[...] In den Townships und den heruntergekommenen Hochhäusern im Herzen von Südafrikas Wirtschaftsmetropole suchten Banden junger Männer nach Ausländern. Sie traten Türen ein, durchkämmten Häuser und Wohnungen, verlangten Ausweispapiere, achteten auf verdächtige Akzente und landesunübliche Haartrachten. Es unterliefen ihnen dabei auch Fehler: Unter den Toten und Verletzten der Hetzjagd befinden sich mehrere Südafrikaner.
Die jungen Männer in Johannesburg plünderten Läden, zündeten Autos an, prügelten, vergewaltigten, steinigten oder warfen ihre Opfer aus den Fenstern in die Tiefe. Andere zündeten sie bei lebendigem Leib an - in ihr Bettzeug geschnürt oder mit einem mit Benzin gefüllten Reifen um den Hals. So waren während des Kampfes gegen die Apartheid in Südafrika Verräter hingerichtet worden. Dem Todeskampf der Gepeinigten schauten sie lachend zu und skandierten dabei Hassparolen.
[...] Übergriffe auf Ausländer sind in den südafrikanischen Armenvierteln nicht neu. Aber so mörderisch sind sie noch nie ausgefallen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Seit der Wahlkrise in Zimbabwe - deren Existenz der südafrikanische Präsident leugnet - hat sich der Flüchtlingsstrom aus dem Nachbarland noch verstärkt. Insgesamt sollen rund 3 Millionen Zimbabwer in Südafrika leben. In den Hüttensiedlungen wird es noch enger, der tägliche Überlebenskampf noch härter.
Gleichzeitig drängen die explodierenden Lebensmittelpreise die Einheimischen an den Rand der Verzweiflung. Der Grossteil der Bevölkerung hat am wirtschaftlichen Erfolg Südafrikas keinen Anteil, rund 40 Prozent leben gar schlechter als vor der demokratischen Wende. Ihre ganze Frustration und Existenzangst projiziert diese Schicht nun auf die Ausländer.
Die südafrikanische Regierung hat die brutalen Attacken scharf verurteilt, zeigt sich im Übrigen aber hilflos. Präsident Thabo Mbeki ist als konkretere Massnahme lediglich die Anordnung einer Untersuchung eingefallen. Derweil wächst die Angst, dass die Unruhen von den Townships auf die Arbeitsplätze übergreifen könnten. Andere Landesteilen fürchten, ebenfalls zum Schauplatz fremdenfeindlicher Ausschreitungen zu werden. In einer Township in der Nähe von Kapstadt wurde am vergangenen Freitag ein somalischer Händler erschossen, am Sonntag erhielten 30 weitere Somalier Drohbriefe mit der Aufforderung, das Land umgehend zu verlassen.
Aus: "Hassgefühle wie zu Zeiten der Apartheid" Von Christine D'Anna-Huber (19. Mai 2008)
Quelle:
http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/ausland/871692.html-.-
[...] Mbeki kündigte die Einsetzung einer Untersuchungskommission an. Sie soll die Ursachen der Gewalt ergründen und herausfinden, "wer dahinter steckt". Bereits jetzt habe es mehr als 200 Festnahmen gegeben. Er sei zuversichtlich, dass der Polizei bald ein entscheidender Durchbruch im Kampf gegen die Gewaltkriminalität gelingen werde, fügte Mbeki hinzu. Jacob Zuma sagte: "Wir dürfen kein fremdenfeindliches Land sein Wir sollten das letzte aller Völker sein, das ein Problem mit der Haltung zu den Brüdern und Schwestern hat, die von außen kommen."
Laut dem südafrikanischen UNHCR-Vorsitzenden Tseliso Thipanyane seien die Spannungen länger bekannt; bereits 1999 seien zwei Ausländer in Pretoria aus einem Zug geworfen worden. "Es gibt ohne Zweifel einen Wettstreit um knappe Ressourcen, Häuser, Arbeit und andere Dienstleistungen", so Thipanyane. Dies werde auch dadurch deutlich, dass die Übergriffe vor allem in Armenvierteln verübt würden.
[...] "Wir sprechen nicht von Fremdenfeindlichkeit, wir sprechen von Kriminalität", unterstrich Polizeisprecher Govindsamy Mariemuthoo. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen warnte, die Stadt steuere auf eine humanitäre Katastrophe zu. Die Opposition erneuerte indes ihre Forderung, das Militär zu entsenden, da die Polizei die Lage nicht mehr kontrolliere. Auch die Stiftung von Nelson Mandela beklagte die Exzesse. Der erste schwarze Präsident Südafrikas und Friedensnobelpreisträger hatte die Nation schon vor einer Woche vor einer "zerstörerischen Entzweiung" gewarnt.
