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« on: February 22, 2007, 12:28:10 PM » |
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[...] Bereits im Altertum bezeichneten die Philosophen Aristippos (435-366 v. Chr.) und Epikur (341-270 v.Chr.) „Lust“, bzw. (je nach Übersetzung Epikurs) auch „Freude“, „Vergnügen“ (hêdonê) als wesentliches Charakteristikum des Fühlens. Als „unklare Erkenntnisse“ und vernunftlose und naturwidrige Gemütsbewegungen wurden die Gefühle von den Stoikern (etwa 350-258) bestimmt; das Lustprinzip der Epikureer wird in Frage gestellt. Die ältere Philosophie und Psychologie behandelt das Thema Emotionen und Gefühle vorzugsweise unter dem Begriff der „Affekte“ (lat. affectus: Zustand des Gemüts, griech.: pathos; vergl. Affekt), bzw. auch der „Leidenschaften“ und hier vor allem unter dem Gesichtspunkt der Ethik und Lebensbewältigung. „Die Bestimmung des Begriffs der Affekte hat vielfach geschwankt. Bald sind die Affekte enger nur als Gemütsbewegungen gefasst worden, bald sind sie weiter auch als Willensvorgänge gedacht, bald sind sie als vorübergehende Zustände, bald auch als dauernde Zustände definiert und dann mit den Leidenschaften vermischt worden.“ (Friedrich Kirchner, 1848-1900). Für die Kyrenaiker (4. Jahrh. v. Chr.) sind zwei Affekte wesentlich: Unlust und Lust (ponos und hêdonê). Auch Aristoteles (384-322) versteht unter Affekten seelisches Erleben, dessen wesentliche Kennzeichen Lust und Unlust sind.
Descartes (1596-1650) unterscheidet sechs Grundaffekte: Liebe, Hass, Verlangen, Freude, Traurigkeit, Bewunderung. Für Spinoza (1632-1677) sind es dagegen drei Grundaffekte: Freude, Traurigkeit und Verlangen. Auch Immanuel Kant (1724-1804) sah das Fühlen als seelisches Grundvermögen der Lust und Unlust: „Denn alle Seelenvermögen oder Fähigkeiten können auf die drei zurückgeführt werden, welche sich nicht ferner aus einem gemeinschaftlichen Grunde ableiten lassen: das Erkenntnisvermögen, das Gefühl der Lust und Unlust und das Begehrungsvermögen“.
Friedrich Nietzsche (1844-1900) trennte nicht zwischen emotionalem und kognitivem Aspekt: „Hinter den Gefühlen stehen Urteile und Wertschätzungen, welche in der Form von Gefühlen (Neigungen, Abneigungen) uns vererbt sind.“
Ein viel beachteter Versuch der Gegenwart war die mehrgliedrige Begründung der wesentlichen Faktoren des Gefühls von Wilhelm Wundt (1832–1920) durch Lust / Unlust, Erregung / Beruhigung, Spannung / Lösung. Ein anderer, einflussreicher Erklärungsversuch stammt von dem amerikanischen Psychologen und Philosophen William James (1842–1910). James glaubte, ohne starke körperliche Reaktionen seien keine Gefühle bzw. Emotionen wahrnehmbar. Emotionen sind für ihn nichts anderes als das Empfinden körperlicher Veränderungen. Nach James weinen wir nicht, weil wir traurig sind, sondern wir sind traurig, weil wir weinen. Wir laufen nicht vor dem Bären weg, weil wir uns fürchten, sondern wir fürchten uns, weil wir weglaufen.
Psychologen wie Hermann Ebbinghaus (1850–1909) und Oswald Külpe (1862–1915) vertraten das eindimensionales Modell aus Lust und Unlust. Der Psychologe Philipp Lersch (1898–1972) argumentierte dagegen: „Dass dieser Gesichtspunkt zur Banalität wird, wenn wir ihn etwa auf das Phänomen der künstlerischen Ergriffenheit anwenden, liegt auf der Hand. Die künstlerische Ergriffenheit wäre dann ebenso ein Gefühl der Lust wie das Vergnügen am Kartenspiel oder der Genuss eines guten Glases Wein. Andererseits würden Regungen wie Ärger und Reue in den einen Topf der Unlustgefühle geworfen. Beim religiösen Gefühl aber – ebenso auch bei Gefühlen wie Achtung und Verehrung – wird die Bestimmung nach Lust und Unlust überhaupt unmöglich.“
Franz Brentano (1838–1917) nahm an, die Zuordnung von Gefühl und Objekt sei nicht kontingent, sondern könne richtig sein („als richtig erkannte Liebe“). Ähnlich sahen Max Scheler (1874 – 1928) und Nicolai Hartmann (1852 – 1950) Gefühle im so genannten „Wertfühlen“ als zutreffende Charakterisierungen von Werterfahrungen an (vergl. „Materiale Wertethik“, „Werte als ideales Ansichsein“).
