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« Reply #45 on: December 06, 2006, 11:45:34 AM » |
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[...] Die neuntausend "Berberinnen" und "Berber" dieses Jahres sind genau doppelt so viel als allein im letzten Jahr. Die Zahl der wohnungslosen Frauen hat sich in diesem Zeitraum sogar verdreifacht. Ihr Anteil an den Obdachlosen im Land betrage derzeit 21,4 Prozent. Nach Ansicht der Liga spiegeln die Daten die zunehmende Armut wider.
Aus: "Stuttgart: Zahl der Obdachlosen in diesem Winter verdoppelt" (stattweb.de-News; 05.Dezember 2006) Quelle: http://www.stattweb.de/baseportal/NewsDetail&db=News&Id=1223
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« Reply #46 on: December 10, 2006, 09:27:32 PM » |
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[...] "Die Erhöhung ist maßvoll und tragbar", sagt dagegen CDU-Sozialexperte Egbert von Frankenberg. Denn das Hauptproblem bei den Bedürftigen sei nicht das Geld, sondern die Psychologie. "Deshalb muss man sie an die Hand nehmen und mit sanften Druck zu ihrem Glück zwingen", erklärt von Frankenberg die Regierungsposition.
Aus: "OBDACHLOSE MÜSSEN IN NOTUNTERKÜNFTEN MEHR BEZAHLEN" (08.12.2006) Quelle: http://www.mopo.de/2006/20061208/hamburg/panorama/zynische_politik.html-.- [...] Berlin - Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt hat die Debatte über neue Armut, Prekariat und Hartz IV kritisiert. "Das Jammern über Armut in Deutschland muss endlich aufhören", sagte er in einem Interview mit dem Tagesspiegel am Sonntag. Wer heute von Hartz IV lebe, habe meist einen höheren Lebensstandard "als in meiner Jugend ein Facharbeiter mit Frau und Kindern".
Eine Unterschicht gebe es "in jedem Land der Welt und zu jeder Zeit der Welt. Das hat es im 19. Jahrhundert gegeben, im 20. und auch im 21. Jahrhundert. Allerdings wird es weitgehend dramatisiert.
Aus: "Ex-Kanzler Schmidt kann "Jammern über Armut" nicht mehr hören" (09. Dezember 2006) Quelle: http://www.net-tribune.de/article/091206-15.php
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« Last Edit: December 10, 2006, 09:35:02 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #47 on: December 12, 2006, 01:31:43 PM » |
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[...] Kaufleuten in der Innenstadt hatten in den vergangenen Wochen gegen die Unterstandslosen protestiert, die ihrer Ansicht nach die Straßen verschmutzen und Touristen vertreiben. Die Entfernung der Bänke rief wiederum Protest hervor. Unter den Demonstranten war auch der Germanist und Schriftsteller Claudio Magris. "Auf den Bänken haben wir alle angenehme Stunden verbracht. Oft sind sie mit Momenten der Liebe verbunden", erklärte er.
Nach der Entfernung der Bänke machten sich mehrere Obdachlose nach Rom auf. Geblieben ist nur noch Giorgio Ivancich, der mit einem Rucksack und einem Weinkarton durch die Stadt wandert. "Ich schlafe in einem Lager unweit des Bahnhofs und mache niemandem Probleme. Ich will Triest nicht verlassen", sagte Invancich, der aus dem ehemaligen Jugoslawien stammt: "Ich bin vor Jahren nach Italien gekommen, wo meine Tochter lebt. Ich habe keine Familie mehr. Eine Zeit lang bin ich auf der Suche nach einer Arbeit durch Italien gefahren und in Triest gelandet."
Die Idee, Bänke zu entfernen, um Obdachlosen das Leben schwer zu machen, ist nicht neu. Der Ex-Bürgermeister der norditalienischen Stadt Treviso, Giancarlo Gentili, hatte vor einigen Jahren mit seiner Initiative Schlagzeilen gemacht, illegalen Einwanderern die Benutzung öffentlicher Bänke zu untersagen.
Aus: "Obdachlose raus: Triest ließ Sitzbänke aus der Innenstadt entfernen" (News Networld - 11. Dez. 2006) Quelle: http://www.networld.at/index.html?/articles/0650/15/158955.shtml
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« Reply #48 on: December 20, 2006, 01:20:52 PM » |
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[...] Brüning fügt hinzu, die Armut habe sich verändert. Manche ihrer Hilfe suchenden Klienten hätten sogar Abitur und ein Studium abgeschlossen oder ihre eigene Firma geführt. Diese Personen gerieten beispielsweise nach dem Verlust ihrer Arbeitsstelle in Not, oder weil aus unterschiedlichsten Gründen ihr soziales Netzwerk wegbreche. Die Sozialarbeiterin unterstreicht: "Betroffen sind immer mehr ganz normale Menschen." (Von Mey Dudin, ddp)
Aus: "Armut: "Betroffen sind immer mehr ganz normale Menschen" - Die Zahl der Hilfsbedürftigen wächst in Berlin. Soziale Einrichtungen wie Kleiderkammern, die Berliner Tafel und Beratungsstellen verzeichnen seit Einführung der Hartz-Gesetze einen größeren Zulauf. (19.12.2006) Quelle: http://www.tagesspiegel.de/berlin/nachrichten/armut-berlin-drk-kleiderkammern-berliner-tafel/85173.asp
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« Reply #49 on: December 27, 2006, 01:15:21 PM » |
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[...] „Das Lager der „gefühlten“ Wohlstandsverlierer wird stetig größer.“ [...] „In der immer älter werdenden Gesellschaft bekommt die Gesundheit fast Religionscharakter, und das Gesundheitswesen wird zum Megamarkt der Zukunft.“
Aus: "Freizeitforscher sieht „Armut-Wohlstands-Schere“ - „Lager der gefühlten Wohlstandsverlierer wird stetig größer“" (HANDELSBLATT, Mittwoch, 27. Dezember 2006) Quelle: http://www.handelsblatt.com/news/Journal/Vermischtes/_pv/_p/204493/_t/ft/_b/1197145/default.aspx/lager-der-gefuehlten-wohlstandsverlierer-wird-stetig-groesser.html-.- [...] «Die Kinder von Don Quichotte» übergaben Frankreichs Präsidialamt ihre «Charta vom Kanal Saint Martin». Darin fordern sie unter anderem ganztägige und ganzjährige Unterbringungsmöglichkeiten für Obdachlose, sofortige Angebote von Interims-Herbergen und den Bau neuer Sozialwohnungen.
Aus: "Obdachlosen-Helfer in Paris fordern mehr Unterstützung" (Quelle: sda / Dienstag, 26. Dezember 2006) Quelle: http://www.nachrichten.ch/detail/262221.htm-.- [...] Iglu zählt gewöhnlich 40 Besucher täglich. Heiligabend waren es 102. Schubert meint, "dass die Zahl derer, die in Braunschweig an der Grenze zur Obdachlosigkeit leben, zunimmt". Er habe beobachtet: "Die Armen werden immer jünger und sie leben immer häufiger in prekären Lebensverhältnissen."
Die geringe Zahl der Obdachlosen erkläre sich zum Beispiel dadurch, "dass viele Jüngere einfach bei Freunden oder Freundinnen mitwohnen. Oft [ ] schließen [sie] Nutzungsverträge für Wohnungen und keine Mietverträge ab. Einen Schutz oder Perspektive bieten solche Lebensumstände natürlich nicht."
