COMMUNICATIONS LASER #17
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Author Topic: [Armut... (Notizen)]  (Read 18453 times)
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« Reply #15 on: October 16, 2006, 11:15:35 AM »

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[...] In Zahlen ausgedrückt: Erhielten am 21. Dezember 2004 noch 270 585 Berliner laufende Hilfe zum Lebensunterhalt, waren es ein Jahr später nur 8266 Personen. Dafür ist die Zahl der Berliner, die unter die Hartz-IV-Gesetze fallen - dazu zählt das neue Sozialgesetzbuch II -, im vergangenen Jahr explosionsartig gestiegen. Als Anfang 2005 Arbeitslosengeld und Sozialhilfe bundesweit zusammengelegt worden waren, zählten die Jobcenter 225 000 Bedarfsgemeinschaften mit 310 000 Menschen. Im März 2005 waren es bereits 279 000 Bedarfsgemeinschaften, im Oktober 314 000. Und bis April 2006 stieg die Zahl auf 335 000 Haushalte an.


Aus: "Die Armut in Berlin steigt rapide an: Zahl der Langzeitarbeitslosen nimmt zu - Mehr Jobs im Niedriglohn - Letzter Ausweg Sozialhilfe" (2006/10/16)
Quelle: http://www.morgenpost.de/content/2006/10/16/politik/859959.html

-.-

Quote
[...] Zunächst einige Fakten: Roach konstatiert, dass der Lohnanteil am Volkseinkommen in den Ländern der so genannten G7 plus (USA, Kanada, Japan, Großbritannien und den zwölf Ländern der Euro-Zone) zwischen 2001 und 2006 von 56 Prozent auf den anscheinend niedrigsten je gemessenen Wert von 53,7 Prozent gefallen ist. Die Zahlen für die etwas andere Grundgesamtheit der G10 zeigten jedenfalls, dass diese 53,7 Prozent niedriger waren als in irgendeinem Jahr seit 1975. Es scheint sich international dasselbe Bild zu ergeben, das der Sachverständigenrat in seinen Gutachten für Deutschland zeichnet: dass der Anteil der Löhne am Sozialprodukt irgendwann in den 70er-Jahren zugunsten des Anteils der Gewinne zu sinken begann und dass dieser Prozess sich in den 90er-Jahren noch beschleunigt hat.

Wer in einem der untersuchten Länder lebt, wird die Daten für plausibel halten. Hohe Arbeitslosigkeit, stärker werdende soziale Ungleichheit, Armut bei steigendem, öffentlich zur Schau getragenem Reichtum, all das ist heute sogar in den relativ egalitären Staaten Westeuropas augenfällig - auch ohne Diskussionen über neue Unterschichten. Man kann dieser Entwicklungsrichtung der kapitalistischen Gesellschaften gleichgültig gegenüberstehen, man mag sich darüber empören oder sich darüber sorgen, ob solche Gesellschaften noch eine Zukunft haben.


Aus: "Kolumne: Wenn das Pendel zurückschwingt" von Lucas Zeise (FTD; 31.10.2006)
Quelle: http://www.ftd.de/meinung/leitartikel/126959.html



« Last Edit: March 13, 2008, 12:09:37 PM by Textaris(txt*bot) » Logged
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« Reply #16 on: October 17, 2006, 11:26:06 AM »

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[...] "Wohungslose haben bei einem Regelsatz von 345 Euro monatlich bei exakter Wirtschaftshaltung genau 13,20 Euro pro Monat für die Gesundheitspflege und — vorsorge zur Verfügung" , so Geiger. Wobei bereits das "exakte Wirtschaften" die reine Illusion sei. Das Leben auf der Straße verändere die Menschen dazu zu sehr. Viele der heutigen Wohnungslosen seien von massiver Existenzangst betroffen. Die Selbstmordgefahr sei bei dieser Klientel deutlich erhöht. Wohnungslose litten überproportial stark an Infektionen, Atemwegs- und Herz-Kreislauferkrankungen, Störungen des Verdauungsapparates, oft chronisch. Schlechter Zustand der Zähne sei die Regel. Besonders problematisch wegen der hohen Zuzahlungen seien Zahnersatz und Sehhilfen. Willi Rosenberg, Betroffener und vor sieben Jahren Initiator der Pflasterstuben-Idee: "Damals hatten wir es am häufigsten mit offenen Wunden zu tun, mit Blasen, mit Magenschmerzen." Heute sei signifikant, dass die Klientel sich verändert habe. Die Leute seien jünger, und sie seien immens psychisch belastet.


Aus: "Armut macht krank, Krankheit macht arm" (Badische Zeitung vom Donnerstag, 12. Oktober 2006)
Quelle: http://www.badische-zeitung.de/lokales/lokalausgaben/offenburg/1,51-11819854.html

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« Reply #17 on: October 17, 2006, 11:31:48 AM »

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[...] "Wir werden wie Sklaven gehalten. Wir müssen täglich zwischen zehn und 15 Stunden schuften, für einen Stundenlohn von drei Euro. Für Überstunden oder Nachtarbeit sehen wir keinen Cent mehr.“

Untergebracht werden die illegalen Erntehelfer in verlassenen, heruntergekommen Baracken - ohne Wasser, oft auch ohne Strom. Den Kontakt zur Außenwelt blocken kriminelle Vorarbeiter ab, die so genannten "Caporali“. Sie sind meist ebenfalls Osteuropäer, die die Schmutzarbeit für die italienischen Landbesitzer erledigen.

