Author Topic: [Männlichkeitskonstruktionen... ]  (Read 38413 times)

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[Männlichkeitskonstruktionen... ]
« Reply #35 on: Mai 04, 2016, 02:51:42 nachm. »
Quote
[...] Durch Dating-Apps wie Tinder ist Ihre Illusion des bindungslosen, schnellen Sex Wirklichkeit geworden: Überall kann man einen Fremden an der Ecke auf ein Abenteuer treffen.
Erica Jong: Haben die wirklich guten Sex? Männer können, wenn sie jung sind, eine Nummer nach der anderen schieben. Frauen brauchen mehr Verbindung. Ich denke nicht, dass es für uns so leicht ist, großartigen Sex mit jemandem zu haben, der keine Empathie für uns hat.

Wieso sind die Apps dann so erfolgreich?
Erica Jong: Männer haben große Angst vor Zurückweisung. Die App garantiert einem, dass man nicht völlig zurückgewiesen wird. Jede Frau, die man über ein solches Date trifft, hat einen schon akzeptiert.

Wir werden als Frauen doch auch ungern gekränkt.
Erica Jong: Für Männer ist es schlimmer. Das liegt am Penis. Der hat sein eigenes Temperament. Funktioniert er? Funktioniert er nicht? Manchmal versagt er den Dienst mit jemandem, den man wirklich mag, funktioniert jedoch hervorragend mit einer Fremden. Jeder Mann ist komplett besessen von seinem Penis und diesen Fragen. Das geht so lange, bis der Mann erwachsen ist und mehr über sich gelernt hat.

...


Aus: "Erica Jong: „Frauenhass ist Angst vor der eigenen Mutter“" Julia Prosinger und Deike Diening (04.05.2016)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/feminismus-ikone-erica-jong-ich-habe-es-nie-als-sex-buch-gesehen/13522852-2.html
« Last Edit: Mai 04, 2016, 02:54:45 nachm. by Textaris(txt*bot) »

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[Die Konstellation ist dabei immer... ]
« Reply #36 on: Juli 25, 2016, 04:29:20 nachm. »
Quote
[...] Amok in München, nicht sehr weit von uns. Das ist schrecklich, gewiss. Andererseits ist es auch nicht sehr überraschend. Man konnte gewissermaßen auf eine solche Tat warten: Erfurt, Nickle Mines, Emsdetten, Tuusula und Kauhajoki. Winnenden oder Newtown, Oslo und jetzt München – das sind Beispiele von Amokläufen der vergangenen fünfzehn Jahre – und es sind längst nicht alle.

Die Konstellation ist dabei immer die gleiche: Es sind junge Männer mit Problemen, häufig in therapeutischer Behandlung, sozial schlecht integriert, einsam, mit dem PC als bestem Freund, Gewaltspiele und -fantasien, miese Schulkarriere, schlechte Chancen auf dem Ausbildungsmarkt, dementsprechend viel Frust und Aggressionspotential.

... In der Kriminalstatistik sind Jungen sechzig Mal öfter vertreten als Mädchen; psychische und psychosomatische Störungen sind bei Jungen achtmal häufiger; ihr Anteil in Förderschulen und Institutionen für Verhaltensauffälligkeiten beträgt zwei Drittel; dreimal so viele Jungen wie Mädchen sind heute Klienten von Erziehungsberatungsstellen; im Durchschnitt sind mittlerweile alle Schulleistungen von Jungen schlechter als die der Mädchen; Alkohol- und Drogenprobleme von Jungen nehmen dramatisch zu; die zweithäufigste Todesursache von männlichen Heranwachsenden ist der Suizid, wobei sich Jungen mindestens sechsmal häufiger selber umbringen als Mädchen im gleichen Alter.

Immer mehr Jungen wachsen heute vater- und männerlos auf, was allgemein als eine der wichtigsten Ursachen für ihre zunehmende Desorientierung ausgemacht wird. In einigen Ländern haben schon mehr als die Hälfte der Jungen keinen Vater mehr. Die Sinus-Studie der deutschen Bundesregierung belegt die Ängste der jungen Männer.

„Unsere Söhne haben Probleme“, schreibt der Jungenpsychologe William Pollack., „und diese Probleme sind gravierender, als wir denken." Selbst die Buben, die nach außen ganz "normal" wirkten und den Anschein erweckten, mit dem Leben gut zurechtzukommen, seien davon betroffen. „Gemeinsam mit anderen Forschern musste ich in den letzten Jahren erkennen, dass sehr viele Jungen, die nach außen hin ganz unauffällig wirken, in ihrem Inneren verzweifelt, orientierungslos und einsam sind."  Sie können sich nicht mehr an allgemein gültigen Bildern von Männlichkeit orientieren, wie das früher der Fall war. Stattdessen müssen sie sich allein zurecht finden – nicht zuletzt, weil das die männliche Rolle von ihnen verlangt.

In den vergangenen vierzig Jahren hat sich die Politik auf die Förderung von Mädchen und Frauen konzentriert; dass es noch ein anderes Geschlecht gibt, geriet dabei in Vergessenheit. Wenn wir weitere Katastrophen verhindern wollen, müssen wir uns überlegen, wie wir unseren Jungen neue Ziele, konstruktive Wege und ein anderes Männerbild vermitteln können. Ansonsten können wir auf den nächsten Amoklauf warten.

- Walter Hollstein ist Em. Prof. für politische Soziologie in Berlin, Autor von „Was vom Manne übrig blieb“ (Verlag Opus Magnum)

Quote
Schland 14:23 Uhr
Eine reaktionäre Politik hat negative Folgen für alle

Die Verblödung geschieht absichtlich seit den 90er Jahren im Zusammenhang mit der neoliberalen Politik. Dieter Bohlen und Bushido sind keine guten Vorbilder, und doch wuden sie als Stars an wichtiger Stelle ins Fernsehen gesetzt.

Promis sind Vorbilder. Ob das idiotische Machos sind oder Fußballer: Es ging um einen neuen Macho-Kult.

Zum Macho, der eher mit Muskeln und ordinärem Verhalten glänzt, gehört das weibliche Dummchen. Überall wird die Frau als immer verfügbares Sexobjekt dargestellt, als dauergeile Huren.

Dies wirkt natürlich auf Männer aus streng patriarchalischen Kulturen fatal. Pornografie hat stark zugenommen, die Beziehungen dagegen nehmen ab.

Wenn "schwul" und "Weichei" ein Schimpfwort ist für verständnisvolle eher weiche Männer, ist das schlecht für sensible Jungs. Sie unterdrücken ihre Empfindsamkeit und versuchen, sich dem Macho-Vorbild anzupassen. Gruppendynamik entsteht an Schulen und in Netzwerken.

Der Künstler Liam Miscellaneous hat hier die Posen nachgestellt von weiblichen Prominenten und entlarvt damit die dumme Affektiertheit und das Pornografische der angeblich modernen Frau. Dies ist sehr lustig:
https://www.instagram.com/waverider_/

Fazit:. Der Kommerz ist das Wichtigste im überdrehten Kapitalismus. Die Werbebilder zeigen nie die Realität, sind aber dennoch wichtig für die Rollenbilder. Künstlichkeit und Besitzstreben sind zu wichtig geworden. Ein paar Gewinner des Rollbacks gibt es: Konzerne für Kosmetik, Fitness-Studios, Schönheitschirurgen und die Prostitution.

Leider hat dieses Wirtschaftssystem nur noch für wenige Menschen Plätze frei, die zu Wohlstand führen. Der soziale Aufstieg ist kaum noch möglich. Damit fehlt die Antriebsfeder für Innovation und persönliche Entwicklung und Bildung.

Darum brauchen wir eine sozialere Politik und ein anderes Menschenbild, das den Einzelnen nicht nach seinem Geldbeutel beurteilt.

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McSchreck 16:00 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Schland 14:23 Uhr
Sie scheinen sehr jung zu sein. Sonst wüssten Sie, dass das Wort "schwul" früher viel schlimmer war als heute und einiges andere auch. Die "soziale Teilhabe" ist auch großzügiger als vor 30 Jahren, als ich ein Kind war. An Urlaub o.ä. war da auch für "normale" Familien nicht zu denken, vielleicht in der Nähe (im Süden nach Italien, im Norden an die Nord- oder Ostsee), aber nicht Fernreisen wie heute.

Sie trauern einer Zeit nach, die es nie gab.



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heiko61 14:08 Uhr
Das Problem ist sehr real

und wird in unseren weiblich dominierten Kitas und Grundschulen meist vermutlich unbewusst durch oftmals systematische Diskriminierung von Jungen noch verschärft. Jungen haben im Kindesalter nun mal einen biologisch bedingten Entwicklungsrückstand von einigen Monaten gegenüber gleichaltrigen Mädchen, sind etwas wilder und aufmüpfiger. Gute Pädagogen können damit problemlos umgehen. Aber es gibt davon leider viel zu wenige! Der Schaden, der hier im frühen Kindesalter entsteht, ist in unserem Bildungssystem nach der zu frühen Segregation in späteren Jahren nur noch mit riesigem Aufwand zu reparieren.

Und dieses Forum zeigt, dass auch außerhalb des Bildungssystems kaum Sensibilität für die Probleme dieser Jungen besteht. Arroganz oder Forderungen nach mehr Härte oder gar der Armee deuten auf eine unfassbare Problemverdrängung hin und treiben diese Jungen immer tiefer in ihre Probleme hinein!


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Filip 13:59 Uhr
Wir haben kein "Jungenproblem " in unserer Gesellschaft, sondern ein soziales Problem. Der neoliberale Wirtschaftskurs der Kanzlerin, reproduziert Armut, soziale Verelendung und Gewalt. Das klassische Familienleben ist für viele Menschen gar nicht mehr so möglich, da die Eltern beide Vollzeit arbeiten müssen um über die Runden zu kommen. Von kleinauf ist man nun einem sehr hohen Konkurrenzdruck ausgesetzt. Man muss ein sehr gutes Abitur machen um überhaupt eine Chance zu haben , an einer Universität angenommen zu werden  um einen gut bezahlten Job zu bekommen.
Zusätzlich sind viele junge männliche Flüchtlinge letztes Jahr ins Land gekommen, welche  perspektivlos und frustriert in der bürokratischen Mühle feststecken.
Man wird die Probleme nur dann in den Griff bekommen, wenn man sich endlich den dringenden sozialen Fragen der Zeit stellt.


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LesedieinternationalePresse 15:33 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Filip 13:59 Uhr

    Wir haben kein "Jungenproblem " in unserer Gesellschaft, sondern ein soziales Problem.

Das denke ich auch. Unter "Jungenkrise" wird eine Pauschalisierung unterschiedlicher Sozialisierungsprobleme verkauft, schönes Schlagwort. Dann gibt es gleich noch ein paar Anti-Feminismus-Kommentare von einigen Postern gratis dazu.


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Tsotsi 13:29 Uhr
Auch hier wieder....

man macht nur Sorgen um die Täter und die Opfer - und auch wir doofen Steuerzahler -  bleiben auf der Strecke. Dabei wäre bei konsequenter Anwendung der existieren Regeln (z.B. Abschiebung und KEINE Bleibeduldung) so manche Tragödie zu verhindern gewesen.

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wunschbenutzer 14:25 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Tsotsi 13:29 Uhr
Auch hier wieder: Nein!

Es geht nicht darum, sich Sorgen um die Täter zu machen. Es geht darum zu verstehen, wie es zu solchen Taten kommen kann. Ohne Verstehen kann es keine geeignete Strategien geben, solche Ereignisse in Zukunft zu verhindern.

Das ist eine sehr intelligente Herangehensweise, in deren Zentrum die Sorge um unser aller Wohl steht.
Was die "konsequente Anwendung existierender Regeln" angeht: Der junge Mann sollte abgeschoben werden.
Und welche Tragödien genau meinen Sie mit "manche"? Ich sehe da nicht eine einzige.


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joschi 15:06 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Tsotsi 13:29 Uhr
Wohin hätte denn der deutsche Täter abgeschoben werden sollen, ihrer Meinung nach? Oder benutzen Sie den Amoklauf eines vermutlich depressiven deutschen Schülers um gegen Immigranten zu hetzen?



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GrussUndKuss 13:21 Uhr
Wir haben kein "Jungenproblem". Wir haben ein Laberproblem: es wird gelabert, aber nichts gemacht, weil wir zu warmduschenden Morlocks mutiert sind.

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Izmir.UEbuel 13:30 Uhr
Antwort auf den Beitrag von GrussUndKuss 13:21 Uhr
Sie wissen aber schon, dass die dekadenten Warmduscher aus "Die Zeitmaschine" die Eloi sind?


Quote
GrussUndKuss 13:47 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Izmir.UEbuel 13:30 Uhr
Ja, die meinte ich. Hab's verwechselt.



Quote
hadi 13:21 Uhr
Schlimm, schlimm. schlimm -- und alle suchen nach Lösungen

Solange die Gesellschaft gern in Massenveranstaltungen investiert und dabei
auch die Ich-Bezogenheit propagiert und trotzdem den Einzelnen außer
acht lässt, werden wir wohl immer mit solch schrecklichen Ereignissen
konfrontiert.
Mangelhaft ist doch das Weltbild wie es in vielen Familien (der "Keimzelle" dess Staates) erlebt und gelebt wird. Hinzu
kommen die unterschiedlichen Mentalitäten, die im Ost-West-,
hauptsächlich aber im Nord-Südgefälle aufeinandertreffen. Dieses
einander nicht verstehen wollen, die Rechthaberei fängt doch oft, zu oft
im Zusammenleben zweier Menschen (Erwachsenen) an. Wie soll sich da ein
Kind geborgen fühlen, zumal wenn es als Einzelkind in der "Familie"
aufwächst?
Hinterher, nach dem GAU, sind wir dann tief bestürzt über das Unfassbare. Dabei haben Eltern, Lehrer, Psychater, Schüler und so
weiter im Vorfeld versagt -- milde ausgedrückt es nicht verstanden --
weil sie die Menschenwürde, den Respekt vor und für den anderen nicht
gelebt haben.
Von den Werten des Abendlandes wird nur geredet. Die meisten finden diese Werte lästig, weil sie den eigenen Egoismus stören.


Quote
rentnerin 13:14 Uhr
Orientierungslos und verzweifelt? Ich hätte da eine Lösung, die lautet, den Militärdienst wieder einführen , für alle, da könnten "unsere Söhne" (nicht nur die deutschen) ihre Agressionen abreagieren, indem sie sich von morgens bis abends durch die Gegend bewegen, und somit ihr Männerbild wieder zurechtrücken. Kein Computer oder Smartphone. Der Vorgesetzte könnte die ach so vermisste (strenge) Vaterrolle ersetzen. Das wäre die beste Medizin.


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Izmir.UEbuel 13:23 Uhr
Antwort auf den Beitrag von rentnerin 13:14 Uhr
Warum nicht gleich wieder ein kleiner Krieg als "reinigendes Stahlgewitter"?


Quote
FocusTurnier 13:27 Uhr
Antwort auf den Beitrag von rentnerin 13:14 Uhr
Wehrpflicht

Wenn es um die Wiederaufnahme der Wehrpflicht geht, sollten wir natürlich die Gleichstellung nicht vergessen. (Es müssen also mindestens soviel Frauen wie Männer für diesen Staat den Arsch hinhalten....). Sie werden sehen, wie schnell die Wehrpflicht dann wieder in den Schubladen verschwindet.


Quote
happyrocker 14:20 Uhr
Antwort auf den Beitrag von FocusTurnier 13:27 Uhr
Wenn die Wehrpflicht "aus therapeutischen Gründen" zur Sozialisierung junger Männer wieder eingeführt wird, haben Frauen nichts damit zu tun. Frauen sind als Gewalttäterinnen die absolute Ausnahme. Dann ginge es ja gerade nicht um "den Staat" sondern um die jungen Herren selbst.


Quote
altkreuzbergerin 12:58 Uhr

    Sie können sich nicht mehr an allgemein gültigen Bildern von Männlichkeit orientieren, wie das früher der Fall war.

Mit diesem Ausspruch kann ich wenig anfangen.
Welche "allgemein gültigen Bilder von Männlichkeit" sind denn hier gemeint?
Die vom alleinverdienenden Mann, der eine kochende und putzende Frau zuhause hat?
Auch für Mädchen und Frauen gibt es keine "allgemein gültigen Bilder von Weiblichkeit". Zum Glück!
Das kann meiner Meinung nach nicht der Grund sein, warum es Amokläufer gab und gibt.

Gleichberechtigte Förderung von Mädchen und Jungen wäre natürlich schön. Aber ich kann nicht beurteilen, wie der Stand der Dinge ist. Ich könnte mir auch vorstellen, dass bestimmte Angebote vielleicht einfach mehr von Mädchen angenommen werden.
Und alle, die den "Girls' day" hier als Negativbeispiel für einseitige Förderung von Mädchen nennen: Es gibt auch einen "Boys' day".
Dieser soll Jungen Berufe vorstellen, in denen überwiegend Frauen arbeiten (genauso wie der "Girls' day" umgekehrt Berufe vorstellt, in denen vor allem Männer arbeiten).

Es ist wichtig Kindern/Jugendlichen/Heranwachsenden, die orientierungslos und psychisch labil sind zu helfen. Das Geschlecht spielt hierbei für mich aber eher eine geringfügige Rolle.


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antonia_f 15:47 Uhr
Antwort auf den Beitrag von altkreuzbergerin 12:58 Uhr
Wie schön - endlich ein ausgewogener Leser-Kommentar. Die einseitige Betrachtung fehlender "Rollenvorbilder" ist mir auch als merkwürig aufgefallen. Und noch etwas: Der Unterschied in den Suizidraten, den verschiedensten psychiatrischen Auffälligkeiten  usw. besteht nicht erst seit irgendwelchen Gender-Geschichten sondern zieht sich schon viel, viel länger durch die Psychiatrie-Geschichte. Ich finde den gesamten Artikel sehr unseriös, denn er suggeriert unterschwellig Zusammenhänge, die so nicht behauptet werden können - wenn nämlich die genannten m/w Unterschiede in den Häufigkeiten psychischer Störungen bereits früher bestanden haben, dann können wir nicht gesellschaftlich erst später einsetzende Phänomene (also bspw. Scheidungsraten, fehlende Väter, soz.-polit. Maßnahen für Mädchen usw.) dafür als Ursachen heranziehen wollen.


Quote
FredSchreiberling 11:47 Uhr
Jungen bzw. junge Männer stecken in einem Dilemma weil sie häufig nicht genau wissen wer und warum sie sind. Insbesondere wenn sie keine wirklich festigenden Erfahrungen mit männlichen Erziehungsberechtigten machen können. Väter ziehen häufig die Karriere vor und sind nur kurzzeitig zuhause oder ziehen gleich aus und lassen eine Trümmerfamilie zurück. Grund schlechte Bezahlung: Erzieher in Kindergärten sind absolute Exoten und Mangelware. In Grundschulen sind männliche Pädagogen auch recht schwach vertreten. Anstatt "grobe" Spiele wie Fussball wird von der Lehrerin eher Volleyball oder Gymnastik gemacht. ...


