Author Topic: [Data Mining und Abweichungsanalyse... ]  (Read 108888 times)

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Offline Textaris(txt*bot)

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[Data Mining und Abweichungsanalyse... ]
« Reply #240 on: August 09, 2019, 11:45:56 AM »
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[...] Das soziale Netzwerk Instagram hat der US-Werbeagentur Hyp3r den Zugriff auf seine Plattform gesperrt. Hyp3r wird schwerwiegender Missbrauch von Nutzerdaten vorgeworfen. Man habe den Praktiken von Hyp3r nicht zugestimmt, erklärte Instagram. Zudem habe die Marketingfirma "gegen unsere Regeln verstoßen", fügte das zum Facebook-Konzern gehörende Unternehmen hinzu.

Das Nachrichtenportal Business Insider hatte zuvor berichtet, dass Hyp3r öffentlich gepostete Daten von Millionen Instagram-Nutzerinnen und -Nutzern abgegriffen und gespeichert habe. Damit sei es dem in San Francisco ansässigen Start-up möglich gewesen, für Werbetreibende detaillierte Beschreibungen der Nutzer anzufertigen, die bestimmte Orte wie Flughäfen, Hotels, Kasinos, Clubs oder auch Sportveranstaltungen besuchten.

Wer Instagram nutzt, kann entscheiden, ob seine Beiträge bei der Fotoplattform für alle oder nur für bestimmte User sichtbar sind. Die öffentlich zugänglichen Bilder, Videos und Informationen können dann nicht nur über die App, sondern auch über die Web-Version von Instagram abgerufen werden. Die Firma Hyp3r entwickelte Methoden, diese Dateien automatisiert einzusammeln und zu speichern. Dazu hätten auch Beiträge aus der sogenannten Stories-Funktion gehört, die nur einen Tag sichtbar sind, berichtete Business Insider.

Besonders interessant für Hyp3r waren laut dem Bericht von Business Insider Instagram-Beiträge, die den Aufenthaltsort der Nutzer enthielten. Auch die Ortsdaten seien ausgelesen und gespeichert worden. Ein Service von Hyp3r für Kunden wie Hotels ist es, gesammelte Instagram-Beiträge von deren Standorten zu präsentieren. So könne man zum Beispiel einen Hotelgast mit einem Geschenk überraschen, wenn man via Instagram mitbekomme, dass er Geburtstag hat, nennt die Firma auf ihrer Website ein Beispiel. Zugleich können die Hyp3r-Kunden auf Basis der Daten aber auch mit ihren Werbeanzeigen gezielt Nutzer ansprechen, die sich bei der Konkurrenz aufhalten. Hyp3r baute eine Datenbank mit Tausenden Standorten von Hotels, Fitnessclubs oder Einkaufsläden auf.

Aus Sicht von Instagram verletzt die automatisierte Datensammlung die Nutzungsbedingungen. Hyp3r erklärte Business Insider dagegen, man sehe darin keinen Regelverstoß. Der Fall ist zugleich ein Beispiel dafür, wie auf Basis öffentlich verfügbarer Informationen ausführliche Nutzerprofile aufgebaut und von der Werbeindustrie genutzt werden können. Dem Bericht zufolge nutzt Hyp3r auch automatische Bilderkennung bei den eingesammelten Fotos, um zum Beispiel auszuwerten, welche Gegenstände auf den Bildern zu sehen sind.

Instagram hatte den Zugang zu Ortsdaten über die offizielle Schnittstelle für Entwickler bereits im vergangenen Jahr gekappt. Aber Hyp3r habe einen Weg gefunden, trotzdem an die Informationen zu kommen, schrieb Business Insider. Unklar blieb, wieso Hyp3rs großflächige Datensammlung nicht von den Instagram-Systemen entdeckt worden war. Der Datenabgriff sei zugleich durch einen Fehler von Instagram begünstigt worden: Es sei zu einfach gewesen, ein Javascript-Verfahren auszulösen, mit dem Daten gebündelt abgerufen werden können. Business Insider beschrieb die Methode auf Ersuchen von Instagram nicht ausführlich, damit der Dienst Zeit hat, den Zugangsweg zu schließen.