[...] Es ist ein Boden ohne Menschenrechte, den man nur undercover betreten kann. Dazu entschloss sich im Juli dieses Jahres der italienische Journalist Fabrizio Gatti: "Ich habe vorgegeben, ein rumänischer Immigrant zu sein. Auf den Feldern habe ich eine Welt entdeckt, die eines europäischen Landes unwürdig ist. Tausende Menschen, die unter brütender Sonne zwischen den Tomatensträuchern kriechen. Einmal habe ich miterlebt, wie ein Pole, dem ein Karton mit Tomaten umgefallen war, krankenhausreif geschlagen wurde.“

[...] "Wenn man bedenkt, dass allein die Provinz Foggia in Apulien weit über 5.000 Arbeiter für die Ernte bräuchte, ist klar, warum dieses Loch von der Schwarzarbeit gefüllt wird. Dank der Polen und Rumänen können die italienischen Tomatenhändler dem Price-Dumping aus China Stand halten. Sie nehmen daher die dramatischen Vorgänge auf ihren Feldern gerne in Kauf."
Mysteriöse Todesfälle
Wenn jemand die Zwangsherrschaft nicht mehr in Kauf nehmen will, wird er krankenhausreif geschlagen. So geschehen im Juli dieses Jahres durch den 39-jährigen Rumänen Pavel Marin, der sich über die Arbeitsbedingungen beschwerte und in seine Heimat zurückkehren wollte. Als er vom Spital entlassen wurde, musste er sich tagelang vor den Mafiapaten in einer Baracke verstecken, um nicht erneut im Spital zu landen. Pavel Marins Peiniger sitzen mittlerweile in Untersuchungshaft.

Viele Osteuropäer aber hatten auf den süditalienischen Erntefeldern weniger Glück: Seit 2005 sind ein Litauer und 13 Polen auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Auf Drängen der polnischen Behörden wurde die Anti-Mafia-Kommission in Bari eingeschaltet. Mittlerweile konnten 26 Personen, die im Verdacht stehen, Menschen getötet und verbrannt zu haben, festgenommen werden.




Aus: "EU-Bürger als Sklavenarbeiter - Ausbeutung von Osteuropäern made in Italy" Text: Nadja Bernhard (10/2006?)
Quelle: http://oe1.orf.at/highlights/67235.html


« Last Edit: March 13, 2008, 12:11:18 PM by Textaris(txt*bot) » Logged
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« Reply #18 on: October 17, 2006, 12:00:22 PM »

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[...] Zum einen haben die Vereinten Nationen die reichen Länder zum Kampf gegen den Hunger vor allem bei Kindern aufgerufen. Zum anderen prangert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die zunehmende Fettleibigkeit in Europa an.


Aus: "Welternährungstag mit krassen Gegensätzen" (dpa; 16.10.2006)
Quelle: http://www.vitanet.de/aktuelles/Gesellschaft/20061016-Welternaehrungstag-mit-krassen-Gegensaetzen/

« Last Edit: March 13, 2008, 12:11:52 PM by Textaris(txt*bot) » Logged
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« Reply #19 on: October 18, 2006, 11:27:42 AM »

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[....] Es ist deutlich geworden, dass Prekarität heutzutage allgegenwärtig ist. Im privaten, aber auch im öffentlichen Sektor, wo sich die Zahl der befristeten Beschäftigungsverhältnisse und Teilzeitstellen vervielfacht hat; in den Industrieunternehmen, aber auch in den Einrichtungen der Produktion und Verbreitung von Kultur, dem Bildungswesen, dem Journalismus, den Medien usw. Beinahe überall hat sie identische Wirkungen gezeigt, die im Extremfall der Arbeitslosen besonders deutlich zutage treten: die Destrukturierung des unter anderem seiner zeitlichen Strukturen beraubten Daseins und der daraus resultierende Verfall jeglichen Verhältnisses zur Welt, zu Raum und Zeit. Prekarität hat bei dem, der sie erleidet, tiefgreifende Auswirkungen. Indem sie die Zukunft überhaupt im Ungewissen lässt, verwehrt sie den Betroffenen gleichzeitig jede rationale Vorwegnahme der Zukunft und vor allem jenes Mindestmaß an Hoffnung und Glauben an die Zukunft, das für eine vor allem kollektive Auflehnung gegen eine noch so unerträgliche Gegenwart notwendig ist.

