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Sie üben in Ihrem Buch scharfe Kritik an den Tafeln. Warum?Kathrin Hartmann: Weil sie das System stabilisieren. Die Tafeln sammeln übriggebliebenes Essen von Supermärkten, das sonst weggeschmissen werden würde und verteilen es an die Bedürftigen. Das klingt zwar super, weil es so pragmatisch daherkommt: Man nimmt Nahrungsmittel, die ansonsten entsorgt würden und gibt es an Leute, die nichts haben.
Tatsächlich zeigt es aber sehr deutlich den Ausschluss der Armen aus unserer Konsumgesellschaft, denn für die Armen bleiben nur noch die sprichwörtlichen Brosamen übrig. Und es suggeriert, dass man gegen Armut in diesem Land nichts mehr zu machen braucht, weil die Armen über die Tafeln aufgefangen würden.
Zwar sind die Tafeln für die Leute hilfreich, der Skandal aber liegt darin, dass es überhaupt solche Tafeln in einem reichen Land wie Deutschland geben muss. Sollen Arme im Ernst dankbar dafür sein, dass sie mit Müll abgefüttert werden?
Ich habe auch gehört, dass sich bei den ehrenamtlichen Tafelmitarbeitern so etwas wie ein Uschi-Glas-Effekt einstellen würde...Kathrin Hartmann: Ich habe bei den Tafeln zum ersten Mal die tiefe Kluft zwischen Reich und Arm an einem Ort gesehen. Einmal habe ich beobachtet, wie eine der Tafelvorderern ganz selbstverständlich mit einem schwarz glänzenden Oberklassewagen an der Schlange Bedürftiger vorbei auf den Parkplatz gefahren ist, um dann Lebensmittel zu verteilen. Dieses Bild hat mich wirklich schockiert. Die gesellschaftlichen Verhältnisse wiederholen sich an der Tafel: Es gibt die Reichen, die geben und es gibt die Armen, die nehmen. Das ist wie im 19. Jahrhundert.
... Für die Tafeln braucht man einen Berechtigungsausweis, den muss man sich dann um den Hals hängen. Man muss zuerst seine Bedürftigkeit nachweisen, dann entscheiden die Tafeln, wen sie aufnehmen wollen. Außerdem muss man sich abmelden, wenn man einmal nicht kommen kann. Sonst kann man seine Zugangsberechtigung verlieren. Das Ganze ist von vorn bis hinten demütigend.
Einer meiner Protagonisten hat mir von einem besonders hässlichen Fall an einer Tafel in einer mittelgroßen Stadt in Bayern erzählt: Dort hat sein Bekannter einmal seine Lebensmittel von der Tafel an Tafel-Nutzer verteilt, die nicht so viel abbekommen haben wie er. Daraufhin hat er seine Zugangsberechtigung verloren, er ist rausgeworfen worden. Bei den Tafeln ist schließlich klar aufgeteilt, wer gibt und wer nimmt.
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2. Mai 2012 18:52
Twister2009, Bettina Hammer
Stephan Schleim schrieb am 2. Mai 2012 18:39
> Gut, dass das hier einen Platz gefunden hat.
Hm, ich bin da eher skeptisch eingestellt. Manche Aussagen, gerade
auch, was die Tafeln angeht und die ALG II-Agenda, befürworte ich.
Aber manches erscheint mir eher unausgegoren bis wenig überzeugend.
Da geht es mir nicht einmal um die Zahl - 7 Millionen, weniger als 10
Prozent = 1 Million?
Es geht mir um mehrere Aspekte:
1. dreht es sich letzten Endes hier zwar auch um die Frage, wie man
mit Armut umgeht (Vergleich Bangladesh/Deutschland), aber die Frage,
ob nicht auch die Erwartungen in den westlichen Ländern extrem
geworden sind, wird auch nicht aufgeworfen
2. der Begriff "die Reichen" ist mir zu vage - wer genau sind sie, ab
wann, was macht sie "Böse", gibt es da nicht auch solche und solche
3. die Analyse, was ALg II-Empfänger angeht, erscheint mir nicht nur
in diesem Interview glorifizierend. Ich bin selbst für ein BGE und
gegen ALG II, aber letztendlich muss ich immer wiede sagen, dass ALG
II-Empfänger keine homogene Masse sind. So wenig wie "die Reichen",
die "Journalisten", "die Polizisten" usw. Wer also letztendlich
keinerlei versoffenen und faulen ALG II-Empfänger getroffen hat und
meint, diese wären halt nur in sozialen Brennpunkten zu finden, der
ist im Endeffekt genauso einseitig wie derjenige, der meint, es gäbe
keine gesunde, arbeitsbeflissene und nichtrrinkende ALG II-Empfänger.
Es gibt eben alles - den faulen Sack, der zehntausend
Entschuldigungen für sein Nichterscheinen beim TErmin findet; die
schuftende Verkäuferin, die trotzdem ALG II ergänzend benötigt; den
versoffenen Proleten, der sowieso auf alles scheißt; die depressive
Kranke, die sicha ufrappelt aber keine Chance mehr hat; der 50jährige
genauso wie die 23jährige alleinerziehende Mutter, die Familie ohne
Erwerbseinkommen genauso wie der alkoholkranke Zyniker usw. usf.
Diese Verschiedenheit zu negieren und die Masse der ALG II-Empfänger
auf die lieben, arbeitsbeflissenen und arbeitssuchenden unschuldigen
und fleißigen Leute zu reduzieren hilft imho niemandem, denn dadurch
wird das Problem nicht anders, sondern die Leute reagieren mit
Ablehnung nach dem Motto "hä? Also, ich kenne x".
Es gilt insofern nicht mehr zu sagen "ALG II finde ich fair, wenn xyz
passiert", sondern zu sagen "jeder, egal ob arbeitsscheuer Typ, ob
alleinerziehende Mutti, ob Nazi, Linker, FDP-Anhänger, CDU-Freund
oder Pirat, ob Katholik, Ex-Polizist, Vorbestrafter, Kinderschänder
oder wer auch immer hat ein Anrecht auf ein BGE. Genauso gilt das für
Ex-Manager, die nun pleite sind.
2. Mai 2012 16:54
Im Prinzip richtig
Captain Data
... Lustigerweise werden, wenn es um's "Sozialschmarotzertum" geht, nur
die üblichen Verdächtigen vorgeführt: alkoholisierte, kettenrauchende
"Abhartzer", deren einzige Agenda darin zu bestehen scheint, beim
Aldi nebenan Bier und Kippen zu beschaffen und um 12 beim
Frühschoppen vom Bild- oder RTL-Reporter erwischt zu werden.
Den Geschäftsmann, der hingegen ein Zeitarbeitsunternehmen führt und
sich vom Staat jede Stelle fördern lässt und kräftig an den
vermittelten prekär beschäftigten Arbeitnehmern verdient, der wird
als "erfolgreich" und "Vorbild" geführt. Nicht aber eben als
"Schmarotzer". Denn: gäbe es ihn nicht, würden seine Arbeitnehmer
womöglich in besseren Arbeitsverhältnissen stehen und nicht staatlich
gefördert werden ...
Aus: ""Ein perfides Menschenbild bestimmt Hartz IV"" Reinhard Jellen (02.05.2012)
Gespräch mit Kathrin Hartmann über Hartz IV, Super-Gentrifizierung und die Politik der Tafeln