph Thomas Metzinger. Ein Gespräch über die aktuelle Neuroforschung