Zu diesen Folgen der Prekarität für die direkt Betroffenen gesellen sich die Auswirkungen auf die von ihr dem Anschein nach Verschonten. Doch sie lässt sich niemals vergessen; sie ist zu jedem Zeitpunkt in allen Köpfen präsent (ausgenommen den Köpfen der liberalen Ökonomen, vielleicht deshalb, weil sie - wie einer ihrer theoretischen Gegner bemerkte - von dieser Art Protektionismus profitieren, den ihnen ihre tenure, ihre Beamtenstellung verschafft und die sie der Unsicherheit entreißt). Weder dem Bewusstsein noch dem Unterbewussten lässt sie jemals Ruhe. Die Existenz einer beträchtlichen Reservearmee, die man aufgrund der Überproduktion von Diplomen längst nicht mehr nur auf den Qualifikationsebenen findet, flößt jedem Arbeitnehmer das Gefühl ein, dass er keineswegs unersetzbar ist und seine Arbeit, seine Stelle gewissermaßen ein Privileg darstellt, freilich ein zerbrechliches und bedrohtes Privileg (daran erinnern ihn zumindest seine Arbeitgeber bei der geringsten Verfehlung und die Journalisten und Kommentatoren jeglicher Art beim nächsten Streik). Die objektive Unsicherheit bewirkt eine allgemeine subjektive Unsicherheit, welche heutzutage mitten in einer hochentwickelten Volkswirtschaft sämtliche Arbeitnehmer, einschließlich derjenigen unter ihnen in Mitleidenschaft zieht, die gar nicht oder noch nicht direkt von ihr betroffen sind. Diese Art "kollektive Mentalität" (ich gebrauche diesen Begriff hier zum besseren Verständnis, obwohl ich ihn eigentlich nicht gern verwende), die der gesamten Epoche gemein ist, bildet die Ursache für die Demoralisierung und Demobilisierung, die man in den unterentwickelten Ländern beobachten kann (wozu ich in den 60er Jahren in Algerien die Gelegenheit hatte), die unter sehr hohen Arbeitslosen- und Unterbeschäftigungsraten leiden und permanent von der Angst vor Arbeitslosigkeit beherrscht werden.


Aus: "Zur Aktualität eines Begriffs: Prekarität ist überall" VON PIERRE BOURDIEU (18.10.2006)
Quelle: http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/?sid=dfdbb3a68cc0cfb80af96f44ef3e1a4d&em_cnt=991473

-.-

Quote
[...] Kleinverdiener, die in Autos oder unter Brücken wohnen sowie brennende Autos und randalierende Jugendliche - Zeichen von sozialer Ungerechtigkeit, Perspektivlosigkeit, Rassismus und Massenarbeitslosigkeit, die in Frankreich eine neue Debatte über Armut und Ausgrenzung auslösen.

Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Rund fünf Prozent der 60 Millionen Einwohner leben am Existenzminimum. Vor allem in den Großstädten ist die Armut sichtbar, wo Obdachlose unter Brücken und in U-Bahn-Schächten hausen oder Kleinverdiener in Autos oder Zelten leben, weil die Mieten unerschwinglich sind.

Die Vereinigung ADT-Vierte Welt schätzt die Zahl der Personen, die in Frankreich kein festes Dach über dem Kopf haben oder in unzumutbaren Unterkünften leben auf rund 3 Millionen, davon sollen 100 000 auf der Straße leben. Nicht alle sind zwangsläufig auch arbeitslos. Viele von ihnen halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Für eine Mietwohnung - auch in Pariser Randgebieten - reicht das Geld oft trotzdem nicht. Selbst der gesetzliche Mindestlohn (SMIC) in Höhe von rund 1 200 Euro monatlich für eine geregelte Arbeit garantiert kein festes Dach über dem Kopf. Immer mehr Menschen leben in ihrem Auto oder quartieren sich wechselnd bei Verwandten und Freunden ein.

Auch die Zahl der Empfänger von Sozialhilfe, die zwischen 400 Euro für einen Alleinstehenden und etwas mehr als 900 Euro für ein Paar mit zwei Kindern liegt, nimmt explosionsartig zu. So zählte man in Frankreich Ende 2005 rund 3,5 Millionen Sozialhilfeempfänger - 100 000 mehr als im Jahr zuvor. Am stärksten betroffen sind Alleinerziehende sowie Menschen unter 30 Jahren und Rentner. Rund eine Million Kinder leben in Armut.

In Frankreich gibt es 2,16 Millionen Arbeitslose. Vor allem Jugendliche aus Einwandererfamilien aus dem Maghreb und Westafrika sind von dieser Beschäftigungslosigkeit betroffen, die nicht zuletzt im vergangenen Herbst zu den heftigen Gewaltausbrüchen in Frankreich geführt hat.


Aus: "Analyse: Auch in Frankreich wächst die Kluft" (TA; 17.10.2006; dpa)
Quelle: http://www.thueringer-allgemeine.de/ta/ta.politik.volltext.php?zulieferer=dpa&redaktion=bdt&dateiname=iptc-bdt-20061017-296-dpa_12886328.nitf&kategorie=&catchline=%2Fthema%2F%23story&other=tdt&dbserver=1

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« Reply #20 on: October 18, 2006, 11:36:01 AM »

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[...] Washington - In den USA gilt als arm, wer als Single weniger als 9973 Dollar (7961 Euro) im Jahr verdient. 20 000 Dollar sind die Grenze für eine vierköpfige Familie. Laut Statistik sind dreimal mehr Schwarze als Weiße arm. Als "Underclass" (Unterschicht) gelten in der Umgangssprache jene, die aus dem System gefallen sind und keine Aufstiegschancen haben. Arme Afroamerikaner werden auch "Poor Blacks" genannt. Die ethnischen Verunglimpfungen von armen Weißen sind facettenreicher. Sie reichen von "Joe Dirt" (Joe Schmutz) über "White Blacks of America" bis hin zum besonders häufig gebrauchten "White Trash" (Weißer Abfall).

Diese Stigmatisierung zielt auf arme und einkommensschwache Weiße gleichermaßen ab und schiebt als Art Oberbegriff für schlechtes Benehmen, Mangel an Bildung und geringe moralische Standards die Betroffenen in die unterste soziale Schublade. "White Trash" wird oft auch mit Trunkenheit oder lautem Benehmen assoziiert.