Aus: "Die Armen werden immer jünger" - Weihnachtsfeier der Stiftung Wohnen und Beraten am Heiligabend: Gefahr der Obdachlosigkeit nimmt zu ; Von Jörn Stachura (27. Dezember 2006) Quelle: http://www.newsclick.de/index.jsp/menuid/2048/artid/6230565
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« Last Edit: August 16, 2007, 10:22:49 PM by lemonhorse »
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« Reply #50 on: January 01, 2007, 05:19:21 PM » |
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[...] Das aktuelle BSG Urteil (für Arbeitslose: Bundessozialgericht) bringt es ebenfalls auf den Punkt. 345 euro sind genug. Arbeitslose sind allerdings gut für die Volkswirtschaft: Sie unterstützen den Tabak- und Hightechmarkt. find ich gut. Arbeitslose gehen nicht ins Theater oder in die Oper. Ihr kulturelles Leben findet for dem Fernseher statt. Arbeitslose haben auch keine Bücher sondern nur Videokasseten mit Buchrücken mittlerweile allerdings DVDs. Menschen wie Mallorca-Karin oder Jacht-hans sind keine Außnahmen sondern leider die Regel. Wann schafft es die Politik endlich Arbeitslose mit wirksamen Instrumenten zu bestrafen und ihnen massenunterkünfte und essensmarken zu geben, wenn sie einen "zumutbaren" Job ablehnen.
Wer faul ist hat keinen anspruch auf Hartz 4!!
Aus: "gegen-hartz.de » Politik » Hartz ist reichtum" Von <Ernie> unregistriert (Erstellt am 30.11.2006 - 19:21) Quelle: http://www.razyboard.com/system/index.php?id=sevenid&forumid=1487769&threadid=3902830-.- [...] Seit der SPD-Vorsitzende Kurt Beck in einem Interview, das die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 8. Oktober 2006 veröffentlichte, eher beiläufig den Begriff »Unterschichten« erwähnte und ihnen mangelnden Aufstiegswillen vorwarf, hat die deutsche Öffentlichkeit nach etlichen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten erstmals wieder das Thema Armut entdeckt. In einer manchmal beinahe hysterischen Weise wurde erörtert, ob es das Phänomen überhaupt gibt, was daran neu ist, wer dafür die Verantwortung trägt und was getan werden muß, um ihm zu begegnen.
Wie die Sozialgeschichte der Armut zeigt, unterliegt letztere einem ständigen Wandel. Was darunter verstanden wird, ist vom jeweiligen Wohlstandsniveau, von der Produktivkraftentwicklung und den Besitz-, Einkommens- bzw. Vermögensverhältnissen sowie den hierauf basierenden Normen und Werten, ihrer Widerspiegelung im Massenbewußtsein und den soziokulturellen Traditionen einer Gesellschaft abhängig. »Armut« gehört zu jenen Begriffen, die zwar fest im Alltagsbewußtsein verankert sind, unter denen aber jeder etwas anderes versteht.
Überblickt man die politischen, publizistischen und wissenschaftlichen Armutsdiskussionen, fallen regelrechte Konjunkturen des Themas ins Auge. Perioden der Tabuisierung, Verharmlosung und Beschönigung wechselten mit allerdings viel selteneren Phasen der öffentlichen Thematisierung ab. Wie auch in der jüngsten Diskussion über eine »neue Unterschicht« gingen Dramatisierung und Verdrängung, Skandalisierung und Bagatellisierung des Problems teilweise sogar Hand in Hand. Insgesamt hatte das Problem »Armut« in der öffentlichen Diskussion der Bundesrepublik einen äußerst niedrigen Stellenwert.
Das unvorstellbare Nachkriegselend mit Wohnungsnot, Kältetoten und Hungermärschen wich im Laufe der 50er Jahre, durch günstige weltpolitische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen gefördert, einem wachsenden Wohlstand für breite Bevölkerungsschichten. Vor diesem Hintergrund versprach der spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) 1957 in seinem Buch »Wohlstand für Alle«, das Auf und Ab der Konjunkturzyklen zu überwinden, Vollbeschäftigung zu gewährleisten und den privaten Reichtum durch Verstetigung des Wachstums ohne Umverteilung zu maximieren. Tatsächlich schien die große Rentenreform desselben Jahres die (Alters-)Armut schon bald so weit zu verringern, daß man allgemein glaubte, Leistungen nach dem Bundessozialhilfegesetz vom 30. Juni 1961 nur noch im Einzelfall der persönlichen Notlage, aber nicht mehr massenhaft im Sinne eines Kollektivschicksals sozial Deklassierter gewähren zu müssen. Während des westdeutschen »Wirtschaftswunders« gegen Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre wurde die Armut zum Randphänomen in der Hinsicht erklärt, daß sie ein zu vernachlässigendes Problem sei und nur noch völlig irrelevante Randgruppen wie Drogensüchtige, Trinker, geistig Behinderte und psychisch Kranke treffe.
Nach dem Regierungswechsel im Herbst 1969 (Ablösung der großen durch die sozial-liberale Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt) entdeckten der damalige rheinland-pfälzische Sozialminister Heiner Geißler und andere CDU-Politiker um die Mitte der 70er Jahre, was sie »Neue Soziale Frage« nannten. Das zwar wenig präzise, aber nicht unpopuläre Schlagwort erfüllte seinen Zweck, der darin bestand, organisierte und nichtorganisierte Gruppen – unabhängig von der Vereinbarkeit ihrer Interessen wie der Berechtigung ihrer Ansprüche gegenüber der ständig wachsenden Kapitalmacht – auseinanderzudividieren, ganz gut.
Während der 80er Jahre vollzog sich eine Spaltung zwischen Beschäftigten und Erwerbslosen, die hauptsächlich im Gewerkschaftsbereich registriert und mit dem Begriff »Neue Armut« etikettiert wurde. Mit den Kindern geriet zum erstenmal eine Betroffenengruppe ins Blickfeld, die man nicht selbst für ihr Schicksal verantwortlich machen und der man schwerlich Leistungsmißbrauch vorwerfen kann.
Peter Glotz (SPD) prägte 1984 die Formel der »Zweidrittelgesellschaft« für Spaltungstendenzen, die sich damals abzeichneten. Je mehr sich der damit bezeichnete Zerfallsprozeß zuspitzte, desto weniger wollte die Sozialforschung davon wissen. Hatte die westdeutsche Soziologie zur Zeit des »Wirtschaftswunders« in den späten 50er und frühen 60er Jahren die These von der »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« des Soziologen Helmut Schelsky übernommen, so erschien ihr die Bundesrepublik jetzt gewissermaßen als pluralisierte Milieugesellschaft, in der soziale Antagonismen, aber auch Klassen und Schichten gar keine Rolle mehr spielten. Modernisierungs- und Individualisierungstheorien der etablierten Fachwissenschaft überdeckten jene Marginalisierungstendenzen, die eher einem Rückfall in den Frühkapitalismus als einer Überwindung dieser Gesellschaftsordnung ähnelten.
Daß sich die Gesellschaft aufgrund der Umverteilung »von unten nach oben« während der 80er Jahre immer deutlicher in Arm und Reich spaltete, sich das Kapital in wenigen Händen konzentrierte und mit der Massenarbeitslosigkeit vermehrt alte Deprivationserfahrungen um sich griffen, entging jenen Soziologen, die sich nach Schüler- und Studentenbewegung, außerparlamentarischer Opposition und »Linkswende« wieder den gesellschaftlichen Machtverhältnissen anpaßten, und US-amerikanische Forschungsmethoden genauso unkritisch übernahmen wie andere Bürger des Landes Moden. Die meisten Wissenschaftler wandten sich von der Klassenanalyse, die nach 1968 zumindest das Image des Fachs bestimmt hatte, ab und der Vielfalt soziokultureller Milieus, Lebensformen und -stile zu. Hingegen wurden materielle Not, Notlagen und Ausgrenzungsprozesse kaum noch zur Kenntnis genommen.