Aus: "Marketingfirma: Instagram blockiert Marketingfirma wegen Datenmissbrauch" (8. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/internet/2019-08/hyp3r-instagram-marketingfirma-datenmissbrauch-regelverstoss

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diametral3.0 #1

Wenn das jetzt noch jemanden ernsthaft im Ansatz wundert, dem kann man nicht mehr helfen.


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jcrm2k #6

Crawling eben. Völlig normal. Wen das empört, der sollte sich erstmal informieren. Völlig normal für viele Websites. Amazon-Preistracker funktionieren genauso. Für Immobilienportale ebenfalls völlig normal. Es gibt viele Firmen, die damit ihr Geld verdienen. Hab sowas auch schon programmieren müssen, allerdings im B2B-Bereich. Bei den privaten Sachen da hätte ich mich als Entwickler verweigert.


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Offline Textaris(txt*bot)

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[Data Mining und Abweichungsanalyse... ]
« Reply #241 on: August 14, 2019, 09:28:33 AM »
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[...] Nach Google, Apple und Amazon hat einem Medienbericht zufolge nun auch das weltweit größte soziale Netzwerk Facebook eingeräumt, dass Sprachaufnahmen einiger Nutzer von Menschen abgehört und abgetippt wurden. Betroffen seien Anwender des Messenger-Dienstes, die die Transkriptionsfunktion für Sprachunterhaltungen eingeschaltet hätten, wie das Unternehmen in einer Stellungnahme der Finanznachrichtenagentur Bloomberg mitteilte. Facebook beauftragte demnach Hunderte Unternehmen, um die Abschriften zu machen. Deren Mitarbeiter sollten prüfen, ob die Software die Sätze richtig verstanden hat.

Facebook zufolge habe das soziale Netzwerk die Erlaubnis der Nutzer gehabt. Die Nachrichten seien anonymisiert worden und die Praxis inzwischen eingestellt: "Genauso wie Apple oder Google haben wir die Praxis, Tonaufnahmen von Menschen abhören zu lassen, vergangene Woche pausiert", zitierte Bloomberg aus der Mitteilung.

Dem Bericht zufolge zeigten sich Mitarbeiter der beauftragten Firmen irritiert von den privaten Gesprächen mit teils vulgären Äußerungen. Sie hätten weder Informationen über den Ursprung der Aufzeichnungen erhalten, noch erfuhren sie, wofür Facebook die Transkriptionen nutzte.

Wegen der Auswertung von Aufzeichnungen durch Menschen gerieten in den vergangenen Wochen auch Amazon, Apple und Google unter Druck. Apple und Google versicherten, die Praxis mittlerweile beendet zu haben.

Facebook, dem die US-Verbraucherschutzbehörde Ende Juli wegen Datenschutzverstößen eine Rekordstrafe von fünf Milliarden Dollar (4,5 Milliarden Euro) auferlegt hatte, leugnete lange Zeit das Abhören aufgezeichneter Gespräche von Nutzern. Facebook-Chef Mark Zuckerberg tat Warnungen vor einer solchen Geschäftspraxis im April 2018 bei einer Anhörung im US-Kongress als "Verschwörungstheorie" ab. "Wir machen das nicht", versicherte er damals.

Später stellte Facebook klar, dass das Unternehmen nur auf das Mikrofon eines Nutzers zugreife, wenn dieser zugestimmt habe. Laut Bloomberg legte der Konzern aber nicht offen, was er mit solchen Aufnahmen machte.


Aus: "Facebook ließ Sprachaufnahmen von Nutzern abhören und abtippen" (14. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2019-08/datenschutz-facebook-sprachaufnahmen-abhoeren-abtippen

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Strawberry Sundae #2.1

"Mensch, wer konnte so etwas ahnen...."