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johndoe19 11:45 Uhr
"Immer mehr Jungen wachsen heute vater- und männerlos auf, was allgemein als eine der wichtigsten Ursachen für ihre zunehmende Desorientierung ausgemacht wird."

Wenn ich mir überlege, dass infolge der beiden Weltkriege die Anzahl der deutschen Männer auf ein Minimum  zurückging, dann frage ich mich schon, ob die "Vaterlosigkeit" mit Desorientierung und mit Fehlentwicklungen bei männlichen Jugendlichen zu tun hat.
Wäre die Theorie richtig, dann müsste sich die Situation seit 1945 er verbessert als verschlechtert haben.


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noneblonde 10:38 Uhr
Das hört sich für mich wie Hohn an. Da wird einem Mörder viel Aufmerksamkeit geschenkt und nach Gründen gesucht, warum das passiert ist. Keiner widmet sich den Opfern und den Angehörigen, die Ihre Kinder zu betrauern haben. Was ist das für eine verkorkste Welt ? Die Medien machen mit, wenn Sie Bilder und Namen der Täter zeigen. Sie sorgen mit dafür, dass so eine kranke Seele die Aufmerksamkeit bekommt, die ihr im Leben nicht zuteil wurde.

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Zelia 11:12 Uhr
Antwort auf den Beitrag von noneblonde 10:38 Uhr
Ich empfinde ähnlich, aber vom Betrauern der Opfer wird leider nichts besser. Man kann so etwas nur verhindern, wenn man die Täter versteht, daher müssen solche Themen auf den Tisch.
Ich fände es allerdings ungerecht, wenn aggressive Kinder besonders viel Zuwendung bekommen und stille Leider dadurch noch weniger. Gut wäre es, wenn mehr auf alle Kinder geachtet werden würde und wir für eine gerechte, faire, gesunde Gesellschaft sorgen. Dann wird es immer noch zu Einzeltaten kommen, aber dann kann man wenigstens sagen, dass man alles in seiner Macht stehende getan hat.



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berlinradler 24.07.2016, 17:25 Uhr
In meiner Jugend, die in der Nachwendezeit in Berlin stattfand, habe ich die Unordnung und die Freiräume geschätzt, die nach und nach einer Hochglanzstadt weichen mussten. Und klar, Man(n) hat auch mal was angestellt - gehört irgendwie auch dazu, so dämlich das im Nachhinein wirkt. Tatsächlich ist das eigentlich notwendige "Abhängen" doch kaum mehr möglich, und wenn dann nur ordentlich, STVO-konform und eher nicht unter freiem Himmel.

Jetzt bin ich erwachsen und kann in einer Welt, die sich ausschließlich an den Bedürfnissen Erwachsener orientiert, klarkommen. Klar ist mir aber auch, dass meine Tochter eine vollkommen andere Kindheit haben wird als meine Generation. Besser oder schlechter, das ist ganz schwer zu sagen.

Das Problem an solchen Texten ist eine Schuldzuweisung an "die Gesellschaft". Wenn ein Problem für heutige junge Männer besteht, muss man das wohl verständlicher artikulieren und Wege aufzeigen, die aus diesem Problem heraushelfen können.


Quote
hammerling 24.07.2016, 16:29 Uhr
Es ist noch schlimmer: 100 Prozent aller jungen Väter sind junge Männer. Ich denke nicht, daß wir eine Jungenkrise haben, sondern eher eine Elternkrise.


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sonnenfisch 11:02 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Wolfsgeheul 24.07.2016, 15:55 Uhr
Als Mutter zweier Jungen kann ich hier nur zustimmen. Jungen werden von Anfang an systematisch diskriminiert. Es geht los bei der Tagesmutter, gefolgt von der Erzieherin in der Kita, von den Lehrerinnen in der Grundschule und selbst im Gymnasium, zumindest in allen Fächern, die nichts mit Mathematik oder Naturwissenschaften zu tun haben. Immer wird versucht, aus den Jungs Mädchen zu machen. Sie sollen still sitzen, leise sein und Mandalas ausmalen, aber bitte nicht über die Linie. Jungs müssen sich aber ausprobieren, ihre Kräfte messen und ihren Bewegungsdrang stillen. Es gibt nur sehr wenige - i.d.R. männliche - Lehrer, die das verstehen und darauf eingehen und damit umgehen können. Jungen aus intakten Familien können von ihren Eltern noch ganz gut vor dieser Diskriminierung und ihren Folgen bewahrt werden. Für alle anderen sind die Folgen schon fast zwingend vorgegeben.


...


Aus: "Nach Amoklauf in München Die Einzeltäter sind Teil einer "Jungenkrise"" Walter Hollstein (25.07.2016)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/nach-amoklauf-in-muenchen-die-einzeltaeter-sind-teil-einer-jungenkrise/13919532.html


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[Einen eindrucksvollen Beitrag zu dieser Diskussion... ]
« Reply #37 on: Juli 25, 2016, 04:45:26 nachm. »
Quote
[...] Zehntausende deutscher Männer beteiligten sich im Verlauf des Zweiten Weltkrieges mit großer Selbstverständlichkeit an Massenmorden. Die Frage, wie jene weitverbreitete Bereitschaft zu töten entstehen und erzeugt werden konnte, bewegt nach wie vor die Gemüter.

Die Täterforschung erklärt dies mit einer Umwertung moralischer Maßstäbe, die zur Herausbildung einer eigenen „Tötungsmoral“ geführt hat. Entsprechend betrachteten die Täter das Töten von Menschen im Dienste einer übergeordneten Sache als normal und moralisch einwandfrei. (Harald Welzer. Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Frankfurt/Main, 2005.)

Einen eindrucksvollen Beitrag zu dieser Diskussion, bilden die von dem Journalisten Klaus Hillenbrand ausgewerteten Initiativbewerbungen für das Amt eines Scharfrichters. Hunderte von Männern bewarben sich in der NS-Zeit für diese Aufgabe. 482 dieser Bewerbungen hat Klaus Hillenbrand ausgewertet und etliche davon in seinem Buch dokumentiert.

Während die Täter des Holocaust sich kaum zu ihrer Motivation äußerten, geben diese Briefe Einblick in das Denken von Männern, die es geradezu zum Töten drängte. Sie hielten es für erstrebenswert, die mörderische Politik des Regimes aktiv zu unterstützen, in dem sie ihre Hilfe bei der Tötung von als Verbrechern, Reichsfeinden und Untermenschen Definierten anboten. Und sie taten dies, obwohl auch unter dem NS-Regime der Beruf des Scharfrichters mit sozialer Ächtung verbunden war und keinerlei Prestige besaß. Zwar ging aus vielen Bewerbungen hervor, dass sich ihre Verfasser eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation erhofften; die Tatsache, dass man in den letzten Jahren der NS-Herrschaft, angesichts der enorm gestiegenen Zahl von Hinrichtungen, als Henker sehr viel Geld verdiente, konnten die Bewerber jedoch nicht vorausahnen. Ihre Bewerbungsschreiben sind Belege dafür, wie hoch die Gewaltbereitschaft in Teilen der Gesellschaft war, auch schon zu Beginn der 30er Jahre, also zu einer Zeit, als das NS-Regime noch nicht die Möglichkeit hatte, seine Kultur der Gewalt widerspruchslos in Staat und Gesellschaft durchzusetzen.

Die NS-Bewegung setzte von Anfang auf Gewaltbereitschaft und die SA tat sich bereits in der Weimarer Republik durch Gewalt bis hin zu Morden gegenüber politischen Gegnern und Juden hervor. Diese Kultur der Gewalt kommt auch in diversen Bewerbungen zum Ausdruck. Die meisten der Männer verfügten bereits Gewalterfahrungen in Auseinandersetzungen mit politischen Gegnern, als Angehörige von Freikorps und oder der SA. Bereits kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten gingen die ersten Bewerbungen ein. Die Anzahl der Männer, die sich zum Henker berufen fühlten, vervielfachte sich. In den Jahren der Weimarer Republik bewarben sich durchschnittlich sieben pro Jahr, im Jahr 1933 allein 72.

„Hass gegen das Untermenschentum“, so beschrieb ein Bewerber am 1. März 1933 seine Motivation. Die politische Übereinstimmung mit den Zielen des NS-Regimes betonten viele der Bewerber. „In Anbetracht unserer politischen Umwälzungen in unserem Vaterlande und die Berufung unseres allseits verehrten Führers Adolf Hitlers zum Reichskanzler, möchte ich nicht abseits stehen und fühle mich für diese schwere Handwerk besonders berufen“ schrieb jemand am 23. März 1933.

Ein anderer formulierte: „Mich drängt nicht die Sensation oder andere Gelüste sondern lediglich die Erkenntnis: Dies der nicht zu erschütternde richtige Kurs den unser verehrter Führer Adolf Hitler ergriffen hat.“ Ein weiterer Bewerber machte sogleich Vorschläge um das Töten effektiver und abschreckender zu gestalten und plädierte für die Einführung des elektrischen Stuhls. Um das „politische Verbrechertum“ zu bekämpfen, bot ein beim Bezirksamt Pankow als Beamter angestellter Stadtinspektor am 13. April 1933 seine Dienste als Henker sogar ehrenamtlich an.

Auch in den folgenden Jahren, als der verbrecherische Charakter des NS-Regimes immer deutlicher hervortrat, findet sich eine solche Haltung in den Bewerbungen. Im Februar 1939 schrieb ein Interessent: „Ich trage Hass und Verachtung in mir gegen Mörder, Verbrecher und Vaterlandsverräter“. Antisemitismus spielte bei den Motiven einiger Bewerber ebenfalls eine Rolle: „Würde mir recht sein, wenn ich in einem Judenlager mein (i.O.) Dienst verrichten kann, denn diese Gruppe weist ja immer die meisten Täter auf“ formulierte ein Pförtner aus Breslau. Zum Zeitpunkt seiner Bewerbung am 3. April 1943 wurden gerade die letzten noch verbliebenen Juden aus Deutschland deportiert.

Während des Krieges gingen viele Bewerbungen von Soldaten ein, die darauf verwiesen, dass sie sich bereits freiwillig zu Hinrichtungskommandos gemeldet hatten. Offenkundig hatten sie Gefallen am Töten von Menschen gefunden.

Nur sehr wenigen der Initiativbewerber gelang es, ihren Berufswunsch zu verwirklichen. Auch die NS-Behörden betrachteten Henker als sozial deklassierte Berufsgruppe und blickten entsprechend skeptisch auf jene, die sich dazu drängten. Diejenigen Scharfrichter, die während der NS-Zeit amtiert hatten und an der Tötung von mindestens 12.000 Menschen beteiligt waren, blieben, wie auch Richter und Staatsanwälte, die für die Todesurteile verantwortlich waren, in den Westzonen von der Justiz unbehelligt. Einige amtierten über das Ende der NS-Herrschaft hinaus. Der in München tätige Johann Reichart, der u.a. Hans und Sophie Scholl hingerichtet hatte, vollstreckte nun im Auftrag der US-Militärbehörden die Todesurteile gegen NS-Verbrecher.


Aus: "Berufswunsch Henker" Rezensionen von Michael Schmidt (Mittwoch, 6. November 2013)
Quelle: http://www.diesseits.de/panorama/rezensionen/1383692400/berufswunsch-henker


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« Reply #38 on: Juli 26, 2016, 01:14:44 nachm. »
Quote
[...] Die Bilanz der letzten fünf Wochen ist erschütternd, und sie schlägt aufs Gemüt. Orlando, 12. Juni: Ein Mann ermordet 49 Menschen. Paris, 13. Juni: Ein Mann ermordet ein Polizisten-Ehepaar. Fislisbach, 14. Juni: Ein 17-jähriger Mann ermordet einen 18-Jährigen. Leeds, 16. Juni: Ein Mann ermordet eine Politikerin. Nizza, 14. Juli: Ein Mann ermordet 84 Menschen. Würzburg, 19. Juli: Ein Mann versucht, vier Menschen zu ermorden. München, 22. Juli: Ein Mann ermordet neun Menschen.
Die Liste ist nicht vollständig. Und sie endet mit Sicherheit nicht am 22. Juli. So unterschiedlich die Motive für die Morde sein mögen, so haben sie dennoch etwas gemeinsam: Die Ausführenden waren alle männlich. Genauso wie beim Massaker in Paris, den Anschlägen in Brüssel oder auf «Charlie Hebdo» und bei sämtlichen Amokläufen der jüngsten Vergangenheit. Weibliche Breiviks gibt es nicht.
Wir haben uns derart daran gewöhnt, dass es fast immer Männer sind, die töten – es scheint kaum erwähnenswert. Hätten die Täter ein anderes, augenfällig gemeinsames Merkmal, man würde längst darüber reden. Nach Ursachen forschen und Prävention betreiben. Das männliche Geschlecht reicht dafür offenbar nicht. Man nimmt es hin. Ist halt so. Obschon die Taten, die so viel Leid brachten, einen gemeinsamen Ursprung haben, über den es sich nachzudenken lohnte: eine falsch verstandene, kranke und altertümliche Männlichkeit. ...
Der Amokläufer rächt sich für sein Gefühl des Scheiterns an allen, die ihm gerade über den Weg laufen. Mit der Waffe in der Hand ist er nicht mehr klein und verloren, er verbreitet damit Angst und Schrecken und ist endlich wer. Man respektiert ihn, so, wie einem Mann Respekt gebührt: Man fürchtet ihn. Er glaubt, damit sein Selbstbewusstsein ins männliche Lot zu rücken. Lieber geht er als Killer in die Geschichte ein denn als ein Niemand. Die Welt soll seinen Namen kennen.
Die Pervertierung dieser Idee ist der IS. Dessen Mitglieder zelebrieren die archaischste Form der Männlichkeit überhaupt; sie posieren mit schwarzen, furchteinflössenden Henkermasken und immer mit Waffen. Sie erniedrigen, versklaven, foltern, töten. Sie verstehen Männlichkeit als absoluten und naturgegebenen Anspruch auf Dominanz und Herrschertum, fordern von allen anderen Gehorsam und Unterwerfung.
Diese Männer sind stehen geblieben, während die Welt um sie herum sich verändert hat. Sie reagieren trotzig und nach dem uralten Muster der Gewalt, wenn sie auf Ablehnung stossen oder sich machtlos fühlen. In ihrer blinden Wut machen sie alle anderen für ihre Lage verantwortlich und gern auch den Feminismus, der das Maskuline entwertet haben soll.
Dabei könnten sie doch just diesen als Befreiung verstehen. Er erlaubt ihnen, endlich nicht mehr diese verkrampfte Stärke an den Tag legen zu müssen, die nicht nur unmenschlich ist, sondern ihnen ohnehin nie jemand wirklich abkaufte. ...


Aus: "Weibliche Breiviks gibt es nicht" Bettina Weber (24.07.2016)
Quelle: http://www.sonntagszeitung.ch/read/sz_24_07_2016/fokus/Weibliche-Breiviks-gibt-es-nicht-69517

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« Reply #39 on: Oktober 06, 2016, 10:30:09 vorm. »
Quote
[...] Der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit über das Erlernen von Aggression, brutale Rituale und Frauen als Giftmörderinnen.

... Der Mannkörper, der kulturell historisch darauf gedrillt ist, seine emotionalen Problematiken in muskulären Aktionen nach außen zu richten, „gegen“ Andere, ist keine Frauenphantasie, sondern eine Tatsache. Sie gilt bis heute. Dass Männer unter Belastung eher aggressiv (nach außen) werden und Frauen eher depressiv (nach innen), ist vielfach belegt. Vieles davon löst sich in modernen differenzierten Gesellschaften zwar auf; in den meisten Gesellschaften der Erde ist die männliche Gewaltdominanz aber nach wie vor gesetzlich abgesichert. Was nicht heißt, dass Mütter ihre Kinder nicht auch manchmal schlagen. Ihren Männern gegenüber wäre das jedoch lebensgefährlich. ... Was in der einen Gesellschaft historisch überholt ist, ist in der andern aktuell und gültig. In den Ländern der Erde, in denen sich eine Politik der Gleichheit der Geschlechter langsam durchsetzt, „dürfen“ Männer selbstverständlich auch schwach sein. Das hängt davon ab, ob sie Menschen in der Umgebung finden, Frauen, Männer, Kinder, die das zulassen. Die Gewalterfahrung mildert sich ab, wenn man sie mit anderen teilen kann; es eröffnen sich Wege gewaltfreieren Verhaltens, bei sich selber wie bei den anderen. ... Die Arten der Gewalt nach Geschlechtern zu unterteilen, ist aber möglich. Gewalt durch Frauen geschieht auf anderen Feldern als den männlichen. Frauen können ihre Kinder ablehnen oder quälen; sie können sich untereinander tödlich konkurrierend oder gemein verhalten. Sie führen die Giftmordstatistik an. Sie können anderen, wie man sagt, das Leben zur Hölle machen. Sie sind eine andere Art Gewalttäter als Männer. Sie sind nicht die Vollstrecker körperlicher Zerstörungsgewalt; diese ist fast immer männlich, überall auf der Welt. Männer schlagen Frauen; umgekehrt passiert das selten. Frauengruppen, die mit Macheten oder Kalaschnikows herumziehen, andere menschliche Körper in trancehaften Lustzuständen jubelnd zerstören und sich damit brüsten, gibt es nirgends auf der Welt.

... Die Wutempfindungen und Zerstörungsphantasien von Frauen sind vermutlich nicht schwächer als bei Männern oder Kindern. Aber der Impuls, sie körperlich aktiv umzusetzen, ist bei Frauen geringer; auch sind die gesellschaftlichen Angebote, Aggressionen auszuagieren – Kampfsportarten, Hooliganismus, Schießvereine, motorisierte Rockergangs – eher auf Männer zugeschnitten, auch wenn sich einzelne Frauen dort einfinden. Die den Frauen in den meisten Gesellschaften antrainierte Hemmschwelle liegt erheblich höher. Und viele von ihnen glauben, was ihnen beigebracht worden ist: „Wir sind das friedlichere Geschlecht.“

...


Aus: "Interview „Körperliche Gewalt ist zu 90 Prozent männlich“" Bascha Mika und Julia Hildebrandt (30. September 2016)
Quelle: http://www.fr-online.de/fr-serie--auf-die-fresse-/interview---koerperliche-gewalt-ist-zu-90-prozent-maennlich--,34810614,34816738.html


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« Reply #40 on: November 16, 2016, 01:25:14 nachm. »
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Peter Rehberg - Der Autor ist Affiliated Fellow am ICI in Berlin, wo er die Arbeiten zu dem Buchprojekt „Hipster Porn: Queere Männlichkeiten, affektive Sexualitäten und Neue Medien“ abschließt.