Ulrich Beck sprach 1986 in seinem Buch »Risikogesellschaft« von einem sozialen »Fahrstuhleffekt«, der die Gesellschaftsklassen und Schichten gemeinsam nach oben befördert habe: »Es gibt– bei allen sich neu einpendelnden oder durchgehaltenen Ungleichheiten – ein kollektives Mehr an Einkommen, Bildung, Mobilität, Recht, Wissenschaft, Massenkonsum. In der Konsequenz werden subkulturelle Klassenidentitäten und -bindungen ausgedünnt oder aufgelöst. Gleichzeitig wird ein Prozeß der Individualisierung und Diversifizierung von Lebenslagen und Lebensstilen in Gang gesetzt, der das Hierarchiemodell sozialer Klassen und Schichten unterläuft und in seinem Wirklichkeitsgehalt in Frage stellt.« Ungefähr zwei Jahrzehnte später sah Beck die Bundesrepublik, obwohl sie nie zuvor so reich gewesen war, als eine »Gesellschaft des Weniger« auf der sozialökonomischen Talfahrt, und schrieb zur Bundestagswahl im September 2005: »Jetzt, am Beginn des 21. Jahrhunderts, lauern überall Gefahren – und der Fahrstuhl bewegt sich nach unten.« Dabei übersah der Münchener Soziologe erneut, daß sich die Gesellschaft dialektisch entwickelt und ein Paternostereffekt dominiert: In demselben Maße, wie einige nach oben gelangten, ging es für die meisten nach unten. Mehr denn je existiert im Zeichen der neoliberalen Globalisierung ein soziales Auf und Ab, das Unsicherheit und Existenzangst für eine wachsende Zahl von Menschen mit sich bringt.
Die gegenwärtige Dramatik der Armut wird erst verständlich vor dem Hintergrund einer sich verschärfenden Weltmarktdynamik. Denn die wirtschaftliche Globalisierung führt keineswegs zur Verallgemeinerung des Wohlstandes. Vielmehr wirkt der Globalisierungsprozeß im Rahmen der Standortpolitik als »soziales Scheidewasser«, das die Bevölkerung der Bundesrepublik wie die anderer Länder in Gewinner und Verlierer, diese jedoch wiederum in Marginalisierte (Dauerarbeitslose, Deprivierte und Langzeitarme) einerseits sowie Geringverdiener (prekär Beschäftigte, von Überschuldung Bedrohte und Kurzzeitarme) andererseits spaltet. Während die Dauerarbeitslosen ohne Hoffnung auf Reintegration den »sozialen Bodensatz« im Gegenwartskapitalismus bilden, verkörpern die Niedriglohnempfänger, oftmals Migranten und ethnischen Minderheiten entstammend, eher das »Treibgut« des Globalisierungsprozesses.
Bereits seit geraumer Zeit bildet die Bundesrepublik – sich damit anderen hochentwickelte Staaten des Westens angleichend – eine zweiteilige Armutsstruktur aus: Den armen Erwerbslosen, die wegen niedriger oder fehlender Lohnersatzleistungen auf das Existenzminimum zurückgeworfen werden, treten die erwerbstätigen Armen zur Seite, deren Lohn für ein Leben im gesicherten Wohlstand nicht ausreicht. Während sich die Langzeit- und Mehrfacharbeitslosigkeit älterer und/oder gering qualifizierter Personen zur Dauerarbeitslosigkeit verfestigt und die Betroffenen ansatzweise eine soziale Schicht völlig Deklassierter, d. h. vom Arbeitsmarkt wie auch von der gesellschaftlichen Teilhabe Ausgeschlossener bilden, nimmt die Zahl jener Personen bzw. Haushalte, deren Einkommen trotz kontinuierlicher Lohnarbeit in Form eines oder mehrerer Arbeitsverhältnisse nicht oder nur knapp über der relativen Armutsgrenze liegt, gleichfalls zu. Auch hat sich während der 90er Jahre ein breiter, seinem Umfang nach oft unterschätzter Niedriglohnsektor herausgebildet, der längst nicht mehr nur typische Frauenarbeitsplätze umfaßt. Kombilöhne sind keine Lösung, sondern ein Teil des Armutsproblems.
In einer kapitalistischen Hochleistungsgesellschaft, die Konkurrenz bzw. Leistung geradezu glorifiziert und mit Prämien, Gehaltszulagen oder Lohnsteigerungen prämiert, scheint Armut funktional zu sein, weil sie nur das Pendant dessen verkörpert, was die »Tüchtigeren und daher Erfolgreichen« in des Wortes doppelter Bedeutung »verdient« haben. Armut ist mithin kein »Betriebsunfall«, vielmehr ein soziales Abfallprodukt der Marktwirtschaft. Sie dient im neoliberalen »Umbau«-Projekt als ein höchst willkommenes Disziplinierungsinstrument, während materieller Wohlstand und privater Reichtum ein geeignetes Lockmittel darstellen, das die »Leistungsträger« zu besonderen Anstrengungen motivieren soll.
Aus: "Disziplinierung durch Armut" Prof. Dr. Christoph Butterwegge leitet die Abteilung für Politikwissenschaft an der Universität zu Köln. Zum Thema erschien von ihm »Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland«, »Krise und Zukunft des Sozialstaates«, »Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung« (Junge Welt, 25.10.2006) Quelle: http://www.jungewelt.de/2006/10-25/008.php
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« Last Edit: January 01, 2007, 07:17:38 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #51 on: January 02, 2007, 01:37:56 PM » |
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[...] Nur 2,6 Prozent der Münchner Hartz-IV-Empfänger haben 2006 Kürzungen beim Arbeitslosengeld II hinnehmen müssen, weil sie sich an der Arbeitssuche nicht wie vorgeschrieben beteiligt haben. Mit Jahresbeginn drohen dennoch erheblich verschärfte Sanktionen, die sogar zum Verlust der Wohnung führen können. Statt Geld gibt es für die Betroffenen nur Lebensmittel-Einkaufsgutscheine.
Im vergangenen Jahr sind nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft für Beschäftigung München (Arge) gegen 2,6 Prozent der erwerbsfähigen Langzeitarbeitslosen Sanktionen verhängt worden, also nur gegen knapp 1300 Menschen von 49000. Durch die im Sommer 2006 vom Bundestag beschlossene Verschärfung der im Sozialgesetzbuch II geregelten Sanktionen zum 1. Januar 2007 könnten nun mehr Langzeitarbeitslose empfindlich getroffen werden. Denn erstmals müssen nun Langzeitarbeitslose bei Pflichtverstößen nicht nur mit Kürzungen des Arbeitslosengeldes II rechnen, sondern mit einer kompletten Streichung - auch die Miet- und Heizungskosten werden dann nicht mehr bezahlt.
Zu den Pflichten etwa gehört nicht nur, eine sogenannte Eingliederungsvereinbarung zu unterschreiben und zum Beispiel auch einen Ein-Euro-Job anzutreten, erklärt Helga Rieck vom Amt für soziale Sicherung. Auch wer sich nicht an Pflichten aus der Eingliederungsvereinbarung hält, also etwa nicht die vereinbarte Zahl der Bewerbungen losschickt, die Berufsberatung nicht wie vereinbart aufsucht oder den Termin bei der Suchtberatung einfach verstreichen lässt, muss mit einer Leistungskürzung rechnen. Bei ,,nachgereichten Begründungen‘‘ für Versäumnisse gelte ein ,,strenger Maßstab‘‘, denn das Gesetz verlange dazu einen ,,wichtigen Grund‘‘. Wer einen Termin schlicht verschlafen hat, kann nicht mit Milde rechnen. Und wer ins Feld führt, dass der häusliche Computer kaputt ist, kann ebenso wenig auf Gnade zählen, denn im Bewerberzentrum der Arge stünden Geräte bereit, so Helga Rieck.
