[...] Eberhard Rathgeb beschreibt in der „FAZ“ Bernard Stieglers Studie „Die Logik der Sorge“ als Alltagshilfe zum heutigen System. Das „Büchlein gegen die Psychomächte“ habe es in sich, meint der Rezensent. Der Autor beschreibe diesmal nicht den Arbeiter als tragischen Held der heutigen Gesellschaft, sondern den Konsumenten. Nur „aussteigen“ aus der Gemeinschaft solle jedoch keiner der Leser. „Die Verschwörung der Idioten“ produziere auch nur Idioten. Nach Ansicht des Rezensenten soll sich jeder Leser nach der Lektüre eine Frage stellen: „Leben nur Idioten systemkonform?“
[...]
Aus: "Presseschau vom 5. Mai 2008: Die Berliner Literaturkritik" (05.05.08)
Quelle:
http://www.berlinerliteraturkritik.de/index.cfm?id=17970-.-
[...] „Tina“ ist ein Mädchenname, aber auch die Abkürzung von: There is no alternative - es gibt keine Alternative (zum bestehenden System).
[...] Technik und Medien sind in seinen [Bernard Stieglers] Augen „Psychomächte“, die aus Menschen von klein auf (Fernsehen schon für Babys, Werbung schon für Kinder) blinde Konsumenten machen. Nur eine auch staatlich in Angriff genommene „Schlacht der Intelligenz“ (eine, wieder in seinen Worten, „Industriepolitik des Geistes“) könne die Herrschaft der Psychomächte über die infantilisierten und entmündigten Menschen brechen.
Die Psychomächte kanalisieren und vernichten teilweise die Aufmerksamkeitspotentiale der Menschen, die damit letztendlich zu wahrer, der (Selbst-)Aufklärung verpflichteter Bildung nicht mehr fähig sind. Die „Verschwörung der Idioten“ (Stiegler sagt auch: „die Verschwörung der Feigheit und Faulheit“) produziert Idioten. Leben nur Idioten im System? Wer noch kein Idiot ist und sich zu wehren vermag, der versucht die Psychomächte zu unterlaufen und zu stürzen. Der Sound des Stiegler-Manifestes, das auch den Klassiker „Triebstruktur und Gesellschaft“ von Herbert Marcuse wieder zur Geltung bringt, hört sich an wie ein Ritt der Walküren: Einfach nur aussteigen sollte keiner, der es ernst meint.
Der Geist (vor vierzig Jahren hieß das Wesen: der Intellektuelle) sitzt im Sattel (damals war das die Avantgarde), er reitet wieder (im Jargon jener frühen Jahre: Theorie und Praxis verbindend) - nicht direkt in die Fernsehstudios und die Werbeagenturen, um den Stecker rauszuziehen (es heißt nicht: Enteignet Springer & Jacobi!), sondern zum Staat, zum Gesetzgeber, um dort dem aufklärerischen Buchstaben gegenüber dem flimmernden Bild wieder zu seinem Recht zu verhelfen.
Die Logik (der Sorge, und zwar um sich als Bürger, um die Kinder und um die Demokratie) ist ein theoretisch aufwendig instrumentiertes, von dem Freudschen Triebmodell bis zu den Interessen der Konzerne reichendes, in sich geschlossenes, das heißt einen engen Zusammenhang zwischen diesen unterschiedlichen Ebenen herstellendes System, dessen tragischer Held nicht der Arbeiter mit seinem falschen Bewusstsein ist, sondern der Konsument mit seinen falschen Bedürfnissen. Der Konsument weiß nicht, dass er sich mit und in seinen systemkonformen Wünschen verheddert, er kann sich deshalb nicht selbst befreien (bei Adorno organisierte dieses auf Erlösung hin drängende Gefangenenlos der vertrackte Verblendungszusammenhang).
[...] Die gemeine Lebenserfahrung und Lebenspraxis, die wie „Tina“ dem Anspruch auf das runde Allgemeine misstraut und sich in theorielosen, aber unterhaltsamen Geschichten verzettelt (die endlos sich hinziehenden, das Individuelle nur noch künstlich am Leben erhaltenden Geschichtchen töten den Geist), sieht ganz anders aus: Bierbichler - der Schauspieler Josef Bierbichler hat in dem ihm zum sechzigsten Geburtstag gewidmeten Film von Regina Schilling erzählt, dass er eines Abends in der Gaststube in Ambach am Starnberger See eine Runde mit Leuten vom Fernsehen an einem Tisch beisammen habe sitzen sehen und reden hören, worauf er sofort nur eines still bei sich habe denken können: „Barbaren“. Das also seien, so Bierbichler ernst in die Kamera hinein, die, die zerstören, was unsere geistige Kultur sei. Doch kam es dann so: Es seien diese Barbaren, wie er schließlich noch in jener mit denen dort gemeinsam verbrachten Nacht habe feststellen können, im Grunde alle irgendwie auch nette Menschen gewesen.