Auch für Sigmund Freud (1856-1939) sind Gefühle im Wesentlichen gleichzusetzen mit Lust und Unlust („Lust-Unlust-Prinzip“), mit der Variante, dass jede Lustempfindung im Kern sexuell ist. Freud war der Meinung: „Es ist einfach das Programm des Lustprinzips, das den Lebenszweck setzt – an seiner Zweckdienlichkeit kann kein Zweifel sein, und doch ist sein Programm im Hader mit der ganzen Welt.“
Carl Gustav Jung (1875–1961) betonte ebenfalls die Rolle von Lust und Unlust, bezweifelte jedoch, dass jemals eine Definition „in der Lage sein wird, das Spezifische des Gefühls in einer nur einigermaßen genügenden Weise wiederzugeben“. Der amerikanische Hirnforscher Damasio (geb. 1944) definiert Gefühle und Emotionen vorwiegend kognitiv und als Körperzustände: „Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Gefühl sich zusammensetzt aus einem geistigen Bewertungsprozess, der einfach oder komplex sein kann, und dispositionellen Reaktionen auf diesen Prozess“ (...). - „Nach meiner Ansicht liegt das Wesen des Gefühls in zahlreichen Veränderungen von Körperzuständen, die in unzähligen Organen durch Nervenendigungen hervorgerufen werden.“
In der Gegenwart ist die Situation hinsichtlich des Gefühls- und Emotionsbegriffs eher unübersichtlich: Zahlreiche Ansätze versuchen Charakter und Gesetzmäßigkeiten des Fühlens zu bestimmen, allerdings ohne eine Übereinkunft zu erzielen: z.B. Marañón 1924, Walter Cannon (1927), Woodworth (1938), Schlosberg (1954), Schachter und Singer (1962), Valins 1966, Burns und Beier (1973), Graham (1975), Marshall u. Philip Zimbardo 1979, Rosenthal (1979), Schmidt-Atzert (1981), Lange (1998). Der amerikanische Philosoph Robert C. Solomon stellte angesichts der Verschiedenartigkeit der Deutungen unlängst fest: „Was ist ein Gefühl? Man sollte vermuten, dass die Wissenschaft darauf längst eine Antwort gefunden hat, aber dem ist nicht so, wie die umfangreiche psychologische Fachliteratur zum Thema zeigt.“ (Robert C. Solomon: Gefühle und der Sinn des Lebens, Frankfurt am Main 2000, S. 109).
Aus: "Emotion >> Geschichte des Gefühlsbegriffs" (01/2007) Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Emotion
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« Reply #1 on: February 22, 2007, 12:44:28 PM » |
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[...] Erkennen lassen sich Pseudogefühle an der Formulierung "Ich habe das Gefühl, dass..." während echte Gefühle in der deutschen Sprache immer auch mit "Ich bin..." anstatt "Ich fühle..." ausgedrückt werden können.