Nach dem ersten Verstoß wird das Arbeitslosengeld II für drei Monate um 30 Prozent gekürzt, nach dem zweiten um 60 Prozent, beim dritten wird es für drei Monate ganz gestrichen. Das könnte zur Folge haben, dass betroffene Haushalte ihre Miete nicht mehr bezahlen können und die Wohnung verlieren. Da aber die Stadt für die Unterbringung von Obdachlosen zuständig ist, müsste sie den Betroffenen dann Plätze in Notunterkünften zuweisen. Eine kuriose Situation: Die eine Behörde - die für die Hartz-IV-Leistungen zuständige Arge für Beschäftigung München - beschert der anderen - dem Wohnungsamt - zusätzlich Arbeit. Die Rathaus-Grünen haben das Problem jetzt auf Initiative ihres Fraktionschefs Siegfried Benker in einer Anfrage aufgegriffen und wollen Auskunft darüber haben, wie der drohende Wohnraumverlust zu vermeiden ist.
Bisher war eine Leistungskürzung bei drei per Bescheid festgestellten Verstößen innerhalb von drei Monaten in Stufen um bis zu 90 Prozent zwar denkbar. In der Praxis spielte das wegen der Kürze dieser ,,Bewährungsfrist‘‘ aber keine Rolle, wie Helga Rieck bestätigt. Doch nun läuft die Frist erheblich länger, nämlich ein Jahr. Dreimal in diesem Zeitraum gegen Pflichten verstoßen, dann ist das Arbeitslosengeld II für drei Monate ganz weg. Wegen der Verlängerung rechnet Helga Rieck mit einem Anstieg der Problemfälle. In Verhandlungen mit der Arbeitsagentur hofft das Sozialreferat, die schlimmste Folge verhindern zu können: Zwangsräumungen von Wohnungen sind belastend für die Betroffenen und die Notunterbringung kommt die Stadt in der Regel erheblich teurer als eine Wohnung. Ganz zu schweigen davon, dass die Arbeitsvermittlungschancen durch die Obdachlosigkeit nicht eben besser werden.
Da besonders Familien mit Kindern nicht völlig unversorgt bleiben können, hat das Sozialreferat Lebensmittel-Einkaufsgutscheine drucken lassen, die für einige Läden und Discounter gelten.
Aus: "Verschärfte Sanktionen: Harte Zeiten für Langzeitarbeitslose - Untätigen Hartz-IV-Empfängern droht der Verlust der Wohnung, die Stadt steht damit vor neuen Problemen" Von Sven Loerzer (01.01.2007) Quelle: http://www.sueddeutsche.de/,zm4/muenchen/artikel/749/96653/
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« Reply #52 on: January 09, 2007, 01:13:13 AM » |
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[...] Hamburg - In Hamburg arbeiten Reinigungskräfte in Luxushotels zum Teil für weniger als 2,50 Euro pro Stunde. Das ergibt sich nach Berechnungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) aus dem Fall einer jungen Frau, die Ende 2006 im Dorint am Alten Wall für die Reinigung der Zimmer verantwortlich war. Die 23-jährige Antonia H. arbeitete im November laut DGB 168 Stunden an 21 Tagen in dem Fünf-Sterne-Hotel als Reinigungskraft. Dennoch bekam sie ausweislich der Monatsabrechnung, die dem Abendblatt vorliegt, lediglich 413,18 Euro brutto - und damit einen durchschnittlichen Brutto-Stundenlohn von 2,46 Euro. Als sich H. bei der Firma beschwerte, sagte diese eine Nachzahlung zu - und schickte postwendend die Kündigung.
Hintergrund: Das Dorint hat die Zimmerreinigung an eine externe Firma vergeben, die Firma Lieblang. In den Verträgen, die Lieblang mit seinen Reinigungskräften schließt, heißt es: "Auf der Grundlage des gültigen Tariflohns von 7,87 Euro und der vorgegebenen tariflichen Leistungsparameter je Zimmer erfolgt die Abrechnung nach der Anzahl der gereinigten Zimmer." Pro Zimmer werden 3,50 Euro vergütet - einen festen Stundenlohn gibt es damit nicht mehr. Da oft keine Zimmer zum Reinigen frei seien, entstünden Wartezeiten, in denen das Personal gar nicht bezahlt werde, so der DGB. So liege der Stundenlohn oft weit unter dem Gebäudereinigertarif von 7,87 Euro, der in diesem Fall gilt.
Lieblang-Projektleiter Eberhard Witte verteidigte das Prinzip: "Um Tariflohn zu erreichen, muss auch eine gewisse Leistung erbracht werden." Die Konditionen bei Lieblang seien besser als bei anderen Firmen, so Witte. Andreas Suß, Geschäftsführer der zuständigen Gewerkschaft IG Bau, bezeichnete den Fall als "sittenwidriges Lohndumping". Dass Hotels oder deren Dienstleister Löhne unter den ohnedies niedrigen Tarif drückten, komme immer häufiger vor. Das habe auch die Großrazzia in Hamburger Hotels im Februar ergeben, bei der viele Fälle von Schwarzarbeit und Lohndumping erfasst worden seien. "Seitdem hat sich wenig verbessert", so Suß, der betonte, dass es verboten sei, Stundenlöhne durch Pauschalen zu unterlaufen. Er forderte das Dorint auf, sich "umgehend von dieser Reinigungsfirma zu trennen". Marc Schneer, Sprecher der Accor-Hotels, zu denen das Dorint gehört, wies jede Verantwortung von sich. Dafür, dass "Recht, Gesetz und Tarif" eingehalten würden, sei nicht das Dorint, sondern Lieblang verantwortlich.
Aus: "2,46 Euro pro Stunde - "Dumpinglöhne" in Hamburger Hotels - Beauftragte Reinigungsfirma verteidigt sich: Andere Unternehmen zahlten noch weniger" Von Jens Meyer-Wellmann (8. Januar 2007) Quelle: http://www.abendblatt.de/daten/2007/01/08/665159.html
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« Reply #53 on: January 16, 2007, 01:42:19 PM » |
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[...] Es ist hinreichend bekannt, dass derzeit zwei Milliarden Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen, die Hälfte der Weltbevölkerung von knapp zwei Dollar. Wir wissen, dass die soziale Ungleichheit weltweit rasch zunimmt, innerhalb der einzelnen Länder und Regionen ebenso wie zwischen "armen" und "reichen" Ländern. Zu Rousseaus Zeiten - so scheint es nach der Datenlage - war die ökonomische Ungleichheit zwischen den Weltregionen noch gering. Geringer jedenfalls als innerhalb der einzelnen Länder. Nach 1800 änderte sich das gründlich, und um 1900 herum betrug das Verhältnis zwischen dem durchschnittlichen Einkommensniveau in den reichen Ländern des "Nordens" und dem in den armen Ländern des "Südens" bereits 1 : 4. Ein Jahrhundert später, in der Ära der Globalisierung, haben wir ein Verhältnis von 1 : 30.
