[...] Mittlerweile ersetzen Fragebogen die kindliche Fantasie. Alle fünf Jahre verschickt er sie weltweit, seit über dreissig Jahren. Der wiederholte Vergleich verdeutlicht Trends und Wandel. Ersichtlich werden universelle Werte, etwa die Vorliebe für Kunst oder Religiosität. "Alle sehen gerne Schönes und hören Musik", so Inglehart. "Alle wollen verstehen, woher sie kommen, wohin sie gehen."
Doch das Universelle ist die Ausnahme. Vergleicht Inglehart Länder und Kontinente, stellt er "eine gigantische Bandbreite an Werten" fest. Liege beispielsweise das Verhältnis zwischen dem reichsten amerikanischen Bundesstaat, Connecticut, und dem ärmsten, Mississippi, bei 1 zu 2, so misst er den Unterschied zwischen den reichsten und den ärmsten Ländern in einem Verhältnis von 1 zu 100. "Wer Hunger hat, entwickelt eine gänzlich andere Strategie und somit andere Werte als einer, der satt ist." Wer von Rebellen physisch bedroht wird, sieht Schutz für sich und seine Familie als bedeutsamsten Wert. Wer die Heizung andreht, wenn es kalt ist, die Lampe anzündet, wenn die Nacht einbricht, kann sich anderem widmen als dem nackten Überleben. Ändern sich die Lebensumstände, ändern sich die Werte – diese These bildet den Kern von Ingleharts Forschung. Ihn interessiert, wer wo welche Prioritäten setzt und unter welchen Umständen sich die Abfolge von Wünschen ändert.
Zwei Faktoren führen Wechsel herbei. Zum einen nennt er die ökonomische und physische Sicherheit. Wer genug zu essen hat und nicht bedroht ist, kann weit unabhängiger handeln und sich vermehrt selbst verwirklichen. Werte wie Toleranz, Demokratie oder Umweltschutz lösen Überlebenswerte ab. Zum Zweiten bestimmt die Art der Arbeit die Art der Werte. Bestellen die Menschen das Feld, sind sie der Natur ausgeliefert. Je nach Wetter fällt die Ernte gut oder schlecht aus. Da bleibt nur das Anrufen einer höheren Macht. Deshalb sind religiöse Werte in einer Agrargesellschaft zentral. Löst das Fliessband den Pflug ab, tritt zentrale Planung an die Stelle Gottes. Die Industrialisierung verdrängt die Religion, Werte werden säkularer. Gravierender sind die Einschnitte in einer Wissensgesellschaft, wie Inglehart die Länder Westeuropas, Nordamerikas oder Japan beschreibt. Alles wechselt dort rasant. Menschen müssen sich ständig anpassen, was Innovation und Kreativität verlangt. Die Selbstverwirklichung wird zur Pflicht.
[...] Was hat ihn in der dreissigjährigen Arbeit am meisten überrascht? "Dass die Religion nicht ausgestorben ist, sondern weltweit wichtiger wird", erklärt Inglehart. Noch zu Beginn der Siebzigerjahre gingen sämtliche Sozialwissenschaftler von einer weltweiten Säkularisierung aus. "Wir haben uns geirrt", gesteht er. Unterschätzt wurde die Geburtenrate gläubiger Frauen. Sie liegt bei über fünf Kindern, wohingegen säkulare Frauen im Schnitt weniger als zwei gebären. Nicht nur prozentual nimmt der Anteil weltlicher Menschen ab, er sinkt real.
Zwar stärkt die Industrialisierung den säkularen Trend. Dieser wird aber in Wissensgesellschaften wieder leicht korrigiert. Doch formieren sich andere religiöse Ausprägungen, weg von traditionellen Kirchen, hin zur eigenständigen Sinnessuche. Wer sich selbst verwirklicht, entscheidet selbst über persönliche Werte wie Sexualität, Abtreibung oder Scheidung, so Inglehart. "Er folgt nicht einem diktierenden Prediger, sondern wählt eine eigene Religion". Nicht Sicherheit, sondern Autonomie bringt nun der Glaube.
[...] Der wichtigste Wertewandel selbstverwirklichter Menschen zeige sich in deren wachsender Toleranz. Das manifestiere sich nirgends so sehr wie bei der Akzeptanz von Homosexuellen. "Nein" sagten vor dreissig Jahren noch über die Hälfte der von Inglehart weltweit Befragten, ob Schwule und Lesben jemals akzeptiert werden sollen. Heute anerkennen etliche Länder gleichgeschlechtliche Ehen. Das unterstreiche auch, wie Wertewandel oft Gesetzesänderungen herbeiführen. "Wer sich sicher fühlt, öffnet sich, wer Angst hat, verschliesst sich", begründet Inglehart den Trend zu mehr Toleranz. Nicht überrascht war er, Irak in einer unlängst abgeschlossenen Studie als fremdenfeindlichstes Land zu erkennen. "Iraker fühlen sich derzeit extrem unsicher."
Neben der verstärkten Akzeptanz von Ausländern, Schwulen und Lesben macht Inglehart insbesondere eine wachsende Gleichberechtigung der Geschlechter aus.
[...] Zwar gibt es eine Beziehung zwischen Glück und Demokratie, so Inglehart. "Demokratie führt aber nicht automatisch zu Glück."
Der Umkehrschluss trifft zu. "Wer glücklich ist, wird offener für demokratische Werte." Ein Mysterium sei Lateinamerika. "Alle lateinamerikanischen und insbesondere die karibischen Länder sind glücklicher, als es ihr Vermögen erahnen lässt", erzählt Inglehart. Sicher, das Wetter ist ein Faktor. Wichtiger aber ist: "Die Menschen haben weit mehr Freunde, und sie verbringen mehr Zeit mit ihnen."
[...] Die Daten, die Inglehart in seinem engen Büro in Ann Arbor auswertet, sind für Organisationen wie die Weltbank oder die Vereinten Nationen gute Anhaltspunkte, wie sich die Welt entwickeln könnte. Der Professor selbst gibt sich optimistisch. "Abgesehen vom negativen Trend des Terrorismus und der Antwort darauf besteht Hoffnung." Überall werden Menschen reicher, sicherer und glücklicher. Ein Grossteil der Welt ist industrialisiert. In zuvor extrem armen Ländern wie China oder Indien bilden sich Mittelklassen. Handelsschranken fallen, Kapital und Technologie bewegen sich, was überall neue Stellen schafft.
Doch werden die Menschen glücklicher? Gerade in entwickelten Ländern nimmt der Konsum von Antidepressiva rasant zu. Ein TristesseIndikator sei das nicht, sagt Inglehart. "Wir können uns Pillen leisten, deshalb schlucken wir sie."
Aus: "Mit den Lebensumständen ändern sich die Werte" Von Peter Hossli; Freelancer, New York (19.02.2007)
Quelle:
http://emagazine.credit-suisse.com/app/article/index.cfm?fuseaction=OpenArticle&aoid=178219&coid=120&lang=DE