Ich war auch total ueberrascht... ;-)


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Offline Textaris(txt*bot)

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[Data Mining und Abweichungsanalyse... ]
« Reply #242 on: August 28, 2019, 06:19:13 PM »
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[...] Eine Umfrageseite des Bayerischen Roten Kreuzes hatte den Trackingservice Facebook Pixel eingebunden - und dabei nicht bedacht, wie invasiv dieser Service ist. Jeder Klick auf einen Button wird aufgezeichnet. Facebook konnte so erfahren, ob ein Nutzer HIV hat oder Drogen konsumiert.

Eine Webseite, auf der blutspendewillige Personen prüfen können, ob sie für eine Spende infrage kommen, hat alle eingegebenen Daten an Facebook übertragen. Herausgefunden hat das die Süddeutsche Zeitung. Der Service, der vom Blutspendedienst des Bayerischen Roten Kreuzes betrieben wird, nutzte Facebook Pixel, ein kostenloses Trackingwerkzeug des sozialen Netzwerks.

Der sogenannte Spende-Check fragt dabei sehr persönliche Daten ab. So wird der Nutzer etwa nach Krebserkrankungen, Diabetes oder HIV-Infektionen gefragt. Auch wird gefragt, ob man Drogen konsumiere. Dass derartige Daten mit höchster Vorsicht behandelt werden sollten, ist eigentlich selbstverständlich.

Die Webseite ist dabei so implementiert, dass alle Fragen auf einer einzigen Seite dargestellt werden. Der Nutzer klickt jeweils auf Ja oder Nein, implementiert sind diese als HTML-Buttons, die von einem Javascript-Code ausgewertet werden.

Wäre das Facebook-Tracking nicht, könnte man sogar argumentieren, dass dieses Design besonders datenschutzfreundlich ist. Denn die Umfrage wird komplett im Browser ausgewertet. Das Ergebnis wird dem Nutzer direkt mitgeteilt, es werden keine Daten an die Webseite des Blutspendedienstes übertragen.

Bei Facebook Pixel könnte man anhand des Namens denken, dass hier ein Bild als Tracking-Pixel eingebunden wird. Doch der Service macht deutlich mehr. Um diese Funktion zu nutzen, muss ein Webseitenbetreiber Javascript-Code einfügen.

Der Code von Facebook Pixel sorgt dafür, dass jeder Klick auf einen der beiden Buttons an Facebook übertragen wurde. Verantwortlich dafür ist ein Feature, das Facebook Automatic Configuration nennt. Diese Funktion ist seit 2017 verfügbar und standardmäßig aktiviert. Durch eine entsprechende Option im Javascript-Code kann dies abgeschaltet werden.

Wenn die Automatic Configuration aktiviert ist, werden alle Klicks auf Buttons getrackt, jeder Klick löst eine Datenübertragung an Facebook aus. Dort wird auch mitübertragen, welche Beschreibung der Button trägt. Im Fall des Blutspendedienstes kann Facebook also theoretisch sehen, wer Ja oder Nein geklickt hat. Zumindest bei Nutzern, die selbst Facebook nutzen und gerade eingeloggt sind, könnte der Konzern die Daten auch problemlos mit dem jeweiligen Profil des Nutzers in Verbindung bringen.

Ob Facebook diese Daten wirklich auswertet, ist zweifelhaft. Die Pixel-Funktion ist auf Millionen von Webseiten eingebunden; um tatsächlich herauszufinden, welche Buttons ein Nutzer klickt, müsste Facebook die Reihenfolge der Klicks auswerten. Es ist kaum anzunehmen, dass Facebook seine Datenauswertung hier auf eine einzelne, wenig bedeutende Webseite anpasst. Trotzdem ist die Datenübertragung natürlich extrem problematisch und dürfte auch gegen Datenschutzgesetze verstoßen.

Inzwischen hat der Blutspendedienst den Facebook-Code von der Webseite entfernt. Nach wie vor ist in der Webseite externer Javascript-Code von einem Adobe-Fontservice und von einem Service namens Addsearch eingebunden. Diese übertragen aber keine Daten, die der Nutzer eingibt.

Das Problem dürfte sich nicht auf diese einzelne Webseite beschränken. Es ist anzunehmen, dass viele Webseiten Facebook Pixel einbinden, ohne sich über das Ausmaß der Datenaufzeichnung im Klaren zu sein.