Da Pseudogefühle Gedanken sind, können dahinter unterschiedliche Gefühle und Bedürfnisse stehen, die sich nicht unbedingt aus der ursprünglichen Formulierung ergeben. Im Folgenden ein paar Beispiele und mögliche Übersetzungen:
* "du gibst mir das Gefühl, ich sei nichts wert" = "ich bin deprimiert und ängstlich, weil mir Wertschätzung wichtig ist" * "du vernachlässigst mich" = "ich fühle mich einsam und brauche etwas Gesellschaft" * "ich fühle mich provoziert" = "ich bin wütend, weil ich Respekt brauche" * "ich habe das Gefühl, du willst dich drücken" = "ich bin beunruhigt, weil mir Unterstützung wichtig ist." * "ich fühle mich ausgenutzt" = "ich bin zornig, weil ich Respekt und Rücksicht brauche!" * "ich fühle mich total unter Druck gesetzt" = "ich bin sehr angespannt, weil ich meine Entscheidung gerne selbst und in meinem Tempo treffen möchte"
Aus: "Pseudogefühl" (02/2007) Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Pseudogef%C3%BChl
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« Reply #2 on: February 02, 2008, 11:07:39 AM » |
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[...] 1. Permanenter Gebrauch des Wörtchens „man“: "Man hat ja schon so seine Vorstellungen von einer Partnerschaft" und "man wollte ja auch nicht, dass...“
2. Verschachtelungen und Abschweifungen: „Ich habe gewisse Schwierigkeiten in der Partnerschaft, also mit meiner Frau, aber auch bei der Arbeit, da ist eigentlich der Hintergrund für die ganze Geschichte zu finden, und da spielen natürlich auch die Kinder mit rein, zwei Kinder haben wir, der eine ist jetzt sieben Jahre alt und ist gerade in die Schule...“
3. Begriffs-Okkupation: Es werden emotionale oder psychologische Begrifflichkeiten verwendet wie zum Beispiel „Nähe-Distanz-Probleme“, „Angst, mich einzulassen“ oder „Unsicherheit“. Letztlich sagen solche sehr allgemeinen Begriffe, obwohl sie weit verbreitet sind, überhaupt nichts aus. Wegen ihres „psychologischen Anscheins“ lösen sie aber beim Gegenüber ein verstehendes Kopfnicken und den Verzicht auf vertiefende Nachfragen aus. „Angst, mich einzulassen“ oder „Unsicherheit“. Letztlich sagen solche sehr allgemeinen Begriffe, obwohl sie weit verbreitet sind, überhaupt nichts aus. Wegen ihres „psychologischen Anscheins“ lösen sie aber beim Gegenüber ein verstehendes Kopfnicken und den Verzicht auf vertiefende Nachfragen aus.
4. Differenzierungs- und Spezifizierungswahn: Die entgegengesetzte Rationalisierungsstrategie ist ebenfalls populär, nämlich das Ablehnen einer jeden Gefühlsverbalisierung mit dem Hinweis, dass es das „nicht ganz trifft“ oder dass es da „noch diesen und jenen weiteren Aspekt zu berücksichtigen“ gilt.
5. Aussitzen: Ein langes Schweigen nach jeder Anmerkung oder Frage des Gesprächspartners lässt die Zeit schneller vergehen und wird wohlwollend als intensives Nachdenken interpretiert.
6. Monologisieren: Die entgegengesetzte Strategie verhindert ebenfalls jegliche produktive Auseinandersetzung. Das Bombardieren des Gegenübers mit gefühlsentleerten Nichtigkeiten und Details schläfert diesen ein, besonders wenn Blickkontakt vermieden wird.
7. Ausweichen: Von Politikern erfunden und von Call-Center-Mitarbeitern perfektioniert, ist diese Methode die Option Nummer 1, wenn man einfach keine Antwort auf eine Frage hat. Warum sollte sie nicht von Männern verwendet werden, wenn diese nach Gefühlen gefragt werden?
8. Floskeln: „In manchen Situationen wäre es sicherlich angebracht gewesen, anders zu handeln, und wenn einige Dinge anders gelaufen wären, hätte man bestimmt auch nicht so reagiert.“
9. Prioritätenwechsel: Immer wenn man sich bei einem Thema einem kritischen (Gefühls-)Punkt nähert, wird ein anderer Problembereich entdeckt, der angeblich noch schwerwiegender ist.
10. Ironisieren: Eine gute Art, sich von schmerzlichen oder sehnsüchtigen Gefühlen zu distanzieren, ist es, irgendeinen Aspekt der Situation spöttisch oder ironisch zu kommentieren. Wer einmal Männern zuhört, die soeben einen sehr emotionalen und berührenden Film gesehen haben, weiß genau, was ich meine!
11. Meta-Ebene (und Meta-Meta-Ebene etc.): Besonders elegant, weil intellektuell anspruchsvoll und interessant, ist das Ausweichen auf die Meta-Ebene, also die Ebene des Kommentierens der momentanen (Gesprächs-)Situation. Man könnte zum Beispiel auf eine gefühlsbezogene Frage wie folgt reagieren: „Gute Frage! Sie stellen wirklich gute Fragen, über die ich sonst gar nicht nachdenke!“ Mit etwas Glück geht der andere auf diesen Köder ein. Oder er verknotet sich in abermaligen Meta-Ebenen-Aufstiegen: „Was denken Sie, wie es Ihrem Sohn mit Ihrer Scheidung geht?“ - „Wie meinen Sie das, was ich denke, wie es ihm geht?“ - „Was glauben Sie, was ich damit meine, wenn ich frage, was Sie denken, wie es ihm geht?“
12. Last, not least die hohe Kunst des Theoretisierens: „Sie werden jetzt sicher denken, dass die Parallelität der heutigen und früheren Ereignisse einen Rückschluss auf die Entstehungsgeschichte meiner heutigen Problematik nahelegen, aber ich denke, dass es schon immer eine der fatalsten Tautologien der Psychotherapie war, dass. . .“ (in diesem Fall inklusive Punkt 11: Aufstieg zur Meta-Ebene sowie Punkt 6: Überflüssig-Machen des Gesprächspartners durch Monologisieren).
