Author Topic: [Kino sei ja immer Voyeurismus... (Ulrich Seidl)]  (Read 3185 times)

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Offline Textaris(txt*bot)

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[Kino sei ja immer Voyeurismus... (Ulrich Seidl)]
« on: November 15, 2006, 02:05:20 PM »
Quote
[...] Weil er in seinen Filmen die Wirklichkeit so ungeschminkt in Szene setzt, beschimpfen manche Menschen Ulrich Seidl als "Sozialpornographen". Als den "berüchtigsten Dokumentaristen des alltäglich Abnormen" (Neue Züricher Zeitung).

Seine Eltern, erzählt der 54-Jährige, hätten seine Premieren nie besucht und seine Filme stets gemieden. "Nach allem, was sie darüber hörten, hatten sie Angst, etwas zu sehen, was sie nicht sehen wollten." Unterschichten-Filme. Prekariats-Praktiken. Menschliche Abartigkeiten. Das Elend.

[...] Mitte nächsten Jahres soll "Import/Export" in die Kinos kommen. Es ist die Geschichte der ukrainischen Krankenschwester Olga, die ihr Glück im Westen sucht. Und es ist die Geschichte des Wiener Vorstadt-Glatzkopfs Fritzl, der auf der Suche nach dem Glück im Osten landet.

Seidl, der im kommenden Jahr bereits zum zweiten Mal bei Frank Castorf an der Berliner Volksbühne inszenieren wird, drehte auf Pflegestationen, in Internet-Sex-Studios und bei Reinigungsfirmen.

Er habe Wert darauf gelegt, auch die Wirklichkeit in einem ukrainischen Krankenhaus genau so abzubilden, wie sie wirklich ist, sagt er. Seine Laiendarsteller stellte er auf der Kinderstation neben echte, schwer kranke, schreiende Babies.

Das wird für Diskussionen sorgen. Der erzwungene Blick über den eigenen Tellerrand hinaus kann für Zuschauer recht schmerzhaft sein. Damit spekuliert Seidl. Eine Masche, natürlich. Aber wohltuend im oberflächlichen, kommerziellen Filmgeschäft. Und glücklicherweise sogar recht erfolgreich.

Doch Seidl hat es mit seinen Ideen nicht immer leicht. Seine Dokumentation "Tierische Liebe", in der Menschen gezeigt werden, für die die Grenzen zwischen Tierliebe und Sodomie fließend sind, hat der ORF bis heute nicht ausgestrahlt. Zu heftig. "Hundstage" wiederum wurde bisher nur in einer zensierten Fassung im Fernsehen gezeigt.

Seidl druckst bei dem Thema ein bisschen rum und meint schließlich, er habe kein Problem damit. Er habe das ja unterschrieben, als er Geldgeber suchte. Er sagt auch, dass er kein Problem damit habe, ein Voyeur zu sein. Kino sei ja immer Voyeurismus.

[...] Seidl wollte sein Werk auch den Menschen in dem Ort zeigen, wo er gedreht hatte. Aber die Provinzpolitiker machten Druck und drohten dem örtlichen Kinobesitzer mit der Kürzung von Subventionen. Da mietete sich Seidl selbst das Kino und zeigte seinen Film. Der Skandal im Ort blieb aus. Die Menschen sagten: "Was soll die Aufregung? So ist doch die Wirklichkeit."

[...] Unter den fünf Kindern seiner Eltern, einem Internisten und einer Hausfrau, war ausgerechnet er dazu ausersehen, Priester zu werden. Doch in der Kirche, wo er ministrierte, stahl er sich Geld für Kinokarten aus dem Klingelbeutel. Schlechte Voraussetzungen für den Dienst am Nächsten.

Beim gemeinsamen Familienessen am Sonntag musste stets über die Predigt des Pfarrers geredet werden und was man aus ihr lernen kann. Auf kindliche Widerrede hagelte es Hausarrest und Verbote. Wegen seines Hangs zur Provokation sowie gelegentlicher Versetzungsprobleme in der Schule muss es Seidl daheim nicht leicht gehabt haben.




