COMMUNICATIONS LASER #17
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Author Topic: [Männlichkeitskonstruktionen... ]  (Read 7020 times)
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« Reply #30 on: September 10, 2011, 11:33:23 AM »

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[...] Connell definiert hegemoniale Männlichkeit "als jene Konfiguration geschlechtsbezogener Praxis …, welche die momentan akzeptierte Antwort auf das Legitimitätsproblem des Patriarchats verkörpert und die Dominanz der Männer sowie die Unterordnung der Frauen gewährleistet (oder gewährleisten soll)". Er versteht darunter jene männlichen Attribute, die von einer Gesellschaft als erstrebenswert angesehen werden, gleichzeitig aber auch jene Normen und Praktiken von Männlichkeit, die von der dominanten Klasse zur Absicherung ihrer Interessen eingesetzt werden. Dieses streng dichotomisch aufgebaute, von der "überlegenen" Männlichkeit markierte und somit asymmetrische Modell war im Europa der Aufklärung entstanden und setzte sich insbesondere im 19. Jahrhundert – eng an Kapitalismus, Nationalismus und Imperialismus gekoppelt – ungebremst fort. Das Männlichkeitsbild dieses Modells wurde vor allem von soldatischen Tugenden, bestimmten sozialen und politischen – "staatsbildenden" – Fähigkeiten, durch die Rolle als Familienernährer und die Heterosexualität bestimmt. ...

... Das Männerbild des Nationalsozialismus muss vor dem Hintergrund der gewollten Abgrenzung zum bürgerlichen Männlichkeitsbild und somit auch zur demokratischen Republik gesehen werden. Der idealisierte männliche Körper wurde zum Symbol für die Erschaffung des faschistischen Staates. Kühne hebt in diesem Zusammenhang vor allem die Relevanz des Leitbildes der Kameradschaft als dem männlichen Vergesellschaftungsmodell hervor. Kameradschaft steht dabei in einem dialektischen Verhältnis zu Wettbewerb, den man als Modus begreifen kann, in dem sich unterschiedliche Männlichkeiten zueinander in ein hierarchisches Verhältnis setzen. Diese für Männerbünde typische Dialektik von Kameradschaft und Wettbewerb lässt sich bereits im 19. Jahrhundert nachvollziehen, wenn man etwa an die oben erwähnten Institutionen des Duells bzw. die Fecht- und Trinkrituale studentischer Verbindungen denkt. Beide basieren nicht nur auf dem Ausschluss von Frauen, sondern machen auch die kompetitive, intern hierarchisch gegliederte Struktur der bürgerlichen Männlichkeit sichtbar. Im 20. Jahrhundert entfaltete diese Dialektik schließlich ihre volle Dynamik, wie sich an der zentralen Bedeutung des Kameradschaftsbegriffs "als Leitbild einer staats-, gesellschafts- und geschlechterpolitischen Umwälzung" bis in den Nationalsozialismus hinein ablesen lässt. War die "Schützengrabenkameradschaft" des Ersten Weltkriegs zunächst als "Inbegriff der Geborgenheit einer Gemeinschaft gleichrangiger Männer, meist einfacher Mannschaftssoldaten" erlebt worden, bog die NS-Propaganda sie in zweierlei Hinsicht ab: einerseits ins Hierarchische, was unter anderem in der arischen Exklusivität zum Ausdruck kam, andererseits ins Heroisch-Martialische. Frontkameradschaft wurde nun zur "Keimzelle eines 'neuen Menschen'". Elemente des spezifisch deutschen Männerbund-Gedankens wurden dabei mit "völkischem", "germanenkundlichem" Gedankengut vermischt. Trotz der nationalsozialistischen Wertschätzung von "Familie" und "Sippe" erklärt sich aus dieser Konzeption auch die zentrale Bedeutung der auf Führung und Gefolgschaft basierenden, männerbündisch organisierten Organisationen wie SA, SS, Hitler-Jugend bis hin zu Eliteverbänden wie der "Leibstandarte Adolf Hitler"

Anders als etwa bei Blüher grenzte sich das nationalsozialistische Männerbunddenken zwar gegen die als "weibisch" angesehene männliche Homosexualität ab, ist aber aufgrund der libidinösen, hierarchisch organisierten Bindung der Bundesbrüder an den "Männerhelden" in ihrer Homosozialität durchaus homoerotisch konnotiert. ...


Aus: "Männerbünde und Schwulenbewegung im 20. Jahrhundert"
Von by Christopher Treiblmayr, Erschienen: 2010-12-03
Quelle: http://www.ieg-ego.eu/de/threads/transnationale-bewegungen-und-organisationen/internationale-soziale-bewegungen/christopher-treiblmayr-maennerbunde-und-schwulenbewegung-im-20-jahrhundert#HegemonialeMnnlichkeitMnnerbundundmnnlicheHomosexualitt

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« Reply #31 on: September 10, 2011, 11:54:17 AM »

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[...] Die Erinnerungsbilder von den in die Bahnhöfe einrollenden Kriegsheimkehrertransporten und den bewegenden Wiedersehensszenen mit den Angehörigen sind heute fest im kollektiven Gedächtnis verankert. Die früheren Wehrmachtssoldaten sind darin zu – politisch unverfänglichen – Ehemännern, Vätern und Söhnen mutiert, die sich auch in der Öffentlichkeit nicht scheuen, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. In diesen Repräsentationen verkörpern die Heimkehrer eine Männlichkeit, die eine deutliche Abweichung vom aggressiven, „stählernen“ Ideal des nationalsozialistischen Landsers hin zu einer „weicheren“, von militärischen Extremen bereinigten Maskulinität signalisiert.