Folglich wird die Kluft zwischen Armut und Reichtum weltweit immer größer, auch wenn die absolute Zahl der Armen in jüngster Zeit rückläufig scheint. Vorrangig eine Folge des Aufstiegs der "Schwellenländer" China, Indien, Brasilien, Südkorea und Türkei. Nach wie vor leben aber 2,8 Milliarden Menschen auf der Welt in Armut, 1,3 Milliarden davon in extremem Elend. In Deutschland, einem der reichsten Länder, stieg die Zahl der Armen auf einen Bevölkerungsanteil von 13,5 Prozent, wie mittlerweile zwei "Armutsberichte" der Bundesregierung eingestehen. Ein Armutszeugnis für sieben Jahre rot-grüner Regentschaft.
Wissenschaftliche Studien darüber, wie sich Armut und Reichtum verteilen, sind Mangelware. Für die globale Einkommensentwicklung reichen die aktuellsten Daten nur bis 1998. Für Weltbank und IWF war die soziale Ungleichheit im Weltmaßstab nie ein Thema von Rang. Für die Vereinten Nationen schon. Sie haben zuletzt mit dem Weltsozialbericht 2005 das rapide wachsende ökonomische Gefälle zwischen den Weltregionen wie innerhalb einzelner Länder als entscheidende Ursache von Gewalt und (Bürger-)Kriegsgefahr benannt und bezweifelt, ob das Millenniumsziel des Kopenhagener Weltgipfels von 1995, die extreme Armut in der Welt zu halbieren, je erreicht werden kann.
Kurz vor dem Jahreswechsel hat nun das World Institute for Development Economics Research (WIDER) der UN-Universität in Helsinki eine neue Studie veröffentlicht, die erstmals für mehr als 94 Prozent der Weltbevölkerung die Verteilung von Einkommen und Vermögen sowie deren Entwicklung bis zum Jahr 2000 detailliert untersucht. Damit wird eine große Forschungslücke annähernd geschlossen, die von der Bundesregierung mit ihrem Armutsbericht 2006 vornehm beklagt wurde. Wohl wissend, dass die Untersuchung des Reichtums der Reichen und Superreichen dieser Welt, der privaten Vermögen und des Kapitals, auf dem heutzutage Macht beruht, seit jeher eines der heißen Eisen ist, von denen die offizielle Sozialwissenschaft lieber die Finger lässt.
Aus einzelnen Länderstudien wissen wir seit langem, dass die Vermögensverteilung in aller Regel noch weit ungleicher ausfällt als die Einkommensverteilung. Ein halbwegs zutreffendes Bild von der tatsächlichen ökonomischen Ungleichheit erhält nur, wer beides gleichermaßen analysiert. Die Autoren der WIDER-Studie haben das zum ersten Mal getan. Dank ihrer Pionierarbeit verfügen wir endlich über einigermaßen verlässliche Daten zum Verhältnis von Armut und Reichtum in der Welt von heute. Untersucht wurde die globale Verteilung des Reichtums für die erwachsene Weltbevölkerung im Blick auf Haushaltsvermögen (netto, nach Abzug der Schulden).
Die Studie reicht bis 2000, aktuellere Daten sind weltweit nicht verfügbar. Nur für die relativ kleine Zahl von 18 Ländern gab es überhaupt vollständige Erhebungen, auf die WIDER zurückgreifen konnte. Für eine Reihe weiterer Staaten war man auf Umfragedaten angewiesen, die freilich einen gewaltigen Nachteil haben: Schulden und Finanzvermögen (besonders Immobilien) werden in der Regel nicht vollständig oder viel zu niedrig angegeben. Dies schlägt auf die Schätzungen durch, die von den Autoren der Studie mit Hilfe der Datensätze aus 38 Ländern für weitere 150 vorgenommen wurden.
Dem vorliegenden Material lässt sich entnehmen: 90 Prozent des weltweiten Reichtums (Netto-Haushaltsvermögens) befinden sich in Nordamerika, Europa und im asiatisch-pazifischen Raum (Japan, Australien). Auf Nordamerika, mit sechs Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung entfällt allein ein Drittel des Weltvermögens - auf Indien mit mehr als 15 Prozent der Erwachsenen weltweit hingegen nur ein knappes Prozent. Aber auch zwischen den reichen Ländern des Nordens variieren die Vermögenswerte beträchtlich: In Irland gehören dem obersten einen Prozent der Vermögenden 10,4 Prozent aller privaten Haushaltsvermögen, in der Schweiz sind es nicht weniger als 34,8 Prozent, in den USA (wegen notorisch unvollständiger Daten für die Superreichen) "nur" 33 Prozent. Dafür entfallen dort auf die Spitzengruppe der obersten zehn Prozent der Vermögensinhaber fast 70 Prozent der gesamten privaten Haushaltsvermögen. In China halten die obersten zehn Prozent gerade 40 Prozent.
Wer zur Topliga der Reichen dieser Welt gehören will, muss über ein Vermögen von mehr als 500.000 Dollar verfügten. Diese Spitzengruppe umfasst immerhin 37 Millionen Erwachsene. Seit dem Jahr 2000 dürfte sich die Mindestsumme an Vermögen, die man braucht, um in diese Kategorie aufzurücken, jedoch erhöht haben - um geschätzte 32 Prozent.
Daraus folgt, dass den obersten zehn Prozent gut 85 Prozent des Weltvermögens gehören. Wer sich zu dieser Gruppe rechnen darf, besitzt im Durchschnitt 40 mal mehr als der Weltdurchschnittsbürger. In der unteren Hälfte dieser Pyramide muss sich die Hälfte der erwachsenen Weltbevölkerung hingegen mit gerade einmal einem Prozent des Weltvermögens begnügen.
Nehmen wir den berühmten Kuchen, den die konservativen Damen und Herren so schätzen, um uns und sich weiszumachen, jede Umverteilung sei sinnlos, da man bekanntlich nicht mehr verteilen könne als produziert werde. Übertragen wir die Struktur der weltweiten Vermögensverteilung auf eine Gruppe von zehn Menschen, die sich den bewussten Kuchen teilen, dann müssen wir uns einen Herrn vorstellen, der 99 Prozent des Kuchens für sich allein beansprucht, während sich die übrigen neun das verbleibende eine Prozent teilen. Würde der Kuchen umverteilt, würde der eine nicht daran sterben, und den anderen neun ginge es erheblich besser als zuvor.
Wo sind die Reichen und Superreichen dieser Erde zu finden? Nordamerika, Europa, Japan und Australien wurden bereits erwähnt. In den USA zum Beispiel leben 37 Prozent der Superreichen, es folgt Japan mit 27 Prozent. Auf Brasilien, Indien, Russland, die Türkei und Argentinien entfällt jeweils knapp ein Prozent der globalen Spitzengruppe, China hat schon 4,1 Prozent der reichsten Weltbürger vorzuweisen. Nach der WIDER-Studie gab es 2000 bereits 13,5 Millionen Dollar-Millionäre weltweit (erheblich mehr also als in den Studien der Vermögensverwalter Merrill-Lynch und Forbes verzeichnet) und genau 499 Vermögens-Milliardäre. Inzwischen dürften es erheblich mehr sein.
Aus: "Die Armen und die Superreichen" - BRISANTE WIDER-STUDIE AUS HELSINKI - Erstmals gibt es verlässliche Daten zur Verteilung von Einkommen und Privatvermögen in der Welt von heute | Von Michael R. Krätke - Der Autor ist Professor für Wirtschafts- und Steuerrecht an der Universität von Amsterdam (12.01.2007) Quelle: http://www.freitag.de/2007/02/07020601.php
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« Reply #54 on: January 29, 2007, 04:12:15 PM » |
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[...] Berlin (ddp). Verstopfte Toiletten, Schimmel im Kühlschrank, Ungeziefer in den Zimmern, überall bestialischer Gestank - immer öfter holen Polizisten Kinder aus völlig verwahrlosten Wohnungen. Allein seit Jahresbeginn sind in Deutschland mindestens sieben Fälle bekannt geworden, bei denen mehr als 20 Jungen und Mädchen in katastrophalen Verhältnissen lebten.