Rund 37 Millionen US-Bürger oder 12,6 Prozent der Gesamtbevölkerung gelten als arm. 46,6 Millionen haben nach Angaben der US-Statistikbehörde keine Krankenversicherung. Arbeitslosengeld wird etwa im Bundesstaat Virginia nur zwischen zwölf und 26 Wochen gezahlt. Die Summe schwankt laut Behörden zwischen 54 und 330 Dollar (263 Euro) pro Woche. dpa


Aus: "USA: "White Trash" markiert unterste Sozial-Schublade" (fr; 18.10.2006)
Quelle: http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?sid=3be3387b2a43356b961f038781809280&em_cnt=991516


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« Reply #21 on: October 19, 2006, 09:50:14 AM »

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[...] Obwohl sich die wirtschaftliche Lage in den osteuropäischen Regionen insgesamt verbessert habe, lebten zum Beispiel in Kirgisien noch bis zu 80 Prozent der unter 15-Jährigen in Haushalten, die mit weniger als 1,70 Euro pro Tag auskommen müssten, teilte das Hilfswerk der Vereinten Nationen in Köln in ihrem Osteuropa-Bericht mit.

Armut sei auch der Hauptgrund dafür, dass eine große Zahl von Kindern in Bulgarien und Rumänien eben nicht in ihren Familien, sondern in Heimen aufwachse.

Im Vergleich zu den neunziger Jahren ist die Zahl der Kinder, die in Armut aufwachsen, laut Unicef-Bericht zwar von 32 auf 18 Millionen gesunken. Das liege aber weniger an verbesserten Lebensumständen als an einer drastisch gesunkenen Geburtenrate. Diese hat Unicef zufolge in den untersuchten 20 Staaten Südosteuropas und der ehemaligen Sowjetunion von 1998 bis 2003 um elf Millionen abgenommen.

In Fragen der Gesundheitsversorgung, bei sanitären Einrichtungen und der sozialen Infrastruktur zeichne sich statt Fortschritten vielfach nur Stagnation ab, hieß es.

Aus: "STUDIE: Kinder in Osteuropa extrem arm - Jedes vierte Kind in Südosteuropa und der ehemaligen Sowjetunion lebt in extremer Armut. Das geht aus einer Unicef-Studie hervor" (SPON; 18. Oktober 2006)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,443215,00.html

« Last Edit: March 13, 2008, 12:59:35 PM by Textaris(txt*bot) » Logged
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« Reply #22 on: October 19, 2006, 09:56:47 AM »

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[...] Diskutiert werden in den Medien gelegentlich Einzelfälle; ein misshandeltes oder unterversorgtes Kind oder auffällige Jugendliche. Aber die „verlorenen“ Kinder dieser Stadt sieht man selten. Sie „verirren“ sich kaum auf die Flaniermeilen rund um die Alster; sie sind nicht zu sehen in den schicken Einkaufspassagen der Innenstadt.
 

Unter der CDU-Mehrheit in Hamburg hat sich die Kinderarmut verschärft. „Seit 1992 bemühen wir uns, Politik und Öffentlichkeit – leider ohne erkennbaren Erfolg – wachzurütteln. Waren 2003 15% aller Kinder in Hamburg arm, sind es heute bereits 23%,“ so Professor Wulf Rauer, Vorsitzender des Kinderschutzbund Hamburg.

[...] Armut führt besonders bei Kindern zu einer Lebenslage in der wichtige Lernprozesse verhindert werden und Ausgrenzung erlebt wird. Den Kindern fehlt Erfahrungsreichtum und damit Verhaltenskompetenz. Durch die aktuellen bildungspolitischen Trends wird in Hamburg die intensive schulische Selektion gefördert und dies reduziert die Bildungschancen für benachteiligte Schüler maßgeblich. Die „Ghettoisierung“ von Armut, d.h. die sozialräumliche Ausgrenzung von Armutsbevölkerung in spezielle Quartiere und Stadtteile verstärkt die Not noch.

[...] Nach der neuesten Untersuchung der SPD Frau Andrea Hilgers schätzen sogar 20% der Kita-Leitungen in den sozial benachteiligten Stadtteilen die „pädagogische Kontinuität“ als schlecht ein, sie klagen über fehlende Mitarbeiter und wenige Mittel. Ebenfalls Folge des „Gutschein-Systems“ in diesen Gebieten: fast jede zehnte Familie ist mittlerweile bei den Einrichtungen verschuldet.


Aus: "Kinderarmut in Hamburg: „...die im Dunklen sieht man nicht“
Kategorie: Wirtschaft & Soziales, hiz berichtet
Von: hp/hiz
Ein Viertel der Kinder in Hamburg lebt von Hartz IV. Fast 75.000 Kinder, deren Entwicklungs- und Bildungschancen in dieser reichen Stadt Hamburg fast aussichtslos sind" (20.10.2006)
Quelle: http://www.initiativenzeitung.org/nachricht/meldung/kinderarmut-in-hamburg-die-im-dunklen-sieht-man-nicht/

« Last Edit: March 13, 2008, 12:59:57 PM by Textaris(txt*bot) » Logged
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« Reply #23 on: October 19, 2006, 10:24:26 AM »

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[...] Wenn es um die ausufernden Kosten für das Arbeitslosengeld II (ALGII) geht, lenkten Politiker bisher gerne die Aufmerksamkeit auf den vermeintlich grassierenden Missbrauch. Dabei ist das Arbeitsministerium - wollte man zynisch sein - letztes Jahr mit rund 26 Milliarden Euro noch recht gut weggekommen. Denn tatsächlich nehmen viele Menschen, die aufgrund ihrer finanziellen Situation sehr wohl Anrecht auf ALG II hätten, den Anspruch gar nicht wahr.

