[...] Claudia Hempel: Was bedeutet das für den Realitätsbegriff?
Klaus Theweleit: Der herkömmliche Realitätsbegriff existiert für mich schon lange nicht mehr. Ich weiß gar nicht, was das sein soll.
Claudia Hempel: so die Unterscheidung zwischen real und irreal, bzw. virtuell?
Klaus Theweleit: Das gibt es nicht. Es gibt einfach verschiedene Sorten von Realitäten, von denen eine nicht realer ist als die andere. Die so genannten geistigen Prozesse und die so genannten artistischen Prozesse - ob ich mit dem Computer umgehe, ob ich mit den Füßen gehe, ob ich in einen Apfel beiße, einen Film sehe… das sind alles verschiedene Sorten von Realität, aber davon ist nicht eine realer als die andere. Es gibt keine wirkliche oder objektive Realität. Das sind alles nur Begriffssysteme, die versuchen, das zu unterteilen. Sie sind durchweg unbrauchbar. Davon habe ich mich schon lange verabschiedet.
Claudia Hempel: Kann man dann sagen: Ähnlich wie Freud haben Sie also bestimmte Dinge vermutet und konstatiert, ohne wirklich brauchbare Belege dafür von der Wissenschaft zu bekommen.
Klaus Theweleit: Die Hirnforschung war einfach bis vor 10 oder 15 Jahren sehr mangelhaft in ihren Ergebnissen und damit war sie einfach unbrauchbar. Wer wirklich wissen wollte: Wie funktioniert das Bewusstsein? Wie funktioniert das Unbewusste? Wie funktionieren die Zusammenhänge zwischen den beiden, wie funktioniert die Wahrnehmung? Wie wird diese wiederum durch die verschiedenen Medien und Künste beeinflusst? – der blieb mit den Antworten, welche die Hirnforschung bis vor kurzem geben konnte, ziemlich ratlos zurück. Dazu hat die Hirnforschung früher fasst nur Unsinn sagen können. Sie hat solche Fragen immer überheblich abgewehrt.
Seit 10 bis 15 Jahren aber ist da eine Veränderung passiert. Nicht nur die Stellung Freuds ist revidiert worden von Forschern, wie Gerhard Roth und anderen, sondern sie kommt auch langsam an die Fragen heran, die wichtig sind, wenn man sich mit Künsten beschäftigt: Was verändern Medien und Künste in der Person? Wie verändert man sich durch Medien und Künste? In welche Metamorphosen kommt man? Die Forscher sind ja heutzutage schon soweit, dass sie diese Veränderungen anhand von Veränderungen innerhalb der Zellstrukturen beschreiben können. In dem Moment wird es dann wirklich interessant. Das ist wirklich das Neue, nicht die Frage selbst, denn die Frage selbst ist immer da gewesen.
Aus: "Der Körper als Speicher" Claudia Hempel (TP, 25.12.2007) - Klaus Theweleit über Hirnforschung, das Unbewusste und die Realität
Klaus Theweleit, 1942 geboren, studierte Germanistik und Anglistik und wurde 1977 mit seiner Promotionsarbeit "Männerphantasien" über die Wissenschaftsgemeinde hinaus bekannt. Dort hinterfragt er, welcher Typ Mann sich besonders widerstandslos in den faschistischen Wertekanon integrieren ließ. Aus diesen Überlegungen heraus entwickelte Theweleit eine umfassende Analyse von Macht- und Kolonialisierungsstrukturen vor der Folie von Kunst, Psychoanalyse und neuerdings auch der Hirnforschung. In einer seiner jüngsten Publikationen umreißt er das Beziehungsgeflecht zwischen neuen Medien, Künsten und den daraus folgenden Veränderungen unserer Gehirnstruktur. Klaus Theweleit ist derzeit Professor für Kunst und Theorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und Lehrbeauftragter am Soziologischen Institut in Freiburg. Im Rahmen des Dresdner Medienfestivals Die Elektrifizierung der Gehirne war der Kulturwissenschaftler zu Gast.
Quelle:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26844/1.html