«Die ersten drei Wochen 2007 lassen nichts Gutes erahnen», sagt der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, im ddp-Interview. «Und die zunehmende Zahl der Fälle liegt längst nicht nur an der größeren Sensibilität der Nachbarn», weiß der Experte. Erst jüngst trafen Beamte in Berlin-Reinickendorf sechs Kinder und Jugendliche im Alter von 2 bis 17 Jahren in einer Wohnung an, deren Zustand selbst hartgesottene Ermittler fassungslos gemacht hat. Zuvor waren sieben meist Minderjährige ebenfalls in Berlin in einer verdreckten Wohnung entdeckt worden. In Nürnberg retten Polizisten eine Zweijährige und ihren vierjährigen Bruder aus Müllbergen.
Hilgers befürchtet, dass die Fälle von Vernachlässigung bundesweit «drastisch» gestiegen sind. Zwar gebe es noch keine abschließende Statistik für 2006, jedoch sei schon aus der Vielzahl der bekannt gewordenen Einzelschicksale zu schließen, dass mit zunehmender Armut auch immer mehr Kinder unter verwahrlosten Wohnverhältnissen leiden müssen.
Das Bundeskriminalamt (BKA) erfasste 2005 bundesweit 1178 Fälle, in denen Eltern ihre Fürsorge- und Erziehungspflicht verletzten. 2003 ermittelten die Statistiker 1240 Fälle, wie eine BKA-Sprecherin in Wiesbaden sagt. Vor einem Jahrzehnt waren es 1020.
Der Kinderschutzbund geht von einer hohen Dunkelziffer aus. »Wir kennen immer mehr Fälle als die Polizei«, sagt Hilgers. Andere Statistiken sprächen auch von rund 2900 Vernachlässigungsfällen für 2005. Der Bielefelder Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann schätzt, dass rund 80 000 Jungen und Mädchen im Alter bis zu zehn Jahren von extremer Vernachlässigung durch ihre Eltern bedroht sind.
Nach Angaben des Kinderschutzbundes hat sich die Zahl armer Kinder in Deutschland seit 2004 mehr als verdoppelt. Von 15 Millionen Kindern hätten 2,5 Millionen «kaum Bildungschancen» und lebten "mit einem hohen Gesundheitsrisiko».
»Familien, die keine Perspektiven mehr für sich sehen, übertragen dies oft auf ihre Kinder«, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Werner Hesse. Er warnt jedoch davor, von der sozialen Not einer Familie pauschal abzuleiten, dass die Kinder vernachlässigt würden. Der überwiegende Teil der finanziell schlecht gestellten Eltern gehe «sehr liebevoll» mit den Kindern um, fügt Hilgers hinzu.
Er beklagt, dass für Präventionsmaßnahmen oft das Geld fehle. «Viele Jugendämter sind so schlecht finanziell und personell ausgestattet, dass sie ihre Aufgaben nicht mehr wahrnehmen können», sagt Hilgers. Es reiche nicht aus, alle drei Monate eine Problemfamilie zu besuchen. «Normalerweise muss es in schweren Fällen eine zwei- bis dreijährige Intensivbetreuung geben, bei der Sozialhelfer zwei- bis dreimal wöchentlich hinschauen», fordert er.
Vernachlässigte Jungen und Mädchen wüchsen zu «weit mehr als 90 Prozent» in Familien auf, die von «Hartz IV» und Perspektivlosigkeit betroffen seien, sagt der Kinderschutz-Präsident.
Bei vielen Problemfällen hätten die zumeist jungen Eltern in ihrer Kindheit selbst nicht ausreichend elterliche Zuwendung erfahren. Deshalb will nach Niedersachsen und Bremen ab Ende März auch Sachsen in vier Modellregionen mit dem Frühwarnsystem Pro Kind starten. Junge Mütter und Eltern sollen dann in schwierigen Lebenslagen unterstützt und ein Stück begleitet werden. Anzeichen, die eine familiäre Fehlentwicklung zur Folge haben könnten, sollen so früh wie möglich erkannt werden. (ddp)
Aus: "Dreck, Ungeziefer, Gestank" (Samstag 27. Januar 2007, 13:43 Uhr) Quelle: http://de.news.yahoo.com/27012007/336/dreck-ungeziefer-gestank.html
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« Reply #55 on: February 01, 2007, 11:57:14 AM » |
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[...] In den USA haben sich Studiengebühren bereits in einer stark unterdurchschnittlichen Geburtenrate unter Akademikerinnen niedergeschlagen. "Studiengebühren in dieser harten Form scheinen ein effektives Verhütungsmittel darzustellen", sagt Gerd Grözinger.
Die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und das Saarland erheben vom kommenden Sommersemester an Studiengebühren in Höhe von 500 Euro pro Semester. Zinsgünstige Kredite sollen auch Einkommensschwachen ein Studium ermöglichen.
Aus: "DIE ZEIT: Studiengebühren senken Geburtenrate" - Studiengebühren könnten die niedrige Geburtenrate bei Akademikerinnen weiter senken, weil zur Zahlung der Gebühren aufgenommene Kredite genau in der Lebensphase getilgt werden müssten, in der junge Frauen sich gewöhnlich für Kinder entscheiden… (25.01.2007) Quelle: http://www.carelounge.de/sozialberufe/news/news_ansehen.php?meldungID=1779
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« Reply #56 on: February 01, 2007, 12:17:58 PM » |
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[...] „Als wir hier angefangen haben, haben wir das Gefühl gehabt, so, wie manche Kinder sich äußern, gucken sie zu Hause den ganzen Tag Pornofilme und sind gewaltbereit“, sagt Inge Rehbein. Inzwischen habe sich das geändert: „Wir sind an sie rangekommen.“ Wärme und Verlässlichkeit bieten die Mitarbeiterinnen den Kindern, sie stärken sie und vertrauen ihnen, sie nehmen sie an und ernst. Dennoch sieht Inge Rehbein die Situation realistisch: „Der größte Teil der Kinder wird es trotzdem nicht schaffen. Hier essen unsere erwachsenen Gäste von morgen.“
Nach und nach füllt sich die Suppenküche, die Kinder stehen an für Käsesuppe, Rosenkohl, Kartoffeln, Putenrollbraten, Milchreis und Apfelmus. Die zehn Jahre alte Ricarda, ein hübsches dunkelhaariges Mädchen mit langen, dünnen Beinen, antwortet auf die Frage, was ihr hier am besten gefalle: „Hier kann ich viel essen.“
[...] Ein alleinerziehender Vater sitzt mit einer alleinerziehenden Mutter ganz in der Ecke an einem Tisch, ihre Kinder spielen draußen. Der Mann, der einen Ein-Euro-Job als Hausmeister hat, lebt mit seinen beiden drei und acht Jahre alten Söhnen von 599 Euro im Monat, die sich nach seinen Angaben aus Unterhaltsvorschuss, Kindergeld und dem Lohn für den Ein-Euro-Job zusammensetzen. Wie genau, weiß er nicht. „Ich weiß nur, dass ich, auch wenn wir hier jede Woche essen, am Ende des Monats nicht mehr Geld habe als am Anfang. Weil das Geld schon am Ersten des Monats fast auf null ist.“
Eine andere alleinerziehende Mutter berichtet, während einer Zeit der Arbeitslosigkeit sei bei ihr Brustkrebs diagnostiziert worden, inzwischen lebten sie und ihre Tochter von Einkaufsgutscheinen, alle zehn Tage einer im Wert von 40 Euro für Lebensmittel und Hygieneartikel. „Mein Antrag auf Hartz IV wird seit Monaten geprüft, ich habe seit drei Monaten keine Miete mehr gezahlt.“