Der Blutspendedienst hat inzwischen eine Stellungnahme veröffentlicht. Darin bestreitet der Blutspendedienst das Problem nicht, bezeichnet es aber als "rein theoretisch" und weist darauf hin, dass eine Datennutzung durch Facebook rechtswidrig wäre.

Auch Facebook meldete sich mit einer Stellungnahme bei uns. Demnach verbietet Facebook explizit die Nutzung von Pixeln in dieser Form: "Für die Verwendung des Pixels haben wir klare Regeln für Werbetreibende: Es dürfen keine sensiblen Nutzerdaten wie Informationen zu Gesundheit oder Finanzen an uns geschickt werden."


Aus: "Blutspendedienst übermittelt private Daten an Facebook" Hanno Böck (27. August 2019)
Quelle: https://www.golem.de/news/tracking-blutspendedienst-uebermittelt-private-daten-an-facebook-1908-143457.html

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[Data Mining und Abweichungsanalyse... ]
« Reply #243 on: September 05, 2019, 09:13:39 AM »
Quote
[...] Google und seine Videoplattform YouTube müssen 170 Millionen Dollar Strafe zahlen, weil sie widerrechtlich persönliche Informationen von Kindern gesammelt haben. Das teilte die US-Kartellbehörde FTC mit. Die Zahlung ist demnach Teil eines Vergleichs zwischen den Firmen einerseits sowie der FTC und der New Yorker Generalstaatsanwaltschaft andererseits. Den beiden Internetfirmen wird vorgeworfen, mithilfe sogenannter Cookies Informationen über Nutzer von YouTube-Kinderkanälen gesammelt zu haben, ohne zuvor die Erlaubnis der Eltern eingeholt zu haben. Ziel war demnach, auf Basis der Daten gezielte Werbeanzeigen verbreiten zu können und damit Geld zu verdienen.

Die FTC sprach von einer Rekordstrafe. Google verbuchte allein im vergangenen Quartal einen Gewinn von knapp 9,95 Milliarden Dollar.

Mit der Praxis verstießen Google und YouTube nach Ansicht der Behörden gegen ein Gesetz aus dem Jahr 1998. Dieses verbietet es, Daten von Kindern unter 13 Jahren zu sammeln. 2013 wurde das Gesetz um den Zusatz ergänzt, dass diese Regelung auch für Cookies gilt. Mit diesen können Internetseiten zurückverfolgen, wofür sich ihre Nutzer interessieren. Die New Yorker Generalstaatsanwältin Letitia James warf Google und YouTube Machtmissbrauch vor.

Die Ermittler nahmen speziell YouTube-Kanäle von Spielzeugherstellern wie Mattel und Hasbro ins Visier. Dort sei personalisierte Werbung geschaltet worden. Die Plattform habe wissentlich in Kauf genommen, dass dafür auch Daten über die YouTube-Nutzung durch Kinder erhoben worden seien, lautet der Vorwurf. Der Vergleich ist – wie in den USA oft üblich – nicht mit einem Schuldeingeständnis verbunden.

Die beiden FTC-Mitglieder aus der Demokratischen Partei stimmten gegen den Vergleich, weil er ihnen nicht weit genug ging. Die Republikaner halten jedoch einen Sitz mehr in der Behörde.


Aus: "YouTube zahlt Millionenstrafe, weil es Kinderdaten sammelte" (4. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2019-09/google-tochter-youtube-kinderdaten-rekordstrafe-datenschutz

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[Data Mining und Abweichungsanalyse... ]
« Reply #244 on: September 18, 2019, 10:15:40 AM »
Quote
[...] Wahrscheinlich könnten die amerikanischen Geheimdienste problemlos herausfinden, dass Sie gerade diesen Text lesen. Und auch, wann Sie zuletzt eine E-Mail verschickt oder mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin telefoniert haben. Oder dass Sie sich gerade vor Ihrem Bildschirm am Kinn kratzen.