Wie queer ist der Hipster? - Er gibt sich postphallisch. Doch die Inszenierung seiner Männlichkeit ist nur scheinbar zurückhaltend: Sein Bart steht für „natürliche“ Maskulinität. Seit den 2000ern ist popkulturell ein Männertypus in Erscheinung getreten, der seine Maskulinität nicht mehr plakativ in Szene setzen muss: der Hipster. Eine lässige Figur, deren eklektischer Stil sich auf den ersten Blick zu keinem Bild machtvoller Männlichkeit fügt. Der Hipster erscheint ebenso hybrid wie transnational, er bevölkert die Cafés in Brooklyn oder Berlin-Neukölln.
Das Repertoire seiner Stile und Gesten verdankt sich verschiedenen Archiven der Jugendkultur nach 1945. Der Hipster ist eine Neuauflage einer Männerfigur – Frauen kommen im Hipster-Diskurs kaum vor –, die der Schriftsteller Norman Mailer Ende der 1950er Jahre als White Negro beschrieben hatte. Weiße Jungs mit Collegeabschluss tun so, als seien sie schwarze Outcasts. Wie die Beat-Poeten. Dabei geht es zunächst um eine Aneignung schwarzer Sexualität durch Weiße. Äußerlich reklamierte der Hipster zugleich auch seine Nähe zum White Trash – der US-amerikanischen Unterschicht. Mit seinen erkennbaren Zeichen, Trucker-Cap, Flanellhemd und Unterarm-Tattoos betreibt er somit eine Art von ethnischem und sozialem Crossdressing. ... Der Hipster präsentiert eine weniger aufdringliche Maskulinität. Er zeigt sich ermüdet von den Gesten aggressiver Männlichkeit. Mit seiner coolen Nachlässigkeit scheint er bereit, sein Mannsein neu zu verhandeln. Mit seinem Verweis auf verschiedene Maskulinitätskulturen – den Unterschichtsmann, den Schwarzen – bietet der Hipster eine Form der männlichen Maskerade an. Diese zitathaften Aneignungen arbeiten einem Habitus zu, der sein Gender nicht ausnahmslos bekräftigt. Seine Performance lässt sich so als postphallisch entziffern. ... Einerseits wird mit der unaufdringlichen Lässigkeit des Hipsters zwar die Geschlossenheit des Prinzips Maskulinität aufgebrochen. Gleichzeitig etabliert sich der Wert des Hipsters aber über eine Vorstellung von Natürlichkeit: Die Coolness des Hipsters funktioniert nur, solange die Nerd-Brille vom Bart gerahmt bleibt. ...
Unter dem Vorwand einer hippen Postphallizität kommt eine „natürliche Männlichkeit“ ungehindert zum Zuge. Die Performanz von Gender kann noch so postphallisch sein, so ließe sich sagen, solange sie gleichzeitig als „Natürlichkeit“ abgesichert ist, bleiben diese Inszenierungen risikolos. Steht die Natürlichkeit von Sex selbst nicht zur Disposition, können Maskulinitätsexperimente mit großer Gelassenheit hingenommen werden. Ja, gerade diese Gelassenheit arbeitet dann der „Natürlichkeit“ des männlichen Geschlechts weiterhin zu.
Ein großer Teil popkultureller Männerbilder, die seit den 2000ern im Umlauf sind, funktioniert auf diese Weise. ... Die Idee von Männlichkeit bleibt hier nicht nur intakt, sie wird gefeiert. Wir haben es hier mit einem Butch-Turn zu tun, einem symbolpolitischen Backlash. Genderpolitisch ist der Hipster eine konservative Figur. ... Der Bart – den ja nicht nur die Hipster, sondern auch die Fantasy-Helden von „Game of Thrones“ und „Vikings“ stolz tragen – wäre also eine der letzten Waffen, Männlichkeit zu behaupten, innerhalb einer Kultur, die seine Geschlechtsinszenierungen ansonsten immer weniger überzeugend findet.

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wil 16.11.2016, 02:31

mir stellt sich angesichts dieser überdrehten soziologen-wortorgie eigentlich nur die eine frage: wer braucht sie wirklich? männer, die sich mit haaren ihr gesicht zuwachsen lassen, es dadurch unkenntlich machen und irgendwie alle gleich, nachpubertär und unendlich unsexy-langweilig aussehen?


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anamoli 16.11.2016, 10:46

Da hat sich aber einer im Gender-Sex-Dschungel verlaufen. Hipster ist mittlerweile Mainstrem, also eine Mode, die zwar die Attraktivität steigern soll, aber auf Grundlage des Trendy-Herdentriebs. Selbstreflektorisch hinsichtlich der geschlechtlichen Identität ist da nicht viel. Es wird einfach nur abgekupfert, was da nach Bohème riechen könnte; Also völlig normale Hochstapelei.


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roi 16.11.2016, 10:38

Was genau soll "schwarze Sexualität" sein?
Erwarten diese bärtigen Hipster eigentlich das Frauen sich die Beine rassieren? Würde mich mal rassieren, äh...interessieren meinte ich...


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Zuckerstreuer 16.11.2016, 06:02

könnte mir jemand erklären was schwarze Sexualität ist und wodurch sie sich von weißer Sexualität unterscheidet.


Quote
Alfred Sauer 15.11.2016, 22:47

Das ist jetzt Satire oder? Könnte von Monty Python stammen. "Nehmen wir an, das ihr euch darauf einigt das Loretta keine Babys bekommen kann, woran niemand schuld ist, nicht mal die Römer! Aber das er das absolute Recht hat Babys zu bekommen."


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sart 15.11.2016, 22:29

Diesen Ansatz bzgl. der Hipster finde ich durchaus interessant.
Dass die sich dabei tatsächlich was denken, habe ich bislang noch nie in Betracht bezogen.


Quote
Jaeh 16.11.2016, 00:10

@sart Die Analyse besagt nicht, dass der "Hipster" sich dieses alles denkt. Das ist sogar eher unwahrscheinlich. Denn dies wird habituell in der Praxis schlicht vollzogen und wird in dem Text reflexiv eingeholt und entfaltet. Lebenweltliches agieren ist viel zu "dicht" um es kognitiv immer eins zu eins zu begleiten. Hipster ist also keine Strategie, kein intendiertes Rollenverhalten, sondern im Sinne des Textes quasi live vollzogen, unmittelbar entspringend einer großstädtisch-postmodernen Diskursivität, die dann diesen Still erstmal einfach cool, angesagt, nachahmendwert macht. Wer dies derart reflexiv nachvollzieht wird dann eher ablassen von solch einem Verhalten, da es nicht mehr als authentisch unmittelbar erlebbar ist.


Quote
Michl Mond
15.11.2016, 22:01

Nachdem ich genervt nach 75% des Textes aufgehört habe zu lesen, wie queer ist er jetzt, der Hipster?

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supergeil
15.11.2016, 22:14

@Michl Mond Musste dich bei Hipster-Studies einschreiben....




Aus: "Gender als Lifestyle - Wie queer ist der Hipster?" (15. 11. 2016)
Quelle: https://www.taz.de/Gender-als-Lifestyle/!5353672/

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« Reply #41 on: April 23, 2018, 05:21:55 nachm. »
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[...] Dominik Finkelde SJ, geb. 1970, ist ein deutscher Jesuitenpater und Professor für Philosophie an der Hochschule für Philosophie München. 2016 erschien im Verlag Vorwerk 8 sein Buch «Phantaschismus. Von der totalitären Versuchung unserer Demokratie».

Sigmund Freud beschreibt in seinem berühmten Essay «Totem und Tabu» aus dem Jahr 1913 eine vorzivilisatorische Urhorde. Sie wird von einem Übervater beziehungsweise Urvater angeführt. Er ist dem «Silberrücken» bei Gorillahorden nicht unähnlich und folglich eine unangefochtene Macht in seiner Herde. Er ist aber auch die geniessende Ausnahme. Denn er kann sich zum Beispiel jedes Weibchen aus der Horde greifen, wie es ihm beliebt, ohne dass seine Begehrensansprüche durch andere Männchen begrenzt werden. Aus diesem Grund wird der Urvater gemäss Freuds spekulativem Mythos vom Ursprung der Kultur am Ende auch von den sogenannten Brüdern erschlagen. Freud schreibt: «Eines Tages taten sich die ausgetriebenen Brüder zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater.»

In Zeiten von Donald Trump erleben wir nun ein Revival dieser Denkfigur des Übervaters, da Ersterer wie Letzterer ununterbrochen zu geniessen scheint. Trump zelebriert sich nahezu tagtäglich als die Ausnahme anerkannter Ordnungen und findet daran zum Verdruss seiner politischen Gegner Gefallen. Er hält sich nicht mit polemischen Angriffen gegen politische Kontrahenten zurück und bekennt sich offen zu einer patriarchalen Ordnung, in der die Begehren von Männern frei von Feminismus und politischer Korrektheit ungebrochen sein dürfen, was sie sind: natürliche Bedürfnisse. Für sexuelle Übergriffe, die er in der Vergangenheit begangen haben soll, muss er sich denn (bis jetzt) auch nicht verantworten.

Gerade durch Umstände wie diese aber verkörpert Trump für seine Anhänger eine utopische Figur, eine Form politischer Autarkie. In Zeiten, da zahlreiche politische Bewegungen auftreten, um etwa die Rechte von Belästigungsopfern (#MeToo), legalen und illegalen Einwanderern («Dreamers») oder Minderheiten («Black lives matter») einzuklagen, fühlen sich Trumps Sympathisanten offenbar immer mehr in ihren Grundrechten beschränkt. Sie sehnen sich infolgedessen nach Formen einer neuen Freiheit und wünschten, sie könnten im Bereich der Politik wie Trump alles sagen, was sie wirklich denken (auch wenn das vielleicht diskriminierend ist), und alles tun, was sie gerne täten: zum Beispiel wie Trump einmal bei einer prominenten Pornodarstellerin wie Stormy Daniels vorbeischauen, wenn ihnen, wie es in Georg Büchners «Woyzeck» heisst, «die Natur kommt».

In «Totem und Tabu» identifiziert Freud den Mord am Urvater als Ursprung der Sittlichkeit: Die Brüderhorde kommt darin überein, dass niemand mehr die Position des obersten Geniessers, des ungebändigten Übervaters, einnehmen darf. Die Autorität des Vaters wird aus Trauer über den Mord verinnerlicht, und als Heilmittel gegen die Gefahr eines obersten Geniessers wird die Utopie der gleichmässigen Verteilung von Lust propagiert. Man könnte diese Geschichte Freuds Gründungsmythos der Demokratie nennen. Denn wo einst eine ungebändigte Lust durch einen Übervater genossen wurde, darf jetzt nur noch das Geniessen als ein kollektiv verwalteter Akt toleriert werden.

Dieser Idee der Genusszähmung zugunsten einer politisch kanalisierten Verteilung steht Trump diametral entgegen. Als Übervater und Oberpatriarch, dem das Niedrige und das Obszöne nicht fremd sind, hebt er sich auch deutlich von anderen Politikerinnen und Politikern ab. Von Angela Merkel, die abschätzig «Mutti» genannt wird, ebenso wie von Theresa May, die sich offenbar nicht gegen Torys wie Boris Johnson durchsetzen kann. Und auch mit Emmanuel Macron ist Trump genusspolitisch unvergleichbar. Auch wenn man Letzteren dafür bewundert, eine ältere Frau geheiratet zu haben, scheint Trump doch auszuleben, was gemäss einem archaischen Empfinden mächtigen Männern gebührt – nämlich sich mit jüngeren Frauen zu umgeben.

Auch hinter diesem Gefühl verbirgt sich bei den Trump-Anhängern letztlich ein Freiheitsgedanke: Schön, dass es in einer von Verhaltensregeln für Gleiche unter Gleichen geprägten Ära wenigstens einen gibt, der einmal richtig auf seine Kosten kommen darf; einen, der sich alles nehmen kann, der kaufen und sagen darf, was und wie es seinem Begehren entspricht.

Doch warum sehnt sich eine bestimmte Brüderhorde im 21. Jahrhundert nach einer solchen Figur? Walter Benjamin beschreibt in seinem Text «Zur Kritik der Gewalt», wie ein Volk vor der «Gestalt des ‹grossen› Verbrechers» eine «heimliche Bewunderung» entwickelt, obwohl dieselbe eine Gefahr für das Gemeinwesen ist. Dem Verbrecher gelingt es nämlich, in das einschränkende Korsett der Rechtsstruktur eines Staates ein Loch der Singularität zu schlagen. Den grossen Verbrecher umgibt dann eine populäre Ehrfurcht, weil er den «Einspruch» gegenüber den Ordnungsformationen ausdrückt.

Trump ist kein Verbrecher, doch verkörpert er mit seiner Distanz gegenüber angestammten Formen politischer Sittlichkeit eine analoge Singularität. Sie kann heimliche Bewunderung hervorrufen; für seine Wähler kann Trump einem regelrechten Rächer ähneln. Er ist die Ausnahme, die die Grenzen der etablierten Ordnung überschreitet, oder vielmehr: Er ist derjenige, der das (traditionelle) Gesetz noch zu retten vermag. Wovor? Vor zu vielen partikularen Rechtsansprüchen, vor zu viel Humanität und Toleranz, vor zu viel Korrektheit.

Vielleicht hofft also die Brüderhorde im 21. Jahrhundert, dass die Normübertretungen des Übervaters helfen, ein altes, in ihren Augen angestammtes Recht zu retten. Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek spricht in diesem Zusammenhang von einem «nightly law», einem Gesetz des Zwielichts. Es kommt dann zum Tragen, wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen das liberale und aufgeklärt neutrale Gesetz dem Scheitern nahe sehen. Das «Recht des Zwielichts» tritt dann, so paradox es klingen mag, im Namen des Gesetzes auf: Es muss das angestammte Recht schützen und darf deshalb auch archaische und vorzivilisatorische Eigenschaften verkörpern. Žižek spricht hierbei von einem «obszönen Geniessen», das all diejenigen vereint, die die Überschreitung des Gesetzes im Namen des Gesetzes befürworten.

Trump lebt dieses Gefühl freudig wie kein anderer aus, aber auch im politischen Alltag der USA ist diese Art von Genusspolitik nicht unbekannt. Man denke etwa an paramilitärische Rangergruppen, die an der Grenze zu Mexiko mit dem Gewehr Jagd auf Einwanderer machen. Dazu fühlen sie sich berechtigt, da ihnen der Mangel an Grenzpolizisten den Zusammenbruch von Gesetz und Ordnung suggeriert. Die selbstorganisierte Grenzkontrolle tritt im Namen der patriarchalen Unterseite des normativen, aber scheiternden Gesetzes auf und provoziert ein genussvolles Wir-Gefühl.

Auch auf der aussenpolitischen Weltbühne verschafft sich das patriarchale Gesetz des Übervaters sein Recht. Wenn Trump bekanntgibt, die US-Botschaft gegen den Widerstand zahlreicher Nationen von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, schafft er Fakten – wo alle anderen mit höflichen Plädoyers und unendlichen Dialogen zur Rücksichtnahme zwischen Palästinensern und Israeli auffordern. Den – wiederum Fakten schaffenden – Ausbau jüdischer Siedlungen konnten die Europäer mit solchen Aufforderungen nie verhindern; ihre Politik erscheint erschreckend machtlos. Wird auch sie eines Tages von ihrer «Nachtseite» überwältigt und ausgehebelt?

Trump verkörpert eine Form von neuen politischen Mitteln, einer Entscheidungskraft, die sich von Anweisungen und Erwartungen abnabelt. Seine Wähler sind ihm dankbar dafür, und ihre Bewunderung zumindest nachzuvollziehen, fällt nicht schwer. In Zeiten überkomplexer Verhältnisse scheint Trump als Übervaterfigur ein Desiderat in der Psyche eines politischen Gemeinwesens zu erfüllen: geniessen zu dürfen, wie man es gewohnt war, und Entscheidungen ungeachtet aller Komplexitäten zu treffen, schlicht und einfach, weil man etwas will und für richtig hält – egal, wie andere darüber urteilen.

In diesem Sinne ist Trump auch ein Symptom der westlichen Zivilisation, die an sich selbst verzweifelt. Als Ausnahmeerscheinung, die ihre Freiheit auslebt, verkörpert diese obszöne Gestalt zugleich den Frust und die Wut auf die Form, die die Zivilisation in der Freiheit angenommen hat. Das Phänomen Trump zeigt, wie fragil die Politik in der Kanalisierung von politischen Begehren ist und wie schnell die Gestalt des «grossen Verbrechers» auftaucht, wenn der Bereich des Politischen desintegriert. Eine Nation braucht notwendig die Illusion einer Einheit, auch wenn genau über diese Illusion keine konkrete Einheit gebildet werden kann.



Aus: "Donald Trump, der archaische Übervater" Dominik Finkelde (23.4.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/im-namen-des-uebervaters-donald-trump-freud-totem-und-tabu-ld.1378229

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« Reply #42 on: August 09, 2018, 10:07:59 vorm. »
Quote
[...] Jon Turteltaubs „Meg“ dreht sich um den Kampf zwischen Mensch und Natur.  ... Wie immer wirkt Statham wie eine Fußballdiva, die sich über die Fouls der Gegner ärgert, aber hier fischt er mit seinen dämlichen Sprüchen ganz besonders im Trüben, und wenn er mit seinem Sixpack die ansonsten selbstbewusste Biologin Suyin verwirrt, will man sich doch ein wenig fremdschämen für Drehbuch und Regie.

...


Aus: "Mit Sixpack gegen einen Riesenhai" Frank Olbert (09.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/kultur/kino/neu-im-kino-meg-mit-sixpack-gegen-einen-riesenhai-a-1559271

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« Reply #43 on: August 14, 2018, 07:51:02 nachm. »
Quote
[...] Einen Tag nach dem Angriff auf einen Fanbus des Fußball-Zweitligisten 1. FC Union Berlin in Köln spricht die Polizei von einer "neuen Dimension der Gewalt nach Fußballspielen". Der gewaltsame Zwischenfall hatte sich in der Nacht zum Dienstag ereignet, nach einem Spiel des 1. FC Köln gegen Union Berlin. Der Angriff auf den Bus war nach Einschätzung der Beamten eine gezielte und geplante Aktion. Von den 28 Festgenommenen seien bis auf einen noch alle in Gewahrsam, hieß es weiter. Einige von ihnen seien als "Gewalttäter Sport" bekannt.

