[...] Das Gefühl der Absurdität, schreibt der französische Philosoph Albert Camus, kann einen beliebigen Menschen an jeder Straßenecke anspringen. Plötzlich stellt sich die Sinnfrage: Was soll das Alles?
[...] Der Bonner Hirnforscher Detlev Linke meint dazu: "Aus den gewöhnlichen Alltagsbezügen kann man auf die verschiedenste Weise herausfallen. Plötzlich wird alles absurd. Man kann auch sagen, da wird etwas ekelig." Es könnte aber auch das Lachen sein, womit man aus dem üblichen Zusammenhängen herausfällt, folgert Linke, zum Beispiel ein Medizinstudent, der in der Prüfung ist, verschiedene Muskeln aufzählen muss und plötzlich anfängt zu lachen. Auch mit einem Lachen kann uns also das Absurde anspringen. "Wozu das alles?", schreibt Camus. Und weiter: "Aufstehen, Straßenbahn, acht Stunden Büro, Straßenbahn, Essen, schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag." Der Überdruss ist das Ende eines mechanischen Lebens. Der nächste Schritt ist entweder die Umkehr in die Kette oder das entgültige Erwachen.
[...] Die absurde Erfahrung reißt uns nicht nur aus der Mechanik des Lebens heraus, sie befreit uns auch von den Normen, die uns an die dumpfe Mechanik binden. Das Absurde befreit uns zur Wahl. Danach sind wir frei zu wählen. Will ich diese Mechanik oder nicht? Für Detlev Linke lautet das philosophische Vitamin zu Albert Camus: "Das was uns im Leben aus der Routine heraus und zurückwirft, gibt uns die Chance, neue Lebenskraft zu entwickeln." Die Freiheit der Wahl ist für den Existenzialisten und Nobelpreisträger Camus keine Qual. Sie ist ein Glück! Wer einmal aus der Routine heraustritt, lebt danach anders. Er rollt entweder seinen alten Stein weiter, jetzt aber durch eine bewusste Entscheidung, oder er sucht sich einen neuen Stein. Rollen müssen wir allemal!
Aus: "Die Absurdität des Alltags: Philosophische Vitamine Teil 12: Albert Camus" Theo Roos für Kulturzeit (29.03.2005)
Quelle:
http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/77669/index.html