Noch vor wenigen Jahren hätten diese Sätze wie Paranoia geklungen – oder zumindest selbstbezogen. Es schien abseits von Science-Fiction- und Hollywoodfantasien nicht vorstellbar, dass die amerikanischen Geheimdienste jegliche Kommunikation aller Menschen weltweit speichern könnten. Dass sie jeden von uns ins Visier nehmen würden und diese Daten dann auch noch durchsuchen würden. Im Hintergrund, ohne das Wissen der Öffentlichkeit geschehen.

Seit dem 6. Juni 2013 ist klar, dass dies der Realität ziemlich nahe kommt. Damals erschien ein Bericht im britischen Guardian mit dem nüchternen Titel "NSA collecting phone records of millions of Verizon customers daily": Die amerikanische National Security Agency (NSA) speichere täglich die Anruflisten aller Kundinnen und Kunden des Telekommunikationsdienstleisters Verizon. Der Bericht war der Anfang einer ganzen Kaskade von Artikeln, die einen unfassbaren Skandal aufdeckten: Die amerikanischen Geheimdienste überwachten Menschen weltweit – ohne dass die davon wussten. Unter Aufsicht einer demokratischen Regierung spionierten sie den Globus aus.

Die Quelle für diese Berichte waren Dokumente, die direkt aus der NSA kamen; von einer Person, die selbst einmal an diesem System mitgearbeitet, es durch ihre fachlichen Kenntnisse mitermöglicht hatte: Edward Snowden. Heute ist sein Name mit der NSA-Affäre, seine persönliche Geschichte mit den Veröffentlichungen verwoben. Es ist die Geschichte eines Mannes, der ursprünglich nur seinem Land dienen wollte – und schließlich einige seiner größten Geheimnisse enthüllte.

Der Weg von Edward Snowden wurde schon etliche Male in verschiedenen Varianten nachgezeichnet; in Zeitungsartikeln seine beruflichen Stationen, in der Dokumentation Citizenfour seine Enthüllungen in einem Hongkonger Hotelzimmer und in dem Hollywoodfilm Snowden mit Joseph Gordon-Levitt in der Hauptrolle sein restliches Leben. Einige Details gab Snowden auch selbst preis. Seine Autobiografie Permanent Record, die nun erschienen ist, könnte daher eine langweilige Nacherzählung dessen sein, was man sowieso schon irgendwie wissen konnte; ein mit Anekdoten gespickter Lebenslauf.

Aber Snowden schafft es, dem mehr hinzuzufügen. Er erzählt die Geschichte des Internets mit dem er groß wurde, von ersten anarchischen Strukturen in den Achtzigern bis zum Web heute, das längst von großen Unternehmen kontrolliert wird. Snowden zeichnet die jüngere Geschichte Amerikas, wie der 11. September die USA auf ihren Weg zum Sicherheitsstaat lenkte. Und seine individuellen Entscheidungen macht er verständlich, indem er die Überwachungssysteme und das Rechtssystem erklärt. Snowdens Autobiografie liest sich wie ein Plädoyer für die Privatsphäre. Und auch wie eine Bitte um Verständnis für seine Entscheidungen.

Man muss sich das bewusst machen: Die NSA entwickelte zahlreiche Tools, um den Internetverkehr zu überwachen. Ein digitales Werkzeug, das dabei besonders stark in die Privatsphäre von Nutzerinnen und Nutzern eindrang, hieß Turbulence. Damit konnte die Behörde jede URL weltweit prüfen. Tippte jemand etwa google.com in den Browser ein, durchlief diese Anfrage auch Server in Telekommunikationsfirmen und Botschaften. Ein weiteres Werkzeug namens Turmoil sammelte diese Daten – abgesehen von der URL etwa das Land, aus dem die Anfrage gestellt wurde. Schien irgendetwas verdächtig, wurde die Anfrage weiter an das Werkzeug Turbine geleitet, das sie auf die Server der NSA verwies. Automatisiert wurden dann Exploits, also Schadprogramme, mit der URL an den Nutzer geschickt. Während der also dachte, er würde schlicht Google abrufen, konnte die NSA von nun an alle seine Daten überwachen. So beschreibt es Snowden. Massenüberwachung per Mausklick.