Rund 100 vermummte Störer – alle in weißen T-Shirts und weiß-roten Sturmhauben – hatten nach Darstellung der Polizei zunächst einen polizeibegleiteten Fanbus vor einer Autobahnauffahrt mit Steinen attackiert. Aus dem Berliner Fanbus stürmten dann laut Polizei ebenfalls vermummte Störer. Die Einsatzkräfte drängten diese in den Bus zurück und die Kölner Angreifer auf einen nahe gelegenen Parkplatz. Von dort aus seien viele in unbeleuchteten Autos geflüchtet, hätten dabei gezielt Kurs auf Polizisten und Polizistinnen genommen und alle Anhalte-Aufrufe missachtet.

Polizeipräsident Uwe Jacob sprach in einer Pressekonferenz von "blankem Hass" und einem "nicht hinnehmbaren Angriff auf unser Rechtssystem". Dass niemand verletzt wurde, sei "irgendwo auch ein Wunder". Jacob nannte es erschreckend, dass sogar die Begleitung der Fanbusse durch die Polizei kein Hindernis gewesen sei, "sinnlose Gewalt" zu verüben.

Die Polizei beschlagnahmte sechs Fahrzeuge, mehrere Schlagstöcke, Pyrotechnik und andere gefährliche Gegenstände. Natalie Neuen von der Kölner Staatsanwaltschaft sagte, in den nächsten Tagen werde geprüft, "inwiefern wir Haftbefehle beantragen". Kripo-Leiter Becker zufolge gibt es Hinweise, dass die Kölner Störer von polizeibekannten Personen aus der Dortmunder Szene unterstützt wurden. Polizei und Justiz müssten auf "zunehmende Radikalisierung" reagieren. "Sonst haben wir bald keine Fußballspiele mehr, sondern befassen uns nur noch mit Gewalt im Fußball."

Der 1. FC Köln betonte, er verurteile Gewalt "ohne Wenn und Aber". Das habe man wiederholt zum Ausdruck gebracht und daran habe sich nichts geändert. "Nach unseren derzeitigen Informationen waren an den Vorfällen offenbar auch Personen beteiligt, die vom 1. FC Köln bereits mit einem Stadionverbot belegt sind", hieß es in einer Stellungnahme. "Das zeigt: Außerhalb des Stadions und abseits unserer Spiele sind die Vereine im Kampf gegen Gewalt auf Polizei und Justiz angewiesen."

Die Kriminalpolizei untersucht die Vorfälle nun mit einer Sonderermittlungsgruppe Paul, da sich die Ausschreitungen "Auf dem Paulsacker" ereigneten. Schwere Straftaten wie Landfriedensbruch, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr und Verstöße gegen das Versammlungsgesetz stehen im Raum, wie der Kölner Kripo-Leiter Klaus-Stephan Becker in der Pressekonferenz sagte. Alle Festgenommenen zeigten sich bisher "vollkommen unkooperativ". Ihre Handys würden ausgewertet.

Die Beamten werden bei ihren Ermittlungen auch alle 77 Insassen des Berliner Fanbusses überprüfen. Man habe das Fahrzeug zum Präsidium eskortiert und dort alle Personalien festgestellt, sagte Becker. Es werde unter anderem der Frage nachgegangen, ob die Angriffe nicht nur unter den Kölnern zuvor abgesprochen waren, sondern es möglicherweise auch Verabredungen zur Gewalt zwischen Kölnern und Berlinern gab.

Quote
matotope #1.3

Der Proll schwört auf MMA.


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matotope #3

Für Stein- & Flaschenwürfe bekamen einige nach G20 bis zu drei Jahre aufgebrummt, mal sehen wie das hier ausgeht.


Quote
Martin Köster #5

wenn ich mir das durchlese, wenn ein bestimmter teil der bevölkerung noch nicht mal in frieden mit einem konkurrierenden fußballverein leben kann, dann muß man sich nicht wundern welche aggression den flüchtlingen und schutzsuchenden entgegenschlägt.
auf den schützenfesten prügelt man sich sogar mit den bewohnern des nachbardorfs, weil die "die anderen" sind.
da laufen primitivste biochemische vorgänge in den hirnen ab ...

richtig absurd wird es aber, wenn diese hooligans sich dann im rechtsextremen milieu wiederfinden, als verteidiger unseres "vaterlands" ...

meiner meinung geht es immer nur darum einen ideologischen grund zur ausübung seiner sadistischen und gewaltaffinen triebe zu finden; mit vaterland oder überfremdung hat das sehr wenig zu tun ... es geht nur um den rausch und primitivste machtausübung moralisch/ethisch kompromittierter seelen am rande eines pathologisch zu nennenden befundes ...


Quote
vincentvision
#8  —  vor 27 Minuten 3

Bezeichnend, dass diejenigen, die beim G20-Gipfel und seinen Gewaltexzessen den Untergang des Abendlandes verorteten, angesichts solcher und ähnlicher Exzesse sehr still sind.

Denn Woche für Woche müssen Hunderschaften an Polizei ausrücken, um durchgeknallte Hooligans voneinander zu trennen und die Fans von x Fußballspielen in ihren Zügen und Fankurven zu sichern und zu separieren.

Oft genug auch unter Gewalt und Auschreitungen. ...


Quote
Huanaco #17

Es zeigt sich, dass Fanprojekte offenbar bei einigen sogenannten Fans nichts fruchten. Vor lauter Langeweile verabredet man sich zu einer Prügelei, weil man mit sich und der Welt nichts anzufangen weiß. Ausgeschlagene Zähne, gebrochene Nasenbeine, blutende Platzwunden dienen als Beweis einer Männlichkeit, die das genaue Gegenteil von LGBT verkörpern und in eine Zeit zurück will, als der Mann noch als ganzer Kerl zählte, der sich wie einst auf mittelalterlichen Ritterturnieren um die Huld eines Weibes prügelte. "Der will nur spielen", heißt es, wenn ein gemeiner Straßenköter sich in meine Jeans verbeißt. Das können wir den Prügelnden nicht durchgehen lassen. "Denn sie wissen nicht, was sie tun." Nehmen Sie es biblisch oder mit James Dean. Ob Prügelei oder verbotenes Autorennen. Die Ursachen sind m. E. die gleichen. Es gilt wieder als männlich, "sein Recht" in die eigene Hand zu nehmen. Notfalls eben auch, indem das Recht des/der anderen missachtet wird. Man hat keine Argumente, aber Fäuste. Und die Eltern kennen oft nicht einmal "die Freunde" ihres Sohnes (die aus der Wirklichkeit, die bei fatzebuk ohnehin nicht). Ob Strafen die Prügelnden erreichen, weiß ich nicht. Noch gilt es in den Fangruppen als cool, wie ein Märtyrer in den Knast zu kommen. ...


...


Aus: "Polizei sieht in Angriff auf Fanbus neue Dimension der Gewalt" (14. August 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/sport/2018-08/gewalttaeter-sport-fc-union-berlin-angriff-koeln-fanbus-planung-aktion

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« Reply #44 on: Oktober 11, 2018, 12:16:04 nachm. »
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[...] Auf 4 Blocks konnten sich erstaunlicherweise alle einigen: die Feuilletons wie die Jungs auf den Straßen Neuköllns. "In Berlin spricht man jetzt Arabisch", wurde zum geflügelten Wort. Auf Instagram inszenierten sich junge Männer im Stil der Serie. Der Hauptdarsteller Kida Khodr Ramadan erzählte während der Dreharbeiten, er werde inzwischen nur noch als Toni Hamady angesprochen – von den Jugendlichen auf der Sonnenallee oder "von Sigmar Gabriel". Die Sets für die zweite Staffel mussten abgeriegelt werden. Wegen der Fans, die überall gleich zur Stelle waren.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Verbrechensbekämpfung in Berlin provoziert genau diese Verehrung immer deutlichere Kritik an der Serie. Polizeiliche Ermittler sagten Reportern der ZEIT, die Serie kotze sie an, weil sie das Gangstertum glorifiziere und junge Männer im Kiez animiere, den Filmfiguren nachzueifern.

Der Vorwurf, dass Gangster- und Mafiaerzählungen das Milieu glorifizierten und dadurch implizit verstärkten, ist nicht neu. Würde man einen strengen moralischen Kompass anlegen, müsste man den Paten, Mean Streets und Scarface aus dem filmischen Kanon werfen. Natürlich darf man über Verbrechen fiktional erzählen und man kann dem Publikum – auch wenn es cineastisch anders sozialisiert ist als der Arthouse-Kinogänger – ruhig zutrauen, dass es zwischen Kunstform und Realität unterscheiden kann. Schwieriger wird es, wenn sich Fiktion und Wirklichkeit so eng miteinander verzahnen, dass die Trennschärfe verloren geht. Das galt etwa für Roberto Savianos Serienadaption seines Buches Gomorrha. Italienische Medien berichten, dass Jugendliche im Stadtteil Scampia, der sowohl Drehort der Serie ist als auch als größter Einflussbereich der Camorra in Neapel gilt, ihre Serienhelden bis auf die Tattoos kopierten. Der größte Traum vieler sei es, einmal als Statist in Gomorrha aufzutreten. Fahnder beklagen zudem, es sei seit dem Start der Serie noch schwerer geworden, gegen die Mafia vorzugehen, weil die Serie sie verherrliche.

4 Blocks ging sogar noch einen Schritt weiter, indem es die Kontakte einiger Darsteller ins Milieu zu Recherchezwecken nutze. So erzählte der Regisseur Marvin Kren freimütig in der ZEIT, der Hauptdarsteller Ramadan habe ihm "die wirklichen Schlüsselspieler, die wirklichen Toni Hamadys vorgestellt". Der Gangsterrapper Massiv wiederum, der in der Serie Tonis Schwager spielt, ist befreundet mit Ashraf R., dem Onkel jener jungen Männer, denen vorgeworfen wird, eine riesige Goldmünze aus dem Bode-Museum entwendet zu haben (die ZEIT berichtete). Massiv widmete seinem ehemaligen Manager, der im Übrigen auch der neue Beschützer von Bushido ist, seit dem dieser sich öffentlich von Arafat Abou-Chaker losgesagt hat, 2011 folgende Songzeilen: "Glaub mir, seine Waffe lässt er niemals aus der Hand los! (...) Sein Leben ist im Film und das Drehbuch ist verfasst. (...) Hier wird das Wort Ehre neu definiert."

...  Ganze Genres wie der Gangsterrap leben von dem undurchsichtigen Spiel ihrer Interpreten: Sind sie echte Kriminelle oder besonders schillernde Kunstfiguren?

... In den ersten sechs Episoden hatte 4 Blocks vor allem das Was erzählt: dass es eine Parallelwelt mitten in Berlin gibt, die völlig autark und weitgehend unbehelligt nach ihren eigenen Gesetzen lebt. Ein Jahr und viele reale Ereignisse später sind die Zuschauer nun auf einem anderen Stand. Daher müsste es nun um das Wie und das Warum gehen. Wie kann es sein, dass Menschen, die als Sozialhilfeempfänger registriert sind, Immobilien in Millionenwert erwerben können? Wie funktionieren die Geldströme aus dem Libanon? Warum kann man den Clans juristisch so schwer beikommen? Inwiefern haben Behörden, Politik und private Unternehmen weggeschaut?

Auf all diese Fragen gehen die neuen Folgen von 4 Blocks nicht ein. Sie genügen sich darin, ihre bärtigen Protagonisten durch schauerliche oder goldglänzende Kulissen zu scheuchen. Und so muss sich diese zweite Staffel tatsächlich den Vorwurf gefallen lassen, Verbrechensfolklore zu betreiben.


Aus: "Guter Stoff? Kannste strecken" Eine Rezension von Carolin Ströbele (10. Oktober 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/film/2018-10/4-blocks-berlin-neukoelln-gangster-clan-serie-staffel-zwei/komplettansicht

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« Reply #45 on: Juli 08, 2019, 11:14:07 vorm. »
Quote
[...] Aus Telefonüberwachungen weiß man, dass eine wachsende Zahl von Ehefrauen, Müttern, Schwestern und Töchtern genervt ist vom ewigen Machogehabe ihrer Väter, Männer, Brüder und Söhne. Viele Frauen haben es satt, die Männer im Gefängnis zu besuchen und dass die Polizei am frühen Morgen anlässlich einer Razzia im Schlafzimmer steht. ... Etliche Mädchen und Frauen dieser Clans sind weit bildungshungriger als die Männer. Sie wollen einen Schulabschluss, einen Beruf erlernen, vielleicht studieren und arbeiten. ...


Aus: "Fünf vor acht / Clan-Kriminalität: Den Familien permanent auf die Nerven gehen" Aus einer Kolumne von Martin Klingst (8. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2019-07/clan-kriminalitaet-grossfamilien-parallelgesellschaften/komplettansicht

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[...] Von Odysseus und Siegfried bis zu Superman: Helden wurden immer schon bewundert und verehrt. Der Held der Mythologie und der Sage – das ist stets eine Figur mit übermenschlichen Kräften, die per Definition Großes, ja Übergroßes vollbringt. Die Helden des Mythos gibt es nicht mehr. Heroismus gilt heute als Relikt einer vormodernen, archaischen Zeit, der Held als potenziell gefährlicher Kraftkerl und Extremist. Und doch brauchen wir gerade heute "Helden", die sich unerschrocken ihrer Aufgabe stellen. Was bedeutet Heldentum wirklich?

Der Held – das war zunächst einmal immer ein Mann. Das lateinische Wort vir meint Mann und Held zugleich. Der Held kam vor dem Patriarchat. Ein "Held", so belehrt der Duden, sei eine "Person, die sich in bewundernswerter und vorbildlicher Weise persönlich einsetzt". Das Wort "Held" leitet sich ab vom altgermanischen Substantiv Halil oder Halub. Es bedeutet so viel wie "Krieger" – oder schlicht: "Mann". Ein Heros, das war ein Held in der griechischen Mythologie, ein Halbgott zumeist oder einer, der wenigstens als ein solcher verehrt wurde; daher stammt nicht nur das Adjektiv "heroisch" (für heldenmütig, heldisch, erhaben), sondern auch der "Held" unter den Opioiden: das "Heroin".

Der Heros der Mythologie und der Sage – das ist eine überlebensgroße Figur, furchtlos, durchtrieben, tollkühn, aber nicht wirklich weise. Einer, der nicht selten aus allzu menschlichen Motiven handelt. Da ist Gilgamesch, der aus Trauer über seinen toten Freund selbst unsterblich werden will. Da ist der beinahe unverwundbare Achill, Held des Trojanischen Krieges, der sich beleidigt aus dem Kampf zurückzieht, weil ihm Agamemnon eine Frau wegschnappte; die "Ilias" besingt seinen Zorn. Da ist Siegfried, der Drachentöter aus dem "Nibelungenlied", der gern mal eine Frau flachlegt, wenn es seinen Zwecken dient. Und da ist Odysseus, der sich nach Penelope verzehrt und doch vor lauter heroischer Abenteuerlust nicht umhin kann, auf dem Weg nach Ithaka zehn Jahre zu vertrödeln.

Das Problem des Ur-Helden war seit je seine Tendenz, ein Desaster anzurichten. Ihm fehlte die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion, die Fähigkeit, hinter den eigenen Standpunkt zurückzutreten. Mit anderen Worten: Der archaische Held hat kein modernes Selbst – sondern eher ein kindliches, kindisches Naturell. Auch Achill war trotz aller Stärke und Kühnheit ein Kind, das mit seiner beleidigten Wut-Reaktion seine Kampfgenossen fast in den Untergang stürzte. Ähnliche Muster erkennt man bei Donald Trump. "Wir werden mit Feuer und Zorn antworten", schleuderte der US-Präsident dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un in einem besonders großen Hulk-Moment entgegen, als dieser ihm mit Atomwaffen gedroht hatte. Das Problem mit der heroischen Männlichkeit ist, dass sie nicht wirklich reif, sondern eben oft kindisch ausfällt.

Der klassische Held darf nicht reifen, nicht erwachsen werden, weil er früh sterben muss. Der tragische Tod des Achill verbürgt scheinbar sein starkes, intensives Leben. Die Sehnsucht nach dem Heroischen ist vielleicht auch die Sehnsucht des Mannes nach ewiger Jugend, ewiger Virilität, ewiger Potenz. Das gilt umso mehr für den Mann mit Populisten-Hirn. Und erst recht für den Profi-Populisten. Wie der tragische Tod Achills auf dem trojanischen Schlachtfeld schon vom Schicksal vorgezeichnet ist, so muss auch der Populist zwangsläufig scheitern. Er verliert seinen Kampf an seine eruptive Engstirnigkeit, die letztlich alles in den Abgrund reißt. Am Ende auch ihn selbst.

Wenn wir den Mann heute verstehen wollen, müssen wir uns mit seinem Ursprung auseinandersetzen: dem archaischen Heros. Der Ur-Held vollbringt per Definition Großes, Übergroßes. Doch nicht nur das Siegen, auch das Scheitern ist ein integraler Bestandteil des Heroismus. Der Held ist eine zutiefst fragwürdige, ambivalente Figur. Zwar besticht er durch seinen Mut und die Kompromisslosigkeit, mit der er seine Sache durchzieht. Oft schützt er Frauen vor der Vergewaltigung, so wie Herakles, der dafür sogar mit dem Leben bezahlt. Doch makellose, moralisch völlig integre Helden gab es nie und wird es auch nie geben (nicht mal auf Netflix). Schon die Helden der griechischen Mythologie haben ihre Schattenseiten. Mit kaum einem von ihnen nimmt es ein gutes Ende.

Der Ur-Held ist kein Sittenwächter oder Tugendapostel, sondern ein zupackender Kraftkerl, ein Macho, könnte man sagen, zuständig für die ganz harten, gefährlichen Aufgaben. Ein beherztes Muskelpaket, das nebenher auch in weniger ehrenwerten Disziplinen brilliert, etwa im Konkurrenten-Ausschalten und Weiber-Vernaschen. So wie die griechischen Götter ist auch der griechische Held kein Heiliger. Was für den Helden zählt – das Einzige, was zählt –, das ist die Aufgabe, die Tat, die zu vollbringen ist.

In diesem Sinne diagnostizierte der Mythenforscher Joseph Campbell (1904–1987) in den unzähligen Heldengeschichten, die es in allen Kulturen gibt, einen einzigen heroischen "Monomythos". Immer hat der Held einen Job zu erledigen, und stets muss er zu diesem Zwecke eine Reihe Herausforderungen, Prüfungen und Abenteuer bestehen. Der griechische Held Iason holt das geraubte Goldene Vlies zurück, Parzifal sucht nach dem Heiligen Gral, Buddha nach Erleuchtung. Der wahre Held opfert sein Leben für etwas, das "größer ist" als er selbst. Der Ur-Heros besticht durch seinen Drang zur Expansion, sein Streben nach Singularität, Potenz und Transzendenz wie durch seinen Extremismus, sein Genie, seine Irrationalität. Der echte Heroismus zielt weniger auf Kooperation als auf Autonomie. Er liegt in der Ausschließlichkeit der Selbstüberwindung.

