[...] Wie ein Puzzlebild setzten Franks und seine Männer im Central Command (Centcom) alle Details über die Lage im Irak zusammen. Manche Aspekte stammten aus der Luftaufklärung, manche von irakischen Spitzeln im Sold der CIA, wieder andere von der Funkaufklärung, die die irakische Kommunikation abhörte - und einige dieser Puzzlestücke kamen aus Deutschland, vom BND, der mit zwei eigenen Agenten während des Krieges in Bagdad blieb.
Dass die Agenten militärisch nutzbare Informationen geliefert haben, ist mittlerweile unstrittig. Rund 130 Meldungen samt Geo-Koordinaten und zahlreichen Fotos transferierten sie gen Pullach. Von dort ging ein Großteil der Meldungen weiter nach Katar, wo sich Tommy Franks Centcom-Hauptquartier befand und die Meldungen zu Puzzlestücken im Lagebild wurden.
Die Frage ist, wie wichtig diese Puzzlestücke waren.
Glaubt man Tommy Franks, dann waren sie für die Führung des Krieges von erheblichem Gewicht. "Es wäre ein großer Fehler, den Wert der Informationen zu unterschätzen, die die Deutschen geliefert haben", erklärte Franks am Montagabend dem SPIEGEL. "Diese Jungs waren unbezahlbar."
Die CIA hatte zwar mit viel Geld ein paar Dutzend Iraker als Informanten rekrutiert, intern "Rockstars" genannt. Aber Franks und seine Militärs trauten den Einheimischen nicht, und eigene Agenten konnten die Amerikaner nicht nach Bagdad einschleusen. Umso wichtiger waren die beiden BND-Soldaten für die Männer um den Oberbefehlshaber von Centcom.
Franks stützt damit die Aussagen des Zwei-Sterne-Generals James Marks, von Oberst Carol Stewart und rund 20 weiteren US-Militärs, mit denen der SPIEGEL in den vergangenen Wochen über das Material des BND gesprochen hat. Der Tenor ist einhellig: "Wer behauptet, dass diese Meldungen für Kampfhandlungen keine Rolle spielten, lebt auf einem anderen Planeten", sagt Stewart, die während des Irak-Krieges in Franks Aufklärungsstab saß und auch Material aus Pullach auf dem Tisch hatte (SPIEGEL 51/2008). James Marks behauptet sogar, unter anderem wegen der Informationen aus Deutschland sei der Kriegsbeginn vorgezogen worden, die BND-Männer hätten mit ihren Details die Leben amerikanischer Soldaten gerettet.
Und es ist nicht nur Franks, der sich wie seine Kollegen gut an die Zuarbeit aus Deutschland erinnert. "Es wäre Geschichtsfälschung, wenn man abstreiten wollte, dass der BND uns bei militärischen Kampfoperationen während des Krieges half", sagt Marc Garlasco, der bis April 2003 im Pentagon die Einheit für hochwertige Bombenziele im Irak leitete. "Die deutschen Quellenmeldungen waren sehr viel belastbarer und präsenter als der ganze Kram, den wir von den CIA-'Rockstars' bekamen. Die Deutschen waren vertrauenswürdige, professionelle Militärs."
Ihre Informationen, aber auch die von ihnen gemachten Fotos hätten "geholfen, die Anforderungen für unsere Auswahl militärischer Ziele zu erfüllen". Wie Marks kann sich auch Garlasco an diverse Meldungen der Deutschen erinnern, die direkt seine Entscheidungen für die Kriegführung beeinflusst hätten.
