[...] Im Juni 1455 brachte er, vielleicht in Notwehr, einem ebenfalls messerbewaffneten (selbst kriminellen?) Priester im Streit eine tödliche Wunde bei. Er zog es vor, aus Paris zu verschwinden, nachdem er sich unter falschem Namen von einem Barbier die Wunde an den Lippen hatte verbinden lassen, die er selbst beim Kampf davongetragen hatte. Schon Anfang 1456 konnte er zurückkehren dank zweier Begnadigungsurkunden von König Charles VII, die den Tathergang eingehend schildern. Hierbei heißt er übrigens in der ersten „François des Loges, auch Villon genannt“ und in der zweiten „Françoys de Monterbier“. Letzteres gilt als Abschreibfehler für „Montcorbier“, den Namen, unter dem in Pariser Studentenlisten von 1449 und 1452 ein „Franciscus de Moultcorbier“ bzw. „de Montcorbier“ figuriert, der vom Alter her mit ihm identisch sein könnte. Wer ihm die Begnadigungsurkunden verschafft hat, geht nicht aus ihnen hervor. Vielleicht die erste sein Ziehvater Guillaume, dessen Namen „Villon“ François hier womöglich zum ersten Mal benutzt? Und die zweite ein gewisser Fournier, den er im Testament (V. 1030 ff.) als „seinen Anwalt“ bezeichnet, der ihm mehrfach aus der Patsche geholfen habe?
Wahrscheinlich schrieb er in diesem Jahr 1456 sein erstes halbwegs sicher datierbares Werk, die Ballade des Contre-Vérités, die er im Refrain mit dem Akrostichon V-I-L-L-O-N signiert. Dieser parodistische Text, der eine lyrische Lobpreisung der Tugend von Alain Chartier in Ratschläge für Gauner verkehrt, richtete sich offensichtlich an ein Publikum gebildeter Krimineller, d.h. das unmittelbare Umfeld des Autors.
Dass er in dieser Phase seines Lebens oder auch später in Pariser Kneipen oder anderswo selbst gedichtete Lieder vorgetragen habe, ist weder durch entsprechende Aussagen Villons, noch durch entsprechende erhaltene Texte, noch durch sonstige Zeugnisse belegt. Die rd. 25 Balladen, die von ihm bekannt sind, eignen sich vom Inhalt her nicht für eine Vertonung und folgen hierin der Entwicklung dieser lyrischen Gattung, die sich gegen 1400 von der Musik gelöst hatte.
Immerhin könnten einige der später (1461/62) ins Testament eingestreuten Balladen schon in diesen Jahren um 1455 entstanden sein.
Aus: "François Villon (* 1431 in Paris; † nach 1463; sein eigentlicher Name war vermutlich François de Montcorbier oder François des Loges)" (06/2007)
Quelle:
http://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Villon-.-
[...] Ende 1456, "um Weihnachten", knackt laut erhaltenen Dokumenten Villon mit vier Komplizen, darunter drei Klerikern, einen 500 Taler enthaltenden Tresor in der Sakristei der Kapelle des Collège de Navarre im Quartier latin und entfernt sich bald darauf erneut aus Paris. Wohl noch kurz vor seinem Weggang schreibt er für dasselbe Publikum wie das der Ballade, d.h. seine Umgebung studierter junger Krimineller, sein mit gut 320 Versen erstes längeres Werk: das Lais (= Legat) bzw. Petit Testament, eine witzige Kombination aus den Parodien einer höfischen Liebesklage, eines literarischen Testaments und eines Traumgedichts. Im Testament-Teil des Lais übermacht er boshaft-respektlose fiktive Hinterlassenschaften an allerlei real existierende, fast immer namentlich genannte Leute, vor allem Amtsträger aus Justiz, Polizei und Verwaltung sowie andere Pariser Honoratioren, die er auf diese Weise (indem er sie z.B. als verkappte Homosexuelle hinstellt) dem Gelächter der Kumpane präsentiert, offenbar damit diese ihn während seiner Abwesenheit aus Paris nicht vergessen.
Aus: "Villon, François: Leben und Werk " Von Gert Pinkernell (em. Professor an der Universität Wuppertal) (Februar 2003)
Quelle:
http://www.pinkernell.de/villon/villond.htm