Ur-Helden gibt es nicht mehr, und gerade deshalb werden sie bewundert. Die, die ihnen heute vage ähneln, zeichnet man gelegentlich mit dem Bundesverdienstkreuz aus oder verleiht ihnen – wie in Frankreich jenem Flüchtling aus Mali, der vor einiger Zeit als "Spiderman von Paris" eine Fassade erklomm, um ein Kleinkind zu retten, das vom Balkon zu stürzen drohte – die Staatsbürgerschaft. Aber erst wenn von Amts wegen die Unbedenklichkeit geklärt ist. Das 20. Jahrhundert sah schon zu viele maligne Heroen, zu viele "Heldentode". Das 21. Jahrhundert hat genug vom Sterben und Töten, von einer Ära, in der der deutsche "Übermensch" sechs Millionen "Untermenschen" ermordete. Heute werden Monster präventiv eingehegt. Potenzielle Helden, die (wie einst Odysseus) als Penner herumlaufen, verlegt man in Obdachlosenheime, um streunende einäugige Riesen kümmert sich die Polizei, und Drachen stehen unter Tierschutz.

Der archaische Held ist tot. Aber es waren ganz sicher nicht die Frauen, die ihn umbrachten. Es war das Patriarchat, die von den Heroen selbst errichtete männliche Vorherrschaft. Die Geschichte des Patriarchats ist auch eine Geschichte der Zivilisierung und Sublimierung des männlichen Heroismus, allen zeitweiligen Rückschritten zum Trotz. Der Heroismus des Mannes hat das Patriarchat hervorgebracht – und das Patriarchat hat den Helden getötet. Oder vielmehr: Es hat ihn auf Lebensgröße geschrumpft.

In den ersten Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte ergänzten sich Mann und Frau gleichsam komplementär. Männer versorgten Frauen und Kinder, initiierten ihre Söhne und gingen auf die Jagd. Der Jäger – mutig, innovativ, stark: Prototyp des Helden. Der Mann war der Heros, aber die Frau war eigentlich die Potente. Denn sie allein konnte dem stets drohenden Tod den Mittelfinger zeigen: durch ihre Fähigkeit, neues Leben zu gebären.

Die ersten Götter waren Göttinnen. Die berühmte Figurine der Venus von Willendorf (um 30.000 v. Chr.) imponiert mit ausladenden weiblichen Rundungen, die vor Fruchtbarkeit nur so strotzen. Erst im mittleren Neolithikum, als der Mann Viehzucht und Ackerbau erfand, begann sich das Blatt zu wenden. Der Mann akkumulierte Privateigentum und fing an, anzusagen: Plötzlich war sein ökonomischer Reichtum mehr wert als ihr biologischer Schatz. Plötzlich beanspruchte er das Besitzrecht für sich. Er erklärte Frauen und Kinder zu seinen Frauen und Kindern. Die athenische Demokratie des 5. vorchristlichen Jahrhunderts machte die männliche Vorherrschaft – das "strenge Patriarchat" (Elisabeth Badinter) – dann endgültig zum Standardfall. Mit der Institutionalisierung von Viehzucht und Ackerbau wurden auch die Götter männlich.

Mann und Frau drifteten in zwei verschiedene hierarchisch getrennte Sphären auseinander. Der Mann in die Sphäre der Technik, der Ratio, der Souveränität, die Frau in die der Sorge, der Emotion, der Abhängigkeit. Die Eroberung neuer Kontinente, die Erschließung neuer Märkte, die Wende von einem religiösen zu einem mehr und mehr naturwissenschaftlich geprägten Weltbild brachte das Patriarchat Ende des 16. Jahrhunderts voll zum Erblühen – und bewirkte eine zunehmende Verhärtung der sexistisch ausgelegten geschlechterbinären Grenzen. Für den Reformator Johannes Calvin (1509–1564) verkörperte der Mann die Vernunft, die Frau den Leib. Das Patriarchat platzte fast vor Macht.

Erst durch die Industrialisierung begann das Patriarchat (ideologisch) zu erodieren. Die Fabrikarbeit deformierte es zu einer strukturell unheroischen, langweiligen Angelegenheit. Die Digitalisierung hat diesen Prozess noch verschärft. Heute ist das in Institutionen, Organisationen, Bürokratien aufgehobene "Patriarchat" zu einer diffusen Kategorie verkommen. Sein Geist herrscht überall dort, wo institutionalisierte Männlichkeit herrscht. Im Office ist noch Platz für Platzhirsche, aber nicht mehr für den klassischen Heroismus.

Zwischen Bildschirmen, Konferenztischen und Tischtenniszonen ist Herkules auf die Dimension des "Knotenmanns" geschrumpft (wie in dem 1977 erschienenen Roman Le und die Knotenmänner der Dänin Herdis Moellehave). Der leitende männliche Angestellte besiegt keine wilden Tiere mehr, er trägt eine Krawatte, und sein Krawattenknoten entspricht der Verknotung seiner Gefühlswelt.

Der Manager durchschlägt "gordische Knoten" nicht mit dem Schwert, er bearbeitet sie maschinell. Er löst sie digital. So ist der Held zum Funktionär geworden. Und doch ist der Heroismus nicht totzukriegen. Er sucht sich neue Wege, wird dysfunktional, korrupt und neurotisch. Paradigmatisch sind die Finanzkrise von 2008, der Dieselskandal und die deutsche Automobilkrise. Die weißen Turnschuhe von Ex-Daimler-Chef Dieter Zetsche dürfen nicht nur als Statement der Big-Boss-Coolness gelten, sondern auch als Symptom des neurotisch gewordenen Heroismus.

Das Patriarchat mag durch Quotendruck und Diversity-Maßnahmen institutionell, organisationell und bürokratisch gebändigt erscheinen – der Heroismus ist es nicht. Um Simone de Beauvoir (1908–1986) zu variieren: "Man wird nicht als Mann geboren, man wird es." Wie? Indem man sich selbst als Held beweist, und diesen Beweis von anderen anerkennen lässt. Sexismus und Misogynie zählen zu den klassischen Disziplinen des Mannes, der seinen Heroismus nicht anders auszuleben versteht. Der verhinderte Held hat keine zwölf Arbeiten mehr zu verrichten, sondern viele, meist kleinteilige, unzusammenhängende "Projekte", für die er oft nicht genug Wertschätzung erfährt. Seine Wut darüber richtet sich dann etwa auch auf ein weibliches Gegenüber, das sich nicht mit der Potenz des Gebärens zufriedengibt, sondern überdies die Frechheit besitzt, in sein Terrain einzudringen, ihm seine Position, sein Gehalt, seine Macht streitig zu machen. Er kann nicht anders, er muss diese Frau aufgrund ihres Geschlechts diskriminieren. Von der erstarkten, autonom agierenden Kollegin, Mitarbeiterin, Praktikantin, Chefin, muss er sich unterscheiden, abgrenzen, abheben.

Je größer die Autonomielust der Frau, desto größer die sexistische Wut des Mannes. "Man wird nicht als Mann geboren." Aber man kann sich dazu machen (lassen). Indem man Frauen ohne ihre Zustimmung zum Schweigen bringt, sie schlecht bezahlt, belästigt, ignoriert, betrügt, vergewaltigt? Für die amerikanische Philosophin und Feministin Kate Manne "rechtfertigt und rationalisiert" Sexismus das, was vom Patriarchat heute übrig geblieben ist.

Misogynie wiederum ist für Kate Manne das Werkzeug, das patriarchale Normen und Erwartungen praktisch "kontrolliert und durchsetzt". Ein Sexist hält alle Frauen für schlecht, minderwertig. Ein Misogyniker belohnt die "guten" (= der Männlichkeit dienenden) und bestraft die "schlechten" (= männliches Terrain penetrierenden) Frauen. So erklärt sich, warum US-Präsident Donald Trump kein Sexist ist. Wäre er Sexist, hätte der Großtwitterer keine einzige Frau in sein Kabinett berufen. Trump ist Misogyniker. Die gescheiterte Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton war nicht Opfer von Trumps Sexismus, sondern der Misogynie Trumps (und von Frauen, die misogyne Verhaltensweisen verinnerlicht haben). Der Geist des Patriarchats ist der Boden, auf dem Misogynie und Sexismus blühen, aber er ist nicht deren erste Ursache. Die erste Ursache ist der männliche Zwang zum Heroismus.

Der Mann ist verunsichert. Wenn er sich selbst verstehen und seiner Lage entkommen will, muss er seinen Heroismus verstehen. Er muss verstehen, dass weder die Frau noch er selbst schuld ist an seiner Lage. Sondern der zwar stark diffundierte, aber immer noch einflussreiche Geist des patriarchalen Systems. Es hat ihn institutionalisiert und zum Schrumpfhelden gemacht. Der geschrumpfte Held von heute hat viele Gesichter, man trifft ihn in allen sozialen Schichten. Fifty Shades of Man, das sind die Heroismen des Managers, des Rennfahrers, des Kampftrinkers, des Sportverrückten. Man trifft den Schrumpfhelden in der Steilwand, auf dem Surfbrett, über gefährlich kalte Wellen brausend, auf der linken Autobahnspur ebenso wie in der Kneipe nebenan, wo er ein Bier nach dem anderen kippt. Alle Männer wollen Helden sein – denn Männlichkeit "ist" nicht. Sie muss durch bestimmte Akte, Mutproben, Prüfungen, Grenzerfahrungen immer neu verifiziert werden.

"Man wird nicht als Mann geboren, man wird es." Alle Männer wollen Helden sein – aber sie können es nicht. Der Ur-Held ist tot. Der Weg, der ihnen heute allein offensteht, ist der des Schrumpfhelden. Der geschrumpfte Held ist keine erhabene, gottgleiche Figur, sondern eine Karikatur. Er kann nicht, wie er will. Oft kann er gar nicht. Eine Welt, in der gilt: "Die Zukunft ist weiblich!", ist nicht für Helden gemacht. Selbst wenn der Mann wollte, er könnte nicht einfach mal so eben einen Drachen erlegen. Zuvor muss er in vielen Fällen Pausenbrote schmieren und die Kinder zur Schule bringen. Das nächste Abenteuer – Freesolo-Klettern oder Motorrad-Rallye – muss er sich verdienen, und zwar mit bezahlter Arbeit. Die moderne Frau möchte einen leistungsstarken, souveränen, gut verdienenden Mann, den sie nicht lange bitten muss. Bevor er den Augiasstall ausmistet, soll er gefälligst den Müll runtertragen.

Das Schrumpfheldentum markiert die Grenzen der Verständigung zwischen Mann und Frau. Keine Frau versteht den einsamen heroischen Trinker, der doch nicht einfach nur süchtig und schwach ist, sondern auch mindestens tief verzweifelt über die Welt, an der er so tragisch gescheitert ist. Keine Frau versteht, warum derselbe Mann, der gestern noch alles zu reißen meinte, heute glaubt, an einem Schnupfen zugrunde zu gehen. Man kann sich über den berüchtigten Männer-Schnupfen lustig machen. Doch darin steckt die tiefe Tragik des verhinderten Helden, der mit heftigen Niesanfällen wie mit übermächtigen Feinden ringt.

Der Mann ist verunsichert, denn der Ur-Held, der in ihm tobte, ist tot. Fast. Einige letzte Relikte des archaischen Heroen findet man heute noch. Paradigmatisch scheinen sie im Sportler auf. Im Rennfahrer, im Tennisspieler, im Boxer, vor allem aber im Fußballer. Wer besonders trickreich mit dem Ball umzugehen vermag, bekommt sogleich die Attribute "Held", "Kaiser" oder gar "Gott" verpasst. Das Tolle am Kicker-Helden ist, dass er niemandem schadet, da sich seine Taten auf maximal 120 mal 90 Meter beschränken. Außer seinen Gegenspielern und sich selbst – siehe Kreuzbandriss und Mittelfußbruch – wird der Profifußballer niemandem gefährlich. Es herrschen Regeln, an die auch er sich halten muss. Deshalb ist auch der Fußballer natürlich kein wirklicher Held. Sondern eine Ersatzfigur, die sich der moderne Mann schuf, um ihn zu bewundern, sich (projektiv) mit ihm zu identifizieren, ihm nachzueifern.

"Ein jeglicher muss seinen Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet", heißt es in Johann Wolfgang von Goethes (1749–1832) Iphigenie auf Tauris. Selbst der neidischste Mann verzeiht dem Fußballer, dass er für seine Virilität so monströs viel Geld kassiert. Der Kicker nimmt das Heldentum für ihn und alle anderen Männer auf sich. Jeder Sportler ist ein halb realer, halb imaginierter Held, der für alle verhinderten in den Krieg zieht, siegt und verliert – eine Art "Heros by Proxy", ein Stellvertreter-Held. So wie Boris Becker, der nach zahlreichen Grand-Slam-Gewinnen zwei gescheiterte Ehen und eine Insolvenz anmeldete und auf Instagram seine heroische Bilanz in zehn Punkten meisterlich zusammenfasste: "Erfolg. Harte Arbeit. Ausdauer. Lange Nächte. Versagungen. Opfer. Disziplin. Kritik. Zweifel. Fehler."

Die ersten Helden seien Götter gewesen, befand einst Thomas Carlyle (1795–1881). Es gibt keinen Odysseus, keinen Prometheus, keinen Achilles mehr. Es gibt aber auch keinen Gott mehr, keinen Über-Mann, vor dessen viriler Allmacht auch der größte irdische Held verstummt. Friedrich Nietzsches (1844–1900) Übermensch war letztlich auch nur ein Versuch, selbst zum Gott zu werden, um den Göttern "würdig zu erscheinen". Geblieben sind verunsicherte Männer, die in Extremsportarten den Kick suchen, weil ihnen die heroische Aufgabe fehlt.

Geblieben sind Fifty Shades of Man, die vielen von Wut und Schweigen getriebenen Manager, Autoraser und Oktoberfest-Kampftrinker, Misogyniker und Sexisten, die nicht wissen, wohin mit ihrem Schrumpfheldentum – und zudem von den Frauen ziemlich unter Druck gesetzt werden. Alle Männer wollen Helden sein. Alle Frauen wollen, dass Männer Helden sind – aber nur unter bestimmten Bedingungen. Was die moderne Frau will, ist die Quadratur des Kreises: den "vernünftigen" Helden "auf Augenhöhe".

Der Mann ist verunsichert. Wenn er Held sein will (immer!), darf er es nicht. Wenn er nicht mal nach dem Schrumpfheldentum strebt, gilt er als Versager, Schlappschwanz, Weichei. Das Dilemma des heutigen Mannes ist, dass er weder Held sein kann noch ein Waschlappen, und zwar weder im Job noch beim Kindergeburtstag noch im Bett. So sieht sich der Mann zu einem seltsamen Zwischenwesentum verdammt.

Er darf nicht über seinen Männer-Schnupfen jammern. Das nächste Ungeheuer besiegen darf er aber auch nicht. Stattdessen muss und soll er im Gym Bizeps und Trizeps aufbauen, um mit den erworbenen Muskeln noch eleganter Einkäufe schleppen und Smoothie-Fläschchen öffnen zu können. Im paradigmatischen Narrativ der "Heldenreise" kehrt der Held von seinen Abenteuern irgendwann in die Alltagswelt zurück, um sie im Lichte seiner Erfahrungen zu verändern. Der heutige Schrumpfheld schafft es oft gar nicht erst, die Reise überhaupt anzutreten. Daher seine Wut und sein Schweigen.

Wozu ist der Mann gut, wem dient seine Virilität? Der Mann ist ein Held, zumindest potenziell. Er kann dem langweilig gewordenen Patriarchat, das er zwar selbst geschaffen hat, in dem es aber meist kaum mehr zu holen gibt als geschlechtsspezifisch bedingte Gehaltserhöhungen und Beförderungen, jederzeit ein heroisches Upgrade verleihen. Er kann es zum Schrumpfhelden bringen. Je ausgeprägter der heroische Trieb, desto tiefer der Fall. Von Thomas Middelhoff zu Harvey Weinstein: Der geschrumpfte Held besticht durch seine Abnormität. Und seine neurotische Dysfunktionalität.

Einst erlegte der Mann Eber und zog in den Krieg, heute arbeitet er sich auf dem Bau, in der Firma, im Büro, im Coworking Space halb tot. Warum ackert er? Weil er seine Männlichkeit beweisen muss. Weil ein Mann nicht "ist", sondern immer erst "wird". Für wen ackert er? Für die Frau, die er liebt. Jene, die ihm seine heroischen Fehlleistungen verzeiht, deren Autonomielust sich hoffentlich in kalkulierbaren Grenzen hält, die für ihn – wenigstens in Teilzeit – kostenlos kocht, wäscht und putzt und ihm den Rücken freihält. Ob Hausfrau, Karrierefrau oder Working Mom. Seine Frau ist immer eine gute Frau. Die Mutter 
seiner Kinder. Für sie tut er alles. Für sie modernisiert er seine
 archaische Blutrünstigkeit. Er
 verzichtet auf Blutschwüre und
 Blutsbruderschaften. Er hält
 den Atem an – und zieht in den 
Kreißsaal.

Der Heroismus gilt einerseits als überwunden. In der modernen, aufgeklärten Welt braucht es keine keulenschwingenden Kraftprotze mehr, sondern agile, flexible Postheroen, die mit ihren "weichen" Skills wie Empathie und Teamgeist mehr Menschlichkeit in die Welt bringen. Von den Herausforderungen der Digitalisierung bis zum Kampf gegen den Klimawandel sind mehr denn je Helden ganz neuen Typs gefragt, die nicht sich und anderen dauernd etwas beweisen müssen, sondern die ihren Kopf und ihr Herz einschalten, bevor sie irgendetwas tun. Und doch scheint das Bedürfnis nach dem zupackenden Helden, der mit Entschlossenheit und über menschlicher Energie Probleme im Alleingang löst, ungebrochen zu sein. Das zeigt auch das Phänomen monströser Attentäter, wie jenem von Christchurch, die sich als Helden inszenieren und auch als solche von ihren Anhängern gefeiert werden. ...

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im "Hohe Luft Magazin" Nr. 04/2019.


Aus: "Männlichkeit: Wer rettet den Helden?"  Rebekka Reinhard und Thomas Vašek (7. Juli 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2019-07/maennlichkeit-heroismus-heldentum-vaeter-maenner-patriarchat-sexismus/komplettansicht

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Dindi #1

Die Autoren verstehen das Heldentum völlig miss, bzw. aus einer Perspektive des postmodernen, gemixt mit neofeminismus. Also sie verstehen es gar nicht.