Das zeigt eine neue Studie, die die Forscherin Irene Becker jetzt im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung erstellt hat. Mitten in der hitzigen Debatte über Armut in Deutschland zeigt die Untersuchung außerdem, dass das Problem noch sehr viel größer ist als die offiziellen Statistiken vermuten lassen.

Mithilfe von Daten aus dem Sozioökonomischen Panel, einer jährlichen Haushaltsbefragung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, berechnete die Wissenschaftlerin: Eigentlich wären statt der rund 7,4 Millionen Menschen, die aktuell in Haushalten mit Hartz-IV-Unterstützung leben, etwa zehn Millionen Menschen ALG-II-berechtigt. Über 30 Milliarden Euro müsste die Bundesregierung Beckers Einschätzung zufolge insgesamt jährlich aufbringen, wenn sich alle Leistungsberechtigten bei den zuständigen Jobcentern melden würden.

Der immer wieder hochkochenden Missbrauchs-Debatte will die Autorin mit ihrer Studie den Zündstoff nehmen. Denn ihre Ergebnisse ständen "in auffallendem Kontrast" zu der Vermutung, die jetzt schon hohe Zahl an ALG-II-Empfängern lasse sich mit den zahlreichen Trittbrettfahrern erklären, die die Unterstützung eigentlich gar nicht nötig hätten. Auch die viel diskutierte These, die Hartz-IV-Unterstützung motiviere zum Nichtstun, sei ihren Forschungsergebnissen nach zumindest höchst diskutabel. "Viele Bedürftige verzichten auf Arbeitslosengeld II - und das Hauptmotiv ist Scham", sagte Becker zu SPIEGEL ONLINE. Offensichtlich hätten viele Menschen das Bedürfnis nach Anerkennung und Selbständigkeit.

In der aktuellen Armuts-Debatte liefert die Studie außerdem noch einmal die erschreckende Wahrheit über die deutschen Verhältnisse. Besonders oft bedürftig sind der Untersuchung zufolge Alleinerziehende, Geringqualifizierte und Teilzeitjobber. 3,4 Millionen Kinder und Schüler leben in bedürftigen Familien. Je mehr Kinder in einem Haushalt leben, desto höher das Armutsrisiko.

Besonders eindrücklich sind solche Fakten angesichts der strengen Kriterien, die Forscherin Becker ansetzt. Während sonst häufig bei Studien zu dem Thema jeder als arm gilt, dessen Einkommen unter 60 Prozent des deutschen Durchschnitts liegt, zählt Becker nur ALG-II-Berechtigte dazu.

Die offiziellen Statistiken verraten nur die halbe Wahrheit, lautet die Schlussfolgerung Beckers. "Dabei hat mich das Ausmaß des Entsetzens schon verwundert", kommentiert die Wissenschaftlerin die aktuelle Armuts-Debatte. Denn die Ergebnisse der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung über das "abgehängte Prekariat", die die Debatte angestoßen hat, habe letztlich nur längst bekannte Erkenntnisse bestätigt.


Aus: "VERSTECKTE ARMUT: Zehn Millionen Deutsche sind bedürftig" (ase; SPON; 18. Oktober 2006)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,443327,00.html

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Quote
[...] «Sie leben in verdeckter Armut - und mit ihnen etwa eine Million Kinder», stellte Becker fest. Betroffen seien vor allem gering Qualifizierte, Teilzeitbeschäftigte, die keine volle Stelle finden, sowie Familien mit drei oder mehr Kindern. Hinzu kämen 1,5 Millionen Haushalte, die auch ein Vollzeiteinkommen nicht vor Bedürftigkeit schütze.

Die Ökonomin hat für ihre Studie das Ausmaß der Bedürftigkeit auf Basis einer seit 1984 fortgeschriebenen Datensammlung geschätzt. Dabei seien die jüngsten zur Verfügung stehenden Zahlen von 2004 zu Grunde gelegt worden. Für das so genannte sozioökonomische Panel werden jährlich mehr als 11 000 Haushalte vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin befragt.


Aus: "Studie zu verdeckter Armut veröffentlicht - Millionen Menschen verzichten auf die ihnen zustehende Unterstützung" (18.10.06)
Quelle: http://www.mz-web.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&atype=ksArtikel&aid=1160644260689&openMenu=987490165154&calledPageId=987490165154&listid=994342720546

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« Reply #24 on: October 20, 2006, 10:11:22 AM »

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[...] Etwa ein Viertel der mehr als 70 Millionen Einwohner der Türkei lebt nach Berechnungen der Statistiker in Ankara unterhalb der Armutsgrenze. Wer noch weniger hat - fast eine Million Menschen oder ein Prozent der Bevölkerung - fristet ein Dasein an der Grenze des Hungers. Nach Angaben der Behörde ist die Armut auf dem Land weiter verbreitet als in der Stadt und nimmt mit der Größe der Familie zu. So lebt etwa jede zweite türkische Familie mit sieben und mehr Angehörigen unterhalb der Armutsgrenze.

[...] Nicht jeder ist bereit, seine Bedürftigkeit offen zur Schau zu tragen. Wer in Armut lebt, tut dies häufig im Verborgenen, das ist in der Türkei nicht anders als anderswo auf der Welt.