Aus: "12 Arten, Gefühle zu kontrollieren" Kölner Stadt-Anzeiger (Autor ?, 01.02.08) Quelle: http://www.ksta.de/html/artikel/1201184415370.shtml
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« Reply #3 on: June 02, 2008, 08:57:01 AM » |
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[...] Peter Goldie: Gefühle können sehr nützlich sein. Wenn man bei einem Spaziergang plötzlich Angst vor einer giftigen Schlange am Wegesrand hat, löst das automatisch bestimmte Mechanismen aus, die das Überleben sichern: anhalten, anspannen, zurückziehen. Natürlich käme man auch durch Nachdenken darauf, dass man besser den Rückzug antreten sollte – aber da könnte es dann schon zu spät sein. Dennoch sollten wir nicht aus den Augen verlieren, dass Gefühle uns sehr in die Irre führen können. Gefühle sind nicht nur schnell, sondern auch schlicht. Sie können den Laden durcheinanderbringen, bevor der Verstand ankommt. Man sieht dann die Welt anders, verzerrt durch die Gefühle.
ZEIT Campus: Wie meinen Sie das – wenn ich etwas fühle, sehe ich die Welt anders, als sie ist?
Goldie: Nehmen wir die sexuelle Eifersucht von Männern. Das ist nicht nur eine sehr mächtige Emotion, wie ich Ihnen versichern kann, sondern auch eine, die evolutionär besonders wichtig ist für die Erhaltung der Art. Wenn Männer eifersüchtig sind, meinen sie oft zu sehen, dass ihre Partnerin mit den Gedanken bei einem anderen ist. Das Problem ist: Manchmal gibt es dafür überhaupt keine Rechtfertigung! Das ist genauso, als wenn man sich vor der Schlange auf dem Weg fürchtet, obwohl man bloß einen Zweig gesehen hat. Wenn man einmal so weit ist, hat die Eifersucht einen im Griff, und auf einmal beginnt man, nach Gründen zu suchen für das, was einem das Gefühl einflüstert. Die komplette Wahrnehmung wird verzerrt.
ZEIT Campus: Wieso können Gefühle unsere Wahrnehmung derart beeinflussen?
Goldie: Wahrnehmung ist nie neutral. Nehmen wir an, wir sind gemeinsam auf einer Party und sehen uns die Gäste und das Treiben an. Was wir sehen, ist bei uns beiden jeweils auf eigene Weise durch unsere Gefühle geprägt und auch durch unsere Interessen. Ich sehe besonders deutlich, wie meine Frau ihren Gesprächspartner anblickt, weil ich eifersüchtig bin; Ihnen fällt vielleicht besonders die Farbe des Kleides meiner Frau auf, weil Sie sich in diesen Tagen unbedingt ein neues Kleid kaufen wollen und noch nicht wissen, welches.
ZEIT Campus: Jetzt stellen Sie Interessen und Gefühle einfach auf die gleiche Stufe, obwohl es doch sehr wohl einen Unterschied gibt!
Goldie: Stimmt. Emotionen sind sehr komplexe Zustände: Das Herz klopft einem bis zum Hals, man reißt entsetzt die Augen auf, man will wegrennen. Emotionen sind qualitativ, sie fühlen sich auf bestimmte Weise an; Gedanken und Interessen tun das nicht. Außerdem sind sie immer persönlich wertend: Eine Emotion in Bezug auf etwas zu haben heißt, dieses Ding als etwas zu sehen, das mich angeht. Die Furcht vor der Schlange auf dem Weg bedeutet, dass ich sie als gefährlich für mein Leben ansehe.
ZEIT Campus: Und wie unterscheiden Sie Gefühle von der »Intuition«, über die sich derzeit so viele Ratgeber begeistern?