Was für ein trauriger Artikel.

An die Männer kann ich nur senden: Vertraut euch selbst, lasst euch von diesen neuen postmodernen, feministischen Spinnereien nichts einreden. Sie sind lediglich die Ausgeburt einer von (durch Ausbeutung entstandenen) Wohlstandes. Wenn die Dinge wieder schwierig werden kräht kein Hahn mehr nach diesen neoUnsinn. Dann ist Heldentum unabdingbar. Nur Mut.


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Deserteur 2.0 #1.7

Ihr Bild ist noch trauriger als das was sie den Feministinnen vorwerfen.

Erst wenn alles den Bach heruntergeht, wenn das Elend wieder vor der Tür steht, wenn es uns nicht mehr gut geht, dann dann naht die Stunde des Mannes!

Und das soll uns jetzt adeln?

Wir Männer bekommen in guten Zeiten nichts auf die Reihe bzw. könnten uns diesen nicht anpassen, sondern müssen jetzt auf die nächste Katastrophe warten um endlich wieder einen Sinn zu erlangen?

Ja durch durch den Feminismus und dadurch das es uns allen gut geht hat sich die Lebensrealität im Westen verändert und es wäre traurig wenn wir Männer darauf hereinfallen würden an der Vergangenheit zu besaufen.

- Männer müssen nicht mehr der Ernährer sein, sie müssen nicht mehr der Alleinverdiener sein
- Männer müssen sich nicht mehr bei Sonnenaufgang duellieren
- Männer können die Kindheit und Jugend ihrer Kinder viel mehr erleben als früher
- Männer haben die Möglichkeit aus der vorgegebenen Schablone die ihnen früher übergestülpt wurde zu befreien

Ja manches ist neu und ja neu Antworten müssen auf die neuen Umstände gefunden werden, aber dieses Idealisieren der angeblichen heroischen Vergangenheit nutzt niemandem.

Vor 100 Jahren warst du als Mann, entweder Schlachtvieh im Krieg, Maulesel auf der Arbeit, musstest deine Familie mit einer kleinen Lohntüte durchs Leben bringen, wenn du krank warst fiel der Lohn für die ganze Familie weg und ansonsten hattest du auch nichts zu melden außer zu funktionieren.

[Heldentum, Tapferkeit, Ehre, Prinzipientreue
Warum sollte ich etwas gegen diese Dinge haben?
Nur warum sollen diese Dinge rein Männlich sein oder nur dem Manne als Fundament seines Wesens dienen?
Sind das nicht Dinge die man von einer Frau nicht genauso erwarten kann?]


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Baum2k #9

Ein Kreislauf:
Harte Zeiten bringen starke Männer hevor.
Starke Männer bringen gute Zeiten hevor.
Gute Zeiten bringen schwache Männer hevor.
Schwache Männer bringen harte Zeiten hevor.

Unsere Zeit wird kommen!


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Tobias87 #9.1

"Starke Männer bringen gute Zeiten hevor."

Ich vermute, in der Wehrmacht und der SS gab es den ein oder anderen starken Mann.
Irgendwas stimmt mit der These nicht. ...


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Kioto-Zeit #23

Ich habe das Gefühl, der Artikel wirft vieles durcheinander und verfehlt eine sauber Analyse. Die Begriffe "Held" und "Anführer" haben wenig miteinander zu tun und im Laufe der Zeit ihre Bedeutung stark gewandelt. Heute verstehen wird doch unter einem Helden jemand, der eine schwierige Situation, altruistisch und vielleicht unter Einsatz aller seiner Kräfte oder sogar seines Lebens für sich und andere meistert. Das Führung und Heldentum in alter Zeit häufig zusammenhingen, hat sicherlich mit den damaligen Prozessen der Gruppenbildung zu tun. Man folgte demjenigen, der auch für sich ein großes Risiko einging. Das war nicht notwendigerweise immer ein Mann (Johanna von Orleans). Die Gründe für die Nachfolge waren natürlich der Wunsch nach Erfolg, Beute, Anerkennung und bestehen bei Mann und Frau gleichermaßen.
Heutzutage hat Führung nichts mehr mit Heldentum zu tun. Insofern greifen die Beispiele heutiger Führungspersonen in Politik und Wirtschaft kaum, denn sie gehen meist keinerlei eigenes Risiko ein (Deutsche Bank).
Und wer sich das Verhalten von Frauen in Führungspositionen ansieht, bemerkt sicherlich keinen großen Unterschied zu dem von Männern in gleicher Position.
Die Idee mancher Feministinnen, man könnte durch Abschaffung der "Männlichkeit" die Welt verbessern, wird deshalb fehl gehen.


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Mentor73 #25

Ich habe den Artikel zunächst mit Interesse angefangen zu lesen. Je weiter ich kam desto dünner fand ich ihn. Die Autoren haben letztendlich überhaupt keine Ahnung von Männlichkeit. Männlichkeit auf dumbem Heroismus zu beschränken ist letztendlich Misandrismus, um in der Terminologie der Autoren zu bleiben. Mann sein bedeutet viel mehr als Heldentum. Um archaische männliche Stereotypen zu bemühen. So gibt es das Stereotyp des Königs, der weise und umsichtig herrscht, des Mentors und so weiter. Es ist kein Wunder, dass Jungen angesichts dieses seltsamen Bildes von Männlichkeit zunehmend verunsichert fühlen, in einer Gesellschaft, die das Männliche entweder verteufelt oder lächerlich macht. Es braucht kraftvolle, intelligente, planende und standhafte Männer.


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Der Korrektor #25.1

Genauso wie es kraftvolle, intelligente, planende und standhafte Frauen braucht. Das Beispiel für eine sehr junge solche Frau liegt auf der Hand, oder?
Aber das ist kein Widerspruch. Ich sehe nicht, dass in der Realität das Männliche verteufelt oder lächerlich gemacht würde. Zum Glück wird das Patriarchale lächerlich gemacht.
Aber ein Mensch, der sich Mühe gibt, sein Leben trotz aller Widrigkeiten ordentlich auf die Reihe zu bringen, Verantwortung für seine Mitmenschen zu übernehmen, der verdient jeden Respekt. Ich denke an meine Nachbarn:
Den Typ, der den Bioladen aufgemacht hat und sehr engagiert führt,
der Lehrer, der bis tief in die Nacht arbeitet, damit er seine Schüler ordentlich durch die Prüfungen bekommt,
der Programmierer, der längere Zeit arbeitslos war, weil er diese Sache nicht machen wollte.
Das Geschlecht spielt dabei keine Rolle. Gut, außer bei dem Typen, der die Waschmaschine reingetragen hat.


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11meter #33

Sobald die Zeiten wieder schwieriger werden und der Wohlstand geringer, werden Menschen wieder beliebt, die klassische männliche Attribute verlangen. Wenn dann aus den schwierigen Zeiten Krieg entsteht, dann werden wieder starke Männer häufiger zu sehen sein. Das hat weder mit einer Machoeinstellung zutun, oder sonst was, sondern entspricht der Biologie, was man auch in Ländern sehen kann, die sich in kriegerischen Auseinandersetzungen befinden. Krieg katapultiert den Menschen immer in seiner Ursprungsform, dh Männer=Männer und Frauen= Schutz der Kinder


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FloMei #33.1

Die Zeiten sind vorbei. Eine Kurdin kann auch ziemlich gut mit einer Maschinenpistole umgehen und mit einer Drohne kann selbst ein Kind Tausende Männer wegradieren egal wieviel Spinat die vorher gefressen haben. Was schwerer ist, ist Frieden zu halten. ...


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Islamisch Grün #36

Christentum und Islam sind wesentlich dafür verantwortlich, dass Frauen jahrhundertelang weniger gewürdigt wurden und das gilt bis heute.


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Betrand #36.1

Das wird in der Zeit gern vergessen, das die Wüstenreligionen den Status der Frauen und der normalen Bevölkerung in die Halbsklaverei herabgedrückt haben. Von dem was diese Sektierer Glaubensanweichern und Schwulen und Lesben 2000 Jahre lange angetan haben, gar nicht zu reden.


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Tabberta #38

Heroismus und Mythen wurden in den letzten Jahrtausenden durch herrschende Eliten kreiert, um letzten Endes alle Frauen und den größten Teil der Männer zu unterwerfen. Ich fragte mich schon immer, warum über Jahrtausende bis heute, sich die große Mehrheit der Männer von einer verschwindend geringen Minderheit der Männer in Schach halten lässt? Von den fehlenden Möglichkeiten der Frauen möchte ich hier gar nicht sprechen. Scheinbar genügte den Männern die bloße Möglichkeit der Teilhabe bzw.die Möglichkeit sein eigener Held zu sein-das heißt heute Privateigentum, Macht und Geld- um sich über die Jahrtausende hinweg von kleinen machthabenden Männergruppen dominieren zu lassen. Die Männer müssen erkennen, dass die Frauen nicht ihr Kriegsschauplatz sind, sondern elitäre machthabende Männergruppen, die Ihnen eine gründliche Gehirnwäsche verpasst haben. Männer haben sozusagen die Strukturen ihrer eigenen Unterdrückung geschaffen und halten Sie mit Mythen am laufen.


...

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[Männlichkeitskonstruktionen... ]
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[...]  Rollen Als türkischstämmiger Mann soll ich immer stark und aufrecht sein. Ein Wort erinnert mich täglich daran - Fikri Anıl Altıntaş

... Delikanlı, gesprochen „Delikanle“, ist kein gewöhnlicher Begriff im Türkischen. Seine deutsche Übersetzung, „wildblütig“, wird ihm nicht gerecht. So klingt er wie ein Honig, süß, simpel und harmlos. Aber er kann sauer, komplex und giftig für Männer sein. Das türkische Äquivalent zum Duden, die Türk Dil Kurumu, ist sich nicht einig. Entweder bezeichne der Begriff einen jungen Mann, der seine Pubertät hinter sich gelassen hat, oder jemanden, der bei seinem Wort bleibt, aufrichtig ist und Ehre besitzt („Sözünün eri, dürüst, namuslu kimse.“).  ...

Ich bin in einer als türkisch gelesenen* Familie in Deutschland groß geworden. Seit einigen Jahren – und besonders seit der Silvesternacht in Köln 2015 – wird heftig und häufig über Männlichkeit von als muslimisch markierten Männern und Jungen öffentlich diskutiert. Das geschieht in der Regel, ohne die Personen aus der Gruppe selber zu befragen. Stattdessen wird oft in rassistischer Weise über uns geredet. Ich habe als türkisch gelesene Männer zu ihrem Verhältnis zu dem Wort Delikanlı befragt. Beginnen werde ich aber bei mir.

Meine Familie und ich in Deutschland haben viel Kontakt zu unserer Familie in der Türkei. Wenn ich als 13-Jähriger dort im Urlaub – wie jedes Jahr – sechs Wochen verbrachte, flogen oft Begriffe durch den Raum, die ich nicht verstand. Das Wort Delikanlı fing ich öfters auf. Es erfüllte mich mit besonderem Stolz, wenn meine Tanten und Onkel feststellten, wie sehr ich ein Delikanlı geworden sei. Was genau mich dazu qualifizierte, wusste ich nicht. Aber ich sah in den Augen meiner Familie, wie egal das ist. Sie waren glücklich, deshalb war ich es auch. Ab diesem Zeitpunkt wurde dieser Begriff mein ständiger Begleiter. In vielen türkischen Soaps und alten Fernsehserien aus den 70er und 80er Jahren, die bei uns zu Hause andauernd zu sehen waren, lief der Begriff rauf und runter. Er definierte ein Männlichkeitsbild, über das ungern konkret gesprochen wurde. Cüneyt Arkın, Fernsehstar in der Türkei der 70er Jahre, galt als personifizierte Standfestigkeit und Hüter der Aufrichtigkeit. Er war ein Delikanlı.

2003 erschien in der taz ein Interview mit dem Sozialarbeiter und Erziehungswissenschaftler Hakan Aslan. Es trug den Titel „Ehre und hohle Männlichkeit“. Dort heißt es: „Die jungen Männer werden als Delikanlı, als ‚Wildblütige‘ bezeichnet, und in dieser Altersphase wird geradezu von ihnen erwartet, Grenzen auszutesten, um so ihren Mut und ihre Tapferkeit zu trainieren.“ Männlichkeit als Mutprobe? Hakan Aslan spricht weiter: „Der Begriff der Ehre ist eine der wichtigsten Triebfedern in der Sozialisation türkischer Jungen. Denn für die Verteidigung der Ehre der gesamten Familie ist der Mann zuständig, und das heißt auch der Sohn.“

War ich das? Davon war mir bis heute nicht so viel bewusst. In meinem Umfeld der als türkisch gelesenen Männer in Deutschland fragte ich, was der Begriff für sie bedeutet. Erstaunlich viele wollten teilen, was sie mit dem Wort verbinden. Einige, die ich fragte, wiesen auf den harmlosen Charakter hin. Ein Delikanlı sein hieße, man sei kein Kind mehr. So benannt zu werden, kann als Kompliment für das eigene jugendliche Aussehen verstanden werden. Grundsätzlich bezeichne das Wort jemanden, der sein Wort hält und Aufrichtigkeit als Grundlage seines Charakters definiert. Tugay, Ende 40, erklärte mir: „Es bedeutet, dass du nun ein neues Level erreicht hast, du bist kein Kind mehr. Erst viel später erkannte ich, dass du im Grunde genommen nur ein nicht logisch denkender, mit Testosteron angehäufter Möchtegernheld bist, welcher versucht, seinen Platz auf dieser Welt zu finden.“ Einige andere Äußerungen gingen in die gleiche Richtung. Der 29-jährige Erzieher Ümit meinte zu mir: „Delikanlı war für mich immer eine Bezeichnung für unkontrollierte Draufgänger. Einer, der unbedacht, aber entschlossen Sachen angeht oder redet.“

Mit jeder dieser Geschichten begreife ich mehr, was meine Tanten und Onkel in der Türkei mit dem Begriff meinten. Die erfolgreiche Qualifikation zum Delikanlı ist vielschichtig, aber immer durch Erwartungen gefüllt, die abweichenden Vorstellungen keinen Platz einräumen. „Delikanlı ol“ – sei ein Delikanlı – bedeutet: Bleib bei dir und deinem Wort, schütze dich und deine Familie, habe keine Angst, sei stark und sei dir deiner Rolle als Mann bewusst – wachse mit der Aufgabe, deine Ehre zu schützen. Das sind implizite, unausgesprochene Erwartungen, die mich ständig begleiten und meine Sicht auf mich selber vernebeln.

Diese Vernebelung ist auch nicht nur eine vorübergehende Phase, wie die Jugend eben oft voller Verwirrung und Suche nach Orientierung ist. So sagte mir mein Vater im Anschluss an unser Gespräch: „Delikanlı sein ist nichts, was nach der Pubertät aufhört. Es beginnt vielmehr erst dann und wird nicht nur ein loser Begriff, sondern ein Lebensstil.“ Er erzählte mir auch, wie er heute noch – teilweise im Spaß – ältere Männer als Delikanlı bezeichnet. Ernsthaft erklärte er mir wiederum, dass jemand sein Leben als Delikanlı gelebt habe, wenn er immer aufrichtig und sich selbst treu war und keine Angst vor nichts hatte.

Mannsein als Lebensaufgabe – sei einer, aber sprich nicht über Männlichkeit? Nachdem ich nun so viele verschiedene Meinungen zu dem Begriff gehört habe, wünsche ich mir, dass er auch anders verstanden werden könnte. Nicht als ein Ausdruck von Ehrfurcht, der das Reden über Erwartungen und Vorstellungen in Bezug auf die eigene Person unmöglich macht. Im Gegenteil, er müsste für eine ganz andere Form von Mut stehen, den Mut, sich mit Erwartungen auseinanderzusetzen, Rollenklischees zu verstehen und zu reflektieren – und auch mit der eigenen Familie darüber sprechen zu können. Denn der Austausch mit anderen ist immer die beste Möglichkeit, sich besser zu verstehen. Gerade dann, wenn das Selbst von anderen definiert wird.

*Mit dem Ausdruck „als türkisch markiert“ bzw. „als türkisch gelesen“ bezeichnet man Menschen, die nicht notwendigerweise in der Türkei geboren wurden, denen diese Herkunft aber zugeschrieben wird

Fikri Anıl Altıntaş ist freier Autor in Berlin und schreibt unter anderem für das Missy Magazine und bento




Aus: "Delikanlı über alles" Fikri Anıl Altıntaş (Ausgabe 48/2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/delikanli-ueber-alles

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[Männlichkeitskonstruktionen... ]
« Reply #47 on: Dezember 28, 2019, 02:19:48 nachm. »
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[...] Es ist nicht wegzudiskutieren: Der weltweite Aufstieg homophober, sexistischer und rassistischer Patriarchen, die unablässig mit ihrem Reichtum, ihrer Macht und ihrer Potenz prahlen, von Donald Trump über Boris Johnson bis zu Erdoğan, Salvini und Orbán, hat die Politik der vergangenen Dekade überschattet. Warum sich so viele Menschen – darunter offenkundig auch viele Frauen – nach dieser Art von krumm gehobelten Führerfiguren sehnen, bleibt eines der großen Rätsel der Zehnerjahre. Man konnte eine historische Rückwärtsorientierung von Männern beobachten und auch eine flächendeckende Verwahrlosung, sowohl in ästhetischer Hinsicht wie auch in Bezug auf ihre Manieren und Umgangsformen. Was ist eigentlich los mit der Männlichkeit? Warum wurden erfolgreiche und wirkmächtige Männerbilder zuletzt vor allem von rechts definiert?

Ihr Aufstieg kam freilich nicht aus dem Nichts, er wurde mit einigen Jahren Vorsprung in der Popkultur vorbereitet. Wenn wir auf das Jahr 2010 zurückblicken, stellen wir fest, dass sich das Charaktermodell des politisch inkorrekten Mannes damals gerade auch unter generell liberal gestimmten Beobachtern einer großen Beliebtheit erfreute. Als erfrischend und originell wurden in jener Zeit vor allem Männer betrachtet, die sich in rhetorischer und sozialer Weise gegenüber Frauen grundsätzlich abwertend und abweisend verhalten, wie Dr. House aus der gleichnamigen Serie oder Don Draper aus Mad Men. Es waren Männer, die mit der zivilisatorischen Verfeinerung der Geschlechterverhältnisse in den späten Neunziger- und frühen Nullerjahren grob brachen und entsprechend auch mit dem Verständnis von Männlichkeit. Wie würde man eigentlich Dr. House heute sehen und bewerten, wenn die Serie noch einmal ganz neu ins Programm käme?