Aus: "Armut in der Türkei: "Wenn doch immer Ramadan wäre"" (Donnerstag, 19. Oktober 2006)
Quelle: http://www.n-tv.de/722795.html

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« Reply #25 on: October 24, 2006, 10:40:02 AM »

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[...] "Die 10 Prozent der reichsten Menschen in Deutschland konzentrieren über 46 Prozent des Gesamtvermögens in Deutschland", stellt Professor Ernst-Ulrich Huster, Politikwissenschaftler an der Evangelischen Fachhochschule Bochum, fest.

Doch über diese Kernaussage hinaus bleiben verlässliche wissenschaftliche Angaben über die Reichen in Deutschland schwierig. In Datenerhebungen wird oft in der höchsten Einkommensgruppe nicht ausreichend differenziert, zudem halten sich die Reichen mit Auskünften zurück. "Der Arme will, dass seine Armut wahrgenommen wird, der Reiche schweigt und genießt", sagt Huster. "Der Reiche - das scheue Wild", fasste Rolf Stöckel, Sprecher der "AG Verteilungsgerechtigkeit" der SPD-Fraktion, die unzureichende Datenlage zusammen.

[...] Früher sei Deutschland zudem weltweit vorbildlich für die soziale Durchlässigkeit seiner politischen Klasse gewesen, erklärte Hartmann weiter. Die Volksparteien hätten gerade auch Angehörige der mittleren und unteren Schichten in die politische Verantwortung gebracht. "Diese Sonderstellung ist weg", fuhr er fort. Durch die Mitgliederverluste von SPD und CDU/CSU und die Verweigerungshaltung weiter Bevölkerungsteile spiegele die Politikerklasse immer weniger die reale Bevölkerung wieder. Die Politikerklasse nähere sich mit ihrer gehobenen sozialen Zusammensetzung der Wirtschaftsklasse an, so Hartmann. "Je näher Polit- und Wirtschaftseliten aneinanderliegen, desto größer ist die Gefahr, dass ihre Wahrnehmung von sozialer Wirklichkeit nicht mehr mit der von vielen Menschen in Deutschland korrespondiert", warnte Hartmann.


Aus: "Die unbekannte Oberschicht" taz vom 24.10.2006, S. 7, 133 Z. (TAZ-Bericht), CHRISTOPH GERKEN
Quelle: http://www.taz.de/pt/2006/10/24/a0076.1/text

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« Reply #26 on: October 26, 2006, 10:16:52 AM »

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[...] Auch in Köln wächst die Armut. Fast 13 Prozent der Menschen können ohne staatliche Unterstützung ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten. Beinahe jedes vierte Kind gilt als arm.

[...] Wie die meisten hier kommt sie regelmäßig zur kostenlosen Essensausgabe. Rund 450 Personen werden jeden Dienstag zwischen 14 und 18 Uhr von ehrenamtlichen Helfern mit dem Nötigsten versorgt: Brot, Gemüse, Obst, Nudeln, Milch, Mehl. Heute gibt es außerdem Sauerkraut und Joghurt.

Von 1000 Kölnern leben 129 von staatlichen Transferleistungen. Sie beziehen Arbeitslosengeld II, Sozialgeld, Grundsicherung oder Hilfen zum Lebensunterhalt. Nicht in der Zahl enthalten sind die Arbeitslosen, die normales Arbeitslosengeld bekommen. Das sind bei 1000 Kölnern noch einmal mehr als 15 weitere Betroffene, die man jedoch keinesfalls pauschal als „arm“ bezeichnen darf.

Die Stadtverwaltung hat für den nächsten Sozialausschuss die Ergebnisse eines Kennzahlenvergleichs der 16 größten Städte Deutschlands vorgelegt. Köln schneidet etwas besser ab als der Durchschnittswert des interkommunalen Vergleichs, wonach 139 von 1000 Großstädtern von staatlichen Transferleistungen leben. Die größte Gruppe unter ihnen bilden die „Hartz IV“-Betroffenen. Mit der Einführung des Arbeitslosengeldes II ist die Zahl der Empfänger der klassischen Sozialhilfe zum Beispiel in Köln auf unter 0,2 Prozent der Bevölkerung gesunken.

Unter den Kölnern bis 65 Jahre fielen im Jahr 2005 fast 14,2 Prozent unter die Regelungen der „Hartz IV“-Gesetze. Am stärksten betroffen sind Kinder: Für 227 von 1000 Kindern unter 15 Jahren wird Sozialgeld gezahlt, weil ihre Eltern Langzeitarbeitslose sind oder weniger verdienen, als die „Hartz IV“-Bemessungsgrenze vorsieht. Somit kann fast jedes vierte Kind in Köln als „arm“ bezeichnet werden. Am zweitstärksten ist die Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener von 15 bis 25 Jahre betroffen. Im interkommunalen Vergleich der traurigen Zahlen schneidet Köln besser ab als andere.