Nur warum schien das außer Snowden niemand bei der NSA fragwürdig zu finden? Wie konnte es sein, dass niemand früher an die Öffentlichkeit ging? Zwar skizziert der Whistleblower in seinem Buch durchaus einzelne Verstöße, die Mitarbeiter begingen oder von denen sie wussten. Erzählte er seinen Kollegen von seinen Bedenken, erntete er oft nur ein Schulterzucken: "Was will man machen?"

Vielleicht war ihnen das Ausmaß der Überwachung gar nicht bewusst. Kein einzelner Agent habe jemals einfach zufällig während seiner Tätigkeit von allen Aktionen etwas mitbekommen können, schreibt Snowden. Auch weil die auf vielfältige technische Art und Weise begangen wurden. "Um auch nur die Spur einer strafbaren Handlung zu entdecken, musste man danach suchen. Und um danach suchen zu können, musste man wissen, dass es sie gab."

Es ist wahrscheinlich relativ leicht zu beantworten, warum Edward Snowden zum Whistleblower wurde: Ihn plagten sein Wissen und sein Gewissen. Schwieriger ist zu beantworten, wie seine Zweifel entstanden. Permanent Record zeigt: Es gab nicht die eine Situation, die besondere Grenzüberschreitung, die pikante Information, die Snowden zu seinem Schritt inspirierten.

Es begann banal: Er sollte auf einer Konferenz einen Vortrag über Chinas Fähigkeiten halten, amerikanische Agenten elektronisch zu verfolgen. Bei der Vorbereitung stieß er auf ein System totalitärer Kontrolle. Er las über Mechanismen und Geräte, mit denen Chinas Regierung täglich Anrufe und Internetverbindungen ihrer Bürgerinnen und Bürger sammelte, speicherte und auswertete. "Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass die USA so viele Informationen über das Treiben der Chinesen besaßen, ohne genau die gleichen Dinge zumindest ansatzweise auch selbst getan zu haben", schreibt Snowden. Es war nicht mehr als ein Verdacht. Einer, der ihn nicht mehr loslassen sollte.

Wie jemand, der Betrug in einer langjährigen Beziehung wittert, dämmerte es auch Snowden: Die ersten Zweifel kann man noch verdrängen, es gibt schließlich immer eine Erklärung. Aber irgendwann plagt einen das Unwissen, man will mehr herausfinden, fängt an zu recherchieren – auch wenn man vielleicht noch nicht weiß, wonach man sucht. Zumindest unterbewusst hat man da schon entschieden, dass man den tatsächlichen oder vermeintlichen Vertrauensbruch nicht länger hinnehmen will. 

Snowdens eigentliche Recherchephase begann auf Hawaii, an einem Ort, der The Tunnel genannt wird. Sein Büro lag unterhalb eines Ananasfeldes und hinein gelangte man über einen Tunnel. Seine aktive Suche nach Übergriffen der NSA habe nicht damit begonnen, dass er Dokumente kopiert, sondern dass er sie gelesen habe, schreibt Snowden. Er baute ein eigenes System, mit dem er Informationen aus allen möglichen Netzwerken zusammentrug. Seinen Chefs verkaufte er es als Forum für jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter: Sie würden alle die Dokumente sehen, die für sie relevant waren.

Die Ironie: Fast alle Dokumente, die Snowden später Journalistinnen und Journalisten übergeben würde, stammten aus diesem System, heißt es in dem Buch. Der damalige Geheimdienstmitarbeiter schmuggelte sie in SD-Karten auf Zauberwürfeln, im Mund oder einfach in der Hosentasche aus dem Gebäude. Unbemerkt.

Doch so sehr die von ihm gesammelten Erkenntnisse auch einschlugen: Blickt man zurück, scheint sich wenig verändert zu haben. Gesetze wie die europäische Datenschutzgrundverordnung vermitteln zumindest europäischen Bürgerinnen mehr digitale Rechte. Die NSA sammelt offenbar nicht mehr die Anruflisten aller Amerikanerinnen und Amerikaner. Und der Webverkehr ist mittlerweile oft verschlüsselt (selbst Messenger wie WhatsApp).