Goldie: Der Philosoph David Lewis sagt, Intuitionen sind etwas Kognitives, einfach etwas, was man denkt, ohne viele Begründungen dafür zu haben. Also eine Art Vermutung. Aber tatsächlich reden wir von Intuitionen auch in Fällen, die mehr mit Gefühlen zu tun haben. Etwa wenn man jemandem nicht vertraut und – gefragt, warum – nur sagt: Ich weiß nicht, etwas an ihm ist mir unheimlich. Intuitionen können also auf Gefühlen basieren.
ZEIT Campus: Ihr Beispiel klingt, als hätten Gefühle sehr viel mit Vorurteilen zu tun, etwa bei Fremdenfeindlichkeit.
Goldie: Das ist richtig. Um gegen Vorurteile anzugehen, hilft in den seltensten Fällen rationale Argumentation. Dazu haben Psychologen sehr interessante Erkenntnisse vorgelegt. Wenn ein Mensch in seiner eigenen Straße überfallen wurde, dann hat das einen enormen Einfluss auf seinen Glauben, wie groß die Kriminalität in der Stadt ist. Da kann man Ihnen so viele Statistiken vorlegen, wie man will, Sie werden sich nicht vom Gegenteil überzeugen lassen, weil da dieses persönliche Bedrohungsgefühl ist, ausgelöst durch einen Einzelfall. Um manche Vorurteile zu beheben, müsste man die emotionale Struktur der Leute ändern. Denn sonst geht es wieder so, wie wir vorhin gesehen haben: Die Menschen glauben etwas wegen eines Gefühls – und suchen dann nach den passenden Argumenten dafür.
ZEIT Campus: Wissenschaftsthemen wie »Die Macht der Gefühle« sind derzeit sehr populär, vor allem wegen vieler neuer Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften und der Psychologie. Was hat die Philosophie zu diesem Thema überhaupt beizutragen?
Goldie: Ein Beispiel dafür, wo eine philosophische Frage einsetzt: Der Psychologe Paul Slovic forscht zu unseren Einstellungen gegenüber Genoziden. Er zeigt, dass wir sehr viel eher bereit sind zu helfen, wenn es um eine kleine Anzahl Leidender geht als um eine große. Er begründet das damit, dass wir für die große Anzahl Menschen kein Gefühl empfinden würden, und behauptet: Wo kein Gefühl, da keine Handlung. Doch das folgt keineswegs so einfach daraus. Ich könnte auch ganz ohne Gefühl einen Scheck ausfüllen und etwas für die Opfer von Darfur spenden. Es ist nicht einzusehen, weshalb dabei unbedingt Gefühle eine Rolle spielen sollten. Es sei denn, man hat einen sehr engen Begriff von Gefühl, nämlich einen, nach dem Gefühl nicht viel mehr als eben Motivation ist. Das aber hieße, das zu Beweisende von vornherein vorauszusetzen. Solche Denkfehler aufzuzeigen, Fragen zu stellen über etwas, das einfach als sicher angenommen wird, das ist unter anderem Aufgabe der Philosophie.
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Aus: "Falsch gefühlt" Das Interview führte Eva Weber-Guskar (ZEIT Campus 03/ 2008) Peter Goldie, 61, war 25 Jahre lang Banker in London. Dann zwang ihn ein Finanzcrash zum Neuanfang. Jetzt ist er Professor für Philosophie in Manchester ... Quelle: http://www.zeit.de/campus/2008/03/interview-verstand
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« Reply #4 on: March 03, 2009, 03:44:06 PM » |
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[...] Es gebe bei dem 35-Jährigen keine Hinweise auf eine seelische Störung, sagte eine Sachverständige am Landgericht Gießen.
[...] Die psychiatrische Sachverständige bescheinigte dem Angeklagten eine „relative Interesselosigkeit“. Er sei konfliktscheu, passiv und könne eigene Gefühle und die von anderen nur eingeschränkt wahrnehmen. Zwischen dem 35-Jährigen und seiner Frau habe es zudem keine „aktive Beziehungsgestaltung“ gegeben, die Familie habe ohne Strukturen, Rhythmus und Verantwortung gelebt. In so einer Umgebung „kann ein Kind nicht überleben“, sagte die Gutachterin.
...
Aus: "Revisionsprozess: Vater der verhungerten Jacqueline „schuldfähig“" (03. März 2009) Quelle: http://www.faz.net/s/Rub5785324EF29440359B02AF69CB1BB8CC/Doc~ED135A23A3A854D96971D84AF47631DB6~ATpl~Ecommon~Scontent.html
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