Aus: "Rangliste der Bedürftigkeit birgt Sprengstoff" VON HELMUT FRANGENBERG (Kölner Stadt-Anzeiger; 25.10.2006)
Quelle: http://www.ksta.de/html/artikel/1161673298300.shtml

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« Reply #27 on: October 31, 2006, 10:40:20 AM »

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[...] Sowohl das Wirtschaftswunder im Westen als auch die sozialistische Idee im Osten waren nach dem Krieg geeignet, demokratische Verhältnisse zu etablieren, ohne dass man sich ernsthaft der möglichen Heilung vorhandener seelischer Schäden bei Millionen Deutschen annehmen musste, die Nationalsozialismus, Krieg und Völkermord erst ermöglicht hatten. Dank der tiefenpsychologischen und neurobiologischen Forschung wissen wir, wie frühe Beziehungsstörungen, die Kinder erleiden, noch im Erwachsenen-Alter zu destruktiven innerseelischen Vorgängen führen, die sich bei sozialer Not, psychischer Angst und geeigneter Verführung als kollektiver Wahn abreagieren können, wenn eine Mehrheit davon betroffen ist. Die Zerstörung, die am Ende einer solchen massenpsychologischen Verblendung steht, ist dann das äußere Abbild eines gegebenen innerseelischen Zustandes.

Man mochte sich in beiden deutschen Staaten anfangs mit Aufbauleistungen der Täuschung hingeben, es sei möglich, aus dieser prekären seelischen Notlage herauszuwachsen. Ein verhängnisvoller Irrtum, der durch die Spaltung Deutschlands zusätzlich befördert wurde. Die Täuschung erlaubte es, die innerseelischen Störungen auf die jeweils andere Seite zu projizieren, um eigene Verletzungen und Entfremdungen nicht wahrnehmen zu müssen.

Wir wissen, ein hohler Sozialismus, dessen Ideale eben nicht innerseelisch verankert werden konnten, ist durch den Verlust an Überzeugung und durch seine Mangelwirtschaft kollabiert. Und wir sehen heute, wie eine global entfesselte Marktwirtschaft das humane, soziale und ökologische Gleichgewicht zerstört. Erneut sind wir alle beteiligt an einer derartigen Fehlentwicklung. Wiederum darf keiner sagen, er hätte nichts gewusst. Wir wissen, dass materielles Wachstum begrenzt ist, wir wissen, wie Profitstreben Arbeitslosigkeit und Armut schafft, und wir wissen, dass unsere Lebensform die natürlichen Ressourcen vernichtet und unser Klima im wörtlichen wie übertragenen Sinne zerstört. Wir haben inzwischen auch erfahren, dass es selbst in einer Demokratie möglich ist, Kriege auf der Grundlage von Lügen zu führen. Es gibt also bereits wieder Mehrheiten, die sich von Suggestionen, Manipulationen und verlogenen Ideologien leiten lassen.

Mit der großen Koalition haben wir unter all diesen Unständen auch noch eine Regierung gewählt, die bestenfalls moderiert und verwaltet. Bei der jede Vision in der verlogenen Umarmung des Partners erstickt wird.

Da kann es doch eigentlich niemanden überraschen, dass die “Unterschicht” aus Menschen gebildet wird, deren Schicksal dazu angetan ist, unsere Lage wie ein Schatten abzubilden - sei es durch Armut, Krankheit, Sucht, Gewalt, Kriminalität oder Radikalisierung.

[...] Die “Unterschicht” ist schließlich nichts weniger als Resultat des Handelns all derer, die eine “Oberschicht” bilden und bleiben wollen. Der Wille, möglichst stärker und erfolgreicher als andere zu sein, grenzt zwangsläufig Schwache und Erfolglose aus. Und wer durch äußere Gewinne seine inneren Defizite befriedigen will - ganz profan gesagt, sein Liebesdefizit mit Geld begleichen will -, der braucht erkennbare Verlierer.

Nach meiner Lebenserfahrung werden wir einer nächsten großen schweren Krise nicht entgehen. Die bitteren Wahrheiten, die sich mit einer zunehmend größer werdenden sozialen Kluft in unserer Gesellschaft zeigen, sind nur ein weiteres Alarmsignal. Der jäh anschwellende Unterschichten-Diskurs war für ein paar Tage, wie zu erwarten, wortgewaltig und veränderungsresistent. Aber machen wir uns da nichts vor: Wollen wir die hier angedeuteten und sich abzeichnenden destruktiven Tendenzen aufhalten, brauchten wir - so formelhaft das auch klingen mag - eine Politik, die fähig ist, die Macht des Kapitals weltweit so zu zügeln und zu kontrollieren, dass menschliche Grundbedürfnisse wieder im Mittelpunkt stehen. Und wir brauchten eine Bevölkerungsmehrheit, die ihre seelischen Defizite nicht mehr im Kaufen und Besitzen kompensieren muss. Entspannte soziale Beziehungen sind ein Grundbedürfnis des Menschen, das aber nur durch eine angemessene Empörung, durch Trauer und Schmerz über erlittene Beziehungsstörungen in der eigenen Lebensgeschichte befriedigt werden kann. Ich halte dies allen Ernstes für wahr - und leider für nicht realisierbar. Ein Volk passt eben nicht auf die Couch!

So bleibt die Frage für jeden Einzelnen - in welcher “Schicht” er auch leben oder landen mag -, wie er sein Menschsein findet und wahrt. Reichtum korreliert nicht mit Glück, und Armut ist keine Schande. Wert und Würde eines Menschen sind nicht “schichtgebunden”. Schändlich und gefährlich aber ist eine Gesellschaft, die den sozialen Zusammenhalt aufgibt, für den allerdings wir alle verantwortlich sind.