Die hegemoniale Männlichkeit verschob sich in den Zehnerjahren aber nicht nur nach rechts; diese Verschiebung verband sich mit einem generellen Verlust an männlichem Stilbewusstsein. Selbst die Nazis sahen ja früher besser aus: Man betrachte beispielsweise noch einmal die Auftritte des Neonaziführers Michael Kühnen in den Achtzigerjahren, es war ein fescher Kerl mit scharfen Zügen und einer ebenso geschnittenen Frisur, der gern in schwarzen Ledermänteln posierte wie kurz vor ihm noch David Bowie als Thin White Duke. Er umgab sich und seine Gefolgschaft mit einer Aura der Gefahr und des Bösen und hörte gern gute Musik von okkultistisch interessierten Neofolkbands wie Death in June. Die Erotik, die Michael Kühnen verströmte, konnte man selbst dann interessant finden, wenn man nicht zur Gruppe der Holocaustleugner gehörte; er war schwul und starb 1991 an Aids.

Hingegen wirken die rechten Männer von heute, die man in der AfD und der Identitären Bewegung findet, bloß noch wie unzufriedene verklemmte Bankangestellte: mit ihren randlosen Brillen und mühsam unterdrückten Gewaltfantasien. Es geht keine Souveränität von ihnen aus – dazu präsentieren sie sich auch allzu ausgiebig als Opfer des Systems, der Eliten, der Lügenpresse und des Feminismus oder von alldem zusammen. Sie werden von keiner Aura des anziehend Bösen umleuchtet, weil sie entweder jammern oder brüllen; sie sind öde angezogen und es umgibt sie nichts Sexuelles. Und wenn sie überhaupt über Sex reden, dann vom "Genderwahn" oder über die schändliche Hyper- oder auch Frühsexualisierung in der Gesellschaft: Sex, das ist für sie etwas, von dem es überall viel zu viel gibt und dessen Herrschaft zurückgedrängt werden muss. Die Männer der Neuen Rechten in Deutschland sind freud- und lustlose Figuren, deren Libido keine Perspektive besitzt außer dem Rücksturz in die Restauration des Patriarchats: Blümchensex bei gelöschtem Licht.

Das prägendste Männlichkeitsmodell in der gegenwärtigen Popmusik wird – jedenfalls im deutschsprachigen Raum – wiederum von den sogenannten Straßen- oder Gangsterrappern gestellt. Diese inszenieren sich als omnipotente Typen, denen es um nichts anderes geht als um Reichtum, Macht und Statussymbole; um den – gleich mit welchen Mitteln – erzielten Erfolg im unablässigen Kampf aller gegen alle. Anders als bei den Männern der Neuen Rechten wird hier Sex zwar häufig zum Thema, doch geht es dabei nicht um Lust, Genießen oder Erotik, sondern um Sex als Mittel zur Selbstermächtigung und Erniedrigung anderer. Frauen werden hier ausschließlich als Objekte betrachtet, als willige Schlampen oder Prostituierte – oder eben als Anhängsel anderer Männer, deren sexuelle Eroberung oder brutale Behandlung den Konkurrenten hinsichtlich seiner Potenz erniedrigt.

Dass ein unter jungen Hörern derart dominantes musikalisches Genre so flächendeckend patriarchal, sexistisch und homophob geprägt ist – das ist ein in der Geschichte der deutschen Popmusik neuartiges Phänomen, das viel über die Gesellschaft verrät, aus der es erwachsen ist. Neu ist allein schon der Umstand, dass eine ganze Generation junger Männer mit einer Art von Popmusik aufwächst, in der es keine Liebeslieder mehr gibt und auch keine Lieder über Liebeskummer. Die über Jahrzehnte gültige Boy-meets-girl-and-girl-leaves-boy-now-boy-is-very-sad-Formel besitzt hier keine Bedeutung mehr. Männer erscheinen in diesem Genre nicht mehr als Wesen, die lieben und leiden und sich vergebens romantisch verzehren, sondern lediglich als Typen, die mit ihrer Eroberungsfähigkeit und Brutalität prahlen.

Dazu passt, dass zu den beliebtesten Genres in der aktuellen Porno-Bewegtbild-Industrie die cuckold-Filme gehören, in denen der Sex von einem hyperpotenten Mann mit einer Frau vor den Augen deren impotenten Ehemanns vollzogen wird. Wobei dessen Impotenz wahlweise biologisch begründet sein kann (der Betreffende kriegt eben keinen hoch) oder – häufiger – daraus rührt, dass er von dem dominanten Teilnehmer der Szene zum Zuschauen gezwungen und gefesselt oder geknebelt oder sonst wie erniedrigt wird. In der Sprache der Neuen Rechten in den USA – von der Alt-Right-Bewegung bis zum komplizierten Feld der Konkurrenten in Donald Trumps Entourage – hat sich die Rezeption dieses Genres im Begriff des cuckservative niedergeschlagen. Damit sind Konservative gemeint, die nicht potent genug sind, um in der Härte der politischen Auseinandersetzungen ihren Mann zu stehen. Wer wiederum einen Konkurrenten am Aufstieg in höhere politische Positionen zu behindern vermag, darf sich des Cockblockings rühmen, also der Verhinderung des Einsatzes des Schwanzes.

In den USA sind die Sprache und die Selbstverständigung rechter Männer also weit stärker sexualisiert als in Deutschland. Dort spielt aber auch der maßlos übersteigerte Größenwahn eine stärkere Rolle, also die Frage, wer von allen Männern den Längsten hat. Das gilt in der Politik ebenso wie in der Popkultur: So wie der bedeutendste Politiker in der zweiten Jahrzehnthälfte, Donald Trump, sich unablässig als größten amerikanischen Führer aller Zeiten preist, so wurde der bedeutendste Popstar der ersten Jahrzehnthälfte, Kanye West, nicht müde, sich mit Gott, Jesus Christus, dem Heiligen Geist, dem Heiligen Paulus oder doch wenigstens Pablo Picasso zu vergleichen. Auch ließ er in seinen Selbsteinschätzungen nicht den geringsten Zweifel daran, dass seine Musik besser und bedeutender ist als alles, was jemals zuvor von irgendwem aufgenommen wurde.

Der größenwahnsinnige und hyperpotente Mann findet sein dialektisches Gegenbild im Typus des viktimisierten Mannes. Also in jenem Mann, der sich als Opfer der Umstände und Zustände betrachtet und aus der Empfindung des Zu-kurz-gekommen-Seins die Legitimation für Zorn, Wut, Hass und Gewaltanwendung zieht. In die Opferposition kann man sich beispielsweise dadurch gerückt fühlen, dass einem der nach eigener Ansicht zustehende ökonomische Wohlstand von anderen Männern streitig gemacht wird; dass man also nicht so reich, potent und sorgenfrei leben kann, wie man es eigentlich doch verdient (zum Beispiel qua Herkunft oder Staatsangehörigkeit). Zugleich gibt es bei dieser Viktimisierung eine starke sexuelle Komponente: Diese besteht darin, dass viele Männer sich sexuell zurückgesetzt fühlen und die Schuld daran in der weiblichen Emanzipation der letzten Jahrzehnte suchen. Jedenfalls zählt zu den wesentlichen Konstanten des Männlichkeitsbilds in den – ansonsten ja durchaus unterschiedlich ausgeprägten – Filiationen der Neuen Rechten in den USA und Europa der Hass auf die befreite Frau.

Die US-amerikanische Philosophin Kate Manne ist in ihrem – 2019 auch auf Deutsch erschienenen – Buch Down Girl. Die Logik der Misogynie der Frage nachgegangen, warum der Frauenhass gerade in einer Zeit wieder wächst, in der Frauen immer stärkeren Anteil am gesellschaftlichen und kulturellen Leben gewinnen. Er wächst, so schreibt Manne, gerade deswegen: Misogynie entsteht und verstärkt sich, wenn Frauen auf ein Terrain vordringen, das Männer für sich allein beanspruchen; und wenn Frauen sich nicht mehr so verhalten, wie es von ihnen erwartet wird. In der patriarchalen Gesellschaft sind sie zu fürsorgenden, empathischen, "gebenden" Wesen bestimmt, gleich ob in der Rolle der Mutter, der Sexualpartnerin, der Mitarbeiterin oder der Konkurrentin auf dem Arbeitsmarkt. Wenn sie sich diesen Erwartungen verweigern, wenn sie also selbst nach Souveränität streben oder von Männern das fordern, was in deren Vorstellung bloß die Frauen zu geben haben – dann fühlen sich manche Männer als Opfer, denen etwas genommen wird, das ihnen zusteht. Aus diesem Selbstbild erwächst ein Hass, der sich in verächtlicher Sprache oder sexueller Gewalt bis hin zum Mord manifestieren kann.

Der aus dieser Lage resultierende Typus des nach eigener Ansicht sexuell zu kurz gekommenen Mannes ist in den Zehnerjahren als Incel bekannt geworden: Dieser sieht sich als Opfer eines involuntary celibacy, eines unfreiwilligen Zölibats. Die New Yorker Kulturwissenschaftlerin Angela Nagle hat in ihrem 2017 erschienenen Buch Kill All Normies (in Deutsch 2018 als Die digitale Gegenrevolution) dargelegt, wie die Selbstbemitleidung der Incels im Lauf der Zehnerjahre in Hass umgeschlagen ist und welche Rolle die sich in Internetforen wie reddit aufstachelnden Männer bei der Durchsetzung des Alt-Right-Gedankenguts gehabt haben: "Der Niedergang der Monogamie hat sexuelle Muster hervorgebracht, die für eine Elite von Männern eine größere sexuelle Wahlfreiheit bedeuten, für eine beträchtliche männliche Bevölkerungsschicht am unteren Ende der Hackordnung jedoch zunehmend weniger Sex. Deren Angst und Wut über ihren niedrigen Status sind exakt die Gründe für die harte Rhetorik, mit der sie die Durchsetzung von politischer Hierarchie gegenüber Frauen und Nichtweißen fordern. Der Schmerz ständiger Zurückweisung schwärt in diesen Foren und erlaubt diesen Männern, sich als Meister der grausamen natürlichen Hierarchien zu fühlen, die ihnen so viel Demütigung zugefügt haben." 

Aus dem ideologischen Gehege der Incels ist eine Vielzahl von brutalen, misogynen Shitstorms gegen emanzipierte Frauen hervorgegangen. Die ersten und prominentesten davon richteten sich gegen Journalistinnen und auch gegen Softwaredesignerinnen, die es wagten, in die von diesen Männern exklusiv für sich beanspruchte Gamingwelt einzudringen (wie etwa 2014 gegen die Spieleentwicklerin Zoë Quinn). Außerdem tauchte die Incel-Ideologie zunehmend in den Pamphleten rechts geprägter, mordender Männer auf, wie bei dem Studenten Elliot Rodger, der 2014 versuchte, die Bewohnerinnen eines kalifornischen Studentinnenwohnheims zu massakrieren, oder zuletzt in Deutschland bei dem Attentäter in Halle, der sich unter anderem als Vorreiter einer weltweiten "Incel-Rebellion" beschrieb.

Diese Art der Maskulinität wird auf der anderen Seite des politischen Spektrums als toxisch bezeichnet. Hier finden sich all jene Männer, die ihre Sexualität einem detox unterziehen, also von jeder Art der Gewalttätigkeit und Dominanz befreien wollen. Auch hier lässt sich ein buntes Sammelsurium von Typen beschreiben, vom Metrosexuellen über den Hafermilchmann bis zu den Trägern antitoxischer Bärte. Alle diese Männer wollen weich, gefühl- und verständnisvoll wirken. Darum haben sie – anders als die meist glatt rasierten Männer der Neuen Rechten – auch ein derart ausgeprägtes Faible für buschigen Gesichtsbewuchs. Ihre Bärte tragen sie, zumindest in christlich geprägten Gesellschaften, gerade nicht als Ausweis einer naturbelassenen Virilität, sondern als paradoxes Zeichen der Verweiblichung und Verweichlichung: Wichtig ist nicht die maskuline Potenz, die sich in der archaischen Behaarungsanmutung zeigt, sondern die im gewachsenen Bart zur Erscheinung gelangende Dauer des Wachsens selbst. Es sind Bärte der Renitenz und der Prokrastination; sie stehen für ein lustvolles Sich-nicht-entscheiden-Können und passives Gewährenlassen. Prägende Träger solcher Bärte des Werdens und Wartens sind seit Mitte der Nullerjahre Neofolksänger wie Devendra Banhart, Bonnie "Prince" Billy oder die Fleet Foxes. Der bedeutendste neue Bartträger, der in den Zehnerjahren erstmals die Bühne betreten hat, entspringt wiederum dem Feld der Literatur: Es handelt sich um den norwegischen Schriftsteller Karl Ove Knausgård, der mit seiner melancholischen Virilität und seinen ebenso radikal entschleunigten wie endlos wuchernden Büchern zum meistangeschmachteten Sexsymbol der gebildeten Mittelschichtsfrauen wurde.

Nicht alle Bärte bezeugen natürlich eine antitoxische Männlichkeit oder liberale Gesinnung. Ebenfalls in den Zehnerjahren ist der aufwendig und regelmäßig gestutzte, geölte und behandelte sogenannte Hipsterbart zum Supersymbol pseudoindividualistischer Angepasstheit an die neoliberale Wettbewerbsgesellschaft geworden. Der gegenwärtig bekannteste deutsche Träger eines neoliberalen Chef- und Untertanenbarts ist der Start-up-Unternehmer und neue Verleger der Berliner Zeitung, Holger Friedrich. Und natürlich kann man den Bartbewuchs auch zum populistischen Zeichen des heroischen Widerstands gegen die hyperkulturalisierten und von der wahren Welt entfremdeten Eliten umwidmen, wie es zum Beispiel in Italien von Matteo Salvini von der Lega praktiziert wird.

Nicht nur politisch, auch als Mann erscheint Barack Obama mit seinen guten Manieren, der gepflegten Sprache, den gut sitzenden Anzügen und seiner zurückhaltenden, aber dadurch interessanten erotischen Ausstrahlung wie die größte denkbare Antithese zu seinem Nachfolger Donald Trump. Andererseits kann man Obama in einer bestimmten Hinsicht gerade auch als Vorläufer Trumps und der größenwahnsinnigen Männer der Gegenwart betrachten: nämlich als messianischen Typus, der immerhin seinerseits nicht weniger versprach als eine grundstürzende Veränderung der globalen Verhältnisse zum Besseren hin. Wie es mit solchen Versprechen ist, erweisen sie sich alsbald als nicht einzuhalten; nach dem Ende von Obamas zweiter Amtszeit 2016 ging der Messianismus in der Politik an Kinder und Frauen über. Eine Zwergenvariante dieses Messianismus in der deutschen Politik findet sich bei Robert Habeck, der in seinem Natürlichkeit symbolisierenden Bartfrisurstil und seinem hemdsärmeligen Auftreten in stilistischer Hinsicht seinem scheinbaren Politik-Antipoden Salvini übrigens erstaunlich nahekommt.

Die wichtigsten Fortschritte in der sexuellen Emanzipation haben wir in den Zehnerjahren natürlich der #MeToo-Bewegung zu verdanken; hier waren es ausschließlich Frauen, die die Impulse setzten. Wenn Männer im #MeToo-Zusammenhang auftauchten, dann als Täter oder Leugner oder eingebildete Opfer – oder als verständnisvolle, aber auch fundamental verunsicherte Neosofties, die sich in die neuen Verhältnisse einzufügen versuchten durch den Beweis besonderer Sensibilität, sexueller Unauffälligkeit und Zurückhaltung. Damit passen sie perfekt zu jener Generation, für die in den Zehnerjahren der Begriff snowflake gängig geworden ist. Das Collins English Dictionary, das ihn 2016 erstmals verzeichnete, definiert "Schneeflocken" als Angehörige einer Alterskohorte, die "als weniger belastbar und anfälliger für Beleidigungen angesehen wird als frühere Generationen".

Auf den Bühnen der deutschen Popkultur gab es wenigstens in der ersten Hälfte der Zehnerjahre eine Konjunktur solcher männlichen Snowflakes, sie hießen beispielsweise Tim Bendzko, Philipp Poisel und AnnenMayKantereit; lauter Typen, die in etwa so wirkten, als seien sie als antimachistische Idealtypen von einem feministischen Uniseminar ausgedacht worden. Doch gerade damit waren die feministischen Kommentatorinnen nun auch wieder nicht zufrieden. So Nina Pauer im Jahr 2012 in der ZEIT, unter lautem Beifall ihrer Leserinnen: "Auf die junge Frau wirkt die neue männliche Innerlichkeit, das subtile Nachhorchen in die tiefsten Windungen der Gefühlsregungen, schrecklich kompliziert. Und auf die Dauer furchtbar unsexy."

Wie man es macht, macht man es eben falsch. Tatsächlich ist es ja keine triviale Aufgabe, wenn man die männliche Sexualität einem detox unterziehen und zugleich den Eindruck einer erotisch anziehenden Souveränität wahren will. In den Zehnerjahren ist dies nur wenigen Heterosexuellen gelungen: Sicher gehört dazu Adam Driver, der die maskulinen Prägungen aus seiner Vergangenheit bei den Marines in anregender Weise mit den Selbstzweifeln des antitoxischen Neosofties verbindet. Diesen dialektischen Männlichkeitsentwurf, der gleichermaßen intro- wie extrovertiert, passiv wie souverän erscheint, hat er gerade in dem von Kritik und Publikum so sträflich unterschätzten neuen Star-Wars-Film Der Aufstieg Skywalkers zu einer Paraderolle auszubauen verstanden. Ansonsten wurden nennenswerte Modelle von origineller, reflektierter und anziehender Männlichkeit in den letzten zehn Jahren vor allem von schwulen, transgender oder sonst wie queer geprägten Männern entwickelt, beispielsweise von Frank Ocean und Harry Styles, von Lil Nas X, Anohni und Conchita Wurst.

Für den bekennendermaßen heterosexuellen und zugleich nicht reaktionären Mann sind die Zehner eine schwierige Dekade gewesen. Alle scheinbaren Selbstverständlichkeiten gerieten von rechts wie von links unter Druck; in gewisser Hinsicht ist er im letzten Jahrzehnt an den Nullpunkt seiner Performance gelangt. Dass es von dort aus nur wieder nach oben oder wenigstens irgendwo anders hingehen kann – das ist das matte Versprechen, mit dem wir in die Zwanziger wechseln.
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Aus: "Männlichkeit: Wer lässt den Mann noch ran?" Ein Essay von Jens Balzer (27. Dezember 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2019-12/maennlichkeit-aussehen-umgangsformen-macht-sexualitaet-popkultur-zehnerjahre/komplettansicht

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kiraly #5.2

Der Autor hat die neuen und alten Linken vergessen. Diese Spezies war noch nie sexy.