Und doch bleibt da das Gefühl, dass vielleicht irgendwo jemand permanent mithört, mitaufzeichnet, mitliest. Denn wenn irgendwas nach den Snowden-Enthüllungen klar ist, dann das: Der geheimdienstliche Durst nach Informationen wird niemals gestillt sein. Das zeigt sich auch in Deutschland, wo das Bundesinnenministerium gerne Hintertüren in verschlüsselte Kommunikation einbauen will. Obwohl das Ziel von Verschlüsselung das Gegenteil meint.

Machtlos sind Bürgerinnen und Bürger aber nicht. Verschlüsselung sei der einzig wirkliche Schutz gegen Überwachung, schreibt Snowden in seinem Buch. Jede Nation habe ihren Rechtskodex, doch der Computercode sei für alle gleich. Es sei einfacher, ein Smartphone zu verschlüsseln, als ein Gesetz zu verändern. Nun hat natürlich nicht jeder die IT-Kenntnisse von Snowden, das ist klar. Allerdings gibt es relativ einfache Wege, zumindest schon mal die eigenen E-Mails vor Mitleserinnen und Mitlesern zu schützen.

Das ist vielleicht die wichtigste Botschaft von Edward Snowden: Jeder kann sich wehren. Den Veröffentlichungstermins seines Buches wählte der Whistleblower aus seinem Asyl in Moskau nicht zufällig. In einem Video auf Twitter weist er darauf hin, dass der 17. September auch der Constitution Day in den USA ist: Vor genau 232 Jahren wurde an diesem Tag die amerikanische Verfassung unterzeichnet.

Im vierten Zusatz der US-Verfassung heißt es: "Das Recht des Volkes auf Sicherheit der Person und der Wohnung, der Urkunden und des Eigentums, vor willkürlicher Durchsuchung, Verhaftung und Beschlagnahmung darf nicht verletzt werden, und Haussuchungs- und Haftbefehle dürfen nur bei Vorliegen eines eidlich oder eidesstattlich erhärteten Rechtsgrundes ausgestellt werden und müssen die zu durchsuchende Örtlichkeit und die in Gewahrsam zu nehmenden Personen oder Gegenstände genau bezeichnen." Kurz: Ohne Verdacht darf es keine Durchsuchung geben.

Versteht man das Internet als digitalen Raum, müsste dieser Zusatz auch dort gelten.

Edward Snowden:  Permanent Record – Meine Geschichte
S. Fischer Verlag, 2019; 432 Seiten



Aus: ""Permanent Record": Weil die wissen, was Sie tun" Eine Rezension von Lisa Hegemann (17. September 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2019-09/permanent-record-edward-snowden-whistleblower-cia-nsa-autobiografie-rezension/komplettansicht

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Minilieb #2.1

Letztendlich bestätigt er, dass unser Werte- und Demokratiekonstrukt solange trägt, wie niemand richtig hinsieht. Diese Erkenntnis ist bedrückend. Ja, wir leben in einer Demokratie, haben ein Grundgesetz, benehmen uns zivilisiert.

Letztendlich ist das behördliche Misstrauen und der Datenmissbrauch aber kaum geringer als das totalitärer Staaten. Chinas Massenüberwachung und -kontrolle erscheint uns schauderlich. Aber wie lange würde es dauern auch bei uns ein ähnliches System scharf zu schalten und ähnlich zu nutzen. Wir arbeiten daran. Wir digitalisieren alles und jedes, bauen Kameras überall auf um uns sicherer zu fühlen, freuen uns über digitale Bezahlmöglichkeiten, stellen uns Wanzen ins Zimmer und erkennen nicht, dass wir uns selbst wegsperren.

Die freie Bewegungsfreiheit ohne das Wissen anderer wird in nicht allzulanger Zeit nicht mehr gegeben sein. Unsere Freiheit werden unsere Kinder nicht mehr haben. Im besten Fall werden sie sie nicht vermissen...