Aus: "Aus der Haut fahren - Die seelischen Defizite einer sozial zerrissenen Gesellschaft bleiben völlig ausgeblendet" Von Hans-Joachim Maaz (27.10.2006; Dr. med. Hans-Joachim Maaz leitet die Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik am Diakoniewerk in Halle/S.)
Quelle: http://www.freitag.de/2006/43/06430101.php

« Last Edit: March 13, 2008, 01:07:21 PM by Textaris(txt*bot) » Logged
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« Reply #28 on: November 02, 2006, 10:34:00 AM »

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[...] Sieben der zehn ärmsten Regionen der EU befinden sich in Polen, vor allem im Süden und Osten des Landes. Laut Statistik leben 45 Prozent der Polen am Rand des Existenzminimums. Nach einer Studie der Weltbank ist Polen eines der wenigen Länder Ostmitteleuropas, in denen die soziale Kluft zwischen neuem Wohlstand und Verarmung größer geworden ist.

[...] Junge Leute fliehen in die Städte oder ins Ausland. Zurück bleiben die Alten, die Kinder und die Gescheiterten, die nicht einmal mehr die Energie zum Weggehen haben.
 
Arbeitslosenunterstützung haben sie seit Jahren nicht mehr bekommen, den verarmten Gemeinden fehlt das Geld für Aufbauprogramme. Vom Frühjahr bis spät in den Herbst stehen deshalb vor allem die Frauen auf der Landstraße, verkaufen Beeren, Pilze, Früchte, um wenigstens ein paar Zloty von dem zu verdienen, was in Wäldern und Gärten gesammelt werden kann.
 
In den Großstädten dagegen sind an den Ausfahrtstraßen immer mehr Kinder und Jugendliche zu sehen, die an Ampelkreuzungen auf stehende Fahrzeuge zulaufen und die Windschutzscheibe in der Hoffnung auf ein Almosen putzen. Rentner verkaufen an Straßenecken Schnürsenkel und andere Kleinigkeiten, um mit dem bescheidenen Gewinn die kleine Rente aufzubessern.
 
"Ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine Mutter jemals mehr als 30 Zloty (knapp acht Euro) im Portemonnaie hatte", beschreibt etwa die 17-jährige Aneta aus dem nordpolnischen Tczew die desolate Lage ihrer Familie. "Aber irgendwie leben wir halt doch." Das Irgendwie bedeutet Kleidung aus dem Lumpenhandel und oft der Verzicht auf eine warme Mahlzeit. Von Kinobesuchen, Kosmetik oder modischen Turnschuhen können Jugendliche wie Aneta nur träumen.
 
Es sind Verhältnisse wie diese, die die Polnische Humanitäre Aktion (PAH) 1998 zur Aktion Pajacyk (Hampelmann) bewogen hat. Der hölzerne Hampelmann ist nicht nur das Symbol einer Hungerseite im Internet, sondern für tausende Kinder ein Stück Hoffnung. Sie erhalten eine kostenlose Schulspeisung – für die meisten von ihnen die einzige warme Mahlzeit am Tag. Dabei haben etwa im ländlichen Masuren viele Kinder einen Schulweg von mehr als zehn Kilometern, längst nicht alle werden von einem Schulbus abgeholt.
 

Lehrer klagen immer wieder über schwache, unkonzentrierte Kinder, die dem Unterricht nicht folgen können, weil sie oft nicht einmal ein Stück Brot zu essen hatten.


Aus: "Die Armut wird sichtbar: Winter in Polen" (1. November 2006)
Quelle: http://www.n-tv.de/727610.html
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« Reply #29 on: November 08, 2006, 11:53:10 AM »

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[...] Der jüngste Gesundheitsbericht, den das Robert-Koch-Institut im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums auf Basis zahlreicher Einzelstudien veröffentlichte, liefert eindrückliche Zahlen dafür, wie sich die Schere zwischen den Bevölkerungsschichten öffnet: Viele Leiden wie permanente Rückenschmerzen, chronische Bronchitis, aber auch Schlaganfälle treten bei Männer in der unteren Sozialschicht deutlich häufiger auf als bei den gut Ausgebildeten und Gutverdienern. Für Frauen lassen sich zudem mehr Herzinfarkte und Diabetesfälle beobachten. Auch die psychische Gesundheit ist im unteren Gefüge der Gesellschaft schlechter.

Welche gesundheitlichen Probleme Menschen am untersten Ende der Gesellschaftsskala haben, sieht Sozialarbeiter Thomas Winistaedt jeden Tag auf der Krankenstation der Berliner Stadtmission. Zu ihm kommen Menschen ohne festen Wohnsitz, sie haben höllische Zahnschmerzen, offene Beinen oder eine Nierenbeckenentzündung. Mit ihren Leiden kommen sie fast immer viel zu spät. „Das liegt vor allem an den 10 Euro Praxisgebühr beim Arzt“, sagt Winistaedt. „Diese Summe schreckt ab.“

Zu der finanziellen Hürde komme die Scham, sich schlecht gekleidet in eine Arztpraxis zu setzen. Das sichtbarste Zeichen für Armut sind für Winistaedt die schlechten Zähne der Kranken. „Da macht sich die Mangelernährung sofort bemerkbar“, berichtet er. „Viele Menschen sehen auch deutlich älter aus als sie sind.“

Nur ein Gesundheitsproblem haben Obdachlose nicht: Sie leiden selten unter Übergewicht. Damit bleiben sie unter den sozial benachteiligten Schichten eine Ausnahme.


Aus: "Armut wird zunehmend sichtbar" Von Andrea Barthélémy und Ulrike von Leszczynski (7.11.2006)
Quelle: http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=1317068

« Last Edit: March 13, 2008, 01:09:13 PM by Textaris(txt*bot) » Logged
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