Aus: "Medienkritik: Die Verschwörung der Idioten" Von Eberhard Rathgeb (06. Mai 2008)
Bernard Stiegler: „Die Logik der Sorge“. Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien. edition unseld im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008
Quelle:
http://www.faz.net/s/RubC17179D529AB4E2BBEDB095D7C41F468/Doc~E9D03B10D717F4180A2B7AF92A69A6410~ATpl~Ecommon~Scontent.html-.-
[...] DIE IDEE „NOTWENDIG FALSCHEN BEWUSSTSEINS“
(31) Egal wieviel alle Visionen von „Individuum“ und Gleichheit reden – im Endeffekt glauben sie alle, dass sie selber näher an „der Realität“ sind als die systemkonformen Bürger, deren Wahrnehmung von der Welt von der Maschinerie des Kapitals und seiner Medien verblendet wurde. Sie schuften 40 Jahre für ihre Kinder und wälzen sämtliche Verantwortung von sich, da sie sich damit rechtfertigen können, im Kapitalismus nicht anders überleben zu können. Sie haben also „notwendig falsches Bewußtsein“. Die emanzipatorische Linke dagegen sei näher an „der Realität“. Wer so denkt, merkt nicht, dass er sich automatisch als Elite betrachtet – wenn ich glaube, ich bin an „der einen Realität“ näher dran, dann habe ich einen Vorsprung, dann sehe ich mich als besser und als Avantgarde. Ich werte die Menschen in „gut“ und „böse“, ihre Wahrnehmung in „richtig“ oder „falsch“. Glaube ich aber, dass alle Menschen nur „verschiedene“ Konstrukte von Realität haben, sind alle wieder auf einer Ebene und ich kann versuchen, die Konstrukte der anderen zu verstehen und so viel besser zu kommunizieren.
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(31.1.2) Re: 2. DIE IDEE „NOTWENDIG FALSCHEN BEWUSSTSEINS“, 24.03.2004, 17:41, s w: Die Bewußtseinsindustrie verschleiert nicht nur, sie entlastet auch, hilft, Erkenntnisse über das eigene Leben, über eigene (Mit)Verantwortung,..., zu verdrängen. Wenn man mit den "Arbeitssklaven" ein offenes Gespräch führt, merkt man, dass sie ihre Situation oft besser kennen, als ihnen von außen zugestanden wird. Aber als "Sklaven" haben sie oft wenig Selbstbewußtsein und Hoffnung, etwas an ihrer Situation ändern zu können. Die Bildzeitung liefert einfache Schablonen, in die man sich eindenken / einleben kann, sie macht die Kette erträglich und der Hund genießt die Freiheit, die zwischen ihm und seinem Herren liegt.
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[...] (32.1.1) Re: patriarchale Spaltung dekonstruieren!, 25.05.2001, 20:11, espi twelve: Wichtig finde ich zu zeigen, dass es den Gegensatz bzw. die Trennung von Denken u. Emotionen gar nicht gibt, diese erst produziert wird. Beispiel: Jeder gute Text gegen Herrschaft, gegen Zwänge u. autoritäre Strukturen trägt immer auch Hass, Wut und Leidenschaft in sich und wäre ohne sie undenkbar.
[...] (35) Ich stelle die These auf, dass wir unsere elementaren Annahmen über Welt, Mensch und Gesellschaft überdenken müssen, wenn wir überhaupt noch erfolgreich für unsere Visionen kämpfen wollen. Es kann nicht sein, dass wir immer noch glauben, als heldenhafte Kämpfer für „die eine, wahre Realität“ anzutreten und alle anderen Menschen nicht als Individuen sehen, deren Wahrheit nun mal anders gebildet wurde als unsere, sondern als Idioten mit „falschem Bewußtsein“, die wir imgrunde verachten. Wenn wir weiter unsere alte Schiene fahren, ohne wenigstens dafür offen zu sein, wie mensch Gesellschaft und Kommunikation auch sehen kann (selbst wenn das unbequem ist), blockieren wir uns selber und nehmen uns viele Möglichkeiten.
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Aus: "Visionen und Utopien - Grundsätze, Ideen, Fragen, Zweifel, lebhafte Debatte"
Maintainer: Annette Schlemm, Version 2, Projekt-Typ: halboffen" (09.02.2001)
Quelle:
http://www.opentheory.org/visionen/text.phtml