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Robert Nozick #2.5

Edward Snowden ist den USA wohl eher ein Straftäter, der Landesverrat begangen hat und damit im Zweifel Menschen in Gefahr gebracht hat.
Und ich schließe mich dieser Einschätzung ausdrücklich an.


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Minilieb #2.6

"Edward Snowden ist den USA wohl eher ein Straftäter, der Landesverrat begangen hat und damit im Zweifel Menschen in Gefahr gebracht hat."

Exakt das trifft auf jeden zu, der im Dritten Reich Widerstand geleistet hat. Gesetzesbrecher, die im Zweifel Menschen in Gefahr gebracht haben. Ob den Führer, die SS, die Gestapo, die Wehrmacht oder aufgrund Spionageaktivitäten den Endsieg gefährdeten. Sie alle haben "Landesverrat" begangen und Menschen gefährdet...


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Robert Nozick #2.7

Nun, wenn sie die USA und das "Dritte Reich" gleichsetzen haben Sie selbstverständlich Recht. Allerdings disqualifiziert sich damit ihre Aussage von selbst.


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Minilieb #2.8

Ich setzte nicht die USA mit den Nazis gleich sondern prüfe die Tragfähigkeit Ihrer Argumentation und stelle fest, dass es so einfach wohl nicht ist...


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Hugo von Bahnhof #2.13

"Edward Snowden ist ein moderner Held..."

Da bin ich völlig eiverstanden. Nur habe ich in ZON viele verschiedene Aufrufe zu vielen verschiedenen Aktionen gelesen. Nur der Aufruf dazu, dass Snowden Asyl in Deutschland bekommt, habe ich wahrscheinlich übersehen. ...


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deDude #10

Snowden hat auf die Frage was er am meisten fürchtet bzgl. seiner Enthüllungen mal gesagt "Das die Leute es zur Kenntnis nehmen, aber keinerlei Konsequenzen daraus gezogen werden" ...


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Nr.27 mit extra Käse #15

Kann mich noch gut erinnern, wir hatten in der Firma eine zeitlang einen selbstständigen konstrukteur der sich geweigert hat sein Rechner ans Netz zu hängen. Der hat ständig gesagt" ihr glaubt gar nicht was da alles überwacht wird" der hatte Angst um seine Daten.
Damals hat man den nicht für voll genommen, Aluhut und so weiter.
Zwei Jahre später hat dann Snowden ausgepackt.


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« Reply #245 on: October 09, 2019, 04:44:33 PM »
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[...] Twitter hat Daten von Nutzerinnen und Nutzern zweckentfremdet. Das räumte der Kurznachrichtendienst ein. Das Unternehmen habe Telefonnummern und Mailadressen, die von den Userinnen und Usern lediglich für Sicherheitszwecke – etwa für die Zwei-Faktor-Authentifizierung – angegeben worden waren, auch dafür benutzt, um personalisierte Werbung zu schalten.

Dies sei ein Fehler gewesen, schrieb die Firma. Man habe diesen aber bereits am 17. September behoben. Firmen, die Werbung bei Twitter schalten, können beim Kurznachrichtendienst Listen mit Kontaktdaten ihrer Kundinnen und Kunden hochladen, um sie auch bei dem Dienst gezielt ansprechen zu können. Die von den Nutzern für Sicherheitszwecke hinterlegten E-Mail-Adressen und Telefonnummern seien mit diesen Listen abgeglichen worden, obwohl das nicht hätte passieren sollen, erklärte Twitter. Die Werbekundinnen hätten aber keinen Zugriff auf diese Daten gehabt. Wie viele Nutzerinnen und Nutzer betroffen waren, ist unklar.

Auch Facebook musste vor einigen Monaten zugeben, persönliche Daten der Nutzer zweckentfremdet zu haben.



Aus: "Twitter nutzte Telefonnummern für personalisierte Werbung" (9. Oktober 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/datenschutz/2019-10/twitter-datenschutz-nutzerdaten-missbrauch-werbung

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Marbodius #1

Sowas werden wir noch häufiger lesen, nur dann mit der Ausrede ''Die KI war schuld''.