Aus: "Filme als Provokation: Der Sozialpornograph" Ein Porträt über Ulrich Seidl Von Martin Zips (4./5. 11.2006)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/655/90565/4/

« Last Edit: April 02, 2007, 05:24:47 PM by Textaris(txt*bot) »

Offline Textaris(txt*bot)

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[Die Leidenschaft der Wahrnehmung...]
« Reply #1 on: January 23, 2007, 02:32:55 PM »
Quote
[...] Identifikation mit der Kamera bedeutet hier nicht Identifikation mit dem „Künstler hinter der
Kamera“, wie Eisenstein Balázs 1926 unterstellte (und darüber wird noch zu sprechen sein), sondern
mit dem Apparat des Kinos, seiner gesamten Anordnung, der Herstellung wie der Projektion.
Identifikation mit der Kamera heißt Identifikation mit dem Subjekt des Films, das von seinen Bildern
vollständig absorbiert, unsichtbar gemacht worden ist. An seine Stelle tritt der Zuschauer selbst. „Der
Zuschauer, libidinös mit sich selbst als reiner Kraft der Wahrnehmung identifiziert, wird ganz Auge [...].

[...] Kontakt auf Distanz lautet die Formel, die auch Christian Metz für die „Leidenschaft der
Wahrnehmung“, die Lust des Voyeurs konstatiert: Der Voyeur achtet peinlich darauf, einen
Abstand zu wahren, einen leeren Raum zwischen seinem Objekt und seinem Auge. Sein Blick heftet
das Objekt in der richtigen Entfernung fest, so wie der Zuschauer im Kino, der darauf achtet, nicht zu
nah und nicht zu weit von der Leinwand entfernt zu sitzen. Diese Entfernung darf nicht aufgehoben
werden. Die Gefahr, vom Objekt überwältigt zu werden, wäre gleichbedeutend mit der, das Objekt
selbst zu verschlingen, es nicht mehr sehen zu können.87 So hält die Augenlust die Waage zwischen
dem erotischen Vereinigungswunsch und dem Wunsch nach intakten Körpergrenzen.

[...] „Der Kinobesucher folgt den Bildern auf der Leinwand in einem traumartigen Zustand“, schreibt
Siegfried Kracauer in der Theorie des Films. Und er formuliert damit nur einen Gemeinplatz der
Kinotheorie. Auch Edgar Morin beschreibt das Kino wie einen Traum. „Der Film führt die Welt des
Traumes mitten in die filmische Welt des Wachzustandes“:
„Wir treten in die Dämmerung einer künstlichen Höhle. Tanzend fällt leuchtender Staub auf eine
Leinwand; unsere Blicke verlieren sich in ihm; er nimmt Körper und Leben an; er zieht uns mit sich in
ein schweifendes Abenteuer: Wir überwinden Zeiten und Räume, bis eine feierliche Musik die
Schatten von der wieder weiß gewordenen Bildwand verscheucht hat. Wir gehen hinaus, und wir
sprechen über Vorzüge und Fehler eines Films.“

[...] die Beobachtung, dass die Struktur der Filme und der Träume auf ähnlichen
Mechanismen zu beruhen scheinen, jenen Mechanismen, die Sigmund Freud in der 'Traumdeutung'
und den damit verbundenen einzelnen Aufsätzen seit Beginn des Jahrhunderts identifiziert und
beschrieben hatte: Verschiebung, Verdichtung und Rücksicht auf Darstellbarkeit, also
Verbildlichung. Christian Metz hat, von diesen Mechanismen ausgehend, versucht, mögliche
Gesetze der Beziehung zwischen Verdichtung und Verschiebung einerseits, und Formen der
Metapher und Metonymie andererseits im Film zu identifizieren und zu analysieren. Hier aber geht es
um die Beziehung zwischen der beobachteten Regression des Subjektes und der Besetzung der
geschauten oder halluzinierten Bilder, die Formen der Objektbesetzung im Kino - jenen Vorgang
also, den Edgar Morin, an Lévy-Bruhl anknüpfend, als Verwandlung von Projektion und
Identifikation in emotionale Partizipation zu beschreiben versucht hat. Auch Morin vermochte
freilich die Frage danach nicht zu klären, welchen Ort die von ihm „filmische Partizipation“ genannte
Synthese von Veräußerlichung und Einverleibung - von Projektion einer Vorstellung in die uns
umgebende Objektwelt und Identifikation mit dem Geschauten - zwischen Traum und Wachen,
Wirklichkeit und Halluzination einnimmt.