[...] Ricardas Mutter, eine kräftige junge Frau mit einem silbernen Eckzahn, ist inzwischen gegangen. Wie also kommt Ricarda nachher nach Hause? Sie zuckt mit den Schultern. „Wir erleben das immer wieder, diese Beziehungsunfähigkeiten zwischen Eltern und Kindern“, sagt Inge Rehbein. „Da nimmt sich die Mutter einen Teller und isst und guckt nicht, ob ihr Kind was hat.“ Die Mitarbeiterinnen gingen dann mit dem Kind zu dem Tisch, an dem die Mutter esse, und sorgten dafür, dass die beiden gemeinsam äßen. „Aber mit ganz viel Fingerspitzengefühl, damit die Eltern nicht dastehen wie die Idioten.“
Zahlreiche Schulungen haben die Mitarbeiterinnen inzwischen absolviert, sie gehen liebevoll, aber professionell mit ihren Gästen um. „Helfen aus Mitleid passiert bei uns nicht“, sagt Inge Rehbein. „Wir haben feste Regeln und auch eine Abgrenzung für uns, wir wollen nämlich nächste Woche die gleiche Leistung wieder bringen.“
Bevor die Suppenküche schließt, dürfen alle Kinder abgepacktes Essen und Kleidung einstecken. Ricarda langt kräftig zu. Was gibt es bei ihr zu Hause zu essen, wenn nicht gerade Freitag ist? „Wenn ich aus der Schule komme, kommen zwei Frauen und bringen was, oder meine Mutter geht zur Tafel und bringt was mit.“
Aus: "Kinderarmut: Deutschlands Hungerleider" Von Katrin Hummel (F.A.Z, 31. Januar 2007) Quelle: http://www.faz.net/s/RubCD175863466D41BB9A6A93D460B81174/Doc~ED98201EF96604FCA9B4139237C5A2712~ATpl~Ecommon~Scontent.html
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« Reply #57 on: February 01, 2007, 12:51:47 PM » |
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[...] Svenja rollt mit den Augen, "das Thema nervt". Sie kann die Frage nicht mehr hören. Die Frage nach ihrer Arbeit, ihrer Finanzierung, ihrem Lebensgefühl. Zu viel ist schon geschrieben worden. [...] Die Generation Praktikum ist von sich selbst genervt.
[...] Betroffen sind nicht mehr nur die Arbeitsverhältnisse der Praktikanten. Auch befristete Verträge, Teilzeit, Werk- und Honorarverträge, schlecht bezahlte Volontariate und Traineestellen, selbständige Existenzgründungen und Gelegenheitsjobs gehören zu den Bedingungen der Globalisierungskinder. "Standen in den 70er-Jahren noch Wertefragen wie Wohlstand und Selbstverwirklichung im Vordergrund, so ist der Schlüssel heute Unsicherheit." Die Übergangsphase dauere in der Regel drei bis fünf Jahre, "danach finden die meisten ihren Platz". Verpasst man den Anschluss, besteht die Gefahr, den Weg in die Leistungsgesellschaft nicht mehr zu finden.
Längst hat das Globalisierungsrisiko auch etablierte Berufe erfasst. Bei den Juristen stieg die Arbeitslosenzahl von 2000 bis 2004 um fast das Doppelte auf knapp 10.000 Joblose. Die 30-jährige Juristin Juliane aus München schleppt Möbel in ihr Büro. Sie gehört zu denen, die sich lieber selbständig machen, als lange auf den Traumjob zu warten. "Die Mandanten kommen erst langsam zu mir", sagt sie. Leben kann die Rechtsanwältin nicht von ihrer Mini-Kanzlei. "Meine Eltern schießen immer wieder was dazu, damit ich die Rechnungen alle bezahlen kann."
Damit ist sie nicht allein: Laut "Soldan-Gründungsbarometer" können 31 Prozent der jungen Kanzleigründer ihren Lebensunterhalt lediglich mit Einschränkungen bestreiten. Mehr als die Hälfte muss auf Einnahmen zurückgreifen, die nicht aus ihrer Anwaltstätigkeit stammen. Ein Drittel der jungen Rechtsanwälte wählt den Weg in die Selbständigkeit, weitere 11 Prozent arbeiten zunächst als freie Mitarbeiter. Der Anteil der Gründer, die staatliche Fördermittel in Anspruch nehmen, hat sich seit 1997 verdreifacht. Über die Hälfte der Einzelanwälte üben ihre Anwaltstätigkeit in der eigenen Wohnung aus, Tendenz steigend.
Wer die konkrete Situation der westlichen Globalisierungskinder verstehen will, muss eine umfassende politische Analyse vornehmen. Dazu gehören, so Blossfeld, sowohl "Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik als auch die Familienpolitik". Denn die Unsicherheiten der jungen Generation machen an Ressortgrenzen nicht halt: Berufseinsteiger müssen Studienschulden oder künftig -gebühren abbezahlen - und sich gleichzeitig um die Altersvorsorge kümmern; gleichzeitig wird das Kindergeld auf 25 Jahre beschränkt. Die verunsicherten Hochschulabsolventen reagieren auf ihre Situation, indem sie kurzfristiger denken. Langfristig bindende Entscheidungen schieben sie auf, die Jugendphase wird verlängert und der Übergang in das Erwerbsleben verläuft chaotisch. Manche hüpfen von Praktikum zu Praktikum, andere bleiben länger im Bildungssystem. Eine Promotion als Warteschleife ist heute gang und gäbe.
Zunehmend entwickeln sich auch geschlechtsspezifische Strategien im Umgangs mit der Unsicherheit. Männer sind in immer geringerem Maße in der Lage, als "Ernährer" eine langfristige Einkommenssicherheit für den Haushalt zu übernehmen. Sie schieben die Familiengründung auf. Umgekehrt hängt der Wunsch hochqualifizierter Frauen, Kinder zu bekommen, davon ab, dass sie ihre Berufschancen durch Vereinbarkeit von Familie und Beruf wahren können. "Die langfristige Selbstbindung an Kinder übernehmen die meisten erst mit gesichertem Status", beschreibt Blossfeld die Auswirkungen. "Frauen, die mehrere Jahre unsichere Jobs hinter sich haben, überlegen es sich zweimal, ob sie die einmal erreichte berufliche Stellung aufs Spiel setzen möchten." In Deutschland ist der Karriereknick mit Kind Realität. Junge Erwachsene verschieben den Kinderwunsch oder geben ihn sogar ganz auf.
In Italien und Spanien sorgte die "Generation Mille Euro", "die 1.000-Euro-Generation", in den letzten Jahren für Schlagzeilen. Dort, wo die "Insider-Outsider"-Märkte mit am stärksten ausgeprägt und befristete Verträge für Hochschulabsolventen an der Tagesordnung sind, machten junge Aktivisten mit ungewöhnlichen Mitteln auf ihre prekäre Lage aufmerksam. Politisch herausgekommen ist nicht viel: Zwei junge, findige "Precari" haben einen Internet-Roman über das Leben der modernen Tagelöhner initiiert, ihn als Buch verlegt und die Filmrechte verkauft. Die Lockerung des Kündigungsschutzes, die in Frankreich für Empörung sorgte, wurde in Italien ohne größere Proteste in Gesetz gegossen. In Frankreich polterten die Praktikanten so lange durch die Straßen, bis sie eine geplante Regelung zu einer zweijährigen Probezeit für Berufseinsteiger verhindern konnten. Heute ist das Thema verebbt. In Brüssel diskutiert man jetzt das Modewort "Flexisecurity", das seinen Ursprung in den skandinavischen Ländern hat. Flexibilität und Sicherheit sind danach keine unvereinbaren Gegenpole, sondern in Balance zu bringen. Anders als in einigen Nachbarländern steht diese Diskussion hierzulande erst am Anfang.