Die meisten der Einwanderer in Südafrika kommen aus dem Nachbarland Simbabwe. Schätzungen gehen davon aus, dass rund drei Millionen Simbabwer wegen der dortigen politischen Gewalt, Arbeitslosigkeit und Inflation ihre Heimat verlassen haben. Die jungen Menschen in den verarmten südafrikanischen Townships werfen den Ausländern vor, sie nähmen ihnen Arbeitsplätze weg und seien kriminell.
Die Exzesse hatten vor einer Woche im Township Alexandra begonnen. Dort leben seit Tagen rund 1000 Menschen aus Angst um ihr Leben im Schutz einer Polizeistation. Im Armenviertel Jerusalem wurden Polizisten mit scharfer Munition beschossen, als sie rund 500 Menschen daran hindern wollten, Geschäfte von Ausländern zu plündern. Das südafrikanische Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen baten um Geld zur Versorgung der in öffentlichen Einrichtungen Zuflucht suchenden Menschen. Ein freiwilliger Helfer eines Gemeindezentrums im Osten von Johannesburg sprach von 2000 Menschen, die in der Nacht hier Schutz gefunden hätten.
Aus: "Fremdenhass in Südafrika eskaliert" (Artikel vom 20.05.2008 10:50 | apa, dpa, afp, ap | sk )
Quelle:
http://www.kurier.at/nachrichten/160890.php-.-
[...] In Diepsloot, Thokoza, Tembisa und Cleveland eskaliert die Gewalt. Captain Cheryl Engelbrecht von der Polizei in Cleveland zog am Sonntag nüchtern Bilanz: "Zwei Personen wurden verbrannt, drei wurden erschlagen. 50 weitere Menschen wurden mit Schusswunden oder Messerstichen in Krankenhäuser eingeliefert."
Die Zeitungen berichten am Montag von Menschen, die qualvoll verbrennen, während andere zusehen und das Leiden der Sterbenden lachend kommentieren.
[...] In Südafrika ist der Krieg Arme gegen Arme am Wochenende eskaliert. Inzwischen hat die Gewalt auch die Touristenmetropole Kapstadt erreicht. In den Slums von Fisantekraal wurden zwei Somalis ermordet, zwei andere schwer verletzt. Seitdem herrschen auch hier Angst und Schrecken.
Aus: "SÜDAFRIKAS SLUMS - Wütender Mob verbrennt Einwanderer" Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt (19.05.08)
Quelle:
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,554004,00.html-.-
[...] Die Polizei sei hilflos: "Sie können nur reagieren, aber nicht schützen." Auch Bischof Paul Verryn, der in der Methodistenkirche in Johannesburgs Innenstadt über 1.500 meist simbabwische Immigranten beherbergt, geht davon aus, dass die Polizei die Situation nicht unter Kontrolle hat. Eine Gruppe von Schlägern hatte auch die Kirche aufgesucht, und mehr als 300 Immigranten flohen gestern früh auf die Straße. "Die Armen greifen die Armen an", sagt er. "Und es kommt ein kriminelles Element dazu. Man stiehlt das Eigentum der Ausländer, es gibt Plünderungen."
Es sind jedoch nicht nur Ausländer, sondern die Gewalt richtet sich auch gegen Südafrikaner, die mit einem Nichtsüdafrikaner verheiratet sind oder die auf Zuruf nicht in einer der gängigen Sprachen wie Zulu antworten.
Aus: "Ausländerfeindlichkeit in Südafrika - Terror in den Townships" (taz, 20.05.2008)
Quelle:
http://www.taz.de/1/politik/afrika/artikel/1/terror-in-den-townships/?src=AR&cHash=01298e98b0-.-
[...] In der Presse wird bemängelt, dass sich bisher weder Präsident Thabo Mbeki noch eines seiner Kabinettsmitglieder an einem der Brennpunkte sehen ließ: Vor allem, wo nicht nur die zunehmende Zahl der Flüchtlinge, sondern auch die Probleme der Regierung bei der Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung für die wachsende Ausländerfeindlichkeit verantwortlich gemacht werden. Nach den Worten des Direktors des südafrikanischen Konsumenten-Forums, Thami Bolani, sind die jüngsten Übergriffe in erster Linie auf die Verarmung weiter Teile der Bevölkerung infolge eskalierender Lebensmittelpreise zurück zu führen: "Was wir derzeit erleben, könnte der Beginn höchst gefährlicher Armutsaufstände sein", sagte Bolani.