Aus: "Medium und Initiation - Béla Balázs: Märchen, Ästhetik, Kino" (Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophischen Fakultät der Universität Konstanz vorgelegt von Hanno Loewy aus (Frankfurt am Main; 1999))
Quelle: http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?idn=958461252&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=958461252.pdf


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[Kino sei ja immer Voyeurismus... ]
« Reply #2 on: August 15, 2019, 03:18:00 PM »
Quote
[...] Die Träumer (Originaltitel The Dreamers) ist ein Spielfilm aus dem Jahr 2003. Das Werk des italienischen Regisseurs Bernardo Bertolucci basiert auf mehreren Werken von Gilbert Adair, der auch das Drehbuch schrieb. Vor dem Hintergrund der Unruhen von 1968 in Paris schildert er die erotischen Erfahrungen dreier junger Menschen.

... Ein Grund, diesen Film zu machen, war für Bertolucci das gegenwärtige Unwissen darüber, was die damalige Generation wirklich bewegt hat.[6] Heute wüssten nur noch wenige, dass es Filmbegeisterte gewesen seien, welche die Pariser Mai-Unruhen ausgelöst hätten.[3]

... Schwerpunkte der Kritik: Statt mittels langer Debatten vermittle Bertolucci die Erfahrung sexueller Freiheit in wunderbaren Bildern.[11] Einer vereinzelten Stimme, der Film sei unverklemmt und keine Altherrenfantasie,[12] standen mehrere Kritiken gegenüber, die genau das feststellten, auch einen „feuchten Traum“,[14] in dem „mit epischer Wollust an jeder Einstellung und dezentem Voyeurismus“[15] attraktive Körper zur Schau gestellt werden.[5] Es seien nostalgische Männerfantasien eines gealterten Regisseurs, der auf die Jugend herabschaue [9] und unnötigerweise Matthews halb aufgerichteten Penis und Isabelles Schamlippen zeigt;[14] zudem sei es unglaubwürdig, dass Isabelle noch Jungfrau gewesen sein soll.[2] Bertolucci zeige Provokatiönchen und Klischees; obwohl er die Errungenschaften der sexuellen Revolution preisen wolle, rücke er Genitalien und andere entblößte Körperteile ins Bild, als seien sie etwas Ungeheuerliches.[9] Er wolle der bürgerlichen Moral die Zähne zeigen, auch wenn sie nicht mehr richtig zubeißen könnten.[15] Gelegentliche Zustimmung gab es zu den Darstellern,[16] die unverbraucht seien[8] und „ungemein natürlich“ aufträten.[11] Einige lobende Erwähnung fand auch Bertoluccis Umgang mit dem Kino und sein Zitieren aus Filmklassikern. Er mache das „ebenso klug wie leidenschaftlich“,[12] unverkrampft und nie belehrend, und die Zitate aus Launen des Augenblicks seien entwaffnend.[11] In einer ansonsten negativen Rezension wurden sie als einziger Glanz des Films bezeichnet.[5]

...


https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Tr%C3%A4umer (Stand: 28. Juni 2019)

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Quote
[...] Es ist sinnlich und kokett zugleich, wie Bertolucci im schamlosen Kinotraum dieser schönen jungen Nackten schwelgt und den Zuschauer trotzdem nicht zum Voyeur macht. Obwohl er das Erwachen der Sexualität mit politischem Bewusstsein koppelt, ist es kein politischer Film. "Die Träumer" zeigt das Erwachsenwerden, er verzaubert noch mal das Refugium der Jugend, spiegelt mit der Aufbruchstimmung wehmütig eine Phase, in der auch das Kino alles möglich zu machen schien. Es ist ein traumwandlerischer Nachruf auf eine Utopie, mit der sich auch Bertolucci als Träumer ausweist und einer der letzten Meister erlesener Tableaus, von dem man sich als Cineast gerne für zwei Stunden verführen lässt.


Aus: "Bertoluccis "Träumer" - Die Utopie der schönen Nackten" Oliver Hüttmann (22.01.2004)
Quelle: https://www.spiegel.de/kultur/kino/bertoluccis-traeumer-die-utopie-der-schoenen-nackten-a-283070.html
« Last Edit: August 15, 2019, 03:26:16 PM by Textaris(txt*bot) »