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Brontodocus #10

Die Vokabel "Blümchensex" ist der Versuch, sich über die zu erheben, die es nicht nötig haben, ihr Sexualleben durch kleinbürgerliche Vergewaltigungsfantasien aufzupeppen. ...


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Robert Nozick #10.1

"Die Vokabel "Blümchensex" ist der Versuch, sich über die zu erheben, die es nicht nötig haben, ihr Sexualleben durch kleinbürgerliche Vergewaltigungsfantasien aufzupeppen"

und ich möchte aus eigener Erfahrung fortsetzen: "und deren Ehefrauen dann mit 45 in irgendeiner Datingbörse auftauchen und erstaunt feststellen, dass das Sex mehr ist als Licht aus, drauf und warten bis er fertig ist."


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riurja #14

Ich muss zumindest Protest anmelden, wo es um Robert Habeck geht, weil hier mein ich die Projektion von außen doch ein bisschen sehr stark mit seiner (mutmaßlichen) Selbstwahrnehmung vermengt wird, das ist im Falle Obamas doch anders, der sich seiner Wirkung nicht nur immer sehr bewusst war, sondern es natürlich auch drauf anlegte. Habeck scheint dagegen viel mehr so "passiert", manchmal scheint es sogar auch sich selbst, und eigentlich reichte ein Blick auf seine - in mancher Hinsicht erstaunliche - Biografie, um ihn hier ein Stück weit auszunehmen. Im Gegensatz zu Trump, Johnson, oder gar Orbán, Typen die es immer gab, ist er schon eher ein wirklich neuer Typus Politiker. Und es passt höchstens ganz gut in die Zeit, dass er sich kaum "machte" oder machen musste.

Auch sonst kann man es ein bisschen gewollt finden, zumindest wenn man sich nicht grad auf die zehn Jahre versteifte fiele natürlich manches unter den Tisch, sage nur mal Ankunft der Cosplay-Szene, davor Emo, passte hier so gar nicht rein. Aber ist schon auch viel Wahres dran.


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Glöck.chen #26

Kühnen und seine Truppe haben übrigens gemordet. Die Erotisierunz von Kühnen durch den Autor löst also einen leichten Kotzreiz bei mir aus. Eine Aura des Böses ist dann nichts anderes als die Aura eines Mörders, aber so what. Genauigkeit und Differenzierung hat bei diesem Text sowieso keinen Platz...
Scheinen schwierige Feiertage gewesen zu sein ;)


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A65 #26.1

Ich finde auch, dass es kurios ist Kühnen als ästhetische Figur zu betrachten. Aber über Geschmack kann man nicht gut streiten.


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Ich bin dann Mal weg #31

Selten so einen Schwachsinn gelesen.


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elfotografo #31.1

Selten so gut begründete Kritik gelesen.


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Malparte #34

Der "Essay" kreist in den Vorstellungswelten eines großstädtischen Intellektuellen Mileus das nichts außer sich kennt. Phänomene wie „gut ausehender Porsche Fahrer“ sind ja nicht tot, weil die Medien "weiter" sind. ich war vor zwei Jahren mit zwei „Elite“-Soldaten – Gebirgs Fallschirmjäger – auf Abend Tour und Genderdebatte hin oder her – Frauen stehen auf Typen mit diesem Mindset und dem Body - um es höflich auszudrücken. ...


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Ömbelbi #34.1

Kann ich als Frau bestägigen. Tja


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Hangmans Lullaby #34.2

Ich kann das als Frau nicht bestätigen. Im Gegenteil mit solchen Männern kann ich in der Regel nicht allzu viel anfangen, dabei stehen die auf mich. Klein, schlank und schmal... genauso ein Klischee.
Sie werden aber sicher noch ein paar Frauen finden, die das bestätigen, dass Frauen auf dieses Körper und das Mindset abfahren.


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Malparte #34.3

Mir ging es nicht darum, alle Frauen über einen Kamm zu scheren. Ich denke, dass es sehr viel vershiedene Milieus gibt und die Medien das Biotop in dem ihre Angestellten leben, masslos überschätzen - geben tut es dieses Milieu aber auch - neben vielen anderen


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1Frizze1 #36

Der Artikel beschreibt meines Erachtens nur einen Teil des Erscheinungsbildes der heutigen Männer. Diese angeführten Rollenbilder gab es jedoch so oder doch zumindest ganz ähnlich so "schon immer" (also schon lange).
Neu ist der Typus, der so politisch nicht korrekt gemeinhin als "Lappen" bezeichnet wird (von anderen Männern wie durchaus auch von Frauen). Den "Waschlappen" gab es im Volksmund ja schon immer, der "Lappen" ist aber relativ neu. Der Letztere zeichnet sich durch große Verunsicherung in seiner Rolle als Mann aus. Er ist stets darauf bedacht, sich unter allen Umständen so zu verhalten (Sprache, Kleidung, Benehmen, Interessen), dass er in seinem gesellschaftlichen Umfeld als politisch korrekt wahrgenommen wird, er möchte unter allen Umständen nicht als "Macho" beschimpft werden (obwohl er das gerne wäre). Er nimmt seiner Freundin/Frau die Hausarbeit größtenteils ab und sorgt für die Sauberkeit in der gemeinsamen Wohnung. Auch bemüht er sich, den Kinderwagen öfters zu schieben als seine Freundin/Frau.
Wenn man Frauen alleine bzw. mit Freundinnen im Urlaub erlebt, dann kann man allerdings sehr oft sehen, worauf sie stehen, falls es (wenigstens) dort für sie eine passende Gelegenheit dazu gibt …
Im ZEIT-Artikel ist von anderen negativen Beispielen die Rede. In diesem Artikel fehlt jedoch der moderne "Lappen"-Typus ...
Meine Meinung: Männer wie Frauen haben ein gewaltiges Rollenproblem …


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_jemand #38

Und jetzt den ganzen Artikel nochmal im gleichen Ton auf Frauen gemünzt.


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MehowSri #38.1

Wir wollen doch nicht, dass ein Journalist wegen Misogynie fristlos gekündigt wird.


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Henk S. #46

Ich bin sooo froh schwul zu sein.
Die Rollen, die meine Freunde bei ihren Frauen ausfüllen müssen sind mir viel zu ambivalent.
Stark, schwach, hart, weich. mitfühlend, bestimmend, sensibel, beschützend, progressiv. altbacken, Jäger, Helfer...

Bei meinem Mann darf ich noch einfach ein Mann sein. Alt, weiß, männlich und gerne auch toxisch.


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Desaguliers #54

„Warum wurden erfolgreiche und wirkmächtige Männerbilder zuletzt vor allem von rechts definiert?“

Weil sämtliche Männlichkeitskonzepte von links diskreditiert wurden, deshalb.


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Sorny #54.3

Linke Männlichkeitskonzepte hatten schon immer das Grundproblem, dass sie mit Männlichkeit wenig bis nichts zu tun haben. Also mit Mut, Kraft, Stärke, Ausdauer und Erfolg. Wenigstens eines oder zwei davon.

Linke Männlichkeit besteht meist lediglich aus der Selbsterkenntnis teilweise oder gar total versagt zu haben und der faschen Schlussfolgerung, dass daran alle anderen Schuld sind. Ganze vorne weg die "Kapitalisten". Also die erfolgreichen.

Das nennt man Eifersucht.


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Imhotep1111 #6

Eine wirklich gute umd treffende Analyse.

"Für den bekennendermaßen heterosexuellen und zugleich nicht reaktionären Mann sind die Zehner eine schwierige Dekade gewesen. Alle scheinbaren Selbstverständlichkeiten gerieten von rechts wie von links unter Druck; in gewisser Hinsicht ist er im letzten Jahrzehnt an den Nullpunkt seiner Performance gelangt. "

Ich würde dies eher gute Jahre nennen. Das Gleichberechtigung eine Selbstverständlichkeit ist, mal kurz Anfassen kein "Herrenwitz sondern sexuelle Belästigung sind und die Erkenntnis das es männliche Seilschaften sind, sie die Karrieren von Frauen behindern, sind Erfolge von vielen dieser Zeit.

Schwierig ?: Nur für jene Männer, die vom Denken in dem 1960ern stehen geblieben waren, oder als religiös oder kulturellen Gründen, das soziale Gleich sein nicht akzeptieren konnten.

Keine Entwicklung bleibt ohne Gegenbewegung.

Ende dieser Jahre bleibt eins: Die Entwicklung zu Akademisierung um Dinge wie :Autofahrer oder Autofahrende, wird mit _ * oder Innen gegendert.
? "Probleme einer neuen akademischen feministischen Elite, die nicht mehr für die realen Probleme einer Gesellschaft und vor allem de Frauen stehen.

Im Streit um einen Witz über das dritte Klo , zwischen Safe Space, Triggerwarnung und PC übersieht diese Minderheit, das es Alphamännchen wie Trump und Co. Sind, die gerade dabei sind, die Uhren 50 Jahre zurückdrehen.

Der zivilisierte Mann? Eine westliche Eigenheit, der weltweit eine verschwindende Minderheit ist.


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felixJongleur #73

Mich berührt das alles irgendwie gar nicht. Im Alltag merke ich da nix, auch nicht im Freundeskreis. Wenn die Chemie stimmt findet man sich, ganz normal. Die einen stehen auf laute, andere auf ruhige Typen, bei einen ist Geld umd Sicherheit wichtig, bei anderen nicht etc. ...


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« Reply #48 on: Januar 15, 2020, 05:57:36 nachm. »
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[...] Falk Richter - geboren 1969 in Hamburg, ist Regisseur und Dramatiker. 1999 gelingt ihm der Durchbruch mit „Gott ist ein DJ“ und „Nothing Hurts“.Mittlerweile zählt Richter zu den international erfolgreichsten deutschen Dramatikern mit über 35 Theaterstücken, die in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden. 2018 wurde seine Inszenierung von Elfriede Jelineks „Am Königsweg“, die er am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg inszeniert hatte, zum Berliner Theatertreffen eingeladen und er zum „Regisseur des Jahres“ von Theater heute gekürt.
Am 15. Januar 2020 wird am Maxim Gorki Theater in Berlin „In My Room“ uraufgeführt. ...  In Berlin bringt er sein Stück „In my room“ heraus, eine Auseinandersetzung mit Vätern und Männern in der Krise.


Nicholas Potter: Herr Richter, Ihr neues Stück geht der Frage nach, welche Spuren unsere Väter in unserem Leben hinterlassen haben und was das für Kons­truktionen der Männlichkeit bedeutet. Diese Frage ist nicht gerade neu und wird zurzeit viel diskutiert von Autoren wie Didier Eribon, Édouard Louis und Jack Urwin. Fehlt Ihnen etwas in der Diskussion bisher?

Falk Richter: Ja, wahrscheinlich mein sehr eigener Blick dar­auf. Es ist ein sehr persönliches Stück geworden, so wie ich das sonst nicht unbedingt mache. Während der Schreibphase ist mein Vater auch gestorben, was sehr viel in mir aufgewühlt hat. Zusammen mit dem Ensemble wollte ich mich mit der Frage auseinandersetzen, was mein Vater eigentlich mit mir gemacht hat, wie er mich zugerichtet hat und welche Zurichtungen er selbst erfahren hat. Die Personen, die Sie erwähnen, sind keine Theatermacher, sondern Soziologen und Romanautoren. Ich wollte mich nicht allein, sondern zusammen mit den Schauspielern mit diesen Fragen beschäftigen.

Wie biografisch ist das Stück für Sie?

Das Stück beginnt mit einem Monolog, der meine Beziehung zu meinem Vater beschreibt, der als Soldat noch im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges gekämpft hat. Er wurde für den Krieg erzogen: Als Achtzehnjähriger wurde er aus der Schule noch eingezogen. Später war mein Vater Teil des Wirtschaftswunders und hat mehrere Hamburger Unternehmen geleitet. Er ist eben aus dieser Phase eines jungen Menschen, der durch den Krieg traumatisiert wurde, in ein Leben reingegangen, das komplett der Leistung des Geld­erwirtschaftens gewidmet war. Es hatte erst sehr spät in seinem Leben eine Reflexion gegeben über das, was stattgefunden hat. In seiner Vorstellungswelt war es jahrelang gar nicht denkbar, dass er über seine Gefühle reden kann, dass er Nähe zu einem anderen Mann haben und ihn nicht nur als Konkurrenten ansehen kann.

Welche Spuren hat das in Ihnen hinterlassen?

Mein Vater war bis kurz vor seinem Tod nicht in der Lage, eine nicht hierarchische Kommunikation zu führen oder sich überhaupt auf meine emotionale Welt, auf mein Schwulsein einzulassen. Das war für ihn ein großes Problem. Dieses Männlichkeitsbild erfährt gerade eine Renaissance in Deutschland durch die AfD, die Identitäre Bewegung und neue faschistische Gruppierungen, die wirklich sagen, wir müssen unsere Männlichkeit wieder erobern und entdecken. Das ist genau die Art von Männlichkeitskonstruktion, die meinen Vater total unglücklich gemacht. Er war ein seelisch und emotional zerstörter Mensch durch das gewesen, was er damals erfahren hat.

Ist die Krise der Gegenwart eine Krise der Männlichkeit?

Es ist eine Krise bestimmter autoritärer Handlungsweisen, die meistens Männern zugeschrieben werden. Es gibt aber auch eine toxische Männlichkeit, die Frauen praktizieren. Alle Frauen der AfD sind eigentlich Patriarchinnen in ihrem Verhalten: Sie sind homophob, rassistisch und fordern ein soldatisches Männerbild. Diese Männlichkeitskonstruktion enthält aber einen Widerspruch: Kein Mann, der diese Härte performt, ist ja so hart. Die Zusammenbrüche, die Burn-outs haben sie dann zu Hause.

Das Toxische daran ist, dass wir eigentlich erkennen, dass gerade wahnsinnig viel falsch läuft, dass wir zum Beispiel den Planeten weiter zerstören und es dennoch weiterhin machen. Es ist eine egoistische Haltung, die sagt, ich ändere mich nicht, stelle mich nicht infrage und alles, was ich bislang in meinem Leben gemacht habe, war richtig. Dass man sich nicht reflektiert und Fehler eingesteht. Man setzt sich selbst ins Recht, dass man anderen Unrecht zufügen darf. Und das haben in der Hauptsache Männer beigebracht bekommen.

Trump ist ein Paradebeispiel für diesen Widerspruch: Er spielt gern den autoritären Vater, ist aber in Wirklichkeit sehr dünnhäutig.

Es geht um ein Bild von Stärke. Wenn dieses Bild gekränkt wird, setzt man Aggression ein, um es zu verteidigen. Interessanterweise verkörpert jemand wie Trump all das, was in diesen restaurativen Kons­truktionen häufig Frauen zugeschrieben wird: Irrationalität, Impulsivität, Gemütsschwankungen. Aber genau das ist das Gefährliche an dieser Renaissance des starken Mannes, wie es jetzt auch mit Orbán und Erdoğan daherkommt. Das sind eigentlich komplett wankelmütige, überemotionale, irrationale Herrscher. Sie können weder Stress noch Kritik ertragen.

Ihre Stücke entwickeln Sie meistens mit dem Ensemble während der Proben, Sie fangen aber oft mit Textfragmenten an. Was war hier Ihr Ausgangspunkt?

Der kreative Impuls dafür war eine Männlichkeitskonferenz, „Mann sein 2019“, die ich vor einem knappen Jahr mit dem Dramaturgen Daniel Richter besucht habe. Es interessierte mich, dass es plötzlich immer mehr Angebote für Männer gibt, die ihre Männlichkeit kritisch hinterfragen wollen oder einfach verwirrt sind. Viele heterosexuelle Männer wissen nicht genau, wie sie sich jetzt verhalten sollen. Auf der Konferenz gab es ein großes Angebot: von Haka-Workshops, wo man den neuseeländischen Maori-Tanz lernt, bis hin zu Vorträgen über Vater-Sohn-Beziehungen. Es war sehr diffus.

Sind Sie dort zu irgendwelchen bereichernden Erkenntnissen gekommen?

Dass es eine große Verwirrung bei vielen Männern gibt, die sich bedroht fühlen durch die Frauen, durch #MeToo. Sie haben das Gefühl, nichts mehr machen oder sagen zu dürfen. Auf der Konferenz gab es zwei Lager: die, die absolut bereit sind, sich zu ändern, die aber nicht genau wissen, wie ein neues Männerbild eigentlich aussehen könnte. Da haben sie auch nicht unrecht, denn es gibt so wenige positive Vorbilder. Wir befinden uns noch in der Dekonstruktion, wissen aber nicht so richtig, wo es hingehen soll. Und dann gibt es einen Teil, der oftmals politisch den neuen Rechten zuzuordnen ist, die sagen, dass Frauen zu mächtig werden und daher zurückgedrängt werden müssen.

In ebendiesen neurechten Kreisen scheinen Sie einen Nerv getroffen zu haben. Wegen Ihres Stücks „Fear“ wurden Sie angeklagt und erhielten Hassmails und Morddrohungen. Hat Sie das als Künstler eingeschüchtert?

Es war ein Realitätsschock. Es war eine Reise in die Finsternis, zu sehen, wie radikal diese neurechten Gruppierungen um die AfD herum agieren. Ich übe eine Kritik an den Neurechten, und ihre Antwort ist: Wir bringen dich um. Eingeschüchtert bin ich aber nicht. Es hat nicht dazu geführt, dass ich mich nicht mit ihnen auseinandersetze oder jetzt harmloser geworden bin. Im Gegenteil: Ich beschäftige mich umso intensiver mit Rechtsextremismus.

Die tatsächliche Wirkungsmacht des Theaters wird oft infrage gestellt, aber die Angst der Neurechten weltweit vor kulturellen Institutionen ist vielsagend. Das haben wir zuletzt in Ungarn gesehen, wie Orbán gegen das Theater vorgeht. Theater scheint doch eine reale Bedrohung für die Rechten darzustellen. Das gibt einem Hoffnung.

Die reine Existenz von einem Raum, der wirklich frei ist, in dem man wirklich seine Meinung sagen und freie Kunst machen kann, ist so eine Irritation im Weltbild von diesen autoritär strukturierten Menschen. Das halten sie einfach nicht aus. Deshalb ist eigentlich der Wunsch da, das Theater und die freie Kunst zu vernichten, was in allen Diktaturen passiert: weil es diese Gegenstimme nicht geben soll. Wir haben jetzt hier einen Raum, in dem wir sie satirisch überhöhen, kritisieren, dekons­truieren – und das soll eben nicht mehr existieren. Deshalb ist das auch eine reale Gefahr.


Aus: "Falk Richter über toxische Männlichkeit: „Er wurde für den Krieg erzogen“" Das Interview führte: Nicholas Potter (15.1.2020)
Quelle: https://taz.de/Falk-Richter-ueber-toxische-Maennlichkeit/!5652457/