Aus: "Jagd auf Ausländer in Südafrika" VON JOHANNES DIETERICH" (18.05.2008)
Quelle:
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?sid=af9ddb891193b356c4c72155c90c0437&em_cnt=1336179-.-
[...] Im Verteilungskampf um knappe Güter werden Einwanderer zu unerwünschten Konkurrenten. Die Devise lautet: Jetzt kommen erst mal wir Südafrikaner dran, wir haben lange genug gelitten.
[....] Seit Ende der neunziger Jahre nimmt der Hass auf Ausländer in erschreckendem Ausmaß zu. Weil er sich fast ausschließlich gegen Schwarzafrikaner richtet, sprechen die Sozialwissenschaftler von einer regelrechten Negrophobie. Wegen des unverständlichen Klangs der Zuwanderer Sprachen nennt man sie abschätzig kwerekwere. Einer der Marodeure fasst die Ressentiments der Einheimischen in einem Satz zusammen: »Sie stehlen unsere Jobs, unsere Häuser, unsere Frauen.« So werden die Migranten zu Sündenböcken für hausgemachte Versäumnisse.
[...] Das zweite Versagen der Regierung Mbeki hat mit dem Nachbarland Simbabwe zu tun, in dem der Despot Robert Mugabe das eigene Volk unterdrückt und aushungert. Drei Millionen Simbabwer sind in den vergangenen acht Jahren nach Südafrika geflohen, jeden Tag werden es mehr. Aber die zuständigen Staatsorgane, allen voran das Innenministerium, haben das Problem bislang ignoriert oder kleingeredet. Zugleich verstärkt die Appeasement-Politik der Regierung den Massenexodus aus Simbabwe. »Die Weigerung von Präsident Mbeki, die Krise in Simbabwe überhaupt als solche wahrzunehmen, und seine Freundschaft mit Mugabe haben diese Menschen zu uns getrieben«, schreibt Justice Malala, einer der einflussreichsten Kommentatoren Südafrikas. Immerhin dürfte Mbeki nicht entgangen sein, dass sich die Pogromstimmung in den Armenvierteln zuallererst an entwurzelten Simbabwern austobt. »Wo sollen wir nur hin?«, fragt ein verzweifelter Flüchtling. »Hier in Südafrika können wir nicht mehr bleiben, und wenn wir heimkehren, töten sie uns dort.«
Die Aids-Katastrophe, der Zusammenbruch in Simbabwe, die Treibjagd auf Einwanderer – Thabo Mbeki und seine Minister bekommen derzeit die Folgen einer Politik des fortgesetzten Leugnens und Verdrängens zu spüren. Zwei Jahre vor der Fußballweltmeisterschaft schlittert Südafrika in die schwerste Führungskrise seit dem Ende der Apartheid.
Aus: "Arme gegen Ärmere" Von Bartholomäus Grill (DIE ZEIT, 21.05.2008, Nr. 22)
Quelle:
http://www.zeit.de/2008/22/Suedafrika?page=1-.-
[...] Nach den tagelangen ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Südafrika sollen nun die Streitkräfte die Gewalt beenden. Präsident Thabo Mbeki habe einer Bitte der Polizei stattgegeben, Soldaten in und um Johannesburg einzusetzen, hieß es in einer Stellungnahme seines Büros. Eine Polizeisprecherin sagte, die Armee werde die Sicherheitskräfte sowohl mit Truppen als auch mit Geräten bei bestimmten Einsätzen unterstützen.
[...] Bei den seit mehr als einer Woche andauernden fremdenfeindlichen Angriffen hat es nach Polizeiangaben inzwischen 42 Tote gegeben. 16.000 Menschen seien aus den Townships von Johannesburg vertrieben worden, hieß es weiter. Viele der verfolgten Ausländer - allen voran Flüchtlinge aus Simbabwe, Mosambik und Malawi - haben in Notunterkünften Schutz gesucht. Die Südafrikaner in den Elendsvierteln werfen den Einwanderern vor, ihnen Arbeit und Wohnraum wegzunehmen.
Aus: "Südafrika - Armee soll brutale Angriffe auf Ausländer stoppen" (22. Mai 2008)
Quelle:
http://www.welt.de/politik/article2021774/Armee_soll_brutale_Angriffe_auf_Auslaender_stoppen.html