Dass das Thema Generation Praktikum fachlich und politisch schwer einzuordnen ist, bemerkten auch die deutschen Parlamentarier. Zunächst landete das Thema beim Bildungsministerium, anschließend machte Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) das Thema zur Chefsache, inzwischen ist wieder Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) zuständig. Ihre Partei will erst einmal verlässliche Zahlen, bevor sie weiter debattiert. Bundeskanzlerin Merkel reagiert gereizt, wenn man sie zum Thema befragt.
Die Unsicherheit, mit dem Thema umzugehen, ist gerade bei den jungen Abgeordneten mit Händen zu greifen. "Wenn wir ehrlich sind, wissen wir überhaupt nicht, was wir mit der Generation Praktikum machen sollen", sagt Swen Schulz. Der SPD-Bundestagsabgeordnete ist wenigstens ehrlich. Andere schwanken zwischen der Entschlossenheit, etwas tun zu wollen - und der Unsicherheit, "mit gut gemeinten Gesetzen der Generation Praktikum die letzten Arbeitsplätze wegzunehmen". Die Formel, auf die sich die jungen Parlamentarier einigen könnten, ist wohl die des Grünen Kai Gehring: "Die Generation Praktikum ist kein Medienhype, sondern für Tausende junger Menschen prekäre Realität."
Ein kämpferischer Beitrag der Betroffenen bleibt aus. "Man hofft ja doch immer, dass man einen Job bekommt und sich die ganze Situation auszahlt", erwidert ein junger Berufseinsteiger auf die Frage, warum seine Generation denn nicht auf die Straße gehe und demonstriere. Die Betroffenen begreifen ihren eigenen Weg als individuell. Sich einzugestehen, dass sie Teil eines großen Ganzen sind, würde diesem Verständnis zuwiderlaufen. Wenn ihnen die Generation Praktikum auf die Nerven geht, dann, weil sie sich von ihr distanzieren wollen. Ihr Individualismus verbietet ihnen, eine andere Geschichte zu erzählen.
Aus: "Wir sind alle Praktikanten" Von MELANIE ZERAHN (taz vom 31.1.2007, S. 18, 287 Z. (TAZ-Bericht)) Quelle: http://www.taz.de/pt/2007/01/31/a0231.1/text
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« Reply #58 on: February 06, 2007, 12:50:51 PM » |
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[...] Laut Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) lebt jedes vierte Kind in Südosteuropa in extremer Armut. Berechnungen zufolge stehen ihnen pro Kopf umgerechnet 1,70 Euro pro Tag zur Verfügung. Die Realität sieht freilich noch dramatischer aus. Denn viele Familien haben gar nichts. Die Eltern keine Arbeit, die Kinder keine Chance auf Ausbildung, das Haus keinen Strom und kein Gas, niemand etwas zu essen. Geld für teure Medikamente gibt es schon gar nicht, der Staat ist nicht in der Lage zu helfen.
[...] Die durch den völligen Zusammenbruch sozialer Strukturen hervorgerufene Perspektivlosigkeit treibt jährlich viele junge Menschen ins Ausland. So hat etwa ein Viertel der Bevölkerung Moldawiens die Heimat verlassen, meist mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Dabei werden eine Vielzahl an Mädchen oft Opfer von Menschenhändlern. Der versprochene Job als Kellnerin in Griechenland, Italien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten entpuppt sich meist als Mogelpackung. Brutale Misshandlungen, Prostitution und moderne Sklaverei treiben die jungen Frauen häufig in den Freitod.
[...] "Das Leben auf der Straße ist für die Kinder in diesen Ländern kein Spiel sondern ein täglicher Kampf ums Überleben", appellierte Caritas-Präsident Franz Küberl im Rahmen einer Pressekonferenz in Wien. Und Michael Landau, Direktor der Caritas Wien, die allein in Moldawien 19 Projekte betreut, ergänzte: "Wir handeln heute wirtschaftlich global, politisch multilateral und moralisch-ethisch erstaunlich provinziell. Was Not tut, ist eine Globalisierung des Verantwortungsbewusstseins."
Aus: "Laut Kinderhilfswerk der Unicef: Jedes vierte Kind in Südosteuropa lebt in Armut" (apa/red; networld.at; 02/2007) Quelle: http://www.networld.at/index.html?/articles/0706/10/163670.shtml
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« Last Edit: March 13, 2008, 01:46:42 PM by Textaris(txt*bot) »
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« Reply #59 on: February 06, 2007, 12:56:43 PM » |
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[...] BERLIN Vor "französischen Verhältnissen in den Vorstädten" hat Professor Hubertus Lauer, Vizepräsident des deutschen Kinderschutzbundes, bei einer Podiumsdiskussion zur Kinderarmut in Berlin gewarnt. "Es ist reines Glück, dass es bei uns noch keine Krawalle gibt, Frustration gibt es genug", sagte Lauer.
Zwischen 1,7 und 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland leben nach Schätzungen der Sozialverbände unter der Sozialhilfegrenze – mit steigender Tendenz, wie Oliver Tomaszewski von der Integ-Jugend betonte. Allein in den letzten zehn Jahren habe sich die Zahl nahezu verdoppelt. Mittlerweile wachse jedes siebte Kind in Deutschland in Armut auf.
Über die Ursachen wurde im Podium teilweise erregt debattiert. Der Sozialverband Deutschland machte eine fehlgelenkte Sozialpolitik und insbesondere die Hartz-IV-Reform für steigende Kinderarmut verantwortlich. Marlene Rupprecht, SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der Kinderkommission, widersprach: "Nicht Hartz-IV macht arm, sondern der Arbeitgeber, der entlässt", sagte sie. "Die Höhe der Sozialleistungen ist nicht das Problem. Wir müssen sicherstellen, dass das Geld auch bei den Kindern ankommt", pflichtete Wolfgang Büscher, Pressesprecher des Berliner Hilfswerks "Die Arche" bei. Oft bräuchten die Eltern Hilfe und Anleitung bei der Erziehung.
Heide-Rose Brückner, Bundesgeschäftsführerin des Kinderhilfswerks, warf den Medien vor, Kinderarmut entweder zu verschweigen oder ein verzerrtes Bild zu zeigen. "In Deutschland verhungert kaum ein Kind, aber die psychischen Schäden von Armut sind immens", betonte sie und forderte die Medien auf, das stärker abzubilden.
Darin immerhin war sich das Podium einig: Die sozialen Folgen der Kinderarmut sind immens: gesellschaftliche Ausgrenzung, kaum Zugang zu Bildung und Chancenarmut. Arme Kinder werden häufiger krank und haben eine geringere Lebenserwartung.
Bei den Lösungsansätzen gingen die Meinungen auseinander. Die SPD-Abgeordnete Rupprecht forderte mehr Engagement der Länder, Kreise und Kommunen, für Wolfgang Büscher von der "Arche" ist eine frühe Ganztagsbetreuung gefährdeter Kinder der wichtigste Schlüssel. Hubertus Lauer warnte vor einer falschen Scham im Umgang mit Kinderarmut: "Wenn wir Angst vor Stigmatisierungen haben, können wir den Kindern nicht helfen – mit keinem Geld der Welt."
Aus: "Jedes siebente Kind von Armut betroffen: Die sozialen Folgen sind immens" (05.02.2007) Quelle: http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/10866199/492531/
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