Die politische Brisanz erfahren die Aussagen aus Amerika nicht nur durch den weitgehenden Widerspruch zur regierungsoffiziellen Version, dass es sich bei der Bagdad-Mission im Wesentlichen um einen "humanitären Einsatz" gehandelt habe. Natürlich haben die Späher des BND nicht den Krieg gewonnen, sie haben nicht die US-Armee dirigiert oder Raketen gelenkt. Aber ihre Informationen flossen direkt ein in das militärische und geheimdienstliche Lagebild der US-Truppen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Zu diesem Schluss kamen weite Teile des Ausschuss schon vor den Aussagen aus Amerika. "Die beiden Agenten haben erstens eine Fülle von Informationen geliefert, deutlich mehr, als die bisherigen Aussagen der Bundesregierung dazu vermuten ließen", urteilte die "Süddeutsche Zeitung" bereits Anfang September. "Zweitens dienten diese Informationen sehr wohl der Kriegführung der verbündeten Westmächte. Und drittens waren die Erkenntnisse der Agenten für die Operationen der Amerikaner von hohem Wert." Das alte Europa "mischt mit in diesem Krieg", schrieb der "Stern".
"Schon die Beweisaufnahme hat gezeigt, dass Deutschland durchaus eine aktive Rolle im Irak-Krieg spielte", sagt FDP-Obmann Max Stadler. Der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele nennt Frank-Walter Steinmeiers frühere Äußerungen, es habe sich um einem Einsatz mit humanitärem Hintergrund gehandelt, "absoluten Unsinn".
[...] Entsprechend gereizt reagiert die SPD, für die Michael Hartmann den Kanzlerkandidaten als Obmann im Untersuchungsausschuss verteidigen soll. In einer auch für den derben Berliner Politjargon ungewöhnlich grobkörnigen Stellungnahme kanzelte Hartmann die Aussagen von Marks, Stewart und ihrer damaligen Mitarbeiter als "bodenlose Nullnummer", "groben militärischen Unfug" und "infame Irreführung der Bürger", die Einschätzungen würden "wie ein auf Sand gebautes Kartenhaus in sich zusammen" fallen.
[...] Opposition wie SPD sind nun parteiübergreifend einig, die Amerikaner zu all diesen Punkten anzuhören. Es geht um die zweite Seite eines historischen Bildes, das bislang ausschließlich mit deutschem Material gezeichnet wurde und deshalb zwangsläufig einseitig war. Für ein vollständiges Bild braucht der Ausschuss auch die amerikanische Perspektive, die von früheren Verantwortlichen wie Tommy Franks, James Marks, Carol Stewart oder Marc Garlasco beschrieben wird. Sie alle werden wohl als Zeugen geladen.
Der Ausschuss wird dann auch klären müssen, welche Details tatsächlich die US-Auswerter erreichten und auf welchem Weg. Deutsche Geheimdienstler haben mittlerweile eingestanden, dass es auch mündliche Unterrichtungen gab, nicht nur schriftliche. Ex-General Marks, mehrere seiner früheren Mitarbeiter, aber auch der ehemalige Pentagon-Beamte Marc Garlasco wollen sich an diverse Details erinnern können, von denen die SPD annimmt, sie seien vom BND zurückgehalten worden. Die Bundesregierung könnte zur Wahrheitsfindung beitragen und bisher zurückgehaltenes Geheimmaterial freigeben.
Der Versuch, James Marks als "angeblichen Kronzeugen der abgehalfterten Bush-Regierung" zu diffamieren, dem es nur darum gehe, die rot-grüne Bundesregierung mit in die Verantwortung für das Irak-Desaster zu nehmen, ist ohnehin ziemlich zweifelhaft. Der Ex-General gilt in den USA als einer der wichtigsten Zeitzeugen für die Geschehnisse des Irak-Kriegs. Der Watergate-Enthüller Bob Woodward stützt sich in seiner Abrechnung mit der Bush-Administration ("State of Denial") in weiten Passagen auf Marks' Schilderungen.
Marc Garlasco, der Marks' Einschätzung in weiten Teilen bestätigt, taugt für solche Etiketten ebenso wenig. Der ehemalige Pentagon-Mann arbeitet heute für die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.
Aus: "IRAK-KRIEG: US-General Franks lobt BND-Hilfe als "unbezahlbar" (17.12.2008)
Von John Goetz, Marcel Rosenbach und Holger Stark"
Quelle:
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,596969,00.html-.-
http://www.hrw.org/en/bios/marc-garlasco