... Der Schock der totalen Niederlage sollte sich nach dem Krieg relativ rasch verflüchtigen: Im Sog des Wirtschaftswunders und der gesellschaftlichen Stabilisierung kristallisierten sich die Familie und der Arbeitsplatz als neue (alte) Orte heraus, an denen sich die besiegten Männer wieder „männlich“ zeigen konnten und das hegemoniale Männlichkeitsmodell im Stande war, seine, wenn auch nicht mehr unantastbare, Macht gegenüber Frauen und insbesondere gegenüber den alternativen, jugendlichen Männlichkeiten der Nachfolgegeneration von neuem zu entfalten. Der idealtypische Männlichkeitsentwurf des Familienvaters und Versorgers distanzierte die Wehrmachtsveteranen von ihrer militärischen Vergangenheit und lieferte nach den oft niederschmetternden Kriegs- und Heimkehrerfahrungen einen Bezugsrahmen für die Rekonstruktion von Männlichkeit, in dem traditionelle männliche Normen und Wertvorstellungen auf der Basis einer zivilen Maskulinität neu etabliert werden konnten.32 Eine Entwicklung, die auf der biografischen Ebene vor allem in den sozialen Aufstiegserfahrungen der fünfziger und sechziger Jahre greifbar wird, vor denen letztlich auch die individuellen Folgewirkungen von Krieg und Niederlage zu verblassen beginnen.

... Anders als nach dem Ersten Weltkrieg, als die Mythisierung und Heroisierung der Kriegserfahrung einer Radikalisierung militärischer Männlichkeitsideale im Zeitalter des Nationalsozialismus unmittelbar Vorschub geleistet hatte, ließ das Ausmaß des Besiegtseins im Zweiten Weltkrieg und das Gewahrwerden der verbrecherischen Dimension des Krieges im Osten nach 1945 kaum Platz für das Wiederaufflammen kriegerischer Begehrlichkeiten. Auch wenn das kollektive Scheitern der Wehrmachtsgeneration im Krieg, wie die vorläufigen Ergebnisse meiner Dissertation untermauern, im biografischen Aufriss gesehen, weit weniger an der Hegemonialität traditioneller männlicher Identitätsmuster wie Dominanz, Stärke, Durchsetzungskraft oder auch Leistungsfähigkeit geändert hat, als es die Totalität der Niederlage implizieren mag, verlor das Soldatisch-Militärische nach Kriegsende seine Bedeutung als primärer Bezugsrahmen für die Konstruktion von Männlichkeit.

... Dass die im Zweiten Weltkrieg gemachten Erfahrungen ein integraler Bestandteil der männlichen Identitätskonstruktion vieler Angehöriger der Wehrmachtsgeneration geblieben sind, zeigen nicht zuletzt die heftigen Reaktionen der österreichischen und deutschen Kriegsveteranen
auf die so genannte Wehrmachtsausstellung in den 1990er Jahren, die nicht nur den Mythos des „unpolitischen Soldaten“ dekonstruiert, sondern gleichzeitig auch die biografischen Deutungsmuster der militärisch-männlichen Vergangenheit einer ganzen Generation massiv in Frage gestellt hat. Das Erzählen vom Krieg und seinen Folgen von Seiten der ehemaligen Soldaten der Deutschen Wehrmacht ist daher bis zu einem gewissen Grad immer
auch unter dem Aspekt gegenwärtiger Schulddiskurse rund um die Beteiligung „einfacher“ Mannschaftssoldaten am NS-Vernichtungskrieg zu verstehen. Die starke Polarisierung und Emotionalisierung der Wehrmachtsdebatte steht dabei bis heute einer angemessenen Vergangenheitsbewältigung
auf der Zeitzeugenebene, die sowohl Opfer- als auch Täteranteile zur Sprache bringt, entgegen.


Aus: "Tagung AIMGender „Männlichkeit und Emotionen“ - Stuttgart, 9.–11. Dezember 2010: „Ich bin eigentlich nicht als strahlender Sieger nach Hause gekommen“: Zur biografischen Deutung und Bedeutung der Kriegsniederlage in den erzählten Lebensgeschichten ehemaliger österreichischer Wehrmachtssoldaten Michael S. Maier, Wien 2010"
Quelle: http://www.fk12.tu-dortmund.de/cms/ISO/de/arbeitsbereiche/soziologie_der_geschlechterverhaeltnisse/Medienpool/AIM_Beitraege_siebte_Tagung/Maier__Besiegte_Maennlichkeit.pdf

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